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Full text of "Der babylonische Talmud in seinen haggadischen Bestandtheilen, wortgetreu übersetzt und durch ..."

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DBB 

BABYLONISCHE TALMUD 

ISSEINEN ^-0<^^lf 

HAeOADISCHEN BESTAmTEEILEN 



WORTGETREU ÜBERSETZT UND DURCH NOTEN 
ERLÄUTERT 



DB. Theol. et Phil. AUG. \\'t)lfSCHE. 

ZWEITER HALBBANÖ. 
1. UTHEILLHa. 




LEIPZIG 
OTTO SCHULZE 

1887. 



OßDINI AMPLISSIMO 

THEOLOGOßUM 

QUI JENENSI IN ACADEMIA EST 

SUMMOPEBE VENEBANDO 

EA 

QÜAE EK TALMUDIS BABYLONICl ORDINE TERTIO 

QUO RES MULIERÜM TRACTANTÜR ELEGIT ET PRIMUS 

IN SERMONEM PATRIÜM TRANSTÜLIT 



PROPTER SÜMMOS IN THEOLOGIA HONORES 

NUPER SIBI DELATOS 



PIO ET GRATO ANIMO 



D. D. D. 



AUCTOR. 



VOKWORT. 



Mit dieser ersten Abtheilang des zweiten Halbbandes tritt die 
erstmalige Yerdeutschnng der haggadischen Bestandtheile der dritten 
Ordnung des babylonischen Talmuds den Weg in die Oeffentlichkeit 
an. Die Ordnung fahrt den Titel: b'^^s "inD und handelt von den 
Frauenangelegenheiten. In sieben Tractaten werden alle Rechts- 
verhältnisse des Weibes während des zweiten jüdischen Staatslebens 
auf das eingehendste erörtert. Das Weib wird in seinen wichtig- 
sten Lebensphasen als Jungfrau, Braut, Vermählte, Geschiedene und 
Wittwe betrachtet, und ein grosser Kreis von Pflichten und Ob- 
liegenheiten um sie gezogen. Der Hauptinhalt der einzelnen Tractate 
ist folgender: Jebamoth handelt von der Levirats- oder Schwager- 
ehe, Kethuboth von den Ehepacten, Kidduschin von den Yerlobungs- 
und Yerehelichungsangelegenheiten, Gittin von den Scheidungen, Ne- 
darim von den Gelübden, Nasir von den Nasiräatsbestimmungen und 
Sota von dem des Ehebruchs verdächtigen Weibe. Der Tractat 
Nedarim gehört eigentlich nur insofern in diese Ordnung, als das 
Weib, sei es als Jungfrau, oder als Yerheirathcte, Gelübde thut, und 
dem Vater oder dem Gemahl nach Num. 30, 2 — 16 das Recht zu- 
steht, gewisse von diesen Gelübden für ungiltig zu erklären, allein 
um den Tractat nicht in zwei Hälften zu zerreissen, sind auch die 
Normen der auf das männliche Geschlecht bezüglichen Gelübde mit 
erörtert worden. Das Gleiche findet hinsichtlich des Tractates 
Nasir statt Eine besondere Beachtung verdient der Tractat Sota. 



VI Vorwort. 

Einmal wird uns dario das Gerichtsverfahren gegen das des Ehe- 
bruchs verdächtige Weib in seinem ganzen Vollzüge vor Augen ge- 
führt, sodann erfahren wir Näheres über den auf Deut. 21, 1—9 
beruhenden Gebrauch seitens der Aeltesten einer Stadt, einem 
Kalbe an der Stelle, wo ein Erschlagener gefunden wurde, und der 
Mörder nicht bekannt war, zur Sühne der Bewohner des Ortes, das 
Genick zu brechen; endlich sind die Beut. 20, 1 — 9 auf den ge- 
salbten Feldpriester bezüglichen Bestimmungen, nach denen er ver- 
pflichtet war, bei einem Auszuge zum Kriege alle diejenigen, welche 
entweder einen Weinberg gepflanzt und noch nicht die erste Lese 
gehalten, oder ein Haus gebaut und es noch nicht bezogen, oder 
sich verlobt und noch nicht geheirathet hatten, oder angesichts der 
drohenden Gefahr den Muth verloren, zur Rückkehr nach Hause 
aufzufordern, durch verschiedene Beispiele erläutert Die Aufein- 
anderfolge der beiden Tractate Nasir und Sota hat nach rabbini- 
scher Auffassung einmal darin ihren Grund, dass beide Abschnitte 
im Pentateuch beieinander stehen, die Vorschriften über das des 
Ehebruchs verdächtige Weib Num. 5, 11 — 31 und die über den 
Nasiräer Num. 6, 1 — 21 aufgezeichnet sind, das anderemal darin, 
dass der Anblick eines solchen wegen Ehebruchs angeklagten Weibes 
in seiner Schande in jedem den Entschluss zur Reife bringt, sich 
der Enthaltsamkeit zu befleissigen, und ein Nasiräer zu werden. 

Es sind in dieser Abtheilung fast sämmtliche Haggada's der 
sieben Tractate, wie sie die bekannte Sammlung des Buches ^En 
Jacob bietet, nach ihrem ganzen Umfange aufgenommen worden, 
ausserdem ist noch manches Stück hinzugetreten, das nicht in jener 
Sammlung steht, das aber durch missverständliche Deutung in den 
letzten Jahren viel Aergerniss gegeben hat 

Hinsichtlich der Correctheit der Uebertragung wird wohl allen 
Ansprüchen Genüge geleistet worden sein, da Herr Dr. Hoffinann, 
Docent am Babbinerseminar zu Berlin, die Güte gehabt hat, von 
jedem Druckbogen stets eine Correctur zu lesen und alle das Original 
nicht deckenden Ausdrücke und Bedewendungen richtig zu stellen. 



Vorwort. Vit 

Ich spreche diesem Herrn für seine freundliche and fördernde 
Unterstützang meines Unternehmens hiermit öffentlich meinen Dank 
aas. Ausserdem sandte ich dem Herrn Bahbiner Dr. Low in Szegedin 
eine Correctar zur Barchsicht and ich schulde auch ihm für seine 
Verbesserungen herzlichen Dank. Sollten trotz der aufgewandten 
Sorgfalt sich doch noch hier und da kleine Mängel in der Ueber- 
tragung finden, so nehme ich das alte Wort für mich in Anspruch: 
vn nVd rm '^S'^icir '^5'^NiD'' ^an tn^^ '^n'^attD dn. 

Da von den Haggada's des Seder Naschim bis jetzt nur We- 
niges — ausgenommen ist die WagenseiVsche lateinische Ueber- 
setzung des Sota — in deutscher Uebersetzung publicirt worden ist, 
so hoffen wir, mit der Veröffentlichung dieser Abtheilung vielen 
christlichen Gelehrten in und ausser Deutschland einen wesentlichen 
Beitrag zur Kenntniss des Talmud geliefert zu haben. 

Mit der Beigabe von Noten musste auch diesmal äusserst spar- 
sam verfahren werden, da der Text selbst zu viel Raum in Anspruch 
nimmt, und durch die vorgenommenen Erweiterungen der ursprüng- 
lich geplante Umfang des Werkes schon erheblich überschritten ist. 
Die geehrten Herren Recensenten werden diesen Umstand sicher 
entschuldigen, wenn sie in Erwägung ziehen, dass es sich nicht um 
eine Auslegung des talmudischen Textes, sondern nur um eine ver- 
ständnissvolle wortgetreue Uebertragung desselben handelt. Uebrigens 
hat da, wo ein völliges Verständniss des Sinnes durch die Ueber- 
tragung nicht erzielt werden konnte, allenthalben eine erläuternde 
Note ihre Stelle gefunden. 

Was den ersten Halbband anlangt, so bemerken wir schliess- 
lich, dass eine Aufführung der darin vorhandenen Versehen aus 
räumlichen Gründen unmöglich ist, es sei daher hier aufmerksam ge- 
macht auf die eingehenden Besprechungen des Prof. Dr. Strack im 
Theolog. Litteraturblatte 1886, No.4, ferner des Prof. Dr.W. Bacher 
in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums, 
herausgegeben von Frankel, fortgesetzt von Grätz und Frankel, 
35. Jahrgang, Februar- und Märzheft, endlich des Dr. Hoffmann 



VIII Vorwort. 

Id der Deutschen Ldtteratorzeitimg, herausgegeben von Fresenius, 
7. Jahrgang No. 31. 

Vielleicht fflgt es ein glücklicher Stern, dass bald ein Neu- 
druck jenes Bandes erfolgt, der nicht nur die Fehler entfernt, son- 
dern auch die erforderlichen Erweiterungen bezüglich der Tractate 
Schabbath, Erubin, Joma u. s. w. bringt. 

Dresden, den 1. September 1886. 

Der Verfasser. 



c. 

SEDEE NASCHIM 

HAxNDELT 

VON DEN FRAUEN 

UND UMFASST 7 TRACTATE. 



IT ans che, Der babyloniiche Talmud. 



I. TßACTAT JEBAMOTH 

ODER 

YON DER VERHEIRATHUNG MIT DER VERWITTWETEN 

KINDERLOSEN SCHWÄGERIN. ^) 



1. (Fol. 4a.) R. Eleasar hat gesagt: Woher lässt sich die 
Erforschung nahe beieinander stehender (angelehnter) Stellen aus 
der Thora (Bibel) beweisen? Aus Ps. 111, 8: „Nahe (beieinander- 
stehend) für ewig und immer, gemacht in Treue und Redlichkeif 

2. (FoL Gab.) Wir haben die Lehre: Es heisst Lev. 19, 3: 



^) Dieser aus 16 Capiteln bestehende Tractat handelt Iiauptsüclilicli von 
der Verehelichung der kinderlosen Wittwe eines Bruders, fjewölinlich Levu'ats- 
ehe (Schwagcrelie) genannt, mit Hinzuziehung des Ausweges durch Chaliza, 
(mt^Sn, das Schuhausziehen) im Weigerungsfalle. Die darauf bezugliclic Vor- 
schrift im Pentateuch ist Deut. 25, 5. Hinterliess der Verstorbene melirere 
Frauen oder mehrere Brüder, so bcti*af diese Pfliclit nur eine der Frauen oder 
einen der Bräder, die iibrigen waren von derselben befreit. Konnte wegen 
anderweit entgegenstehender Gesetze eine solche Eheliciinng nicht vollzogen 
\iTi*dcn, so horte sogleich die ganze Verbindlichkeit auf und das Gesetz fand keine 
Anwendung-, selbst die Ceremonie der Chaliza fiel dann mitunter fort. Ausserdem 
werden in dem Tractate die Ehehindemisse z. B. die zu nahen Verwandtschafts- 
grade behandelt, welche den Vollzug der Leviratsehe nicht gestatten. Der 
Tractat beginnt mit den Worten: 15 Kategorien von Frauen befreien ihre Neben- 
frauen von der Chaliza (dem Schuhausziehen) und dem Jibbum (Schwagerehe) bis ans 
Ende der Welt, nämlich seine Tochter, seiner Tochter Tochter, seines Sohnes 
Tochter, seiner Frau Tochter, ihres Sohnes Tochter, ihrer Tochter Tochter, seine 
Schwiegermutter, die Mutter seiner Schwiegermutter, die Mutter seines Schwieger- 
vaters, seine Schwester von mutterlicher Seite, seiner Mutter Schwester, seiner 
Frau Schwester, die Frau seines Binders von mQtterlicher Seite, die Frau des 
Bniders, mit dem er nicht zu gleicher Zeit gelebt (d. h. er wurde ei-st nach dem 
Tode des Brudei*s geboren), seine Schwiegertochter. 

1* 



4 I. Tractat Jebamoth. 

„Jeder fürchte seine Mutter und seinen Vater," so könnte ich 
glauben, dass, wenn der Vater (der dem Priesterstande angehört) 
zu ihm (seinem Sohne) spricht: Verunreinige dlch!^) oder: Gieb 
(das Gefundene) nicht zurück! dieser ihm Folge leisten müsse? 
Darum heisst es das.: „Jeder fürchte seinen Vater und seine Mutter 
und meine Sabbathe sollt ihr beobachten" d. i. ihr alle seid mir Ehr- 
furcht schuldig. Ich könnte glauben, dass der Tempelbau die Sab- 
bathfeier verdränge; darum heisst es das. V. 30: „Meine Sabbathe 
sollt ihr beobachten und mein Heiligthum ("»cnp?:) fürchten" d. i. 
ihr alle seid mir Ehrfurcht schuldig. Es könnte ein Mensch 
sich nur vor dem üeiligthum fürchten; darum heisst es: „Meine 
Sabbatlie sollt ihr beobachten und mein Heiligthum fürchten" 
d. i. sowie du dich nicht vor dem Sabbath fürchten sollst, sondern 
vor dem, der dich in Betreff dessen verwarnt hat, so sollst du dich 
auch nicht vor dem Heiligthum fürchten, sondern vor dem, der dich 
in Betreff dessen verwarnt hat Worin besteht die Furcht vor dem 
Heiligthum? Der Mensch betrete nicht den Tempelbcrg mit seinem 
Stocke, seinem Schuhe, seinem Geldbeutel (Funda) und mit Staub auf 
seinen Füssen; er mache es nicht zu einem Durchgänge^) und speie dort 
nicht aus. Da könnte ich glauben, dass das nur der Fall war zur 
Zeit, wo das Heiligthum bestand, woher lässt sich beweisen, dass 
das aucli der Fall ist zu der Zeit, wo das Heiligthum nicht mehr 
besteht? Weil es heisst: „Meine Sabbathe sollt ihr beobachten und 
mein Heiligthum fürchten." Wie das Beobachten des Sabbaths ewig 
ist (dauernde Geltung liat), so ist auch die Furcht vor dem Heilig- 
thum ewig. 

3. (Fol. 14 b.) Obgleich die Schulen Schammai's und Hillel's 
(in eherechtlichen Fragen) verschiedener Meinung waren, so gingen 
sie doch eheliche Verbindungen mit einander ein, um dir zu lehren, 
dass sie Liebe und Freundschaft einander bewiesen, um zu halten, 
was geschrieben steht Sach. 8, 19: „Und liebet Wahrheit und Frieden." 

4. (Fol. 15 b.) Man fragte den R. Josua: Darf man an der 
Nebenfrau der Tochter die Leviratsehe vollziehen? Dieser ant- 
wortete ihnen: Das ist der Streit der Schule Schammai's und der 
Schule Hillers. Frage: Nach wessen Worten (Meinung) ist die Regel 
(Halacha)? Da sprach er zu ihnen: Ihr wollt meinen Kopf zwischen 



*) All einem Todleii. 

') Um dadurch seineu Weg abzukürzen. 



I. Tractat Jebamoth. 5 

zwei grosse Berge bringen, zwischen die beiden grossen Streitig- 
keiten der Schale Schammai's und der Schale Hillers, ich fürchte, 
dass sie vielleicht meinen Schädel zerschmettern; jedoch ich be- 
zenge euch hinsichtlich zweier grosser Familien, die in Jerusalem 
waren, die eine Familie war das Haus Achmai Ton Beth Zebuim 
(von der Werkstätte der Färber) und die andere Familie war das 
Haus Euppai von dem Sohne Mekoschesch, dieselben waren Kinder 
von Nebenfrauen und von ihnen sind Hohepriester hervorgegangen, 
welche den Altardienst versehen haben. 

6. (Fol. 16 a.) In den Tagen des R. Dosa ben Horkinas wurde 
die Nebenfrau der Tochter den Brüdern gestattet. Die Sache aber 
war den Weisen (Gelehrten) verdriesslich (eig. schwer), weil er (R. 
Dosa) ein grosser Weiser (Gelehrter) und weil er blind war, so dass 
er nicht in das Lehrhaus kommen konnte. Da sprachen sie: Wer wird 
hingehen und es ihm kund thun?^) Da sprach R. Josua: Ich will 
hingehen. Wer nach ihm? R. Eleasar ben Asarja. Und wer nach 
diesem? R. Akiba. Sie gingen (alle drei) und stellten sich an die 
Thür seines Hauses. Da ging seine Magd hinein und sprach zu 
ihm: Rabbi, die Weisen Israels sind zu dir gekommen. Da sprach 
er zu ihr: Sie sollen hereinkommen. Sie gingen hinein. Da nahm 
(ergrifif) er den R. Josua und setzte ihn auf ein goldenes Bett 
(Polster). Er sprach zu ihm (R. Dosa): Rabbi, sage deinem anderen 
Schüler, dass er sich auch setze. Da fragte dieser: Wer ist es? 
R. Josua antwortete ihm: Es ist R. Eleasar ben Asarja. Da sprach 
R. Dosa: Unser Genosse Ben Asarja hat einen Sohn und er wandte 
auf ihn den Vers an Ps. 37, 25: „Jung war ich, bin auch alt ge- 
worden, aber nie sah ich einen Gerechten verlassen und seinen 
Samen um Brod bitten/' Da nahm er ihn und setzte ihn eben- 
falls auf ein goldenes Bett. Hierauf sprach R. Josua zu R. Dosa: 
Rabbi, sage deinem dritten (anderen) Schüler, dass er sich auch 
setze. Er fragte: Wer ist derselbe? R. Josua antwortete: Akiba 
ben Joseph. Da sprach R. Dosa: Du bist es, Akiba ben Joseph, 
dessen Name von einem Ende der Welt bis zum andern geht. 
Setze dich, mein Sohn, setze dich! möchte es solche wie du viele 
in Israel geben! Er wandte auf ihn den Vers an Eoh. 7, 1: „Guter 
Name ist besser als gutes Oel.'* Hierauf fingen sie an sich zu 
unterhalten über Gesetzesnormen, bis sie zu der von der Nebenfrau 



') Dass die Sache den Gelehrten verdriesslich ist. 



g J. Tractat Jebamoth. 

der Tochter gelangten. Da fragten sie ihn: Wie ist die Regel 
betreffs der Nebenfrau der Tochter? R. Dosa antwortete: Das ist 
der Streit zwischen der Schule Schammai's und der Schule Hillers. 
Frage: Nach wessen Worten (Meinung) aber ist die Regel? Er 
sprach zu ihnen: Die Regel ist nach der Schule Hillers. Da 
sprachen sie zu ihm: Man hat uns doch von deinetwegen gesagt, 
dass die Halacha wie die Schule Schammai's sei.^) Da fragte er 
sie: Dosa, habt ihr es gehört, oder: BenHorkinas, habt ihr es gehört, 
(sagt, ob die Regel sei, wie die Schule Schammai's gesagt hat)? Sie 
antworten ihm: So wahr Rabbi lebt! wir haben es unbestimmt ge- 
hört.^) R. Dosa sprach zu ihnen: Ich habe einen Bruder, der 
jünger ist, als ich, er ist der Erstgeborne als Widersacher,*) Jo- 
nathan ist sein Name, er gehört zu den Schülern Schammai's, nehmt 
euch in Acht vor ihm, dass er euch nicht mit Gesetzesnormen 
(Halachoth) in Verlegenheit setzt (ausrottet), denn er hat 300 Ant- 
worten betreffs der Nebenfrau der Tochter, dass sie (den Brüdern) 
gestattet ist, jedoch ich bezeuge bei Himmel und Erde, dass auf 
diesem Sessel der Prophet Chaggai sass und drei Dinge gesagt hat, 
nämlich dass die Nebenfrau der Tochter (den Brüdern) verboten ist, 
Ammon und Moab geben den Armenzehnten im Erlassjahr, und man 
nimmt Proselyten von den Earduensem und Tadmorensern an. 

Es ist gelehrt worden: Als sie (die drei Tannaim zu R. Dosa) 
kamen, gingen sie durch eine Thflr, als sie aber herausgingen, 
gingen sie durch drei Thüren hinaus. Da begegnete Jonathan (der 
Bruder des R. Dosa) dem R. Akiba und richtete an ihn schwere 
Fragen, und dieser wusste sie nicht zu beantworten. Da sprach 
Jonathan zu ihm: Du bist Akiba, dessen Name von einem Ende 
der Welt bis zum andern geht Heil dir, dass du den Namen er- 
langt hast, du bist aber noch nicht zu einem Rinderhirten gelangt. 
Da antwortete ihm R. Akiba: Nicht einmal zu einem Schafhirten. 

6. (Fol. 16b.) R. Jochanan und die alten Leute sagen: Die 
Froseljten von den Tadmorensern^) werden nicht in das Judenthum 
aufgenommen. Darüber sind R. Jochanan und die alten Leute ver- 



*) Man hat uns docli gesagt, dass du gesagt liabest, die Regel sei, wie 
die Schule Scliammai's gelehrt. 

•) Wir haben gehört: Ben Horkinas sagt, die Regel ist, wie die Schule 
Schammai's gelehrt, da liaben wir geglaubt, du habest es gesagt. 

^) Ein heftig Disputirender. 

*) S. 1 Reg, 9, 18. 



I. Tractat Jebamotli. 'J 

schiedeDer Meinung. Nach dem einen geschieht es deshalb, weil 
sie Knechte Salomos sind, nach dem andern dagegen geschieht es 
wegen der Töchter Jerusalems. Nach dem, welcher sagt, dass es 
deshalb geschieht, weil sie Knechte Salomos sind, ist es richtig, 
denn wenn ein Cuthäer oder ein Knecht (Sclave) die Tochter 
eines Israeliten beschläft, so bringt sie einen Bastard zur Welt 
Aber nach dem, welcher sagt, dass es wegen der Töchter Jerusa- 
lems geschieht, was bedeutet dies? Darüber sind wieder Rab Joseph 
und Rah Kahana und beide wieder im Namen des Rabba bar bar 
Ghana verschiedener Meinung. Der eine sagt: Es waren 12 000 Mann 
und 6000 Bogenschützen,^) der andere sagt: Es waren 12 000 Mann, 
wovon 6000 Bogenschützen waren. In der Stunde nämlich, wo die 
Fremden in das Heiligthum eindrangen, fielen alle über das Silber und 
Gold her, sie (die Tadmorenser) aber über die Töchter Jerusalems, wie 
es heisst Thren. 5,11: „Weiber in Zion bezwangen sie, Jungfrauen in 
den Städten Jehudas.'' Nach R. Samuel bar Nachmani hat R. Jonathan 
gesagt: Den Vers Ps. 37, 25: „Jung war ich, bin auch alt geworden,'' 
hat der Fürst der Welt gesagt. Vom Heiligen, gebenedeiet sei erl 
kann er nicht herrühren, denn vor ihm giebt es kein Altwerden. 
Von David kann er auch nicht herrühren, denn er ist nicht so alt 
geworden. Daraus geht hervor, dass ihn nur der Fürst der Welt^) 
gesagt hat. Nach R. Samuel bar Nachmani hat R. Jonathan ferner 
gesagt: Was heisst das, was geschrieben steht Thren. 1, 10: „Seine 
Hand breitet der Feind aus über alle ihre Herrlichkeiten?'' Das 
ist Ammon und Moab. In der Stunde nämlich, wo die Fremden 
in das Heiligthum eindrangen, fielen alle über das Silber und Gold 
her, sie aber über das Buch der Thora, sie sprachen: Diese ist es, in der 
geschrieben steht Deut. 23,4: „Es soll kein Ammoniter und Moabiter 
in die Gemeinde des Ewigen kommen," sie soll mit Feuer verbrannt 
werden s. Thren. 1, 17: „Entboten hat der Ewige gegen Jacob 
ringsum seine Widersacher." Rab hat gesagt: Wie z. B. Humania 
gegen Pum Nahara.') 

7. (Fol. 20 a.) Warum heisst man sie (die von den Weisen 
verbotenen Ehen) Heiligkeits- Verbote? Abaji hat gesagt: Wer die 
Vorschriften (Worte) der Weisen (Gelehrten) hält, heisst ein Heiliger. 



^) Also zusammen 18000. 
«) Der Engel. Raschi. 

') In Humania wohnten Heiden und sie bedrängten die Bewohner von Pum 
Nahara, die arme Israeliten waren. 



8 I. Tractat Jebamotb. 

Da sprach Raba zu ihm: Wer die Vorschriften der Weisen nicht 
hält, ist also blos kein Heiliger, wird er denn nicht sogar ein 
Frevler genannt? Allein Raba hat so gesagt: (Deshalb heissen sie 
Heiligkeits- Verbote, weil sie gebieten:) Enthalte dich (eig. heilige 
dich) auch von dem, was dir (nach der Thora) erlaubt ist 

8. (Fol. 21b.) Bab Chisda hat gesagt: Die Chaldäer (Astro- 
logen) sprachen einst zu mir: Da wirst einst ein K3!:V?2^) werden! 
Da dachte ich bei mir: Soll das vielleicht bedeuten, dass ich ein 
grosser Mann (m^ N^na) werden werde, dann könnte ich die 
Halacha des R. Ammi durch eigenes Wissen (Forschen) klar stellen; 
oder soll es vielleicht bedeuten, dass ich ein Bibellehrer der 
Jugend^) werden werde, dann würde ich zur Klarstellung jener 
Halacha die Babbinen, welche das Lehrhaus besuchen, befragen. 

9. (Fol. 22a.) Im Abendlande*) wurde gefragt: Sind die zwei- 
ten Glieder (Geschlechter)*) bei den Proselyten verboten, oder nicht? 
Antw.: Wenn sie (die Babbinen) ihnen schon die Erwah'^) selbst 
nur deshalb verboten haben, damit sie nicht sagen: Wir sind aua 
einer schweren in eine leichtere Heiligkeit gekommen, so ist selbst- 
verständlich das zweite Glied (Geschlecht) nicht verboten. 

Bab Nachman hat gesagt: Da die Proselyten in unsere Hand ge- 
kommen sind (d. h. da wir gerade von den Proselyten handeln), so 
wollen wir über sie etwas sagen, nämlich: Brüder von der Mutter 
können (wenn es Proselyten sind) nicht Zeugniss ablegen,®) haben sie 
es aber gethan, so ist ihr Zeugniss giltig. Dagegen die Brüder vom 
Vater her können sogleich (wenn es Proselyten sind) Zeugniss ab- 
legen.'') Amemar hat gesagt: Selbst Brüder von der Mutter her 

^) K^fiSo iBt entweder ein Hauptlehrer, ein gi'osser Gelehrter, oder ein 
Kinderlehrer. 

•) Also kein grosser Gelehrter. 

') Gemeint ist Palästina. 

*) Die weiteren Verwandtschaftsstufen nach oben und nach unten, z. B. 
die im Pentateucli verbotene Ehe mit der Tochter und mit der Mutter wird hier 
dadurch erweitert, dass sie auch auf die Enkelin und die Grossmutter ausgedehnt 
wird. 

*) D. i. eine wegen Bhitsverwandtschaft zur Ehe verbotene Frau. 

*) Das Zeugniss zweier Blutsverwandter ist unzulässig; „Söhne deraelben 
Motter sind aber untei* allen Umständen Blutsverwandte, also gilt in dem Falle 
dies Verbot auch bei den Proselyten, bei*denen sonst von Verwandtschaft niclit 
die Rede ist.'* 

') „Da die wirkliche Blutsverwandtschaft zwisclien Söhnen desselben Vatera 
nur bei festen israelitischen Ehen ohne Weiteres iu prasumiren ist." 



I. Tractat Jebamoth. 9 

dürfen sogleich Zengniss ablegen.^) Und was ist eben für ein 
Unterschied zwischen den beiden Fällen (den Ehehindemissen und 
dem Zeugniss bei Proselyten, die untereinander verwandt sind)? Die 
Benrtheilung der verbotenen Verwandtschaftsgrade ist jederman frei- 
gegeben; die Beurtheilnng des Zeugnisses aber ist (nur) dem Ge- 
richtshof anheimgegeben, und (der weiss, dass) ein Proselyt, welcher 
ins Judenthum aufgenommen worden, wie ein neugcbornes Kind gilt^) 

10. (Fol. 22 b.) Was macht R. Josse bar Jehuda mit den 
Worten Lev. 18, 11: „Die Tochter von dem Weibe deines Vaters 
(aus einer andern Ehe ist für die fleischliche Berührung verboten)?** 
Das lehrt nach ihm, dass nur dem Weibe, mit dem dein Vater in 
Ehe gelebt hat (die Tochter verboten ist), also ist ausgenommen 
seine Schwester^) von einer Sclavin und einer NichtJüdin (Nochrith), 
denn mit der hatte dein Vater keine wahre Ehe. 

11. (Fol 24b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Proselyten wer- 
den zur Messiaszeit (in den Tagen des Messias) nicht aufgenommen,^) 
ebenso wie man auch zur Zeit (in den Tagen) Davids und zur 
Zeit (in den Tagen) Salomos keine aufgenommen hat. R. Eleasar 
hat gesagt: Welcher Schriftvers lehrt dies? Antw.: Jes. 54, 15: 
biD-» T^by ^PN 15 "^73 •^mN73 ocn na-» na p. Nur wer sich (in 
deinem Elende) dir anschliesst, der fällt dir zu (der theilt ein 
gleiches Loos mit dir), aber andere Proselyten wird man nicht an- 
nehmen. 

12. (Fol. 37 b.) Es ist gelehrt worden: R. Elieser ben Jacob 
hat gesagt: Der Mensch heirathe nicht sein Weib mit der Ab- 
sicht, sich von ihm zu scheiden, weil es heisst Prov. 3, 29: 
„Schmiede nichts Böses gegen deinen Nächsten, der unbesorgt bei 
dir wohnt." 



^) „Nach dieser Ansiclit gilt der Satz, dass ein Proselyt gar keine Ver- 
wandtscliaft liat, aucli für die Ablegung des Zeugnisses unbedingt." 

•; „In Bezug auf Eheverbote herrschen absolute Normen; über die Zu- 
lassung von Zeugen aber entsclieidet der Gerichtshof, der practische Rücksichten 
nehmen kann und weiss, dass eventuell die Nichtbeachtung der Verwandtschafts- 
verhältnisse bei Proselyten als Zeugen keinen Präcedenzfall für Israeliten bildet." 

8) „In dem Bibelvers heisst es ausdrücklich von der (für die Ehe ver- 
botenen) Tochter der Frau des Vaters (also gewissermasseu Tochter der Stief- 
mutter): „sie ist seine Schwester." 

*) Weil man besorgte, dass sie nicht aus Hingebung für die judische 
Religion, sondern wegen des glücklichen Zustandes Israels sich bekehren 
möchten. 



10 I. Tractat Jebamotli. 

13. (Fol. 39 b.) Die Verpflichtung zum Jibbum (d. i. zum Voll- 
zug der Leviratsehe) geht der Verpflichtung zur Chaliza (der Gera- 
monie des Schuhausziehens) voran. Dies galt jedoch blos in alter 
Zeit, als man diese Ehe lediglich für eine Pflicht betrachtete; je|izt 
aber, wo man dieselbe nicht für eine Pflicht betrachtet,^) hat man 
bestinmit, dass die Pflicht der Chaliza der Pflicht des Jibbum vor- 
angeht 

14. (Fol. 46a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: (Wie verhält 
es sich mit einem) Proselyten, der sich beschnitten, aber nicht 
untergetaucht hat? B. Elieser sagte: Siehe, er ist ein Proselyt, 
denn so finden wir es bei unseren Vätern, die sich (bei ihrem Aus« 
zuge aus Aegypten) beschnitten, aber nicht untergetaucht haben. 
(Wie ist es denn aber, wenn er sich untergetaucht, aber nicht 
beschnitten hat? R. Josua sagte: Siehe, er ist ein Proselyt, denn 
60 finden wir es bei unseren Müttern, die sich untergetaucht, aber 
nicht beschnitten haben. Die Weisen (Gelehrten) aber sagen: Wenn 
ein Proselyt sich untergetaucht, aber nicht beschnitten, oder wenn 
er sich beschnitten, aber nicht untergetaucht hat, so ist er nicht 
eher ein Proselyt, bis er sich beschneiden und untertauchen wird. 

16. (Fol. 46bu.47a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Wenn 
einer kommt und spricht: Ich bin ein Proselyt, da könnte ich glauben, 
dass man ihn aufnehmen soll? Daher heisst es Jes. 54, 15: „^dk, 
mit dir*' d. i. dass du es gewiss weisst. Wenn aber einer kommt 
and Zeugen bei sich hat,^) woher (lässt sich beweisen, dass er be- 
glaubt ist)? Weil es heisst Lev. 19, 33: „Und wenn bei dir wohnt 
ein Proselyt (G^r)." Weiter heisst es das.: „In eurem Lande." 
Da weiss ich eben nur, dass dies im Lande Israel so ist, woher 
lässt sich beweisen, dass dies auch vom Auslande gilt? Weil es 
heisst: „"^n«, bei dir" d. i. überall (an jedem Orte), wo er bei dir 
ist (wohnt). Wozu steht aber das Wort: „yiNn, im Lande (Israel)?" 
Antw.: Im Lande Israel muss er Zeugen bringen, im Auslande aber 
braucht er keine Zeugen zu bringen (dass er ein Proselyt ist). Das sind 
die Worte (ist die Meinung) des R. Jehuda. Die Weisen (Gelehrten) 
aber sagen: Mag es im Lande Israel oder im Auslande sein, er 
muss Zeugen beibringen.^) 



*) Weil man mehr Nebem'ucksichten wie z. B. Scliönheit, Reichtlium 
u. dergl. walten lässt. 

^) Welche von ihm aussagen, dass er sich zum Judenthume bekehrt hat. 
') Ohne Zeugen glaubt man ihm nicht. 



I. Tractat Jebamoth. H 

16. (FoL 47a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Es heisst 
Deut 1, 16: „Und richtet mit Gerechtigkeit zwischen einem Manne 
und seinem Bruder und seinem Proselyten (G6r)." Von hier hat R. 
Jehuda gesagt: Ein Proselyt, welcher sich zum Judenthum bekehrt 
hat vor dem Gerichtshofe, siehe, der ist ein Proselyt, wer sich aber 
für sich allein zum Judenthum bekehrt hat, der ist kein Proselyt. 
Es begab sich einmal, dass ein Mensch vor R. Jehuda erschien 
upd zu ihm sprach: Ich habe mich für mich allein zum Judenthum 
bekehrt. Da fragte ihn R. Jehuda: Hast du Zeugen? Er antwortete: 
Nein! Darauf fragte er ihn: Hast du Kinder? Er antwortete: Ja! 
Da sprach R. Jehuda zu ihm: Du bist beglaubt, dich selbst un- 
brauchbar zu machen, aber du bist nicht beglaubt, deine Kinder 
unbrauchbar zu machen. 

17. (Fol 47^b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Zu dem Prose- 
lyten, der in dieser Zeit in das Judenthum aufgenommen sein will, 
spricht man: Was beabsichtigst du, dass du in das Judenthum auf- 
genommen sein willst? Weisst du nicht, dass die Israeliten in 
dieser Zeit bekümmert, bedr&ngt, Verstössen, verwirrt und mit 
Leiden überhäuft sind? Spricht er: Ich weiss es und ich bin es 
nicht werth, so nimmt man ihn sofort auf und macht ihn mit einem 
Theile der leichten und mit einem Theile der schweren Vorschriften 
bekannt; femer macht man ihn bekannt mit der Sünde betreffs der 
Kachlese, der vergessenen Garbe, des Eckstückes (Ackerwinkels) und 
des Armenzehnten; sodann macht man ihn bekannt mit den Strafen 
der Vorschriften, indem man zu ihm spricht: Wisse, so lange du nicht 
zu dieser Eigenschaft (zu diesem Masze) kamst, würdest du, wenn du 
Unschlitt gegessen, nicht mit Ausrottung bestraft, ebenso würdest du, 
wenn du denSabbath entweiht, nicht mit Steinigung bestraft worden sein. 
Jetzt aber, wenn du Unschlitt gegessen, wirst du mit Ausrottung, und 
wenn du den Sabbath entweiht, wirst du mit Steinigung bestraft. Wie 
man ihn aber mit den Strafen der Vorschriften bekannt macht, so macht 
man ihn auch mit dem Lohne derselben bekannt. Man spricht zu 
ihm: Wisse, dass die zukünftige Welt nur für die Gerechten bereitet 
(gemacht) ist, und die Israeliten können in dieser Zeit weder viel 
Gutes, noch viel Uebles (viele Strafen) ertragen (auf sich nehmen). 
Mehr aber setzt man ihm nicht zu und genauer legt man es ihm 
nicht dar. 

18. (Fol. 47b.) Der Autor hat gesagt: Zu dem Proselyten, der 
in dieser Zeit) in das Judenthum aufgenommen sein will, spricht 



12 I. Tractat Jebamotli. 

man: Was beabsichtigst (siehst) da, dass du ins Judenthnm aufge- 
nommen werden willst? Man macht ihn darauf bekannt mit einem 
Theile der leichten und mit einem Theile der schweren Vorschrif- 
ten. Warum? Vielleicht wird er von seinem Vorsatze abgebracht; 
denn R. Chelbo hat gesagt: Proselyten sind den Israeliten so 
schädlich wie der Aussatz (nncODj,^) wie es heisst Jes. 14, 1: „Und 
es schliesst sich der Fremdling (Proselyt) ihnen an und sie hängen 
sich an (inDDs^) das Haus Jacobs/' Dann macht man ihn mit der 
Sünde der Nachlese, der vergessenen Garbe, des Eckstückes (Acker- 
winkels) und mit dem Armenzehnten bekannt Warum? Nach R. 
Chija bar Abba hat R. Jochanan gesagt: Ein Noachide wird um- 
gebracht, wenn er weniger als eine Peruta genommen hat und es 
giebt für ihn keine Rückerstattung.^) Mehr aber setzt man ihm 
nicht zu und genauer legt man es ihm nicht dar. R. Eleasar hat 
gesagt: Welche Schriftstelle lehrt dies? Antwort: Ruth 1, 18: 
„Da sie (Naemi) sah, dass sie fest entschlossen war, mit ihr zu 
gehen, so Hess sie ab, ihr zuzureden/' Sie sprach nämlich zu ihr: 
Es ist uns verboten, die Sabbathgrenze zu überschreiten. Darauf 
Ruth: „Wie (d. i. wie weit) du gehst, so gehe ich auch/' Darauf 
jene: Es ist uns verboten das Alleinsein (zweier Personen verschie- 
denen Geschlechtes an einem Orte). Darauf diese: „Wo du über- 
nachtest, da will ich auch übernachten." Darauf jene: Es sind uns 
613 Gebote zur Befolgung gegeben. Darauf diese: „Dein Volk ist 
mein Volk/' Darauf jene: Es ist uns die Abgötterei verboten. 
Darauf diese: „Dein Gott ist mein Gott." Darauf jene: Dem Ge- 
richtshofe sind vier Todesarten übergeben." Darauf diese: „Wie 
du stirbst, da will ich auch sterben." Darauf jene: Zwei Gräber 
sind dem Gerichtshofe übergeben. Darauf diese: „Wo du begraben 
wirst, da will ich auch begraben sein/' Als Naemi sah, dass sie 
fest entschlossen war, mit ihr zu gehen, so liess sie sofort ab, ihr 
zuzureden (d. i. sie drang nicht weiter in sie). 

19. (Fol. 48 b.) Wir haben die Ueberlieferung: R. Chananja, 
der Sohn des Rabban Gamliel hat gesagt: Warum sind die Prose- 



^) Weil sie nämlich der Gesetze unkundig sind. 

*) Der Noachide nimmt es genau, so dass bei ilim weniger als eine Penita 
auch als Raub gilt; deshalb werden ihm die Gesetze über die Armengaben 
mitgetheilt, damit er den Armen nicht als Riiuber behandelt, wenn er die Nacli- 
lese nimmt (vgl. Raschi). 



I. Tractat Jebamoth. 13 

lyten in dieser Zeit so gequält und mit Leiden überhäuft? Weil 
sie die sieben noachidischen Gebote nicht gehalten haben. 

B. Josse sagte: Ein Proselyt, welcher sich zum Judenthume 
bekehrt hat, gleicht einem neugebornen Kinde, und sie sind nur 
darum so gequält, weil sie die Vorschriften nicht mit der Sorgfalt 
beobachten wie die Israeliten. Abba Chanan sagte im Namen des 
B. Eleasar: Weil sie die Vorschriften nicht aus Liebe, sondern 
aus Furcht ausüben. Andere sagen: Weil sie gezögert haben, sich 
unter die Fittige der Schechina zu begeben. 

B. Abuhu, oder nach andern, B. Ghanina hat gesagt: Welche 
Schriftstelle lehrt dies? Antw.: Buth 2, 12: „Der Ewige bezahle dir 
deine That, und es sei dein Lohn vollkommen von dem Ewigen, 
dem Gotte Israels, unter dessen Flügeln dich zu bergen du ge- 
kommen bist.*' 

20. (Fol. 49 b.) Wir haben die Ueberlieferung: Simeon ben 
Asai sagte: Ich fand eine Bolle der Genealogien in Jerusalem, in 
welcher geschrieben stand: Jener N. N. ist ein Bastard, von einem 
verheiratheten und buhlerischen Weibe geboren; ferner stand darin 
geschrieben: Die Mischna des B. Elieser ben Jacob umfasst nur ein 
Kab (d. i. sie ist nur klein), aber sie ist rein (geläutert); endlich stand 
darin geschrieben: Manasse tödtete den Jesaia. Baba hat gesagt: 
Er (Manasse) hielt Gericht über ihn und tödtete ihn. Er sprach 
nämlich zu ihm: Dein Lehrer Mose hat gesagt Ex. 33, 20: „Der 
Mensch kann mich nicht (Gott) sehen und leben (am Leben bleiben)," 
du aber hast gesagt Jes. 6, 1: „Und ich sah den Herrn sitzen auf 
hohem und erhabenem Thron." Dein Lehrer Mose hat ferner ge- 
sagt Deut 4, 7: „Wer ist wie der Ewige, unser Gott, wann immer 
wir zu ihm rufen," du aber hast gesagt Jes. 55, 6: „Suchet den 
Ewigen, da er sich finden lässt." Dein Lehrer Mose hat ferner 
gesagt Ex. 23, 26: „Und die Zahl deiner Tage werde ich voll 
machen," du aber hast gesagt 2 Beg. 20, 6: „Und ich werde zu 
deinen Lebenstagen fünfzehn Jahre hinzufügen." Da sprach Jesaia: 
Ich könnte alle Einwände des Königs entkräften, doch ich weiss 
von ihm, dass er nicht annehmen wird, was ich ihm sage; wenn ich 
es ihm aber sage, wird er ein vorsätzlicher Sünder. Da sprach er den 
Gottesnamen aus und wurde von einer Ceder verschlungen. Da brachte 
man die Ceder und zersägte sie. Als die Säge zum Munde gelangte, 
da hauchte Jesaia seine Seele aus, weil er gesagt hatte Jes. 6, 5: 
„Und in einem Volke unreiner Lippen wohne ich." 



14 '• Tractat Jebamoth. 

21. (Das.) Alle Propheten schauten durch einen (von ihren 
Zeitverhältnissen) getrübten Spiegel, nur unser Lehrer Mose sah 
durch einen ungetrübten Spiegel.^) 

22. (Fol. 60b.) R. Simeon ben Jochai pflegte zu sagen: Eine 
Proseljtin, die weniger als drei Jahre und einen Tag alt ist, ist 
für das Priesterthum geeignet,^) denn es heisst Num. 31, 18: ,,Und 
alle Kinder unter den Weibern, die den Beischlaf eines Mannes 
nicht erkannt, lasset leben für euch.*' 

Woher konnten sie das wissen? Rab Huna bar Bisna im 
Namen des R. Simeon des Frommen hat gesagt: Sie Hessen es 
vor dem Stimblech vorübergehen, wenn ihr Antlitz grüngelb wurde 
(sich verfärbte), so wussten sie, dass sie geeignet war, beschlafen 
zu werden; wenn es aber nicht grüngelb wurde (sich verfärbte), so 
wussten sie, dass sie noch nicht dazu geeignet war, beschlafen zu 
werden. 

R. Nachman hat gesagt: Das Zeichen der Ausschweifung ist 
Wassersucht. 

23. (Das.) So heisst es Jud. 21, 12: „Und sie fanden von den 
Bewohnern von Jabesch Gilead vierhundert jungfräuliche Mädchen, 
die durch Beischlaf noch keinen Mann erkannt hatten.'* 

Woher konnten sie das wissen? R. Eahana hat gesagt: Man 
Hess sie auf die Oeffnung eines Weinfasses sich setzen, bei einer 
Beschlafenen verbreitete dasselbe einen Duft, dagegen bei einer 
Jungfrau verbreitete es keinen Duft Warum liess man sie nicht 
vor dem Stimblech vorübergehen? Rab Eahana bar Rab Nathan 
hat gesagt: Weil dasselbe ihnen zur Gnade diente. Es heisst: 
„•jiatib, zur Gnade," und nicht: m3:?-ncb, zur Strafe. Nun hätte 
es doch bei Midian auch so sein sollen? Rab Asche hat gesagt: 
Es heisst: „cnb, ihnen" d. i. ihnen sollte es zur Gnade und 
nicht zur Strafe dienen, den Götzendienern aber sollte es zur 
Strafe dienen. Nach R. Jacob bar Idi im Namen des R. Josua 
ben Levi bleibt die Halacha (Norm) wie R. Simeon ben Jochai ge- 
sagt hat. 

24. (Fol. 60b u. 61a.) Wir haben die Ueberlieferung: Und 
so hat auch R. Simeon ben Jochai gesagt: Die Gräber der Nochrim^) 



*) Üenselbeu Gedanken s. Megilla Fol. 14a und Midr. Wajikra r. Par. 1. 
•) D. i. der Priester darf sie eheliclien. 
S) So ist für c»m3 zu lesen. 



1. Tractat Jcbamoth. 15 

verunreinigen >) nicht im Zelte,*) wie es heisst Ezech. 34, 31: „Ihr 
aber seid meine Schafe, Schafe meiner Weide, Menschen seid ihr'^ 
d. i. ihr werdet mit dem Ausdrucke: „cnK, Mensch'' genannt, aber 
die Nochrim werden nicht mit dem Ausdrucke: „D^k, Mensch" be- 
nannt^) 

25. (Fol. 61a.) MischnaVI,5. Wenn einer mit einer Wittwe 
sich verlobt hat und dann zum Hohenpriester ernannt wird, so darf 
er sie heimführen. So hatte Josua ben Gamla mit Martha, der Tochter 
des Baithus sich verlobt und nachmals ernannte ihn der König 
zum Hohenpriester, darauf fflhrte er seine Frau heim. Wenn eine 
auf die Leviratsehe wartende Wittwe einem Priester zufällt und 
dieser zum Hohenpriester ernannt wird, so darf er sie, selbst wenn 
er sie (durch Geld) sich bereits angetraut hat, nicht heimfahren. 

Gemara. Rab Assi hat gesagt: Martha, Tochter des Baithus, 
brachte ein Thirkab Denare dem Könige Jannai, so dass er den 
Josua ben Gamla zum Hohenpriester ernannte.') 

26. (Fol. 61b.) Misc7inaVI,6. Niemand soll sich der Fort- 
pflanzung entziehen, es sei denn, dass er bereits Kinder hat und 
zwar nach der Schule Schammai's zwei Söhne, nach der Schule 
HilleVs mindestens einen Sohn und eine Tochter, wie es heisst Gen. 
5, 2: „Ein Männchen und ein Weibchen erschuf er sie.'' 

Gemara. Wenn er Kinder hat, so kann er zwar der Fort- 
pflanzung sich enthalten, ein Weib aber muss er dennoch haben. 
Das ist ein Beweis für Rab Nachman, denn im Namen Samuels 
hat dieser gesagt: Wenn ein Mensch auch noch so viele Kinder 
hat, so darf er dennoch nicht unbeweibt bleiben,^) wie es heisst 



1) Nach Thosaplioth bemerkt R. Jizclink, dass man uiclit nach Ansicht 
des R. Simeon (ben Jocliai) verfalire (die Grabstatten der NichtJuden für nich.t 
verunreinigend zu lialten), da R. Simeon ben Gamliel andrer Ansicht ist, wie 
im Tractate Oholoth 18, 9 gelehrt wird, und nach ihm (R. Simon ben Gamliel) 
richtet sich die Satzung stets, wo er in unsi*er Mischna eine Lehre ausspricht. 

*) D. i. wenn sie sich innerhalb eines geschlossenen Raumes mit einem 
Mensclien befinden, oder wenn ein Mensch über denselben sich beugt. 

') Thosaphoth bemerkt zu der Stelle: Unser Meister Tarn erklüi*t, dass ein 
Unterschied zwischen onn, Mensch, und DTHM, der Mensch ist; die Nochrim sind 
in dem Worte Dinn mit inbegriffen (nicht aber in dem blossen üiH, Mensch). 
Der Sinn ist: Mit üinn wird das ganze Menschengeschlecht, dajjegen mit DTK 
nur das Volk Israel bezeichnet. 

*) Ein Sliick jüdische Simonie. 

*) Eigeutl.: So ist es doch verholen, ohne Weib dazustehen. 



16 I. Tractat Jebamoth. 

Gen. 2, 18: ,,Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei/' 
Manche sagen aber: Wenn er Kinder hat, so kann er der Fort- 
pflanzung sich enthalten und er kann unbeweibt bleiben. Das 
stimmt aber nicht mit Rab Nachman überein, welcher im Namen des 
Samuel ja anders gesagt hat. Antw.: Nein, (so lehrt die Mischna): 
Wenn er keine Kinder hat, so heirathe er ein Weib, welches fähig 
ist, Kinder zu gebären; hat er aber bereits Kinder, so kann er 
auch ein Weib heirathen, welches keine Kinder gebären kann (die 
unfruchtbar ist). Nach der Schule Schammai's muss er zwei Söline 
haben. Warum? Die Schule Schammai's erbringt den Beweis für 
ihre Ansicht von Mose, denn es heisst 1 Ghron. 27, 16: „Und die 
Söhne Moses waren Gerson und Elieser,'*^) die Schule Hillel's da- 
gegen bringt den Beweis für ihre Ansicht von der Schöpfung der 
Welt.^) Warum lässt aber die Schule Schammai's den Beweis von 
der Schöpfung der Welt nicht gelten? Weil man vom Unmög- 
lichen nicht auf Mögliches schliessen kann (d. h. bei der Welt- 
schöpfung war es nicht anders möglich, als Mann und Weib zu 
schaffen). 

27. (Fol. 62 a.) Warum aber nimmt die Schule Hillel's den Be- 
weis nicht von Mose? Weil Mose das nach seinem Gutdünken (nach 
seinem Sinne) gethan hat; denn wir haben die Ueberlieferung: Drei 
Dinge hat Mose aus eigenem Gutdünken gethan, Gott hat ihm 
(seiner Meinung) aber beigestimmt: 1) er hat sich von seinem Weibe 
geschieden,^) 2) er hat die Bundestafeln zerbrochen, 3) er hat einen 
Tag hinzugefügt.^) Er hat sich von seinem Weibe geschieden. Was 
dachte Mose? Er sprach: Wenn schon die Schechina den Israeliten, 
obwohl sie mit ihnen nicht zu jeder Stunde redet, sondern eine Zeit dazu 
bestimmt hat, gebietet, sich des ehelichen Umgangs zu enthalten, indem 
die Thora spricht Ex. 19, 15: „Ihr sollt kein Weib berühren," um wie 
viel mehr muss ich mich dessen enthalten, der ich dazu ausersehen 
bin, dass er zu jeder Stunde mit mir reden kann, da er mir keine 
Zeit bestimmt hat! Gott stimmte seiner Meinung bei, denn es heisst 



') Weil Mose zwei Soline hatte, so muss auch jeder Israelit zwei Söhne 
haben. 

*) Weil Gott ein Männchen und ein Weibchen g^eschaffcn hat. 

') Das war vor der Gesetzgebung. 

•*) Gott sprach zu ihm: Heiligt euch heute und morgen, Mose aber sprach: 
Haltet euch bereit drei Tage. 



I. Tractat Jebamotb. 17 

Deat. 5, 27. 28: ,,Gehe, sage ihnen: Kehret heim nach euren Zel- 
ten, da aber bleibe hier bei mir.'* Mose hat ferner die Bandes- 
tafeln zerbrochen. Woraas folgerte er dies? Er sprach: Wenn schon 
die Thora in Bezug auf das Pesachlamm, welches doch nur eins 
von den 613 Geboten ist, vorschreibt Ex. 12, 43 : „Kein Fremdling 
darf davon essen," um wie viel mehr gilt das von der ganzen 
Thora (welche alle Vorschriften enthält), and die Israeliten sind ab- 
trflnnig geworden! Und Gott stimmte seiner Meinung bei, wie es 
heisst das. 34, 1: „Welche {i^a() du zerbrochen hast" Nach Resch 
Lakisch sprach der Heilige, gebenedeiet sei er! zu Mose: Deine 
Kraft erstarke (i^'>'>) (d. i. habe Dank), dass du die Bundestafeln zer« 
brechen hast Mose hat endlich einen Tag nach seinem Gutdünken 
hinzugefügt Woraus folgerte er dies ? Weil es heisst Ex. 19,10: „Und 
du sollst sie heiligen heute und morgen" d. i. heute wie morgen, wie 
nämlich zu dem Morgen seine Nacht gehört, so gehört auch zu dem 
Heute seine Nacht, und diese ist doch schon vorbei. Es sind daher 
zwei Tage ausser dem heutigen Tag nöthig. Und Gott stimmte ihm 
bei, denn die Herrlichkeit Gottes erschien erst am Sabbath. 

28. (Fol. 62b.) R. Josua sagt: Hat jemand in seiner Jugend 
geheirathet, so heirathe er auch in seinem Alter; hat er Kinder in 
seiner Jugend gehabt, so soll er auch Kinder in seinem Alter haben, 
wie es heisst Koh. 11, 6: „Am Morgen säe deine Saat, auch am 
Abend lass deine Hand nicht rasten, denn du weisst nicht, welches 
gelingt, ob dies oder jenes, oder ob beides gut wird.'' R. Akiba 
sagt: Hat jemand Thora in seiner Jugend gelernt, so lerne er auch 
Thora in seinem Alter; hat er Schüler in seiner Jugend gehabt, so 
soll er auch Schüler in seinem Alter haben, wie es heisst Koh. 11,6: 
„Am Morgen säe deine Saat, auch am Abend lass deine Hand nicht 
rasten, denn du weisst nicht, welches gelingt, ob dies oder jenes, oder 
ob beide zugleich gut werden." Es geht die Sage: R. Akiba hatte 
12 000 Paar Schüler, i) deren Wohnsitz von Gabath (Gaba)«) bis Anti- 
patris^ reichte, und sie alle starben zu einer Zeit,^) weil einer den 
andern geringschätzte (eig. weil einer dem andern nicht die schuldige 
Ehre erwies). Dadurch wurde die Welt öde,*^) bis endlich R. Akiba 



>) Nach talmudischer Ansicht soll paarweise studirt werden. 
') £ine Festung in Galiläa, von Herodes erbaut. 
') Eine Stadt in Palästina, nordöstlich von Joppe. 
*) Nach Tanchuma chaje sara waren es nur 300 Schüler. 
^) Sinn: Die Welt war ohne talmudische Gelehrsamkeit. 
Wüniob«, 0er babylonisch« Talmud. 2 



lg I. Tractat Jebamoth. 

ZU unsern Rabbinen im Süden (nach Daroma) ^) sich begab und ihnen 
seine Lehre mittheilte, nämlich dem R. Melr, R. Jehnda, R. Josse, R. 
Simeon und R. Eleasar ben Schammua. Diese (fünf Männer) sind es, 
welche die Thora in jener Zeit wieder hergestellt haben. Nach der 
Ueberlieferung sind alle (jene Schüler) vom Pesach bis zum Wochen- 
feste (Azereth) gestorben. Nach Rab Chama bar Abba, oder wie ein 
anderer sagt, nach R. Chi ja bar Abin sind alle eines bösen Todes 
gestorben. Welcher war es? Nach R. Nachman war es die Angina 
(Bräune, n-iddx). 

29. Pas.) Nach R. Tanchum hat R. Chanilai gesagt: Jeder 
Jude, welcher kein Weib hat, ist ohne Freude, ohne Segen und 
ohne Gutes (Glück). Ohne Freude, denn es steht geschrieben Deut. 
14, 26: „Und du sollst dich freuen, du und dein Haus*/' ohne 
Segen, denn es steht geschrieben Ezech. 44, 30: „Dass der Segen 
ruhe auf deinem Hause;" ohne Gutes (Glück), denn es steht geschrieben 
Gen. 2, 18: „Es ist nicht gut (siü), dass der Mensch allein sei." 
Im Abendlandc (Palästina) setzt man noch hinzu: Er ist auch oline 
Thora und ohne Mauer. Ohne Thora, denn es steht geschrieben 
Hi. 6, 13: „Wäre denn keine Hilfe ^) bei mir, und wäre Ver- 
stand entrückt von mir;" ohne Mauer, denn es steht geschrieben 
Jerera. 31, 22: „Das Weib uragiebt den Mann." Raba bar üla 
fügt noch hinzu: Er ist auch ohne Frieden, denn es steht ge- 
schrieben Hi. 5, 24: „Und du weisst, dass Friede dein Zelt ist, und 
du bedenkst dein Haus und sündigst nicht." 

30« (Das.) R. Josua ben Levi hat gesagt: Wer von seinem 
Weibe weiss, dass sie gottesfürchtig (d. i. fromm und keusch) ist 
und er bedenkt sie nicht (d. i. er wohnt ihr nicht bei), heisst ein 
Sünder, denn es steht geschrieben Hi. 5, 24: „Und du weisst, dass 
Friede dein Zelt ist, und du bedenkst dein Haus und sündigst nicht." 

(Das.) R. Josua ben Levi hat gesagt: Der Mensch ist ver- 
pflichtet, seinem Weibe zur Zeit, wenn er auf die Reise sich be- 
giebt, beizuwohnen, denn es steht geschrieben Hi. 5, 24: „Und du 
weisst, dass Friede dein Zelt ist" u. s. w. Ergiebt sich denn dies 
von hier (von dieser Stelle), es wird doch von dort Gen. 3, 16 
bewiesen: „Und nach deinem Manne ist dein Verlangen," woraus 
hervorgeht, dass das Weib nach ihrem Manne verlangt, wenn er 



*) Nach Süden von Palästina aus. 

^) Unter „Hilfe" ist nach Gen. 2, 18 das Weih verstanden. 



I. Tractat Jebamoth. 19 

sich auf die Reise begiebt?'' Antw.: Es sagt Rab Joseph: Diese Stelle 
ist nur nöthig (zu lehren), dass kurz vor ihrer Periode so geschehe. 
81. (Das.) Die Rabbinen haben gelehrt: Wer sein Weib liebt 
wie sich selbst, es ehrt mehr als sich selbst, wer seine Söhne und 
Töchter auf geradem Wege führt, sie nahe zur Zeit ihrer Reife 
verheirathet, von dem sagt die Schrift Hi. 5, 24: „Und du weisst, 
dass Friede dein Zelt ist** u. s. w. 

32. (Fol. 62b u. 63a.) Die Rabbinen haben ferner gelehrt: 
Wer sich liebreich gegen seine Nachbarn erweist, sich als Ver- 
wandter gegen seine Anverwandten benimmt, seiner Schwester 
Tochter heirathet, und dem Armen zur Zeit seiner Noth einen Sela 
leiht (Geld vorstreckt), von dem sagt die Schrift Jes. 58, 9: „Dann 
wirst du rufen und der Ewige wird antworten, du wirst schreien 
imd er spricht: Siehe, hier bin ich.** 

33. (Fol .63 a.) R. Eleasar hat gesagt: Jeder Jude, der kein Weib 
hat, ist kein Mensch, denn es heisst Gen. 5, 2: „Mann und Weib hat er 
sie erschaffen, und hat sie (beide zusammen) Adam d. i. Mensch ge- 
nannt.**^) R. Eleasar hat ferner gesagt: Jeder Mensch, welcher keinen 
Grund und Boden hat, ist kein Mensch, wie es heisst Ps. 115, 16: 
„Die Himmel sind des Ewigen Himmel, die £rde aber hat er den 
Menschenkindern gegeben.** R. Eleasar hat ferner gesagt: Was heisst 
das, was geschrieben steht Gen. 2, 18: „Ich will ihm eine Gehilfin 
machen, ihm gegenüber (n^rs)?" Antw.: Verdient er (der Mensch) es, 
so ist sie seine Hilfe (nty, Gehilfin), verdient er es aber nicht, so ist 
sie seine Gegnerin (m^^D). Nach einigen hat R. Eleasar einen Wider- 
spruch gefunden: Es steht geschrieben: ni55S, wir lesen aber: ns'^rD? 
Das will sagen: Verdient er es, so ist sie ihm entsprechend ("nsSD), ver- 
dient er es aber nicht, so ist sie gleichsam seine Geisselung (nm^rr). 

34. (Das.) R. Josse traf den Elia und richtete die Frage an 
ihn: Es steht geschrieben Gen. 2, 18: „Ich will ihm eine Gehilfin 
machen.** Worin hilft das Weib dem Manne (worin ist das Weib 
eine Hilfe für den Menschen)? Dieser antwortete: Der Mensch bringt 
Weizen, könnte er denn Weizen kauen? Bringt er Flachs, könnte 
er denn sich damit kleiden? Geht also nicht daraus hervor, dass 
sie ihn erheitert und aufrichtet?-) 



*) Mann und Weib bilden zusammen ein Ganzes und repräsentiren das 
Menscheng^eschlecht. 

•) Wörtl.: Wirat du nicht (sag^eud) gefunden (ziehst du nicht den Schluss), 
dass sie seine Augen erleuchtet und ilm auf seine Fussc stellt? 

2* 



20 !• Tractat Jebamotli. 

35. (Das.) R. Eleasar hat ferner gesagt: Was heisst das, was 
geschrieben steht Gen. 2, 23: ,,Diesmal ist es Gebein von meinem 
Gebein und Fleisch von meinem Fleische?" Daraus geht hervor, 
dass Adams Sinn, als er allen zahmen und wilden Thieren beiwohnte,^) 
nicht beruhigt (befriedigt) wurde, bis er der Eva beiwohnte. 

36. (Das.) R. Eleasar hat ferner gesagt: Was heisst das, was 
geschrieben steht Gen. 12, 3: „Und es werden durch dich gesegnet 
werden (iDn^:"i) alle Geschlechter des Erdbodens?" Der Heilige, 
gebenedeiet sei er! sprach zu Abraham: Zwei schöne (gute) Ableger 
(niD'^'n^) habe ich in dich abzulegen, nämlich die Moabiterin Ruth 
und die Ammoniterin Naema.^) „Alle Geschlechter des Erdbodens" 
d. i. selbst die Geschlechter, die auf dem Erdboden wohnen, werden 
nur um Israels willen gesegnet s. das. 18, 18: „Und es werden 
durch dich alle Völker der Erde gesegnet werden." Selbst alle von 
Gallien nach Spanien segelnden Schifife werden nur um Israels 
willen gesegnet» 

37« (Das.) R. Eleasar hat ferner gesagt: Einst werden alle 
Handwerker sich auf den Ackerbau (eig. auf Grund und Boden) 
legen, wie es heisst Ezech. 27, 29: „Und es werden aus ihren 
Schiffen herabsteigen alle, die das Ruder fassen, die Seeleute, alle 
Steuerer auf dem Meere, an das Land werden sie treten."^) R. 
Eleasar hat femer gesagt: Kein Handwerk ist so wenig einträg- 
lich als der Ackerbau, denn es heisst: „inn-^i, sie werden herab- 
kommen." R. Eleasar sah einen Acker, auf welchem Eohl auf 
den Beeten der Breite nach gepflanzt war, da sprach er: Selbst 
wenn man Kraut der Länge nach pflanzen wollte, so ist Geschäfts- 
verkehr besser als du.^) Als Rab einmal zwischen Aehren (Sangen) 



^) Eine Randglosse bemerkt: Es ist hiermit gemeint, Adam bat durch 
seine Weisheit die Natur aller Thiere erforscht und keines gefunden, dass ihn 
befriedigen könnte. 

*) Von ihnen stammten Konige und Propheten ab. Naema war die Mutter 
Rechabcam's und von ihr stammten Chiskia, Assa und Jehosaphat ab, alles 
vollkommue Gerechte, ebenso Jesaia, denn nach Megilla Fol. 10 waren Amoz 
und Amazia Brüder. Raschi. 

') Sinn: Sie werden sich auf den Ackerkan legen. Weil das Wort; 
„ni% sie werden herabsteigen" steht, so schliesst der Rabbi, dass der Ackerbau 
eine nicht so einträgliche Beschäftigung als das Handwerk ist; *iv hat dann 
die Bedeutung: lierabkonimen , herunterkommen, veroi'men. Ebenso Raschi r 
nVi^ m»n» ptrS, das Wort ti» steht im Sinne von Verai-mung. 

*) Deraelbe biingt mehr Gewinn, als der Besitz eines Krantfeldes. 



I. Tractat Jebamotli. 21 

ging and sah, dass sie sich hin- und herschwangen, da sprach er: 
Schwinge dich nur immer fort, Geschäftsverkehr ist dir vorzuziehen. 

Raha hat gesagt: Wer hundert Sus auf Geschäftsverkehr ver- 
wendet, kann alle Tage Fleisch und Wein geniessen; wer dagegen 
sber hundert Sus auf den Acker verwendet, muss sich mit Salz 
(Melde) und Grummet begnügen, und nicht nur das, er muss sich 
sogar auf die Erde schlafen legen und ist Streitigkeiten aus- 
gesetzt. Rab Papa aber hat gesagt: Säe und kaufe nicht; wenn es 
sich auch gleichbleiben (d. i. wenn es auch auf dasselbe hinauskommen 
und sich kein Unterschied im Preise herausstellen) sollte, so liegt 
doch ein (besonderer) Segen darin. ^) Verkaufe deine Hausgeräthe 
(und kaufe für den Erlös Waaren), damit du nicht herunterkommst 
(in Armuth geräthst). Dies ißt aber nur gesagt vom Hausgeräthe, 
aber Mäntel (welche ehren) veräussere nicht, vielleicht trifft sich 
nicht wieder (solche anzuschaffen). Stopfe das Loch in der Wand 
zu, aber bessere nicht aus; bessere aus (wenn es sich nicht ver- 
meiden lässt), aber baue nicht; denn wer sich mit Bauen befasst, 
verarmt. 2) Beeile dich, Feld zu kaufen, verhalte dich aber zuwar- 
tend, wenn du heirathest, steige eine Stufe hinab und nimm ein 
Weib,^) steige aber eine Stufe hinauf, wenn du dir einen Freund 
wählst. ^) R. Eleasar ben Abina hat gesagt: Strafen kommen nur 
in die Welt wegen Israels, denn es heisst Zephan. 3, 6: „Ich habe 
Völker ausgerottet, verödet sind ihre Zinnen, zerstört habe ich ihre 
Strassen;'* femer heisst es das. V. 7: „Ich sprach: Ja, fürchten wirst 
du mich, Zucht annehmen." 

38« (Das.) Als Rab sich von R. Chija verabschiedete, sprach 
dieser zu ihm: Gott behüte dich vor dem, was schlimmer als der 
Tod ist! Giebt es denn etwas, was schlimmer als der Tod ist? 
fragte er sich. Als er fortgegangen war, dachte er darüber nach 



^) Sinn: Säe lieber selbst so viel als du bedarfst und kaufe nicht die 
Frucht; selbst wenn sogar die Frucht wohlfeiler und dein Feld wenig ergiebig 
sein sollte, so dass es scheint, e^ sei einerlei, ob du deine Frucht selbst bauest, 
oder kaufest, es liegt doch in dem Selbstbauen mehr Segen. 

*) Sinn: Zeigt sich ein Schaden an einem deiner Gebäude, so bessere ihn 
sogleich aus und vergrössere nicht den Riss, um das Gebäude desto schöner 
herzustellen; aber besser ist noch dies, als das Gebäude völlig niederreissen, um 
es neu aufzubauen, denn Bausucht fi'Uirt zur Armuth. 

') D. i. suche dir nicht ein Weib, das höher als du stehst. 

^) Eigentl.: Steige eine Stufe hei*ab und nimm dir ein Weib; steige aber 
eine Stufe hinauf und wähle dir einen Freund. 



22 '• Tractat Jebaraotli. 

und fand den Satz Koh. 7, 26: „Ich finde etwas, was bitterer ist 
als der Tod, das Weib." Rab hatte ein Weib, welches ihm manchen 
Verdruss bereitete (welches ihn ärgerte). Sprach er zu ihr: Koche 
(bereite) mir Linsen! so kochte sie ihm Kichererbsen, sagte er: 
Koche mir Kichererbsen! so kochte sie ihm Linsen. Als sein Sohn 
Chija erwachsen war, richtete derselbe die Bestellung immer ver- 
kehrt aus. ^) Deine Mutter, sprach der Vater zu ihm, hat sich 
gebessert. Nein! versetzte der Sohn, sondern ich habe es zu Wege 
gebracht, weil ich immer das Gegentheil bestelle. Das ist es, 
sprach der Vater zu ihm, was die Leute zu sagen pflegen: Von 
dem, der von dir ausgeht (abstammt) kannst du lernen,^) du aber 
thue ferner nicht so,^) wie es heisst Jerem. 9, 4: „Sie lehren ihre 
Zunge Lügen reden, sie mühen sich. ab zu Verbrechen." 

39. (Fol. 63 ab.) R. Chija hatte ein Weib, dass ihn ärgerte (Ver- 
druss machte), und dennoch, wenn er etwas Gutes auf dem Markte 
fand, wickelte er es in ein Tuch und brachte es ihr. Da sprach Rab 
zu ihm: Sie ärgert dich doch,^) (und doch erweisest du ihr solche 
Aufmerksamkeit)? Es ist schon genug, entgegnete er, dass sie 
unsere Kinder erziehen und uns vor der Sünde (der Auschweifung) 
bewahren. 

Rab Jehuda lehrte seinem Sohne Rab Jizchak: Ein Mensch 
findet nur bei seinem ersten Weibe Labung der Seele (Erquickung), 
denn es heisst Prov. 5, 18: „Es sei deine Quelle gesegnet, und 
freue dich des Weibes deiner Jugend." 

40, (Fol. 63 b.) R. Chama bar Chanina hat gesagt: Wenn ein 
Mensch heirathet, so werden seine Sünden verstopft (d. i. sie wer- 
den verziehen (Toppen": T^nrny), wie es heisst Prov. 18, 22: „Wer 
ein Weib gefunden, hat ein Gut gefunden und er erlangt (pc""!) 
seinen Willen vom Ewige»."*) Wenn einer im Abendlande (in 
Palästina) ein Weib nahm, so fragte man ihn: 5^:^:^^ oder KXiTS. 
Ni:?:, sowie geschrieben steht: sna xs:73 ncö? Nij?:, wer ein Weib 
gefunden, hat ein Gut (Glück) gefunden, Nsritt, wie geschrieben steht 



1) D. i. er bestellte immer das Gegentheil von dem, was sein Vater ihm 
aufgetragen liatte. 

2) Rasclii: Der Sohn macht den Vater gescheit, ich liatte so verfaliren 
sollen. 

3) Weil du dich dadurch ans Lögen gewöhnen könntest. 
*) Eig.: Sie ärgert doch den Ilerni. 

^) Gott wird ihm seinen Willen thun. 



f. Tractat Jebamotb. 23 

Koh. 71, 26: ,,Ich finde (fi^^^i») etwas, was bittrer ist, als der Tod, das 
Weib/' Raba hat gesagt: Von einem bösen Weibe soll man sich 
scheiden (eig. ist es Pflicht, sich von ihr zu scheiden), denn es 
steht geschrieben Prov. 22, 10: „Treib aus den Spötter, so geht 
auch der Zank mit und aufhört Streit und Schimpf." 

41. (Das.) Raba hat gesagt: Ein böses Weib mit einer grossen 
Mitgabe muss eine Nebenbuhlerin an ihrer Seite haben, denn die 
Leute sagen: durch die Nebenbuhlerin, nicht durch die Ruthe. ^) 

Raba hat femer gesagt: Ein böses Weib ist so schlimm wie 
der Tag des Regengusses, denn es heisst ProY. 27, 15: „Eine an- 
haltende Traufe am Tage des Regengusses, ein zänkisches Weib ist 
ihr gleich." 

Raba hat ferner gesagt: Komm und sieh, wie gut ein gutes 
Weib und wie böse ein böses Weib ist! Wie gut ein gutes Weib 
ist, denn es steht geschrieben: „Wer ein Weib gefunden, hat ein 
Gut gefunden." Redet der Vers von dem Weibe: Wie gut ist ein 
gutes Weib, da die Schrift es lobt, oder redet der Vers von der 
Thora: Wie gut ist ein gutes Weib, da die Thora mit ihr ver- 
glichen wird! Wie böse ist ein böses Weib, denn es steht geschrie- 
ben: „Ich finde etwas, was bittrer ist als der Tod, das Weib." Redet 
der Vers von dem Weibe: Wie böse ist ein böses Weib, da die 
Schrift es tadelt, oder redet der Vers von der Hölle: Wie böse ist 
ein böses Weib, da die Hölle mit ihr verglichen wird! Es heisst 
Jerem. 11, 11: „Siehe, ich bringe über sie ein Unglück, aus dem 
sie nicht herauskommen." Rab Nachman hat im Namen des Rabba 
bar Abahu gesagt: Das geht auf ein schlechtes Weib, das eine 
grosse Mitgabe hat Thren. 1, 14 heisst es: „Der Ewige hat mich 
in Hände gegeben, dass ich mich nicht aufrichten kann." R. Chisda 
hat im Namen des Mar Ukba (bar Chi ja) gesagt: Das geht auf ein 
böses Weib, welches eine grosse Mitgabe hat. Im Abendlande sagte 
man: Es geht auf den, dessen Nahrungsmittel von seinem Gelde ab- 
hängen (der sie für Geld einkauft). 

42. (Das.) Es heisst Deut. 28, 32: „Deine Söhne und Töchter 
werden einem anderen Volke gegeben." Rab Chanan bar Raba liat 
im Namen Rabs gesagt: Das geht auf das Weib des Vaters (die Sticf- 



*) Vergl. Megilla Fol. 17: Eine Frau wetteifert nur an der Seite ihrer 
Nebenbuhlerin (Genossin). Sinn: Der Wetteifer spornt die Frauen an und bessert 
sie mehr als die Furcht vor der Strafe. 



24 - J. Tractat Jebamoth. 

matter). Ferner heisst es das. 32, 21: „Ich will sie erzürnen mit einem 
thörichten (schlechten, b^3) Volke.'' Rah Chanan har Raha hat ge- 
sagt: Das geht aaf ein höses Weih, welches eine grosse Mitgahe hat. 
R. Elieser dagegen sagt: Damit sind die Mintm gemeint. Und so 
heisst es Ps. 14, 1: „Es spricht der Thor (bas) in seinem Herzen: 
Es ist kein Gott." In einer Boraitha ist gelehrt worden: Darunter 
sind die Bewohner der Berherei und Mauritaniens zu verstehen, 
welche nackt auf der Strasse einhergehen, denn es gieht nicht Greu- 
licheres und Ahscheulicheres vor Gott, als der, welcher nackt auf 
der Strasse geht R. Jochanan sagte: Es sind darunter die Gebern 
(Feueranbeter) zu verstehen. Als man zu R. Jochanan sagte: Gebern 
sind nach Babel gekommen, da beugte er sich und fiel nieder (vor 
Schreck); als man ihm aber sagte: Sie nehmen Bestechung an^ setzte 
er sich sogleich. Sie verhängten aber drei (Dinge) wegen drei (Ver- 
gehen). Sie verhängten Aber das Fleisch^) wegen der Geschenke-), 
sie verhängten über die Bäder wegen des Untertauchens. ^) Sie 
graben die Todten aus, weil sie (die Juden) sich an ihren (heid- 
nischen) Festtagen zu freuen pflegten, wie es heisst 1 Sam. 12, 15: 
„Die Hand des Ewigen wird über euch sein und über eure Väter.'* 
Rabba bar Samuel hat gesagt: Das geht auf die, welche die Todten 
ausgraben, denn der Autor (ein Weiser) hat gesagt: Durch die Stlnde 
der Lebenden gräbt man die Todten aus. 

43. (Das.) Raba hat zu Rabba Mari gesagt: Einmal heisst es 
Jerem. 8, 2: „Nicht werden sie (die Todten) eingesammelt und nicht 
begraben, zu Dünger auf dem Acker werden sie,'' und ein andermal 
wieder heisst es das. V. 3: „Der Tod wird lieber sein als das Leben?" 
(Wie ist der Widerspruch dieser beiden Stellen auszugleichen?) 
Antw.: Vorzuziehen ist es für die Frevler zu sterben, und dass sie 
nicht lebten in dieser Welt und sündigten und in die Hölle fielen. 

44. (Das.) Es heisst im Buche Ben Sira 26, 3: „Ein gutes 
Weib ist eine köstliche Gabe (für seinen Mann), der Umarmung^) 
des Gottesfürchtigen ist sie gegeben; ein böses Weib aber ist ein 
Aussatz für seinen Mann. Was soll er thun? Er soll sich von 
ihm scheiden, so wird er von seinem Aussatz geheilt werden. Ein 



^) Dass die Juden nicht geschächtetes Fleisch essen solhen. 
*) Weil die Juden den Priestern nicht die vorgeschriebenen Fleischgaben 
entrichteten. 

^) Weil die Weiber sich nicht nach der Menstruation badeten. 

*) Nach dem ^ieehischen Text muss p^na statt p^ro gelesen werden. 



I. Tractat Jebamoth. 25 

schönes Weib, Heil seinem Manne, die Zahl seiner Tage ist doppelt 
(s. Sirach 26, 1). „Verbirg deine Augen vor einem anmnthigen 
Weibe, damit du nicht in ihrem Netze gefangen wirst. Da sollst 
nicht zu ihrem Manne gehen, um mit ihm Wein und berauschendes 
Getränk zu trinken, denn durch die Gestalt eines schönen Weibes 
sind schon viele verdorben worden und zahlreich sind die von ihr 
Getödteten. Viel sind die Wunden des Hausirers, die zur Unkeuschheit 
verführen. Wie der Käfig voll Vögel, so sind ihre Häuser voll Trug." 

45. (Das). Gräme dich nicht wegen eines Leides (Uebels), das 
morgen kommen soll, denn du weisst nicht, was das Heute (der 
Tag) „erzeugt" (hervorbringt) (Prov. 27, 1); vielleicht wenn das 
Morgen kommt, findet es ihn nicht mehr,^) und er hätte sich über 
eine Welt gegrämt, welche ihm nicht gehört.^) Halte viele von 
deinem Hause zurück und führe nicht alle in dein Haus. Viele 
sollen dich grüssen (deine Bekannten sein); dein Geheimniss aber 
entdecke nur einem von Tausend. 

46. (Das.) R. Assi hat gesagt: Der Sohn Davids kommt 
nicht eher, als bis alle Seelen aus dem Guf^) zu Ende sein werden, 
denn es heisst Jes. 57, 16: „Denn der Geist schmachtet vor mir 
dahin und die Seelen, die ich geschaffen habe." 

47. (Das.) Wir haben die Lehre: R. Elieser pflegte zu sagen: 
Jeder Jude, welcher sich nicht mit der Fortpflanzung beschäftigt, 
ist so zu betrachten, als wenn er Blut vergösse, denn es heisst 
Gen. 9, 6: „Wer Blut eines Menschen vergiesst, durch Menschen 
soll sein Blut vergossen werden," und darauf folgt V. 7: „Ihr aber 
seid fruchtbar und mehret euch." Nach R. Jacob gilt er so, als 
wenn er die Gottähnlichkeit verminderte, denn es heisst das. V. 6: 
„Denn im Bilde Gottes hat er den Menschen gemacht," und darauf 
folgt das. V. 7: „Dir aber seid fruchtbar und mehret euch." Nach 
Ben Asai gilt er so, als wenn er Blut vergösse und die Gottähn- 
lichkeit verminderte, denn es heisst: „Ihr aber seid fruchtbar und 
mehret euch.'^ Da sprachen sie zu Ben Asai: Mancher predigt 
schön und hält schön, dagegen mancher hält schön, predigt aber 



^) Vielleicht wird der SichängstigeDde, wenn der Morgen eintritt, nicht 
mehr vorbanden sein. 

•) Im Original findet ein Uebergang von der 2. zur 3. Person statt. Die- 
selbe Sentenz s. Sanh. Fol. 100 b. 

*) Guf ist das Himmelsbehältniss, in welchem die zu incorporirenden 
Seelen aufbewahrt sind. 



26 I- Tractat Jebamolh. 

nicht schön, du aber predigst schön, hältst aber nicht schön. ^) Ben 
Asai sprach zu ihnen: Was soll ich thun? Meine Seele empfindet 
nun einmal Freude an der Thora, die Welt kann durch andere er- 
halten werden! 

4S« (Fol. 63b n. 64a.) Die Rabbinen haben gelehrt: Es heisst 
Num. 10, 36: „Und wenn sie (die Lade) sich niederliess, sprach er: 
Kehre ein. Ewiger, bei den Myriaden der Tansende Israels." Daraas 
geht hervor, dass die Schechina auf nicht weniger als 2000 und 
zwei Myriaden ruht. Siehe, die Israeliten wären 2000 und zwei 
Myriaden, es fehlte nur einer, und dieser hätte sich nicht mit der 
Fortpflanzung beschäftigt, wird da nicht gefunden, dass dieser die 
Ursache war, dass die Schechina sich den Israeliten entzog? 

Abba Chanan hat im Namen des KEleasar gesagt: (Ein Mensch, 
welcher sich nicht mit der Fortpflanzung beschäftigt,) ist des Todes 
schuldig, wie es heisst das. 3, 4: „Kinder hatten sie (Nadab und 
Abihu) nicht," was sagen will: Wenn sie Kinder gehabt hätten, wären 
sie nicht gestorben. Andere sagen: (Wer sich nicht mit der Fort- 
pflanzung beschäftigt,) bewirkt, dass die Schechina sich den Is- 
raeliten entzog, denn es heisst Gen. 17, 7: „Dir zu sein ein Gott 
und deinem Samen nach dir," was sagen will: Zur Zeit, wo dein 
Samen nach dir ist, ruht die Schechina (auf dir), zur Zeit aber, wa 
dein Same nicht nach dir ist, auf wem soll die Schechina ruhen? 
Auf Gehölz, auf Steinen ? ! 

49. (Fol. 64a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Wenn jemand 
ein Weib nimmt und er wohnt mit ihr zehn Jahre zusammen, hat 
aber keine Kinder, so soll er sie entlassen und ihre Mitgabe zurück- 
geben, vielleicht verdient er es nicht, von ihr Kinder zu haben. 
Obgleich dies (die beigebrachte Schriftstelle) auch nicht als Beweis 
dient, so kann sie doch als Merkmal für die Sache (Halacha) an- 
gesehen werden, es heisst Gen. 16, 3: „Nach Verlauf von zehn 
Jahren seit Abramis Aufenthalt im Lande Kanaan," um dir zu lehren, 
dass das Wohnen (Abrahams) im Auslande nicht mitgerechnet wird. 
Deshalb wenn entweder er oder sie krank war, oder wenn beide 
gebunden im Geföngnisse lagen, so rechnet man die Zeit nicht. 
Raba hat zu Rab Nachman gesagt: Wir können doch von Jizchak 
lernen, denn es steht geschrieben das. 25, 20: „Und Jizchak 
war vierzig Jahre alt, als er Rebecca nahm, ferner heisst es das. 



*) Ben Asai war niclit verheirathet. 



I. Tractat Jebamoth. 27 

y. 26: ,,Und Jizchak war sechzig Jahre alt bei ihrer (Esau's und 
Jacob's) Geburt ?"i) 

Bab Nachman sprach zu ihm: Jizchak war unfruchtbar.^ Abra- 
ham war doch aber auch unfruchtbar (also lässt sich doch von ihm 
nichts beweisen). Wir müssen jenen Vers (Gen. 25, 26) anwenden 
auf das, was R. Chi ja bar Abba gesagt hat, denn dieser hat im 
Namen des R. Jochanan gesagt: Warum werden die Jahre Ismaels 
gezählt? Um durch sie die Jahre Jacobs (als er zu Laban ging) zu 
berechnen. 

50. (Fol. 64 ab.) R. Jizchak hat gesagt: Unser Vater Jizchak 
war unfruchtbar, denn es heisst Gen. 25, 21 : „Und es betete Jizchak 
zum Ewigen gegenüber seinem Weibe." nnicN Vr, wegen seines 
Weibes heisst es nicht, sondern: nntON nssb, gegenüber seinem 
Weibe (c^ h. er und sein Weib beteten). Daraus geht hervor, dass 
beide unfruchtbar waren. Wenn dem so ist, warum heisst es (das. 
V. 21) „Gott liess sich von ihm erbitten," es müsste doch heissen: 
„von ihnen?" Allein das Gebet eines Gerechten, der der Sohn eines 
Gerechten ist, ist nicht gleich dem Gebete eines Gerechten, der der 
Sohn eines Frevlers ist (d. i. weil Rebecca die Tochter eines Frev- 
lers war, wurde ihr Gebet nicht erhört). 

R. Jizchak hat ferner gesagt: Warum waren unsere Väter (Erz- 
väter) unfruchtbar? Weil der Keilige, gebenedeiet sei er! das Gebet 
der Gerechten wünschte. 

R. Jizchak hat ferner gesagt: Warum wird das Gebet der Ge- 
rechten mit einer Gabel (Schaufel) verglichen? Wie die Gabel das 
Getreide in der Tenne von Ort zu Ort wendet, ebenso wendet das 
Gebet der Gerechten die Eigenschaft des Heiligen, gebenedeiet sei 
er! von der Eigenschaft der Grausamkeit in die Eigenschaft der 
Barmherzigkeit. *) 

R. Ammi hat gesagt: Abraham und Sara waren geschlechtslos 
(eig. Verstopfte)*), wie es heisst Jes. 51, 1: „Schauet auf den Felsen, 
aus dem ihr gehauen seid, auf die Brunnenhöhle, aus der ihr ge- 
graben." Darauf folgt V. 2: „Schauet auf Abraham, euem Vater 



^) Folglieh hat Jizchak 20 Jahre gewamet. 

*) Er wusste, dass er unfruchtbar war, wozu sollte er sich daher ein anderes 
Weib nehmen? 

') Denselben Gedanken s. Succa Fol. 14 a. 

*) Weil die (jeschlechtstheile solcher Menschen deimassen mit Haut be- 
deckt sind, dass ihr Geschlecht nicht zu erkemien ist. 



28 J- Tractat Jebamoth. 

und auf Sara, die euch geboren/* Rab Nachman hat im Namen des 
Rabba bar Ababu gesagt: Unsere Matter Sara war unfrachtbar (eine 
Widderähnliche), denn es heisst Gen. 11, 30: „Und Sara war un- 
frachtbar and hatte kein Kind/' was sagen will: Selbst eine Gebär- 
matter (eig. ein Haas za einem Kinde) hatte sie nicht 

51. (Fol. 64 b.) In den Tagen Davids sind die Jahre (der 
Menschen) vermindert worden, denn es steht geschrieben Ps. 90, 10: 
„Die Tage unserer Jahre sind siebzig Jahre.'* 

52« (Fol. 65 b.) R. IIa hat im Namen des R. Eleasar bar R. Si- 
meon gesagt: Sowie es ein Gebot ist, dem Menschen (Nächsten) seine 
Fehler zu verweisen, wenn der Verweis angenommen wird (wenn man 
Gehör findet), so ist es auch ein Gebot zu schweigen,^) wenn man 
weiss, dass die Zurechtweisung nicht angenommen wird (wenn man 
kein Gehör findet). Nach R. Abba ist es sogar Pflicht (zu ^hwelgen, 
wenn man kein Gehör findet), denn es heisst Prov. 9, 8: „Weise den 
Spötter nicht zurecht; dass er dich nicht hasse, weise aber den 
Klugen zurecht, und er wird dich lieben.'* 

53. (Das.) R. Hai hat im Namen des R. Eleasar ben R. Si- 
meon gesagt: Dem Menschen ist erlaubt des Friedens wegen (in 
seinen Worten) etwas zu ändern, denn es heisst Gen. 50, 16: „Dein 
Yater hat geboten vor seinem Tode die Worte: Also sprechet zu 
Joseph: vergieb doch die Missethat deiner Brüder und ihre 
Schuld!" Nach R. Nathan ist es sogar ein Gebot (etwas zu ändern), 
denn es heisst 1 Sam. 16, 2: „Und Samuel sprach: Wie soll ich 
gehen? Hört es Saul, so bringt er mich um" u. s. w. In der Schule 
des R. Ismael ist gelehrt worden: Gross ist der Friede, denn selbst 
Gott hat seinetwegen etwas (in seinen Worten) geändert, denn an- 
fangs (zuerst) heisst es Gen. 18, 12: „Und mein Herr ist alt," aber 
zuletzt s. das. Y. 13: „Und ich bin alt." 

54. (Das.) Das Weib des R. Chija pflegte schwer niederzu- 
kommen, da änderte sie ihre Kleider und erschien vor R. Chija ^) 
und sprach zu ihm: Ist das Weib zur Fortpflanzung verpflichtet? 
£r sprach zu ihr: Nein! Da ging sie und trank ein Medicament 
der Unfruchtbarkeit. Schliesslich wurde die Sache dem R. Chija 
entdeckt und er sprach zu ihr: wenn du mir doch noch eine 
andere (zweite) Leibesfrucht geboren hättest;') denn der Autor 

') Wenn man davon nur Verdiniss und Ungelegenheiten hat. 
*) Ihr Manu sollte sie nicht erkennen. 
') Die der ersten gliche. 



I. Tractat Jebamoth. 29 

(Lehrer) hat gesagt: Jehada und Ghiskia waren Brüder und Pasi und 
Tabi waren Schwestern.^) 

55, (Fol. 72a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Die ganzen 
vierzig Jahre, welche die Israeliten in der Waste waren, verging 
kein Tag, an welchem nicht der Nordwind nm Mitternacht wehte, 
wie es heisst Ex. 12, 29: „Und es war in der Hälfte der Nacht, 
da schlag der Ewige alle Erstgebart im Lande Aegypten/' Es will ans 
hören lassen, dass eine günstige Zeit von Bedeutung ist 

56« (Fol. 77a.) Raba hat vorgetragen: Was heisst das, was 
geschrieben steht Ps. 116, 16: „Da hast meine Bande gelöst." David 
sprach nämlich vor dem Heiligen, gebenedeiet sei er: Herr der Welt! 
zwei Bande, welche auf mir waren, hast du gelöst, Rath, die Moa- 
biterin and Naema, die Ammoniterin. (D. h. da hast den Weibern 
von Ammon and Moab erlaubt in die Gemeinde Gottes zu kommen). 

Raba hat ferner vorgetragen: Was heisst das, was geschrieben 
steht Ps. 40, 6: „Viel hast du gethan, du Ewiger, mein Gott, deiner 
Wunder und Gedanken für uns." Es heisst nicht: "^b», für mich, 
sondern: irbK, für uns. Daraus geht hervor, dass Rechabeam im 
Schosse Davids sass und dieser zu ihm sprach: Auf mich und auf 
dich sind diese beiden Verse gesagt worden.^) 

Raba hat ferner vorgetragen: Was heisst das, was geschrieben 
steht Ps. 40, 8: „Damals sprach ich: Siehe, ich komme mit einer 
Rolle des Buches, die über mich geschrieben ist?" David spneh 
nämlich: Ich dachte, dass ich jetzt gekommen bin (zu meiner Grösse) 
und ich habe nicht gewusst, dass in der Buchrolle bereits über mich 
geschrieben ist Dort Gen. 19, 15 heisst es (von den beiden Töch- 
tern Lots): „nn^^r^n, die gefunden worden," und hier Ps. 89, 21 
heisst es auch: „"^nfi^atTs, ich habe gefunden meinen Knecht David, 
ich habe ihn gesalbt mit heiligem Gel" u. s. w. 

57. (Fol. 78b.) Rab Huna hat gesagt: Ein Bastard lebt nicht. 
Wir haben doch aber gelernt: Bastarde sind für ewig verboten. R. 
Sera hat gesagt: Man hat mir erklärt im Namen Rab Jehuda's: 
Der Bastard, von dem man weiss, dass er ein Bastard ist, lebt, der 
aber, von dem man es nicht weiss, dass er ein Bastard ist, lebt 
nicht, endlich der, von dem man es weiss und nicht weiss (d. i. von 
dem es zweifelhaft ist, ob er ein Bastard ist) lebt bis drei Ge- 

*) Alle waren Kinder des R. Chija. 

•) Auf mich, weil ich von Ruth abstamme, und auf dich, weil du von 
Naema abstammst. 



30 !• Tractat Jebamoth. 

schlechter, noch weiter hinaus wird er schon nicht leben. Ueber 
jenen Bastard, der in der Nachbarschaft des R. Ammi wohnte, rief 
derselbe öffentlich aus, dass er ein Bastard sei. Als der Bastard 
weinte, sprach R. Ammi zu ihm: Ich habe dir Leben gegeben. 

58. (Fol. 79a.) Es heisst 2 Sam. 21, 3. 4: „Und der König 
sprach zu den Gibeoniten: Was soll ich euch thun und wodurch 
werde ich Sühne haben? Und segnet das Erbe des Ewigen. Und 
die Gibeoniten sprachen zu ihm: Es ist uns nicht um Gold und 
Silber mit Saul und seinem Hause zu thun, auch ist es uns nicht 
darum zu thun, einen Mann zu tödten in Israel u. s. w. Man gebe 
uns sieben Männer von seinen Söhnen und wir wollen sie aufhängen 
für den Ewigen am Hügel Sauls. Und der König sprach: Ich will 
sie geben." Er wollte sie besänftigen, sie Hessen sich aber nicht 
besänftigen. Da sprach er: Drei Merkmale bezeichnen diese Nation 
(die Israeliten), sie sind barmherzig, schamhaft und wohlthätig. Sie 
sind barmherzig, denn es heisst Deut. 13, 18: „Und er wird dir 
Erbarmen geben und wird sich deiner erbarmen." Sie sind scham- 
haft, denn es heisst Ex. 20, 17: „Damit seine Furcht (Ehrfurcht) 
auf eurem Angesichte sei." Sie sind wohlthätig, denn es heisst 
Gen. 18, 19: „Denn ich habe ihn zum Freunde erwählt und weiss, 
dass er seinen Kindern und seinem Hause nach ihm gebieten wird, 
den Weg des Ewigen zu beobachten, Recht und Wohthätigkeit zu 
üben." Wer diese drei Zeichen besitzt, ist würdig, dieser Nation 
sich anzuschliessen. Das. Y. 8: „Da nahm der König die beiden 
Söhne der Rizpa, Tochter Aja's, di6 sie geboren dem Saul, den Admoni 
und Mephiboscheth, und die fünf Söhne der Michal, der Tochter 
Sauls, die sie geboren dem Adriel, Sohn Barsillai, dem Mecholathi." 
Wozu nahm er gerade diese Kinder? Rab Huna hat gesagt: Er Hess 
sie vor der Lade vorübergehen, jeder, den die Lade festhielt (anzog), 
war zum Tode und jeder, den die Lade nicht fest hielt, war zum 
Leben bestimmt 

Da fragte Rab Ghana bar Ketiua: Es heisst doch das. Y. 7: 
„Und der König hatte Mitleid mit Mephiboscheth, dem Sohne Jona- 
thans, des Sohnes Sauls?" Antw.: Er liess ihn nicht vorübergehen. Da 
war doch Parteilichkeit dabei? Allein als er ihn vorübergehen liess 
und die Lade ihn festhielt, bat er um Erbarmen für ihn, und er 
entkam. Selbst jetzt (d. i. selbst in diesem Falle) war noch Partei- 
lichkeit dabei? Allein es ist so gemeint: Er bat für ihn um Er- 
barmen, dass ihn die Lade nicht festhalten sollte. 



I. Tractat Jebamoth. 31 

59. (Das.) Es heisst Deut. 24, 16: „Nicht sollen Väter getödtet 
werden um der Kinder willen.'* R. Chija bar Abba hat im Namen des 
B. Jochanan gesagt: Es ist besser, dass ein Buchstabe (ein Zeichen) aus 
der Thora gerissen wird, als dass der Name Gottes (des Himmels) 
öffentlich entweiht werde. Es heisst 2 Sam. 21, 10: „Und Rizpa, 
die Tochter Aja's nahm einen Sack und breitete ihn über den 
Felsen auS; vom Anfang der Ernte bis das Wasser vom Himmel 
auf sie herabstürzte und liess die Vögel des Himmels nicht auf 
ihnen ruhen bei Tage, noch die Thiere des Feldes bei Nacht." Es 
steht doch geschrieben Deut. 31, 23: „Sein Leichnam soll nicht über 
Nacht am Holze hängen?" Daraus folgerte R. Jochanan im Namen 
des R. Simeon ben Jehozadok: Es ist besser, dass ein Buchstabe 
aus der Thora ausgerissen wird, wenn der Name Gottes (des Him- 
mels) dadurch öffentlich geheiligt (verherrlicht) wird.^) Die Wan- 
derer (eig. die Vorüberziehenden und Kommenden) fragten nämlich: 
Was hat es für ein Bcwandtniss mit diesen (sc. Gehängten)? Die 
Antwort war: Es waren Königssöhne. Was haben sie denn gethan? 
Sie hatten ihre Hände gegen Fremde ausgestreckt, die unter den 
Israeliten wohnten. Da sprachen sie: Es giebt doch keine Nation, 
die so würdig wäre, sich ihr anzuschliessen wie diese; denn wenn 
schon Königssöhnen es so ergeht, um wie viel gemeinen (gewöhn- 
lichen) Menschen, und wenn schon wegen der Fremden, die unter den 
Israeliten wohnten, es so ergeht, um wie viel mehr wegen der Israe- 
liten selbst! Sofort kamen zu den Israeliten 150000 Proselyten 
hinzu, wie es heisst 1 Reg. 5, 29: „Und Salomo hatte 70000 Last- 
träger und 80 000 Steinhauer im Gebirge." 

60- (Fol. 90 b.) Es heisst Deut. 18, 16: „Auf ihn sollt ihr 
hören." Selbst wenn er (der Prophet) dir sagt: Uebertritt eins von 
allen Geboten, welche in der Thora sind, wie z. B. der Prophet 
Elia beim Berge Karmel,^) so sollst du, wenn er es nur für diese 
Zeit gebietet, ihm gehorchen? R. Elieser ben Jacob hat gesagt: Ich 
habe gehört, dass der Gerichtshof schlagen und strafen darf, selbst 
wenn es nicht von Rechtens ist, nicht um die Worte der Thora zu 
übertreten, sondern um einen Zaun um die Thora zu machen. Es 
begab sich einmal, dass ein Mensch auf einem Pferde ritt am Sab- 



^) Sinn: Es ist besser, dass ein Verbot der Tliora aufgehoben wird, wenn 
dadurch die VerheiTÜchung des Gottesnamens öffentlich bewirkt wird. 
") Er opferte daselbst, was doch verboten war. 



32 I* Tractat Jebamotli. 

bath in den Tagen der Griechen, ^) man brachte ihn vor den Gerichts- 
hof und steinigte ihn, nicht weil er es verdiente, sondern weil die 
Stunde es so forderte. Femer begab es sich einmal, dass ein 
Mensch seinem Weibe unter einem Feigenbaume beiwohnte. Da 
brachte man ihn vor den Gerichtshof und geisselte ihn, nicht weil 
er es verdiente, sondern weil die Stunde es forderte. 

61. (Fol. 93 a.) R. Jannai hatte einen Gärtner, welcher ihm an 
jedem Vorabend des Sabbaths einen Korb mit Früchten brachte. 
Einmal verspätete er sich und kam nicht Da nahm der Rabbi den 
Zehnten von den Früchten, welche er in seinem Hause hatte für 
sie*) xtnd erschien vor R. Chija. Dieser sprach zu ihm: Du hast 
schön gehandelt, denn wir haben die Ueberlieferung: Es heisst 
Deut 14, 23: „Auf dass du lernest den Ewigen, deinen Gott, fürch- 
ten alle Tage,'' womit die Sabbathe und Feiertage gemeint sind. 

63. (FoL 93b.) Wir haben die Ueberlieferung: Es heisst Deut. 
23, 16: „Du sollst nicht ausliefern einen Knecht an seinen Herrn." 
Rabbi sagt: Die Schrift redet davon: Wenn einer einen Knecht 
kauft unter der Bedingung, ihn frei zu lassen (so darf er nicht 
mit ihm arbeiten). Wie war die Bedingung? Rab Nachman bar 
Jizchak hat gesagt: Wenn er an ihn (den Knecht) schrieb: Sowie 
ich dich kaufe, siehe, so sollst du frei sein von jetzt ab. 

63. (FoL 96 b.) R. Eleasar ging und sagte einen Rechtssatz 
im Lehrhause,' ohne denselben im Namen des R. Jochanan anzu- 
führen. R. Jochanan hörte es und gerieth (über ihn) in Zorn. Da 
gingen R. Ammi und R. Assi zu ihm und sprachen zu ihm: Hat 
es sich denn nicht im Yersammlungshause zu Tiberias zugetragen 
mit einem Riegel, an dessen Spitze ein dicker Verschluss (Kopf) 
angebracht ist, worüber R. Elieser und R. Josse in Streit geriethen, 
bis sie eine Thorarolle in ihrem Zorn zerrissen. Sie sollen eine 
Thorarolle zerrissen haben? Ich sage vielmehr: Die Thorarolle ist 
durch ihren Zorn (ohne dass sie es beabsichtigten) zerrissen worden. 
R. Josse ben Kisma war da (zugegen) und sprach: Es soll mich wun- 
dern, wenn nicht dieses Yersammlungshans zum Hause eines Abgottes 
werden sollte! Und es geschah so. Da wurde R. Jochanan noch zor- 
niger und sprach: Nun kommt gar noch eine Genossenschaft dazu!') 



1) Wo die Griechen die Juden übei'wultigt hatten. 
') Für die, welche der Giülner briogeu sollte. 

s) Sinn: Ihr maclit meinen Schüler R. Eleasar zu einem Genossen von 
mir, dass ihr die Meinungsverschiedenheit zwischen mir und ihm mit dem Streite 



I. Tractat Jebamoth. 33 

Da giDg R. Jacob bar Idi zu ihm und sprach: Es steht geschrieben 
Jos. 11,15: „Wie der Ewige seinem Knechte Mose geboten, so gebot 
Mose dem Josua and so that Josna: er unterliess nichts von allem, 
was der Ewige dem Mose geboten." Sprach denn Josna in Bezug 
auf jedes Wort, das er redete, zu ihnen (den Israeliten): So hat 
mir Mose gesagt? Allein er sass und trug ungenannt (ohne Namen) 
vor und alle wussten, dass es die Thora des Mose war. So sitzt 
auch dein Schüler R. Eleasar und lehrt ungenannt (ohne deinen 
Namen zu nennen) und alle wissen, dass es deine Thora ist. Da 
sprach R. Jochanan zu ihnen: Warum versteht ihr nicht mich zu be- 
sänftigen, wie der Sohn Idi's, unser Genosse? Warum aber gerieth 
R. Jochanan so sehr in Zorn? Denn R. Jehuda hat im Namen 
Rabs gesagt: Was heisst das, was geschrieben steht Ps. 61, 5: „Ich 
werde wohnen in deinem Zelte in (beiden) Welten?" Ist es denn 
möglich, dass ein Mensch in zwei Welten zugleich wohnen kann? 
Allein David sprach also vor dem Heiligen, gebenedeiet sei er: Herr 
der Welt! möge es dir gefallen, dass man in meinem Namen in 
dieser Welt Lehren nachsage. R. Jochanan hat im Namen des 
R. Simeon ben Jochai gesagt: Jeder Schüler der Weisen (Gelehrte), 
in dessen Namen man in dieser Welt eine Lehre sagt, dessen 
Lippen bewegen sich im Grabe. 

R. Jizchak ben Sera, oder nach andern, R. Simeon Nesira hat 
gesagt: Welcher Schriftvers lehrt dies? Antw.: Cant. 7, 10: „Und 
dein Gaumen wie köstlicher Wein, der meinem Geliebten gerade 
hinuntergleitet, die Lippen der Schlafenden bewegend (nnin)." Sowie 
die Butte mit Trauben sobald ein Mensch seinen Finger darauf legt, 
sofort überfliesst (Min), so sind auch die Schüler der Weisen (Ge- 
lehrten), sobald man in ihrem Namen einen Lehrsatz in dieser 
Welt sagt, so bewegen sich (sprechen)^) ihre Lippen im Grabe. 

64. (Fol. 97 b.) Ein Proselyt, welcher ins Judenthum aufge- 
nommen worden, ist wie ein neugebomes Kind zu betrachten,^) 

65. (Fol. 101 ab.) Rab Joseph hat gesagt: Sowie der Gerichts- 



xwischen R. Eleasar und R. Josse vergleicht, welche Collegen waren und als 
solche niclit in Zorn miteinander geratlien durften. 

*) Die Parallele in Jer. Schek. III, 47a hat: mttfniO. Denselben Gedanken 
8. übrigens Sanh. Fol. 90 a und Bech. Fol. 31b. 

•) Der Sinn ist: Er hat g:ar keine Verwandtschaftsverhältnisse, weil mit 
dem Eintritte ins Judenthum alle seine früheren verwandtschaftlichen Beziehungen 
aufgehoben sind. 

Wftntche Der babylonische Talmad. 8 



34 '• Traclat Jebamoth. 

hof (die Richter) durch Gerechtigkeit rein sein muss, ebenso muss 
der Gerichtshof frei von allen Leibesfehlern sein, denn es heisst 
Gant 4, 7: „Ganz schön bist du, meine Freundin, kein Fehler ist 
an dir." 

66. (Fol. 103 ab.) R. Jochanan hat gesagt: Sieben Beischläfe 
hat jener Frevler (Sisera) an jenem Tage (mit der Jael) vollzogön, 
denn es heisst Jud. 5, 27: „Zwischen ihren Füssen hat er gekniet, 
er ist gefallen, er lag, zwischen ihren Füssen hat er gekniet, er ist 
gefallen; wo er gekniet hat, da ist er gefallen überwunden." Sie (Jael) 
hatte doch aber einen Genuss von der Sünde? R. Jochanan hat im 
Namen des R. Simeon ben Jochai gesagt: Alles Gute der Frevler 
ist bei den Gerechten etwas Böses, wie es heisst Gen. 31, 24 (Gott 
sprach zu Laban): „Hüte dich, dass du nicht redest mit Jacob 
weder Gutes noch Böses." Böses, gewiss, allein, warum nicht Gutes? 
Weil das Gute der Frevler bei den Gerechten etwas Schlechtes ist. 
Dort (bei Laban) ist es richtig, weil er vielleicht den Namen seines 
Abgottes erwähnt hatte, allein hier (bei Jael), welches Uebel (welches 
Böse) hat sie (von dem Beischlafe) gehabt? Weil er in sie Unreinig- 
keit (seinen verhassten Samen) warf; denn R. Jochanan hat gesagt: 
In der Stunde, da die Schlange zur Eva kam, warf sie Unreinigkeit 
in sie,^) als die Israeliten aber am Berge Sinai standen, da hörte 
ihre Unreinigkeit auf, bei den Völkern jedoch, die nicht am Berge 
Sinai gestanden haben, hört ihre Unreinigkeit nicht auf« 

67« (Fol 105b.) R. Chija und R. Simeon bar Rabbi sassen 
beieinander, der eine von ihnen begann und sprach: Wer betet, 
muss seine Augen nach unten (zum Boden des Landes Israel) wenden, 
denn es heisst 1 Reg. 9, 3: „Meine Augen und mein Herz sind dort 
(im Lande Israel) alle Tage." Der andere sprach: Er (der Betende) 
muss seine Augen nach oben richten, denn es heisst Thren. 3, 41: 
„Erheben wir unser Herz mit den Händen zu Gott im HimmeL" 
Inzwischen kam R. Ismael bar R. Josse und sprach zu ihnen: 
Womit seid ihr beschäftigt? Sic antworteten ihm: Mit dem Gebete. 
Er sprach zu ihnen: So hat mein Vater gesagt: Der Betende 
muss seine Augen nach unten (nach dem Lande Israel) und sein 
llcrz nach oben richten, um beide Schriftstellen zu bestätigen. 
Inzwischen kam Rabbi zur Akademie. Da sassen R. Chija und^R. 



1) Diese Stelle, die übrigens auch Schabb. Fol. 146a vorkommt, bietet 
einen Beweis für die Lehre von der Erbsünde. 



I. Tractat Jebamoth. 35 

Simeon, weil sie leicht (behend) waren, bereits auf ihren Plätzen, 
R. Ismael bar R. Josse aber, weil er schwer (beleibt), durchschritt 
die Reihen und ging allmählich (seinem Platze) zu. Da sprach 
Abadan: Wer schreitet über die Köpfe des heiligen Volkes? Da 
sprach er: Ich bin es, Ismael bar R. Josse, denn ich bin ge- 
kommen, um Thora aus dem Munde Rabbis zu lernen. Da sprach 
Abadan zu ihm: Bist du würdig, Thora aus dem Munde Rabbis zu 
lernen? Da sprach R. Ismael zu ihm: War denn Mose würdig, Thora 
aus dem Munde der Allmacht zu lernen? Da sprach Abadan zu 
ihm: Bist du denn Mose? worauf R. Ismael versetzte: Ist denn 
dein Lehrer Gott? Da sprach Rah Joseph: Rabbi hat bereits seine 
Vergeltung erhalten,^) weil R. Ismael gesagt hatte: Ist denn dein 
Lehrer Gott, und nicht gesagt hatte: Mein Lehrer. Inzwischen kam 
eine Jebama vor Rabbi, um die Chaliza zu nehmen. Da sprach 
Rabbi zu Abadan: Geh und untersuche (ob sie schon die Pubertät 
erlangt hat). Nachdem Abadan hinausgegangen war, sprach R. Ismael 
bar R. Josse zu Rabbi: Also hat mein Vater gesagt: In dem Ab- 
schnitte, welcher von der Chaliza handelt, heisst es nur: md'^k. Mann 
(d. i. der Jabam, welcher die Chaliza vollziehen lässt, muss puber 
sein), das Weib aber (das die Chaliza nimmt) kann gross oder klein 
sein. Da sprach Rabbi zu Abadan: Kehre zurück, du brauchst 
die Jabama nicht zu untersuchen. Der alte (R. Josse) hat bereits 
entschieden. Da wollte Abadan zwischen den Schülern hindurch- 
schreiten und sich auf seinen Platz begeben. R. Ismael bar R. Josse 
aber sprach zu ihm: Derjenige, dessen das heilige Volk bedarf, darf 
über die Häupter des heiligen Volkes schreiten, der aber, dessen 
das heilige Volk nicht bedarf, wie darf er über die Köpfe des 
heiligen Volkes hinwegschreiten! Da sprach Rabbi zu Abadan: 
Steh auf deinem Platze. Es ist gelehrt worden: In diesem Augen- 
blicke wurde Abadan aussätzig, seine beiden Söhne ertranken und 
seine beiden Schwiegertöchter übten den M^un aus.*) Rab Nach- 
man bar Jizchak hat gesagt: Gepriesen sei der Allbarmherzige, der 
den Abadan auf dieser Welt so beschämt hat (dass er nicht in der 
künftigen Welt brauchte bestraft zu werden). 



1) Weil er den Streit der Schüler hörte und schwieg. 

•) M6un (pH^ö) Weigerung. Wenn eine minderjährig-e vaterlose Waise 
durch ihre Mutter oder ihre Brüder verheirathet wurde, kann sie, gi'ossjährig 
geworden, beim Gerichte die Scheidung von ihrem Manne beantragen. Dieser 
Act lieisst M^un, Weigerung. 

3* 



36 I. Tractat Jebamotli. 

68. (Fol. 107b u. 108a.) Rab Jehuda hat gesagt, oder, wie 
manche sagen: In einer Baraitha ist gelehrt worden: Früher schrieb 
man eine M^un-Urknnde auf folgende Weise: Ich mag ihn (diesen 
Mann) nicht, ich habe kein Gefallen an ihm nnd ich will mich 
nicht mit ihm verheirathen. Als man jedoch später diese Formel 
(Redeweise) zu gross fand und Bedenken trug, dass man ein solches 
Docoment mit einem Scheidebriefe verwechseln könnte,^) so führte 
man folgende Formel ein: An dem nnd dem Tage erklärte die und 
die, Tochter des und des in unsrer (der Richter) Gegenwart die 
Eheverweigerung. 

69. (Fol. 108b.) Folgendes gilt als Regel: Eine Frau, deren 
Ehescheidung der Eheverweigerung (M6un) folgte, darf ihren früheren 
Mann nicht wieder heirathen; dagegen eine Frau, deren Eheverwei- 
gerung nach der Ehescheidung folgte, darf ihren früheren Mann 
wieder heirathen. 2) 

70« (Fol. 109 ab.) Es ist gelehrt worden: Bar Eapara sagte: 
Immer soll sich der Mensch an drei Dinge hängen und von drei 
Dingen sich entfernen. Er soll sich an drei Dinge hängen, nämlich 
Chaliza zu geben, Frieden zu vermitteln und Gelübde zu lösen. 
Chaliza zu geben, wie Abba Schaul, denn wir haben die lieber- 
lieferung: Abba Sani sagte: Wer eine Jebama heirathet, entweder 
weil sie schön, oder weil er sie zum Weibe haben will, oder sei es 
wegen einer anderen Sache, so das ist so, als triebe er Blutschande 
und es ist mir wahrscheinlich, dass er mit ihr einen Bastard er- 
zeugt. Frieden zu vermitteln, denn es steht geschrieben Ps. 34, 15: 



^) Sinn: Ein unwissender Schreiber konnte eine solche Formel auch bei 
Ehescheidungen in Anwendung bringen. 

-) Sinn: „Wenn die durch Mutter und Bruder verheirathete Unmündige 
die Ehe verweigert, darauf aber wieder denselben Mann heirathet und später 
Ton ihm durch einen Scheidebrief geschieden wurde, so darf sie, wenn sie in- 
zwischen an einen andern Mann verheirathet war und von ihm geschieden oder 
verwittwet wurde, den fi'ühem Mann, obgleich sie noch immer unmündig ist, 
doch nicht wieder heirathen. Denn durch den Scheidungsact wurde sie gleich- 
sam als eine Majorenne behandelt, infolgedessen das Verbot Deut. 24 ff. auf ihr 
haftet. Wenn sie hingegen vom ersten Mann zuvor durch einen Scheidebiief 
geschieden, und, nachdem er sie wieder zurückgenommen, durch eine Weigerungs- 
erklärung von ihm fortgegangen ist, so dai*f sie, wenn sie inzwischen anderweit 
verheirathet und dann wieder geschieden oder verwittwet wurde, ihren frühem 
Mann wieder heirathen; denn dm-ch die Eheverweigerung hat sie sich wieder 
als eine Unmündige zu erkennen gegeben, infolgedessen jene vorangegangene 
Ehescheidung gleichsam annullirt wurde.*' 



I. Tractat Jebamoth. 37 

„Sache den Frieden und jage ihm nach." R. Abahu hat gesagt: Man 
kann von dem einen Worte nD-^n^ auf das andere Wort ncJi*? 
schliessen.^) Hier heisst es: ,,Suche den Frieden und jage ihm nach 
(inci^i)" und dort Prov. 21, 21 heisst es auch: „Wer nach Ge- 
rechtigkeit und Liebe strebt (qTi^), findet Leben, Gerechtigkeit und 
Ehre." Gelübde zu lösen, wie R. Nathan gesagt hat; denn wir 
haben die Ueberlieferung: R. Nathan sagte: Wer Gelübde leistet, 
^It so, als wenn er eine Anhöhe (Bama)^) erbaute, und wer sie bestehen 
lässt, gilt so, als wenn er ein Opfer darauf darbrächte. Und er 
£oll sich von drei Dingen fem halten: Von der Eheverweigerung, 
der Empfangnahme zur Aufbewahrung gegebener Güter und von 
Bürgschaftleistung. Yon der Eheverweigerung (d. i. dem Fnnctioniren 
als Richter bei solcher Verhandlung), denn das Weib könnte, wenn 
sie gross (älter) geworden, vielleicht ihre Weigerung bereuen. Von 
der Empfangnahme zur Aufbewahrung gegebener Güter, das ist 
aber nur der Fall, wenn beide in einer Stadt wohnen, weil dieser 
sein Haus wie sein eigenes Haus betrachtet (er könnte demnach 
die aufbewahrte Sache herausnehmen und sie von ihm nochmals 
verlangen). Vor Bürgschaftsleistung, das geht aber nur auf Bürgen 
von Schalzion; denn R. Jizchak hat gesagt, was heisst das, was 
geschrieben steht Prov. 11, 15: „Zerrüttet wird er, wenn er sich 
verbürgt für einen Fremden; wer aber das Handeinschlagen hasset, 
ist sicher?" Antwort: Unglück (Böses) über Unglück wird die 
treffen, welche Proselyten aufnehmen; denn R. Chelbo hat gesagt: 
Unheilvoll sind die Proselyten für Israel, wie ein Aussatz (Krebs- 
schaden) an der Haut. Femer die Bürgen von Schalzion, wo man 
den Schuldner frei lässt und den Bürgen ergreift 

71. (Fol. 118 b.) Resch Lakisch hat gesagt: Es ist besser zu 
zweien (gepaart),^) als im Wittwenstande zu leben.') 

72. (Das.) Abaji hat gesagt: Ist der Mann auch nur so gross 
wie eine Ameise, so setzt sich die Frau dennoch zwischen die Vor- 
nehmen hin. Rab Papa hat gesagt: Ist der Mann auch nur ein 
Wollkämmer (eig. mag er nur Wolle ausbreiten), so ruft ihn die 
Frau dennoch wohlgemuth vor die Schwelle des Hauses und setzt 



*) Ein Sohluss nach der Wortanalogie (njt^ 7\y\i\ 

•) D. i. eine Opferstatte ausser dem Ceutral-Heiligthum, die verboten war. 



o ^ 



•) ^^Oi pers. y> ^' eig. zwei Personen, selbander. 
^) Dieselbe Sentenz s, Kethub. Fol. 75 a. 



38 '• Tractat Jebamoth. 

sich neben ihn.^) Rab Asche hat gesagt: Ist der Mann auch nur 
ein Feldhüter, so ist die Frau doch zufrieden und verlangt nicht 
einmal ein Linsengericht Ton ihm. 

73. (Fol. 120a.) (Wenn eine Frau, deren Mann fortgegangen 
ist, behauptet, er sei gestorben und Zeugen aussagen,) sie haben 
die Stirn der Leiche, aber nicht das Gesicht derselben gesehen, 
oder: sie haben das Gesicht, nicht aber die Stirn gesehen, so ist 
ein solches Zeugniss so lange mangelhaft, bis sie bezeugen, sie haben 
beides (Stirn und Gesicht) sammt der Nase gesehen.^) 

74. (Fol. 121a.) Wir haben die Ueberlieferung: R. Gamliel 
hat gesagt: Einmal befand ich mich in einem Schiff und sah ein 
anderes Schiff im Meere untergehen. Ich grämte mich wegen eines 
Schülers der Weisen (Gelehrten), welcher sich auf dem Schiffe befand, 
es war dies R. Akiba. Als ich wieder ans Land stieg, da kam 
derselbe, liess sich nieder und entschied vor mir betreffs einer 
Halacha. Ich fragte ihn: Mein Sohnl wer hat dich herauf (aus 
dem Abgrunde) gebracht? Er antwortete mir: Ein Brett des Schiffes 
fügte sich mir zu und vor jeder Welle, die über mich trieb, schüt* 
telte (beugte) icli mein Haupt. Von hier haben die Weisen gesagt:^) 
Wenn Frevler über einen Menschen kommen, so schüttle (beuge) 
er vor ihnen sein Haupt 

76. (Das.) Wir haben die Ueberlieferung: R. Akiba hat ge- 
sagt: Einst befand ich mich in einem Schiffe und ich sah ein an- 
deres Schiff im Meere zerbrechen. Ich grämte mich wegen eines 
Schülers der Weisen (Gelehrten), welcher sich darin befand, es 
war dies R. Melr. Als ich in Eappadocien ans Land stieg, da 
kam derselbe, liess sich nieder und entschied vor mir betreffs 
einer Halacha. Ich fragte ihn: Wer hat dich heraufgebracht? Er 
antwortete mir: Eine Welle trieb mich zur anderen und diese wieder 
zur anderen, bis sie mich ans Land spieen. 

76. (Fol. 121b.) Es heisst Ps. 50, 3: „Und rings um ihn 
stürmt es sehr (nnyM:5)." Daraus geht hervor, dass es der Heilige, 
gebenedeiet sei er! mit denen, die rings um ihn sind (ihm als 



') Die Frauen sind zufncden, wenu sie sich verheirathen köiineu, wenn 
der Mann auch keine vornehme Besciiuftigung liat. Dieselbe Sentenz s. aucii 
Kethub. Fol. 75a, 

-') Vergl. Levy, Neuhebr. WB. IV, S. 9. 

'^) Daraus haben sie den Lehrsatz entnommen.. 



I. Tractat Jebamotli. 39 

Fromme gleichsam nahestehen), bis aufs Haar (n^r^n üinD) ^) genau 
nimmt. R. Cbanina beweist es von dort s. das. 89,8: „Gott ist sehr 
erschrecklich im Rathe der Heiligen und furchtbar allen, die ihn 
umgeben."*) 

77« (Fol. 122 a.) Mischna, Man kann den tod eines Menschen 
bezeugen, selbst wenn man ihn nur bei Lampen- oder Mondschein 
gesehen hat Man gestattet einer Frau zu heirathen, wenn auch nur 
eine Himmelsstimme den Tod des Mannes bezeugt. Einst rief jemand 
von einer Bergspitze herunter: Der und der Mann von der und der Stadt 
ist gestorben! Man ging hinauf, fand aber niemand oben, und dennoch 
gestattete man der Frau zu heirathen. Ein anderer Fall ereignete 
sich in Zalmon, dass einer ausrief: Ich, Der und Der, Sohn Des 
und Des, bin von einer Schlange gebissen worden und muss sterben. 
Man ging hin, und, obwohl man ihn nicht wieder erkannte, erlaubte 
man doch seiner Frau, sich wieder zu verheirathen. 

Gemara. Rabba bar Samuel hat gesagt: Es ist gelehrt worden: 
Nach der Schule Schammai's darf die Frau nicht wieder heirathen 
auf eine Himmelsstimme hin, dagegen nach der Schule Hillers darf 
sie auf eine Himmelsstimme hin sich wieder verheirathen. In der 
Mischna heisst es: Man ging hin und fand nichts. Vielleicht 
war es ein Dämon. Rab Jehuda hat im Namen Rabs gesagt: Man 
sah die Gestalt eines Menschen.^) Aber sie (die Dämonen) nehmen 
doch zuweilen Menschengestalt an? Man sah auch den Wiederschein 
eines Menschen. Aber sie haben doch einen Wiederschein? Man 
sah vielleicht den Wiederschein eines Wiederscheins. Aber vielleicht 
haben sie auch den Wiederschein eines Wiederscheins? Darauf sagte 
R. Chanina: Mir hat der Dämon Jonathan gesagt: Die Dämonen 
haben zwar einen Wiederschein, aber sie haben keinen Wiederschein 
des Wiederscheins. 



*) Ein unübersetzbares Wortspiel mit n*^^i und nij?vn. Nacli der Auf- 
fassung des Talmuds ist der Psalmvers zu übersetzen: „Und nngs um ihn wird 
es bis aufs Haar genau genommen." 

*) Nach Baba kamma Fol. 50a, wo dieselbe Stelle vorkommt, wird dieser 
Beweis dem R. Nechui\ja in den Mund gelegt. 

3) Wortlich: Man sah an ihm (dem Rufenden) das Aussehen eines Men- 
schen. 



40 II* Tractat Ketimboth. 

IL TßACTAT KETHÜBOTH 

ODER 

VON DEN EHEPACTEN.i) 



1« (Fol. 5 a.) Bar Kapara hat vorgetragen: Das Werk der Ge- 
rechten ist grösser als das Werk von Himmel und Erde. Bei dem 
Werke von den Himmeln steht Jes. 48,13: „Ja, meine Hand hat ge- 
gründet die Erde nnd meine Rechte ausgespannt die Himmel/' dagegen 
bei dem Händewerke der Gerechten heisst es Ex. 15, 17: „Die Stätte, 
die du zu deinem Sitze gemacht, Ewiger, das Heiligthum, Ewiger, 
das deine Hände aufgerichtet" Da stellte ein Babylonier Namens 
R. Chija die Frage: Es heisst Ps. 95, 5: „Und das Trockne haben 
seine Hände gebildet." Es heisst in^, seine Hand (nicht i"»!^). Es 
heisst doch aber: i^^^, sie haben gebildet? Da sprach Rab Nach- 
man bar Jizchak: Seine Finger haben gebildet, wie es heisst das. 
8, 4: „Wenn ich deine Himmel sehe, das Werk deiner Finger." 
Es heisst doch aber das. 19, 2: „Die Himmel erzählen die Herr- 
lichkeit Gottes und das Werk seiner Hände thut die Yeste kund?" 
Damit ist das Händewerk der Gerechten gemeint Wer thut es kund? 
Die Yeste. Wieso? Es kommt (auf das Gebet der Gerechten) Regen 
herab. 

2« (Fol. 5 ab.) Bar Eapara trug vor: Was heisst das, was 
geschrieben steht Deut 23, 14: „Und einen Spaten sollst du dir 
halten bei deiner Rüstung (^3Tfi( br)?" Lies nicht: ^^ifi^, deine 
Rüstung, sondern: ^"^^T^Q hy, an deine Ohren. Das will sagen: 
Wenn der Mensch etwas Unanständiges hört, so soll er seinen 
Finger in seine Ohren stecken. 

In der Schule des R. Ismael ist gelehrt worden: Warum ist 
das ganze Ohr hart und das Ohrläppchen weich? Damit der 
Mensch, wenn er etwas Unanständiges hört, das Ohrläppchen in 
dasselbe hineinbiege.') 



1) Dieser aus 13 Capiteln bestellende Tractat liandeit zunächst von den 
üblichen Formeln des verschriebenen Frauengutes, die bei der Heirath einer 
jeden Frau seitens des Mannes ein bestimmtes Vermögen überweisen, auf wel- 
ches sie Ansprüche haben soll; sodann werden die meisten Gesetze, welche die 
£1)6 betreffen, besonders die Frauenrechte, zusammengestellt. 

*) Und so sein Ohr verschliesse. 



II. Tractat Kethuboth. 41 

Die Rabbinen haben gelehrt: Der Mensch lasse seine Ohren 
nie eitle (nichtige) Worte (leeres Geschwätz) hören, denn sie brennen 
zuerst unter den (allen) Gliedern. 

3. (Fol. 7b.) Rab Nachman hat gesagt: R. Huna bar Nathan 
sprach zu mir: Es ist gelehrt worden: Woher lässt sich beweisen, 
dass bei dem Segensspruch bei Hochzeiten zehn Personen zugegen 
sein müssen? Weil es heisst Ruth 4, 2: „Und er (Boas) nahm zehn 
Männer von den Aeltesten der Stadt." R. Abahu bringt den Beweis 
von Ps. 68, 27: „In Versammlungen preiset Gott, den Ewigen, aus 
dem Quell Israels." Wie deutet Rab Nachman den Vers des R. 
Abahu? Er bedarf dessen zu dem, was wir gelehrt haben. R, 
Melr sagte: Woher wissen wir, dass selbst die Kinder im Leibe 
ihrer Mutter das Lied am Meere angestimmt haben? Weil es heisst: 
„In Versammlungen preiset Gott, den Ewigen, aus dem Quell Israels." 

4. (Fol. 7bu.8a.) Welche SegenssprOche spricht man (bei Hoch- 
zeiten)? Nach R. Jehuda spricht man: Gepriesen seist du, Ewiger, 
unser Gott, König der Welt, dem alles, was er erschaffen hat, zu 
seiner Verherrlichung gereicht; welcher den Menschen in seinem 
Bilde, im Bilde der Gottähnlichkeit gebildet und aus ihm ein 
dauerndes Gebäude^) für ihn aufgeführt hat Gepriesen seist du. 
Ewiger, Schöpfer des Menschengeschlechts! 

Es freuet sich, es frohlocket die, welche ihrer Kinder beraubt 
gewesen, wenn diese sich wieder um sie in Freude schaareu. Ge- 
priesen seist du. Ewiger, der Zion mit ihren Kindern erfreut! 

Erfreue dieses sich innig liebende Paar, wie du deine Gebilde 
im Garten Eden erfreut hast! Gepriesen seist du. Ewiger, der 
Bräutigam und Braut erfreut! 

Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt! der 
du Wonne und Freude, Bräutigam und Braut, Jubel, Lebenslust, 
Tanz und Frohsinn, Liebe, Brüderlichkeit, Frieden (Eintracht) und 
Freundschaft ins Dasein gerufen hast. Möchte doch bald. Ewiger, 
unser Gott, in den Städten Juda's, in den Strassen Jerusalems die 
Stimme der Wonne, die Stimme der Freude, die Stimme des Bräuti- 
gams, die Stimme der Braut, die Stimme (der rauschende Jubel) der 
aus ihrem Brautgemache einherziehenden Bräutigame und der Gesang 
von Gastmählern heimkehrenden Jünglinge vernommen werden! Ge- 
priesen seist du. Ewiger, der den Bräutigam mit der Braut erfreut! 



1) Nämlich die Frau. 



42 U. Tractat Kethubotli. 

5« (Fol. 8 b.) Hab Ghija bar Abba unterrichtete die Kinder 
des Rescli Lakisch in der heiligen Schrift, oder, wie andere sagen, 
in der Mischna. Als letzterem ein Kind gestorben war, ging 
ersterer nicht gleich am ersten Tage, sondern erst am darauf folgen- 
den Tag zu ihm (in das Trauerhaus), wo er dessen Dolmetscher 
Jehuda bar Nachman) aufforderte, etwas über den Tod des Kindes 
vorzutragen. Dieser begann: Es heisst Deut. 32, 19: „Das sah der 
Ewige und zürnte ob des Zornes seiner Söhne und Töchter ,^^ was 
sagen will: In dem Zeitalter, in welchem die Väter den Heiligen^ 
gebenedeiet sei er! erzürnen, lässt er seinen Zorn an ihren Söhnen 
und Töchtern aus, dass sie sterben, wenn sie noch klein sind. An- 
dere sagen: Der Hingeschiedene war ein Jüngling, und der Redner 
begann mit Jes. 9, 16: „Darum freut sich der Ewige nicht über 
seine Jünglinge, und seiner Waisen und seiner Wittwen erbarmt er 
sich nicht; denn alle sind sie heuchlerisch, und vom Argen und 
Schändlichen redet jeder Mund. Bei all dem wendet sich nicht 
sein Zorn, und noch ist seine Hand ausgestreckt" Was heisst das: 
„Und noch ist seine Hand ausgestreckt?'^ Rab Chanan bar bar 
Rab hat gesagt: Alle wissen warum die Braut in das Braut gemacb 
geführt wird, dennoch aber, wessen Mund Schmutziges redet und 
Schmutziges ausgehen lässt, dessen Glück, und wenn es auf 70 Jahre 
ihm besiegelt worden wäre, wird in Unglück über ihn verwandelt. Er 
kam zu trösten und vermehrte noch den Kummer (die Betrübniss)? Du 
bist, meinte er zum Vater (oben bei Gott) so geachtet, dass du für das 
ganze Geschlecht in Anspruch genommen wirst. Darauf sprach er zu 
ihm: Trage nun auch etwas zum Lobe des Heiligen, gebenedeiet sei 
er! vor. Er begann: Gott, der gross ist in der Fülle seiner Grösse^ 
mächtig und stark in der Fülle der furchtbaren Erscheinungen, der 
durch sein Wort die Todten belebt, der Grosses thut, was nicht zu 
erforschen, und Wunder ohne Zahl, gebenedeiet seist du. Ewiger, der 
die Todten belebt! Darauf sprach er zu ihm: Trage nun auch etwas 
Tröstliches den Trauernden vor! Er begann: Brüder, die ihr durch 
diese Trauer gequält und zerknirscht seid, bedenkt doch, dass das 
Verhängniss ewig besteht und schon von den sechs Schöpfungstagen an 
feststeht.^) Viele haben bereits getrunken (aus dem Kelche), viele 
werden noch daraus trinken; wie das Mahl der Altvordern, so ist das 
Mahl der Späteren. Brüder! möge der Herr der Tröstungen auch 



') Dass der Tod ein allgemeines Naturgesetz ist. 



II. Traclat Kethubotli. 43 

€uch trösten! Gepriesen sei der Tröster der Trauernden! Nach 
Abaji soll man die Worte: Viele haben getmnken, sagen, dagegen 
die Worte: Viele werden trinken, soll man nicht sagen; ebenso 
die Worte: Wie das Mahl der Altvordern, dagegen die Worte: 
Ebenso das Mahl der Späteren, soll man nicht sagen, denn R. Si- 
meon ben Lakisch hat gesagt and ebenso ist im Namen des R. 
Josse gelehrt worden: Nie thue der Mensch seinen Mnnd dem 
Satan auf! — Darauf sprach man zu ihm: Trage etwas den Trösten- 
den der Trauernden vor! Er begann: Euch, ihr Brüder, Liebesdienst- 
freunde, Nachkömmlinge von Liebesdienst Erweisenden, die ihr fest- 
haltet an dem Bunde unseres Vaters Abraham, denn es heisst Gen. 
18, 19: „Denn ich weiss von ihm, dass er es seinen Kindern 
nach ihm hinterlassen wird,^' Brüder, möge der Herr der Vergel- 
tung euch eure Liebesdienste belohnen! Gepriesen seist du, der 
du Vergeltung belohnt! Zum Schlüsse sprach er zu ihm: Trage 
auch etwas zum Besten von ganz Israel vor. Er begann: Herr 
der Welten! erlöse und befreie, errette und schaffe Hilfe deinem 
Volke von der Pest, dem Schwerte, der Plünderung, dem Brande 
des Getreides und dem Hinwelken (Gelbwerden) der Gewächse 
und von allen Arten von Strafen, die in der Welt umhertoben; ehe 
wir rufen, antworte! Gepriesen seist du, der der Plage Einhalt 
gebietet! 

6. (Fol. 10 b.) Einmal kam ein Mann vor Rabbi Gamliel bar 
Rabbi und sprach zu ihm: Rabbi! ich habe meine Frau beschlafen 
und nicht Blut gefunden. Sie aber sprach zu ihm: Rabbi! ich bin 
noch Jungfer. Darauf sprach der Rabbi zu ihnen: Bringet mir zwei 
Mägde, eine, die noch Jungfrau ist und eine, die bereits beschlafen 
worden (die verehelicht) ist. Sie brachten ihm dieselben und er 
liess sie auf ein Weinfass sich setzen. Bei der Beschlafenen ver- 
breitete dasselbe einen Duft, dagegen bei der Jungfrau verbreitete 
dasselbe keinen Duft. Darauf liess er auch die Frau auf das Wein- 
fass setzen und es verbreitete keinen Duft Da sprach er zu dem 
Manne: Geh, nimm Besitz von deinem Kaufe. 

7. (Das.) Ein Mann kam einst vor Rabban Gamliel den Alten 
und sprach zu ihm: Rabbi! ich habe meinem Weibe beigewohnt, 
habe aber kein Blut gefunden. Das Weib aber sprach zu ihm: 
Rabbi! ich bin von der- Familie, deren Frauen an Blutmangel 
leiden, also weder menstruiren, noch das Blut der Jungfrauschaft 
haben. Rabban Gamliel stellte Nachforschungen bei ihren Ver- 



44 II. Tractat Kelliuboth. 

wandten an and fand, dass es sich so verhielt, wie sie gesagt 
hatte. Er sprach daraof zn dem Manne: Geh, nimm von deinem 
Kaufe Besitz! Heil dir, dass da za einer Familie, deren Fraaen an 
Blatmangel leiden, gelangt bist! Was bedeutet -^tsp^-n (eig. ausge- 
trocknet, saftlos)? Antwort: Es bedeutet soviel wie yiap ^n, eine 
abgeschnittene Generation. 

8. (Fol. 16 b u. 17 a.) Die Rabbinen haben gelehrt: Was sagt 
man beim Tanze vor der Braut? Die Schule Schammai's sagt: Je- 
nachdem die Braut ist.^) Die Schule HilleFs dagegen sagt: (Man ruft 
der Braut dabei zu:) schöne, liebenswürdige Braut! Da wendet aber 
die Schule Schammai's der Schule Hillers ein: Wie dann, wenn sie 
lahm oder blind ist, kann man dann auch zu ihr sagen: Schöne, 
liebenswürdige Braut? Die Thora sagt doch Ex. 23, 7: „Von einer 
lügenhaften Sache halte dich fern?*' Die Schule Hillers antwortete 
darauf: Nach euren Worten (d. i. zugegeben), wer einen schlechten 
Kauf auf dem Markte gemacht hat, soll man ihn vor seinen Augen 
loben oder tadeln?') Doch wohl loben! Daher haben die Weisen 
gesagt: Immer sei die Sinnesart (Denkart) des Menschen angenehm 
mit den Leuten.^) Als Bab Dimi kam sprach er: Im Abend- 
lande wird vor der Braut gesungen: Sie bedarf nicht der Schminke 
(der Augen), nicht des Bemalens (Färbens des Gesichts) und nicht 
des Lockengekräuseis, und sie ist doch eine anmuthige Gemse. ^) 
Als die Babbinen den B. Sera autorisirten, sangen sie gleichfalls 
vor ihm: Keine Augenschminke, kein Färbemittel fürs Gesicht, kein 
Lockengekräusel und dennoch eine anmuthige Gemse. ^) Als unsere 
Rabbinen den R. Ammi und R Assi autorisirten, sang man vor ihnen: 
Solche (Gelehrte) wie diese sind. Solche (Grelehrte), wie diese sind, 
autorisirt uns, nicht autorisirt uns von den Geschwätzigen noch von 
den Verkehrten. Manche sagen: Nicht von den Halb wissem (semisses) 
noch von den Drittelwissem (tremisses, unvoUkonunenen Gelehrten). 



^) Raschi: Jenachdem ihre Schönheit und ihre Voi*züge sind. 

') D. i. wie wurde man sich nach euei*n Worten gegen den zu verlialten 
haben, der u. s. w. 

') D. i. man soll den Menschen zu Liebe leben und mit ihnen überein- 
stimmen. 

^) Sinn: Obgleicli sie alles äusseren Glanzes baar ist, so ist sie doch 
scliön und anmuthig. 

^) Trotz des Mangels an uasserem (jlanze ist er doch ein grosser Gelelirter, 
Derselbe Satz findet sich übrigens auch Sanh. Fol. 14 a« 



IL Tractat Ketbuboth. 45 

Wenn R. Abahu aus der Akademie in das Haus des Kaisers 
zu kommen pflegte, zogen die Mägde des Kaiserhauses heraus ihm 
entgegen und sangen vor ihm: Grosser seines Volkes und Leiter 
seiner Nation, glänzende Leuchte! Gesegnet sei dein Kommen in 
Frieden! 

9. (Fol. 17a.) Von R. Jehuda bar Hai wird erzählt, dass 
er einen Myrtenzweig nahm, vor der Braut tanzte und rief: Schöne, 
liebenswürdige Braut! Rab Samuel bar Jizchak pflegte vor der 
Braut mit drei Mjrtenzweigen zu tanzen. Da sprach R. §era: Der 
Alte beschämt uns!^) Als er (Rab Samuel) verschieden war, kam 
eine Feuersäule herab und stellte sich zwischen ihm und alle Men- 
schen. Und wir haben gelernt, dass eine Feuersäule nur dann herab- 
kommt, wenn es nur einen oder zwei (vorzügliche) Menschen in einem 
Geschlechte giebt. Da sprach R. Sera: Der Myrtenzweig hat dem 
Alten dazu verholfen. Manche sagen (dass R. Sera gesagt habe): 
Die Führung hat dem Alten dazu verholfen. Noch andere sagen 
(das R. Sara gesagt habe): Die Narrheit hat dem Alten dazu verholfen. 

Rab Acha nahm die Braut sogar auf seine Schultern und 
tanzte mit ihr. Da sprachen unsere Rabbinen zu ihm: Dürfen wir 
auch also thun? Er sprach zu ihnen: Wenn sie euch gleicht 
wie ein Balken, dann ist's erlaubt, wenn nicht, so dürft ihr nicht 
so thun. R. Samuel bar Nachmani hat im Namen des R. Jonathan 
gesagt: Es ist gestattet, das Antlitz der Braut die ganzen sieben 
Tage zu betrachten, um sie bei ihrem Manne beliebt zu machen. 
Doch die Regel ist nicht also. 

10. (Fol. 30 ab.) R. Joseph hat gesagt und ebenso ist von R. 
Chi ja gelehrt worden: Obwohl seit dem Tage der Zerstörung des 
Heiligthums das Synedrium aufgehört hat, so haben doch die vier 
Todesstrafen nicht aufgehört! Haben sie nicht aufgehört? Sie haben 
doch aufgehört? Allein das Recht der vier Todesstrafen hat nicht 
aufgehört Wer der Steinigung sich schuldig gemacht hat, fällt ent- 
weder vom Dache, oder ihn zertritt ein wildes Thier. Wer der 
Verbrennung (des Feuertodes) sich schuldig gemacht hat, fällt ent- 
weder in einen Brand,*) oder eine Schlange beisst ihn. Wer der 
Hinrichtung durch Schwert sich schuldig gemacht hat, wird entweder 
der Regierung überliefert, oder er wird von Räubern überfallen. 



1) Es ziemt ^ich nicht für einen Gelebrten zu tanzen. 
*) D. i. er kommt bei einer Feaersbrunst um. 



46 H. Tractat Ketliubotli. 

Wer endlich der Erdrosselung sich schuldig gemacht hat, ertrinkt 
entweder in einem Flusse oder er stirbt an Erstickung^) (inner- 
licher Erwürgung)? 

11. (Fol. 49b.) Wenn Väter vor R. Jehuda kamen, die ihre 
Kinder nicht ernähren wollten, sprach er zu denselben: Der Drache 
zeugt Kinder und wirft sie auf die Stadtbewohner. Wenn solche 
Yäter vor Rab Chisda kamen, sprach er: Stülpt einen Mörser 
auf öffentlichem Platze um, lasset ihn darauf sich stellen und aus- 
rufen: Der Rabe liebt seine Jungen, dieser Mann aber liebt nicht 
seine Kinder. 

12. (Fol. 50a.) R. Hai hat gesagt: (Die Weisen) in Uscha haben 
verordnet: Wer verschwenden (d. i. zu wohlthätigen Zwecken reich- 
lich geben) will, darf nicht mehr als den fünften Theil seines Ver- 
mögens verschwenden (weggeben). Es ist auch also gelehrt worden: 
Wer verschwenden will, darf nicht mehr als den fünften Theil seines 
Vermögens verschwenden, vielleicht könnte er selbst der (Hilfe der) 
Menschen bedürftig werden. Es traf sich einmal, dass einer mehr 
(als den fünften Theil seines Vermögens zu wohlthätigen Zwecken) 
verschwenden wollte, sein Genosse Hess es ihm aber nicht zu. Es 
war R. Jeschebab, andere aber sagen: R. Jeschebab wollte so thun 
und sein Genosse liess es ihm nicht zu. Es war R. Akiba. R. 
Nachman, oder, wie manche sagen, Rab Acha bar Jacob hat gesagt: 
Welche Schriftstelle lehrt dies? Antw.: Gen. 28, 22: (Jacob sprach 
zu Gott:) „Und alles, was du mir giebst, will ich dir doppelt 
verzehnten {^^y und "^s^icün)." Das andere Zehntel ist doch nicht 
gleich dem ersten Zehntel?^ Darauf hat Rab Asche gesagt: Es 
heisst nicht: ^\cy« ^«:5^, sondern is^^y» ^Tcy, so hat Jacob ge- 
meint, das andere Zehntel sei eben so viel wie das erste. 

13. (Das.) Rab Jizchak hat femer gesagt: (Die Weisen) in 
Uscha haben verordnet, dass ein Vater mit seinem Sohne sich be- 
mühen soll (um ihn gut zu erziehen) bis er zwölf Jahre alt ist, von 
da ab und weiter soll er ihm aufs Leben gehen (d. i. ihn schlagen 
u. s. w.). Rab hat doch aber zu Rab Samuel bar Schilath gesagt: 
Ein Kind bis zu sechs Jahren sollst du nicht annehmen, ist es aber 
sechs Jahr, so nimm es an und reiche ihm Lehren zu verdauen 



1) Vergl. Sanh. Fol. 37 b uDd Sota Fol. 8a. 

2) Hat einer 100 Thaler und giebt Vio davon, so bleiben ihm noch 90 Thaler, 
Vio von 90 aber ist weniger als Vio ^o" l^- ^^^ beiden Zehntel machen also 
zusammen nur 19 aus, während ^/^ = 20 ist. 



II. Tractat Ketlmboth. 47 

wie einem Stier? Allerdings darf man ihm Lehren zn verdauen 
geben wie einem Stier, nur darf man ihm nicht anfs Leben gehen, 
bis nach zwölf Jahren (d. i. bis er zwölf Jahre geworden ist). Und 
wenn da willst, so sage, es ist keine Schwierigkeit, jenes bezieht 
sich auf die heilige Schrift, dieses auf die Mischna. Abaje hat ge- 
sagt: Meine Matter sprach za mir: Ein Kind von sechs Jahren soll 
die heilige Schrift, ein Kind von zehn Jahren die Mischna lernen 
and ein Kind von dreizehn Jahren soll schon fasten von einer Zeit 
zur andern Zeit (einen Tag), ein Mädchen aber von zwölf Jahren. 

14. (Fol. 60 a.) Es heisst Ps. 106, 3: „Heil denen, die das 
Recht, Gerechtigkeit üben za allen Zeiten." Ist es denn möglich, 
Gerechtigkeit za allen Zeiten za üben? Unsere Babbinen in Jahne 
nach einigen B. Elieser haben vorgetragen and gesagt: Das geht 
aaf denjenigen, welcher seine Söhne and seine Töchter ernährt, 
wenn sie noch klein sind. Nach B. Samael bar Nachmani dagegen 
ist derjenige darunter za verstehen, welcher eine männliche oder 
eine weibliche Waise in seinem Hanse erzieht and sie dann ver- 
heirathet. 

Es heisst ferner Ps. 112, 3: „Vermögen and Beichtham ist in 
seinem Hanse and seine Gerechtigkeit bestehet ewiglich." In Bezug 
auf wen das gilt, darüber sind Bab Huna und Bab Chisda ver- 
schiedener Meinung. Nach dem einen ist derjenige darunter zu 
verstehen, welcher lernt und lehrt, nach dem andern dagegen ist 
derjenige darunter zu verstehen, welcher Thora, Propheten und 
Hagiographen niederschreibt und sie dann anderen leiht. 

Es heisst femer Ps. 128, 6: „Und siehe, Kinder von deinen 
Kindern; Friede über Israel!" Das will nach B. Josua ben Levi 
sagen: Sobald du Kinder von deinen Kindern siehst, dann ist Friede 
in Israel, denn dann kann die Chaliza und der Jibbum (d. i. der 
Vollzug der Leviratsehe) nicht in Anwendung kommen. B. Samuel 
bar Nachmani dagegen hat gesagt: Wenn du Kinder von deinen 
Kindern siehst, dann ist Friede den Bichtern in Israel, denn man 
kommt nicht, um sich wegen der Erbtheilung zu streiten. 

16. (Fol. 59b.) Mischna. Dies sind die Arbeiten, welche die 
Frau ihrem Manne verrichten muss: Sie muss mahlen, backen, waschen, 
kochen, seinen Sohn säugen, ihm das Bett machen (überziehen) und 
in Wolle arbeiten. Hat sie ihm eine Magd (Sclavin) mitgebracht, 
dann braucht sie nicht zu mahlen und nicht zu backen und nicht 
2u waschen; wenn zwei, so braucht sie nicht zu kochen und seinen 



48 11. Tractat Ketliuboth. 

Sohn zu säugen, wenn drei, so braucht sie ihm nicht das Bett zo 
machen und in Wolle zu arbeiten, wenn vier, so kann sie im Sessel 
sitzen. R. Elieser sagt: Sie mag ihm sogar hundert Mägde mitge- 
bracht haben, so kann er sie doch zum Arbeiten in Wolle zwingen^ 
denn der Mttssiggang bringt sie zur Ausschweifung. R. Simeon ben 
Gamliel sagt: Auch wenn jemand in Bezug auf seine Frau ein 
Gelübde thut, dass sie nicht zu arbeiten brauche, so muss er sich 
Yon ihr scheiden lassen und giebt ihr ihre Hochzeitsverschreibung 
(Eethuba), denn Müssiggang führt sie zur Verwirrung (zum Wahnsinn). 

16. (Fol. 61 ab.) R. Jizchak bar Ghananja hat im Namen des 
Rab Huna gesagt: (Wenn einer eine Mahlzeit veranstaltet, so dürfen 
alle Geladenen sich niedersetzen und essen) den Diener aber dürfen 
sie (mit seinem Theile) hinhalten mit Ausnahme von Fleisch und 
Wein. Rab Ghisda hat gesagt: Mit Ausnahme von fettem Fleisch 
und altem Wein. Raba hat gesagt: Das ganze Jahr hindurch muss 
man ihm seinen Theil von fettem Fleisch geben und in der Wende 
des Thamus auch seinen Theil vom alten Wein. Abahu bar Ihi 
und Minjamin bar Ihi veranstalteten jeder eine Mahlzeit, der eine 
reichte dem Diener seinen Theil von jeder Speise, der andere da- 
gegen nur von einer Speise (der ersten). Mit jenem unterhielt sich 
Elia, mit diesem aber unterhielt er sich nicht. 

Es waren einst zwei Fromme, manche sagen, es war Rab Mari 
und Rab Pinchas, die Söhne von Rab Chisda; einer gab dem Diener 
sein Theil früher (als er den Gästen vorsetzte), der andere dagegen 
gab es ihm später. Mit jenem, der es ihm früher gegeben, unter- 
hielt sich Elia, dagegen mit diesem, der es ihm später gegeben, 
unterhielt er sich nicht. 

Amemar und Mar Sutra und Rab Asche sassen vor der Thür 
des Königs Isdagard,^) da ging der königliche Tafelmeister vorüber 
und trug den Gästen Speisen auf. Da sah Rab Asche den Mar 
Sutra an, dass sein Antlitz erblasste (weiss wurde). Da tunkte 
Rab Asche mit seinem Finger (in das Essen) hinein und steckte ihn 
dem Mar Sutra in den Mund. Da sprach der Tafelmeister zu ihm: 
Du hast das Mahl des Königs verdorben. Da sprachen sie (die 
andern Diener des Königs) zu ihm: Warum hast du also gethan? 
Rab Asche sprach zu ihnen: Wer diese Speise gemacht hat, der 
hat die Speise des Königs unbrauchbar gemacht. Warum? fragten 



*) "il^l» P'i^^H für Tunm). 



II. Tractat Ketliuboth. 49 

sie ihn. Ich habe etwas anderes (d. i. ein Stück aussätziges Schweine- 
fleisch) darin gesehen. Man untersuchte (die Speise), fand aber 
nichts. Da nahm Bab Aschi den Finger des Tafelmeisters und legte 
ihn auf ein Stück Fleisch und sprach zu ihnen (den Bedienten): Habt 
ihr hier untersucht? Sie suchten nun und fanden es. Da sprachen 
unsere Babbinen zu Bab Aschi: Warum hast du dich auf ein 
Wunder verlassen? Er sprach zu ihnen: Ich sah, wie ein Wind 
des Aussatzes auf ihn (Mar Sutra) flog (nachdem er von dem Essen 
gekostet hatte). 

17. (Fol. 61b.) Mischna. Wenn jemand durch Gelübde der 
Beiwohnung seiner Frau entsagt, so ist es nach der Ansicht der 
Schule Schammai's nur zwei Wochen zulässig, dagegen nach der 
Ansicht der Schule Hillers nur eine Woche. Studirende Männer 
können behufs ihres Gesetzstudiums ohne Einwilligung ihrer Gattin- 
nen dreissig Tage sich entfernt halten, Arbeiter eine Woche. Zur 
gesetzlichen Leistung der ehelichen Pflicht sind Leute ohne Ge- 
schäft täglich verbunden, Arbeiter zweimal die Woche, Eseltreiber 
«inmal die Woche, Kamelführer einmal in dreissig Tagen, Schiffer 
einmal in sechs Monaten. So nach der Ansiebt des B. Elieser. 

18. (Fol. 62 b.) Ein Weib will lieber ein Kab (d. i. ein klei- 
nes Mass) mit Speise bei Ausgelassenheit, als zehn^) Kab bei Ent- 
haltsamkeit 

19. (Fol. 62 b.) Jehuda, der Sohn des B. Chija, der Schwieger- 
sohn des B. Jannai, pflegte zu gehen und (die Woche) im Lehrhause 
2u sitzen, Freitags Abends aber kehrte er stets nach Hause zurück. 
Wenn er kam, erschien vor ihm eine Feuersäule. Eines Tages war 
er so in das Lernen vertieft, dass er die Heimkehr vergass. Als 
man nicht das Zeichen sah, sprach B. Jannai zu ihnen (den Leuten 
seines Hauses): Kehrt sein Bett um, denn wenn Jehuda noch am 
Leben wäre, so hätte er seine Zeit nicht versäumt.^) 

20. (Das.) Babbi war beschäftigt mit der Verheirathung seines 
Sohnes mit der Tochter des B. Chija. Als man daranging, die Ke- 
thuba zu schreiben, verschied das Mädchen. Da sprach Babbi: Gott 
behüte! vielleicht ist irgend ein Makel vorhanden (dass beide ein- 
ander nicht werth waren). Sie setzten sich und untersuchten die 



^) Sota 4, 4 lieisst es: Neun Kab. 

^) Jelmda war wirklieh gestorben, aber nicht von selbst, sondern auf das 
Wort Jajinais hin. 

Wftntelie, Der babyloniscbe Tahnad. 4 



50 II. Tractat Kethubotli. 

FamilieD. Rabbi stammte ab von Schephatbja ben Abithal und 
R. Chija stammte ab von Simel, dem Bruder Davids. Darauf ging 
Rabbi und beschäftigte sich mit der Yerheirathung seines Sohnes 
mit der Tochter des R. Josse ben Simra. Da beschlossen sie, dass 
der Bräutigam vor der Hochzeit 12 Jahre ein Lehrhaus besuche» 
Als man die Braut vor dem Bräutigam vorbeiführte, sprach er, 
es sollen nur sechs Jahre sein. Hierauf führte man die Braut noch 
einmal vor ihm vorbei, da sprach er zu ihnen: Ich will erst Hoch- 
zeit halten, hernach will ich gehen, um zu lernen. Er schämte sich 
aber vor seinem Vater. Da sprach Rabbi zu ihm: Mein Sohn! 
der Sinn deines Schöpfers ist in dir. Früher heisst es Ex. 15, 17: 
„Du wirst sie bringen (ins Land Israel) und einpflanzen, und 
schliesslich heisst es das. 25, 8: „Und machet mir ein Heiligthum 
(in der Wüste), dass ich wohne in ihrer Mitte." (Nachdem er Hoch- 
zeit gehalten,) ging er und sass zwölf Jahre in einem Lehrhause, als 
er wieder zurückkehrte, war sein Weib unfruchtbar geworden. Da 
sprach Rabbi: Was sollen wir nun thun? Scheidet er sich von ihr^ 
so wird man sagen: Die Arme hat (zwölf Jahr) vergeblich gewartet^ 
heirathet er ein anderes (zweites) Weib, so wird man sagen: Dies 
ist sein Weib und jenes seine Buhlerin. Da betete Rabbi für sie 
und sie wurde wieder gesund. 

21. (Das.) R. Chanina ben Chachinai wollte nach einem Lehr- 
hause ziehen in den letzten Tagen der Hochzeitsfeier des R. Simeon 
ben Jochai, da sprach dieser zu ihm: Warte auf mich, bis ich mit 
dir komme. Er aber wartete nicht auf ihn, sondern ging allein, 
und sass (verbrachte) zwölf Jahre im Lehrhause. Als er wieder 
zurückkehrte, waren die Strassen (Wege) seiner Stadt verändert wor- 
den, so dass er den Weg nach seinem Hause nicht kannte. Er ging 
und setzte sich an den Flussrand. Da hörte er, dass man einem Mäd- 
chen zurief: Tochter Chaninai's, Tochter Chaninai's, fülle deinen Emg^ 
und komm, wir wollen gehen! Da dachte er: Das Mädchen muss 
uns gehören. Er ging hinter ihr her bis in ihr Haus. Sein Weib 
sass und siebte Mehl. Als sie ihre Augen aufhob und ihn (den 
Gatten) sah, wurde ihr Herz (vor Freude) beengt und ihr Lebens- 
odem entschwand. Da sprach er vor ihm (Gott): Herr der Welt! 
ist das der Lohn für die Arme (die so lange auf mich gewartet 
hat)? Er betete um Erbarmen für sie und sie kehrte wieder ins 
Leben zurück. 

22. (Das.) R. Ghama bar Bisa giog und sass zwölf Jahre ia 



II. Tractat Ketliuboth. 51 

einem Lehrhause (einer fremden Stadt). Als er zurückkehrte, sprach 
er: Ich will nicht so thun, wie Chachinai gethan hat.^) Er ging, 
setzte sich ins Lehrhaas und schickte nach Hause. Da kam R. 
Oschaja, sein Sohn und Hess sich vor ihm nieder (er kannte ihn 
aber nicht). Er fragte ihn nach einem Lehrsatze. Als R. Chama 
sah, dass die Lehrsätze desselben sehr scharf waren (d. i. dass er 
einen scharfen Verstand hatte), wurde sein Sinn schwach (d. i. er 
wurde betrübt). Er sprach: Wenn ich hier gewesen wäre, so 
wäre mir auch ein solcher Same (Spross) geworden! Er ging darauf 
nach Hause und sein Sohn ging auch nach Hause. Jener erhob sich 
Yor ihm, denn er meinte, er wolle ihn um einen Lehrsatz befragen. 
Da sprach sein Weib zu ihm: Erhebt sich denn ein Vater vor sei- 
nem Sohne? Rami bar Chama wandte den Vers auf ihn an Eoh. 
4, 12: „Der dreifache Faden wird nicht so schnell zerreissen." Das 
ist R. Oschaja, der Sohn des R. Chama bar Bisa.^) 

23. (Fol. 62b u. 63 a.) R. Akiba war Hirt bei Ben Kalba 
Sabua,^) und seinr Tochter sah, dass er sehr bescheiden und gut 
war. Sie sprach zu ihm: Willst du, wenn ich mich mit dir verlobe, 
ins Lehrhaus gehen? worauf er mit: Jal antwortete. Sie verlobte 
sich darauf in aller Stille mit ihm und entliess ihn dann. Als ihr 
Vater den Vorgang erfuhr, vertrieb er sie aus seinem Hause und 
that ein Gelübde, ihr keinen Genuss an seinen Gütern zu gewähren. 
Akiba begab sich nach dem Lehrhause, blieb daselbst zwölf Jahre 
und kehrte mit 12 000 Schülern zurück. Da hörte er einen Alten, 
der an seine Verlobte die Frage richtete: Wie lange willst du noch 
im Wittwenstande leben? worauf sie ihm antwortete: Wenn er (mein 
Verlobter) mir Gehör gäbe, so würde er nochmals zwölf Jahre (im 
Lehrhause) bleiben. Da dachte er: „Sie erlaubt es mir!" Er ging 
fort, verweilte nochmals zwölf Jahre' im Lehrhause und kehrte dann 
mit 24 000 Schülern zurück. Als Ealba's Tochter es hörte, ging sie 
ihm entgegen. Leihe dir Kleider und kleide dich! riefen ihr die < 



^) AV elcher plötzlicli in sein Haus eintrat. 

*) Nämlich : R. Oscliiya , der Sohn von R. Chama und R. Chama ist der 
Sohn von R. Bisa. 

') Er wai' einer der reichsten Bewohner Jerusalems, und was noch melir 
sagen will, auch ein Menschenfreund, so dass jeder, der hungrig wie ein Hund 
(aSoD) bei ihm vorsprach, gesättigt (ptr) von ihm fortging. Daher die hagga- 
difiche Deutung seines Namens« Der eigentliche Name des Mannes war K^SsK 
{KaXvßffj, Getreidebehältniss. 

4' 



52 II. Tractat Kethuboth. 

Nachbarinnen zu. Sie antwortete ihnen mit Prov. 12, 10: „Der Ge- 
rechte weiss, wie seinem Vieh zu Muthe ist." Als sie ihm begeg- 
nete, fiel sie auf ihr Angesicht und küsste seine Füsse. Da wollte 
sie sein Diener fortstossen. Lasset sie, rief ihm Akiba zu, das 
Meinige und das Eurige gehört ihr!^) Als ihr Vater yernahm, dass 
ein grosser Mann in der Stadt angekommen sei, sprach er: Ich will 
zu ihm gehen, vielleicht löst er mir mein Gelübde. Er kam zu ihm 
und dieser fragte ihn: Hättest du denn dein Gelübde gethan, wenn 
du wüsstest, dass er (der Gatte deiner Tochter) ein grosser Mann 
wird? Nein! versetzte er, auch wenn er nur einen Abschnitt oder 
eine Halacha weiss. Ich bin es, versetzte Akiba. Kalba Sabua warf 
sich auf sein Angesicht, küsste ihm seine Füsse und schenkte ihm 
die Hälfte seines Vermögens. Die Tochter des R. Akiba benahm 
sich auf dieselbe Weise gegen (ihren Bräutigam) Ben Asai. Das ist 
es, was die Leute zu sagen pflegen: Ein Schaf folgt dem andern: 
wie die Handlungsweise der Mutter ist, so ist auch die Handlungs- 
weise der Tochter. Baba schickte seinen Sohn Rab Joseph nach 
dem Lehrhause zu Rab Joseph auf sechs Jahre. Als drei Jahre ver- 
gangen waren und der Vorabend des Versöhnungstages herangekommen 
war, sprach er: Ich will gehen und die Leute meines Hauses sehen. 
Als sein Vater es hörte, nahm er ein (Waffen)-Geräth und ging ihm 
entgegen. Er sprach zu ihm: Du hast dich an dein Weib erinnert! 
Manche sagen: Er sprach zu ihm: Du hast dich an deine Taube 
erinnert Sie fingen an sich zu streiten und weder der eine noch 
der andere nahm Theil an dem Mahle (welches am Vorabend des 
Versöhnungstages eingenommen zu werden pflegt). 

24. (Fol 65a.) Es ist gelehrt worden: Ein Becher steht dem 
Weibe schön, zwei hässlich, bei drei verlangt sie (unzüchtig) mit 
dem Munde, bei vier nimmt sie sogar den Esel auf dem Markt (zu 
ihrer Befriedigung) und liegt ihr nichts daran. 

25. (Fol. 66b u. 67 a.) Unsere Rabbinen haben überliefert: Rabban 
Jochanan ben Saccai ritt einst auf einem Esel, er ging aus Jerusa- 
lem und seine Schüler gingen hinter ihm her. Da sah er, wie ein 
Mädchen Gerstenkörner aus dem Unrathe von den Thieren der 
Araber auflas. Als sie ihn erblickte, verhüllte sie sich ihr Haupt- 
haar, trat vor ihn hin und sprach zu ihm: Rabbi, ernähre mich 



*) D. i. meia Wissen (meine Thorakcnntniss) 4iud euer "Wissen (eure Tliora- 
kenntniss) liabt ihr allein ihr zu verdanken. 



II. Tractat Kethubotli. 53 

(gieb mir Unterhalt)! Wessen Tochter bist du? fragte R. Rabban 
Jochanan ben Saccai. Sie antwortete ihm: Ich bin die Tochter des 
Nikodemos ben Gorjon. Darauf sprach er zu ihr: Meine Tochter! 
wohin ist denn das Vermögen deines Vaterhauses gekommen ? Rabbi» 
versetzte sie, ist nicht in Jerusalem das Sprichwort gebräuch- 
lich: Das Salz des Geldes (wodurch es erhalten wird) ist Mild- 
thätigkeit. Darauf er: Und wohin ist denn das Geld des Hauses 
deines Schwiegervaters gekommen? Darauf sie: Jenes führte dieses 
mit sich ins Verderben.^) Darauf sie: Erinnerst du dich noch, 
Rabbi, als du meinen Ehevertrag untersiegeltest? Jawohl, versetzte 
der Rabbi. Da las ich, sprach er zu seinen Schülern gewendet, 
wie ihr Tausend mal Tausend Golddenare von dem Hause ihres 
Vaters, ohne die Mitgabe von ihrem Schwiegervater, zugesagt 
waren. Rabban Jochanan ben Saccai weinte und sprach: Heil euch, 
Israeliten! zur Zeit, wo ihr den Willen Gottes thut, kann keine 
Nation, noch Zunge über euch herrschen, zur Zeit aber, wo ihr den 
Willen Gottes nicht thut, übergiebt er euch in die Gewalt einer 
niedrigen Nation, und nicht nur in die Gewalt einer niedrigen Nation, 
sondern sogar in die Gewalt des Viehes einer solchen niedrigen 
Nation.^) Hat denn Nikodemos ben Gorjon nicht Wohlthätigkeit 
geübt? Wir haben doch die Ueberlieferung, dass erzählt wird: 
Wenn Nikodemos ben Gorjon von seinem Haus ein das Lehrhaus ging, 
breitete man feine Decken unter ihm aus, und es kamen die Armen 
und wickelten sie hinter ihm zusammen? Antw.: Er hat entweder 
die Wohlthätigkeit nur zu seiner Ehre, oder wenigstens nicht so 
geübt, wie sie von ihm geübt werden sollte; wie die Leute zu sagen 
pflegen: Nach dem Kamel richtet sich die Last.^) Wir haben die 
Ueberlieferung: R. Eleasar bar Zadok hat gesagt: Ich will den 
Trost (Israels) [nicht] sehen, wenn ich nicht gesehen habe, wie sie zu 
Acco Gerstenkörner zwischen den Hufen von Pferden auflas, und ich 
wandte auf sie den Vers Cant. 1, 8 an: „So du es nicht weisst, du 
schönste der Weiber, so ziehe hinaus nach den Fersen der Schafe 
und weide deine Böcklein an den Wohnungen der Hirten/* 

26. (Fol. 67 ab.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Kommen eine 
männliche und eine weibliche Waise, um ernährt zu werden, so er- 



*) Das eine hat das andere vernichtet. 

2) Gemeint sind die Araber. 

') Man verlangt von dem Menschen, was er zu leisten im Stande ist. 



54 I^- Tractat Kethuboth. 

nährt man zuerst die weibliche Waise, und nachher erst die männ- 
liche, weil der Mann an den Thüren herum (betteln) gehen kann, 
was bei der weiblichen Waise nicht schicklich ist. Ferner wenn 
eine männliche und eine weibliche Waise kommen, and um Yer- 
heirathung nachsuchen, so verheirathet man zuerst die weibliche 
Waise und nachher erst die männliche, weil die Schamhaftigkeit 
des Weibes grösser ist als die des Mannes. 

27. (Fol. 67b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Einer männ- 
lichen Waise, welche heirathen will, micthet man ein Haus, bereitet 
ihr ein Bett und giebt ihr alle Hausgeräthe, hernach verheirathet man 
sie, denn es heisst Deut. 15, 8: „Soviel als hinreicht für seinen 
Mangel, was ihm gebricht (sollst du ihm leihen)." „So viel als hin- 
reicht für seinen Manger' d. i. das Haus, „was gebricht^' d. i. Bett 
und Tisch, „ihm" d. i. das Weib. Ebenso heisst es Gen. 2, 18: „Ich 
will ihm eine Gehilfin machen, ihm gegenüber." Unsere Rabbinen 
haben gelehrt: „Soviel als hinreicht für seinen Mangel" d. i. du bist 
verpflichtet, ihn zu ernähren, aber du bist nicht verpflichtet, ihn 
reich zu machen; „was ihm gebricht" d. i. (du bist verpflichtet, ihm 
zu gewähren) selbst ein Pferd, dass er darauf reiten kann und einen 
Sclaven, der vor ihm herläuft. Vom alten Hillel wird erzählt, dass 
er für einen Armen, welcher der Sohn edler Ahnen war,^) ein Pferd 
zum Beiten und einen Sclaven, um vor ihm herzulaufen, kaufte. 
Einmal fand er keinen Sclaven, da lief er selbst drei Mil vor ihm her. 

Unsere Rabbinen haben femer gelehrt: Die Bewohner von Ober- 
galiläa kauften für einen Armen von Sepphoris, welcher der Sohn 
edler Ahnen war, täglich eine Litra (ein Pfund) Fleisch. Was ist 
das Grosses? Rab Huna hat gesagt: Eine Litra Fleisch von 
Vögeln. Oder wenn du willst, so sage: Für eine Litra (ein Pfund 
Geld) hat man ihm Fleisch gekauft Rab Aschi hat gesagt: Es war 
dort ein kleines Dorf, und alle Tage schlachtete man (richtete man 
zu Grunde) ein Stück Vieh seinetwegen. 

28. (Das.) Ein Armer erschien vor R, Nechemja. Dieser fragte 
ihn: Was ist deine tägliche Kost (was speisest du gewöhnlich)? Er 
antwortete ihm: Fettes Fleisch und alten Wein. Willst du nicht, 

«sprach er, mit Linsen fürlieb nehmen? Der Arme nahm mit Linsen 
fürlieb und starb (nach der Mahlzeit). Da sprach er: Wehe ihm, 
dass Nechemja ihn ums Leben gebracht hat! Er hätte doch aber 

») I). i. der vod gutem lierkommen war. 



II. Tractat Kethuboth. 55 

amgekehrt sprechen sollen: Wehe dem Nechemja, dass er diesen 
ams Leben gebracht hat! Allein jener hätte sich nicht so verweich- 
lichen (verwöhnen) sollen. 

Ein anderer Armer erschien vor Raba und dieser fragte ihn: 
Was ist deine tägliche Kost? Gemästete Hühner und alter Wein, 
erhielt er zur Antwort. Befürchtest du nicht, versetzte Raba, dass 
du die Gemeinde bedrängst?^) Esse ich denn von dem ihrigen, 
versetzte der Arme, ich esse ja aus Gottes Hand,^) denn es ist ge- 
lehrt worden Ps. 145, 15: „Aller Augen harren dein, und du giebst 
ihnen ihre Speise zu seiner Zeit." cn5?n, zu ihr^r Zeit, heisst es 
nicht, sondern: „nnyn, zu seiner Zeit," woraus hervorgeht, dass der 
Heilige, gebenedeiet sei er! einem jeden seine Nahrung zu seiner 
Zeit giebt. Inzwischen war die Schwester Raba's gekommen, die den- 
selben dreizehn Jahre nicht gesehen hatte und brachte ihm gemästete 
Hühner und alten Wein mit. Wie kommt dies gerade jetzt!*) rief 
Raba. Darauf sprach er zu dem Armen: Ich habe dich (ungebühr- 
lich) beleidigt,*^) stehe auf und iss! 

29. (Das.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Wenn jemand kein 
Vermögen hat, und nicht (Almosen nehmen) will, um ernährt zu werden, 
so giebt man ihm zuerst leihweise, sodann macht man es ihm zum 
Geschenk. Das ist die Meinung des K MeXr. Die Weisen (Ge- 
lehrten aber sagen: Man giebt es ihm zunächst als Geschenk, 
sodann giebt man es ihm leihweise. Frage: Er nimmt doch aber 
kein Geschenk? Raba hat gesagt: Man hebt an mit ihm zu reden 
von wegen des Geschenks (er soll ein Geschenk annehmen, nicht 
€in Almosen). Hat jemand aber Vermögen und will sich nicht er- 
halten, so macht man ihm ein Geschenk und nimmt es dann wieder 
von ihm bezahlt. Frage. Nimmt man es wieder von ihm bezahlt, 
so wird er doch schon nicht mehr nehmen? Rab Papa hat gesagt 
(Es ist so zu verstehen:) Nach seinem Tode.*) 



*) Sinn: Besorgst du niclit, dass du durcli deine Ansprüche die Menschen 
zu selir belästigst? 

*) Glaubst du etwa, dass ici» von dem esse, was den Menschen gehört; 
ich esse von dem, was Gottes ist. 

') Sinn: Sollte darin nicht eine besondere Vorbedeutung liegen, dass 
meine Schwester grade in diesem Augenblicke kommen und diese Speisen mir 
bringen muss. 

*) Sinn: Ich bitte dich, vei-zeihe mir. 

*) Wenn er gestorben sein wird, wird man von seinem Vermögen das 
Almosen zurücknehmen. 



56 II. Tractat Kethubotli. 

R. Simeon sagt: Wenn jemand, der Vermögen besitat, sich 
nicht erhalten will, so kümmert man sich nicht um ihn; wenn er 
aber kein Vermögen hat und sich nicht ernähren will, so spricht 
man zu ihm: Bringe ein Pfand und nimm etwas an, damit sich sein 
Sinn beruhige.*) 

30. (Das.) Mar Sutra bar Tobia hat im Namen Rabs gesagt, 
dagegen manche sagen, Rab Huna bar Bisna im Namen des R. 
Simeon des Frommen, andere wieder endlich sagen: R. Jochanan 
im Namen des R. Simeon ben Jochai: Es ist besser für den Men- 
schen, sich in einen Feuerofen zu werfen, als öffentlich das Gesicht 
seines Nächsten erblassen zu machen (seinen Nächsten zu beschämen). 
Woher lässt sich das beweisen? Von Thamar, denn es heisst 

Gen. 38, 25: „Sie wurde hinausgeführt und schickte zu ihrem 
Schwiegervater." 2) 

31. (Das.) Mar Ukba hatte einen armen Mann in seiner Nach- 
barschaft, welchem er stets am Rüsttage des Versöhnungstages vier- 
hundert Sus zu schicken pflegte. Eines Tages schickte er ihm das 
Geld durch seinen Sohn. Der Sohn aber kam zurück mit den 
Worten: Der Mann bedarf keiner Unterstützung. Der Vater fragte: 
Was hast du (bei ihm) gesehen?^) Der Sohn antwortete: Ich sah, 
dass man ihm alten Wein eingoss. Da rief Mar Ukba aus: Er ist 
so sehr verwöhnt (verzärtelt)! Er verdoppelte ihm darauf die Summe 
und schickte sie ihm. Als er (Mar Ukba) im Verscheiden lag, sprach er: 
Bringt mir das Verzeichniss (eig. die Berechnung) der Almosen (die ich 
gespendet habe). Da fand er darauf geschrieben 7000 sijanische De- 
nare. Da sprach er: Ein geringes Reisegeld für eine so weite Reise t 
Er erhob sich und verschenkte die Hälfte seines Vermögens (seiner 
Habe an Arme). 

32. (Fol. 67 b u. 68 a.) R. Abba pflegte Sus (Goldstücke) in 
ein Tuch einzubinden und es hinter sich zu werfen, er ging dann 
zwischen Armen dahin (welche es aufhoben) und richtete seine 
Augen auf die Betrüger. 

R. Chanina pflegte einem Armen stets am Vorabende des 
Sabbaths vier Sus zu schicken. Eines Tages schickte er ihm 



^) Dass es ilim nicht sclimei'zen soll, Almosen zu nehmen. 

^) Sie sngte es also nicht öflentlich, dass sie von ihm schwanger sei, sondern 
deutete es nur durch Zeichen an, bis Jehudu es selbst eingestand. Dieselbe Stelle- 
8. auch Berach. Fol. 43b', Sota Fol. 10b und ßaba mezia Fol. 59a. 

^) Sc. dass du solches schliessest. 



II. Traclat Kethuboth. 57 

dieselben durch seine Frau, diese jedoch kam zurück mit den 
Worten: Er bedarf keiner Unterstützung. Was hast du gesehen?*) 
fragte der Rabbi. Ich hörte, gab die Frau zur Antwort, dass man 
ihn fragte: Auf welchem Polster willst du Mahlzeit halten, auf 
weissem (eig. auf einem Silberpfühl) oder auf rothem (eig. auf einem 
Goldpftihl) Polster?-) Da sprach der Rabbi: Das ist es (d. i. es 
bestätigt sich), was R. Eleasar gesagt hat: Wir sind den Betrügern 
noch Yerpflichtet,^) denn wenn sie nicht wären, so würden wir 
jeden Tag sündigen, denn es heisst Deut. 15, 9: „Wenn er aber über 
dich zum Ewigen riefe, so würde es dir zur Sünde gerechnet werden." 
Es ist gelehrt worden: R. Chija bar Rab aus Dephthi hat im Namen 
des R. Josua ben Karcha gesagt: Wer seine Augen von der Wohl- 
thätigkeit abzieht, gilt so, als wenn er einem Götzen diente. 

33. (Fol. 68a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Wer sich blind 
stellt, seinen Leib (zum Scheine) verbindet und seinen Schenkel ver- 
wundet, der scheidet nicht von der Welt, bevor ihn ein solches Un- 
glück wirklich betroffen hat. Ebenso wer Almosen nimmt, ohne dass 
er es nöthig hat, der scheidet nicht von der Welt, bis er dahin 
kommt, sie nehmen zu müssen. 

34. (Fol. 69 a.) Rab ^Anan sandte zu Rab Huna (und liess ihm 
sagen: Friede unserem Genossen!*) Wenn das Weib vor dir erscheint, 
so sollst du ihr sagen: Sie soll ein Zehntel des Vermögens (von 
der Erbschaft) nehmen. Es sass grade Rab Schescheth vor ihm (als 
der Bote kam). Da sprach Rab Huna zu Rab Schescheth: Geh (zu 
Rab ^Anan) und sage ihm (und in den Bann soll der (sollst du) 
gethan werden, welcher es nicht sagen wird): 'Anan! ^Anan! (wovon 
soll das Weib ein Zehntel nehmen,) von Grund und Boden, oder von 
den beweglichen Gütern? (Sodann sollst du ihn fragen:) Wer sitzt 
im Trauerhause obenan? Rab Schescheth erschien vor Rab ^Anan 
und sprach zu ihm: Der Herr ist ein Rabbi und Rab Huna ist sein 
Rabbi, und Rab Huna bat gesagt: Wer nicht sagen wird zu ihm 
(dir), wie er geheissen hat, soll in den Bann gethan werden, und 
wenn Rab Huna es nicht gesagt hätte, so würde ich nicht sagen. 



M Sc. dass du dieses scliliessest. 

-) D. i. auf weissleinenem oder auf gefärbt wollenem (roth seidenem)? 
') Wir müssen den Betrigera unter den Armen nocli dankbar sein. 
*) Rab Huna nahm es übel, dass Rab *Anan ihn Cbaber, Genosse, College 
nannte. 



58 II- Tractat Ketliuboth. 

Rab Huna hat mir aufgetragen, ihm (dir) zu sagen: 'Anan, ^Anan, 
wovon soll das Weib ein Zehntel nehmen, von Grund und Boden, 
oder von den beweglichen Gütern. Ferner hat Rab Huna mir auf- 
getragen, ihn zu fragen: Wer sitzt im Trauerhause obenan? Da 
erschien Rab *Anan vor Mar Ukba und sprach zu ihm: Siehe, 
Rab Huna hat zu mir geschickt (und mir sagen lassen: ^Anan, 
^Anan (und nicht Rab 'Anan); ferner (hat er mich fragen lassen:) 
fiWT'^'na NHT'nTs "^a n'^n*^ "iNr? Ich weiss nicht, was nht'htd ist. 
Da sprach Mar Ukba zu Rab ^Anan: Sage (erzähle) mir, wie die 
Sache von Anfang an gewesen ist. Da sprach Rab ^Anan zu ihm: 
So und so ist die Sache gewesen. Da sprach Mar Ukba zu ihm: 
Ein Mann, welcher nicht weiss, was «htits ist, schickt zu Rab 
Huna und nennt ihn: Unser Genosse. Was ist NnTiTS? Ein 
Trauernder, denn es heisst Jerem. 16, ö: „So spricht der Ewige: 
Gehe nicht in das Haus der Trauer (nTl73 rr^n)." R. Abahu hat 
gesagt: Woher lässt sich beweisen, dass der Trauernde obenan 
sitzt? Weil es heisst Hi. 29, 25: „Ich wählte ihren Zug und 
sass an der Spitze thronend wie ein König im Heere, wie der 
Tröster der Trauernden (onr C-^bnyt •nttJNir)." Dn3^ bedeutet doch 
aber: Der andere tröstet (folglich sitzt doch der Trauernde nicht 
obenan)? Rab Nachman bar Rab Jizchak hat gesagt: Es steht ünt\ 
was gelesen werden kann: Dnr, der getröstet wird (d. i. eben der 
Trauernde) Mar Sutra bringt den Beweis von hier Amos 6, 7: „Und 
es weicht das Gekreisch der Hingestreckten (o'^ni'no nn?3 l^l)." 

nTlTD ist HT iiz (d. i. ein Mensch, der verbittert ist und dessen 
Gedanken von ihm gewichen ist) ist geworden ein Fürst (o-^nTnoV l'd)^) 
der Grossen, die ihn trösten. 

35. (Fol. 72 a.) Wir haben die Ueberlieferung: R. MeKr pflegte 
zu sagen: Was heisst das, was geschrieben steht Koh. 7, 2: „Es ist 
besser zu gehen in das Haus der Trauer als in das Haus des Mahls, 
weil dort das Ende aller Menschen ist, und der Lebendige soll es 
zu Herzen nehmen?" Was soll der Lebendige zu Herzen nehmen? 
Die Dinge, welche den Tod betreffen. Wer betrauert, den wird man 
auch betrauern, wer begräbt, den wird man auch begraben, wer lau 



*) Folglich muss der Trauernde obenan sitzen. Richtiger als die liagga- 
disclic Deutung ist die Parallele Moed katan Fol. 28b: l'y HB^a miO KlPltr h^H 
O^mioS der Leidtragende, welcher beklagt (njlip part. Pual) ist der (obenan 
Sitzende, eig. Fürst 1D) bei den Grossen (D»nnD ■—-■ D01D d. i. den Trostenden). 



II. Tractat Ketlmboth. 59 

beklagt, den wird man auch laut beklagen, wer (einen Todten trägt), 
den wird man auch tragen. 

36. (Das.) Wir haben die Ueberlieferung: Wer in Bezug auf 
sein Weib gelobt, dass sie nicht leihen und nicht verleihen soll 
Schwinge, Sieb, Mühle und Ofen, der soll sie entlassen (sich von 
ihr scheiden) und ihr ihre Mitgabe zurückgeben, weil er ihr einen 
schlechten Namen (Ruf) unter ihren Nachbarinnen macht, und ebenso, 
wenn sie gelobt hat, dass sie nicht leihen und verleihen will Schwinge, 
Sieb, Mühle und Ofen und nicht schöne Kleider für seine Kinder 
weben will, so soll sie fortgehen mit ihrer Mitgabe, weil sie ihm 
einen schlechten Namen (Ruf) bei seinen Nachbarn macht. 

37. (Das.) Wenn man Gelübde thut (und sie nicht hält), so 
sterben die Kinder, denn es heisst Koh. 5, 5: „Gestatte deinem 
Munde nicht, in Sünde zu bringen deinen Leib .... und er wird 
zerstören das Werk deiner Hände." Welches ist das Werk der 
Hände des Menschen? Sage: Seine Söhne und seine Töchter. 

38. (Fol. 75 a.) Es heisst Ps. 87, 5: „Aber von Zion wird ge- 
sagt: Ein Mann und noch ein Mann ist geboren rein, und er gründet 
€s, der Höchste.'^ R. Mescha bar bar B. Josua ben Levi hat ge- 
sagt: Sei es einer, welcher darin (in Zion) geboren worden ist und 
einer, welcher es zu sehen hofft. ^) Abaji hat gesagt: Einer von 
ihnen (vom Lande Israel) ist mehr als zwei von uns. Baba hat 
gesagt: Einer von uns, der dorthin (nach dem Lande Israel) hinauf- 
zieht, ist mehr als zwei von ihnen (die im Lande Israel wohnen). 
(Warum?) Als R. Jeremja hier (in Babylon) war, wusste er nicht, 
was unsere Babbinen sagen und als er dorthin (nach dem Lande 
Israel) hinaufzog, nannte er uns die närrischen Babylonier. 

39. (Fol. 77 b.) B. Jochanan machte öffentlich bekannt: Hütet 
euch vor den Fliegen der Schleimflussbehafteten.^) B. Sera setzte 
sich nicht nieder bei einem Winde (wenn Schleimflussbehaftete in 
der Nähe waren). B. Eleasar ging nicht in ihr Zelt (unter ein Obdach 
mit ihnen) hinein, (wo Schleimflussbehaftete waren). B. Ammi und B. 
Assi asscn keine Eier ihrer Gasse. B. Josua ben Levi setzte sich zu 
ihnen und lernte mit ihnen Thora. Er sprach: Es heisst Prov. 6, 19: 
„Der Gazelle der Liebe und der anmuthvollen Gems." Wenn sie (die 



>) Beide gehören schon zu Zion. 

■) Weil sie die Krankheit übertragen. 



60 n. Tractat Ketlmboth. 

Thora) denen, die sie lernen, Anmuth verleihen kann, wird sie nicht 
sie beschützen können?! 

40. (Das.) Als R. Josua ben Levi im Sterben lag, sprach 
Gott zu dem Todesengel: Geh und thue ihm seinen Willen. Dieser 
ging zu ihm. Als er ihm erschien, sprach der Rabbi zu ihm: Zeige 
mir meinen Ort (im Paradiese). Der Engel des Todes sprach zu ihm: 
Es sei! Darauf der Rabbi: Gieb mir dein Messer, du könntest mir 
auf dem Wege yielleicht einen Schreck einjagen. Der Engel gab es 
ihm. Als der Todesengel daselbst angekommen war, hob er ihn 
empor (auf die Mauer) und zeigte ihm seinen Platz. Der Rabbi 
aber sprang darüber und fiel auf jene Seite. Da erfasste er ihn an 
den Zipfeln (am Saume) seines Mantels, er aber sprach: Ich schwöre, 
dass ich nicht wieder herauskomme. Da sprach der Heilige, ge- 
benedeiet sei er! wenn er jemals einen Eid geleistet, und von ihm 
begehrt worden ist, dass er denselben wieder gelöst haben wollte, 
so soll dieser sein Schwur auch gelöst werden (und er soll aus dem 
Paradies wieder herausgehen), wenn das aber nicht der Fall gewesen, 
so soll dieser sein Schwur auch nicht gelöst werden (und er soll im 
Paradies bleiben). Da sprach der Engel des Todes zu ihm: Gieb mir 
mein Messer wieder. Als er ihm es nicht zurückgeben wollte, liess eine 
Himmelsstimme die Worte vernehmen: Gieb es ihm, denn er bedarf 
dessen für die Geschöpfe. Darauf rief Elia vor ihm aus: Machet Platz 
für den Sohn Levis! machet Platz für den Sohn Levis! Als er umher- 
ging, faud er den R. Simeon ben Jochai sitzend auf dreizehn Sesseln 
von gediegenem Golde. Dieser fragte ihn: Bist du der Sohn Levis? 
Er antwortete: Ja! Darauf fragte er ihn: Ward der Bogen (Regen- 
bogen) in deinen Tagen gesehen? Ja! antwortete er wiederum. Wenn 
dem so ist, versetzte darauf R. Simeon ben Jochai, so bist du nicht 
der Sohn Levis. ^) Es war aber in der That nicht der Fall, denn 
er ward in seinen Tagen nicht gesehen. R. Josua ben Levi dachte 
aber, ich will nicht diese Güte für mich in Anspruch nehmen (d. i. 
er wollte nicht sagen, dass er ein Gerechter sei). 

Der Todesengel pflegte R. Chanina bar Papa, dessen Freund er 
war, zu erscheinen. Als er im Sterben lag, sprach man zum Todes- 
engel: Geh und thue ihm seinen Willen. Dieser ging zu ihm und wurde 



*) Der Regenbogen ist das Bundeszeichen, dass die Welt nicht verwüstet 
werden soll, wenn ein vollkominner (Jerechter aber im Zeitalter ist, so bedarf es 
dieses Zeichens nicht, da die Welt so wie so schon seinetwegen nicht zerstört 
wird. Du bist demnach kein vollkommner (ierechter. 



II. Tractat Kethuboth. 61 

von ihm gesehen. Er sprach zu ihm: Lass mich noch dreissig Tage 
leben, bis ich mein Erlerntes wiederholt haben werde, denn man sagt 
(zu dem, welcher in jene Welt eintritt): Heil dem, der hierher kommt 
und sein Erlerntes bei sich hat! Der Todesengel gestattete es ihm. Nach 
dreissig Tagen kam er wieder und wurde von ihm gesehen. R. Cha- 
nina sprach zu ihm: Zeige mir meinen Ort (im Paradiese). Der 
Todesengel erwiederte: Wohlan, es sei! Darauf R. Chanina: Gieb 
mir dein Messer, du könntest mich vielleicht auf dem Wege in 
Schrecken versetzen. Darauf der Todesengel: Du willst auch so 
mit mir verfahren, wie dein Genosse (R. Josua). Darauf R. Chanina: 
Bringe mir eine Thorarolle und sieh zu, ob darin etwas geschrieben 
steht, was ich nicht gehalten habe. Darauf der Todesengel: Hast du 
dich neben die Schleimbehafteten gesetzt und mit ihnen Thora studirt 
(wie R. Josua gethan)? Als er (R. Chanina) gestorben war, kam dennoch 
eine Feuersäule herab und stellte sich zwischen ihn und die Leute 
(welche da standen), und wir haben gelernt, dass eine Feuersäule nur 
auf einen oder auf zwei (Gerechte) in einem Zeitalter herabkommt. R. 
Aiexandri trat zu R. Chanina heran und sprach zu ihm: Thue es wegen 
der Ehre der Weisen (Gelehrten, dass die Feuersäule fortgehe)! R. 
Chanina beachtete aber seine Worte nicht Darauf sprach Aiexandri: 
So thue es wegen der Ehre deines Vaters! Doch R. Chanina be- 
achtete seine Worte nicht. Darauf sprach R. Aiexandri wieder: So 
thue es deiner selbst wegen! Sofort erhob sich die Feuersäule. Abaje 
hat gesagt: (Die Feuersäule kam herab), um den auszuschliessen, 
welcher nicht alles bis auf einen Buchstaben (von der Thora) ge- 
halten hat. Da sprach Rab Ada bar Mathna zu Abaji: (Sie kam 
herab,) um den Herrn auszuschliessen, welcher kein Geländer^) um 
das Dach gemacht hat. Doch dem ist nicht also, es war ein Gelän- 
der dagewesen, nur ein Sturmwind hatte es in jener Zeit herab- 
geworfen. 

R. Chanina hat gesagt: Warum giebt es in Babylon keine 
Schleimflussbehaftete ? Weil sie Mangold essen und Bier von Cus- 
cuta trinken. R. Jochanan hat gesagt: Warum giebt es in Babylon 
keine Aussätzigen? Weil sie Mangold essen, Bier trinken und sich 
in den Wassern des Phrath baden. 

41. (Fol. 85 b.) Ein Kranker sprach einmal: Mein Vermögen 
soll dem Tobia gegeben werden, darauf verschied er. Da kamen 



*) Gemeint ist das Geländer (die Einfassung) um das platte Dach des Hausesi 



62 I'. Tractat Kelhubotli. 

zwei mit dem Namen Tobia, von denen einer ein Nachbar (des Ver- 
storbenen) und der andere ein Schüler des Weisen (ein Gelehrter) 
war. (Wem soll man das Vermögen geben?) Da geht der Schüler 
des Weisen vor. War der eine ein Verwandter und der andere ein 
Schüler des Weisen, so geht ebenfalls der Schüler des Weisen voran. 
Frage: Ist aber einer ein Nachbar und der andere ein Verwandter, 
wie ist es da (wem soll man denn das Vermögen geben)? Komm 
und höre, es heisst Prov. 27, 10: „Besser ein naher Nachbar, als 
ein entfernter Bruder." Sind aber beide Verwandte oder Nachbarn 
oder Schüler der Weisen (wem gehört dann das Vermögen)? Dann 
entscheidet das Wohlwollen der Richter darüber.^) 

42. (Fol. 96 a.) R. Chija bar Abba hat im Namen des R. Jo- 
chanan gesagt: Wer seinen Schüler abhält, dass er ihn bedient, das 
ist so, als hielte er ihn von der Liebe ab, denn es heisst Hi. 6, 14: 
„Zu dem, der seinem Freunde Liebe versagt." Rab Nachman bar 
Jizchak sagte: Er nimmt ihm sogar die Furcht des Himmels (Gottes- 
furcht) weg, denn es heisst das.: „Und die Furcht vor dem All- 
mächtigen verlässt er." 

43. (Fol. 103a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: In der Stunde 
des Abscheidcns Rabbis sprach er: Ich brauche meine Söhne. Als 
seine Söhne zu ihm hereinkamen, sprach er zu ihnen: Achtet auf 
die Ehre eurer Mutter! Ein Licht brenne (stets) an seiner Stelle, 
der Tisch sei an seiner Stelle gedeckt (zugerichtet), das Bett sei an 
seiner Stelle überzogen, und Joseph Chophni und Simeon der Ephra- 
thiter, welche mich während meines Lebens bedient haben, sollen 
mich auch bei meinem Tode bedienen. Man glaubte, dass er es mit 
Bezug auf diese Welt (auf dieses Leben) gesagt habe,^) als man aber 
sah, dass ihr Bett seinem Bette vorausging,^) da sprachen (erkann- 
ten) sie, dass er vom jenseitigen Leben gesprochen habe. 

44. (Fol. 103 b.) Am Todestage liess eine Himmelsstimme die 
Worte vernehmen: Allen, die bei der Jahrestodtenfeier^) Rabbi's 
zugegen waren, ist das Leben der künftigen Welt bestimmt. Ein 
Wäscher, der täglich bei den Leichenreden über Rabbi erschienen 



*) Sie mn^sen nachfragen, wen von beiden der Vcralorbeue mehr ge- 
liebt hat; ♦^»♦TI IHIB^, „das Geschenk der Richter," wo die Entscheidung: nicht 
von Rechtsf^^nnidsätzen, sondern von dem Wohlwollen der Richter abhängt. 

^) Nämlich: Sie sollten seiner Leiche die letzten Liebesdienste erweisen. 

') D. i. dass sie eher zu Grabe getragen wurden als er. 

*) S. Saare Sinicha II, p. G9. 



II. Tractat Kethubotli. 65 

war, war grade an jenem Tage nicht zugegen. Als er die Himmels- 
stimme hörte, stieg er auf das Dach, stürzte sich herab zur Erde 
und starb. Da liess die Himmelsstimme die Worte vernehmen: Auch 
jener Wäscher ist für das Leben der künftigen Welt bestimmt 

45. (Das.) (Rabbi hat gesagt:) Mein Sohn Simeon ist ein Weiser 
(Gelehrter). Wozu hat er das gesagt? Er hat so gesagt: Obgleich 
mein Sohn ein Weiser ist, so soll doch mein Sohn Gamliel ein Nasi 
(Fürst) sein. Levi hat gesagt: Brauchte Rabbi dies zu sagen (Gam- 
liel war doch älter als Simeon)? Da sprach R. Simeon bar Rabbi 
zu Levi: Es ist nöthig für dich und dein Hinken. Warum sollte 
Gamliel nicht Nasi werden? Es heisst doch 2 Chron. 21, 3: „Das 
Königreich (die Herrschaft) aber gab er (Josaphath) Jehoram, denn er 
war der Erstgeborne?" Weil Jehoram die Stelle seines Vaters 
ausfüllte (und unter den Brüdern war er der beste, darum erhielt er 
die Herrschaft), aber Rabban Gamliel die Stelle seines Vaters nicht 
ausfüllte (sein Bruder war gelehrter als er, darum sollte man ihn 
nicht zum Nasi machen). Warum wollte aber dennoch Rabbi, dass man 
Gamliel zu dem Nasi mache? Wenn er auch seinem Vater nicht an 
Weisheit gleich war, aber in Sündenscheu war er seinem Vater gleich. 

(Rabbi hat ferner gesagt:) Chanina bar Chama soll Schulober- 
haupt werden (an der Spitze sitzen), R. Chanina nahm es aber nicht 
an, da Rabbi Aphes zwei und ein halbes Jahr älter war als er; in- 
folgedessen wurde R. Aphes Schuloberhaupt und R. Chanina sass 
ausserhalb (des Lehrhauses). ^) Da kam Levi und setzte sich zu ihm. 
Als R. Aphes starb, wurde R. Chanina Schuloberhaupt, nun hatte 
aber Levi niemand, der neben ihm sass, infolgedessen ging er nach 
Babylon. Das ist es, was man zu Rab sagte: Es ist ein grosser 
Mann nach Nehardea gekommmen, welcher hinkend war, und trug 
vor, dass einem Weib gestattet sei, am Sabbath mit einem Kranze 
auszugehen. Da sprach Rab: Nun weiss ich, dass R. Aphes gestor- 
ben und R. Chanina Schuloberhaupt geworden ist und nun Levi 
niemand hat, der neben ihm sässe, weshalb er hierher gekommen ist. 

46. (Das.) Rabbi Chija hat gesagt: An dem Tage, an welchem 
Rabbi starb, hörte die Heiligkeit (die frommen Menschen) auf. Wir 
haben die Ueberlieferung: Als Rabbi krank war, ging R. Chija zu 
ihm*) und fand, dass er weinte. Er sprach zu ihm: Mein Lehrer! 



*) Weil es für R. Clianina unsclncklich gewesen wiire, des Aphes Scliöler 
zu sein. 

*) Der im Sterben lag. 



ß4 II. Tractat Kctliuboth. 

Warum weinst du? Es ist doch gelehrt worden: Wenn der Ster- 
bende lacht, so ist das ein gutes Zeichen für ihn,^) weint er, so 
ist das ein böses Zeichen für ihn; ist sein Gesicht nach oben gewen- 
det, so ist das ein gutes Zeichen für ihn, ist es nach unten gewen- 
det, so ist das ein böses Zeichen für ihn; ist sein Gesicht dem 
Volke zugewendet, so ist das ein gutes Zeichen für ihn, ist es der 
Wand zugewendet, so ist das ein böses Zeichen für ihn; ist sein Ge- 
sicht grüngelb (fahl und blass), so ist das ein böses Zeichen für ihn, 
ist es glänzend und roth, so ist das ein gutes Zeichen für ihn; stirbt 
er am Vorabende des Sabbaths (Freitag), so ist das ein gutes Zeichen 
für ihn, stirbt er am Ausgange des Sabbaths, so ist das ein böses 
Zeichen für ihn, stirbt er am Vorabend des Versöhnungstages, so ist 
das ein böses Zeichen für ihn, stirbt er am Ausgange des Ver- 
söhnungstages, so ist das ein gutes Zeichen für ihn, stirbt er an 
Unterleibsschmerzen, so ist das ein gutes Zeichen für ihn. 

47. (Das.) Als R. Chanina und R. Chija mit einander im Streite 
lagen, sprach R. Chanina zu R. Chija: Mit mir streitest du? Wenn, was 
Gott verhüte! die Thora von Israel in Vergessenheit geriethe, ich würde 
sie durch meinen Scharfsinn wieder herstellen. Da sprach R. Chija zu 
ihm: Ich habe bewirkt, dass die Thora von Israel nicht in Vergessen- 
heit geräth; denn ich habe Leinsamen gebracht und ihn ausgesät und 
daraus Netze (Schlingen) geflochten und damit Hirsche gefangen und 
ihr Fleisch den Waisen zu essen gegeben, aus den Fellen der Hirsche 
aber habe ich Pergamente gemacht und ich bin nach einer Stadt ge- 
gangen, wo keine Bibellehrer waren und habe fünf PentateuchroUen 
für fünf Kinder,') sodann habe ich die sechs Ordnungen der Mischna 
mit sechs Kindern gelernt^); zu jedem Kinde habe ich gesagt: Lerne 
deine Ordnung mit deinem Genossen. Das ist es, was Rabbi gesagt 
hat: Wie gross sind die Werke des Chija! Da sprach R. Simeon 
bar Rabbi zu ihm: Sie sind selbst grösser als die deinigen. Dieser 
antwortete: Ja wohl R. Ismael bar R. Josse hat zu Rabbi gesagt: 
Sie sind grösser als die meines Vaters. Da sprach Rabbi zu ihm; 
Gott behüte! eine solche Rede wie diese soll nicht in Israel sein!^) 



1) So ist das vou guter \'orbedeutung für ihn. 
*) Jedes Kind hat ein Buch des Pentateuclis gelernt. 
3) Jedes Kind hat eine Ordnung der Mischna gelerot. 
*) Er wollte damit sagen; Die Werke deines Vaters sind grösser als die 
Cliija's. 



II. Tractat Ketlmboth. g5 

Darauf sprach Rabbi :i) Ich habe meinen jüngsten Sohn nöthig. 
Da ging R. Simeon zu ihm (Rabbi) hinein und er ttberlieferte (übergab) 
ihm die Ordnungen (die Lehren, Hauptregeln) der Weisheit.^) Darauf 
sprach Rabbi zu ihnen: Ich habe meinen ältesten Sohn nöthig. Da 
ging Rabban Gamliel zu ihm hinein und er überlieferte ihm die 
Ordnungen (Hauptregeln und Lehren) des Nasiats. Er sprach zu 
ihm: Mein Sohn! führe dein Nasiat mit Hoheit, flösse Furcht 
deinen Schülern ein. Das darf doch nicht sein? Es heisst doch 
Ps. 15, 4: „Die den Ewigen fürchten, ehret er." Der Autor hat 
gesagt: Das geht auf Josaphat, den König Yon Jehuda; wenn dieser 
einen Schüler der Weisen (einen Gelehrten) sah, erhob er sich von 
seinem Throne und umarmte und küsste ihn und nannte ihn: Mein 
Lehrer, mein Lehrer! mein Herr, mein Herr!?^) Es ist keine 
Schwierigkeit (keine Frage), das eine ist gemeint: Im Verborgenen, 
das andere: In der Oefifentlichkeit. 

Es ist gelehrt worden: Rabbi lag krank darnieder in Sepphoris 
und man hatte ihm einen Ort (Grab) in Beth Schearim bereitet. 
Es ist doch aber gelehrt worden: Es heisst Deut. 16, 20: „Der 
Gerechtigkeit sollst du nachjagen?" Gehe zu Rabbi nach Beth 
Schearim, daraus erhellt doch, dass Rabbi in Beth Schearim war. 
Antw.: Allerdings wohnte Rabbi früher in Beth Schearim, als er 
aber krank wurde, brachte man ihn nach Sepphoris, weil es hoch 
gelegen war und eine reine Luft hatte (und man trug ihn nach 
seinem Tode nach Beth Schearim und begrub ihn daselbst). 

48. (Fol. 104a.) An dem Tage, wo Rabbi verscheiden wollte, 
beschlossen die Rabbinen, dass gefastet und gebetet werden sollte. 
Es hiess auch, dass der, welcher das Hinscheiden Rabbi's melde, mit 
dem Schwerte erstochen werden solle. Da stieg Rabbi's Magd 
aufs Dach und sprach: Die Oberen und die Unteren^) haben Ver- 



*) Fortsetzung der Ei-zähluDg vom Tode Rabbis, die durch Discussionen 
und andere Erzählungen unterbrochen ist. 

*) Besser: „Des Chacham- Amtes," denn mit den Worten nsn »32 pJ^Ottf 
scheint Rabbi seinen Sohn Simeon zum Chacham d. h. zum Spreclier ernannt 
zu haben, eine Würde, die nach Horajoth Fol. 13b auch R. Meir bekleidet hatte. 
Allerdings hat der babylonische Talmud die Worte nicht in dieser Weise ver- 
standen. 

') Daraus erhellt doch, dass man einen Gelehrten ehren und nicht Furcht 
einflössen darf. 

*) D. i. die Geister und die Menschen. 
Wfknsehe, Der babyloniiche Talmnd. 5 



66 n. Tractat Kethubotli. 

langen nach Babbi, möchten doch die Unteren die Oberen über- 
wältigen (bezwingen)! Als sie ihn aber nach dem Aborte gehen, die 
Tephillin ab- und wieder anlegen und so leiden sah, sprach sie: 
Möchten doch die Oberen die Unteren überwältigen! Die Rabbinen 
liessen aber nicht ab für ihn (für sein Aufkommen} zu beten, bis 
sie (die Magd) einen Krng Yom Dache herabwarf und sie za beten 
aufhörten; da starb Rabbi. Hierauf sprachen die Rabbinen zu Bar 
Eapara: Geh und sieh nach. Er ging und fand, dass Rabbi verschie- 
den war, zerriss seine Kleider, wandte aber den Riss nach der Rück- 
seite und sprach: Die Gewaltigen (des Himmels) und die Grund- 
vesten (Frommen) ergrififen die heilige Bundeslade, die Gewaltigen 
besiegten die Grundvesten und die heilige Lade gerieth in die Ge- 
fangenschaft. Rabbi ist wohl verschieden? fragten die Rabbinen. 
Bar Kapara antwortete ihnen: Ihr habt es gesagt, ich habe es nicht 
gesagt. 

In der Stunde des Verscheidens richtete Rabbi seine zehn Finger 
nach der Höhe und sprach: Herr der Welt! bekannt und offenbar 
ist es vor dir, dass ich mich mit den zehn Fingern in dep Thora 
abgemüht und keinen Genuss selbst mit dem kleinsten für mich ge- 
bucht habe, möge es dir gefallen, dass Friede in meiner Ruhestätte 
mir beschieden sei! Da liess eine Himmelsstimme die Worte Jes. 57, 2 
vernehmen: „Er geht ein zum Frieden, sie ruhen auf ihren Lagern, 
der in seiner Gradheit wandelt.*' Es sollte doch heissen: Auf 
deinem Lager. Das ist ein Beweis für R. Chija bar Gamda, denn 
dieser hat im Namen des R. Josse ben Schaül gesagt: In der Stunde, 
wo ein Gerechter von der Welt scheidet, sprechen die Dienstengel 
vor dem Heiligen, gebenedeiet sei er: Herr der Welt! der und der 
Gerechte kommt! Er spricht zu ihnen: Die Gerechten sollen kommen 
und ihm entgegengehen und zu ihm sprechen: „Er komme zum Frie- 
den!" dann mögen sie ruhen auf ihren Lagern, 

R. Eleasar hat gesagt: In der Stunde, wo ein Gerechter von 
der Welt scheidet, gehen drei Schaaren Dienstengel ihm entgegen, 
die eine spricht zu ihm: „Er kommt in Frieden", die andere spricht 
zu ihm: „Der in seiner Redlichkeit Wandelnde", die dritte endlich 
spricht zu ihm: „Es komme der Friede, sie ruhen auf ihren Lagern." 
In der Stunde aber, wo der Frevler von der Welt scheidet, kommen 
drei Schaaren Würgengel ihm entgegen, die eine spricht zu ihm 
s. das. 48, 22: „Kein Friede, spricht der Ewige, den Frevlern!" 
Die andere spricht zu ihm s. das. 50, 11: „In Leiden soll er dar- 



U. Tractat Kethubotli. 67 

niederliegen!" Die dritte endlich spricht zu ihm s, Ezech. 32, 19: 
,,Sinke hinab and liege bei den Unbeschnittenen/' 

49. (Fol. 105 a.) R. Oschaja hat gesagt: 394 Gerichtshäuser waren 
in Jerusalem und ebensoviele Versammlungshäuser und ebensoviele 
Lehrhäuser und ebensoviele Einderschulen. Rab Jehuda hat im 
Namen des Rab Assi gesagt: Die Beschlussfassenden (d. i. die Richter, 
welche feststellten, was man nicht thun durfte), pflegten als ihren 
Lohn 99 Minen von der Hebe der Halle zu erhalten. Karna nahm 
«inen Stater von dem Freigesprochenen lund einen Stater von dem 
Verurtheilten. Wie konnte er das thun, es steht doch geschrieben 
Ex. 23, 8: „Du sollst nicht Bestechung nehmen?" Sage: Er nahm 
es als Entschädigung für die Yefsäumniss seiner Angelegenheiten, 
sowie Rab Huna verfuhr, der zu dem, der vor ihm zu Gericht er- 
schien, sprach: Geh und stelle mir erst einen Mann, der an meine 
Stelle Wasser schöpft (um die Felder zu tränken). 

50. (Das.) R. Abahu hat gesagt: „Komm und sieh, wie blind 
(verblendet) diejenigen sind, welche Bestechung annehmen! Hat 
ein Mensch ein Uebel an seinem Auge, so bezahlt er dem Arzte 
Geld, und es ist zweifelhaft, ob er geheilt wird oder nicht; die 
Richter aber, wenn sie nur eine Peruta nehmen, werden schon blind, 
denn es heisst Exod. 23, 8: „Du sollst nicht Bestechung nehmen, 
denn Bestechung blendet die Hellsehenden. Die Rabbinen haben 
gelehrt: Es heisst Deut. 16, 19: „Du sollst nicht Bestechung nehmen, 
denn Bestechung blendet die Augen der Weisen", um wie viel mehr 
die der Thoren, „und sie verkehrt die Worte der Gerechten", um 
wie viel mehr die der Frevler! Werden denn aber Thoren und 
Frevler zum Richteramte berufen? Der Sinn jener Worte: „Denn 
Bestechung blendet die Augen der Weisen" ist dieser. Selbst ein 
grosser Weiser, wenn er Bestechung nimmt, scheidet von der Welt 
nicht ohne Verblendung des Herzens,- „und sie verkehret die Worte 
der Gerechten" d. i. selbst ein voUkommner Gerechter, wenn er 
Bestechung nimmt, scheidet von der Welt nicht ohne Sinnesver- 
wirrung. 

51. (Fol. lOöb.) Als Rab Dimi kam, sprach er: Rab Nachman 
bar Eohen hat vorgetragen: Was heisst das, was geschrieben steht 
Prov. 29, 4: „Ein König erhält das Land durch das Recht, wer 
aber Steuern häuft, zerstört dasselbe?" Antw.: Gleicht der Richter 
einem Könige, der nichts bedarf (dessen Einkommen gesichert ist), 
so erhält er das Land; gleicht er aber einem Priester, der erst auf 

5* 



g3 II« Tractai Kethubotli. 

den Tennen umhergehen (und sich sein Einkommen holen) mnss, sa 
zerstört er dasselbe. 

Babba bar bar Schila hat gesagt: Der Richter, der zuweilen 
borgen muss, ist zum Bechtsprechen unbrauchbar. 

Baba hat gesagt: Warum ist die Bestechung so verpönt? Weil 
der, welcher Bestechung nimmt, dadurch so eingenommen wird, dasa 
er die Bechtssache so ansieht, als ob sie ihn selbst betreffe, und 
ein Mensch betrachtet sich doch selbst nicht als schuldig. Was 
bedeutet nni\&, Bestechung? Soviel als nn Min^s, sie sind eins 
(ein Herz) geworden. 

Bab Papa hat gesagt: Der Mensch soll nicht dem als Bichter 
dienen, welchen er liebt und auch nicht dem, welchen er hasst; denn 
den, welchen er liebt, wird er nicht als schuldig und den, welchen 
er hasst, nicht als unschuldig erkennen. 

52. (Das.) Abaji hat gesagt: Wenn die Stadtleute einen jungen 
gewandten Gelehrten lieben, so geschieht das nicht seiner besonderen 
Yorzflge halber,^) sondern deshalb, weil er sie nicht in den Dingen 
des Himmels^) zurechtweist 

53. (Das.) Unsere Babbinen haben gelehrt: Das Verbot Ex. 
23, 8: „Du sollst nicht Bestechung nehmen," ist nicht nur in Bezug 
auf Bestechung durch Geld (Geschenke), sondern selbst in Bezug auf 
Bestechung durch Worte (Geneigtmachung durch gute Worte) ge- 
meint, denn es heisst nicht: y^'2, du sollst nicht nehmen, womit Geld 
gemeint wäre, sondern nn'))D, was auch auf Worte Bezug hat. Samuel 
ging einst über eine Brücke, wo ein Mann auf ihn zukam und ihm seine 
Hand reichte (um ihn zu stützen). Er fragte ihn: Was ist dein Anliegen ? 
Ich habe eine Bechtssache, versetzte dieser. Da sprach Samuel zu ihm: 
Ich kann dir nicht als Bichter dienen.^) Ebenso verhielt sich Amemar. 
Als er dasass, flog ihm eine Feder auf den Kopf. Da kam ein Mann 
zu ihm, welcher sie wegnahm. Amemar sprach zu ihm: Was ist 
dein Anliegen? Ich habe eine Bechtssache, gab dieser zur Antwort. 
Ich kann dir, versetzte Amemar, nicht als Bichter in deiner Bechts- 
sache dienen. Desgleichen warf Mar Ukba einmal Speichel vor sich 
hin. Da kam ein Mann und deckte ihn zu. Er fragte ihn: Waa 



') Weil er vorzügliche Eigenschaften besitzt. 

^) D. i. in den religiösen Pflichten nnd Obliegenlieiteu zurechtweist nnd 
ihnen ihre Vergebungen vorhält 

*) Ich kann in deiner Sache schon nicht mehr Urtheil sprechen, weil du 
midi durch deine Zuvorkommenheit verpflichtet hast. 



n. Tractat Kethuboth. g9 

ist dein Anliegen? Ich habe eine Rechtssache, gab er zur Antwort. 
Ich kann dir, versetzte Mar Ukba, nicht als Richter in deiner Rechts- 
sache dienen. 

Dem R. Ismael ben R. Josse brachte sein Gärtner gewöhnlich 
jeden Freitag einen Korb Früchte anf den Sabbath. Eines Tages brachte 
er ihm den Korb schon am Donnerstage. Warum schon heute (jetzt)? 
fragte R. Ismael. Ich habe eine Rechtssache, versetzte dieser, und 
dachte bei dieser Gelegenheit dem Herrn gleich die Früchte zu 
bringen. R. Ismael nahm sie nicht an, sondern sprach zu ihm: Ich 
kann dir als Richter in deiner Rechtssache nicht dienen. 

Zu R. Ismael ben Elisa brachte einmal ein Mann den Erstling 
der Schafschur. Da fragte er ihn: Woher bist du? Er sprach zu 
ihm: Von dem und dem Ort Darauf jener: War denn von dort 
bis hierher kein Priester, dass du die Wolle ihm hättest geben 
können? Darauf dieser: Ich habe eine Rechtssache und dachte, bei 
Gelegenheit bringe ich sie dem Herrn (dir). Darauf dieser: Ich 
kann dir nicht in deiner Rechtssache dienen. 

54. (Fol. 105 b u. 106 a.) Dem Rah 'Anan brachte ein Mann einen 
Korb mit kleinen Fischen, die unter dem Schilf des Flusses anzu- 
treffen sind. Da fragte ihn Rah 'Anan: Was willst du bei mir 
(eig. was ist dein Thun oder Vorhaben bei mir)? worauf ihm dieser 
antwortete: Ich habe eine Rechtssache. Da nahm Rah ^Anan die 
Fische nicht von ihm an, sondern er sprach zu ihm: Ich bin nicht 
tauglich fflr deine Rechtssache. Darauf sprach der Mann: Die Rechts- 
entscheidung des Herrn will ich nicht, möge aber der Herr sie doch 
annehmen, damit der Herr mich nicht verhindere, dass ich die Erstlinge 
darbringe; denn es ist doch gelehrt worden: Es heisst 2 Reg. 4, 42: 
„Und ein Mann kam von Baal Schalischa und brachte dem Manne 
Gottes Brot von Erstlingsfrucht, zwanzig Gerstenbrote und frische 
Aehren in seiner Tasche.'' Ass denn Elisa Erstlinge (er war doch 
kein Priester)? Allein es will dir sagen: Wer ein Geschenk dem 
Schüler der Weisen bringt, das ist so, als brächte er Erstlinge dar. 
Da sprach Rab ^Anan: Ich wollte die Fischlein nicht von dir an- 
nehmen, allein jetzt hast du mir einen Grund angegeben, so will 
ich sie annehmen. Rab 'Anan schickte ihn nun mit der Rechtsache 
zu Rab Nachman und liess ihm sagen: Wolle der Herr doch die 
Rechtssache dieses Mannes annehmen, denn ich, ^Anan, bin untaug- 
lich für dieselbe. Da dachte Rab Nachman, da R. ^Anan zu mir 
geschickt hat, so muss der Mann einer von • seinen Verwandten 



70 H- Tractat Ketlmboth. 

sein. Es stand aber grade eine Rechtssache von Waisen Yor ihm, 
da sprach er: Es ist ein Gebot, Recht zu sprechen und es ist 
ein Gebot, Ehre einem Schüler der Weisen zu erzeigeu,^) allein die 
Ehre der Thora ist vorzuziehen der Rechtssache der Weisen. Er 
bestellte daher die Waisen für später und nahm diesen Prozess vor» 
Als der Gegner sah, dass dem andern solche Ehre zu Theil wurde, 
so entfielen ihm in Folge der Verwirrung seine Einwendungen. 

55. (Fol. 106a.) Elia pflegte zu Rah 'Anan zu kommen, um 
mit ihm die Ordnung (das Buch) des Elia zu lernen. Als er so 
that, wui*de ihm Elia entzogen. Er sass nun in Fasten und bat 
um Erbarmen, da kam Elia wieder, setzte ihn aber in Schrecken. 
Rah 'Anan machte daher einen Kasten und liess sich darinnen 
nieder, während Elia (draussen) vor ihm sass, bis er mit ihm die 
Ordnung (das Buch) beendigte. Das ist es, was wir zu sagen pflegen: 
Die grosse Ordnung des Elia und die kleine Ordnung. 

56. (Das.) In den Jahren des Rab Joseph ruhte der Zorn 
Gottes auf der Welt.^) Da sprachen unsere Rabbinen zu Rab Jo- 
seph: Der Herr bitte doch um Erbarmen! Da sprach er zu ihnen: 
Wenn schon Elisa, der, als die Rabbinen sich von ihm verabschiede- 
ten, noch immer 2200 Rabbinen (Schüler) hatte (welche bei ihm 
assen), als Gottes Zorn damals auf der Welt ruhte, nicht um Er- 
barmen bat, wie soll ich um Erbarmen bitten? Woher wissen wir, 
dass so viele Schüler bei ihm verblieben sind? Es heisst 2 Reg. 4, 
43: „Und 'sein Diener sprach: Was soll ich davon vorlegen vor 
hundert Mann?*' Was heisst das: „Vor hundert Mann?'* Soll 
ich vielleicht sagen: Das Ganze (d. i. die zwanzig Gerstenbrote, 
das Brot von der Erstlingsfrucht und die frischen Aehren)^) vor 
hundert Mann? In Jahren der Hungersnoth ist das doch viel! 
Allein es ist so gemeint: Je ein Brot für hundert Mann. Wenn 
sich unsere Rabbinen von Rab verabschiedeten, blieben noch 1200 
zurück (welche bei ihm assen). Wenn sich unsere Rabbinen von 
Rab Huna verabschiedeten, blieben 800 zurück. Wenn Rab Huna 
vortrug, pflegten neben ihm dreizehn Amoräer zu stehen. Wenn 
unsere Rabbinen aus der Schule des Rab Huna aufstanden, und 



*) Es ist besser, dem Freunde ^Anaos, der ein Geleljrter ist, Recht zu 
sprechen, 

«) Es war Huogersnotli. 
3) S. das. V. 42. 



II. Traclat Kethubotli. 71 

sie ihre Mäntel auszuschüttelten, stieg der Staub in die Höhe und 
bedeckte die Sonne (machte den Tag finster). Im Abendlande (d. i. 
in Palästina) pflegte man deshalb zn sagen: Die Schüler von der 
Schule des Rab Huna in Babel sind aufgestanden. Wenn unsere 
Rabbinen sich von Eabba und Rab Joseph verabschiedeten, blieben 
noch 400 zurück und sie nannten sich Waisen. Wenn die Rabbinen 
sich von Abaji verabschiedeten, oder wie andere sagen, von Rab 
Papa, oder wie andere sagen, von Rab Aschi, blieben immer noch 200 
zurück, und sie nannten sich Waisen von Waisen. 

57. (Das.) R. Sera hat im Namen Rabs gesagt: Dreizehn 
Vorhänge waren im zweiten Tempel, nämlich sieben gegen die sieben 
Thore, einer für die Thüre des Heiligthums, einer für die Thüre 
der Vorhalle, zwei für das AUerheiligste (n-^mn) und zwei den letz- 
teren beiden gegenüber für den Söller. 

58. (Fol. 110b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Immer soll 
der Mensch (ein Israelit) im Lande Israel wohnen, wenn auch die 
Mehrzahl (der Bewohner) der Stadt Nochrim (Fremde) sind, und 
nicht im Auslande wohnen, wenn auch die Mehrzahl (ihrer Bewoh- 
ner) Israeliten sind. Denn jeder, der im Lande Israel wohnt, 
gleicht dem, welcher Gott hat, jeder aber, der nicht im Lande 
Israel wohnt, gleicht dem, der nicht Gott hat, denn es heisst Lev. 
25, 38: „Euch das Land Kanaan zu geben und euch Gott zu sein." 
Haben denn alle, die nicht im Lande Israel wohnen, nicht Gott? 
Allein es will dir sagen: Jeder, der im Auslande wohnt, gilt so, als 
triebe er Götzendienst. So hat auch David gesagt 1 Sam. 26, 19: 
„Sie haben mich vertrieben, dass ich mich nicht anschliessen darf 
dem Erbtheil des Ewigen, und sie sprachen: Geh, diene andern 
Göttern." Wer sprach denn zu David: „Geh, diene andern Göt- 
tern?" Allein es will dir sagen: Jeder, der im Auslande wohnt, ist 
so, als triebe er Götzendienst. 

59. (Fol. lila) R. Josse bar R. Chanina hat gesagt: Was be- 
deuten die drei Schwüre Cant 2, 7? Der eine, dass Israel nicht mit 
Gewalt heraufziehen soU,^) der andere, dass der Heilige, gebene- 
deiet sei er! die Israeliten einen Schwur hat leisten lassen, dass sie 
sich niemals gegen die Völker der Welt empören wollen, und der 
dritte, dass der Heilige, gebenedeiet sei er! die Völker der Welt 



■) Sinn: dem Himmelreich nicht Gewalt anthun soll. 



72 !'• Tractat KetJiuboth. 

einen Schwor hat leisten lassen, dass sie die Israeliten nicht zu sehr 
bedrücken (knechten) wollen. 

(Das.) R. Eleasar hat gesagt (mit Bezugnahme auf obige Stelle): 
,,Der Heilige, gebenedeiet sei er! sprach zu den Israeliten: Wenn 
ihr den (übernommenen) Schwur halten wollt, so ist es gut, wo nicht, 
so gebe ich euer Fleisch preis wie das der Gazellen und Hirsche 
des Feldes. 

60. (Das.) R. Eleasar hat gesagt: Wer im Lande Israel wohnt, 
ist ohne Sünde, denn es heisst Jes. 33, 24: „Und kein Bewohner 
spreche: Ich bin krank. Dem Volke, das darin wohnt, ist seine 
Schuld erlassen." Raba (Rebina) hat zu Rah Aschi gesagt: Wir 
lernen es so, dass der Vers von denen redet, die mit Krankheiten 
beladen sind (nicht von Allen, die im Lande Israel wohnen). 

(Das.) Rab ^Anan hat gesagt: Wer im Lande Israel begraben 
ist, gilt so, als wenn er unter dem Altare begraben wäre. Hier 
Ex. 20, 21 heisst es: „Einen Altar von Erde sollst du dir machen 
(riTsn« nntTa),*' und dort Deut. 32, 43 heisst es auch: „Und es ver- 
söhnt seinen Boden sein Volk {ifzy inTsn« icon)." Ula pflegte 
(öfters) nach dem Lande Israel hinaufzuziehen, er starb aber im 
Auslande. Da kam man und berichtete es R. Eleasar. Dieser 
sprach: Ula, du sollst auf unreinem Boden sterben. Darauf sprach 
man zu ihm: Sein Sarg ist gekommen. Er antwortete ihnen: Nicht 
ist gleich der, den es (das Land Israel) beim Leben aufnimmt, dem, 
den es nach seinem Tode aufnimmt. 

61. (Das.) R. Jehuda hat im Namen des Samuel, (der in Ba- 
bylon wohnte), gesagt: Sowie es verboten ist, aus dem Lande Israel 
nach Babylon fortzuziehen, so ist es auch verboten, aus Babylon 
nach den übrigen Ländern fortzuziehen. Rabba und Rab Joseph 
haben beide gesagt: Selbst aus Pumbeditha darf man nicht nach 
Be-Eubi ziehen. Als einer einmal von Pumbeditha nach Be-Eubi 
zog, that ihn Rab Joseph in den Bann. Ein anderer zog einmal 
von Pumbeditha nach Isthunja und starb daselbst, da sprach Abaji: 
Wenn dieser junge Gelehrte gewollt hätte, würde er noch am 
Leben sein. Rabba und Rab Joseph haben beide gesagt: Die 
Frommen von Babel zieht das Land Israel an sich und die Frommen 
von den übrigen Ländern zieht Babel an sich. Was meint man 
damit? Soll ich vielleicht sagen: Hinsichtlich der edlen Abkunft,^) 

1) Dass die Frommen Babylons palästinische Frauen zu heiratlien suclien, 
weil sie von edlerer Abkunft sind. 



II. Tractat Kethuboth. 73 

der Autor hat doch gesagt: Alle Länder sind wie ein Teig gegen 
das Land Israel, und das Land Israel ist wie ein Teig (gemischt, 
nicht ganzrein) gegen Babylon? Allein es handelt sich hier um das 
Begräbniss (die Frommen Babylons lassen sich in Palästina beerdigen, 
die Frommen anderer Länder in Babylon). 

62. (Das.) Rab Jehuda hat gesagt: Wer in Babylon wohnt, gilt 
so, als ob er im Lande Israel wohnte, denn es heisst Sach. 2, 11: 
„Ja, Zion, entrinne, Bewohnerin der Tochter Babylons.*' Abaji hat 
gesagt: Wir haben gelernt: Die, welche in Babel wohnen, werden 
nicht die Wehen des Messias sehen. Dies bezieht sich auf Hnzal von 
Benjamin, und man nennt die Stadt «nrir^T Ni^p, Winkel der Be- 
freiung. 

63. (Das.) R. Eleasar hat gesagt: Die Todten ausser des Lan- 
des Israel leben nicht (wieder) auf, denn es heisst Ezech. 26, 20: 
„Ich gebe Zierde {'^:i^) im Lande der Lebenden'' d. i. das Land, 
nach welchem ich Verlangen ("^^rti^^s) habe, dessen Todte werden 
wieder aufleben, dagegen das Land, nach dem ich kein Verlangen 
habe, dessen Todte werden nicht wieder aufleben. 

R. Abba bar Mamal hat darauf gefragt: Es heisst doch Jes. 26, 19 : 
„Deine Todten werden aufleben, meine Leichname aufstehen." Was 
heisst das: „Deine Todten werden aufleben?" Das geht auf die, 
welche im Lande Israel sind. „Und meine Leichname werden auf- 
stehen" d. h. die, welche im Auslande sind. Und was heisst das: 
„Ich gebe Zierde im Lande der Lebendigen?" Das ist Nebucad- 
nezar, weil der Allbarmherzige gesagt hat: Ich will über sie (die 
Israeliten in Palästina) einen König bringen, welcher so leicht 
wie ein Hirsch (M*^nD) ist. Da sprach R. Eleasar zu R. Abba: 
Ich bringe eine andere Schriftstelle als Beweis, es heisst Jes. 42, 5: 
„Er giebt Lebenshauch (Seele) dem Volke auf ihr (d. i. auf dem 
Lande Israel) und Geist denen, die auf ihr wandeln." Allein es 
heisst doch: „Meine Leichname werden aufstehen?" Damit sind die 
Frühgeburten gemeint Was macht R. Abba bar Mamal mit dem 
Verse: „Er giebt Lebenshauch dem Volke auf ihr?" Er bedarf 
dessen zu dem, was R. Abahu gelehrt hat; denn R. Abahu hat 
gesagt: Selbst eine kanaanitische Magd (Sclayin), welche im Lande 
Israel lebt, darf sich versichert halten, dass sie eine Tochter der 
künftigen Welt ist (d. i. dass sie der künftigen Welt theilhaft sein 
wird); denn hier Jes. 42, 5 heisst es: „rr'by DrV, er giebt Lebens- 
hauch (Seele) dem Volke auf ihr," und dort Gen. 22, 5 heisst es 



74 II. Tractat Ketliubotli. 

auch: „Bleibet hier, Volk des Esels (mtenn öy)**^) d. L ein Volk, 
welches dem Esel gleicht (mTsnn riTsnn Dy). 

64. (Das.) „Und Geist denen, die darauf wand ein'' (Jes. das.) 
R. Jeremja bar Abba hat im Namen des R. Jochanan gesagt: Wer 
nur vier Ellen im Lande Israel geht, darf sich versichert halten, 
dass er ein Sohn der künftigen Welt ist (d. i. dass er der künftigen 
Welt theilhaftig sein wird). 

65. (Das.) An Rabba (in Babylonien) schickten dessen Brüder 
(folgenden Brief): Unser Vater Jacob wusste, dass er ein vollkom- 
mener Gerechter sei (und er werde auch ausserhalb Palästinas auf- 
erstehen. Dennoch befahl er seinen Söhnen, dass sie ihn in Palästina 
begraben sollten. (Also komme auch du nach Palästina!) Und Ilpha 
fügte (dem Schreiben der Brüder) noch Folgendes hinzu: Es war einmal 
ein Mann, welcher sich über ein Weib quälte (sich in sie verliebte) 
und deshalb seine Heimath (Palästina) verlassen wollte.^) Als er 
solches vernommen hatte, zog er sich hin (quälte er sich) damit 
bis an seinen Todestag, ohne zu heirathen. Obgleich du (Rabba) ein 
grosser Weiser (Gelehrter) bist, so gleicht doch nicht derjenige, der 
von sich selbst lernt, demjenigen, der von seinem Lehrer lernt ^) 
Solltest du vielleicht sagen: Ich habe dort keinen Lehrer, von dem 
ich lernen könnte, so sage ich: Du hast einen Lehrer, nämlich 
du hast einen Lehrer an R. Jochanan. Und wenn du nicht herauf- 
kommst (wenn du nicht von Babylon in deine Heimath zurückkehrst), 
so sei mit drei Dingen verwarnt:^) 1) Sitze nicht zu viel, denn das 
viele Sitzen ist dem Unterleibe schädlich, 2) stehe auch nicht zu 
viel, denn das viele Stehen ist dem Herzen nicht zuträglich, 3) gehe 
auch nicht zu viel, denn das viele Gehen ist den Augen schädlich, 
sondern ein Drittel (des Tages) verbringe mit Sitzen, ein Drittel mit 
Stehen und ein Drittel mit Gehen. 

66. (Fol. 111b.) R. Eleasar hat gesagt: Die gemeinen Leute 
('Amme haarez)^) werden nicht wieder lebendig werden, denn es 
heisst Jes. 26, 14: „Die Todten werden nicht wieder leben" u. s. w. 



^) So nimmt der Talmud die Stelle. Dies gilt aber nur von kaiianitischeii 
Sclaven, wie dies in Kiddusclün Fol. 68a ausdrücklich erklärt ist. 

*) Eijj.: Hinabziehen wollte. 

3) D. i. nimm einen Lehrer an, denn es ist ein Unterschied zwischen dem» 
der von sich selbst und dem, der von seinem Lehrer lemt. 

*) So gebe ich dir drei V'erhaltungsregeln. 

^) Die Idioten d. i. die gemeinen, ungelehrten Leute. 



II. Tractat Kellmboth. 75 

£s ist auch so gelehrt worden: Hier heisst es: „Die Todten werden 
nicht wieder leben/' da könnte ich glauben: alle? Damm heisst es 
das.: „Die Rephaim (D-'Ncn) stehen nicht wieder auf." Die Schrift 
redet von dem, der sich von den Worten der Thora lossagt (ns^T:). ^) 
Da sprach R. Jochanan zu ihm (R. Eleasar): Gott will nicht, dass 
du so sagst, es ist derjenige gemeint, welcher sich lossagt von der 
Thora und einem Abgott dient, ein solcher wird nicht wieder auf- 
stehen. Da sprach R. Eleasar zu ihm: Ich bringe eine andere Stelle 
als Beweis: Es heisst das. 26, 19: „Denn ein Thau des Lichtes 
(m^iN) ist dein Thau, aber zur Erde wirfst du Riesen (ö"»ndi) 
nieder." Wer sich des Lichtes der Thora (n*inn iin) bedient, den 
wird das Licht der Thora beleben, wer sich aber des Lichtes Thora 
nicht bedient, den wird das Licht der Thora nicht beleben. Als R. 
Eleasar sah, dass R. Jochanan sich betrübte (wegen der Nichtwieder- 
belebung der Idioten), sprach er zu ihm: Ich habe für sie eine Hei- 
lung (Hilfe, rtNiEl) aus der Thora gefunden, es heisst Deut. 4, 4: 
„Ihr aber, die ihr an dem Ewigen, eurem Gotte hängt, seid alle 
heute noch am Leben." Ist es denn möglich, dass sich einer an 
die Schechina hängen kann; es heisst doch das. Y. 24: „Denn der 
Ewige, dein Gott ist ein verzehrendes Feuer?" Allein derjenige, 
welcher seine Tochter mit einem Schüler der Weisen verheirathet, 
Handelsgeschäfte für einen Schüler der Weisen treibt und einem 
Schüler der Weisen Genuss von seinem Vermögen gewährt, den 
betrachtet die Schrift so, als hänge er sich an die Schechina. Des- 
gleichen heisst es das. 30, 20: „Zu lieben den Ewigen, deinen Gott, 
seiner Stimme zu gehorchen und ihm anzuhangen." Ist es denn 
möglich, dass sich ein Mensch an die Schechina hängen kann? 
Allein es ist so gemeint: Wer seine Tochter an einen Schüler der 
Weisen verheirathet, für einen Schüler der Weisen Handelsgeschäfte 
treibt und einem Schüler der Weisen von seinem Vermögen Genuss 
gewährt, den betrachtet die Schrift so, als hänge er sich an die 
Schechina. 

67. (Das.) R. Chi ja bar Joseph hat gesagt: Einst werden die 
Gerechten (welche ausserhalb Palästinas begraben sind) in Jerusalem 
emporsprossen und auferstehen, denn es heisst Ps. 72, 16: „Und sie 
erblühen ans der Stadt wie das Gras der Erde." Unter n**?, Stadt 
ist nichts anderes als Jerusalem zu verstehen, wie es heisst 2 Reg. 



>) Das "Wort D'Hßl wird von nßlO abgeleitet. 



76 J'» Tractat Ketlmboth. 

19, 34: „Und schirmen werde ich diese Stadt'' R.Chija bar Joseph 
hat ferner gesagt: Einst werden die Gerechten bekleidet (mit Klei- 
dern angethan) auferstehen. Der Beweis ist vom Weizen zu ent- 
nehmen. Wenn schon der Weizen, welcher nackt begraben (in die 
Erde gelegt) wird, bekleidet hervorsprosst, um wie viel mehr die 
Gerechten, welche mit Kleidern begraben werden!^) 

68. (Das.) R. Chija bar Joseph hat femer gesagt: Einst wird 
das Land Israel Kuchen (gebackenes Brot) und feine Kleider hervor- 
bringen, wie es heisst Ps. 72,16: „Es wird sein Fülle des Getreides 
im Lande.'' Die Rabbinen haben gelehrt: „Es wird sein Fülle 
des Getreides im Lande auf dem Gipfel der Berge." Man sagte: 
Der Weizen wird aufsteigen gleich der Palme und bis an die 
Spitze der Berge reichen. Vielleicht wirst du sagen: Es wird 
das dem Schnitter Plage bereiten? Darum heisst es das.: „Es 
rauscht wie der Libanon seine Frucht" Der Heilige, gebenedeiet 
sei er! bringt einen Wind aus seinem Schatzhause, welcher darüber 
wegbläst und dessen Mehl abfallen macht und der Mensch geht hinaus 
auf das Feld und holt eine Hand voll und versieht damit sich und 
die Leute seines Hauses mit Nahrung. Es heisst femer Deut 32, 
14: „Mit dem Nierenfett des Weizens." Man sagte: Einst wird ein 
Weizenkom so gross sein wie die zwei Nieren eines grossen Ochsen. 
Verwundere dich nicht darüber, denn siehe, ein Fuchs machte ein- 
mal sein Nest (Lager) in einer Rübe (die er ausholte und darein 
seine Junge warf). Als man sie wog, fand man, dass sie 60 Litra 
nach dem Gewichte von Sepphoris wog. Es ist überliefert worden: 
Rab Josse hat erzählt, dass sich in Schichin (bei .Sepphoris) folgen- 
des zugetragen habe: Ein Vater hat einmal seinem Sohne Senf- 
zweige hinterlassen, davon wurde einer gespalten (und ausgedroschen) 
und man fand darin neun Kab Senfkömer, von dem Holze davon 
bedeckte man eine Hütte der Töpfer. 

R. Simeon ben Tachlipha hat gesagt: Unser Vater hat uns einen 
Krautstengel hinterlassen und wir stiegen mit einer Leiter an ihm 
hinauf und wieder herab (um die Blätter abzubrechen). 

69. (Das.) Die Rabbinen haben gesagt: Nicht wie diese Welt 
ist die künftige Welt. In dieser Welt hat man Mühe, (die Trauben 
im Herbste) abzuschneiden und (die Kelter) zu treten, in der künf- 
tigen Welt aber bringt man eine Traube in einem Wagen oder in 



*) Vergl. Sanli. Fol. 90 b und Scliabb. Fol. 30 b. 



II. Tractat Kethuboth. 77 

einem Schiffe and wird sie in einen Winkel seines Hauses legen 
und ans ihr soviel wie aus einem grossen Fass gemessen, ihr Hol^ 
aber wird man nnter den Speisen (die man kocht) anzünden and es 
wird keine Traabe sein, in der nicht dreissig Krüge Wein sind, denn 
es heisst Deut 32, 14: „Und du wirst das Blut der Trauben schau* 
mend trinken.'* Lies nicht ^7:n, schäumend, sondern ^72in, Chomer- 
(30 Masz-) weise trinken. Als Rah Dimi kam, sprach er: Was heisst 
das, was geschrieben steht Gen. 49, 11: „Er wird sein Füllen an 
den Weinstock binden?'' Es will sagen: Es wird keinen Weinstock 
im Lande Israel geben', zu dem man nicht beim Abschneiden ein 
Füllen nöthig habe. Was bedeuten ferner die Worte: „Und an den 
unfruchtbaren Baum (np^ib) das Junge seiner Eselin?" Antw.: Es 
inrd keinen unf nichtbaren Baum im Lande Israel geben, welchc^r 
nicht so viel Früchte trägt, als zwei Eselinnen tragen können. 
Solltest du yieUeicht sagen: Es wird kein Wein darin sein, so heisst 
es das.: „Er wäscht im Weine sein Kleid," und solltest du vielleicht 
sagen: Er wird nicht roth sein, so heisst es Deut. 32, 14: „Du 
wirst das Blut der Trauben roth hy2r\) trinken," und solltest du 
vielleicht sagen, er wird nicht berauschen, so heisst es Gen. 49, 11: 
„nn-io,^) er reizt an," und solltest du vielleicht sagen, er wird 
keinen Geschmack haben, so heisst es das. v. 12: „Geschminkt (roth* 
lieh) an den Augen vom Wein," ein jeglicher Gaumen, der ihn kostet^ 
spricht: (Gieb) mir, (gieb) mir!^) und solltest du vielleicht sagen es 
ist nur den Jungen dienlich (gut), den Alten aber ist er nicht dien- 
lich, so heisst es das.: „Und weiss die Zähne von Milch." Lies 
nicht: abnTS ö'^riD nsbi, weiss die Zähne, sondern: D'»3\b pb^ 
dem Sohne an Jahren (d. L dem Alten wird er dienlich sein). 

Als Hab Dimi kam, sprach er: Die Gemeinde Israel spricht 
vor dem Heiligen, gebenedeiet sei er: Herr der Welt! winke mit 
deinen Augen, denn das ist lieblicher als Wein, und zeige mir deine 
Zähne ; das ist lieblicher als Milch. Das ist eine Stütze für K 
Jochanan; denn dieser hat gesagt: Es ist besser, weisse Zähne sei* 
nen Genossen zu zeigen (ihn anlächeln), als wenn er ihm Milch zu 
trinken giebt, denn es heisst das.: D'^su^ pbi* Lies nicht: D*;^;!^ l^b, 
sondern: D'^suj liä'^b, er zeigt (seinem Genossen) die weissen Zähne» 

70. (Fol. 111b u. 112 a.) Bab Chija bar Ada war des Bosch 



') Daß Wort wird von n»Dn, anreizen abgeleiteU 

«) Das Wort ^h^hsT] wird in die di-ei Worte »^ ^ Tjn «erlegt. 



i 



7g li. Tractat Kethuboth. 

Lakisch Einderlehrer and blieb einmal drei Tage fort und kam nicht 
(zum Unterrichte der Kinder). Da fragte ihn Besch Lakisch: Warum 
bist du so lange s&umig gewesen? Er antwortete ihm: Mein Vater 
hat mir einen aufgezogenen Rebenstock hinterlassen, von welchem ich 
am ersten Tage dreihondert Tranben abgeschnitten habe, deren jede 
ein Fass Most gab; am zweiten Tage habe ich dreihundert Trauben 
abgeschnitten, deren je zwei ein Fass Most gaben und am dritten Tage 
habe ich dreihundert Trauben abgeschnitten, deren je drei ein Fass 
Most gaben, und ich habe mehr als die H&lfte für herrenloses Gut er- 
klärt Da sprach Resch Lakisch zu ihm: Wenn du nicht drei Tage säumig 
gewesen wärest, so hätte er noch mehr gegeben. — Rami bar Ezechiel 
kam einmal zu den Bewohnern von Berak und sah daselbst Ziegen, 
welche unter den Feigenbäumen frassen, dabei tropfte der Honig aus 
den Feigen und von den Ziegen floss die Milch und es vermischte sich 
jener mit dieser. Da sprach er: Das ist es, was geschrieben steht Ex. 
5,8. 17 u. 13,5: „Das ist das Land), wo Milch und Honig fliessf' — 
R. Jacob ben Dusthai hat gesagt: Von Lud (Lydda) bis Ono sind drei 
Mil; einmal begab ich mich bei der Morgendämmerung auf den Weg 
dahin und ich ging bis an die Knöchel im Honig der Feigen. Resch 
Lakisch hat gesagt: Ich habe einmal selbst gesehen, dass in der 
Gegend von Sepphoris sechzehn Mil in der Länge und Breite Milch und 
Honig floss. Rabba bar bar Ghana hat gesagt: Ich habe gesehen, wo 
Milch und Honig im ganzen Lande Israel fliesst und es ist die Gegend 
so gross, als es von Be-Mlchse bis Akra-Tulbanake ist, nämlich zwei- 
undzwanzig Parasangen in der Länge und sechs Parasangen in der 
Breite. — R. Gheibo, R. Awera und R. Josse bar Ghanina kamen ein- 
mal an einen gewissen Ort, da brachte man ihnen einen Pfirsich, der 
so gross war wie eine Pfanne des Dorfes Hino. Wie gross war 
denn eine Pfanne des Dorfes Hino? Antw.: Sechs Sea. Davon assen 
sie ein Dritttheil, ein Drittheil erklärten sie für herrenloses Gut 
und ein Dritttheil legten sie ihrem Vieh vor. Ein Jahr darauf kam 
R. Eleaser dahin und man legte ihm einen Pfirsich vor, den er mit 
seiner Hand fassen konnte. Da sprach er mit Ps. 107, 34: „Ein 
fruchtbares Land (hat Gott) in Salzboden (verwandelt) wegen der 
Bosheit der Bewohner darin." R. Josua ben Levi kam einmal nach 
Gabla und sah da Traubenkämme, welche wie Kälber dastanden. Er 
fragte: Sind denn Kälber zwischen den Weinstöcken? Die Leute 
antworteten ihm: Es sipd Traubenkämme. Da brach er in die Worte 
aus: Landr Land! ziehe deine Früchte ein. Für wen bringst du 



II. Tractat Kethuboth. 79 

deine Früchte hervor? Für diese Araber, welche wegen unserer 
Sünden gegen nns aufstehen. Im Jahre darauf kam R. Ghija dahin 
und sah, dass sie (die Traubenkämme) wie Ziegen dastanden.^) Da 
fragte er: Sind hier Ziegen zwischen den Weinstöcken? Die Leute 
sprachen zu ihm: Geh und thue uns nicht so wie dein Genosse. 

71. (Das. Fol 112a.) Unsere Babbinen haben gelehrt: Wenn 
das Land Israel gesegnet wird, so trägt ein Feld von einem Sea Aus- 
saat fünf Myriaden Cor. Als Zo^an noch bewohnt war, und man ein 
Feld von einem Sea Aussaat besäte, so trug es 70 Gor; denn wir 
haben die Ueberlieferung: B. Me'lr hat gesagt: Ich sah im Thale 
Beth-Schean, dass man da ein Stück Feld von einem Sea Aussaat 
besäte und es 70 Gor trug. Unter allen Ländern giebt es nun kein 
vorzüglicheres als das Land Aegypten, wie es heisst Gen. 13, 10: „Wie 
ein Garten des Ewigen, wie das Land Aegypten," und im ganzen Lande 
Aegypten wieder giebt es keine bessere Stadt als Zo^an, denn daselbst 
sind alle Könige erzogen worden, wie es heisst Jes. 30, 4: „Denn 
«s waren in Zo^an seine Fürsten.^' Im ganzen Lande Israel wieder 
giebt es keinen härteren (felsigeren) Boden als in Ghebron, denn man 
begrub daselbst die Todten (die Erzväter). Trotzdem ist Ghebron sieben 
Mal mehr bebaut gewesen als Zo^an, wie es heisst Num. 13, 22: 
„Und Ghebron war sieben Jahre vor Zo^an in Aegypten erbaut 
worden." Was heisst: „nn^as?" Sollen wir vielleicht sagen: Wirk- 
lich erbaut worden? Ist es denn möglich, dass ein Mensch ein Haus 
für seinen jüngeren Sohn eher erbaut, als dass er es für seinen 
älteren Sohn erbaut, denn es heisst Gen. 10, 6: „Und die Söhne 
Chams: Kusch und Mizraim und Put und Kanaan?" Allein es ist 
so zu verstehen: Es war siebenmal besser als Zo'an gebaut (also 
7X70 = 490 Gor), und das ist bei dem felsigen Boden, bei an- 
derem Boden macht es 500 Cor und das in einem nichtgesegneten 
Jahre, aber in einem Jahre des Segens heisst es Gen. 26, 12: „Und 
Jizchak säte in diesem Lande und gewann in diesem Jahre das 
Hundertfältige" (also 100X500 = fünf Myriaden Cor). 

72. (Das.) Wir haben die Ueberlieferung: K Josse hat gesagt: 
In Judäa trug ein Sea fünf Sea: ein Sea Kemmehl, ein Sea Semmel- 
mehl, ein Sea grobe Kleie, ein Sea dünne Kleie und ein Sea schwarzes 
Mehl. Ein Sadducäer sprach zu K. Ghanina: Ihr lobt euer Land mit 
Becht; mein Vater hinterliess mir ein Sea Erde (im Lande Israel), davon 



^) Sie waren kleiner geworden. 



80 II* Tractat Kethuboth. 

habe ich Oel, davon Wein, davon Getreide (Korn), davon Erbsen, 
davon weiden meine Heerden. Ein Amoräer fragte einen Bewohner 
des Landes Israel: Wieviel habt ihr von dem Dattelbanme, welcher 
am Ufer des Jordans steht, abgeschnitten? Dieser antwortete ihm: 
Sechzig Cor. Darauf versetzte der Amoräer: Dir seid noch nicht 
in das Land Israel gegangen und habt es schon verwüstet, wir 
haben 120 Gor von einem Dattelbanme abgeschnitten. Darauf 
dieser: Ich habe von einer Seite (des Baumes) so viel abgeschnitten 
(wenn ich sie von allen vier Seiten abgeschnitten hätte, so hätte ich 
viermal so viel gehabt). Rah Chisda hat gesagt: Was heisst das, 
was geschrieben steht Jerem. 3, 19: „Und ich will dir geben ein 
anmuthiges Land, ein Eigenthum, das eine Zierde (Gazelle, "«n^) isf 
Warum wird das Land Israel mit einer Gazelle verglichen? Um dir 
zu sagen: Wie das (abgezogene) Fell der Gazelle nicht ihr Fleisch fasst, 
so fasst auch das Land Israel nicht seine Früchte. Oder: Wie die 
Gazelle leichter ist als alle wilden Thiere, so ist auch das Land Israel 
leichter als alle Länder, seine Früchte zur Reife zu bringen. Oder 
(wirst du vielleicht sagen): Wie die Gazelle leicht und ihr Fleisch 
nicht fett ist, so ist auch das Land Israel leicht reif zu machen 
und seine Früchte sind nicht fett?! Darum heisst es Ex. 3, 8: „Ein 
Land fliessend von Milch und Honig.'* Die Früchte sind fetter als 
Milch und süsser als Honig. 

73. (Fol. 112ab.) Als R. Sera nach dem Lande Israel hinauf- 
zog, fand er keine Brücke, um darüber zu gehen. Da hielt er sich an 
dem Stricke fest und ging hinüber. Da sprach ein Sadducäer zu ihm: 
voreiliges Volk, die ihr euer Versprechen dem Anhören (eig. 
euern Mund euern Ohren) voran geschickt habt,') noch immer be- 
harrt ihr in eurer Voreiligkeit!^) Da sprach R. Sera zu ihm: Das 
Land Israel ist ein Ort, in den zu kommen Mose und Aaron nicht 
erlangten, so fürchtete ich mich, dass ich auch nicht in dasselbe 
gelange. 

R. Abba küsste die Felsen von Acco; R. Ghanina pflegte die 
Steine (im Lande Israel) wegzuräumen. Als R. Ammi und R. Assi 
dasassen und lernten und die Sonne kam, begaben sie sich an einen 
schattigen Ort und als sie da sassen und es kalt wurde, begaben 
sie sich an einen Ort, wo die Sonne schien. 

») Das: „Wir wollen thun," dem: „nnd hören" s. Ex. 24, 7. Vergl. 
Schabb. Fol. 88a. 

') Du scliwebtest doch in der Gefahr, zu erti'inken. 



111. Tractat Kidduschin. 81 

R. Ghija bar Gamda wälzte sich im Staube des Landes Israel, 
denn es heisst Ps. 102; 15: „Denn es lieben deine Knechte seine 
Steine und seinem Staube sind sie hold." 

74. (Fol. 112b.) R. Sera hat im Namen des R. Jeremja bar 
Abba gesagt: In dem Zeitalter, in welchem der Sohn Davids kommt, 
werden Anklagen gegen die Gelehrten (die Schüler der Weisen) er- 
hoben. Als das vor Samuel gesagt wurde, sprach er: Eine Läu- 
terung (Prüfung durch Leiden) nach der andern, denn es heisst Jes. 
6y 13: „Und bleibt noch davon ein Zehntheil, so wird auch das 
wiederum geläutert." Rab Joseph hat gesagt: Es werden Plünderer 
kommen und Plünderer der Plünderer. R. Ghija bar Aschi hat im 
Namen Rab's gesagt: Einst werden alle Waldbäume im Lande Israel 
Früchte tragen, denn es heisst Joel 2, 22: „Denn der Baum (d. i. der 
Waldbaum) trägt seine Frucht, der Feigenbaum und der Weinstock 
^eben ihre Kraft." 



III. TRACTAT KIDDUSCHIN 

ODER 

VON DEN VERLOBUNGEN. 1) 



1. (Fol. 2 a.) Mischna, Die Frau wird als Eheweib auf dreier- 
lei Weise erworben und erlangt wieder ihre Selbständigkeit auf 
zweierlei Weise. Erworben wird sie durch Geld, durch Urkunde 
und durch Beischlaf. In Betreff des Geldes lehrt die Schule Scham- 
mai's: Es müsse einen Denar oder dessen Werth betragen. Nach 
der Schule Hillel's genügt schon eine Peruta oder deren Werth. 
Wie viel ist eine Peruta? Ein Achtel eines italischen Assar. — 
Sie erlangt ihre Selbständigkeit wieder durch Scheidebrief oder 
Absterben des Mannes. Eine Leviratsfrau wird (eigentlich) nur 
durch Beischlaf erworben und sie erlangt ihre Selbständigkeit 
wieder durch die Ceremonie der Cbaliza (des Schuhausziehens) oder 
durch das Absterben des Schwagers. 

2. (Fol. 2 b.) R. Simeon sagt: Warum heisst es Deut. 22, 13: 



>) Dieser aus 4 Capitelii bestehende Tractat handelt von den Verlobungen 
und den dabei vorkommenden Verbältnisseu, Hindernissen, Ausnahmen und daraus 
«ntstehendeu Folgen für Ehe und Kinder. Daneben werden viele andere gesetz- 
liehe Angelegenheiten gelegentlich berührt. 

W Abs ehe, Der babylonifcb« Talmud. 



82 ni. Tractat Kidduscbin. 

„Wenn ein Mann ein Weib nimmt (np*),^) und es heisst nicht: 
Wenn ein Weib von einem Manne genommen wird (npVn)?*) 
Weil es die Weise des Mannes ist, nach der Frau und nicht die 
Weise der Frau es ist, nach dem Manne zn suchen (gehen). Gleich 
einem Menschen, der etwas verloren hat, sacht er das Verlorene,, 
oder sacht das Verlorene ihn? Gewiss, der Verlierende sacht sein 
Verlorenes. 

3. (Fol 6a.) £s ist gefragt worden: Wenn einer zu einem 
Weibe sagt: "^b nnwr, du sollst mir bereitet sein, oder er sagt: 
•»b myr72, da sollst mir bestimmt sein, oder er sagt: "^rybat, du 
bist meine Rippe, oder er sagt: "^n/iTy, du bist meine Hilfe, oder er 
sagt: "^nns;, du sollst mir gegenüber sein, oder er sagt: '^n'jsiisr,. 
du bist meine Aufbewahrte, oder er sagt: '^n^TiriC, du bist meine 
Verschlossene, oder er sagt: ""nnn, du sollst unter mir sein, oder 
er sagt: -n^L^cr, du bist meine Bezwungene, oder er sagt: "^rnipb,. 
du bist von mir genommen, wie ist das Hecht? ^) Eins kann man 
wenigstens entscheiden (wie das Recht ist), denn wir haben die lieber- 
lieferung: Wenn einer (zu einem Weibe) sagt: "^nnipb, du sollst von mir 
genommen sein, so ist es verlobt,^) weil es heisst Deut. 22, 13: 
„n^'N ttJ-^N np"^ "'S, wenn ein Mann ein Weib nimmt." Es ist gefragt 
worden: Wenn einer zu einem Weibe sagt: -nc^i^n, wie ist da das 
Recht? Komm', höre! Wir haben dieüeberlieferung: Wenn einer sagt: 
"^n^^^n, so ist es (das Weib) verlobt, denn in Jehuda nennt man die 
nC5i^N, die Verlobte Jicri^n. Ist denn Jehuda der grösste Theil von der 
Welt? Also meint man, wenn einer zu einem Weibe sagt: '»nEsi'in^ 
so ist sie verlobt, denn es heisst Lev. 19, 20: „Und sie ist eine 
Magd, die einem Manne ri^'in;, verlobt (preisgegeben) worden ist*^ 
Femer, in Jehuda nennt man eine Verlobte ncn^n. 

4« (Fol. 12b.) Rab pflegte den zu geissein, welcher sich auf 
der Strasse, ebenso den, welcher sich durch Beischlaf, ebenso den, 
welcher sich ohne vorherige Werbung verlobte, femer den, welcher 
einen Scheidebrief für nichtig erklärte, ferner den, welcher gegen 



^) D. 1. warum steht die active Form. 

•) D. i. warum steht nicht die passive Form. 

') ist das eine Verlobung oder nicht. 

^) Ein für alle Mal ist zu bemerken, dass unter „Verlobung" im Talmud 
stets „Antrau ung*' verstanden ist, die wie die Ehe nicht anders als durch einen 
Scheidebrief rückgängig gemacht werden konnte. 



in. Tractat Kidduschin. g3 

einen Scheidebrief eine Nichtigkeitserklärnng (wegen Zwang nichtig 
machen) erliess, ferner den, welcher den Boten der Rabbinen Kränkung 
verursachte, ferner den, welcher dreissig Tage im Banne war und 
nicht um Lösung nachsuchte, ferner den Bräutigam, welcher bei 
seinem Schwiegervater wohnte. Frage: Wenn er aber nicht da wohnt, 
sondern nur vorbeigeht (wird er nicht gegeisselt)? Es ging doch 
einmal ein Bräutigam vor der Thür des Hauses seines Schwieger- 
vaters vorüber, und Rab Schescheth geisselte ihn doch? Wegen 
dieses Bräutigams war dessen Schwiegermutter in Verdacht gewesen. 
Die Leute von Nehardea sagen: Alle hat Rab nicht gegeisselt, 
sondern nur den, welcher sich durch Beischlaf ohne Werbung ver- 
lobte; andere dagegen sagen: Er hat selbst den gegeisselt, welcher 
die Verlobung durch Beischlaf nach der Werbung vollzog, weil dies 
eine Ausgelassenheit (Frechheit) ist 

5. (Fol. 13ab.) Rab Jehuda hat im Namen Samuels gesagt: 
Wer nicht mit der Weise der Scheidung und Verlobung Bescheid 
weiss, soll sich nicht mit ihnen beschäftigen. Rab Assi hat im 
Namen des R. Jochanan gesagt: Solche Menschen sind für die Welt 
schädlicher als das Geschlecht der Fluth, denn es heisst Hos. 4, 2: 
„(Falsch) Schwören und Lügen und Morden und Stehlen und Ehe- 
brechen, sie brechen durch und Blut reiht sich an Bluf Wie so ist 
dies daraus zu entnehmen? Sowie Rab Joseph ihn erklärt (verdolmetscht) 
hat: Sie zeugen Kinder von den Weibern ihrer Genossen und fügen 
Schuld zu Schuld; und es heisst darauf das. V. 3: „Darum trauert das 
Land und es verschmachten alle Bewohner darin, so das Gewild des 
Feldes, wie die Vögel des Himmels, selbst die Fische des Meeres 
werden dahingerafft,*' während bei dem Zeitalter der Fluth über 
die Fische im Meere kein Verhängniss beschlossen worden ist, denn 
es heisst Gen. 7, 22: „Von allen, die auf dem Trocknen waren, star- 
ben,'' nicht aber die Fische, die im Meere waren. Hier aber (in 
der Hoseastelle) heisst es: Selbst die Fische, die im Meere sind. 
Vielleicht aber (kommt nicht eine solche Strafe); es sei denn, dass 
man alles thut, was in dem Verse aufgezählt ist? Dies kann man 
nicht sagen (dies darf dir nicht in den Sinn kommen), denn es 
heisst Jerem. 23, 10: „Denn vor dem (falsch) Schwören trauert 
das Land." Vielleicht aber wird in Folge des Schwörens allein die 
Welt verwüstet, und für die anderen Sünden zusammen auch?! 
Heisst es denn aber si^nis^, es steht doch: ri^'nc (wodurch ange- 
deutet wird, dass das Wort nicht mit dem Vorhergehenden zu 

6« 



g4 III. Tractat Kidduschin. 

yerbinden nnd die Strafandrohung aof die letztere Sünde allein zu 
beziehen ist). 

6. (Fol. 21b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Es heisst 
Dent. 21, 11: „Und da siehst unter den Gefangenen'* d. i. in der 
Stande der Gefangennahme „ein Weib" d. i. selbst ein Eheweib, 
„schön von Gestalt/' die Thora redet das nar gegenüber dem bösen 
Trieb (der Leidenschaft). Es ist besser, die Israeliten essen ge- 
tödtetes Fleisch mit Schächten and sie essen nicht getödtetes Aas- 
Fleisch. „Und da hast Last,'' obgleich sie nicht schön ist, „zu ihr," 
nicht zu ihr and za ihrer Genossin (er darf nicht zwei heirathen); 
„and da nimmst sie," da hast eine giltige Ehe mit ihr. „Dir zam 
Weibe" d. L er soll nicht zwei Weiber nehmen, eine für sich and 
eine für seinen Vater, oder eine für sich and eine für seinen Sohn; 
„and da hast sie nach Hanse gebracht," daraas geht hervor, dass 
er sie im Kriege nicht drängen solL^) 

7. (FoL 22a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Wenn er (der 
hebräische Knecht) Weib and Kinder, sein Herr aber nicht Weib 
and Kinder hat, so wird er nicht durchbohrt, denn es heisst Deat 
15, 16: („Und es soll geschehen, wenn er za dir spricht: Ich 
mag nicht von dir weggehen,) denn ich liebe dich and dein Haas." 
Wenn sein Herr Weib and Kinder hat, er (der Knecht) aber hat 
nicht Weib and Kinder, so wird er nicht durchbohrt, denn es 
heisst Ex. 21, 5: „Ich liebe meinen Herrn, mein Weib und meine 
Kinder." Wenn er seinen Herrn liebt, sein Herr aber liebt ihn 
nicht, so wird er nicht durchbohrt, denn es heisst Deut. 15, 16: 
„Weil ihm wohl bei dir ist" Liebt ihn sein Herr zwar, aber er 
liebt seinen Herrn nicht, so wird er nicht durchbohrt, denn es 
heisst: „So er dich liebt" Ist er krank, sein Herr aber ist nicht 
krank, so wird er nicht durchbohrt, denn es heisst: „Weil ihm 
wohl bei dir ist" Ist sein Herr krank, er aber ist nicht krank, 
so wird er nicht durchbohrt, denn es heisst: „Bei dir." 

(Das.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Es heisst: „Weil ihm wohl 



^) Nacli Raschi: Er soll ilir während des Krieges nicht beiwohnen. Nach 
Thosaphoth: Während des Krieges darf er ihr nur einmal beiwohnen, später 
jedoch nur dann, wenn sie in seinem Hause bereits die Trauergebräuche beob- 
achtet hat. Der einfache Sinn jedoch scheint zu sein: Du sollst sie nicht 
zwingen, die vorgeschriebenen Tranergebrauche, wie das Abscheeren des Haares, 
das Beweinen ihrer Eltern u. s. w. schon während des Krieges vorzunehmen 
(Tosaphoth jeschanim). 



III. Tractftt Kiddusclün. 85 

bei dir ist'* d. i. er soll bei dir sein (dir gleich sein) im Essen 
und im Trinken; da sollst nicht etwa reines Brot essen und er soll 
schwarzes Brot essen, du sollst nicht alten Wein trinken und er 
soll jungen Wein trinken, du sollst nicht auf Wolle (Flachs) schlafen 
und er soll auf Stroh schlafen. Daher haben die Weisen gesagt: 
Wer sich einen hebräischen Knecht kauft, das ist so gut, als kaufe 
er sich selbst einen Herrn. 

8, (Fol. 22 b.) Es heisst Ex. 21, 6: „Und sein Herr durchbohre 
ihm das Ohr mit einem P&iemen.'^ Diesen Vers hat R. Jochanan ben 
Saccai so schön erklärt, wie eine schöne Schriftforschung. Warum 
wurde gerade das Ohr von allen Gliedern am menschlichen Körper 
gewählt? Der Heilige, gebenedeiet sei er! hat gesagt: Das Ohr, 
was am Berge Sinai meine Stimme gehört in der Stunde, da ich 
sprach Lev. 25, 55: „Mir sollen die Israeliten E[nechte sein,'' aber 
nicht Knechte von Knechten, und dieser ist gegangen und hat sich 
einen Herrn gekauft, darum soll das Ohr durchbohrt werden. 
Auch R. Simeon bar Rabbi hat über diesen Vers eine schöne Schrift- 
deutung vorgetragen. Warum wurde gerade die Thüre und Pfoste 
von allen Gegenständen im Hause gewählt? Der Heilige, gebenedeiet 
sei er! hat gesagt: Die Thüre und die Pfoste waren Zeugen in der 
Stunde, als ich in Aegjpten die Schwelle und die zwei Pfosten 
übersprang und sagte: „Mir seien die Kinder Israel Knechte,'' aber 
nicht Knechte von Knechten, und ich habe sie aus der Sclaverei 
zur Freiheit geführt, und dieser ist gegangen und hat sich einen 
Herrn gekauft, so soll er Angesichts vor ihnen durchbohrt werden. 

9. (FoL 24b.) Unsere Räbbinen haben gelehrt: (Wenn einer 
einen heidnischen Knecht gekauft) und ihn auf sein Auge geschlagen 
hat, dass er blind geworden, oder auf sein Ohr, dass er taub ge- 
worden ist, so geht er frei aus; hat er dagegen seinem Auge gegen- 
über (an die Wand) geschlagen, und er sieht nicht mehr, oder seinem 
Ohr gegenüber, und er hört nicht mehr (vor Schrecken), so geht er 
nicht frei aus, Rab Simeon hat zu Rab Aschi gesagt: Wollen wir 
denn sagen, wenn man mit der Stimme Schaden zufügt, so muss 
man nicht bezahlen, R. bar Ezechiel hat doch gelehrt: Wenn ein 
Hahn seinen Kopf in den Raum eines gläsernen Gefässes steckte 
und in dasselbe hineinschrie, wodurch es zerbrach, so muss er (der 
Besitzer des Hahnes) den ganzen Schaden bezahlen, und Rab Joseph 
hat gesagt, dass die Schule Rabs gesagt habe: Wenn ein Pferd 
wiehert oder ein Esel schreit und dadurch Gefässe im Hause zer- 



gg lil. Tractat Kidduscliin. 

brechen, so mass deren Eigenthümer den halben Schaden bezahlen? 
Da sprach Rab Aschi zu ihm: Bei einem Menschen ist es anders, 
weil er Verstand hat, so erschreckt er sich selbst, wie wir gelehrt 
haben: Wer seinen Genossen in Schreck versetzt, der ist frei vor 
den menschlichen Richtern, aber schuldig vor den himmlischen Bich- 
tern. Wie ist dies gemeint? Wenn er jemand in sein Ohr schreit, 
so dass er tanb wird, so ist er frei, hat er aber das Ohr jemandes 
erfasst and hineingeschrieen und dieser ist taub geworden, so ist 
er schuldig. 

10. (Fol. 25 a.) Die Alten von Nezonia kamen nicht zum Vor- 
trage des Rab Chisda. Da sprach er zu Rab Hamnuna: Geh und 
halte sie im Geheimen.^) Dieser ging und sprach zu ihnen: Warum 
sind unsere Rabbinen nicht zum Vortrage gekommen? Sie ant- 
worteten ihm: Wozu sollen wir kommen, wir haben ihn um eine 
Sache befragt und er hat uns keinen Bescheid gegeben. Da sprach 
Hamnuna zu ihnen: Habt ihr denn mich um etwas befragt und ich 
habe euch keinen Bescheid gegeben? Da fragten sie ihn: Wenn der 
Herr seinen Knecht castrirt, wie ist das Recht? Gleicht das einem 
öffentlichen Fehler oder nicht? Rab Hamnuna wusste nicht zu antwor- 
ten. Da fragten sie ihn: Wie ist dein Name? Er antwortete: Ham- 
nuna. Darauf versetzten sie: Dein Name ist nicht Hamnuna (Warm- 
Fisch, «r^irttn), sondern Eamuna («rns^i?, Kalt-Fisch). Darauf er- 
schien Rab Hamnuna vor Rab Chisda und erzählte ihm, was man ihn 
gefragt habe. Da sprach dieser zu ihm: Man hat dich um eine 
Sache befragt, welche wir (in einer Boraitha) gelernt haben: Die Spitzen 
von den 24 Gliedern in einem Menschen bewirken nicht Unreinheit, 
wenn lebendiges Fleisch auf ihnen ist; es sind folgende: Die Spitzen 
der Finger an Händen und Füssen, die Spitzen der Ohren, die Spitze 
der Nase, die Spitze des Zengungsgliedes und die Spitzen der Brüste 
am Weibe. R. Jehuda sagte: Auch am Manne (sind die Spitzen 
der Brüste als solche zu rechnen). Darauf ist (in einer Boraitha) 
gelehrt worden: Wenn der Herr an seinem Knecht eine von 
diesen 24 Spitzen der Glieder abschneidet, so geht der Knecht 
frei aus. Rabbi sagte: (Das ist der Fall,) auch wenn er ihn castrirt 
Ben Asai sagte: (Das ist der Fall), auch wenn er ihm die Zunge 
abschneidet 



^) D. i. sage ihnen, dass sie sich zurückgezogen in ihren Behausungen 
halten sollen — eine Art Bann, den man über Gelehrte zu verhängen pflegte. 



Iir. TracUt KidduBchiii. 37 

11. (Fol. 29a.) Unsere Babbinen haben gelehrt: Der Vater ist 
verpflichtet, seinen Sohn zu beschneiden, ihn auszulösen, ihn die 
Thora zn lehren, ihn zu verheirathen nnd ihn ein Handwerk lernen 
zn lassen. Nach manchen muss er ihn auch das Schwimmen lernen 
lassen. R. Jehuda hat gesagt: Wer seinen Sohn kein Handwerk 
lernen lässt, gilt so, als wenn er ihn Räuberei gelehrt hätte. ^) 

(Das.) Woher lässt sich beweisen, dass die Beschneidung auch 
ftlr die Nachkommen vorgeschrieben ist? In der Schule des R. 
Ismael ist gelehrt worden: Jede Stelle, wo das Wort i^, befiehlt 
sich findet, ist eine Aneiferung und eine Aufforderung an die Mit- 
ond Nachwelt; eine Aneiferung, wie es heisst Deat. 3, 28: „Und 
beauftrage den Josua und ermuthige und kräftige ihn,'* eine Auf- 
forderung an die Mit- und Nachwelt, wie es heisst Num. 15, 23: 
„Alles was der Ewige euch geboten durch Mose von dem Tage ab, 
da es der Ewige geboten, und fernerhin bei euren Geschlechtern/' 

12. (Fol. 29b.) Nach Rab Jehuda hat Samuel gesagt: Regel 
ist, zuerst soll ein Mensch ein Weib nehmen und hernach soll er 
Thora lernen. R. Jochanan hat gesagt: Mühlsteine sind an seinem 
Halse, ^) und er soll sich mit der Thora beschäftigen? Es ist keine 
Meinungsverschiedenheit, das eine geht auf uns (die wir in Babel 
wohnen), das andere auf sie (die im Lande Israel wohnen). 

(Das.) Rab Chisda lobte vor Rab Huna den Rab Hamnuna, 
dass er ein grosser Mann sei. Da sprach Rab Huna zu Rab 
Chisda: Sobald Rab Hamnuna zu dir kommt, so schicke ihn zu 
mir. Als Rab Hamnuna zu Rab Huna kam, sah dieser, dass er 
kein Tuch auf seinem Kopfe ausgebreitet hatte. Da fragte er ihn: 
Warum hast du kein Tuch auf deinem Kopfe ausgebreitet? Dieser 
antwortete: Weil ich noch nicht verheirathet bin. Da wandte Rab 
Huna sein Gesicht von ihm ab und sprach zu ihm: Du sollst 
mein Angesicht nicht eher wieder sehen, als bis du dich verhei- 
rathet haben wirst. Rab Huna folgte seiner Ansicht, denn er hat 
gesagt: Wer zwanzig Jahr alt ist und noch kein Weib genommen 
hat, dessen Tage sind alle mit Sünde befleckt Mit Sünde (wirk- 
lich)? Allein ich sage: Alle seine Tage sind mit sündigen Gedanken 
befleckt. 



^) Wenn er ihn zum Räubei* erzogen hätte, weil er ihm kein Mittel an 
die Hand gicbt, sich redlich zu ernähren. 

') Wenn er für Weib und Kinder zn sorgen hat, wie soll er sich nüt 
dem Gesetzstudium abgeben? 



38 in. Tractat Kidduschin. 

13. (Das.) Kaba bat gesagt und ebenso ist in der Scbule des 
E. Ismael gelehrt worden: Bis zum 20. Jahre wartet der Heilige, 
gebenedeiet sei er! ob der Mensch heirathen (sich in den Ehestand 
begeben) werde. Sobald er aber das 20. Jahr erreicht und noch 
nicht geheirathet hat, spricht er: Verwünscht sei dieser Mannl^) 

14. (Fol. 29b u. 30a.) Bab Cbisda hat gesagt: Was ich besser 
lernen konnte als meine Genossen, hat darin seinen Grund, weil 
ich mich mit dem 16. Jahr verheirathet habe. Und wenn ich 
mich mit dem 14. Jahr verheirathet hätte, so hätte ich zum Sataa 
gesagt: Ein Pfeil in deinen Augen.-) 

Raba hat zu Rab Kathan bar Ammi gesagt: Ist deine Hand 
noch auf dem Halse deines Sohnes^) d. i. von 16 bis 22 Jahren, 
oder wie manche sagen: von 18 bis 24 Jahren (so sollst da ihn 
verheirathen). Hierüber controversiren die Tannalm: Es heisst Prov. 
22, 6: „Gewöhne den Knaben gemäss seinem Wandel.*' R. Jehuda 
und R. Nechemja (sind darüber verschiedener Meinung). Der eine 
hat gesagt: Von 16 bis 22 Jahren, der andere hat gesagt: Von 
18 bis 24 Jahren. 

15* (Fol. 30a.) R. Josua ben Levi hat gesagt: Wer seinen 
Enkel das Gesetz lehrt, gilt so, als hätte er es vom Berge Sinai 
empfangen, denn es heisst Deut. 4, 9: „Und du sollst (sie) kund 
thun deinen Kindern und deinen Enkeln,*' und gleich darauf folgt 
Y. 10: „Den Tag, da du gestanden vor dem Ewigen, deinem Gott, 
am Choreb." 

R. Chi ja bar Abba traf den R. Josua ben Levi, er hatte sich 
ein leinenes Tuch um den Kopf gebunden und führte seinen Sohn zur 
Schule. Er fragte ihn: Warum eilst du so?^) Dieser antwortete: 
Ist es etwas Kleines, was geschrieben steht: „Und du sollst sie 
deinen Kindern kund thun?" Darauf folgt Y. 10: „Den Tag, da du 
gestanden vor dem Ewigen, deinem Gott, am Choreb." Yon da ab 
und weiter ass (kostete) R. Chija bar Abba eher nichts, als bis er 
seinen Sohn hatte wiederholen lassen, was er gestern gelesen und 
etwas Neues (einen Yers weiter) hinzugefügt hatte. Raba bar bar 



>) Eig. Seine Gebeine mögen ausgeblasen werden! 
*) Icli fürchte mich nicht vor dir. 
") Wenn dein Sohn noch jung ist. 

*) Warum hast du dich so nachlässig gekleidet, was dir doch nicht ge- 
xiemt. 



in. Tractat Kidduschin. g9 

Hana ass (frühmorgens) nicht eher etwas, als bis er seinen Sohn 
ins Lehrbaas (in die Schale) geführt hatte. 

16. (Das.) Es heisst Deat. 6, 7: ,,Und da sollst sie ein- 
schärfen deinen Kindern.'* Lies nicht: ,,&n23^n, und du sollst sie 
einschärfen/' sondern: !:n^b^, and da sollst sie in drei Tbeile 
tbeilen. Der Mensch soll nämlich immer seine Lebensjahre in drei 
Theile tbeilen, ein Drittheil bringe er mit der Schrift, das zweite 
Drittheil mit der Mischna und das letzte Drittheil mit der Gemara 
(dem Talmud) zu. Weiss denn der Mensch aber, wie lange er leben 
wird? Es ist hier von den Tagen der Woche die Bede. 

Darum wurden die Alten Sopherim (0*^^010) genannt, weil sie alle 
Buchstaben in der Thora gezählt haben, denn sie haben gesagt: Der 
Buchstabe Waw in dem Worte ^ina Lev. 11, 42 ist gerade die Hälfte 
von den Buchstaben des Pentateuch; das Wort «{»i'n Lev, 10, 16 
ist die Hälfte der Wörter im Pentateuch; das Wort nbanm Lev. 

T- J • S 

15, 33 ist die Hälfte der Verse des Pentateuchs. Ferner in der 
Stelle ^y^'ü 'T'Tn nsToo'^D'^ Ps. 80, 14 ist der Buchstabe y des 
Wortes ^s^'t^die Hälfte der Buchstaben in den Psalmen, und die 
Worte 115? 'iBD"> nin^ Nim Ps. 78, 38 bilden die Hälfte der Verse 
der Psalmen. 

17. (Fol. 30a b.) Unsere Kabbinen haben gelehrt: 5888 Verse^ 
sind in der Thora; im Psalmbuche sind 8 Verse mehr, dagegen in 
den Büchern der Chronika sind 8 Verse weniger. 

Unsere Kabbinen haben gelehrt: Es heisst Deut. 6, 7: „Und du 
sollst sie deinen Kindern einschärfen (tinsr^si) d. L die Worte sollen 
in deinem Munde geschärft sein.^) Wenn dich nämlich jemand 
etwas fragt, so antworte ihm nicht stammelnd,^) sondern sage es 
ihm sofort klar (deutlich), denn es heisst Prov. 7, 4: „Sprich zur 
Weisheit: Meine Schwester bist du,'' desgL das. V. 3: „Knüpfe sie 
an deinen Finger, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens," desgl. 
Ps. 127, 5: „Wie Pfeile in des Helden Hand, also die Söhne der 
Jugend;*' desgl. das. 120, 4: „Die Pfeile eines Helden sind geschärft;'* 
desgl. das 45, 6: „Deine geschärften Pfeile — Völker stürzen unter 
dir hin;" desgl. das. 127, 6: „Heil dem Mann, der gefüllt mit ihnen 
seinen Köcher! sie werden nicht zu Schanden, wenn sie mit Feinden 
reden im Thor." Was heisst das: „Mit Feinden im Thore?" R. 



*) D. i. sicher und geläufig. 
■) D. i. unsicher. 



90 III- Tractat Kidduschin. 

€hija bar Abba hat gesagt: Selbst der Vater and sein Sohn, der 
Lehrer and seine Schüler, welche über das Gesetz an dem einen 
Thor sprechen and mit einander dadarch in Feindschaft gerathen, 
weichen nicht von dort, bis sie dahin gekommen sind, dass einer 
den andern wieder liebt, ^) denn es heisst Nam. 21, 14: „Waheb in 
Safa.*' Lies nicht: ns^DSi, sondern: nsiDä, am Ende. 

18. (Fol. 30b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Es heisst Dent. 
11, 18: „Und ihr sollt diese meine Worte each za Herzen nehmen." 
Das Wort DinTripn heisst so viel wie: ön öo,*) ein vollständiges 
Heilmittel. Dadarch wird die Thora mit einem Lebenspalver ver- 
glichen. Gleich einem Menschen (Vater), der seinen Sohn sehr ge- 
schlagen, ihm dann ein Pflaster aaf seine Wände gelegt hat and 
za ihm spricht: Mein Sohn! so lange das Pflaster aaf deiner Wände 
liegt, kannst da essen and trinken, was dir wohlschmeckt, da darfst 
dich waschen in >varmem wie in kaltem Wasser and braachst dich 
nicht za fürchten.^) Wenn da es aber wegnimmst, siehe, so bringt 
sie ein bösartiges (fressendes) Geschwür hervor. So spricht aach 
der Heilige, gebenedeiet sei er! za den Israeliten: M^eine Kinder! 
ich habe den bösen Trieb erschaffen, ich habe aber aach als Heil- 
mittel für ihn die Thora erschaffen, wenn ihr each mit der Thora 
beschäftigt, so verfallt ihr nicht in dessen Gewalt, wie es heisst 
Gen. 4, 7: „Ist's nicht also, wenn da dich gat führst, so kannst da 
dein Gesicht emporheben," wenn ihr aber die Thora vernachlässigt^ 
dann fallt ihr in seine Gewalt, wie es heisst das.: „Vor der Thür 
laaert die Sünde," and nicht nar das, sondern es wird all seine 
Beschäftigang (eig. all sein Nehmen and Geben) ^) mit dir sein, denn 
es heisst: „Und nach dir ist ihr (der Sünde) Verlangen," wenn da 
aber willst, so kannst da über ihn herrschen, denn es heisst das.: 
„Da kannst über sie (die Sünde) herrschen."^) 

(Das.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Mit dem bösen Trieb steht 
es schlecht, selbst sein Schöpfer nennt ihn böse (m), denn es heisst 
Gen. 6, 5: „Denn der Trieb des menschlichen Herzens ist böse von 
seiner Jugend an." R. Jizchak sagt: Der Trieb erneaert sich im 
Menschen jeden Tag, denn es heisst das. 6, 5: „Er ist nar böse 



1) Sinn: Bis sie sich ausgesöhnt und miteinander verständigt haben. 

•) Der Talmud zerlegt das biblische Wort in zwei Wörter. 

') Du brauchst nicht zu besorgen, dass dir irgend ein Schade geschieht 

*) Nämlich des bösen Triebes Beschäftigung. 

A) Dieselbe Stelle s. auch Sifre £keb § 45. 



III. Tractat Kidduschin. 91 

den ganzen Tag." R. Simeon ben Levi sagte: Der böse Trieb (die 
Leidenschaft) bemächtigt sich des Menschen alle Tage und will ihn 
tödten (stürzen), denn es heisst Ps. 37, 12: „Denn der Frevler lauert 
anf den Gerechten und sucht ihn zu tödten," und wenn dem Menschen 
der Heilige, gebenedeiet sei er! nicht beistünde, so könnte er ihm 
Dicht beikommen, denn es heisst das. Y. 33: „Gott lässt ihn nicht 
in seine Hand gerathen." In der Schule des B. Ismael ist gelehrt 
worden: Mein Sohn! begegnet dir der Hässliche (der böse Trieb), 
so ziehe ihn in das Lehrhaus, ist er Stein, so wird er zerrieben, 
ist er Eisen, so wird er zersplittert, denn es heisst Jerem. 23, 29: 
„Sind nicht also meine Worte wie Feuer?" spricht der Ewige, „wie 
der Hammer, der Felsen spaltet?" Ist er Stein, so wird er zer- 
rieben, denn es heisst einerseits Jes. 55, 1: „Auf! alle ihr Durstigen, 
geht zum Wasser," und andrerseits Hi. 14, 19: „Steine reibt das 
Wasser ab."^) 

19. (Das.) Woher lässt sich beweisen, dass der Vater ver- 
pflichtet ist, den Sohn ein Handwerk lernen zu lassen? Chiskia hat 
gesagt: Es heisst Eoh. 9,9: „Ersiehe (suche) Leben (Lebensunter- 
halt) mit dem Weibe, was du liebst" Nimmt man das Wort T\tt!( in 
seiner eigentlichen Bedeutung, so ist der Sinn des Spruches: Sowie der 
Vater verpflichtet ist, ^seinen Sohn zu verheirathen, so ist er auch 
verpflichtet, ihn ein Handwerk lernen zu lassen. Nimmt man aber 
das Wort nm geistig, und versteht darunter die Thora, so will 
der Spruch sagen: Sowie der Vater verpflichtet ist, ihn die Thora 
zu lehren, ebenso ist er verpflichtet, ihn ein Handwerk lernen zu 
lassen. Manche sagen: Nicht nur ein Handwerk, sondern auch 
Schwimmen in einem Strome, weil es zur Lebensrettung dienen 
kann. B. Jehuda sagt: Wer seinen Sohn kein Handwerk lernen 
lässt, erzieht ihn zum Bäuber. 

20. (Das.) Unsere Babbinen haben gelehrt: Es heisst Ex. 20, 12: 
„Ehre deinen Vater und deine Mutter," und es heisst auch Prov. 
3, 9: „Ehre den Ewigen von deinem Gute." Da hat die Schrift 
die Ehre gegen Vater und Mutter (gegen die Eltern) der Ehre 
gegen Gott gleichgestellt. So heisst es auch Lev. 19, 3: „Ein jeder 
fürchte seine Mutter und seinen Vater," desgl. Deut. 6, 2: „Den 
Ewigen, deinen Gott, sollst du fürchten," da stellt auch die Schrift 
die Furcht vor Vater und Mutter der Furcht vor Gott gleich. Es 



^) Sinn: Das Gesetzstadium vernichtet den bösen Trieb im Menschen. 



92 IM. Tractat Kidduschin. 

heisst ferner Ex. 21, 17: „Wer seinen Vater und seine Mutter ver- 
flucht, soll getödtet werden/' desgl. heisst es Lev. 24, 15: „Ein 
jeder y der seinem Gott flucht, der trage seine Sünde." Da stellt 
auch die Schrift die Verfluchung gegen Vater und Mutter der Ver- 
fluchung Gottes gleich.^) 

21. (Das.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Drei wirken gemein- 
schaftlich am Menschen, der Heilige, gebenedeiet sei er! sein Vater 
und seine Mutter. Wenn der Mensch seinen Vater und seine 
Mutter ehrt, so spricht der Heilige, gebenedeiet sei er: Ich sehe 
das so an, als wenn ich unter ihnen wohnte und sie mich ehrten. 

22. (Fol. 30b u. 31a.) Wir haben die Ueberlieferung: Rabbi 
sagt: Offenbar und bekannt ist es vor dem, welcher sprach und 
die Welt ward, dass der Sohn seine Mutter mehr ehrt als seinen 
Vater, weil sie ihm mit Worten zuredet,®) deshalb hat der Heilige, 
gebenedeiet sei er! die Ehre des Vaters der Ehre der Mutter 
Torangestellt. Ferner war es offenbar und bekannt vor dem, welcher 
sprach und die Welt ward, dass der Sohn vor seinem Vater mehr 
Furcht hat als vor seiner Mutter, weil er ihm Unterricht in der 
Thora ertheilt, darum hat der Heilige, gebenedeiet sei er! die Furcht 
vor der Mutter der Furcht vor dem Vater vorangestellt 

23. (Fol. 31a.) Ein Tanna bat vor Rab Nachman gelehrt: 
Wenn ein Mensch (ein Sohn) seinen Vater und seine Mutter kränkt 
(betrübt), so spricht der Heilige, gebenedeiet sei er: Ich habe recht 
gethan, dass ich nicht unter ihnen wohne, denn wenn ich unter 
ihnen wohnte, so würden sie mich mit gekränkt (betrübt) haben. 

24. (Das.) R. Jizchak hat gesagt: Wer eine Sünde im Ge- 
heimen begeht, ist so zu betrachten, als wenn er die Füsse der 
Schechina verdränge, denn es heisst Jes. 66, 1: „So spricht der 
Ewige: Der Himmel ist mein Thron und die Erde meiner Füsse 
Schemel." R. Josua ben Levi hat gesagt: Der Mensch darf nicht 
vier Ellen mit aufgerichteter Statur (d. i. stolz) einhergehen, denn 
es heisst das. 6, 3: „Voll ist die ganze Erde von seiner Herrlich- 
keit" R. Huna bar Rab Josua ist nicht vier Ellen weit mit ent- 
blösstem Haupte gegangen. (Warum?) Er sprach: Weil die Sche- 
china über meinem Kopfe ist 



*) Diese Gleiclistellungen sind berechtigt, weil Gott und Eltern gemein- 
schaftlich bei der Menscheneraeugung betheiligt sind. 
*) Weil sie ihn sanfter behandelt. 



III. Tractat Kiddu5chin. 93 

(Das.) Der Sohn einer Wittwe fragte den R. Elieser: Wenn 
mein Yater sagt: Gieb mir Wasser zu trinken! und auch meine 
Matter sagt: Gieb mir Wasser zu trinken! wer von ihnen hat den 
Vorzog? Dieser sprach zu ihm: Lass die Ehre deiner Matter and 
thae die Ehre deines Vaters, >) denn da und deine Matter seid 
dem Vater Ehre schuldig. Darauf kam er (mit derselben Frage) 
vor R. Josua und dieser gab ihm dieselbe Antwort Darauf fragte 
jener Rabbi :^) Was ist aber zu thnn, wenn die Mutter geschieden 
worden ist? Dieser sprach zu ihm: Aus den Brauen deiner Augen 
erhellt (wird erkannt), dass du der Sohn einer Wittwe bist;^) thue 
Wasser für sie in ein Becken, und rufe ihnen gickernd zu, wie den 
Htthnem. 

25. (Das.) Ula der Aeltere trug an der Thttr der Schule des Nasi 
vor: Was heisst das, was Ps. 138,4 geschrieben steht: „Dir huldigen. 
Ewiger, alle Könige der Erde, wenn sie die Worte deines Mundes 
hören ?'* Das Wort deines Mundes heisst es nicht, sondern: „die 
Worte deines Mundes.'' In der Stunde nämlich, da der Heilige, 
gebenedeiet sei er! die Worte Ex. 20, 2. 3 sprach: „Ich bin der 
Ewige, dein GotV' und: „Du sollst keine andern Götter haben,'' 
sprachen die Völker der Welt: Er giebt dieses Gebot nur zur Ver- 
herrlichung seiner selbst, als er aber sprach s. das. V. 12: „Ehre 
deinen Vater und deine Mutter," da bekannten sie sich auch zu 
den vorhergehenden Aussprachen. Raba will diesen Gedanken in 
Ps. 119, 160 finden: „Der Anfang deines Wortes ist Wahrheit." 
Der Anfangt) deines Wortes und nicht das Ende deines Wortes? 
Allein vom Ende deines Wortes wird erkannt, dass der Anfang 
deines Wortes Wahrheit ist. 

(Das.) Man trug vor Bab Ula die Frage vor: Wie weit geht die 
(schuldige) Ehrerbietung (des Kindes) gegen Vater und Mutter? Er 
antwortete ihnen: Geht hinaus und seht, was ein Heide (Goi) in As- 
kalon, Namens Dama ben Nethina (aus Liebe) seinem Vater gethan 
hat. Einstmals wollten die Weisen (Gelehrten) Waaren, wobei er 
60 Myriaden verdient hätte, von ihm kaufen, allein der Schlüssel dazu 
lag unter dem Haupte seines Vaters, und er mochte ihn nicht stören 



^) Der Befehl des Vatei*8 geht dem Befehl der Mutter vor. 
") »an ih 1DH ist zu lesen anstatt: Ol ^h 1DH vergl. Raschi und Alfasi« 
') Dass du keinen Vater hast und trotzdem mich täuschest und fragst: 
i,Wenn mein Vater u. s. w." Deshalb gab er ihm einen scherzhaften Bescheid« 
^) So deutet Raba das Wort B^m. 



94 lU. Tractat Kidduschin. 

(kränken). R. Jebnda hat im Namen Samuels gesagt: Man fragte den R. 
Elieser: Wie weit geht die Ehrerbietung gegen Vater und Mutter? Er 
sprach zu ihnen: Geht hinaus und seht, was ein Heide in Askalon, 
Namens Dama ben Nethina seinem Vater gethan hat. Einstmals wollten 
die Weisen (Gelehrten) Steine zu dem Brustschilde (Ephod) von ihm 
kaufen, wobei er 60 Myriaden (Drachmen) gewonnen hätte — nach 
Rab Eahana waren es 80 Myriaden — allein der Schlflssel lag 
unter dem Haupte seines (schlafenden) Vaters und er wollte ihn 
nicht stören. In dem darauf folgenden Jahre gab der Heilige, 
gebenedeiet sei er! ihm seinen Lohn, denn es wurde ihm eine rothe 
Kuh in seiner Heerde geboren.^) Da kamen die Weisen (Gelehrten) 
der Israeliten zu ihm und er sprach zu ihnen: Ich weiss wohl, wenn 
ich von euch alles Geld in der Welt dafür verlangen möchte, ihr 
würdet es mir geben, allein ich fordere von euch nur jenes Geld» 
was ich aus Ehrerbietung gegen meinen Vater eingebttsst habe. 
R. Ghanina hat gesagt: Wenn schon der, welchem es nicht befohlen 
worden (d. i. welcher nicht verpflichtet ist, seine Eltern zu ehren), 
einen solchen Lohn empfing, um wie viel mehr wird der belohnt 
werden, welchem es befohlen worden (welcher dazu verpflichtet ist)! 
Denn R. Ghanina hat gesagt: Grösser ist der, welchem es befohlen 
ist und es thut (d. i. der aus Pflicht gut handelt), als der, welchem 
es nicht befohlen ist und es thut (d. i. der ein gutes Werk aus 
freien Willen thut). 

R. Joseph (der Blinde) hat gesagt: Früher sprach ich, wenn man 
mir sagte, dass die Halacba (Gesetznorm) wie R. Jehuda bleibe, wonach 
ein Blinder frei von der Ausübung der Gebote sei, machte ich einen 
Festtag für die Rabbinen, denn ich dachte: Nun bin ich frei von 
der Verpflichtung und übe sie doch, heute aber, wo ich jenen Satz 
(jene Norm) des R. Ghanina höre: Grösser ist derjenige, dem es be- 
fohlen ist und es thut als der, welchem es nicht befohlen ist und 
es thut! würde ich dem zu Ehren einen Festtag für die Rabbinen 
machen, welcher mir sagt, dass die Ansicht des R. Jehuda nicht 
Halacha (Gesetznorm) ist. 

26. (Fol. 31 ab.) Als Rab Dimi kam, sprach er: Einstmals 
war der (obengenannte) Dama mit einem goldrothen Kleide^) be- 

^) Eiue solche Kuh, welche verbrannt wurde und deren Asche zur Sühne 
diente, musste nach Nnm. 19 besondere Merkmale haben und war daher schwer 
aufzutreiben. 

*) Brocat. 



III. Tractat Kidduschin. 95 

kleidet nnd sass unter den Grossen Roms. Da kam seine Matter, 
riss es ihm vom Leibe, schlug ihn auf sein Haupt, spie vor ihm 
aus und er beschämte sie nicht. Es ist gelehrt worden: Abimi bar 
Rabbi Abahu hat gelehrt: Mancher giebt seinem Vater Fasanen^) zu 
essen und bringt sich dennoch um die Welt, ein anderer dagegen 
lässt seinen Vater die Mühle für sich mahlen, und bringt sich da- 
durch zu der künftigen Welt*j 

Rab Abahu hat gesagt: Z. B. mein Sohn Abimi befolgte das 
Gebot der Verehrung der Eltern. Abimi hatte fünf .ordinirte Söhne 
bei Lebzeiten seines Vaters, doch wenn R. Abahu an der Thür rief, 
lief Abimi selbst und machte ihm dieselbe auf, und er rief, bis er 
an die Thüre kam in einem fort: Ja, ja! Eines Tages verlangte der 
Vater nach Wasser, als er es ihm brachte, schlummerte er ein; er 
bückte sich und stand vor ihm aber so lange, bis er erwachte. 
Während Abimi so neben seinem Vater stand, versuchte er Ps. 79 
auszulegen: „Psalm von Assaph. Gott, die Völker sind eingedrungen 
in dein Erbe," und Gott unterstützte ihn bei seiner Auslegung. Rab 
Jacob bar Abahu fragte den Abaji: Sowie ich, wenn ich aus dem 
Lehrhause zurückkomme, reicht mein Vater mir schon den Becher 
dar und meine Matter giesst ein (mischt den Trank), was soll ich 
thun? Dieser antwortete ihm: Von deiner Mutter kannst du es an- 
nehmen, von deinem Vater aber darfst du es nicht annehmen, denn 
da er ein Gelehrter ist, so könnte es ihn verdriesslich machen (dass 
du dich von ihm bedienen lassest). 

R. Tarphon hatte eine Mutter. So oft dieselbe in's Bett 



') Sinn: Ersterer wirft dem Vater die tbeure Kost vor, letzterer dagegen 
ist freundlich gegen ihn. Die Jerusalemische Gemara bringt dazu folgende 
Geschichte. Ein Sohn Hess seinem Vater Fasanen vorsetzen. Da fragte ihn 
einmal sein Vater: Woher hast du die Mittel, um dieses zu bestreiten? Der 
Sohn gab ihm zur Antwort: Was liegt dir daran? Alter, friss! die Hunde 
fressen auch. Dieser hatte also seinem Vater ausgesuchte Kost gereicht und 
erwarb sich dadurch die Hölle. Ein anderer aber besass eine Mühle, da erging 
einmal der Befehl an die Mühleninhaber, einen Mann zur Frohne zu schicken; 
da sprach der Sohn zu seinem Vater: Mahle du für mich und ich will zur 
Frohne gdien; kommt es dabei zu einer thätlichen Misshandlung, so ist es 
besser, wenn sie mir widerfährt als dir, und kommt es auch nur zu eioer Be- 
schämung durch Worte, so ist es auch besser, wenn sie mur widei'fährt als dir. 
Dieser Sohn hat seinen Vater für sich mahlen lassen und hat sich dadurch da» 
Paradies erworben. 

') D. i. ausgesuchte Kost. 



96 ni. Tractat Kidduscliin. 

steigen wollte, bückte er sich und sie stieg auf ihn hinauf, und 
wenn sie heranssteigen wollte, so bückte er sich wieder, und sie 
stieg hinab. Da kam er ins Lehrhaus und rühmte sich damit, doch 
man sprach zu ihm: Du hast noch nicht halb die Pflicht der Eltern- 
Verehrung erfüllt, denn warf sie schon Tor dir einmal einen Beutel 
(mit Geld) in's Meer und du hast sie nicht beschämt? Wenn Bab 
Joseph den Fusstritt (eig. die Stimme des Fusses) seiner Mutter 
hörte, da sprach er: Ich muss mich erheben vor der Schechina, 
welche kommt. B. Jochanan hat gesagt: Wohl dem, der seine 
Eltern nicht gekannt hat.^) Als die Mutter des B. Jochanan mit 
ihm schwanger ging, starb sein Vater, und als er zur Welt kam, 
folgte ihm seine Mutter, und so war es auch bei Abaji. 

27. (Das.) B. Assi hatte eine alte Mutter, dieselbe sprach zu 
ihm: Ich wtlnsche Schmucksachen. Er gew&hrte sie ihr. Daraufsprach 
sie: Ich will einen Mann. Er antwortete ihr: Ich will dir einen Mann 
suchen. Darauf sie: Ich will einen Mann, der so schön ist wie da 
bist. Da verliess er sie und ging nach dem Lande Israel. Als er 
hörte, dass ihm seine Mutter nachfolgte, erschien er vor B. Jochanan 
und fragte ihn: Darf ich aus dem Lande Israel nach dem Auslande 
gehen? Dieser antwortete ihm: Es ist verboten. Wie ist es denn 
aber, wenn man einer Mutter entgegenzieht, fuhr Bab Assi fort, (darf 
man da das Land Israel verlassen)? Da sprach B. Jochanan zu ihm: 
Ich weiss es nicht. Bab Assi wartete ein wenig und erschien dann 
noch einmal vor B. Jochanan. Dieser sprach nun zu ihm: Assi, 
du willst fortziehen, Gott soll dich in Frieden (nach Babylon) 
zurückführen! Darauf erschien Bab Assi vor B. Eleasar und fragte 
ihn: Was Gott verhüte! ist B. Jochanan über mich aufgebracht 
Dieser fragte ihn: Was hat dir B. Jochanan gesagt? Bab Assi gab 
zur Antwort: Er sprach zu mir: Gott soll dich in Frieden zurück- 
führen! Darauf versetzte B. Eleasar: Wenn B. Jochanan über dich 
aufgebracht wäre, so hätte er dich nicht gesegnet Bab Assi ver- 
liess hierauf das Land Israel. Da hörte er, dass man ihren Sarg 
bringe. Er sprach: Wenn ich das gewusst hätte, so wäre ich nicht 
aus dem Lande gegangen. 

(Das.) Unsere Babbinen haben gelehrt: Ein Sohn muss seinen 
Vater bei seinem Leben ehren und er muss ihn ehren bei seinem 



^) Denn dann hatte er viele kaum gewissenhaft zu erfüllende Pflichten 
gegen sie gehabt. 



III. Traciai Kidduschin. 97 

Tode. Wie geschieht es bei seinem Leben? Wenn die Leute an 
seinem Orte den Worten seines Vaters gehorchen, soll er zu ihnen 
nicht sagen: Sendet mich meinetwegen, fertigt mich schnell ab 
meinetwegen, entlasst mich meinetwegen, sondern das alles meines 
Vaters wegen. Wie geschieht es bei seinem Tode? Wenn der 
Sohn eine Tradition mittheilt, die er aus dem Munde seines Vaters 
gehört hat, soll er nicht sagen: Also hat mein Vater gesagt, 
sondern: Also hat mein Vater, mein Herr, gesagt, siehe ich will 
€ine Sühne fflr sein Lager sein. Also soll aber der Sohn nur 
sagen bis zwölf Monate nach des Vaters Tode, von da ab und 
weiter soll er sagen: Sein Andenken sei zum Segen für das Leben 
der künftigen Welt! 

28. (Fol. 31b u. 32a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Worin 
besteht die Ehrfurcht (niits) und worin die Verehrung (mSD) 
(welche der Sohn seinem Vater schuldig ist)? Die Ehrfurcht 
zeigt sich darin, dass der Sohn sich nicht stellt und setzt au 
des Vaters Platz (den er in der Versammlung einnimmt), ihm 
nicht widerspricht und auch nicht (bei dessen Gontroversen) ent- 
scheidet (sich ein Urtheil anmasst, oder das Wort nimmt). Die 
Verehrung besteht darin, dass der Sohn seinem Vater Speise und 
Trank reicht, ihn ankleidet und bedeckt und ihn ein- und aus- 
führt Man hat gefragt: aus welchen Mitteln? Nach Hab Jehuda 
aus des Sohnes, nach Bab Nathan bar Oschaja aus des Vaters 
Mitteln. 

Wie weit geht die Verehrung des Sohnes gegen Vater und 
Mutter? wurde R. Elieser gefragt Er antwortete: Sie geht soweit, 
dass, wenn eins von ihnen einen Beutel mit Denaren nimmt und 
ihn in seiner Gegenwart in's Meer wirft, der Sohn ihn (d. i. den 
Vater oder die Mutter) nicht beschämt^) 

(Das.) Rab Huna hatte im Zorn ein seidenes Kleid vor seinem 
Sohne Rabba zerrissen. Da sprach er: Ich will doch gehen und 
sehen, ob er (über mich) aufgebracht ist, oder nicht. Vielleicht 
wäre er aber aufgebracht gewesen, und da hätte doch Rab Huna 
eine Sünde begangen, denn es heisst Lev. 19, 14: „Vor einen 
Blinden lege keinen Anstoss?" Antw.: Rab Huna hatte auf die ihm 
gebührende Ehre verzichtet. Er hatte doch aber gegen Deut 20, 19 
gefehlt: „Du sollst nicht verderben?" Er hatte es an den Näht^i 



') D. i. dass er darüber nicht seine Missbilligang zu erkennen giebU 
WflnBclie, Der babylonitche Talmud. 7 



9g III. Tractat Kidduschin. 

der Fransen getban.^) Vielleicht wurde Rabba deshalb nicht über 
ihn (seinen Vater) aufgebracht (weil das Kleid keinen Schaden er- 
litt)? Er hatte es aber während seines Zornes getban. 

29. (Fol. 32 ab.) Nach K Jizchak bar Schila hat Rab Mathna 
gesagt: Wenn ein Vater auf die ihm gebührende Ehrerbietung ver- 
zichtet, so ist die Ehrerbietung erlassen, wenn dagegen ein Lehrer 
auf die ihm gebührende Ehrerbietung verzichtet, so ist die Ehr- 
erbietung nicht erlassen. Rab Joseph hat gesagt: Selbst wenn der 
Lehrer auf die ihm gebührende Ehrerbietung verzichtet, so ist sie 
erlassen, denn es heisst Ex. 13, 21: „Und der Ewige zog vor 
ihnen her des Tages (in einer Wolkensäule)/' Raba hat gesagt: 
Gleicht denn eins dem andern? Dort bei dem Heiligen, gebene- 
deiet sei erl da ist die ganze Welt sein und die Thora ist sein, und 
er kann auf die ihm gebührende Ehre verzichten, aber hier — ist denn 
die Thora sein (des Gelehrten, sie ist doch Gottes, und wie sollte 
er auf die ihm gebührende Ehre verzichten)? Nachher aber hat 
Raba gesagt: Ja, die Thora ist sein, wie geschrieben steht Ps. 1, 2: 
„Und er denkt über seine Thora nach Tag und Nacht." Es ist 
doch aber nicht also, denn als Raba seinem Sohne Hochzeit machte, 
reichte er den Becher dem Rab Papa und Rab Hnna bar Rab 
Josua und sie erhoben sich vor Raba. Darauf reichte er den Becher 
dem Rab Mari und Rab Pinchas bar Rab Chisda und sie erhoben 
sich nicht vor ihm. Da gerieth Raba in Zorn und sprach: Nur 
diese Rabbinen sind Rabbinen, jene Rabbinen aber — sind sie denn 
keine Rabbinen? Antw.: Trotzdem (er verzichtet hatte) hätten sie 
ihm dennoch Ehrerbietung erweisen müssen. 

30. (FoL 32 b.) Einst sassen R. Elieser und R. Josua und R. 
Zadok bei einem Hochzeitsmahle von Rabban Gamliels Sohne, bei 
welchem Rabban GamlieP) stand und ihnen einschenkte. Er gab 
den Becher zuerst dem R. Elieser, der ihn aber nicht annahm; 
dann gab er ihn dem R. Josua, der ihn annahm.^) Was ist das, Josual 
sprach R. Elieser zu ibm^ wir sitzen hier, und Rabban Garoliel der 
Grosse steht und bedient uns? Wir finden, antwortete K Josua» 
dass einmal ein Grösserer als er, nämlich Abraham, auch stand und 



^) D. i. er hatte das Kleidungsstück so zeilrennt, dass es keinen Schaden 
erlitt. 

') Rabban Gamliel war Schuloberhaupt. 

') Er wollte aus Ehrfurcht vor ihm sich nicht von ihm bedienen lassen. 



III. Tractat Kiddufichin. 99 

bediente, wie es heisst Geo. 18, 8: „Und er stand vor ihnen." Vielleicht 
wirst du sagen: Sie erschienen ihm als Dienstengel? Nein, sie er- 
erscbienen ihm als Araber. Warum nun sollte Babban Gamliel 
der Grosse vor uns nicht stehen und uns einschenken dürfen? Da 
nahm R. Zadok das Wort und sprach: Wie lange lasset ihr die 
Ehre Gottes dahinten und beschäftigt euch mit der Ehre der Men- 
schen.^) Der Heilige, gebenedeiet sei erl lässt Winde wehen, Wol- 
ken aufsteigen, Regen herabströmen, er macht das Land fruchtbar 
und richtet einem jeden den Tisch an,^) und wir, — warum soll nicht 
Babban Gamliel vor uns stehen und der Grosse uns einschenken 
dürfen ? 

31. (Das.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Es heisst Lev. 
19, 32: „Vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen." Da 
könnte ich glauben, selbst vor einem Alten, der ein Unwissender 
ist? Darum heisst es ipt, worunter kein anderer als ein QDn, ein 
Gelehrter zu verstehen ist, wie es heisst Num. 11, 16: „Versammle 
mir siebzig Männer von den Aeltesten ("^sptT^) Israels. R. Josse 
der Galiläer sagte: ipr heisst nur einer, der Weisheit erworben 
hat (nsp;:;), wie es heisst Prov. 8, 22: „Der Ewige hat mich er- 
worben ("»ssp) als den Erstling seines Weges." Da könnte ich 
glauben, dass er schon aufstehen sollte, wenn er noch in weiter 
Feme von ihm sich befindet? Darum heisst es: „Du sollst auf- 
stehen und ihn ehren." Das „Aufstehen" bezieht sich nur auf einen 
solchen Ort, wo Ehre ist Da könnte ich wieder glauben, er soll 
ihn mit seinem Gelde ehren? Darum heisst es: „Du sollst auf- 
stehen und ehren," nämlich wie das Aufstehen kein Geld kostet, 
also darf auch das Ehren kein Geld kosten. Da könnte ich glauben, 
er solle vor ihm auch auf dem Aborte oder im Bade aufstehen? 
Darum heisst es: „Du sollst aufstehen und ehren." Das Aufstehen 
muss nur an einem solchen Orte geschehen, wo Ehre ist. Da könnte 
ich glauben, er könnte seine Augen zudrücken, gleichsam als ob er 
ihn nicht sähe? Darum heisst es: „Du sollst aufstehen und du sollst 
dich fürchten (vor Gott);" bei einer Sache, die dem Herzen anvertraut 
ist, steht geschrieben: „Du sollst dich vor Gott fürchten.** K Si- 
meon ben Eleasar sagte: Woher lässt sich beweisen, dass der Alte 



*) D. i. wie lange wollt ihr die Ehre (jottes übereehen und euch mit der 
£hre der Menschen beschäftigen? 

') Er spendet den Menschen Nahrung. ' *■ 



7* 



100 Ui. Tractat Kidduschln. 

(^pt) die Leute nicht belästigen soll (wenn er der Bezeugung der 
Ehrerbietung nicht ausweichen kann)? Weil es heisst: ry^TJ] IT^t, 
der Alte soll Furcht haben. Issi ben Jehuda sagt: Es heisst: 
„Dipn n:a'^b kbjz, vor einem Alten sollst du aufstehen'^ d. i. vor 
allen alten Leuten (selbst wenn sie Unwissende sind). E. Josse der 
Galiläer ist doch aber der Meinung, wie der erste Tanna (dass man 
nämlich nur vor einem Gelehrten aufstehen dflrfe)? Es ist (eineContro- 
verse) zwischen ihnen hinsichtlich eines jungen Mannes, der ein Ge- 
lehrter ist. Der erste Tanna meint: Wenn es ein junger Mann und ein 
Gelehrter ist, so braucht man nicht vor ihm aufzustehen. R. Josse 
der Galiläer dagegen meint: Selbst wenn es ein junger Mann und 
ein Gelehrter ist (so muss man vor ihm aufstehen). 

32. (FoL 33 a.) Handwerker brauchen nicht vor den Schülern 
der Weisen (Gelehrten) aufzustehen zur Zeit, wenn sie mit der Ar- 
beit beschäftigt sind. Es ist doch aber gelehrt worden: Alle Hand- 
werker in Jerusalem standen (vor den Erstlings-Darbringem) auf und 
begrflssten sie und sprachen zu ihnen: Unsere Brüder, Männer von 
dem und dem Orte, seid willkommen! Darauf hat E. Jochanan ge- 
sagt: Vor diesen Personen^) stehen sie auf^ jedoch vor den Schülern 
der Weisen brauchen sie nicht aufzustehen. Daran knüpft E. Josse 
bar Abin die Bemerkung: Komm und sieh, wie werth die Vorschrift 
zur Zeit ikrer Ausübung ist, da man vor diesen Personen aufstand, 
aber vor den Schülern der Welsen nicht aufzustehen brauchte! Allein 
dort ist es eine Ausnahme, damit nicht ein Anstoss für die Zukunft 
entstehen sollte. 

(Das.) B. Jochanan pflegte vor alten Aramäem (Heiden) aufzustehen. 
Er sprach nämlich: Wie viele Nöthe sind nicht über sie schon ge- 
kommen! Baba pflegte dagegen nicht vor einem solchen aufzustehen, 
er erwies ihm aber Ehre. Wenn Abaji Alten begegnete,^) so gab 
er ihnen die Hand.') Wenn Baba Alte sah, so schickte er einen 
Boten. ^) Wenn Bab Nachman einen Alten sah, so schickte er ihm 
seinen Diener. Er sprach nämlich: Wenn nicht die Thora wäre, 
wie viele Nachman bar Abba's gäbe es da in der Strasse.^) 



^) Denn wenn diese nicht firenndlich anfgenommeu werden, unterlassen sie 
für ein ander Mal die Reise. 

') Der nicht gut gehen konnte. 
*) £r sollte sich darauf stützen. 
*) Dass er ihm beim Gehen behilflich sei. 
. *) Meine Wfiide besteht nur in der Thora. 






Ilf. Tractat Kidduschin. 101 

33. (Fol. 33 ab.) B. Eibu hat im Namen des R. Jannai gesagt: 
Der Gelehrte braucht vor seinem Lehrer nur am Morgen und am 
Abend sich zu erheben, damit die Ehrfurcht gegen ihn nicht grösser 
sei, als die gegen den Himmel (d. i. Allerhöchsten). 

34. (Fol. 33b.) R. Eleasar hat gesagt: Jeder Schüler der 
Weisen (Gelehrte), welcher nicht vor seinem Lehrer aufsteht, heisst 
ein Frevler (y^) und er lebt nicht lange und sein Erlerntes (Stu- 
dium) geräth in Vergessenheit, denn es heisst Eoh. 8, 13: „Und 
nicht gut wird es für den Frevler sein, er wird nicht lange leben, 
wie ein Schatten, dass er sich nicht gefürchtet hat vor Gott" Da 
weiss ich nicht, was hier unter „Furcht" zu verstehen ist? Da es 
aber heisst: „Du sollst aufstehen und sollst fürchten, so sage: Furcht 
d. i. Aufstehen. 

35. (Fol. 36a.) Es ist gelehrt worden: Es heisst Deut 14, 1: 
„Kinder seid ihr des Ewigen, eures Gottes" d. L wenn ihr euch als 
Kinder betragt (aufführt), so werdet ihr Kinder genannt, wenn ihr euch 
aber nicht als Kinder betragt, so werdet ihr nicht Kinder genannt 
Das ist die Meinung des R. Jehuda. R. Me!r dagegen sagt: Es mag 
so oder so sein, ihr werdet Kinder genannt, denn es heisst Jerem. 
4, 22: „Thörichte Kinder sind sie," desgl. Deut 32, 20: „Kinder, in 
denen keine Treue ist," desgl. Jes. 1, 4: „Entartete Kinder, die den 
Ewigen verlassen haben," desgl. Hos. 2, 1: „Und es geschieht, an- 
statt dass man sie genannt: Lo Ammi (Nicht mein Volk) seid ihr, 
nennt man sie: Kinder des lebendigen Gottes." 

36. (Fol. 38a.) Es heisst Ex. 16, 35: „Und die Israeliten 
assen das Manna 40 Jahre, bis sie in bewohntes Land kamen, und 
das Manna assen sie, bis sie an das Ende des Landes Kanaan 
kamen." Es ist nicht möglich zu sagen: „Bis sie in bewohntes Land 
kamen," da es doch bereits heisst: „Bis sie an das Ende des Landes 
Kanaan kamen." Es ist wieder nicht möglich zu sagen: „Bis sie an das 
Ende des Landes Kanaan kamen," da es doch bereits heisst: „Bis sie 
in bewohntes Land kamen." Wieso (ist der Widerspruch zu lösen)? Am 
7. Tage im Monat Adar starb Mose, da hörte das Manna auf zu fallen, 
und sie erhielten sich noch von dem in ihren Gefässen bis zum 16. Tage 
des Monats Nissan. Femer ist gelehrt worden: Die Kinder Israels 
assen das Manna vierzig Jahre, haben sie es denn vierzig Jahre 
gegessen? Es fehlten doch an den vierzig Jahren noch dreissig 
Tage? Allein es will dir sagen: Die Kuchen, die sie aus Aegjpten 
mitgenommen, schmeckten ihnen so wie Manna. Eine andere Ueber- 



102 HI. Tractat Kiddaschin. 

liefenuig lautet: Am 7. Tage im Monat Adar starb Mose and am 
7. des Monats Adar ist er auch geboren worden. Woher lässt sich 
beweisen, dass er am 7. des Monats Adar gestorben ist? Ans Deut 
34, 5: „Und es starb daselbst Mose, der Knecht des Ewigen,'* und 
femer heisst es das. Y. 8: „Und die Kinder Israels beweinten Mose 
in den Steppen Moabs dreissig Tage;" femer heisst es Jos. 1, 1: 
„Und es geschah nach dem Tode Mose's, des Knechtes des Ewigen,'* 
desgL das. Y. 2: „Mose, mein Knecht ist todt, nnd nun mache dich 
auf,** desgl das. Y. 11: „Gehet im Lager umher und gebietet dem 
Yolke also: Bereitet euch Mnndvorrath, denn binnen drei Tagen 
gehet ihr ttber diesen Jordan;" desgl. das. 4, 19: „Und das Yolk 
kam herauf aus dem Jordan am zehnten des ersten Monats." Ziehe 
davon 33 Tage ab, so ergiebt sich, dass Mose am 7. im Monat Adar 
gestorben ist. Und dass er am 7. im Monat Adar geboren wurde, 
woher lässt sich das beweisen? Aus Deut 31, 2: „Und er sprach 
zu ihnen: Ich bin heute 120 Jahre alt, ich kann nicht mehr vor 
euch aus- und einziehen." Was wollte er damit sagen, dass er 
sprach: „Heute?" Damit wollte er sagen: Heute ist die Zahl 
meiner Tage und Jahre voll. Daraus geht die Lehre hervor, dass 
der Heilige, gebenedeiet sei er! die Jahre der Gerechten von Tag 
zu Tag, von Monat zu Monat voll werden lässt, wie es heisst Ex. 
23, 26: „Die Zahl deiner Tage will ich voll werden lassen." 

37. (Fol. 39 b.) Mischna. Wer (auch nur) ein Gebot austtbt, dem 
geht es wohl und er erreicht ein langes Leben und ererbt das Land ;^) 
wer dagegen ein Gebot nicht ausübt, dem geht es nicht wohl, er 
lebt auch nicht lange und er ererbt nicht das Land. 

Gemara. Dagegen wurde eingehalten: Das sind die Dinge, von 
denen der Mensch ihre Früchte schon in dieser Welt erntet, der 
Stamm aber verbleibt ihm für jene Welt, nämlich: Die Ehre gegen 
Yater und Mutter, Menschenliebe, Gastfreundlichkeit und Frieden- 
stiftung zwischen einem Menschen und seinem Genossen; das Studium 
der Thora aber ist gegenüber allen (d. i. es wiegt alles auf.) Darauf 
hat R. Jehuda gesagt: Diese Mischna ist so zu verstehen: Wer ein 
Gebot ausübt und seine Yerdienste vermehrt (so dass die Yerdienste 
mehr sind als seine Sünden), dem geht es wohl, und er wird so 
betrachtet,^) als hätte er die ganze Thora gehalten. 



^) Das Jenseits. Rasclii. 

') Es wird ihm angerechnet n. s. w. 



III. Tractat Kidduschin. 103 

38. (Das.) Nach einer Ueberlieferung hat R. Jacob gesagt; 
Kein Gebot ist in der Thora geschrieben, mit welchem eine Ver- 
heissung (eig. eine Gabe des Lohns) verbunden wäre, von der nicht 
die Todtenaaferstehung abhinge. Bei der Verehrung von Vater und 
Mutter aber heisst es Deut. 5, 16: „Damit deine Tage sich ver* 
längern und es dir wohl gehe/' und beim Vogelnest heisst es Deut 
22, 7: „Damit es dir wohl ergehe und du lange lebest*' Siehe, ein 
Vater sprach zu seinem Sohne: Steige hinauf und bringe mir junge 
Tauben, er stieg hinauf, liess die Alte (Mutter) fliegen und nahm 
nur die Jungen, auf dem Rückwege aber fiel er und starb, wo ist da 
Wohlergehen und wo ist langes Leben? Daher muss die Verheis- 
sung: „Dass es dir wohlgehe," auf die Welt sich beziehen, die ganz 
und gar gut ist, und die Worte: „Damit deine Tage sich verlängern," 
wollen sagen: in der Welt, die ganz und gar lang ist. Vielleicht hatte 
aber jener Sohn einen sündhaften Gedanken dabei? Antw.: Diesen 
rechnet Gott nicht zum Werke (Ausübung). Es sagt Rah Joseph: 
Hätte Acher (Elisa ben Abu ja) diesen Vers so erklärt, wie sein 
Tochtersohn R. Jacob, so hätte er nicht gesündigt. Was war es 
denn mit Acher? Manche sagen: Er hat einen solchen Fall (wie 
ihn R. Jacob erzählte) gesehen. Manche sagen: Er sah die Zunge 
des Dolmetschers Chuzpith von einem Schweine (^nK *nm) schleppen. 
Da sprach er: Wie, soll der Mund, der Perlen hervorgebracht, Staub 
lecken ? In Folge dessen wich er ab vom guten Wege und sündigte. 

39. (Fol. 39 b u. 40a.) R. Chanina bar Papi wurde von einer 
Matrone, welche von Liebe zu ihm entbrannt war, aufgefordert, ihre 
Lust zu stillen. Er sprach etwas, und sein Leib wurde mit Grinden 
und Beulen (Geschwülsten) bedeckt; darauf that sie etwas, und er 
genas wieder. R. Chanina entfloh hierauf und hielt sich in einem 
Bade verborgen. Wenn zwei in dasselbe hineingingen, selbst wenn 
es am Tage war, so wurden sie geschädigt (von den Dämonen, 
welche daselbst waren, und er war darin allein und es war Nachts). 
Am Morgen sprachen unsere Rabbinen zu ihm: Wer hat dich be- 
wacht? Er antwortete ihnen: Zwei Diener (Mohren) des Kaisers haben 
mich die ganze Nacht bewacht Sie sprachen zu ihm: Vielleicht ist dir 
eine Sünde der Unzucht zugestossen und du bist von ihr gerettet worden, 
denn wir haben die Lehre : Wer in eine Sünde der Unzucht geräth und 
von ihr gerettet wird, dem geschieht ein Wunder. Es heisst Ps. 103, 20: 
„Helden der Kraft, die sein Wort thun, gehorchend der Stimme 
seines Wortes ,*' wie z. B. B. Zadok und seine Genossen. Einmal 



104 III. Tractat Kidduschin. 

wurde er von einer Matrone aufgefordert, mit ihr zu buhlen. Da 
sprach er zu ihr: Mein Herz ist mir schwach, hast du nichts zu 
essen? Sie sprach zu ihm: Es ist etwas da, aber es ist unrein, 
£r sprach zu ihr: Was hat's zu sagen? Wer so etwas thut, mag 
auch so etwas essen. ^) Sie heizte hierauf den Ofen und legte es 
(das Fleisch) darauf. Er stieg in den Ofen und setzte sich hinein. 
Da fragte sie ihn: Was ist das (was sehe ich)? Er antwortete ihr: 
Wer so etwas thut, fällt hinein (ins Feuer der Hölle). Da sprach 
sie zu ihm: Wenn ich das alles gewusst hätte, so hätte ich dich 
nicht gequält 

Bab Eahana pflegte kleine Körbe zu verkaufen, da wurde er 
von einer Matrone aufgefordert (mit ihr zu buhlen). Er sprach zu 
ihr: Ich will gehen, um mich anzuputzen. Er ging hinauf und stürzte 
sich vom Dache herab zur Erde. Da kam Elia und hob ihn auf 
und sprach zu ihm: Du hast mich 400 Parasangen weit bemflht 
Da sprach Rah Eahana zu ihm: Wer hat mir es zugezogen? Nur 
meine Armuth. Da gab er ihm ein Gefäss mit Denaren. 

40. (Fol. 40 a.) Raba warf vor Rab Nachman die Frage auf: 
Wir haben gelernt: Das sind die Dinge, thut sie ein Mensch, so 
geniesst er ihre Früchte schon in dieser Welt, der Stamm verbleibt 
ihm aber für jene Welt Es sind: die Ehre gegen Vater und 
Mutter, Menschenliebe, Friedensstiftung zwischen einem Menschen 
und seinem Genossen, das Studium der Thora aber ist gegenüber 
allen. Ehre gegen Vater und Mutter, denn so heisst es Deut 5, 16: 
„Auf dass deine Tage sich verlängern und auf dass es dir wohl- 
gehe;'' Menschenliebe, denn so heisst es Prov. 21, 22: „Wer nach 
Wohlthätigkeit und Liebe strebt, findet Leben, Wohlthätigkeit und 
Ehre,'' Friedensstiftung, denn so heisst es Ps. 34, 15: „Suche den 
Frieden und jage ihm nach." B. Abahu bringt den Beweis (auf 
Grund einer Wortanalogie) von einem tiD*»!^ zum andern nc'^n'H, 
hier heisst es nämlich: „Suche den Frieden und strebe ihm nach 
(jiSiBn^n"))," und dort heisst es auch: „Wer nach Wohlthätigkeit strebt 
(qnh^)." Das Studium der Thora, denn so heisst es Deut 20, 20: 
„Denn sie ist dein Leben und deiner Tage Verlängerung." Wenn 
dem so ist, es heisst doch betreffs des Vogelnestes auch das. 22, 7: 
,,Auf dass es dir wohl gebe und du lange lebest," soll* die Mischna 

') Nach Rascbi heisst es: Er sprach: Was kann ich hieraus lernen? Wer 
dieses thut, der isst auch so etwas (die eine Sünde fuhrt die andere Sünde 
nach sich). 



in. Tractat Kidduschin. ]05 

die Vorschrift auch lehren? Sie lehrt nur etwas, manches lässt 
sie flbrig. Der Tanna hat doch aber gelehrt: Das sind die Dinge, 
von denen ein Mensch schon in dieser Welt ihre Früchte geniesst 
a. 8. w. und du sagst: Es giebt noch mehr solcher sittlicher Hand- 
langen? Allerdings! antwortete Raba. R. Idi hat mir erklärt: Es 
heisst Jes. 3, 10: „Saget dem Gerechten, dass er gnt ist, denn 
die Früchte seiner Thaten wird er geniessen." Giebt es denn 
einen Gerechten, der gut nnd einen Gerechten, der nicht gut 
ist? Allerdings! wer gnt gegen den Himmel und gegen die Mit- 
geschöpfe ist, der ist ein mt3 p"'nat, ein gnter Gerechter, wer 
aber nur gnt gegen den Himmel nnd böse gegen die Mitgeschöpfe 
ist, dass ist ein nicht guter Gerechter (mt3 i3'x;ö P''i3t). Aber 
auch umgekehrt heisst es das. Y. 11: „Wehe dem Frevler, der böse 
ist"^) Giebt es denn einen bösen und einen nichtb'ösen Frevler? 
Allerdings! wer böse ist gegen den Himmel und böse gegen die 
Mitgeschöpfe, der ist ein böser Frevler, wer aber nur böse gegen 
den Himmel ist und nicht böse gegen die Mitgeschöpfe, der ist ein 
nicht böser Frevler. 

4cl. (Das.) Das Verdienst (die Tugend) hat einen Stamm und 
auch Früchte, wie es heisst Jes. 3, 10: „Saget dem Gerechten, dass 
er gut ist*' u. s. w.; ebenso hat auch die Sünde einen Stamm, aber 
keine Früchte, wie es heisst das. V. 11: „Wehe dem Frevler, dass 
er böse ist'* u. s. w. Allein wie halte ich dann aufrecht Prov. 1, 31: 
„Sie mögen gemessen von der Frucht ihres Weges und an ihren 
Rathschlägen sich sättigen?** Antw.: Die Sünde, die Früchte trägt, 
hat auch Früchte, und die, welche keine Früchte trägt, hat auch 
keine Früchte; den guten Gedanken rechnet der Heilige, gebenedeiet 
sei er! zur That, wie es heisst Mal. 3, 16: „Einst bereden sich, die 
den Ewigen fürchten, miteinander, und der Ewige vernimmt und 
hört es und es wird verzeichnet in ein Buch des Gedächtnisses 
von ihm für die, so den Ewigen fürchten und die, so seinen Namen 
denken.** Was heisst das: „Die seinen Namen denken?** Rah Assi 
hat gesagt: Selbst wenn ein Mensch sich nur vorgenommen hat, 
eine Pflicht zu thun, er ist aber daran gehindert worden und hat 
sie nicht gethan, so rechnet es ihm die Schrift so an, als hätte 
er sie gethan; dagegen den bösen Gedanken rechnet der Heilige, 
gebenedeiet sei er! nicht zur That, wie es heisst Ps. 66, 18: „Wenn 



') So nimmt der Talmud die Stelle. 



103 III. Tractat Kidduscbin. 

Unrecht ich in meinem Herzen sah, so hörte es der Ewige nicht/' 
Allein, wie halte ich dann aufrecht Jerem. 6, 19: „Siehe, ich bringe 
diesem Volke Unglflck, die Frucht ihrer Gedanken?'* Den Gedanken, 
welcher Frucht bringt, rechnet der Heilige, gebenedeiet sei erl zur 
That, den Gedanken aber, welcher keine Frucht bringt, rechnet der 
Heilige, gebenedeiet sei er! nicht zur That. Allein es heisst doch 
Ezech. 14, 4: „So jemand vom Hause Israel in sein Herz auf- 
nimmt?" Rab Acha bar Jacob hat gesagt: Das ist nur bei Abgötterei 
der Fall, denn der Autor hat gesagt: Die Sünde des Götzendienstes 
ist schwer, wer ihn verleugnet, ist gleich dem, der die ganze Thora 
bekennt.^) Ula hat gesagt: Das ist so wie die Meinung des Rab 
Huna ist, denn dieser hat gesagt: Wenn ein Mensch eine Sünde 
einmal thut und er thut es dann noch ein zweites Mal, so ist sie 
ihm erlaubt. Wie kann es dir in den Sinn kommen, dass sie ihm 
erlaubt? Allein es ist so gemeint: Es kommt ihm so vor, als wenn 
sie ihm erlaubt wäre. R. Abahu hat im Namen des R. Ghanina 
gesagt: Es ist besser, dass ein Mensch eine Sünde heimlich (in der 
Stille) thut, als dass der Name des Himmels (Gottes) öffentlich ent- 
heiligt werde s. Ezech. 20, 39. 

42. (Das.) R. Hai der Alte hat gesagt: Wenn ein Mensch 
sieht, dass der böse Trieb über ihn Gewalt gewinnt, so gehe er an 
einen Ort, wo ihn niemand kennt und ziehe schwarze Kleider an und 
hülle sich schwarz ein und thue, wonach sein Herz gelüstet, nur 
werde der Name des Himmels (Gottes) nicht öffentlich entweiht Es 
ist doch aber gelehrt worden: Wer die Ehre seines Schöpfers nicht 
schont, verdient nicht, dass er auf die Welt gekommen ist,^) und 
nach Rab Joseph ist das, wer eine Sünde im Verborgenen thut? 
Es ist aber kein Widerspruch, denn es kommt darauf an, ob er 
seinen Trieb bezwingen kann, oder nicht. 

43. (Fol. 40ab.) Die Rabbinen haben gelehrt: Ein Mensch sehe 
sich immer so an, als sei er halb schuldig und halb unschuldig; 



^) Euphemistisch anstatt: Wer sich eu ihm (dem Götzendienst) bekennt, 
ist gleich dem, der die ganze Thora verleugnet. 

3) Vergl. Chagiga Fol. 16a, Moed Katan Fol. 17a und Sanh. Fol. 74a. Die 
Tbosaphoth maclien folgende Bemerkung zu dieser Stelle: Unser Lehrer Ghana* 
nel erkläi*t: Gott behüte! dass es erlaubt sei, eine Sünde zu begehen (nämlidi 
zu thun, was des Menschen Herz begehrt), sondern R. Hai hat also gesagt (ge- 
dacht): Die Anstrengung der Reise, die Fremde und die schwarze Kleidung 
brechen den hosen Tneb und halten den Menschen von der Sünde ab. 



III. Tractat Kidduschin. 107 

Übt er eine Pflicht (thut er etwas Gutes), Heil ihm, er giebt sich 
nach der Wagschale der Unschuld den Ausschlag, thut er dagegen 
etwas Unrechtes (eine Sünde), Wehe ihm, er giebt sich nach der 
Wagschale der Schuld den Ausschlag, wie es heisst Eoh. 9, 18: 
„Ein einziger Fehler kann viel Gutes (nmü) verderben" d. i. wegen 
einer einzigen Sünde, welche er begangen, bringt er sich um viele 
Güter (mmta). R. Eleasar bar R. Simeon sagt: Weil die Welt nach 
ihrer Mehrheit und der Einzelne nach seiner Mehrheit beurtheilt wird, 
übt er daher eine Pflicht (eine Vorschrift), Heil ihm, denn er giebt 
sich und der ganzen Welt nach der Wagschale der Tugend den Aus- 
schlag; begeht er dagegen eine Sünde, Wehe ihm, denn er giebt sich 
und der ganzen Welt nach der Wagschale der Schuld den Ausschlag, 
wie es heisst das.: „Ein einziger Fehler kann viel Gutes verderben" 
d. i. wegen einer einzigen Sünde, welche er begangen, bringt er sich 
und die ganze Welt um viel Gutes. 

R. Simeon ben Jochai sagt: Selbst wer all sein Leben (alle 
seine Tage) vollkommen fromm, zuletzt aber widerspenstig war, 
bringt sich um das Frühere,^) denn es heisst Ezech. 33, 12: „Die 
Gerechtigkeit des Gerechten wird ihn nicht retten am Tage seines 
Abfalls;" und so ist es auch mit dem vollendeten Frevler, der sein 
ganzes Leben in Sünde zugebracht hat, zuletzt aber Busse thut, 
seiner früheren Bosheit wird nicht mehr gedacht, 2) wie es heisst das.: 
„Und der Frevel des Frevlers, er wird nicht straucheln darüber am 
Tage, da er umkehrt von seinem Frevel." Er (der Gerechte, der sünd- 
haft geworden) möge doch aber sein wie einer, welcher zur Hälfte 
Sünden und zur Hälfte Verdienste hat? Resch Lakisch hat gesagt: Es 
ist so gemeint: Wenn er Reue wegen der ersten (guten Thaten) zeigt. 

44. (Fol. 40 b.) Mischna, Wer mit der Schrift, mit der Mischna 
und mit einer weltlichen Beschäftigung sich befasst, wird sobald 
nicht sündigen, denn es heisst Eoh. 4, 12: „Der dreifach geflochtene 
Faden wird nicht sobald zerreissen." Wer aber nicht mit der 
Schrift, nicht mit der Mischna und nicht mit anderer (nützlicher) 
Beschäftigung sich abgiebt, gehört nicht zu der bewohnten Erde.^) 



^) Sinn: Wenn jemand auch sein ganzes Leben liindurch vollkommen ge- 
recht gewesen und zuletzt noch ein Sünder geworden ist, so hat er seine frühe« 
ren Verdieoste verloren. 

') Sinn: Ist jemand sein ganzes Leben lang gottlos gewesen, er hat sich 
aber zuletzt noch bekehil, so wird seiner Gottlosigkeit nicht mehr gedacht. 

') Sion: Der gehört niclit zur Gesellschaft. 



108 ^^' Tractat Kidduschin. 

(Das.) R. Eleasar bar B. Zadok hat gesagt: Womit sind die 
Gerechten (Frommen) in dieser Welt zu vergleichen? Mit einem 
Baume, welcher ganz an einem reinen Orte steht, sein Gezweig 
aber neigt sich nach einem unreinen Orte, wird sein Gezweig jedoch 
abgeschnitten, so steht er ganz an einem reinen Orte. So bringt 
auch der Heilige, gebenedeiet sei er! Leiden über die Gerechten 
(Frommen) in dieser Welt, damit sie die zukünftige Welt ererben, 
wie es heisst Hi. 8, 7. „Ist auch dein Anfang gering, so wird dein 
Ende hochaufschiessen." Womit sind Frevler dieser Welt hingegen 
(zu vergleichen?) Mit einem Baume, der ganz an einem unreinen 
Orte steht, sein Gezweig aber neigt sich nach einem reinen Orte, 
wird sein Gezweig jedoch abgeschnitten, so steht er ganz an einem 
unreinen Orte. So lässt der Heilige, gebenedeiet sei er! den Frevlem 
viele (irdische) Güter in dieser Welt zufliessen, um sie zu Verstössen 
und auf die niedrigsten Stufen im künftigen Leben sinken zu lassen, 
wie es heisst Prov. 14, 12: „Mancher Weg ist gerade für einen 
Mann, aber am Ende sind es Wege zum Tode.'* 

45« (Das.) Es traf sich einmal, dass B. Tarphon und die Alten 
auf dem Söller des Hauses Nithsa in Lud sassen, da wurde die 
Frage aufgeworfen: Was von beiden ist wichtiger (grösser), das 
Lernen (die Theorie, das Studium) oder die Ausübung (Praxis)? 
B. Tarphon antwortete: Die Ausübung ist wichtiger (grösser), K 
Akiba dagegen antwortete: Das Lernen ist wichtiger. Zuletzt er- 
klärten alle: Das Lernen ist wichtiger, denn nur durch das Ler- 
nen gelangt man zur Ausübung. Es ist gelehrt worden: B. Josse 
sagt: Das Lernen (die Theorie) ist grösser, weil es 40 Jahre der 
Ausübung (Praxis) des Gebotes der Teighebe (Challa) vorangegangen 
ist.^) Beim Gebote in Betreff der Heben und Zehnten ist das 
Lernen (der Praxis) sogar um 54 Jahre vorangegangen, beim Gebot 
der Schemita's um 61 Jahre, beim Gebot der Jubeljahre um 106 Jahre. 
Und sowie das Lernen der Praxis vorangeht, so wird auch der 
Mensch zuerst wegen des Lernens und dann erst wegen der Aus- 
übung (Praxis) gerichtet, wie Bab Hamnuna gesagt hat: Die erste 
Bechenschaft, die der Mensch abzulegen hat, ist wegen der Erler- 
nung des Gesetzes (der Worte der Thora), denn es heisst Prov. 



^) DcDn die Thora empflogen die Israeliten gleich beim Auszuge aus 
Aegjpten, und die Praxis der Teighebe trat erst beim Eintritt in das gelobte 
Land ein. 



III. Tractat Kidduschin. 109 

17, 14: „Ein Wasserdarchbrach ist der Beginn des Zanks," ^) und 
sowie das Gericht (über das Lernen) dem über die That vorangeht, so 
geht auch der Lohn des Lernens dem Lohne der That voran, denn 
es heisst Ps. 105, 44. 45: „Er gab ihnen Länder der Völker und die 
Mtthe der Nationen gewannen sie, weil sie wahrten seine Satzungen 
(Lernen) und seine Lehren beobachteten (That)." (Es heisst in der 
Mischna:) Wer nicht mit der Schrift, mit der Mischna oder mit der 
weltlichen Beschäftigung sich befasst, gehört nicht zur bewohnten 
Erde. B. Jochanan hat gesagt: Sein Zeugniss ist nicht zu gebrauchen. 

Unsere Babbinen haben gelehrt: Wer auf der Strasse isst, 
siehe, der gleicht dem Hunde. Andere sagen: Er ist unwürdig zum 
Zeugnissablegen. Und so ist es auch nach Bab Idi bar Abin zur 
Begel (nsbn) geworden.' 

46. (Fol. 40b u. 41a.) Bar Kapara trug vor: Der Zornige 
hat von seinem Zorne keinen Nutzen als seinen Zorn; der gute Mensch 
aber geniosst die Frucht seiner (guten) Handlungen schon in dieser 
Welt. 2) Und wer mit der Schrift, mit der Mischna und mit der 
Lebensweise sich nicht beschäftigt, gelobe, keinen Genuss von ihm 
zu haben. Denn es heisst Ps. 1, 1: „Und auf dem Sitze der 
Spötter sitzet er nicht" d. i. sein Sitz ist ein Sitz der Spötter. 

47« (Fol. 49a.) Es ist in einer Boraitha gelehrt worden: B. 
Jehuda sagt: Wer einen Vers nach seiner Form*) d. i. wörtlich 
übersetzt, der ist ein Lügner (Entsteller) und wer zusetzt, der ist 
ein Schänder und Lästerer. 

48. (Fol. 49 b.) Zehn Masz Weisheit sind auf die Welt ge- 
kommen, neun Masz bekam das Land Israel, ein Masz die ganze 
übrige Welt; zehn Masz Schönheit sind auf die Welt gekommen, 
neun Masz bekam Jerusalem, ein Masz die ganze übrige Welt; 
zehn Masz Beichthum sind auf die Welt gekommen, neun Masz 
bekamen die Bömer, ein Masz die ganze übrige Welt; zehn Masz 
Armuth sind auf die Welt gekommen, neun Masz bekam Babylon, 
ein Masz die ganze übrige Welt; zehn Masz Hochmuth sind auf 



1) Die Rabbinen erklni'teD so: 10 ^B, wer sich befreit (lossagt) D^D, vom 
Wasser (d. i. die Tliora, wie es heisst: 0, Jeder Durstige, gehet nach Wasser), 
plD n^Vin, liat darfiber zu allererst Rechenschaft abzulegen. 

*) Er bekommt davon einen Vorgeschmack schon in dieser Welt. 

') Sinn: Wer weniger als unser Targum giebt z. B. Ex. 23, 2 nach On- 
kelos: Halte dich nicht zurück zu lehren, was bei einer Rechtssache du für 
gut hältst (nach Raschi: du gefragt wirst). 



110 in. Traciat Kidduschiii. 

die Welt gekommen, neun Masz bekam Elam, ein Masz die ganze 
übrige Welt; zehn Masz Stärke sind auf die Welt gekommen, neun 
Masz bekam Persien, ein Masz die ganze übrige Welt; zehn Masz 
Ungeziefer sind auf die Welt gekommen, nenn Masz bekam Medien^ 
ein Masz die ganze übrige Welt; zehn Masz Zauberkunst sind auf 
die Welt gekommen, neun Masz bekam Aegypten, ein Masz die ganze 
übrige Welt; zehn Masz Aussatzplagen sind auf die Welt gekommen, 
neun Masz bekamen die Schweine, ein Masz die ganze übrige Welt; 
zehn Masz Wollust sind auf die Welt gekommen, neun Masz bekam 
Arabien, ein Masz die ganze übrige Welt, zehn Masz Frechheit 
sind auf die Welt gekommen, neun Masz bekam Mesene, ein Masz 
die ganze übrige Welt; zehn Masz Geschwätzigkeit sind auf die 
Welt gekommen, neun Masz bekamen die Weiber, ein Masz die 
ganze übrige Welt; zehn Masz Schwärze sind auf die Welt gekom- 
men, neun Masz bekamen die Euschim, ein Masz die ganze übrige 
Welt; zehn Masz Schlaf sind auf die Welt gekommen, neun Masz 
bekamen die Knechte, ein Masz die ganze übrige Welt. 

49. (Fol. öOa.) Es ist gelehrt worden: Es heisst Lev. 1, 3: 
„Er soll es (das Ganzopfer) darbringen.^' Daraus geht hervor, das& 
man ihn (dazu) zwingen kann. Nun könnte ich glauben, das wäre 
auch möglich wider seinen Willen? Daher heisst es: „Nach seinem 
Willen." Wie so?') Man zwingt ihn, bis er sagt: Ich will. Und 
warum? Er will doch in seinem Herzen nicht? Meinst du nicht 
(der Grund ist), dass wir sagen: Die Worte (Gedanken) im Herzen 
sind keine Worte . . .^) Und so findest du es auch bei Scheidung 
von Frauen und bei Freilassung von Sclaven: Man zwingt ihn, bis 
er sagt: Ich will. Und warum? In seinem Herzen will er doch 
nicht? Meinst du nicht (der Grund ist), dass wir sagen: Die Worte 
im Herzen sind keine Worte . . . Wenn sich einer mit einem 
Weibe verlobt und erklärt: Ich war der Meinung, dass sie eine 
Priesterin (eine Priesterstochter) sei, sie ist aber eine Levitin (eine 
Levitentochter), oder (ich glaubte,) sie sei eine Levitin, es stellt 
sich aber heraus, dass sie eine Priesterin ist, oder sie sei arm, sie 
ist aber reich, oder sie sei reich, sie ist aber arm, so ist sie doch 



^) Sinn: Wie es muglich, dass man ihn dazu zwingen kann und es soll 
docli sein Wille sein? 

2) „Stillschweigende Vorbehalte gelten nichts, es kommt auf die ausdrück- 
liche Erklärung an.'* 



III. Tractat Kidduschin. lU 

verlobt,^) weil sie ihn nicht getäuscht hat^) Und warum? Er 
sagt doch: Ich war der Meinung? Allein es geht darnach, dass 
wir sagen: Die Worte im Herzen sind keine Worte . . . Bei dem 
allen, wenn sie auch sagte: In meinem Herzen dachte ich, mich mit 
ihm zu verloben,*) so ist sie doch nicht verlobt. Und warum? Sie 
sagte doch: In meinem Herzen dachte ich u. s. w. Und wenn 
einer zu dem Boten sagte: Bringe mir (Geld) aus dem Fenster oder 
aus dem £asten^) und er brachte ihm (heiliges Geld), so hat der 
Hausherr, mag er auch sagen: In meinem Herzen dachte ich nur 
an dieses,'^) doch verschuldet, sobald er ihm von diesem (vom hei- 
ligen Gelde) gebracht hat. Und warum? Er sagte doch: In meinem 
Herzen dachte ich anders? Allein das thut nichts, denn wir sagen: 
Die Worte im Herzen sind keine Worte. •) 

50. (Das.) Mischna. Wenn einer zu seinem Bevollmächtigten 
sagt: Geh' und verlobe mir jene Frau an jenem Orte und er that 
es anderswo, so gilt die Verlobung nicht. Sagt er aber: Sie ist 
an dem und dem Orte, und jener richtete es an einem andern Orte 
aus, so ist sie verlobt. 

(Das.) Wenn jemand sich zwei Frauen durch den Werth von 
einer Peruta, oder eine Frau durch den Werth von weniger ala 
eine Peruta verlobt,^) so gilt das nicht, ^) obgleich er nachher 
(werth volle) Brautgeschenke tiberschickt, denn dies geschah nur in 
Folge der vermeinten Giltigkeit der vorherigen Verlobung. Ebenso 
ist es, wenn ein Minderjähriger die Verlobung ausübt') 

51« (Fol. 50 b.) Man könnte glauben, dass er (der Minderjährige) 



^) Diese Gründe sind behufs Aufhebung der Verlobung nicht stichhaltig. 

') Sie ist nicht die Veranlassung seines Irrthums. 

') Indem er sprach: Ich bin ein Priester oder ein Levit, und er war es- 
doch nicht, oder er versprach ihr, in einer kleinen Stadt zu wohnen und wohnt 
in einer grossen Stadt und umgeliehi-t u. s. w. 

*) Wo sich zweierlei Geld , dem Heiligthum gehöriges und privates be- 
findet. 

^) Du solltest mir nur vom nichtheiligen Gelde bringen. 

«) Der Sinn all der aufgeführten Fälle ist dieser: Wo Thalsachen oder 
rechtsgiltige Aussprüche bestehen, haben Gedanken keine Giltigkeit. 

') D. i. wenn ei* ihr behufs der Verlobung einen Gegenstand übergiebt^ 
der nicht den Werth einer Pernta hat. 

^) Die Verlobung ist aufgehoben. 

*) Sinn: Dasselbe gilt von einem Unmündigen, der sich eine Frau verlobt» 
ihr später aber, als er mündig wiu'de, Brautgeschenke übersendet. 



]12 IJ'- Tractat Kidduschhi. 

die Brautgeschenke, die er übersendet, behufs Vollziehung der Ver- 
lobung übersendet, daher stehen diese beiden Fälle in der Mischna. 
(Das.) Rab Huna hat gesagt: Man nimmt auf die eingesandten 
Brautgeschenke Rücksicht.^) Ebenso hat Rabba gesagt: Man nimmt 
auf die übersandten Brautgeschenke Rücksicht. 

52. (Fol. 52b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Nach dem Hin- 
scheiden des R. Melr sprach R. Jehuda zu seinen Schülern: Die 
Schüler des R. Melr sollen nicht hier (in das Studienhaus) herein- 
gelassen werden, weil sie streitsüchtig sind und nicht etwa kommen, 
um Thora zu lernen, sondern um mich in den Halachoth zu über- 
winden. Sumchos^} drängte sich aber doch mit Gewalt herein und 
sprach zu ihnen: So hat mir R. Melr gelehrt: Ein Priester verlobte 
mit seinem Theile sich ein Weib, mag derselbe von schweren oder 
leichten Heiligthümern sein, die Verlobung ist ungiltig. Da gerieth 
R. Jehuda in Zorn über sie und sprach zu ihnen: Habe ich euch nicht 
gesagt: Die Schüler des R. Melr sollen nicht hier herein gelassen 
werden, denn sie sind streitsüchtig, sie kommen nicht um Thora zu 
lernen, sondern sie kommen, um mich in den Halachoth zu unter- 
brechen. Wie kommt ein Weib in den Vorhof des Heiligthums (wo 
allein die hochheiligen Opfer gegessen werden dürfen)? Da sprach 
R. Josse: Man wird sagen: Melr ist gestorben, Jehuda zürnt und 
Josse schweigt, was soll aus den Worten der Thora werden? 

53. (Fol. 57a.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: Simeon 
der Amsunite, oder, wie andere sagen: Nechemja der Amsunite 
deutete alle nK in der Thora; als er an die Stelle Deut. 6, 2: 
„Auf dass du den Ewigen ('n n»), deinen Gott fürchtest," wusste 
er das dk nicht zu erklären. Da sprachen seine Schüler zu ihm: 
Rabbi, alle n», die du gedeutet hast, was wird mit ihnen sein? 
Er antwortete ihnen: Wie ich Lohn empfangen habe für die Aus- 
legung, so werde ich auch Lohn empfangen für meine Enthaltung, 
bis R. Akiba kam und das «iti T>nbK 'n rx, „du sollst fürchten 
den Ewigen, deinen Gott" dahin erklärte, um die Schüler der Weisen 
{die Gelehrten) mit einzuschliessen.^) 



') Sinn: Man nimmt an, dass er die Brautgeschenke, welche er an eine 
Frau, um die er sicli beworben, behufs der Verlobung übersandte, die Frau 
niufls also, wenn sie sich mit einem andern Manne verloben will, sich zuerst 
von jenem scheiden lassen. 

•} Symmaclios war ein Schüler des R. Meir. 

•) Sinn: Du sollst vor Gott und vor den Gelehrten Eluflu^cht haben. 



III. Tractat Kidduschin. 123 

54« (Fol. 59 a.) Rab Giddel unterhandelte wegen eines Feld- 
stücks, aber R. Abba kam ihm mit dem Kaufe zuvor. Da ging 
Rab Giddel zu R. Sera und verklagte ihn. Dieser theilte den 
Fall R. Jizchak, dem Schmied, mit. Warte, sagte dieser, bis er 
zu uns zum Festbesuch heraufkommt.^) Als Rab Giddel kam, traf 
er ihn und richtete die Frage an ihn: Ein Armer wendet den Kuchen, 
dass er nicht verbrenne,^) und hernach kommt ein anderer und nimmt 
ihn weg, wie ist's mit dem? Er gab zur Antwort: Ein solcher 
Mensch verdient ein Frevler genannt zu werden. Warum hat denn 
der Herr so gehandelt? Abba sprach: Ich habe es nicht gewusst 
(dass Rab Giddel im Handel darum stand). Jener: So möge der 
Herr es (das Feld) ihm (dem Rab Giddel) jetzt überlassen. Darauf 
versetzte dieser: Es ist mein erster Kauf, und es ist kein gutes 
Zeichen, wenn man den ersten Gegenstand, den man gekauft hat, 
wieder verkauft. Wenn er es zum Geschenke will, so mag er es 
nehmen. Rab Giddel nahm es aber nicht an, denn es heisst Prov. 
15, 27: „Wer Geschenke hasst, wird leben." R. Abba wollte es 
auch nicht in Besitz nehmen, weil R. Giddel bereits darum gehan- 
delt hatte. Da keiner von beiden dasselbe in Besitz nahm, so 
wurde das Feld Freigut der Rabbinen genannt^) 

55« (Fol. 66 a.) Der König Jannai war nach Kochlith (rr^Vni^) 
in die Wüste gezogen und hatte sechzig Städte daselbst erobert, 
worüber er so erfreut war, dass er bei seiner Rückkunft alle 
Weisen (Gelehrten) Israels (zu einem Gastmahle) zu sich lud. Un- 
sere Väter (Vorfahren), sprach er zu ihnen, haben während des 
Tempelbaues ^) nur Melde gegessen, so wollen auch wir zur Er- 
innerung an unsere Väter nur Melde essen. Es wurde Melde auf 
goldenen Tischen aufgetragen und man ass sie. An der Tafel 
befand sich ein spottsüchtiger, nichtswürdiger Mensch, Namens 
Eleasar ben Poära.^) Er sprach zum König Jannai: Die Phari- 
säer sind dem König nicht wohl gesinnt^) Dieser: Was soll ich 

^) D. i. mit uns zusammentrifft. 

*) Der um die Erlangung des Freigegebenen sich bemüht, oder: der einem 
Armen bei seinem Kaufe oder Erwerbe eines Freigegebenen zuvorkommt. 

•) Der Ertrag des Feldes wurde zur Unterstützung armer Sludirender ver- 
• wendet. 

^) Nach ihrer Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Nach dem Aruch 
geht es auf den Bau der Stiftshütte. 

*) Der Ausleerer. 

*) Eig.: König Jaimai! das Herz der Pharisäer ist wider dich. 
Wflnieha, Der babylonische Talmud. 8 



J]4 III- Tractat Kidduschin. 

thon? Lass sie aufstehen durch das hohepriesterliche Stimblech 
zwischen deinen Augen, ^) was auch der König that. Es befand sich 
auch ein Greis in der Gesellschaft, welcher Jehuda ben Gedidjah 
hiess. Dieser nahm sogleich das Wort und sprach: König Jannai, 
begnttge dich doch mit der Eönigskrone und ttberlasse die Priester- 
krone dem Samen Aaron's, — denn man sagte, dass seine Mutter ge- 
fangen in Modalm gewesen sei. — Man untersuchte die Sache, fand aber 
dieselbe nicht bestätigt Infolgedessen wurden die Weisen (Gelehrten) 
Israels zornig entlassen. Da nahm Eleasar ben Poöra, zum König 
Jannai gewendet, das Wort: König Jannai! der gemeine Israelit 
müsste sich dies wohl gefallen lassen, du aber, der du König und 
Hoherpriester bist, kannst du dies ungestraft hingehen lassen?^) 
Der König sprach: Was soll ich thun? Wenn du auf meinen Rath 
hören willst, so zertritt sie. Was wird aber aus der Thora wer- 
den? Die liegt eingewickelt dort in jenem Winkel, wer sie lernen 
will, mag kommen und sie lernen. Nach Rab Nachman bar Jizchak 
ward sogleich der Same des Unglaubens in das Herz des Königs 
gestreut, denn er hätte sagen sollen: Dies geht wohl mit der ge- 
schriebenen Thora, was soll aber aus der mündlichen Thora werden? 
Der König nahm den boshaften Rath Eleasars ben Po6ra an und 
liess sofort alle Weisen (Gelehrten) Israels umbringen, und so blieb 
die Welt öde, bis Simeon ben Schetach kam und die Thora wieder 
herstellte. 

66. (Fol. 66 b.) Wenn der Sohn einer Geschiedenen oder eine 
Chaluza den Altardienst verrichtet (ein Opfer bringt), woher lässt sich 
beweisen, dass dasselbe tauglich ist? Nach R. Jehuda hat Samuel ge- 
sagt: Es heisst Num. 25, 13: „Und es sei ihm und seinem Samen 
nach ihm," was sagen will: Mag der Same tauglich oder untaug- 
lich (d. i. von einem tauglichen oder untauglichen Weibe) sein. Der 
Vater Samuels bringt den Beweis von hier Deut. 33, 11: „Segne, 



*) Der Ktiuig war nämlic'i zugleich Hoherpriester. Der König solUe das 
Stiioblech anlegen, auf dem der Gottesuame eingegraben war. Die Pharisäer 
werden dann aus Elirfurcht vor Gott aufstehen und ihre Gedanken über Jannai 
-offenbaren (Raschi). 

*) Es scheint hier etwas zu fehlen, was man aus Josephus erganzen rauss. 
Der König fragte die Phaiisiier, womit Jehuda b. G. bestraft werden solle. 
Jene verhängten über ihn die Geisseistrafe. Darauf Elieser: Ein solches Urtheil 
Ware wohl beim gemeinsten Israeliten, aber nicht beim König und Hohenpriester 
am Platze. 



lU. Ti-aclat Kiddußchin. 115 

Ewiger, sein Vermögen (nb'^n), und das Werl^ seiner Hände nimm 
gnädig auf/' was sagen will: Selbst die Profanen {yb^n) darin wirst 
da gnädig aufnehmen. R. Jannai bringt den Beweis von hier Deat 
26, 3: „Und da sollst zn dem Priester kommen, der in denselben 
Tagen sein wird." Kommt dir denn bei, dass ein Mensch za einem 
Priester gehen kann, welcher nicht in seinen Tagen ist? Allein es 
ist 80 gemeint: Wer tauglich war and unbrauchbar (unheilig) ge- 
worden ist. Woher lässt sich beweisen, dass der Altardienst eines 
Fehlerhaften unbrauchbar ist? Nach Bab Jehuda hat Samuel ge- 
sagt: Es heisst Num. 25, 12: „Darum sprich: Siehe, ich gebe ihm 
meinen Bund des Friedens." Das will sagen: Wenn er ganz (fehler- 
frei) ist, aber nicht, wenn er fehlerhaft ist. Es heisst doch aber 
picht ühT ^•!'^'^a, meinen Bund ganz (fehlerfrei), sondern es heisst: 
„ülbir '^r'^'ia, meinen Bund des Friedens?" R. Nachman hat gesagt; 
Das 1 in dem Worte Qib^ ist abgehackt (so dass es wie ein ^ ge- 
lesen werden kann, nämlich ü^bjri "^r-^^a, meinen Bund ganz). 

57. (Fol. 69a.) Wozu lehrt die Mischna: Sie sind von Babylon 
heraufgezogen, sie sollte doch lehren: Sie sind nach dem Lande Israel 
gegangen? Sie will uns nebenbei lehren, wie eine Sache gelehrt wor- 
den ist: Es heisst Deut 17, 8: „Mache dich auf und gehe hinauf 
nach dem Orte, den der Ewige, dein Gott, erwählen wird." 
Daraus geht hervor, dass das Heiligthum auf dem höchsten Punkte 
vom ganzen Lande Israel lag und das Land Israel wieder das 
höchste unter allen Ländern war. Das Heiligthum war gewiss 
der höchste Punkt vom ganzen Lande Israel, denn es heisst doch 
das.: „Von den Streitsachen in deinen Thoren, so mache dich auf 
und gehe hinauf," allein woher lässt sich beweisen, dass das Land 
Israel das höchste von allen Ländern war? Weil es heisst Jerem. 
23, 7. 8: „Darum siehe, Tage werden kommen, ist der Spruch 
des Ewigen, dass man nicht mehr sagen wird: So wahr der Ewige 
lebt, der die Kinder Israels heraufgeführt aus dem Lande Aegypten, 
sondern: So wahr der Ewige lebt, der heraufgeführt und herbeige- 
bracht hat den Samen des Hauses Israels aus dem Lande des Nordens 
und aus all den Ländern, wohin ich sie Verstössen habe." 

58. (Fol. 69 b u. 70a.) R. Eleasar hat gesagt: Esra zog nicht 
eher von Babylon herauf, als bis er es zu reinem Semmelmehl gemacht 
hatte, dann zog er hinauf. Es steht geschrieben Nechem. 7, 61: 
^Und diese sind es, welche hinaufzogen von Tel Melach, Tel Char- 
seha, Cherub, Addon und Immer, aber sie konnten ihr Vaterhaus und 

8» 



1X6 ^I'- Tractat Kidduscliin. 

ihre Abkunft nicht angeben, ob sie von Israel seien/' Warum hiess der 
Ort „nb» bn ?" Weil es Leute (Menschenkinder) waren, deren Werke 
denen Sodoms glichen, das zu einem Salzhaufen (nb73 bnb) verwan- 
delt wurde. Warum hiess der Ort „««j^n bn?" Weil den, wel- 
eher seinen Vater rief, seine Mutter schweigen hiess. „Und sie 
konnten ihr Vaterhaus und ihre Abkunft nicht angeben, ob sie von 
Israel seien." Das ist ein Findling (•'Dio«), der von der Strasse 
aufgelesen worden ist (c]DK3U^), der weder seinen Vater noch seine 
Mutter kennt. „"i^Ni l^i« m^3." R. Abahu hat gesagt: Der Herr 
sprach: Ich meinte, die Israeliten sollten von mir geachtet sein wie 
ein Cherub (ni^:^^), aber sie haben sich gemacht wie ein Leopard 
("1733:5). Andere dagegen sagen: R. Abahu hat also gesagt: Der 
Herr sprach: Obgleich sie sich wie ein Leopard gemacht haben, so 
sind sie doch von mir wie ein Cherub geachtet. 

59. (Das.) Rabba bar bar Chana hat gesagt: Wer eine Frau 
nimmt, die ihm nicht angemessen ist, wird von der Schrift so an- 
gesehen, als hätte er die ganze Welt gepflügt und mit Salz besät, 
denn es heisst Esra 2, 59: „Und diese sind es, welche hinaufzogen 
aus Tel Melach, Tel Charscha." Rabba bar bar Ada hat im Namen 
Rabs gesagt: Wer eine Frau des Geldes halber nimmt, der hat on- 
gerathene £inder, wie es heisst Hos. 5,7: „Dem Ewigen waren sie 
untreu, denn fremde (unächte) Kinder haben sie geboren.'' Solltest 
du vielleicht sagen: Das Geld wird (bei ihm) bleiben, so heisst es 
das.: „Nun soll sie ein Monat verzehren sammt ihren Theilen.*^ 
Solltest du vielleicht sagen: Sein Theil (wird aufgezehrt werden)^ 
aber nicht ihr Theil, so heisst es: „Dtr^pbn, ihre Theile." Solltest 
du vielleicht sagen: In langer Zeit, so heisst es: „Ein Monat" 
Wie ist dies zu verstehen? Also wie Rah Nachman bar Jizchak 
gesagt hat: Ein Monat geht hinein und ein Monat geht heraus und 
ihr Geld ist verloren. 

Rabba bar bar Ada, oder wie manche sagen, R. Sala hat im 
Namen des R. Hamnuna gesagt: Wer eine Frau nimmt, die ihm 
nicht angemessen ist, den bindet Elia an einen Pfahl, und der 
Heilige, gebenedeiet sei er! geisselt ihn. Wir haben die Ueber* 
lieferung: Elia schreibt über alle, (gleichviel ob Priester, Leviten 
oder Israeliten) und der Heilige, gebenedeiet sei er! besiegelt (be- 
stätigt) es. (Was schreibt er?) Wehe dem, der seinen Samen 
(seine Nachkommenschaft) bemakelt und seine Familie schändet, 
eine Frau zu nehmen, die ihm nicht angemessen ist! Elia bindet 



in. Tractat Kidduschin. 117 

ihn an einen Pfahl, und der Heilige, gebenedeiet sei er! geisselt 
Ihn. Wer andere schändet, ist selbst ontanglich, nnd er spricht nie 
zum Lobe Anderer (d. i. wer andern Makel nachsagt, ist selber be- 
inakelt and spricht (darum) nicht zum Lobe Anderer). Samuel setzt 
hinzu: Er (dichtet Andern) den eigenen Makel an. 

60« (Das.) Es kam einmal ein Mann Yon Nehardea in das 
Schlachthaus von Pumbeditha und sprach zu ihnen (den Metzgern): 
Gebt mir Fleisch! Da sprachen sie zu ihm: Warte, bis der Diener 
^es Rab Jehuda bar Ezechiel (b^pTH^ nn) zuvor bekommen (ge*- 
nommen) hat, darnach wollen wir dir auch geben. Darauf sprach 
dieser: Wer ist Rab Jehuda bar Scheviskel (VNj^O'^'nö ^^)>^) cl^ss «r 
mir voransteht und vor mir bekommt? Sie gingen und meldeten es 
dem Rab Jehuda, welcher zornig wurde und ihn in den Bann that 
Sie sprachen darauf zu ihm: Der Mann pflegt alle Menschen Knechte 
zu nennen. Da Hess er öffentlich bekannt machen, dass er ein 
Enecht sei. Da ging der Mann hin und lud ihn (Rab Jehuda) zu 
-einem Rechtsstreite vor Rab Nachman ein. Er brachte eine Schrift 
hervor, welche die Vorladung enthielt Da ging Rab Jehuda zu Rab 
Huna und fragte, ob er gehen solle oder nicht. Da sprach Rab 
fiuua zu ihm: Du brauchst zwar nicht zu gehen, weil du ein grosser 
3iann bist, allein weil Rab Nachman der Eidam vom Nasi ist, so 
erhebe dich und geh zu ihm. Als Rab Jehuda vor Rab Nachman 
erschien, da fand er ihn, dass er gerade ein Geländer (um sein Dach) 
machte. Da sprach Rab Jehuda zu ihm: Meint denn der Herr 
nicht, was Rab Huna bar Idi im Namen Samuels gesagt hat: Wenn 
ein Mensch zum Verweser über eine Gesammtheit eingesetzt worden 
ist, so darf er keine Arbeit vor drei Menschen verrichten? Da 
sprach Rab Nachmann zu ihm: Ich habe nur ein Stück Geländer 
gemacht. Rab Jehuda versetzte: (Du sagst:) M'^'iiS'):;, ist es denn 
schöner zu sagen: tip.^72, wie es im Gesetze heisst, oder n^^nt), 
Umgebung, wie die Rabbinen sagen? Darauf sprach Rab Nach- 
man zu Rab Jehuda: Setze sich doch der Herr auf den Sessel 
•(Mt;''&^p)! Darauf R. Jehuda: Warum sagst du nicht: M:aC3^fit, wie 
die Rabbinen sagen, oder: bo&D, wie die Menschen sagen? Darauf 

Rab Nachman: Möchte der Herr doch eine Orange (Naai^rjN, -pi^) 
essen! Rab Jehuda sprach: So hat Samuel gesagt: Wer K:i3i'inK, 

*) Er veränderte den Namen ^HptM' in ^HpD'W, welches angeblich Braten-- 
iresser bedeutet. 



118 in. Tractat Kidduscliin. 

Orange, sagt, besitzt ein Drittel (einen grossen Theil) Hochmntb, 
denn man sage entweder äi'inK, wie die Rabbinen es nennen, oder 
«än^n«, wie die Leute (in der vulgären (aram.) Sprache) sagen. 
Darauf sprach Rab Nachman zu Rab Jehuda: Möge doch der 
Herr einen Ambiga (k^^3k) Wein trinken 1 Rab Jehuda sprach: 
Warum sagst du nicht: o^^i^tO'^N (Spargeltrank), wie die Rab- 
binen es nennen, oder pD3K, wie die Leute sagen? Darauf sprach 
Rab Nachman: Es soll meine Tochter Dinag (^y^i) kommen und 
uns zu trinken geben. Rab Jehuda sprach zu Rab Nachman: 
So hat Samuel gesagt: Ein Weib darf nicht Männer bedienen, mag 
es ein grosses oder ein kleines sein. Darauf sprach Rab Nachman 
zu Rab Jehuda: Warum bietest du meinem Weibe Knb*^ nicht 
einen Gruss? Rab Jehuda sprach: So hat Samuel gesagt: Die 
Stimme eines Weibes ist verboten. Darauf sprach Rab Nachman: 
Vielleicht darf es durch einen Boten geschehen? Rab Jehuda 
sprach: So hat Samuel gesagt: Man darf ein Weib nicht grflssen 
(selbst nicht durch einen Boten). Darauf sprach Rab Nachman: (So 
grüsse sie) durch ihren Mann. Da sprach Rab Jehuda: Also hat 
Samuel gesagt: Man darf Oberhaupt ein Weib nicht grttssen. Da 
schickte sein Weib zu ihm: Fertige ihn (Rab Jehuda) ab, damit er 
dich nicht zu einem unwissenden Menschen mache. Darauf fragte 
Rab Nachman den Rab Jehuda: Was will der Herr hier? Rab Jehuda 
antwortete: Der Herr hat mir doch eine Vorladung geschickt Rab 
Nachman sprach hierauf: Mache doch, ich verstehe nicht zu reden^ 
wie der Herr redet, ^) ich sollte dem Herrn eine Vorladung gesandt 
haben? Da zog Rab Jehuda die Vorladungsschrift aus seinem Busen 
und zeigte sie ihm und sprach: Das ist der Mann und das die Schrift. 
Da sprach Rab Nachman zu Rab Jehuda: Weil der Herr schon 
hierher gekommen ist, so erzähle er mir die Sache. Man soll nicht 
sagen: Die Rabbinen schmeicheln einander. Warum hast du jenen 
Mann in den Bann gethan? Rab Jehuda antwortete: Weil der 
Mann den Boten der Rabbinen geärgert hat. Da sprach Rab Nachman 
zu Rab Jehuda: Der Herr hätte ihn geissein sollen; Rab geisselte 
doch den, welcher einen Boten der Rabbinen ärgerte. Da sprach 
Rab Jehuda zu ihm: Ich habe ihm besser gethan. Da sprach Rab 
Nachman: Warum hat der Herr über ihn öfifentlich bekannt ge- 
macht, dass er ein Knecht sei? Rab Jehuda antwortete: Weil er 



>) Sinn: Ich verstehe nicht einmal, was der Herr spricht. 



in. Tractat Kidduschin. HQ 

die Menschen Knechte zu nennen pflegt. Und in einer Boraitha ist 
gelehrt worden: Wer einen andern für unbrauchbar erklärt, ist selbst 
unbrauchbar und redet niemand zum Lobe» Samuel hat gesagt: Mit 
seinem eigenen Fehler erklärt er ihn für unbrauchbar. Bab Nachman 
sprach: Samuel hat nur gesagt: Man soll einen Verdacht haben/) aber 
dass man es von ihm öffentlich bekannt machen soll, hat er nicht 
gesagt. Als sie noch miteinander redeten, da kam jener Mann von 
Nehardea und sprach zu Bab Jehuda: Mich hast du einen Knecht ge- 
nannt und ich stamme vom königlichen Hause der Hasmonäer ab. Da 
sprach Bab Jebuda zu ihm: Also hat Samuel gesagt: Wer da sagt: 
Ich bin vom Hause der Hasmonäer, der ist ein Knecht. Da 
sprach Bab Nachman zu Bab Jehuda: Meint der Herr nicht 
so, wie Bab Huna im Namen Babs gesagt hat: Jeder Schüler der 
Weisen (Gelehrte), welcher eine Halacha lehrt und kommt, hat er 
sie gesagt vor der Thatsache,^) so nimmt man sie an (so schenkt 
man ihm Gehör), wenn nicht, so nimmt man sie nicht an. Da 
sprach Bab Jehuda: Bab Mathna hat so gesagt wie ich. Bab Mathna 
hatte schon 13 Jahr Nehardea nicht gesehen, an diesem Tage kam 
er dahin. Da sprach Bab Jehuda zu ihm: Ist der Herr eingedenk 
dessen, was Samuel gesagt hat, während er den einen Fuss am Ufer 
und den andern in der Fähre hatte. Da sprach Bab Mathna: Also 
hat Samuel gesagt: Wer da sagt: Ich bin vom Hause der Hasmo- 
näer, der ist ein Knecht, da von den eigentlichen Hasmonäern 
niemand als ein Mädchen übrig geblieben ist, welches auf das 
Dach stieg, ihre Stimme erhob und rief: Wer da sagt: ich bin 
vom Hause der Hasmonäer, der ist ein Knecht. Sie stürzte sich 
herab vom Dache und starb. Man rief darauf über ihn aus, 
dass er ein Knecht sei. An jenem Tape zerriss man in Nehardea 
viele Hochzeitsverschreibungen. Als Bab Jehuda von Bab Nachman 
fortging, gingen sie (die Nachkommen der Hasmonäer) hinter ihm 
heraus, um ihn zu steinigen. Da sprach er zu ihnen: Wenn ihr schwei- 
gen wollt, so schweigt, wenn nicht, so will ich entdecken, was Samuel 
gesagt hat: Zweierlei Nachkommenschaft giebt es hier in Nehardea, 
die eine heisst: Haus der Taube (n^i*^ ^^nn) und die andere heisst: 
Haus des Baben (Nna^^iy "»m) und deren Zeichen ist: Unrein, un- 



* ^) Sinu: Man soll die Vermuthnng (die BesorgDiss) hegen, er habe den 
betreffenden Fehler. 

*) Vor dem Vollzuge. 



120 I'^- Tractat Kidduschin. 

rein, rein, rein. Da warfen sie die Steine ans ihrer Hand fort in 
den Flnss Malka (K:sb73 ^n^^),^) wodurch eine Stocknng im Flusse 
entstand. [Rah Jehnda hat ausgerufen in Pumheditha: Ada und 
Jonathan sind Knechte, Jehuda har Papa ist ein Mamser. Bati bar 
Tobia nahm aus Hochmuth nicht den Freiheitsbrief an.]^ 

61« (Fol. 70 b.) Nach Rab Jehuda hat Samuel gesagt: 400 Knechte 
manche aber sagen: 4000 Knechte hatte Paschchur ben Immar und 
alle wurden mit der Priesterschaft vermischt, und jeder Priester» 
welcher frech ist, stammt doch von ihnen. Abaji hat gesagt: Alle 
sitzen noch in den Mauern von Nehardea. R. Eleasar ist aber an- 
derer Meinung, er hat gesagt: Wenn du einen Priester mit frecher 
Stirn siehst, so sollst du nichts Böses hinter ihm^) denken, denn es 
heisst Hos. 4, 9: „Dein Volk sind Streiter der Priester." Nach R. 
Abin bar Rab Ada hat Rab gesagt: Wer ein Weib heirathet, welche 
nicht für ihn passt, so wird der Heilige, gebenedeiet sei er! wenn 
er seine Schechina ruhen lässt, für alle Stämme Zeugniss ablegen 
für ihn aber wird er nicht Zeugniss ablegen, denn es heisst Ps. 122,4: 
„Dahin die Stämme hinaufzogen, die Stämme Jah's, ein Zeugniss für 
Israel.'' Wann zeugt er für Israel? Zur Zeit; wenn die Stämme 
Stämme Jah's sind. R. Chama bar Chanina hat gesagt: Wenn der 
Heilige, gebenedeiet sei er! seine Schechina ruhen lässt, so lässt er 
sie nur auf den edlen Familien^) in Israel ruhen, wie es heisst 
Jerem. 31, 1: „In derselben Zeit, ist der Spruch des Ewigen, werde 
ich zum Gotte sein für alle die Geschlechter des Hauses Israels." 
Für ganz Israel (bx^^"^ bsV) heisst es nicht, sondern: „für alle Ge- 
schlechter (nnnBu:?3 bsb), und sie werden mir zum Volke sein." 

62« (Fol. 70b u. 71a.) Rabba bar Rab Huna hat gesagt: Das 
ist der besondere Vorzug der Israeliten vor den Proseljten. Bei den 
Israeliten heisst es (ohne Bedingung) Ezech. 37, 23: „Und ich werde 
ihnen zu einem Gotte sein und sie werden mir zu einem Volk sein;" 
bei den Proseljten heisst es aber Jerem. 30, 21. 22: „Wer ist der, 
der sich erkühnt zu mir heranzutreten? spricht der Ewige; wenn ihr 
mir zu einem Volke sein werdet, so werde ich euch zu einem Gotte 
sein." R. Chelbo hat gesagt: Die Proselyten sind den Israeliten 
so schädlich, wie Ausschlag am Körper, denn es heisst Jes. 14, 1: 



>} Der sogenannte Königssü'om bei Neliardea. 
^) Die Stelle ist corrupt und fehlt im '£n Jacob. 
•) Nämlich: von seiner Abstammung. 
*) D. i. auf den Familien reiner Abstammung. 



Uf. Tractat Kidduschin. 121 

„Und es schliesst sich- der Proseljt (FremdliDg) ihnen an, and sie 
sind dem Hans Jacobs ein Ansschlag/' ^) Hier heisst es in&D2i 
und dort Lev. 14, 56 heisst es anch: „Und für Geschwulst und 
Aasschlag (nncDbn)/' B. Chama bar B. Chanina hat gesagt: Wenn 
der Heilige, gebenedeiet sei er! die Stämme reinigt, so reinigt er 
den Stamm Levi zuerst, wie es heisst Mal. 3, 3: „Und er wird 
sitzen schmelzend und reinigend das Silber, und wird reinigen die 
Kinder Levi^s und sie läutern wie Gold und Silber, dass sie dem 
£wigen darbringen Opfergaben in Gerechtigkeit.^ R. Josua ben hevi 
hat gesagt: Geld macht Bastarde rein,^) wie es heisst: „Und er 
wird sitzen schmelzend und reinigend das Silber." Was heisst das: 
„Sie bringen Opfergaben in Wohlthat (Gerechtigkeit) dar?'' B. Jiz-^ 
chak hat gesagt: Der Heilige, gebenedeiet sei er! ttbt eine Wohlthat 
mit Israel, dass das Geschlecht (die Familie), welches (die) vermischt 
worden ist,^) vermischt bleibt. 

63« (Fol. 71a.) Bab Jehuda hat im Namen Samuels gesagt: 
Alle Länder sind wie ein Teig gegen das Land Israel^) und das 
Land Israel wie ein Teig gegen Babylon zu betrachten. 

64. (Das.) Babba bar Ghana hat im Namen des B. Jochanan 
gesagt: Den vierbuchstabigen Gottesnamen (das Tetragramm) pflegen 
die Weisen ihren Schülern einmal in sieben Jahren zu überliefern 
(tradiren), manche aber sagen : zweimal in sieben Jahren. Bab Nach- 
man bar Jizchak hat gesagt: Mir gefällt, sowie der, welcher gesagt 
hat: Einmal in sieben Jahren, denn es steht geschrieben Ex. 3, 15: 
„Das ist mein Name für ewig (Dblyb)." Es steht: cbrV (was übyb, 
zu verbergen, gelesen werden kann) geschrieben. Babba wollte den 
vierbuchstabigen Gottesnamen in einem Vortrage deuten, da sprach 
ein Alter zu ihm: Es heisst: &b^b, um zu verbergen. B. Abina 
warf ein: Einmal heisst das.: „Das ist mein Name (-*72t3 rsT)" und 
ein andermal wieder heisst es: „Das ist mein Angedenken «^i^t nt" 
(wie ist dieser Widerspruch auszugleichen)? Der Heilige, gebene- 
deiet sei er! sprach: Nicht wie ich geschrieben, werde ich gelesen, 
geschrieben werde ich mit st» (mrr»), und gelesen werde ich in 



1) So. deutet der Talmud die Sle'.le. 

•) Vergl. das deutsche Sprichwort: Geld macht Mohren weiss. 

*) D. i. welches unter den Juden aufgegangen ist, obwohl ihre Abkunft 
nicht festgestellt ist. 

*) Die Juden anderer Länder sind nicht von so reiner Abkunft wie die im 
Lande Israel. 



122 *^^. Tractat Kidduscliin. 

('^^^»). Unsere Rabbinen haben gelehrt: Im Anfange pflegte man 
den zwölfbnchstabigen Gottesnamen allen Menschen zu überliefern, 
als aber die Aasgearteten sich mehrten, pflegte man ihn nur den 
Frommen in der Priesterschaft zu flberliefem, nnd die Frommen in 
der Priesterschaft verschlingen ihn beim Gesänge ihrer Brttder,^) der 
Priester. In einer Boraitha ist gelehrt worden: R. Tarphon hat 
gesagt: Ich stieg einmal hinter dem Brnder meiner Mntter auf 
den Dachen and neigte mein Ohr hin zam Hohenpriester and 
hörte, dass er den Gottesnamen beim Gesänge seiner Brflder, der 
Priester, verschlang. Rah Jehada hat im Namen Rabs gesagt: Der 
42bachstabige Gottesname wird nar dem fiberliefert, welcher fromm 
and demfithig ist, in der Hälfte seiner Tage steht, nicht in Zorn 
geräth, sich nicht beraascht, sich nicht aaf seine Eigenschaften 
stellt (nicht rachsttchtig ist); and wer den 42bachstabigen Gottes- 
namen kennt and vorsichtig mit ihm amgeht and sich in Acht 
nimmt, ihn nar in Reinheit aaszasprechen, der ist beliebt oben 
(bei Gott) and angenehm anten (bei den Menschen) and seine Farcht 
raht auf allen Geschöpfen and er ist Erbe von zwei Welten, von 
dieser Welt and jener Welt 

65« (Fol. 71b.) Sera verbarg sich vor R. Jochanan, denn derselbe 
hatte za ihm gesagt: Heirathe meine Tochter! Eines Tages gingen 
sie aaf dem Wege, da gelangten sie za einem Wasserstrome. Sera 
setzte den R. Jochanan aaf seine Schaltern and trag ihn hinüber« 
Da sprach R. Jochanan za Sera: Meine Gesetzlehre ist dir taaglich, 
meine Tochter aber ist dir nicht taaglich. Was ist deine Ansicht? 
Sollen wir sagen, weil wir gelehrt haben: Zehn Geschlechter zogen 
von Babylon heranf (in das Land Israel), sind denn alle Priester and 
Leviten nnd Israeliten heraafgezogen? Also wie dort von Jenen 
(den Edlen) ^) übrig geblieben sind, so sind aach von diesen (den Un- 
edlen)') übrig geblieben. R. Jochanan war entgangen, was R. Eleasar 
gesagt hat: Esra zog nicht eher aas Babylon heraas, als bis er es 
za feinem Semmelmehl gemacht hatte, dann zog er heraaf. Ula kam 
einmal in Pambeditha in das Haas des Rah Jehada, da sah er 
den Rab Jizchak, seinen Sohn, dass er schon gross war and noch 
nicht geheirathet hatte. Da sprach er za Rab Jehada: Waram hat 



*) D. i. sie lassen ihn aufgellen im Gesänge. 

*) Reinen. 

^) Makelbehafteten. 



III. Tractat Kidduschm. 123 

der Herr für seinen Sohn noch kein Weib genommen? Rab Je- 
huda antwortete ihm: Weiss ich denn, von wo ich für ihn ein 
Weib nehmen soll? Wissen wir denn, versetzte Ula, von wo wir 
gekommen sind, vielleicht sind wir von diesen, von denen es heisst 
Thren. 5, 11: „Weiber in Zion bezwangen sie, Jnngfranen in den 
St&dten Jehnda's?" Wirst da sagen, dass, wenn ein Goi oder ein 
Knecht eine Tochter eines Israeliten beschläft, das Kind tauglich ist. 
Oder sind wir vielleicht von jenen, von denen es heisst Am. 6, 4: „Die 
auf Betten von Elfenbein liegen und stinken auf ihren Lagern ?" R. 
Josse bar Chanina hat gesagt: Damit sind diejenigen gemeint, welche 
nackt vor ihren Betten ihr Wasser abschlagen. Da lachte R. Abahu 
darüber und sprach: Das ist es, was geschrieben steht das. V. 7: 
„Darum sollen sie nun in die Verbannung gehen an der Spitze der 
Verbannten." Weil sie also ihr Wasser vor ihren Betten nackt 
abschlagen, so sollen sie in die Verbannung gehen an der Spitze 
der Verbannten? Allein R. Abahu hat gesagt: Es sind diejenigen 
Menschenkinder gemeint, welche mit einander essen und trinken 
und ihre Betten stehen dicht bei einander und sie vertauschen ihre 
Weiber, einer mit dem andern, und ihre Lager stinken in Folge 
des Samenergusses, der ihnen nicht angehört. Da sprach Rab Je- 
huda zu ihm: Wie sollen wir uns verhalten? Er antwortete ihm: 
Gehe hinter dem Schweigen,^) sowie man im Abendlande (im Lande 
Israel) untersucht, wenn nämlich zwei miteinander zanken, so sieht 
man darauf, wer von beiden zuerst schweigt, von dem sagt man, dass 
er von edler Abstammung sei. Rab hat gesagt: Das Schweigen (der 
Juden) von Babylon ist ein Zeichen für ihre edle Abstammung. Es 
ist doch nicht so? Rab kam einmal zu Bar Schephi Challa und 
forschte nach ihnen, meinst du nicht (er forschte), ob sie von edler 
Herkunft wären. Nein, er wollte nur wissen,^) ob sie schweigsam, 
oder ob sie nicht schweigsam wären. Nach Rab Jehuda hat Rab 
gesagt: Wenn du siehst, dass zwei Leute (Menschenkinder) mitein- 
ander streiten, so ist der eine von ihnen gewiss unbrauchbar (be- 
makelt), und Gott lässt sie nicht sich anschliessen einer an seinen 
Genossen (er lässt sie nicht sich aneinander schliessen). R. Josua 
ben Levi hat gesagt: Wenn du siehst, dass zwei Familien mitein- 
ander streiten, so ist sicher eine unbrauchbar (bemakelt) von ihnen, 



*) D. i. richte dich nach dem Schweigen. 
•) D. i. er untersuchte nur u, s. w. 



124 11^* Tractat Kiddusclun. 

nnd Gott lässt nicht aoschliessen eine an ihre Genossin (d. i. er 
lässt sie sich nicht aneinander schliessen). 

66. (Fol. 72 a.) Es heisst Dan. 7, 5: „Und drei Hauer in seinem 
Rachen zwischen seinen Zähnen/' R. Jochanan hat gesagt: Damit 
sind Cholwan (piVr), Adiabene (n'^'^in) und Nisibis gemeint, welche es 
(Babylon) bald verschlungen und bald wieder ausgespieen hat Das. 
7, 5: ,»Und siehe, ein anderes Thier, das zweite, gleich einem Bären.** 
Rab Joseph hat gelehrt: Das sind die Perser, welche essen und 
trinken wie ein Bär, mit Fett bedeckt sind wie ein Bär, ihre Haare 
wachsen wie ein Bär und sie haben keine Ruhe wie ein Bär. Als R. 
Ammi einen Perser reiten sah, sprach er: Das ist der Bär, welcher 
sich schüttelt. Rabbi sprach zu Levi: Zeige mir Perser. Er sprach 
zu ihm: Sie gleichen den Heeren des Hauses Davids. Zeige mir 
Chaberiten? Er sprach zu ihm: Sie gleichen den Würgengeln. Zeige 
mir Ismaeliten. Er sprach zu ihm: Sie gleichen den Dämonen des 
Aborts. Zeige mir Schüler der Weisen (Gelehrte) von Babylon. Er 
sprach zu ihm: Sie gleichen den Dienstengeln. 

67« (Fol. 72 ab.) Ehe Rabbi verschied, sprach er: Es giebt 
eine Stadt Himania in Babylon, wo alle Bewohner Ammoniter 
sind; es giebt eine Stadt Masgarja in Babylon, wo alle Bewohner 
Bastarde sind, es giebt eine Stadt Birka in Babylon, wo zwei Brü- 
der wohnen, welche ihre Weiber miteinander tauschen; es giebt einen 
Ort Birtha de Satja in Babylon, dessen Bewohner heute (von Gott) 
abtrünnig geworden sind. Ein Teich hatte dort Fische hinge- 
schwemmt. Man ging und fing sie am Sabbath, da that sie R. Achi 
bar R. Josia in den Bann, worauf sie abtrünnig wurden.^) Es ist in 
Babel ein Ort Akra de Agma, wo Ada bar Ahaba ist; heute sitzt 
er in Abrahams Schoss. Heute ist Rab Jehuda in Babylon ge- 
boren worden, denn anderwärts wird gesagt: Als R. Akiba starb, 
wurde Rabbi geboren, als dieser starb, wurde Rab Jehuda ge- 
boren, als dieser starb, wurde Raba geboren, als Raba starb, 
wurde Rab Aschi geboren, um dir zu lehren, dass kein Gerechter 
von der Welt scheidet, ohne dass nicht schon einer seinesgleichen 
erschaffen worden ist, wie es heisst Koh. 1, 5: „Und die Sonne 



^) TOntS^M, abtrünnig: werden. Diese Bedeutung ergiebt sich klar aus Tar- 
gum Onkelos zu Exod. 12, 43, wo die Mecliilta T33nn „sich (Go(t) entfremden*' 
dafür hat. Mit Recht bemerkt Naclimanides zu dieser Stelle im Exodus, dass 
nane^M gleich ^iione^M ist. Es wird auch vom Uebertiitt zum Heidentham ge- 
braucht vergl. Succa, Ende, B. I, S. 406 dieses Werkes. 



in. Tractat Kidduschin. 125 

geht auf und die Sonne geht unter" d. i. als noch nicht Eli's Sonne 
erloschen war, erglänzte schon die Sonne Samuels von Rama, wie es 
heisst 1 Sam. 3, 3: ,,Und die Leuchte Gottes war noch nicht ver- 
loschen, da lag schon Samuel im Tempel des Ewigen." 

68. (Das.) Es heisst Echa 1, 17: „Entboten bat der Ewige " 
ringsum seine Widersacher." Rab Jehuda sagte: Wie z. B. Humania 
in Fom Nahara. Es heisst Ezech. 11, 13: „Und es geschah, als 
ich weissagte y da starb Pelatjahu, Sohn Benaja's, da fiel ich auf 
mein Angesicht und schrie mit lauter Stimme und sprach: Ach, 
Ewiger, Gott!" Rab und Samuel sind darüber verschiedener Mei- 
nung. Nach dem einen geschah es zum Guten, nach dem andern 
geschah es zum Bösen. Wer da gesagt hat, dasi es zum Guten 
geschah, da ist es so, wie der Depeschenüberbringer von Meschan, 
der Eidam des Nebucadnezar, der zu diesem sandte (und ihm sagen 
Hess): Du hast von allen den Gefangenen, welche du gebracht hast, 
uns keinen geschickt, der vor uns stehe. Da wollte er zu ihm 
einen von den Israeliten schicken. Pelatjahu, Sohn Benaja's, sprach 
zu ihm: Wir sind geachtet, wir wollen hier vor dir stehen und 
unsere Knechte sollen dorthin (zu deinem Eidam) gehen. Da sprach 
der Prophet: Soll derjenige, welcher den Israeliten eine Wohlthat 
erwiesen, in der Hälfte seiner Tage sterben? Wer aber gesagt 
hat, dass es zum Bösen geschehen sei, da ist es so, wie geschrieben 
steht das. 11, 1: „Und es führte mich ein Geist und brachte mich 
in das ostliche Thor vom Hause des Ewigen, das nach Morgen ge- 
wandt ist, und siehe, an dem Eingange des Thores waren fünfund- 
zwanzig Männer, und ich sah unter ihnen Jaasanja, Sohn Asur und 
Pelatjahu, Sohn Benaja's, die Fürsten des Volkes," und ferner heisst 
es das. 8, 16: „Und er brachte mich in den innem Hof am Hause 
des Ewigen, und siehe, am Eingange zum Tempel des Ewigen, zwi- 
schen der Halle und dem Altar, standen bei fünfundzwanzig Männer, 
ihr Rücken gegen den Tempel des Ewigen und ihre Gesichter gegen 
Morgen." Wenn es heisst: „Und ihre Gesichter gegen Morgen", 
weiss ich da nicht schon, dass ihre Rücken gegen Abend gewandt 
waren, was will es daher heissen: Ihre Rücken gegen den Tempel 
des Ewigen?" Das lehrt, dass sie sich entblösst hatten und einen 
Wind gegen den Allerhöchsten Hessen. So hat nun (d. i. darauf 
bezüglich hat nun) der Prophet gesagt: Wer dieses Böse in Israel 
getban hat, soll (friedlich) auf seinem Lager sterben?! 

69. (Das.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Bastarde und 



22g U^* Tractat KidduschiiL 

Nethinim \verden in der Zuknnft rein werden. Das ist die Ansiebt 
des B. Josse. R. Melr dagegen sagt: Sie werden nicht rein werden. 
Da sprach zu ihm R. Josse: Heisst es nicht bereits Ezech. 36, 25: 
„Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen und ihr werdet 
rein sein?" Da antwortete ihm R. Melr: Es heisst doch: „Von (einem 
Theile)^} aller eurer Unreinheit und air euren Scheusalen/' aber es 
heisst nicht: Von den Bastarden. Darauf sprach R. Josse zu ihm: 
Da es heisst: „Ich werde euch reinigen", so ist damit gemeint (eig. 
so sage): Auch die Bastarde. Richtig ist es nach R. MeKr, denn 
es heisst Sach. 9, 6: „Und der Bastard (it?3)3) wohut in Aschdod.*' 
Allein nach R. Josse, wie sind da die Worte: „Und es wohnt der 
Bastard in Aschdad", zu verstehen? So wie Rab Joseph übersetzt 
hat: Das Haus Israel wird ruhig in ihrem Lande wohnen, wo sie 
(ehedem) den Fremden glichen. Nach Rab Jehuda hat Samuel ge- 
sagt: Die Halacha (Regel) ist wie R. Josse. Rab Joseph aber hat 
gesagt: Wenn nicht nach Rab Jehuda Samuel gesagt hätte: Die 
Halacha ist wie R. Josse, so würde Elia kommen und von uns 
Haufen über Haufen (von Illegitimen) herausheben. 

70. (Fol. 75 a.) Rab Jehuda hat gesagt: Die Halacha (der 
Brauch bei einem in Frage stehenden Gesetze) ist so (zu befolgen) 
wie R. Eleaser's Meinung ist. Als ich das vor Samuel sagte, so 
sprach er: Hillel hat gelehrt: Zehn Geschlechter zogen von Babylon 
(nach Palästina mit Esra) hinauf und allen ist gestattet, sich mit- 
einander zu verbinden und du sagst, die Halacha ist wie R. Elieser! 

71. (Fol. 76 a.) Mischna. Wenn (ein Priester) eine Priestertochter 
heirathen will, muss er zurück nach zweimal vier Mütter d. i. 
nach acht Müttern Umfrage halten, nämlich: Nach ihrer Mutter und 
nach deren Mutter, nach der Mutter ihres mütterlichen Grossvaters 
und nach deren Mutter, nach der Mutter ihres Vaters und nach 
deren Mutter, nach der Mutter ihres väterlichen Gross vaters und 
nach deren Mutter. Will er die Tochter eines Leviten oder Israe<^ 
Uten heirathen, so kommt noch ein Grad hinzu. 

Vom Altar und weiter hinauf, vom Duchan und weiter hinauf 
und vom Sanhedrin und weiter hinauf braucht man keine Unter- 
suchung mehr anzustellen; ebenso können alle, deren Voreltern 
als ö£fentliche Beamte oder als Almosenpfleger bekannt sind, ohne 
weitere Untersuchung zu einer Verbindung mit Priestern zugelassen 



*) Dies liegt in p nach seiner Sclirifterklurung. 



ill. Tractat Kidduschin. 127 

werden. R. Josse sagt: Auch wer im alten Gerichtshof von Sepphoris 
als Zeuge unterzeichnet war. Nach B. Ghanina ben Antigenes gilt 
das auch von dem, der in das königliche Heer eingeschrieben war. 

72. (Fol. 76 b.) Es heisst in der Mischna: Auch in Bezug auf die 
ßanhedristen und weiter hinauf braucht man keine Untersuchung 
anzustellen. Warum? Bab Joseph hat gelehrt: Sowie ein Gerichts- 
hof in der Bechtspfiege (im Becht) rein ist, so ist er auch frei von 
jedem anderen Makel. ^) Es sagt Maremar: Wo ist dies in der 
Schrift angedeutet? Es heisst Cant. 4, 1: „Ganz schön bist du, 
meine Freundin, kein Fehler ist an dir.'' Vielleicht spricht der 
Yers von einem wirklichen körperlichen Fehler? Bab Acha bar 
Jacob hat gesagt: Gott sprach zu Mose Kum. 11, 16: „Und sie 
sollen dort bei dir stehen." Es heisst: „^?35^, bei dir," weil sie 
dir gleichen müssen. Vielleicht wegen der Schechina? Bab Nach- 
man hat gesagt: Es heisst Ex. 18, 22: „Und sie sollen mit dir 
tragen," („mit dir**), sie sollen dir gleichen. 

73« (Das.) Mischna. B. Ghanina ben Antigonos sagt: Auch 
derjenige, welcher im königlichen Heer eingeschrieben ist u. s. w. 
Nach Bab Jehuda hat Samuel gesagt: (Gemeint ist) in den Heeren 
des Hauses Davids. Bab Joseph hat gesagt: Welcher Vers lehrt 
das? Es heisst 1. Ghron. 7, 40: „Und ihre Verzeichneten im Heere 
für den Krieg." Was ist der Grund? Nach Bab Jehuda hat Bab 
gesagt: Damit ihr Verdienst und das Verdienst ihrer Väter ihnen 
beistehe (ihnen im Kriege eine Stütze sei). Es heisst doch aber 
2. Sam. 23, 37: „Zelek, der Ammoniter,** derselbe stammte doch 
von Ammon ab? Antw.: Er wohnte nur in Ammon. Es heisst doch 
aber das. V. 39: „Uria, der Chitthiter,** derselbe stammte doch von 
Cheth ab? Antw.: Er wohnte nur in Cheth. Es heisst doch aber: 
„Itthai, der Gathiter,** wirst du ragen, dass er auch nur in Gath 
wohnte? Bab Nachman hat doch gesagt: Er kam und zerschlug 
^en Abgott (d. i. den David erbeutet halte), ^) und ferner hat nach 
Bab Jehuda Bab gesagt: David hatte 400 junge Leute, alle waren 
Kinder von schönen Gefangenen (Heidinnen), alle hatten das Haar 
geschoren und trugen Haarflechten,^) alle sassen in goldenen Wagen 



') Wer von UD^ereclitigkeiten frei ist, der ist auch frei von jedem andern 
Makel. 

•) Also musste er ein Heide gewesen sein, weil das (jold eines Götzen nui* 
dann erlaubt ist, wenn ein Heide ihn zerstört. 

•) Nach heidnischer Art. 



128 !"• Tractat Kidduschin. 

und gingen an der Spitze der Truppen, nnd sie waren Fanstkämpfer 
(Männer der Faust) des Hauses Davids? Antw.: Diese gingen nur, 
um die Feinde zu erschrecken (gehörten aber nicht zum Heere). 

74« (Fol. 80b u. 81a.) Mischna, Wer da sagt: Mein Sohn 
ist ein Bastard, der ist nicht beglaubigt; selbst wenn beide (Vater 
und Mutter) betreffs des Embryo im Mutterleibe bekennen, dass er 
ein Bastard sei, so sind sie nicht beglaubigt Ein Mann (Mensch) 
soll nicht mit zwei Frauen (in einem Zimmer) allein sein, wohl 
aber kann eine Frau mit zwei Männern allein sein. R. Simeon 
sagt: Auch ein Mann kann mit zwei Frauen allein sein, wenn seine 
Frau bei ihm ist, und er kann mit ihnen auch in einer Herberge 
schlafen, weil seine Frau ihn bewacht Es darf ein Mensch auck 
mit seiner Mutter und mit seiner Tochter allein sein. 

Gemara. Was ist der Grund (davon, dass er nicht mit zwei 
Frauen allein sein darf)? Die Schule des Elia hat gelehrt: Weil 
die Frauen leichtsinnig sind. Woher weisst du diese Dinge (die ia 
der Mischna gelehrt sind)? R. Jochanan hat im Namen des R. 
Ismael gesagt: Wo findet sich eine Andeutung in Bezug auf das 
Alleinsein in der Thora? Es heisst Deut 13, 7: „Wenn dich dein 
Bruder, der Sohn deiner Mutter verführt" Verführt denn nur der 
Sohn der Mutter und nicht auch der Sohn des Vaters? Es will 
dir sagen: Der Sohn kann mit seiner Mutter allein sein, es ist 
aber verboten, mit allen andern in der Thora genannten blutsver- 
wandten Frauen allein zu sein.^) 

75« (Fol. 81a). Rab und Rab Jehuda befanden sich einmal 
unterwegs und es ging ein Weib vor ihnen her. Da sprach Rab 
zu Rab Jehuda: Erhebe deinen Fuss vor der Hölle (d. i. wir wollen 
machen, dass wir fortkommen). Dieser antwortete ihm: Du hast 
doch gesagt, dass Fromme mit einem Weibe allein sein dürfen. Rab 
versetzte: Sind denn unter den Frommen solche gemeint, wie ich und 
du? Es sind vielmehr solche gemeint, wie R. Chanina bar Papi und 
seine Genossen. 

76. (Das.) Einst wurden einige weibliche Gefangene nach 
Nehardea in das Haus des frommen ^Aroram gebracht Er befahl^ 



^) Da das Verhältniss eines Mensclien zu seiner Mutter ein ganz beson- 
deres ist, so darf er auch mit ihr allein sein, daher heisst es: „Der Sohn deiner 
Mutter /< Sifre z. d. St. giebt diese Deutung: „dein Bruder (oder) der Sohn deiner 
Muttei*** d. i. dein Bruder von des Vaters oder dein Bnider von der Mutter Seite 



Iir. Tractat Kidduschin. 129 

dass man die Treppe, welche za ihnen ftthrte^') wegnehme. Eines 
Tages ging eine von ihnen (den Gefangenen) an der Luke vorüber. Da 
fiel das Licht dnrch eine Oeffnung (so dass Rab ^Amram sie sehen 
konnte). Da nahm Rab ^Amram die Treppe, welche zehn Männer nicht 
tragen konnten, trug sie allein hin und stieg hinauf. Als er die Hälfte 
der Treppe erreicht hatte, rief er mit lauter Stimme: Bei ^Amram 
brennt es! Da kamen die Babbinen herbei (um zu löschen); sie 
sprachen zu ihm: Du hast uns Scham bereitet! Er aber entgegnete 
ihnen: Es ist besser, ihr schämt euch des 'Amrams in dieser Welt, 
als dass ihr euch seiner schämen müsstet in der zukünftigen Welt 

(Das.) B. Melr liess sich spöttisch über die Sfinder (Wollust« 
linge) aus.^) Eines Tages zeigte sich ihm der Satan jenseits eines 
Flusses in der Gestalt eines Weibes. Da aber dort keine Fähre 
(kein Uebergang) war, so nahm er einen Strick mit einer Latte, 
um darauf überzusetzen. Als er auf der Hälfte der Strecke mit- 
telst des Strickes angekommen war, verliess ihn die Leidenschaft 
Der Satan sprach: Wäre nicht über dich im Himmel ausgerufen 
worden: Gebt Acht auf R. Melr und seine Thora (seine Gelehrsam- 
keit), so hätte ich dein Blut zwei Pfennige werth gemacht^) 

Auch B. Akiba liess sich einmal spöttisch über die Sünder 
(Wollüstlinge) aus. Eines Tages fügte sich zu ihm der Satan in 
der Gestalt eines Frauenzimmers auf dem Gipfel einer Palme. B. 
Akiba wollte hinaufklettern. Als er aber bis zur Hälfte gekommen 
war, legte sich seine Leidenschaft Da sprach der Satan: Wäre 
nicht im Himmel über dich ausgerufen worden: Gebt Acht auf R. 
Akiba und seine Thora (seine Gelehrsamkeit), so hätte ich dein 
Blut zwei Pfennige werth gemacht 

77. (Fol. 81 ab.) Pelemo pflegte täglich zu sagen: Ein Pfeil 
sei in den Augen des Satans.^) Einmal, es war am Vorabende des 
grossen Yersöhnungstages , erschien er in der Gestalt eines armen 
Mannes und klopfte an die Thür und man langte ihm ein Stück 
Brot hinaus. Da sprach der Satan: An einem Tage, so wie heute 
(jetzt) sitzen alle Menschen im Hause und ich soll draussen sein? 
Da führte man ihn herein und reichte ihm noch ein Stück Brot 



^) Sie wohnten in dem Obergemacli des Hauses. 
*) Er hielt den Widerstand gegen die Sünde für etwas Leichtes. 
*) Sinn: Ich Iiätte nicht zwei Pfennige für dein Leben gegeben. 
^) D. i. ich veimag es mit dem Satan aufzunelimen. 
WftBteha , Der babylonische Talmud. 9 



130 ^'^' Tractat Kidduschin. 

Da sprach der Satan ferner: An einem Tage wie hente (jetzt) sitzen 
alle Menschen am Tische and ich soll allein stehen« Da hiess 
man ihn sich an den Tisch setzen. Da war er voll von Beulen 
und Blattern and trieh damit ekelhafte Dinge. Da sprach Pelemo 
zu ihm: Sitze , wie es sich geziemt Der Satan antwortete: Gieb 
mir einen Becher. Man reichte ihm einen Becher. Der Satan 
hastete and warf seinen Speichel hinein. Da fahr man ihn an, er 
aber stellte sich, als wenn er gestorben w&re. Daraaf bewirkte er, 
dass man (auf der Strasse) das Gerede hörte: Pelemo hat einen 
Mann getödtet. Da floh Pelemo und versteckte sich in einen Abort 
Der Satan ging hinter ihm her and stflrzte vor ihm nieder. Als 
er aber sah, dass Pelemo sich gr&mte, entdeckte er sich ihm. Der 
Satan sprach zu ihm: Waram hast du also gesagt? Pelemo sprach: 
Wie soll ich denn sagen? Der Satan sprach: Der Herr soll sagen: 
Der Allbarmherzige soll den Satan anfahren. 

78. (Fol. 81b.) R. Chija bar Aschi pflegte, so oft er aafs 
Angesicht zur Anbetung niederfiel, za sagen: Gott (eig. der Erbar- 
mangsvoUe) rette mich von dem bösen Triebe I Eines Tages hörte 
es sein Weib. Da sprach sie: Er ist doch schon so viele Jahre von 
mir getrennt, waram sagt er das?^) Eines Tages lernte er im 
Garten, da patzte sie sich and ging an ihm wiederholt vorüber. 
Wer bist da? fragte er sie. Ich bin eine Charntha (eine verrafene 
Dirne) and wohne seit heute hier. Er forderte sie auf (zum Beischlaf). 
Da sprach sie zu ihm: Bringe mir den Zweig, der auf der Spitze 
des Baumes sich befindet Da that R. Chija einen Sprung, ging 
und brachte ihr den Zweig. Als er nach Hause kam, sah er, dass 
sein Weib den Ofen geheizt hatte. Er stieg hinein und setzte sich 
in ihn.^ Da sprach sein Weib zu ihm: Was ist das? Er antwortete 
ihr: So und so ist mir geschehen. Da sprach sie zu ihm: Das bin 
ich doch gewesen. Da wollte R. Chija es ihr nicht glauben, bis sie 
ihm sein Zeichen gab. Da sprach er zu ihr: Ich wollte doch etwas 
Verbotenes thun. Solange jener Gerechte lebte, grämte er sich 
dartlber, bis er desselben Todes starb, denn es ist gelehrt worden: Es 
heisst Num. 30, 13: „Ihr Mann bat dieselben (die Gelübde) gelöst 
und der Ewige wird ihr vergeben." Wovon redet hier die Schrift? 
Von einem Weibe, welches gelobt hat, eine Nasiräerln zu sein und 



') Sinn: Der böse Trieb hat sich bei ilim doch schon gelegt. 
*) Um sich zu tödten. 



III. Tractat Kidduschin. ]3J 

ihr Mann hat es gehört und hat es gelöst, sie aber wusste es nicht, 
dass ihr Mann es gelöst hat und sie hat- Wein getranken und sich 
an Todten venmreinigt. 

79. (Das.) Wenn R. Akiba an diesen Vers kam, weinte er. Er 
sprach: Wenn schon von einem, der beabsichtigte, Schweinefleisch zu 
essen, es kam aber Schöpsenfleisch in seine Hand, die Thora sagt: 
Es ist eine Sühne und Vergebung noth wendig, um wie viel mehr 
gilt dies Ton einem, der beabsichtigte, Schweinefleisch zu essen und 
es ist wirklich Schweinefleisch in seine Hand gekommen! Des- 
gleichen sagt die Schrift Lev. 5, 17: „Und er hat nicht gewusst, 
dass er sich verschuldet, so wird er seine Sünde tragen.'* Wenn 
B. Akiba an diesen Vers kam, weinte er. Wenn schon von einem, 
welcher beabsichtigte, Schmalz zu essen, es kam aber Inselt in seine 
Hand, die Thora sagt: „Und er hat es nicht gewusst und hat sich 
verschuldet, so wird er tragen seine Sünde," um wie viel mehr gilt 
dies von einem, welcher beabsichtigte, Inselt zu essen und es ist 
wirklich Inselt in seine Hand gekommen! Issi ben Jehuda sagt: 
Es heisst: „Und er hat es nicht gewusst und hat sich verschuldet, 
80 wird er seine Sünde tragen," was sagen will: Darüber mögen 
alle Trauernden trauern. 

80. (Das.) Bab Acha bar Abba kam einmal zu seinem Schwie- 
gersohn Bab Chisda. Da nahm er seine Enkelin (eig. die Tochter 
seiner Tochter) und setzte sie auf seinen Schoss. Da sprach Bab 
Chisda zu ihm: Weiss denn der Herr nicht, dass sie verlobt ist? 
Da versetzte Bab Acha: Du hast das übertreten, was Bab gesagt 
hat, denn nach Bab Jehuda hat Bab, oder, wie manche meinen, 
B. Eleasar gesagt: Es ist einem Menschen verboten, seine Tochter 
zu verloben, wenn sie noch klein ist, sondern (er muss warten), bis 
sie gross geworden ist und sagen wird: Den und den will ich. 
(Da sprach Bab Chisda zu Bab Acha:) Auch der Herr hat das 
übertreten, was Samuel gesagt hat, denn dieser hat gesagt: Ein 
Weib darf nicht' einen Mann bedienen. Bab Acha versetzte: Ich 
verhalte mich nach einer anderen Lehre, die Samuel gesagt hat, 
denn dieser hat gesagt: Man soll alles des Himmels (Gottes) wegen 
(d. i. aus reiner Absicht) thun. 

(Das.) Bab Jehuda hat im Namen des B. Assi gesagt: Ein 
Mensch (Mann) darf mit seiner Schwester allein sein und bei seiner 
Mutter und seiner Tochter wohnen. Als er dies vor Samuel sagte, 



232 V^' Tractat Kidduschin. 

sprach er: Man darf nicht mit allen in der Thora verhotenen Blut* 
Verwandtschaften allein sein, selbst nicht einmal mit dem Yieh. 

B. Melr hat gesagt: Gebt Acht auf mich wegen meiner Toch- 
ter.^) B. Tarphon hat gesagt: Gebt Acht aaf mich wegen meiner 
Schwiegertochter. Darüber spottete einer seiner (eig. jener) Schüler. 
B. Abaha hat im Namen des B. Chanina ben Gamliel gesagt: Es 
vergingen nur wenige Tage, da strauchelte jener Schüler mit seiner 
Schwiegermatter. ^) 

81« (Fol. 82 a.) Mischna. B. Jehnda sagt: Ein lediger Mann 
soll nicht Yieh weiden; auch sollen zwei ledige Männer nicht unter 
einer Decke schlafen. Die Gelehrten erklären es für erlaabt Wer 
seine Geschäfte bei Frauen hat, sei nicht mit ihnen allein. Auch 
soll niemand seinem Sohn ein Gewerbe lehren, das unter Frauen 
betrieben wird. B. Melr sagt: Man lehre seinen Sohn ein reines 
und leichtes Handwerk und bete zu dem, welcher über Beichthum 
und Güter zu verfügen hat, denn es giebt kein Handwerk, welches 
nicht arm und auch reich mache. Die Armuth sowohl wie der 
Beichthum kommt nicht vom Handwerk, sondern alles kommt auf 
das Verdienst (den sittlichen Werth) des Menschen an. 

B. Simeon ben Eleasar sagt: Hast du jemals ein wildes Thier 
oder einen Yogel ein Handwerk treiben gesehen? und dennoch er- 
nähren sie sich ohne Mühe (ohne grossen Kummer und Sorge), Und 
sie sind doch nur erschaffen, um mir zu dienen, ich aber bin er- 
schaffen worden, um meinem Schöpfer zu dienen und ich sollte 
mich nicht ohne Mühe ernähren müssen? Allein meine Thaten 
waren schlecht und habe mich dadurch um meine Nahrung gebracht, 
B. Gorjon von Zidon sagt im Namen des Abba Gorja: Man erziehe 
seinen Sohn nicht zum Eseltreiber, Kamelführer, Bartscheerer» 
Schiffer, Hirten und Krämer, denn ihr Gewerbe ist ein räuberisches.') 
B. Jehuda sagte in seinem Namen:') Die Eseltreiber sind meistens 
böse Menschen, Kamelführer dagegen sind ehrliche (brave) Menschen,^) 
auch die Schiffer sind meistens fromme Menschen. Der beste deip 



^) Damit ich nicht mit ihr allein sei. 
*) Er trieb mit ihr Unznclit. 
') Sie nehmen es niclit jso genau. 
*) D. i. im Namen des R. Gorja. 

^) Sie ziehen hinaus in die Wnste, wo sich wilde Thiere und Rauber auf* 
halten und fürchten sich nicht, sondern empfehlen sich der Hand Gottes. 



III. Traciat Kidduschin. 133 

Aerzte gehört in die Hölle und der beste Metzger ist ein Genosse 
Amalek's. 

B. Nehorai sagt: Ich lasse alle Handwerke in der Welt bei 
Seite liegen und lehre meinen Sohn nur Thora, denn ihren Lohn 
geniesst er schon in dieser Welt und der Stamm verbleibt ihm noch 
in jener Welt Dies ist bei allen Handwerken nicht der Fall, son- 
dern wenn ein Mensch von Krankheit oder Alter oder Leiden heim- 
gesucht wird, und er sich mit seinem Gewerbe nicht beschäftigen 
kann, so muss er Hungers sterben; die Thora aber ist nicht so, sie 
behfltet ihn vielmehr vor allem Uebel in seiner Jugend und giebt 
ihm frohe Aussicht ffir sein Alter. Was wird von seiner Jugend 
gesagt? S. Jes. 10, 31: „Die auf den Ewigen hoffen, erneuen die 
ErafL'' Und von seinem Alter, wie heisst es da? S. Ps. 02, 9: 
„Noch im Greisenalter geben sie Frucht/' Und so heisst es auch 
von unserem Yater Abraham Gen. 24, 1: „Abraham aber ward alt, 
und der Ewige segnete den Abraham in allem/' Wir finden, dass 
unser Vater Abraham schon das ganze Gesetz gehalten hat, ehe es 
noch gegeben war, wie es heisst Gen. 26, 6: „Weil Abraham meiner 
Stimme gehorcht und meine Verordnungen, Gebote, Gesetze und 
Lehren (-nninn) befolgt hat."*) 

82. (Das.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Alle, die sich mit 
Weibern beschäftigen, haben eine böse Führung,^) wie z. B. Goldschmiede, 
Kammmacher, Mtthlsteinmeissler, Gewflrzkrämer, Weber, Scheerer, 
Walker, Aderlasser, Bader und Gerber. Von ihnen stellt man kei- 
nen König und keinen Hohenpriester auf. Warum? Nicht weil sie 
imtauglich sind, sondern weil ihre Beschäftigung verächtlich ist. 

Unsere Babbinen haben gelehrt: Zehn Dinge sind von einem 
Aderlasser gesagt worden: Er geht auf seiner Seite (zur Seite sich 
neigend), er ist stolz und stützt sich beim Sitzen, sein Auge ist 
neidisch und sein Auge ist böse, er isst viel und wirft wenig aus, 
er ist verdächtig wegen der Unzucht und wegen des Raubes und 
wegen des Blutvergiessens. 

83. (Fol. 82 b.) Wir haben die Ueberlieferung: Rabbi sagt: 



^) Vergl. Joma Fol. 2db, wo es heisst: Rab, oder, wie mancher will, Rab 
Asche hat gesagt: Unser Yater Abraham hat selbst das Gebot von Erub Tab- 
schilin (wörtlich: Vermischungen der Speisen) gehalten, wie es heisst Gen.26f 5: 
„Meine Gesetze («ni*i\nX womit das schriftliche und das mündliche Gesetz zu yer^ 
stehen ist. 

*) Deren Art ist böse. 



134 ^11* TracUt Kidduschin. 

Sein Handwerk (es mag leicht oder schwer seb) ist für die Welt 
entbehrlich. Heil dem, der seine Erzeuger (Eltern) in einem Tor- 
trefflichen Gewerbe, and wehe dem, der seine Erzeuger in einem 
garstigen Gewerbe sieht. Die Welt kann weder des Gewflrzkr&mers 
noch des Gerbers entbehren. Heil dem, dessen Beschäftignng es 
ist, Gewürzkrämer zu sein, and wehe dem, dessen Beschäfügang 
es ist, Gerber za sein.^) Die Welt kann nicht ohne männliche and 
aach nicht ohne weibliche Wesen sein; Heil dem, dessen Kinder 
Knaben, wehe dem, dessen Kinder Mädchen sind. B. MeXr sagt: 
Immer lehre ein Mensch seinen Sohn ein reines and leichtes Hand- 
werk and bete za Gott (dem Barmherzigen), dem der Beichtham and 
dem die Güter gehören; denn kein Handwerk ist frei von Armath 
and kein Handwerk ist frei von Beichtham, sondern ihm gehört der 
Beichtham, wie es heisst Hagg. 2, 8: „Mein ist das Silber and 
mein ist das Gold, spricht der Ewige der Heerschaaren.'") 

S4« (Das.) Es ist überliefert worden: B. Simeon benEleasar sagt: 
Ich habe noch nie gesehen, dass ein Hirsch Feigenkachen trocknet 
and ein Löwe den Lastträger and der Fachs den Krämer macht,, 
and doch ernähren sie sich alle ohne Mühe (Kammer) and sie sind 
doch nar erschaffen worden, am mich za bedienen, ich aber bin 
erschaffen worden, am meinen Schöpfer za bedienen, wenn schon die,, 
welche nar erschaffen worden sind, am mich za bedienen, sich ohne 
Mühe ernähren, am wie viel mehr ist es billig, dass ich, der ich 
erschaffen worden bin, am meinen Schöpfer za bedienen, mich ohne 
Mühe ernähre,') allein meine Thaten sind böse and deshalb habe 
ich mich am meine Nahrang gebracht, wie es heisst Jerem. 5, 25: 
,,Eare Sünden haben es zawege gebracht''^) 

(Das.) Wir haben die üeberlieferang: B. Nehorai sagt: Ich 
lasse alle Gewerbe in der Welt bei Seite liegen and lehre meinen 
Sohn nar das Gesetz, denn alle Gewerbe in der Welt stehen ihm 
nur in den Tagen seiner Jagend bei, aber in den Tagen seines 
Alters, siehe, da liegt er in Hunger dahingestreckt da, aber mit 
dem Gesetze verhält es sich nicht so, es steht dem Menschen in 



1) Dieselbe Stelle s. Pesach. Fol. 65 a. 

>) Vergl. Schabb. Fol. 156a, wo es heisst: Rab hat gesagt: Kinder, Leben 
und NaliruDg hängen nicht vom Verdienst, sondern vom Gestirn (M^tOdf Glücke) ab. 

>) Um wie viel mehr sollte ich meine Nahrung leichter erlangen! 

^) Die Menschen sind es selbst, die sich dm-cli ibi*e böse und verkehrte 
Handlungsweise iln^n Lebensunterhalt erschweren. 



IV. Tractat Gitlin, 135 

der Zeit seiner Jagend bei und giebt ihm Aassicht and Hoffnang 
in der Zeit seines Alters. Betreffs der Zeit seiner Jagend heisst 
es Jes. 40, 31: „Die aaf den Ewigen hoffen, legen an neae Kraft, 
treiben Schwingen gleich den Adlern,'' and betreffs seines Alters 
heisst es Ps. 92, 15: „Koch im Greisenalter sprossen sie, sie sind 
markig and belaabf' 



IV. TRACTAT GITTIN 

ODER 

VON DEN SCHEIDUNGEN. 1) 



1. (Fol. 6b) R. Ebjathar begegnete einst dem Propheten Elia 
und fragte ihn: Was that der Heilige, gebenedeiet sei er? Er ant- 
wortete ihm: Er beschäftigt sich mit dem (Abschnitt vom) Eebsweibe 
in Gibe'a. Und was sagt er? Elia sprach za ihm: Ebjathar, mein 
Sohn, sagt so and Jonathan, mein Sohn, sagt so. Ebjathar fragte 
weiter: Giebt es denn, Gott behüte! im Himmel Zweifel? Elia ant- 
wortete ihm: Dieses wie jenes sind Worte des lebendigen Gottes. 

2. (Fol 7 a.) Mar Ukba schickte za R. Eleasar and Hess 
fragen: Da sind die Menschenkinder, die sich gegen mich erheben 
(die sich feindselig gegen mich zeigen), es steht in meiner Hand, 
sie der Regierang za überliefern, was soll ich than? Da zog er 
Linien and schrieb ihm zarück den Yers Ps. 39, 2: „Ich sprach: 
ich will mich hüten, dass ich nicht sündige mit meiner Zange, will 
bezfthmen meinen Mand mit einem Maulkörbe, wenn ein Frevler 
mir gegenüber ist'* d. i. obschon ein Frevler mir gegenüber ist, so 
will ich doch meinen Mand mit einem Maalkorbe bezähmen. Da 
liess ihm Mar Ukba nochmals sagen: Sie qaälen mich so sehr, dass 
ich nicht bestehen kann? Da schrieb er ihm zurück den Yers Ps. 
37, 7: „Yertraae schweigend aaf den Ewigen und harre seiner'^ 
4. i. vertraue schweigend auf den Ewigen, er wird deine Widersacher 
haufenweise niederstrecken. 



1) In diesem aus 9 Capiteln bestehenden Tractate werden die den Scheide- 
brief betreffenden Gesetze mit ihrem Ceremonieli behandelt, dass nämlich eine 
Ehe nicht eher gelöst ist, als bis die Frau vom Manne einen voligiltigen Scheide- 
brief empfangen hat. Die biblischen Bestimmungen darüber stehen Deut. 24, 1. 



136 IV. Tractat Gittin. 

3. (Das.) Man sandte zu Mar Ukba (and Hess ihn fragen): Woher 
lässt sich beweisen, dass der Gesang verboten ist? Da zog er Linien 
und schrieb daraaf Hos. 9, 1: „Freue dich nicht, Israel, mit Jubel 
gleich den Völkern.'' Warum brachte Mar Ukba nicht den Beweis 
von hier Jes. 24, 9: „Nicht mehr trinken sie Wein beim Gesang, 
bitter ist der Rauschtrank den Zechern?" Da könnte ich sagen, das 
bezieht sich nur auf das Singen (Spielen) mit einem Instrument, aber 
mit dem Munde zu singen ist erlaubt. Rab Huna bar Nathan hat 
zu Rab Aschi gesagt: Was heisst das, was geschrieben steht 
Jos. 15, 22: „mynyi ns^iw'n ns'^p, Kina und Dimuna und Adada?" 
Rab Aschi antwortete: Das sind die Städte des Landes Israel. Da 
sprach Rab Huna: Weiss ich denn nicht, dass der Vers von den 
Städten des Landes Israel redet? Allein Rab Gebiha von Be- Argisa 
hat einen Grund von den Namen angegeben (hat die Wörter dahin 
erklärt): Wer auf seinen Nächsten zürnt (n»5p) und schweigt (oami), 
wer wohnt auf ewig (^y ^y)^ für den übt er (Gott) Recht*) Da 
sprach Rab Aschi zu Rab Huna: Wie wirst du auslegen das. V. 31: 
nsD^Di nsTS'iTS^ >hr>:z\ und Ziklag und Madmanna und Sansanna?'' 

T-I-: T-|- t'j's' ^ 

Rab Huna antwortete: Wenn Rab Gebiha von Be-Argisa hier wäre, 
würde er schon einen Grund (eine Erklärung) geben. Rab Acha von 
Be-Chusai hat folgende Erklärung darüber gegeben: Wer über seinen 
Nächsten wegen seiner Nahrung zu klageji hat (np:^:^) und schweigt, wer 
im Dornbusch (rr^o) wohnt, für den übt er (Gott) Recht. Das Oberhaupt 
des Exils sprach zu Rab Huna: Woher lässt sich beweisen, dass der 
Kranz (dem Bräutigam) verboten ist? Rab Huna antwortete: Das ist 
von unseren Rabbinen verboten worden, denn wir haben gelehrt: 
Während des Vespasianischen Krieges wurden die Kränze der Bräu- 
tigame und die Handpauke untersagt. Inzwischen ging Rab Huna 
hinaus und Rab Ghisda sprach zum Oberhaupte des Exils: Es steht 
in einem Schriftverse, denn es heisst Ezecb. 21, 31: „So spricht 
der Ewige, Gott: Abgerissen den Kopfbund, herabgehoben den Kranz. 
Das soll nicht so sein. Das Niedrige erhöhe und das Hohe er- 
niedrige." Was will der Kopfbund bei dem Kranze? Um dir zu 
sagen: Zur Zeit, wo der Kopfbund auf dem Haupte des Hohen- 
priesters, soll der Kranz auf dem Haupte aller Menschen sein, (zur 
Zeit aber), wo der Kopfbund von dem Haupte des Hohenpriesters 
entfernt ist, soll auch der Kranz vom Haupte aller Menschen ent- 



^) D. i. Gott führt fui- ihn seine Rechtssache. 



IV. Tractat Gittin. 137 

fernt sein« Inzwischen kam Rab Hana wieder herein and fand, 
dasfl beide (das Oberhaupt des £xil8 und Rab Chisda) beieinander 
Sassen. Er sprach zu ihnen: Ich schwöre bei Gott, dass das nur 
von den Rabbinen verboten worden ist, allein dein Name ist Chisda 
(«TOn) und deine Worte sind schön (^b*'» v^lörrn). Rabbina traf 
einmal den Mar bar Rab Aschi, als er einen Kranz fttr seine Toch- 
ter wand. Da sprach Rabbina zu ihm: Kennt der Herr nicht den 
Vers: „Abgerissen den Kopfbund, herabgehoben den Kranz?'' Da 
antwortete ihm Mar bar Rab Aschi: Nur die, welche, wie der 
Hohepriester, Männer sind, dürfen keine Kränze tragen, Weiber aber 
wohL Was heisst: „riMT Kb riKT?*^ Rab Awera hat manchmal im 
Namen des Rab Ammi und manchmal im Namen des Rab Assi vor- 
getragen: In der Stunde, da der Heilige, gebenedeiet sei er! zu den 
Israeliten sprach Ezech. 21, 31: „Abgerissen den Kopfbund, herabge- 
hoben die Krone!'' sprachen die Dienstengel vor ihm: Herr der Welt! 
xiemt das (riMt) den Israeliten, welche vor dir am Sinai das ntD^^, wir 
woUen thun, dem 973^33, wir wollen gehorchen, haben vorangehen 
lassen? Er sprach zu ihnen: Ziemt dies nicht (dmt fi<b) den Israeliten, 
die da das Hohe erniedrigt und das Niedrige erhöht und ein Götzen- 
bild im Heiligthum aufgestellt haben? 

4« (Fol. Tab.) Rab Awera trug manchmal im Namen des 
R. Ammi, manchmal im Namen des Rab Assi vor: Was heisst 
das, was geschrieben steht Nach. 1, 12: „'So spricht der Ewige: 
Ob sie auch kräftig und ihrer Viele sind, so werden sie doch 
abgeschnitten und es ist vorbei?" Wenn ein Mensch sieht, dass 
seine Nahrungsmittel ihm knapp (gering) zugemessen sind, so soll 
er doch davon Wohlthaten (Almosen) spenden, um wie viel mehr, 
wenn sie reichlich sind! Was heisst: ^n^i itias pi? In der 
Schule des R. Ismael ist gelehrt worden: Wer von seinen Gütern 
(Einkünften) abschneidet, und davon Wohlthätigkeit ausübt, der 
wird von dem Gerichte der Hölle gerettet. Gleich zwei Mutter- 
schafen, die durch ein Gewässer gehen sollten, eins war geschoren, 
das andere aber nicht; das, was geschoren ist, kommt glücklich 
hindurch, das aber, was nicht geschoren ist, kommt nicht glück- 
lich hindurch. Das.: „Und ich habe dich ariü werden lassen."^) 
Mar Sutra hat gesagt: Selbst der Arme, welcher sich von der 
Wohlthätigkeit (andrer) ernährt, soll Wohlthätigkeit üben. Das.: 



>) So versteht der Talmud das Wort ^•no:h. 



J38 ^V. Tractat Gitün. 

„So werde ich dich nicht mehr arm werden lassen/' Bab Joseph 
hat gelehrt: Ein solcher Wohlth&ter sieht nimmermehr die Zeichen 
der Armath. 

5. (Das^) Bab Nachman bar Jizchak hat gesagt: In Bezng aaf 
die Ströme des Landes Israel controversiren Alle nicht (es stimmen 
Alle überein, dass diese zum Lande Israel gehören); sie controver» 
siren nur hinsichtlich des grossen Meeres; denn in einer Boraitha 
ist gelehrt worden: Welches ist das Land Israel und welches ist 
das Ausland? Antw.: Alles, was abfällt vom Berge Amnon und weiter 
einwärts, gehört zum Lande Israel, und alles, was abfällt vom Berge 
Amnon und weiter hinaus, gehört dem Auslande an. Und die Inseln 
im Meere betrachtet man, als wäre ein Faden vom Berge Amnon bis 
zum Strome Aegjptens ausgespannt; was von dem Faden nach innen 
zu liegt, gehört zum Lande Israel und alles, was vom Faden nach 
aussen zu liegt, gehört dem Auslande an. B. Jehuda sagt: Alles, 
was gegenüber dem Lande Israel liegt^^) siehe, das ist wie das 
Land Israel, wie es heisst Num. 34, 6: „Und die Grenze des Meeres 
— das soll euch das grosse Meer und sein Gebiet sein, das soll 
auch des Meeres Grenze sein." 

6. (Fol. 9a.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: Als man 
diese Worte vor B. Josse sagte, wandte er auf ihn den Yers an 
Prov. 24, 26: „Auf die Lippen küsst man den, welcher treffende 
Antworten giebf' 

7. (FoL 14ab.) B. Achai bar B. Josia hatte einen silbernen 
Pokal in Nehardea. Da sprach er zu B. Dosthai bar B. Jannai 
und zu B. Josse bar Eippar: Wenn ihr werdet (von Neharden) zu- 
rückkommen, sollt ihr ihn von meinetwegen mitbringen. Sie gingen 
dahin und sie (die Bewohner von Nehardea) gaben ihm denselben. Sie 
sprachen zu ihnen (B. Dosthai und B. Josse): Wir wollen von euch 
(ein Tuch) uns aneignen.^) Sie antworteten ihnen aber: Kein (wir 
wollen dies nicht tbun). Darauf sprachen sie: So gebt ihn (den Pokal) 
uns zurück. B. Dostbai bar B. Jannai sprach: Ja (ich will ihn euch 
zurückgeben}. B. Josse bar Eippar aber sprach: Nein (ich will ihn 
nicht zurückgeben). Da plagten sie (die Bewohner von Nehardea) 
den B. Josse und sprachen zu B. Dosthai: Siehe Herr, was er thuti 



^) D. i. vom mittelläadischen Meere. 

^) Eid Act| durch den sie das Depositum den Boten vollständig zueignen, 
so dass sie selbst nicht mehr dafür zu haAen brauchen. Der Act gründet sich 
auf Ruth 4, 7. Anstatt des Schuhes wurde später ein Tuch (*mo) genommen. 



IV. Tractat Gittin. 139 

Darauf versetzte R, Dosthai: Schlagt ihn tüchtig (gut), so wird 
er ihn euch zurückgeben. Als B. Dosthai und R. Josse zurück* 
kamen zu R. Achai, sprach R. Josse zu R. Achai: Sieh, nicht 
genug, dass R. Dosthai mir nicht beigestanden hat, er hat sogar 
gesagt: Schlagt ihn tüchtig (gut). Da sprach R. Achai zu R. Dosthai: 
Warum hast du also getban? R. Dosthai antwortete: Jene Men- 
schen (von Nebardea) sind hochgewachsen und ihre Turbane sind 
gross und ihre Worte sind grob^) und ihre Namen sind schreck- 
lich: K'i^«, NtJ*^«, "»V?» ^■'*?^« Wenn sie sagen: Bindet, so bin- 
det man, tödtet, so tödtet man, wenn sie den Dosthai getödtet 
hätten, wer hätte meinem Yater Jannai einen Sohn gegeben, wie 
ich bin? Da fragte B. Achai den R. Dosthai: Sind jene Menschen 
(von Nebardea) nicht auch der Regierung nahestehend? R. Dosthai 
antwortete: Ja wohll Femer fragte R. Achai: Haben sie Pferde 
und Maulthiere, die hinter ihnen herlaufen? R. Dosthai antwortete: 
Ja wobll Da sprach R. Achai zu R. Dosthai: Wenn dem so ist, 
so hast du recht gethan. 

8. (Fol. 16b u. 17 a.) Rabba bar bar Ghana war krank, da gingen 
zu ihm Rab Jehuda und Rabba, um nach seinem Wohlbefinden zu fragen. 
Inzwischen kam ein Gueber (Perser) und nahm das Licht von ihnen 
fort. Da sprach Rabba: Gott, nimm uns entweder in deinen Schatten, 
oder gieb uns in den Schatten von Esaus Söhnen! Wollen wir denn 
sagen, dass die Römer besser sind, als die Perser, Rab Chi ja hat 
doch gelehrt: Was heisst das, was geschrieben steht Hiob 28, 23: 
„Gott kennt den Weg zu ihr und er weiss ihre Stätte?'' Weil der 
Heilige, gebenedeiet sei er! weiss, dass die Israeliten die Beschlüsse 
der Bömer nicht auf sich nehmen können, darum erhob er sich und 
verbannte sie nach Babel. Es ist keine Schwierigkeit, bevor die Neu- 
perser (Guebem) nach Babylon kamen , hatten es die Israeliten gut, 
nachdem sie aber nach Babylon gekommen waren, hatten sie es schlecht. 

9. (Fol. 20a.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: Siehe, 
wenn ein Schreiber den Gottesnamen schreiben soll und er hat im 
Sinne, den Namen Jehuda zu schreiben und er irrt sich und stellt 
nicht hinein ein Daleth (n), so soll er noch einmal mit der Feder 
(dem Ealamos) darüber hinfahren und (die Buchstaben) heiligen. Das 
ist die Ansicht des R. Jehuda, die Weisen (Gelehrten) aber sagen: 
Der Gottesname ist nicht von dem Vorzüglichsten (Aaserwählten). 



1) Nach Raschi: Sie sprechen yom Nabel (aus ihrer Mitte) aus. 



140 JV. Tractat Giltin. 

10. (Fol. 28 b.) Drei Dinge hat R. Eleasar ben Parta vor iea 
Weisen (Gelehrten) gesagt und sie haben seine Worte angenommen: 
Eine Stadt, welche (von einem Heere) umzingelt wird, ein Schiff, 
welches im Meere (rom Sturme) umhergetrieben wird und der, welchen 
man hinausführt, um gerichtet zu werden, — von Allen wird atigenom- 
men, dass sie noch leben. 

IL (Fol. 31b.) Es heisst Jona 4, 8: „Und es geschah, als 
die Sonne aufging, da entbot Gott einen schwfllen Ostwind.'^ Was 
heisst: n^iD^^n? Rah Jehuda hat gesagt: In der Stunde, wenn 
der Ostwind bläst, macht er das Meer zu Furchen über Furchen.^) 
Da sprach Raba (Rabba): Wenn dem so ist, wie heisst es das.: 
„Und die Sonne stach Jona auf das Haupt, dass er verschmachtete?'' 
Allein Raba (Rabba) hat gesagt: (Der Sinn des Wortes ist dieser:) 
In der Stunde, wo der Ostwind bl&st, bringt er alle Winde zum 
Schweigen Tor ihm.^ Und das ist es, was geschrieben steht Hieb 
37, 17: „Dass dich deine Kleider wärmen, wenn er Ruhe der Erde 
bringt vor dem Südwinde. Rab Thachlipha bar Rah Ghisda hat 
im Namen des Rab Chisda gesagt: Wann sind deine Kleider warm? 
In der Stunde, wo die Erde Ruhe vor dem Südwind hat, denn in 
der Stunde, wo der Ostwind bläst, bringt er alle Winde vor ihm 
zum Schweigen. Rab Huna und Rab Chisda sassen beieinander, da 
ging Geniba an ihnen vorüber. Da sprach einer zu seinem Ge- 
nossen: Wir wollen vor ihm aufstehen, denn er ist ein Sohn der 
Gesetzlehre (ein Lehrer). Da sprach der andere: Vor dem Streiter 
wollen wir aufstehen? Inzwischen kam Geniba zu ihnen und fragte 
sie: Womit beschäftigt ihr euch? Sie antworteten ihm: Mit den 
Winden. Da sprach er zu ihnen, also hat Rab Ghanan bar Raba 
im Namen Rabs gesagt: Vier Winde wehen (blasen) an jedem Tage 
und der Nordwind weht mit allen, denn wenn dem nicht so wäre, 
so würde die ganze Welt nicht eine einzige Stunde fortbestehen. 
Der Südwind aber ist der heftigste Ton allen, und wenn ihn 
nicht ein Engel (Sohn) in der Gestalt eines Habichts zum Stehen 
brächte, so würde er die ganze Welt vor ihm zerstören, denn es 
heisst Hi. 39, 26: „Ist es nach deiner Einsicht, dass der Habicht 
sich schwingt, seine Flügel ausspannt gen Süden." Raba und Rab 
Nachman bar Jizchak sassen beieinander, da fuhr Rab Nachman bar 



^) fi»2**tn wird im Sinne: der umackernde genommen. 

") fi»fnn wird im Sinne: der zum Schweigen bringende genommen. 



lY. Tractat Gittio. 14] 

Jacob an ihnen vorüber. Er sass in einem goldenen Sessel, über welchem 
sich ein lauchgrünes Tach aasbreitete. Baba ging zn Bab Nachman 
bar Jacob, Rab Nachman bar Jizchak aber ging nicht zu ihm. Da 
sprach er: Vielleicht gehört er zu den Leuten des Hauses des 
Exiloberhauptes, Baba bedarf ihrer, ich bedarf ihrer nicht Als 
Bab Nachman bar Jizchak sah, dass es Rab Nachman bar Jacob 
war, ging er zu ihm und dieser entblösste seine Arme.^) Er sprach: 
Der Dämon bläst. Nach Rabba hat Rab gesagt: Ein Weib thut 
eine Fehlgeburt an dem Tage (wo der Ostwind bläst). Samuel hat 
gesagt: Selbst die Perle im Meere verfault durch ihn. R. Jochanan 
hat gesagt: Selbst der Samenerguss im Leibe wird stinkend durch ihn. 
Rab Nachman bar Jizchak hat gesagt; Alle drei deuten es von dem 
Yerse Hos. 13, 15: „Er wird sich fruchtbar erweisen zwischen 
Brüdern, es wird der Ostwind kommen, ein Wind des Ewigen, von 
der Wüste steigt er herauf, und es versiegt sein Brunnen und es 
vertrocknet seine Quelle.^' „Es vertrocknet seine Quelle,'' das geht 
auf die Quelle des Weibes; „und es versiegt sein Brunnen,'' das 
geht auf den Samenerguss, der im Leibe des Weibes sich befindet. 
Das.: „Er wird wegraffen den Schatz aller köstlichen Geräthe," das 
geht auf die Perlen im Meere. Nach Raba stammt diese Deutung 
von den Leuten von Sura, welche die Bibelverse genau nehmen. 
Was heisst: „Denn er wird sich fruchtbar erweisen zwischen Brü- 
dern?" Baba hat gesagt: Selbst der Stiel im Loche des Spatens 
wird locker.') Bab Joseph hat gesagt: Selbst der Haken in der 
Wand wird locker. Bab Acha bar Jacob hat gesagt: Selbst das 
(eingeflochtene) Bohr im Korbe wird locker. 

12. (Fol. 35 a.) Nach Bab Jehuda hat Bab gesagt: Ein Mensch 
gab ebmal in einem Hungerjahre einer Wittwe einen goldenen 
Denar zur Aufbewahrung, welche ihn in einen Erug Mehl legte, 
wovon sie ein Brot buk und es einem Armen gab. Nach einiger 
Zeit kam der Eigenthümer des Denars und sprach zu ihr: Gieb 
mir meinen Denar. Sie sprach zu ihm: Pulver des Todes soll in 
einem von meinen Kindern sein,^) wenn ich von deinem Denar irgend 
einen Genuss gehabt habe! Man erzählt, dass nur wenige Tage 
vergingen und eins von ihren Kindern starb. Als die Weisen (Ge- 



1) Weil der Ostwind ging und iiim sehr heiss war. 
•)) KnB» wird im Sinne von H»B1 gedeutet. 
') D. i. wie tödtiiclies Gifl soll es wirken. 



142 ^^'* Traclat Gitün. 

lehrten) das hörten, sprachen sie: Wenn es schon dem, welcher 
wahr schwört, so ergeht, um wie viel mehr wird es dem so ergehen, 
der falsch schwört 1 Warum aher wurde sie bestraft? Weil sie 
einen Genuss von dem Orte des Denars hatte (sie hatte dort etwas 
Mehl erspart). 

(Das.) Eine Wittwe erschien einmal vor Babba bar Bab Huna 
mit der Bitte (die Waisen möchten ihr ihre Morgengabe auszahlen). 
Er sprach zu ihr: Was soll ich dir thun, denn Bab pflegt nicht 
die Morgengabe einer Wittwe einzukassiren und mein Yater thut 
es auch nicht. Da sprach sie zu ihm: So gieb mir Nahrung! Dar- 
auf sprach er: Auch Nahrung kommt dir (von den Waisen) nicht 
zu, denn nach Bab Jehuda hat Samuel gesagt: Wer seine Morgen- 
gabe beim Gerichtshofe verlangt, bekommt keine Nahrung (von den 
Waisen). Da sprach sie zu ihm: Kehrt seinen Stuhl um, denn er 
hat mir wie zwei gethanP) Sie kehrten seinen Stuhl um und richte- 
ten ihn wieder auf.^) Babba entging trotzdem nicht der Schwachheit 
(Krankheit). 

13. (Fol. 36b u. 37a.) Ula hat gesagt: Unverschämt ist die 
Braut, die unter dem Traubaldachin ^) buhlt. Bab Mari, der Sohn der 
Tochter Samuels hat gesagt: Welcher Schriftvers lehrt dies ? Gant. 1, 4: 
„Während der König sich anlehnte (beim Gelage war), gab meine Narde 
ihren Duft?'' Baba hat gesagt: Noch immer waltet Gottes Liebe gegen 
uns, denn es heisst: „Sie gab (in^),'' und es heisst nicht: Sie stank. 

Unsere Babbinen haben gelehrt: Diejenigen, welche gedemttthigt 
werden, aber nicht wieder demttthigen, die ihre Schmähung hören, 
aber sie nicht erwiedern, die aus Liebe (zu Gott) handeln und sich 
über Leiden freuen,^) auf sie sagt die Schrift Jud. 5, 31: „Die Gott 
lieben, gleichen der strahlenden Sonne am Firmamente.'*^) Was 
heisst: binoi^D, Prosbul? Bab Chisda hat gesagt: '^ü^ia^i "»b^a Dn*nB, 
TtQog ßovkevTalg (ein Document, das in Gegenwart der Bäthe an- 
gefertigt wurde), '^bin d.s. die Beleben, denn es heisst Lev. 26, 19: 
„Und ich zerbreche den Hochmuth eurer Macht.'' Bab Joseph hat 
gelehrt: Es sind die niKbin, die Bathsversammlungen in Jehuda zu 



^) D. i. er hat mir nach verschiedeDen Ansichten getlian. 

2) Um den Fluch buchstäblich zu erfüllen und dadurch unwirksam zu machen. 

^) D. i. in ihrem Brautgemache. 

*) Sie geduldig ertragen. 

*) Denselben Gedanken liest man auch Schabb. Fol. 88b. 



IV. Tractat Gittin. 143 

verstehen. Mit "«uia sind die Armen gemeint, denn es heisst Dent. 
24, 10: „Dn sollst ihn nicht pfänden (on^rry 

14. (Fol. 38b.) Rabba hat gesagt: Durch drei Dinge kommen 
Hansbesitzer von ihrem Vermögen herab: Weil sie ihren Knechten 
die Freiheit geben, weil sie ihre Güter am Sabbath besehen, was 
es daran zu verbessern giebt und weil sie am Sabbath zu der Zeit 
Mahlzeit halten, wo im Lehrhaase Vorträge gehalten werden. Denn 
R Chi ja bar Abba hat im Namen des B. Jochanan gesagt: Zwei 
Familien waren in Jerusalem, die eine pflegte am Sabbath und die 
andere am Vorabend des Sabbaths Mahlzeit zu halten und beide sind 
ausgerottet (vernichtet) worden. 

15. (FoL 45 a.) Die Töchter des Rab Nachman pflegten die 
Speise im Kessel mit ihren Händen umzurühren.^) Da warf Rab 
llisch die Frage auf: Es heisst Koh. 7, 28: „Einen Mann habe ich 
aus Tausend gefunden, aber ein Weib habe ich unter allen diesen 
nicht gefunden.'' Die Töchter des Rab Nachman waren (sind) doch 
aber fromm? Da fügte es sich, dass sie einmal gefangen genommen 
wurden, und Rab llisch wurde mit ihnen gefangen genommen. 
Eines Tages sass neben ihm ein Mann, welcher die Sprache der 
Vögel kannte. Da kam ein Rabe und sprach etwas. Da fragte 
Rab llisch den Mann: Was hat der Rabe gesagt? Derselbe ant- 
wortete: Er sprach: llisch, fliehe, llisch, fliehe! Rab llisch sprach: 
Der Rabe ist ein Lügner, ich will mich nicht auf ihn verlassen. 
Inzwischen kam eine Taube und redete etwas. Da fragte Rab 
llisch den Mann wieder: Was hat die Taube gesagt? Der Mann 
antwortete: Sie sprach: llisch, fliehe, llisch, fliehe! Da sprach Rab 
llisch: Die Gemeinde Israel wird mit einer Taube verglichen, gewiss 
wird mir ein Wunder widerfahren. Er sprach: Ich will gehen und 
sehen, ob die Töchter des R^b Nachman noch, so fromm sind wie 
zuvor, da will ich sie auch mitnehmen. Er dachte: Wenn die Weiber 
miteinander zu reden haben, so machen sie es auf dem Abort ab. Er 
ging daher nach dem Abort, Da hörte er, wie sie sprachen: Die 
Männer, welche uns gefangen haben, sind auch unsere Männer, wie 
die Männer, die wir in Nehardea hatten, wozu sollen wir fliehen, 
wir wollen zu unseren Gefangennehmem sagen, dass sie uns weit 
von hier fortführen, damit unsere Männer nicht kommen, wenn sie 



1) Ohne sich zu Terbreanen, so dass es schien, als ob ihrer Frömmigkeit 
halber ein Wunder geschehe. 



144 ^V. Tractat Gittin. 

es hören und uns auslösen. Da floh Rab Ilisch mit dem Mann nnd 
es geschah ihm ein Wunder. Er fuhr mit einem Kahne hinüber. 
Den Mann aber fand man und tödtete ihn. Als dann auch die 
Töchter zurückkamen, sprach er: Sie hatten die Speise im Kessel 
durch Zauberei umgerührt.^) 

16. (Fol. 46 a.) B. Eleasar bar B. Josse hat gesagt: Warum 
hat man gesagt: Wer sein Weib entlässt wegen eines schlechten 
Namens oder wegen eines Gelübdes, soll sie nicht wieder zurück- 
nehmen, damit die Töchter Israels nicht ausarten in Wollust und 
Gelübden. Deshalb spricht man zu ihm: Sage ihr: Du sollst wissen, 
dass ich dich wegen des schlechten Namens und wegen des Gelübdes 
entlasse. 

(Das.) B. Jehuda sagt: (Tbat sie) ein Gelübde, von dem viele 
Kenntniss haben, so darf man es nicht zurücknehmen, (that sie) da- 
gegen ein Gelübde, von dem nicht viele Kenntniss haben, so darf man 
es zurücknehmen. B. Josua ben Levi hat gesagt: Was ist der 
Grund des B. Jehuda? Es heisst Jos. 9, 18: „Und die Kinder Is- 
raels erschlugen sie nicht, weil ihnen zugeschworen die Fürsten der 
Gemeinde bei dem Ewigen, dem Gotte Israels.'^ Die Rabbinen aber 
sagen: Dort hatte der Schwur für sie eigentlich gar keine Geltung, 
denn sie sprachen zu ihnen: Wir sind von einem fernen Lande ge- 
kommen und sie waren doch nicht (von einem solchen) gekommen. 
Der Schwur hatte also gar keine Giltigkeit Warum aber tödtetea 
die Israeliten sie nicht? Wegen der Heiligung des göttlichen Namens. 

17. (Fol. 47 a.) Besch Lakisch verkaufte sich an die Lydier 
(welche Menschenfleisch essen). Er nahm mit sich einen Sack und 
(darin eingebunden) eine Kugel. Er sprach: Wir wissen, dass sie am 
letzten Tage jedem gewähren, was er bittet, damit er ihnen sein Blut 
verzeihe. Als sein letzter Tag kam, sprachen sie zu ihm: Was sollen 
wir dir thun? Er sprach zu ihnen: Ich bitte, ich will euch binden 
und setzen und' einem jeden von euch werde ich einen ganzen (d. U 
starken) und einen halben (d. i. schwächeren) Schlag (mit dem Sack) 
beibringen. Er band sie und setzte sie und als er einem jeden von 
ihnen einen ganzen (starken) Schlag (mit dem Sacke) beigebracht 
hatte, hauchte dieser seine Seele (Leben) aus und knirschte mit 
seinen Zähnen. Da sprach Besch Lakisch zu ihm: Du lachst mich 



1) D. i. sie haben es durch Zauberei bewirkt, nicht war ein Wunder wegen 
ihrer Frömmigkeit dabei im Spiele. 



IV. Tractat Gittin. 145 

an, ich habe dir doch noch einen halben Schlag (mit dem Sack) 
zu geben. Als er alle getödtet hatte, ging er heraas und kam 
nach Hanse, setzte sich nieder, ass und trank. Da sprach seine 
Tochter zu ihm: Willst da nicht ein Kissen, am dich daraaf za 
legen? Er sprach za ihr: Meine Tochter! mein Baach ist mein 
Kissen. Als er verschied, liess er ein Kab Safran znrflck, and er 
wandte aaf sich an Ps. 49, 11: „Und sie lassen anderen ihr 
Vermögen." 

18. (Fol. 49b.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: R. Si- 
meon hat gesagt: Warnm hat man gesagt: Wer einem andern einen 
Schaden znfügt, mass ihm das Beste geben? Antw.: Wegen der 
Bäaber and der Gewaltthätigen, damit der Mensch spreche: Woza 
soll ich raaben, woza soll ich gewaltthätig sein (erpressen), morgen 
kommt der Gerichtshof za meinen Gütern herab and nimmt mir 
mein bestes Feld weg, and sie stützen sich aaf das, was geschrieben 
steht £x. 22, 4: „Er soll mit dem Besten seines Feldes and mit 
dem Besten seines Weinberges bezahlen." 

19. (Fol. 52 a.) Ein Yormnnd, welcher in der Nachbarschaft 
des R. Meür wohnte, wollte die Felder (fremder Waisen) verkanfen 
and (fOr den Erlös dafür) Knechte kaafen. R. Melr liess es aber 
nicht za. Da zeigte man ihm im Traame (er sollte sagen): Ich 
reisse nieder and da baaest. Er achtete aber nicht daraaf, denn 
er dachte: Die Worte der Träame erheben and erniedrigen nicht 
(sind nicht von Belang). Es waren einmal zwei Menschen, welche 
der Satan reizte, denn an jedem Freitage pflegte er Zank zwischen 
beiden anznstiften. Da kam einmal R. Melr dorthin and er hielt 
sich drei Freitage bei ihnen aaf, bis er Frieden zwischen ihnen 
herstellte. Da hörte R. Melr, wie der Satan rief: Wehe! denn R. 
Melr hat mich (eig. jenen Mann) aas meinem Hanse (eig. aas seinem 
Haase) vertrieben. 

20. (FoL 55 a.) Die Rabbinen haben gelehrt: Wer einen Balken 
geraabt and ihn in ein Gasteil eingebant hat, mass nach der Schale 
Schammai's denselben seinem Eigenthümer zarückgeben, selbst wenn 
er das ganze Castell niederreissen sollte, nach der Schale Hillel's 
dagegen hat er das nicht nöthig, sondern er braucht ihm nar das 
Geld (den Werth) für den Balken za geben, wegen des Vortheils 
der (Beförderang) der Bassfertigen. 

21. (Fol. 55b a. 56ab.) R. Jochanan hat gesagt: Was heisst 

Wftntcbe, Der babylonische Talmud. 10 



146 IV. Tractat Gittin. 

das, was geschrieben steht Fror. 28, 14: „Heil dem Menschen, der 
stets sorgsam ist, wer aber sein Herz verhärtet, stürzt in Unglück ?*' 
Antw.: Wegen Eamza and Bar Eamza ist Jerusalem, wegen eines 
Hahnes und einer Henne ist der Königsberg (Tnr malka) nnd wegen 
des Seitenbrettes eines Franenwagens ist Bitther zerstört worden. 
Wegen Eamza und Bar Eamza ist Jernsalem zerstört worden. Es 
befand sich nämlich daselbst ein Mann, welcher Eamza zn seinem 
Freonde nnd Bar Eamza zn seinem Feinde hatte. Einmal veran- 
staltete er ein Gastmahl und sprach zu seinem Diener: Geh' und 
hole mir den Eamza. ^) Der Diener ging, brachte ihm aber Bar 
Eamza. Als er kam, sprach der Gastgeber zu ihm: Da du (eig. 
jener Mann) mein Feind bist, was willst du hier? Auf, geh hin- 
weg!^) Da ich nun einmal hier bin, versetzte der Gast, so lass 
mich, ich will dir den Betrag für das bezahlen, was ich hier essen 
und trinken werde. Nein! sprach der Gastgeber. So will ich dir 
die Hälfte deines Gastmahles bezahlen? fuhr der Gast fort Mit 
nichten! sprach der Gastgeber. So will ich dir dein ganzes Gast- 
mahl bezahlen! Auch das nicht! Der Gastgeber nahm ihn bei der 
Hand, nöthigte ihn zum Aufstehen und führte ihn hinaus. Da 
sprach Bar Eamza: Weil die dasitzenden Rabbinen es nicht ver- 
hindert haben, so scheint es, als ob es ihnen lieb gewesen wäre.^ 
Daher will ich gehen und sie bei der Regierung (in Rom) denunciren.^) 
Er ging zum Kaiser und sprach zu ihm: Die Juden empören sich 
gegen dich! DerEaiser sprach: Wer sagt das?^) Jener sprach: Sende 
ihnen ein Opferthier, und du wirst sehen, ob sie es als Opfer dar- 
bringen werden. Der Eaiser ging und sandte durch ihn ein fettes 
Ealb. Er (der Verleumder) brachte aber dem Thiere unterwegs 
einen Fehler an der vorstehenden (Oberlefze) bei. Andere sagen: 
Er brachte ihm einen Fehler an den (florartigen) Häuten am Auge 
bei, eine Stelle, die für die Israeliten ein Fehler, für sie (die 
Römer) aber kein Fehler war. Die Rabbinen glaubten das Thier 
«her dennoch des Friedens wegen (mit der Regierung) als Opfer 



^) D. i. lade mir ihn ein. 

') Madie, dass du fortkommst. 

*) Dass ich beleidigt worden bin. 

*) HaSo n l«nip Vo»H (vergl. syr. j^j-o %-a)) bedeutet nach Dan. 3, 8: 
«ine Verleumdung beim Könige anbdngen. 
**) Welche Beweise hast du dafür? 



IV. TracUt Gittin. 147 

darbringen zu sollen, Sacharja ben Eokolos^) jedoch sprach zu 
ihnen: Man wird nun sagen, dass mit Fehlern behaftete Thiere auf 
dem Altare dargebracht werden dürfen. Man war darauf der Mei- 
nung, ihn (den Ueberbringer des Thieres) zu tödten, damit er nicht 
hingehe und es anbringe (yerrathe). ') Doch Sacharja sprach wieder: 
Man wird nun sagen: Wer heiligen Thieren einen Leibesfehler bei- 
bringt, hat den Tod verschuldet (wird mit dem Tode bestraft). R. 
Jochanan hat gesagt: Diese Nachgiebigkeit des B. Sacharja ben 
Eukolos war die Veranlassung, dass unser Haus (Tempel)^) zer- 
stört und unser Heiligthum verbrannt und wir aus unsrem Lande 
verbannt worden sind. Hierauf schickte er gegen sie den Cäsar 
Nero.^) Als er in Palästina ankam, warf er einen Pfeil (Wurf- 
geschoss) nach Morgen und er fiel nach Jerusalem hin, nach Abend 
und er fiel nach Jerusalem hin, kurz nach allen vier Himmels- 
gegenden und sie fielen alle nach Jerusalem hin.^) Da sprach er 
zu einem Einde: Sage mir deinen Yers.^) Dieses sprach: „Ich 
gebe meine Bache über Edom (Bom) durch mein Volk Israel" (s. 
Ezech. 25, 14). Da sprach er: Dem Heiligen, gebenedeiet sei er! 
gefällt es, seinen Tempel zu zerstören, seine Hand aber durch 
diesen Mann (durch mich) abzuwischen.*^) Sofort entfloh er, ging 
hin und bekehrte sich zum Judenthume^) und von ihm stammte 
R. Melr. 



^) oSlpSK, ESxoXog, der Zufriedene, Genügsame. 

') Dass man das Thier nicht angenommen habe. 

') Nach anderer LA.: dass nnsere Häuser zerstört wurden. 

*) Nach Tacitus bist. 1, 10 war es Nero, welcher den Feldheim Vespasian 
nach Palästina schickte. Bellum Judaicum Flavius Vespasianus — ducem eum 
Nero delegerat — tribus legionibus administrabaU Ebenso Josephus de Bell. Jud. 

^) Durch dergleichen Zeichen pflegten die Alten zu erkunden, ob ihr 
Unternehmen ron Erfolg gekrönt sein werde. 

^) Auch das Recitiren des Verses, welchen ein Kind in der Schule gelernt 
hatte, galt als Walu^eichen. 

^) Die Schuld mir zuzuschreiben. Wur haben die Stelle nach der LA. des 

Aruch übersetzt: K-oji mrtro nn» n«3i n»no ♦aTvwS n^Snn'j rta"pn \w^ idk. 

Die Ausgg. lesen »ann^ »3^3 und \\V^ fehlt. 

^) Die darauf bezügliche Stelle bei Tacitus, Eist. 1, 2 lautet: Mota etiam 
prope Parthorum arma, falsi Neroni. Ferner das. II, 8: Sub idem tempus 
Achiga atque Asia falso exterritae, velut Nero adventaret, rario super ezitu ejus 
mmore, eosque plm'ibus vivere eum figentibus credentibusque. Man hielt also 
dafür, dass er seinen Mördern entfloh, nach Asien sich begab und da zum 
Judenthume übertrat. 



148 IV. Tractat Gittin. 

Daranf schickte er gegen sie den Cäsar Yespasian ab. Dieser 
kam und belagerte Jerusalem, er schloss es drei Jahre eng ein.^) 
Es befanden sich aber in der Stadt drei reiche Leute: Nikodemo» 
ben Gorjon, Ben Kalba Sabua und Ben Zizith Hakassath. Nikode- 
mos ben Gorjon hiess er, weil um seinetwillen die Sonne wieder 
aufging (n^ps).^) Ealba Sabua hiess er, weil jeder, der hungrig 
wie ein Hund {ib^^) in sein Haus ging, gesättigt (y^^) wieder 
herauskam. Ben Zizith Hakassath hiess er, weil seine Schaufädea 
(in^"»^) auf Polstern (mnos) herabhingen. Andere sagen: Sein Polster 
(Rang, iPD^ = iKD^) stand zwischen denen der Grossen Roms. Der 
eine sprach: Ich werde die Bewohner von Jerusalem mit Weizen 
und Gerste ernähren, der andere sprach: Ich werde sie mit Wein, 
Salz und Oel versorgen, der dritte endlich sprach: Ich werde sie 
mit Holz versehen. 

Die Rabbinen belobten zumeist den Holzspender, denn Rab 
Ghisda hatte alle Schlüssel seinem Diener übergeben, ausgenommen 
den zum Holze. Rab Ghisda sagte nämlich: Zu einem Masz Weizen 
braucht man 60 Masz Holz. Sie konnten (die Stadt) 21 Jahre lang 
verpflegen. Es waren aber daselbst (unter den Bewohnern) zügel* 
lose, rohe Menschen.^) Die Rabbinen sprachen zu ihnen: Wir 
wollen hinausgehen und mit ihnen (den Römern) Frieden schliessen. 
Sie Hessen es aber nicht zu, sondern sprachen: Wir wollen viel- 
mehr hinausgehen und Krieg mit ihnen führen.^) Da sprachen die 
Rabbinen: Es wird nichts helfen (wir werden nichts ausrichten). 
Jene aber erhoben sich und verbrannten alle Weizen- und Gersten- 
magazine und so entstand die Hungersnoth.^) 

Martha, die Tochter des Boäthus, eine sehr reiche Matrone in Jeru- 
salem, schickte ihren Diener aus und sprach zu ihm: Geh und bringe 
mir feines Weizenmehl. ^) Während er dahin ging, war es verkauft. 
Da kam er zurück und sprach: Feines Weizenmehl ist nicht mehr 



^) Er belagerte es drei Jahre lang. Cf. Tacitus, bist. IV, 3 u. II, 4. 

2j Vergl. die Erzählung Thaanith Fol. 19a u. 20a. 

3) Banditen, Freibeuter. Abba Sikra, eig. Ben Batiach (der Sikarier) war 
das Oberhaupt dieser zügellosen Eiferer. 

^) Es gab demnach eine Kriegs- und eine Friedenspartei in d» Stadt. 

^) Sie thaten das aus dem Grunde, damit die Bewohner den Krieg be» 
ginnen sollten. 

«) Vergl. Joseph, de hello lud. II. 17, 6. 



IV. Tractat GiUin. 149 

vorhanden, aber es giebt noch weisses MehL Da sprach sie zu ihm: 
Oeh und hole es! Als er dahin kam, war auch dieses verkauft. 
Als er zurückkam, sprach er: Es giebt kein weisses Mehl mehr, 
aber Roggenmehl ist noch da. Da sprach sie: Qeh und hole dieses. 
Als er hinkam, war auch dieses verkauft. Als er zurückkam, 
sprach er: Es giebt kein Roggenmehl mehr, aber Gerstenmehl ist 
noch da. Da sprach sie: Geh und hole dieses. Als er hinkam, 
war auch dieses verkauft Sie zog hierauf ihre Schuhe an und 
«prach: Ich will nun selbst hingehen und zusehen, ob ich etwas zu 
«ssen finde. Da setzte sich ein Stück Mist an ihrem Fusse fest 
und sie starb (vor Ekel). Da wandte R. Jochanan ben Saccai auf 
sie an Deut. 28, 56: JDie Weichlichste und Yerzärtelste unter dir, 
deren Fussballcn es nicht versucht, auf die Erde zu treten.'' Nach 
iuideren verzehrte sie die Feigen des R. Zadok, ekelte sich und 
starb. R. Zadok sass (verbrachte) n&mlich 40 Jahre in Fasten, 
damit Jerusalem nicht zerstört werden sollte. Wenn er etwas ass, 
war es von aussen (von seinem Halse) zu sehen (so mager war er). 
Als er nun frühstückte (anbiss), brachte man ihm Feigen, er sog 
ihren Saft aus und warf die Schale fort. (Diese ass sie.) — 

Als sie im Sterben lag, Hess sie ihr Gold und Silber bringen 
«nd warf es mit den Worten auf die Strasse: Da ist es, was nützt 
es mir! Darauf lässt sich anwenden Ezech. 7, 10: „Ihr Silber werfen 
«ie auf die Strasse'' u. s. w. 

Abba Sikra, das Oberhaupt der Zeloten (Eriegspartei) von Jeru- 
^lem, war ein Schwestersohn des R. Jochanan ben Saccai. R. 
Jochanan ben Saccai liess ihm sagen: Komm heimlich zu mir! Als 
er kam, fragte ihn der Oheim: Wie lange wollt ihr es noch so 
weiter treiben und alle durch Hunger tödten ? ^) Dieser antwortete 
ihm: Was soll ich thun? Wenn ich ihnen so etwas vorhalte, so brin- 
gen sie mich um. Darauf versetzte jener: Ersieh eine Vorkehrung für 
mich, damit ich hinaus kann, um vielleicht noch etwas zu retten? Jener 
«prach: Verhalte dich wie einer, der krank ist, damit die Leute kom- 
men und sich nach deinem Wohlsein erkundigen. Sodann lass etwas 
Stinkendes neben dich (in das Bett) legen und man sage, du seiest 
gestorben. Ferner dürfen nur deine Schüler zu dir kommen (um 
dich fortzutragen), ausser ihnen niemand anders, damit man nicht 



*) Da ilir die Schliessung des Friedens verhindert. 



150 IV. Tractat Gittin. 

merke, dass dn leicht seiest, denn jene wissen, dass der Lebende 
leichter ist als der Todte. 

Er that nun so. Da kam B. Eleasar von der einen und B. 
Josaa von der andern Seite (nm ihn fortzutragen). Als sie an» 
Thor kamen, wollten die Zeloten die Bahre durchstechen, da sprach 
aber Abba Sikra: Sie (die Feinde) werden sprechen: Selbst ihren 
Lehrer haben sie durchstochen. Darauf wollten sie ihn stossen,. 
da sprach er aber wieder: Sie werden sagen: Selbst ihren Lehrer 
haben sie gestossen. Sie öffneten nun das Thor und er gelangte 
hinaus. Als B. Jochanan (zu Yespasian) kam, sprach er: Heil dir,. 
König! Heil dir, o König! Da Tcrsetzte dieser: Dn hast dich 
zweimal des Todes schuldig gemacht, einmal weil ich kein König 
bin und du mich König nennst und sodann, wenn ich König bin^ 
warum bist du bis jetzt nicht zu mir gekommen? Darauf versetzte 
B. Jochanan: Du sagst, du wärest kein König, wahrlich du bist ein 
solcher,^) denn wärest du kein König, so wttrde Jerusalem nicht in 
deine Hand fallen, denn es heisst Jes. 10, 34: „Und der Libanon*) 
wird durch einen Mächtigen fallen.'' Unter ^^^k. Mächtiger, ist 
nichts anderes als ein König zu verstehen vergL Jerem. 30, 21: 
„Und sein Mächtiger (n^-^nK) wird aus ihm selber,'' und mit 
in^nV, Libanon ist nichts anderes als das Heiligthum (der Tempel) 
gemeint vergl. Deut. 3, 25: „Dieser schöne Berg und der Libanon.** 
Wenn du aber fragst: Da ich ein König bin, warum bist du bia 
jetzt nicht zu mir gekommen? so antworte ich: Die Zeloten unter una 
Hessen es nicht zu. Yespasian versetzte: Wenn sich um ein Fass mit 
Honig eine Schlange gewickelt hätte, wfirde man das Fass nicht 
zerbrochen haben. ^) B. Jochanan schwieg. Da wandte Bab Joseph^ 
oder, nach manchen B. Akiba den Vers an Jes. 44, 25: „Er heisst 
die Weisen zurücktreten und ihre Einsicht bethört er." B. Jochanan 
hätte doch zu ihm sagen können: Man nimmt eine Zange, ^) entfernt 
damit die Schlange, tödtet sie, und das Fass^) lässt man in Buhe. 
Währenddessen kam ein Befehlshaber (Gesandter) aus Bom und 



1) Sinn: Dn wirst bald ein solcher werden. 
*) Sinnbildliche Bezeichnung des Tempels. 

') Sinn: Warum zei*stortet ihr nicht die Mauern, damit die davor lagern- 
den Zeloten (die Schlange) abziehen müssen? 
*) Bildlich für: Waffen. 
A) Bildlich für: die Stadt. 



IV. Tractat Gittin. 15J 

sprach: Auf! der Kaiser ist gestorben and die Vornehmen (der Senat) 
Roms wollen dich zum Herrscher machen. 

Yespasian hatte gerade einen Schah angezogen, nan wollte er 
anch den andern anziehen, derselbe aber passte nicht Daraaf 
wollte er den angezogenen Schah wieder aasziehen, das ging aber 
aach nicht Da sprach er: Was ist das? B. Jochanan sprach za 
ihm: Sei anbesorgt, es ist dir eine gate Botschaft geworden, denn 
es heisst Prov. 15, 30: „Eine gate Nachricht giebt Mark dem Ge- 
bein.'' Yespasian: Was ist za than? Jochanan: Lass einen Menschen 
an dir vorflbergehen, welchen da nicht leiden kannst, denn es heisst 
das. 17, 22: „Ein niedergeschlagenes Gemüth vertrocknet die 
Knochen.*' Er that so, and der Schah passte. Daraaf Yespasian: 
Da ihr so klag seid, waram kamt ihr bis jetzt nicht za mir her- 
aas? Daraaf R. Jochanan: Habe ich es dir nicht bereits gesagt? 
Daraaf Yespasian: Aber aach ich. Jetzt werde ich fortgehen von 
hier and einen andern schicken; erbitte dir etwas von mir, and ich 
werde es dir geben. Da sprach R. Jochanan: Gieb mir Jahne and 
ihre Weisen, dann die Kette (Familienglieder) des Rabban Gamliel 
and Aerzte, welche R. Zadok heilen sollen. Da wandte R. Eleasar, 
oder, wie manche sagen, R. Akiba die Worte an: „Er heisst die 
Weisen zarücktreten and ihre Einsicht bethört er." Er hätte zu ihm 
sagen sollen: Lass es fttr diesmal gat sein.^) Doch R. Jochanan 
dachte, Yespasian würde es nicht than, and dann wäre eine geringe 
Rettang aach nicht möglich gewesen. 

Welche Bewandtniss hat es mit den Aerzten des R. Zadok? 
Am ersten Tage gaben sie ihm Kleiwasser za trinken, am andern 
Tage Wasser mit Weizenkleie, am dritten Tage Wasser mit Mehl, 
bis sich seine Eingeweide*) immer mehr erweiterten. Daraaf zog 
Yespasian ab and sandte Titas. 

[Za vergleichen ist mit dieser Erzählang die Darstellung in 
Aboth de Rabbi Nathan C. lY (Mitte). Es heisst daselbst: Als 
Yespasian heranrückte, am Jerusalem zu zerstören, sprach er za 
ihnen (den Bewohnern Jerusalems): Ihr Thoren, warum wollt ihr 
diese Stadt zerstören und warum wollt ihr das heilige Haus ver- 
brennen lassen? Ich verlange von euch weiter nichts, als dass ihr 
mir einen Bogen oder einen Pfeil schickt, und ich ziehe von euch 



^) Die von dem vielen Fasten ganz zasammengeschnimpft wai*en. 

2) Gieb für dieses Mal die Belagerung auf und ziehe mit deinem Heere ab. 



152 IV. Tractet Gittin. 

ab. Sie sprachen zu ihm: Sowie wir gegen die zwei früheren (Feld- 
herren) vor dir aaszogen and sie erschlagen, so werden wir auch 
gegen dich heraasziehen nnd dich erschlagen. 

Als Babban Jochanan ben Sakkai das hörte, schickte er (Boten) 
aas and Hess die Bewohner Jerasalems zasammenrafen and sprach zu 
ihnen: Waram wollt ihr diese heilige Stadt zerstören and waram wollt 
ihr das heilige Haas verbrennen lassen? Was fordert er denn von 
each ? Er fordert weiter nichts von ench als einen Bogen and einen 
Pfeil, dann will er von each abziehen. Sie aber sprachen zn ihm: 
Sowie wir gegen die vor ihm aasgezogen sind and sie erschlagen 
haben, so werden wir aach gegen ihn aasziehen and ihn erschlagen. 

Nan hatte Yespasian Leate, welche an der Maaer Jerasalems 
versteckt lagen, and die jedes Wort, was sie hörten, aof einen 
Pfeil schrieben and Aber die Maaer warfen, aach dass Rabban 
Jochanan ben Saccai za den Freanden des Kaisers gehöre. (Und 
80 hatte er bei den Bewohnern von Jerasalem erw&hnt (gesprochen). 
Als nan Rabban Jochanan ben Saccai einen Tag, zwei and drei 
Tage so za ihnen sprach and sie es von ihm nicht annahmen, 
sandte er Boten and rief seine Schüler, den R. Elieser nnd B. 
Josaa. Er sprach za ihnen: Meine Kinder I stehet aaf and führet 
mich von hier hinaas! Machet mir einen Sarg, dass ich dftrin 
schlafe. Da erfasste ihn B. Elieser bei seinem Kopfe and R. Josoa 
erfasste ihn bei seinen Füssen and tragen ihn fort bis zam Unter* 
gange der Sonne, bis dass sie die Thore Jerasalems erreichten. Da 
sprachen die Thorwächter za ihnen: Wer ist das? Sie antworteten 
ihnen: Es ist ein Todter! Wisset ihr nicht, dass man einen Todten 
nicht in Jerasalem übernachten lassen darf. Sie versetzten: Wenn 
es ein Todter ist, so führt ihn hinaas! 

Sie tragen ihn hinaas bis znm Untergang der Sonne, bis sie 
bei Yespasian anlangten. Sie öfbeten hieraaf den Sarg and er 
stellte sich vor ihn. Dieser sprach za ihm: Bist da Rabban Jocha- 
nan ben Saccai? Erbitte dir, was ich dir geben soll. R. Jochanan 
sprach za ihm: Ich heische weiter nichts von dir als Jahne, dahin 
will ich gehen and meine Schüler anterrichten, da aach Gebete fest- 
setzen and alle Vorschriften in der Thora aasführen. Da versetzte 
Vespasian: Alles was du than willst, das thae! Daraaf sprach R. 
Jochanan: Gestattest da, dass ich dir noch ein Wort sage? Yespa- 
sian antwortete: Rede! Da sprach R. Jochanan za ihm: Da stehst 
hart an der Regierang. Vespasian: Woher weisst da das? R. 



IV. Tractat Giltin. 153 

Jochanan: Wir haben die Ueberlieferong, dass das Heüigthnm nicht 
in die Hand eines Gemeinen, sondern nnr in die Hand eines Königs 
fiberliefert wird, denn es heisst Jes. 10, 34: „Und des Waldes 
Dickicht wird mit dem Eisen nmgehanen and der Libanon wird 
durch einen Mächtigen (^"^nKn) fallen/' Es geht die Sage, es ver- 
gingen nicht ein, zwei, drei Tage, so gelangte ein Diplom aas seiner 
Stadt za ihm, dass der Kaiser gestorben sei and man ihn als 
König aafzastellen beschlossen habe. 

Hieraaf brachte man ihm einen Bogen mit Aesten (Strohbün- 
deln) and er richtete ihn gegen die Maaer Jerusalems; darauf 
brachte man ihm Bretter von Gedemholz and er legte sie auf den 
Bogen mit Aesten and schlag (schoss) mit ihnen solange gegen die 
Maaer, bis darin eine Bresche entstand. 

Darauf brachte man ihm einen Schweinskopf und legte ihn auf 
den Bogen von Aesten und er warf ihn nach den Gliedern (Opfer- 
stücken), welche auf dem Altar lagen. In diesem Augenblicke ward 
Jerusalem erobert. 

Währenddem sass R. Jochanan ben Saccai und harrte zitternd, 
wie einst Eli sass und harrte, denn es heisst 1 Sam. 4, 13: „Siehe, 
Eli sass auf seinem Stuhle an der Seite des Weges harrend, denn 
sein Herz zitterte wegen der Lade Gottes.'' 

Als Babban Jochanan ben Saccai hörte, dass Jerusalem zer- 
stört und der Tempel mit Feuer verbrannt sei, zerriss er seine 
Kleider, und auch seine Schüler zerrissen ihre Kleider und wein- 
ten und schrieen und trauerten. Es heisst Sach. 11, 1: „Oeffhe, 
Libanon, deine Thüren" d. i. der Tempel, „dass Feuer deine Cedem 
fresse" d. s. die Hohenpriester, welche im Heiligthum waren; 
denn sie nahmen ihre Schlüssel in die Hand, warfen sie nach der 
Höhe und sprachen vor dem Heiligen, gebenedeiet sei er: Unser 
Herr der Welt! hier sind deine Schlüssel, welche du uns übergeben 
hast, da wir nicht treue Verwalter gewesen sind, das Werk des 
Königs zu thnn und vom Tische des Königs zu essen (so geben 
wir sie dir zurück)! 

Auch Abraham, Jizchak, Jacob und die zwölf Stämme weinten, 
schrieen, trauerten und sprachen s. das. Y. 2. 3: „Heule, Cypresse! 
denn gefallen ist die Ceder" d. L das Heiligthum, „die gewaltig 
waren, sind hingesunken" d. i. Abraham, Jizchak, Jacob und die 
zwölf Stämme, „heulet Therebinthen Basans" d. i. Mose, Aaron und 
Mirjam, „denn gestürzt ist der unzugängliche Wald'' d. i. das Aller- 



154 JV. Tractat Gittin. 

heiligste; „es erschallt das Gehenl der Hirten, denn hingesunken 
ist ihre Pracht'' d. i. David und sein Sohn Salomo; „es erschallt 
das Brüllen der jungen Leuen, weil hingesunken ist des Jordans 
HerrUchkeit" d. i. Elia und EUsa. 

Eine dritte Version endlich lesen wir in Midrasch Echa rabbathi 
zu 1, 5. Sie lautet: R. Hillel berabbi Barachja hat vorgetragen: 
Wer hervortritt, um Israel zu bedrängen, wird zu einem Haupte 
(Oberhaupte). Du findest n&mlich: Bevor Jerusalem zerstört wurde, 
war keine Stadt irgendwie geachtet, nachdem es aber zerstört war, 
wurde Cäsarea die Metropole und Doppelherrscherin. Oder: „Ihre 
Dränger wurden zum Haupte'' d. i. Nebucadnezar, „ihre Widersacher 
sind glücklich" d. i. Nebusaradan. Oder: „Ihre Dränger wurden zum 
Haupte" d. i. Vespasian, „ihre Widersacher sind glücklich" d. i. Titus. 

Drei und ein halbes Jahr umzingelte Vespasian Jerusalem und 
es waren mit ihm vier Feldherrn, einer aus Arabien, einer aus Afrika, 
einer aus Alexandrien und einer aus Palästina. Was den Fürsten 
aus Arabien anlangt, so sind zwei Amoräer darüber verschiedener 
Meinung. Nach dem einen hiess er Kelos, nach dem andern Pangar. 
Nun gab es in Jerusalem vier Bathsherm: Ben Zizith, Ben Gorion, 
Ben Nicodemos und Ben Kalba Sabua. Ein jeder von ihnen konnte 
die Stadt auf zehn Jahre versorgen. Es war aber auch dort Ben 
Batiach, ein Schwestersohn des Rabban Jochanan ben Saccai, wel- 
cher über die Vorrathshänser gesetzt war. Er verbrannte aber alle 
Vorrathshänser. 

Als Babban Jochanan ben Saccai das hörte, rief er: Wehe! 
Da begaben sich einige zu Ben Batiach und sprachen: Dein Onkel 
hat wehe! gerufen. Da schickte er hin und liess ihn kommen und 
sprach zu ihm: Warum hast du wehe! gerufen? Dieser gab ihm 
zur Antwort: Ich habe nicht wehe ("^"n)! sondern juchhe (m)! ge- 
rufen. Und warum hast du juchhe! gerufen? Er sprach: Weil du 
alle Vorrathshäuser verbrannt hast, so dachte ich mir: Solange die 
Vorrathshäuser dauern, werden sie ihre Körper nicht dem Kampfe 
aussetzen. So ward durch "^nn und ni B. Jochanan gerettet Nach 
drei Tagen ging R. Jochanan ben Saccai auf der Strasse spazieren, 
da sah er, dass die Leute Stroh kochten und das Wasser davon 
tranken. Da dachte er: Können Leute, die Stroh kochen und das 
Wasser davon trinken, wohl dem Vespasian Widerstand leisten? 
Er dachte bei sich: Es giebt kein anderes Mittel gegen diese Sache, 
als dass ich von hinnen gehe. Er sandte zu Ben Batiach und liess 



IV. Tractat Gittin. 155 

ihm sagen: Schaffe mich yon hier fort! Allein dieser sprach: Wir 
haben beschlossen, dass kein Mensch yon hier hinansgelassen werde, 
es sei denn eine Leiche. Darauf sprach R. Jochanan: So lass mich 
unter dem Scheine einer Leiche hinausfahren. Da trug ihn R. 
Elieser am Kopfe und R. Josna bei den Füssen nnd Ben Batiach 
ging Yoran. Als sie an das Thor gelangten, wollten die Wachen 
in die Leiche stechen. Da sprach Ben Batiach zu ihnen: Wollt 
ihr, dass sie (die Römer) sagen sollen: Ihr Lehrer ist gestorben nnd 
sie haben ihn durchstochen? Als er ihnen es so Torstellte, unter- 
liessen sie es. Nachdem sie aus dem Thore waren, trugen sie ihn 
und setzten ihn auf einem Friedhofe (eig. Hause der Ewigkeit) nieder. 
Dann kehrten sie wieder zurück. 

B. Jochanan begab sich sofort zu den Heeren des Yespasian 
und fragte dieselben: Wo ist der König? Sie gingen und meldeten 
dem Yespasian: Ein Jude will dich begrüssen. Der König sprach: 
Er mag kommen! R. Jochanan sprach: Es lebe mein Herr und 
Kaiser (vive domine imperator)! Da sprach Yespasian zu ihm: Du 
begrüsst mich, wie man einen König begrüsst, ich bin aber kein 
König, wenn das der König hörte, so würde er mich (eig. diesen 
Mann) umbringen lassen. Da versetzte R. Jochanan: Wenn du auch 
jetzt noch nicht König bist, so wirst du es aber doch bald werden; 
denn dieses Haus wird nur durch einen König zerstört werden, denn 
es heisst Jes. 10, 34: „Und der Libanon wird durch einen Mäch- 
tigen fallen.'' Hierauf ergriff man den R. Jochanan und führte ihn 
in das innerste Gemach von sieben Zimmern (wo es sehr finster 
war). Hier fragte man ihn: Die wievielste Stunde ist es in der 
Nacht? Er antwortete richtig auf ihre Frage. Sodann fragte man 
ihn: Die wievielste Stunde ist es am Tage? Auch dies beantwortete 
er richtig. Woher wusste das Rabban Jochanan? Aus der Ge- 
wohnheit in seinem Studium.^) Drei Tage darauf ging Yespasian, 
nm sich im Flusse Giphna zu baden. Er hatte bereits einen seiner 
Schuhe wieder angezogen, als die Nachricht eintraf: Nero sei ge- 
storben und man habe ihn zum Herrscher ausgerufen. Er wollte 
nun den andern Schuh anziehen, aber derselbe passte nicht mehr. 
Er sandte nun zu Rabban Jochanan, liess ihn kommen und sprach 
SU ihm: Kannst du mir nicht sagen, warum mir alle Tage bisher 



*) Die Gelehrten pflegten gewisse Absclinitte am Tage und in der Nacht 
IQ wiederholen. 



156 IV. Tractat Gittin. 

die beiden Schabe, die icb anzog, passten, jetzt aber passt nur 
einer, der andere passt nicht? Rabban Jochanan sprach: Da hast 
eine gate Nachricht erhalten, denn es heisst Prov. 15, 30: „Gate 
Nachricht giebt Mark dem Gebein/' Daraaf sprach Yespasian: Was 
ist za than, damit mir der andere Schah aach wieder passt? Da 
sprach Rabban Jochanan: Hast da nicht einen Menschen, den da 
hassest, oder der sich gegen dich verschaldet hat, lass ihn an dir 
vorübergehen, and dein Fleisch wird zasammenschrampfen, denn es 
heisst das. 17, 22: „Ein niedergeschlagenes Gemfith vertrocknet das 
Gebein." Daraaf fing man an anf die Lage der Dinge bezflgliche 
Gleichnisse za reden, nämlich: Wie verfährt man mit einem Fasse, 
in welchem eine Schlange nistet? Rabban Jochanan sprach: Man 
holt einen Schlangenbanner, welcher die Schlange beschwört, das 
Fass aber lässt man in Rahe. Pangar (der Feldherr der Araber) 
aber sprach: Man tödtet die Schlange and zerbricht das Fass. Wie 
verfährt man femer mit einem Thnrme, in welchem eine Schlange 
nistet? Rabban Jochanan sprach: Man bringt einen Schlangenbanner, 
welcher die Schlange beschwört, and den Tharm lässt man in Rahe. 
Pangar dagegen sprach: Man tödtet die Schlange and steckt den 
Tharm in Brand. 

Da sprach Rabban Jochanan za Pangar: Alle Nachbarn, die 
Uebles than, fügen doch ihren Nachbarn Unrecht za. Nicht nar, 
dass da nicht für ans sprichst, da trittst sogar als Gegner gegen 
ans aaf. Pangar versetzte: Ich will ener Bestes; denn solange 
dieses Hans steht, werden each die andern Reiche stets anfeinden, 
wird aber dieses Haas zerstört, so werden each die andern Reiche 
nicht mehr anfeinden. Darauf Rabban Jochanan: Das Herz allein 
weiss, ob es zam Flechtwerk oder zam Ränkespinnen ^) gesprochen 
worden ist 

Daraaf sprach Yespasian za Rab Jochanan ben Saccai: Erbitte 
dir etwas, ich gebe es dir. Rabban Jochanan sprach: Lass die 
Stadt in Ruhe and ziehe ab. Daraaf Yespasian: Haben mich die 
Römer deshalb zum Herrscher erhoben, dass ich diese Stadt ver* 
schonen soll? Erbitte dir etwas anderes, ich gebe es dir. So bitte 
ich dich, versetzte Rab Jochanan, dass da das Westthor (des Tem- 
pels), welches nach Ljdda führt, anberührt lassest, damit jeder, der 
bis vier Stunden die Flacht ergreift, gerettet ist. Nachdem er Jera- 



') Vergl. Sanh. Fol. 26a, wo dasselbe Wortspiel vorkommt. 



IV. Tractat Gittin. I57 

salem erobert hatte, sprach er zu ihm: Hast du jemand, der dir 
theuer ist, oder einen Verwandten, schicke hin nnd lass ihn kommen, 
bevor die Truppen einziehen. Da schickte Babban Jochanan den 
R. Elieser nnd B. Josna hin, nm den B. Zadok zu holen. 

Sie gingen hin nnd fanden ihn am Eingange des Stadtthorcs. 
Als er kam, stand Babban Jochanan vor ihm auf. Da fragte ihn 
Yespasian: Vor solch einem hässlichen Alten stehst da anf? B. 
Jochanan antwortete: Bei deinem Leben! gäbe es noch einen seines- 
gleichen nnd mit dir wären doppelt so viele Truppen, du hättest 
die Stadt nicht erobert! Da fragte Yespasian: Worin besteht seine 
Kraft (Macht)? Babban Jochanan antwortete: Seine tägliche Nahrung 
besteht nur aus der Frucht einer Sykomore und er lernt darauf hun- 
dert Abschnitte. Darauf Yespasian: Warum ist er so abgemagert? 
Darauf Babban Jochanan: Durch die Kraft seiner Kasteiungen und 
seines Fastens. Da sandte Yespasian hin und liess Aerzte kommen, 
welche dem B. Zadok allmählich ein wenig Speise einfiössten, ebenso 
Getränk, bis sein Körper sich wieder erholt hatte. 

Da sprach sein Sohn Eleasar zu ihm: Yater, gieb ihnen (den 
Aerzten) ihren Lohn in dieser Welt, damit sie keinen Antheil mit 
dir in jener Welt haben! Da gab er dem einen eine Art Wage- 
zählung. ^) 

Nachdem Yespasian die Stadt erobert hatte, vertheilte er die 
vier Mauerseiten an die vier Feldherm. Das Westthor fiel Pangar 
zu. Es war aber im Himmel beschlossen worden, dass dieses nicht 
zerstört werden sollte, weil die Schechina im Westen ruhte. Daher 
zerstörten die drei Heerführer wohl die von ihnen eroberten Seiten, 
Pangar jedoch zerstörte die seinige nicht. Yespasian sandte hin und 
liess den Pangar holen. Er fragte ihn: Warum hast du das Deinige 
(deine Seite) nicht zerstört? Dieser antwortete: Bei deinem Leben! 
ich that es zur Yerherrlichung der Begierung! Denn hätte ich sie 
zerstört, so würde kein Geschöpf gewusst haben, was du zerstört 
hast. Jetzt aber, wenn die Leute deren Beschaffenheit sehen, da werden 
sie sagen: Sehet die Macht Yespasians, was (welch ein Werk) er 
verstört hat! Yespasian versetzte: Genug, du hast wohl gesprochen, 
weil du aber meinem Befehle zuwider gehandelt hast, so mögest du 
(eig. jener Mann) auf die Spitze des Söllers steigen und dich (sich) 



^) Etwas, was man mit dem Finger berechnen und anf der Wage zählen 
kann. 



J58 IV. Traclat Gittin. 

herabstfirzen! Bleibst dn (er) am Leben so magst du (er) leben blei- 
ben, stirbst du (er), so stirbst dn (er)! Er (Pangar) stieg hinauf stürzte 
sieb berab, zersebmetterte sich die Knochen nnd starb. So traf 
ihn der Finch des Rabban Jochanan ben Saccai.] 

22. (Fol. 56 b.) Titns erging sich in Schmähungen und Läste- 
rungen gegen den Allerhöchsten. Was that er? Er ergriff eine 
Bahldime, ging mit ihr in das Allerheiligste, breitete die Thorarolle 
als Decke aus und beging darauf eine Sünde (mit der Bahldime). 
Dann nahm er ein Schwert und durchschnitt den Vorhang. Da 
geschah aber ein Wunder; das Blut spritzte empor und drang 
durch, dass er glaubte, er habe sich^) umgebracht, wie es heisst 
Ps. 74, 4: „Es brüllen deine Feinde inmitten deiner Yersamidlangs- 
orte, sie stellen ihre Zeichen als Zeichen auf.'* Abba Ghanan ver- 
weist auf Ps. 89, 9: „Wer ist wie du. Ewiger der Heerschaaren, 
wer ist dir gleich. Gottstarker?'' Denn du hörest das Lästern und 
Schmähen jenes Menschen und schweigst? In der Schule des B. 
Ismael ist gelehrt worden: Es heisst Ex. 15, 11: „Wer ist dir gleich 
unter den Starken (D*«bKn), Ewigerl d. h. wer ist dir gleich unter 
Stummen (D'^%3b&(n)?"^) Was machte Titus? Er nahm den Vorhang, 
machte (rollte) ihn wie eine Art Korb, brachte alle Geräthe im Tempel 
herbei, legte sie hinein und Hess sie in das Schiff legen, um sie zum 
Ruhme mit in seine Stadt zu nehmen, wie es heisst Eoh. 8, 10: „Dann 
sah ich Freyler begraben und sie waren untergegangen, aber Yon 
heiliger Stätte zogen weg und wurden vergessen in derselben Stadt» 
die also gethan hatten.'' Lies nicht: d'^^nnp, begraben, sondern: 
D'^^nnp, gesammelt, und lies nicht: nn^n)Z3'^n, und sie wurden ver- 
gessen, sondern: nn^n)Z3'^i, und sie wurden gepriesen. Manche sagen: 
Es ist wirklich: d'*^nnp, begraben, zu verstehen, denn selbst Dinge 
(Schätze), welche verborgen waren, wurden ihnen (den Feinden) ent- 
deckt Als er auf dem Meere war, erhob sich gegen ihn ein Sturm- 
wind und drohte ihn zu versenken. Da sprach er: Es hat den An- 
schein, als ob die Stärke des Gottes dieser (Nation) nur im Wasser 
bestände, es kam Pharao, und er versenkte ihn ins Wasser, es kam 
Sisera und er versenkte ihn ins Wasser, auch gegen mich erhebt 
er sich, um mich ins Wasser zu versenken. Wenn er stark ist, 
so mag er aufs Trockene heraufkommen und mit mir Krieg be- 



^) Ein Euphemismus f&r „Gott". 

') Da schweigst und bist gleichsam stumm den Lästerungen gegenüber. 



IV. Ti-actat Gittin. 159 

ginnen. Da liess eine Himmelsstimme die Worte vernehmen: Frev- 
ler, Sohn eines Frevlers, Enkel des mchlosen Esan! ich habe ein 
kleines (geringes) Geschöpf in meiner Welt, dessen Name Mücke 
ist, steige anfs Festland und versuche den Kampf mit ihm. Als er auf 
dem Festlande angelangt war, kam die Mücke, drang in seine Nase 
and durchbohrte ihm sieben Jahre das Gehirn. Eines Tages ging er 
an dem Thore des Hauses eines Schmiedes vorüber, da hörte er 
den Hammerschlag und die Mücke hörte auf zu stechen. Da sprach 
er: Es giebt ein Heilmittel. Jeden Tag liess er nun einen Schmied kom- 
men und er musste vor ihm hämmern, wofür er einem NichtJuden vier 
Sus gab, einem Juden aber gab er nichts, indem er zu ihm sprach: 
Es genüge dir, dass du deinen Feind (leiden) siehst. Dreissig Tage 
that er so, von da ab und weiter aber war das Thier daran 
gewöhnt.^) Es ist gelehrt worden: R. Pinchas ben Aroba hat ge- 
sagt: Ich befand mich unter den Grossen Roms und als Titus starb, 
spaltete man sein Gehirn und fand darin (die Mücke), wie eine Schwalbe 
im Gewichte von zwei Selaim. In einer Boraitha ist gelehrt worden: 
Sie war so gross wie eine einjährige Taube und hatte ein Ge- 
wicht von zwei Litra.^ Abaji hat gesagt: Wir haben die Ueber- 
lieferung. Der Mund der Mücke war von Erz und ihre Nägel waren 
von Eisen. Als Titus starb, befahl er seinen Leuten, dass sie ihn 
(eig. jenen Mann) verbrennen und seine Asche in sieben Meere 
streuen, damit ihn der Gott der Juden nicht finden und ihn vor 
Gericht führen sollte. 

23. (Fol. 56b u. 57 a.) Onkelos bar Ealonikos, der Schwester- 
sohn des Titus, wollte zum Judenthum übertreten. Da brachte er 
den Titus durch Nekromantie herauf und sprach zu ihm: Wer ist 
in jener Welt geachtet? Er antwortete ihm: Die Israeliten. Darauf 
fragte er ihn weiter: Soll man ihnen anhangen? Dieser antwortete 
ihm: Ihre Gebote sind zu viel und du kannst sie nicht halten; gehe 
lieber und feinde sie an in dieser Welt und du wirst ein Haupt 
werden, denn es heisst Thren. 1, 8: „Ihre Widersacher sind zum 
Haupte geworden'' d. i. jeder, der die Israeliten bedrängt, wird ein 
Haupt. Dann fragte er ihn: Wodurch wirst du (wird jener Mann) 



^) £ig.: Sobald es sich daran gewöhnt hatte, kehrte es sich nicht mehr 
daran, sondern bohrte fort. 

■) Dieselbe Sage findet sich auch Beresch. r. Par. 10 und Wigikra r. 
Par. 22, Tanch. Chukkath I und Buber, Tancliuma, Cliukkath Anna. 27, mit 
verschiedenen Abweichungen. 



160 IV. Tractat Gittin. 

gerichtet? Dieser antwortete ihm: Mit dem, was ich selbst für mich 
bestimmt habe. Jeden Tag sammelt man meine Asche nnd richtet 
mich, dann verbrennt man mich und yerstreat die Asche auf sieben 
Meere. Dann ging er und holte den Bileam dnrch Nekromantie 
herauf. Er fragte ihn: Wer ist in jener Welt geachtet? Dieser 
antwortete ihm: Die Israeliten. Soll man ihnen anhangen? Er ant- 
wortete mit den Worten: „Nicht suche ihren Frieden und ihr Bestes 
alle Tage.^ Dann fragte er ihn: Wodurch wirst du (wird jener Mann) 
gerichtet? Dieser antwortete ihm: Mit siedendem Samenerguss. Da- 
rauf ging er und holte Jesum^) durch Nekromantie herauf. Er 
fragte ihn: Wer ist in jener Welt geachtet? Dieser antwortete um: 
Die Israeliten. Soll man ihnen anhangen? Dieser antwortete ihm: 
Suche ihr Bestes und suche nicht ihr Böses. Jeder der sie berflhrt 
(der sich an sie macht), gilt so, als wenn er seinen Augapfel be- 
rühre. Wodurch wirst du (wird jener Mann) gerichtet? Dieser ant- 
wortete ihm: Mit siedendem Eothe, denn es heisst: „Jeder, der sich 
über die Worte der Weisen spottend auslässt, wird durch (siedenden) 
Roth gerichtet.^' Komm' und sieh', welch' ein Unterschied zwischen 
einem Abtrünnigen Israels und dem heidnischen Propheten (Bileam) isti 
24. (Das.) Wegen eines Hahnes und einer Henne ist der Königs- 
berg (Tur Malka) zerstört worden. Es war gebräuchlich, dass, wenn ein 
Brautpaar zur Trauung ging, ein Hahn und eine Henne vor ihm 
hergetragen wurde. Man wollte damit ausdrücken: Seid fruchtbar 
und mehret euch wie die Hühner! Eines Tages zog an einem 
solchen Brautpaare eine römische Eriegsschaar yorüber und be- 
mächtigte sich der Thiere (eig. nahm sie von ihnen weg). Da fielen 
die Juden über die Angreifenden her und schlugen sie. Da kam 
man zum Kaiser und meldete ihm: Die Juden empören sich gegen 
dich, infolgedessen zog der Kaiser gegen sie. Unter den Juden befand 
sich Bar Daroma, der eine Mil weit springen konnte, welcher riele 
von dem feindlichen Heere erschlug. Der Kaiser nahm die Krone 
von seinem Haupte, setzte sie auf die Erde nnd sprach: Herr der 
Welt! wenn es dir gefällt, so überliefere uns nnd das Reich nicht 

in die Hand eines Mannes! Bar Daroma aber entfuhren die Worte 

Ps. 60, 12: „Nicht du, o Gott, der du uns Verstössen und nicht 
auszogst, Gott, mit unseren Heeren?'* Bar Daroma ging in einen 
Abtritt, um seine Nothdurft zu verrichten, da kam ein Drache (eine 

1) So ist für hvrw^ yvnth, den abtrünnigen Israeliten zu lesen. 



IV. Tractat Gittin. jgj 

grosse Schlange) und riss ihm die Därme (aas dem Leibe), infolge- 
dessen er starb. Der Kaiser wurde von dem Wunder so erschüttert, 
dass er wieder abzog (eig. dass er sie in Ruhe liess). Die Juden, 
darüber sehr erfreut, assen und tranken und veranstalteten eine 
Beleuchtung, welche so gross war (eig. man zündete so viele Lich- 
ter an), dass die eingravirte Figur eines Siegelringes in der Ent- 
fernung von einer Mil gesehen (erkannt) wurde. Der Kaiser nahm 
aber diese Siegesfeier sehr übel auf, er sprach: Die Juden freuen 
sich über mich! Er rückte mit einem Heere an, dass, wie R. 
Assi gesagt hat, aus 300000 Schwertführem bestand. Sie zogen 
in den Königsberg und tödteten drei Tage und drei Nächte. Auf 
der anderen Seite dagegen herrschte Spiel und Gesang,^) da man 
von dem schrecklichen Vorfalle nichts wusste. Darauf ist gesagt 
Thren. 2, 2: „Zerstört hat der Ewige schonungslos all die Anger 
Jacobs." Nach R. Jochanan sind das die sechzig Myriaden Städte, 
welche dem König Jannai auf dem Königsberge gehörten, denn 
nach Rab Jehuda hat R. Assi gesagt: Sechzig Myriaden Städte be- 
sass der König Jannai auf dem Königsberge und in jeder waren 
so viel Bewohner, wie die Auszügler aus Aegypten betrugen, aus- 
genommen waren drei, welche doppelt so viel Bewohner zählten, als 
die Auszügler aus Aegypten betrugen; es sind Kephar Bisch (schlech- 
tes Dorf), Kephar Schichlaim (Kressedorf) und Kephar Dichraja 
(Dorf der Männlichen). Kephar Bisch hiess es, weil die Bewohner 
ihre Häuser nicht zu einer Herberge hergaben;^) Kephar Schichlaim 
hiess es, weil die Bewohner von Kresse lebten^ und Kepher Dich- 
raja hiess es, weil nach R. Jochanan seine Weiber zuerst Knaben 
und zuletzt Mädchen gebaren und damit den Abschluss machten. 
Ula hat gesagt: Ich habe den Ort (den Königsberg) gesehen, selbst 
sechzig Myriaden Rohre kann er (jetzt) nicht fassen. Ein Sadducäer 
sprach zu R. Chanina: Ihr sagt Lügen. R. Chanina antwortete ihm: 
Es heisst vom Lande Israel Dan. 11, 16: „->n^ y^K, das herrliche 
Land (eig. Land der Gazelle)." Wie nämlich die Haut der Gazelle 
nicht wieder ihr Fleisch fasst, so ist auch das Land Israel zur Zeit, 
wo die Israeliten darauf wohnen, weit, zur Zeit aber, wo sie nicht 
darauf wohnen, ist es eingezogen. 



^) D. i. es fanden da Hochzeiten und Tanz statt. 

■) Die Bewoliner nelinien keine Gäste auf und übten keine Gastfi-eundschafl. 
') Die Bewohner dieses Ortes sollen mit Kresse viel Handel getrieben haben. 
W Ansehe, Der babylonische Talmad. 11 



162 ^V. Tractat Gittin. 

(Das.) Rab Minjumi bar Chilkia and Rab Ghilkia bar Tobia 
und Rab Huna bar Chija sassen beieinander. Da sprachen sie: Hat 
einer etwas von dem Dorfe Secbanja in Aegypten za erz&hlen, so 
soll er es sagen. Da begann einer von ihnen und erzählte folgende 
Geschichte. Es begab sich, dass ein Verlobter nnd eine Verlobte 
zwischen Fremden (Nochrim) gefangen und miteinander verheirathet 
worden. Da sprach die Braut: Ich bitte dich, berühre mich nicht, 
denn ich habe keine Hochzeitsyerschreibung (Eethuba) von dir. Er 
berührte sie nicht bis an den Tag seines Todes. Als er gestorben 
war, sprach sie za ihnen (den Gelehrten): Betraaert ihn, denn er 
hat seine Leidenschaft mehr als Joseph bekämpft; denn Joseph hat 
nar einmal (eine Stande) sie bekämpft, dieser aber alle Tage; 
Joseph ferner war nicht mit ihr (der Potiphera) in einem Bette, 
dieser aber war (mit mir) in einem Bette; sie (Potiphera) war nicht 
Joseph's Weib, diese (ich) aber war sein Weib. Daraaf begann der 
andere: Einmal kamen 40 Masz (Modi) für einen Denar zu stehen, 
da wurde es theuer nnd es fehlte ein Masz. ^) Man untersuchte and 
fand, dass ein Vater und sein Sohn ein yerlobtes Mädchen am Ver- 
söhnungstage beschlafen hatten.^) Da brachte man sie vor Gericht 
und steinigte sie und das Masz kehrte an seinen Ort zurück.*) Hier- 
auf begann der dritte und erzählte. Es traf sich einmal, dass ein 
Mensch seine Augen (Aufoierksamkeit) auf sein Weib lenkte, and sich 
von ihr scheiden wollte. Dasselbe besass aber eine grosse Hochzeits- 
verschreibung. Was machte er? Er ging and lud seine Brautführer 
(Freunde) zu sich, gab ihnen zu essen und zu trinken, so dass sie 
betrunken wurden. Darauf legte er sie (und sein Weib) auf ein Bett, 
brachte das Eiweiss und warf es zwischen sie (d. i. zwischen seine 
Freunde und sein Weib). Nun stellte er Zeugen^) und kam vor Ge- 
richt Daselbst war aber ein Alter von den Schülern des alt^ 
Schammai, Namens Baba ben Buta. Dieser sprach zu ihnen: So 
habe ich vom alten Schammai überliefert erhalten: Das Eiweiss 
zieht sich zusammen (wird fest) vor dem Feuer, der Samenerguss 
dagegen weicht vor dem Feuer zurück. Man untersuchte die Sache 
and fand seine Worte bestätigt. Sie führten ihn vor Gericht und 



'1) D. i. 89 Masz kamen einen Denar zu stehen. 
*) Das war die Ursache der Theuerung. 
') D. i. die Tlieuerung: liörte auf. 
^) Dieselben mussten aussagen, dass sie Samenerguss gesehen hätten. 



IV. Tractat Gittia. 163 

geisselten ihn und trieben von ihm die Hochzeitsverschreibang (Ee- 
thnba) ein. Abaji fragte den Rab Joseph: Da sie solche (so sehr) 
Gerechte waren, wamm wurden sie bestraft? Dieser antwortete: 
Weil sie nicht über Jerosalem trauerten, denn es steht geschrieben 
Jes. 66, 10: „Freuet euch mit Jerusalem und frohlocket darüber, 
all ihre Freunde, freuet euch mit ihr in Wonne alle, die ihr um sie 
trauert." 

25. (Fol. 57 a.) Wegen einer Wagendeichsel ist Bitther zer- 
stört worden. Es war nämlich gebräuchlich, dass bei der Geburt 
«ines Knaben ein Zederbäumchen und bei der Geburt eines Mäd- 
chens ein Eieferbäumchen gepflanzt wurde. Wenn beide sich dann 
verheiratheten, so wurden die Bäume gefällt und zum Traubaldachin 
verwendet Eines Tages fuhr bei Aufführung einer solchen Scene 
die Eaisertochter vorüber; unglücklicherweise zerbrach die Wagen- 
deichsel und zur Wiederherstellung derselben wurde eine solche 
€eder gefällt und herbeigeholt Da kamen die Juden, fielen über 
die Arbeiter her und schlugen sie. Man ging und meldete es dem 
Kaiser mit den Worten: Die Juden empören sich wider dich; in- 
folgedessen zog er gegen sie. Es heisst Thren. 2, 3: „Er schlägt 
ab in zorniger Gluth das ganze Hörn Israels." Das sind nach R. 
Sera im Namen des R. Abahu im Namen des R. Jochanan die 
80 000 Eriegshörner (Trompeten^ welche in die grosse Stadt Bitther 
«inzogen, als sie dieselbe erobert hatten. Sie würgten Männer und 
Weiber und Einder ohne Unterschied, so dass ihr Blut floss und 
ins grosse Meer sich ergoss. Solltest du vielleicht sagen: Dieselbe 
ist nahe, so wisse, dass sie eine Mil davon entfernt ist R. Elieser 
der Grosse sagt: Zwei Bäche giebt es in Bikath Jadaim, von denen 
der eine dahin und der andere dorthin fliesst und nach der Berech- 
nung der Weisen (Gelehrten) erhielten sie zwei Theile (^/j) Wasser 
und einen Theil (^/g) Blut (von den Erschlagenen). In einer Boraitha 
ist gelehrt worden: Sieben Jahre hielten die Völker der Welt von 
ihren Weinbergen Lese in Folge des Blutes der (erschlagenen) Is- 
raeliten, ohne dass sie jene gedüngt hatten.^) 

Der R. Ghija bar Abin hat im Namen des R. Josua ben Earcha 
gesagt: Mir hat ein Alter von den Bewohnern Jerusalems gesagt: 
Nebnsaradan, der Oberste der Trabanten, brachte in diesem Thale 
211 Myriaden Menschen um und in Jerusalem tödtete er auf einem 



>) Eigentl.: Ohne Mist. 

ir 



164 IV. Tractat Gittiii. 

Steine 94 Myriaden, bis ihr Blut in Strömen floss und sich mit dem 
Blute Sacharja's berührte (yermischte), um zu bestätigen, was gesagt 
ist: „Blut berührt sich mit Blut." Als er sah, dass das Blut des 
Sacbarja sott (aufwallte) und in die Höhe stieg, fragte er sie: Was 
ist das (d. i. was hat es für eine Bewandtniss mit diesem Blute)? 
Sie antworteten ihm: Es ist das Blut der Opfer, welches vergossen 
worden ist. Er Hess solches Blut herbeibringen, ber es war jenem 
Blute nicht gleich. Da sprach er zu ihnen: Wenn ihr mir die 
Wahrheit sagt, so ist's gut, wenn nicht, so will ich mit eisernen 
E&mmen euer Fleisch (vom Leibe) abkämmen. Da sprachen sie: 
Was sollen wir dir sagen? Es war ein Prophet unter uns und wies 
uns mit Strafreden zurecht, darum kamen wir über ihn und tödteten 
ihn und sein Blut ist so und so viele Jahre nicht zur Ruhe ge* 
kommen. Da sprach er zu ihnen: Ich will ihn befriedigen. Dar- 
auf liess er Männer vom grossen und kleinen Sjnedrium holen 
und tödtete sie über demselben, doch es wurde nicht beruhigt Er 
liess nun Jünglinge und Jungfrauen kommen und tödtete sie über 
demselben, doch es wurde nicht beruhigt. Da liess er endlich die 
Schulkinder^) kommen und tödtete sie über demselben, doch es 
wurde nicht beruhigt Da sprach er: Sacbarja, Sacbarja! ich habe 
die besten unter ihnen umgebracht, gef&llt es dir, dass ich sie alle um- 
bringen soll? Als er so sprach, da stand es sofort still. Da dachte er 
in seinem Sinne, Busse zu thun, er sprach: Wenn es schon diesen so 
ergangen ist, welche nur einen (jenen) Mann getödtet haben, um 
wie viel mehr mir, der ich alle jene Seelen getödtet habe! Er floh, 
ging, sandte sein Testament nach seinem Hause und nahm das Juden- 
thum an. Es ist gelehrt worden: Naeman war ein Proselyt des Thores, 
Nebusaradan aber ist ein Proselyt der Gerechtigkeit geworden. Die 
Enkel Haman's haben Thora in Bene-Berak, die Enkel Sissera's 
haben mit Kindern in Jerusalem gelernt Die Enkel SancheriVs 
haben Thora mit Vielen gelernt Welches waren sie? Schemaja 
und Abtalion. Das ist es, was geschrieben steht Ezech. 24, 8: „Ich 
lege ihr Blut auf dürrem Felsen, auf dass es nicht zugedeckt werde.'* 
(Das.) Es heisst Gen. 27, 22: „Die Stimme ist Jacob's Stimme 
und die Hände sind Esau's Hände.'* „Die Stimme,'' das geht auf 
den Kaiser Hadrian, welcher in Alexandrien in Aegjpten 2X60 My- 
riaden erwürgte, also doppelt so viel als die Auszügler aus Aegyp- 



') Eigentl.: die Kinder des SchuUiauseä. 



IV. Tractat Gitlin. Ig5 

ten waren. „Ist Jacob's Stimme/' das geht auf den Kaiser Yespa- 
sian, welcher in der Stadt Bitther 400 Myriaden erwürgte , oder 
wie andere sagen: 4000 Myriaden. ,,Die Hände sind Esaa's Hände/' 
das geht auf das Reich (die Regierung), welches (welche) unser Haus 
(den Tempel) verwüstet und unser Heiligthum verbrannt und uns aus 
unserem Lande verbannt hat. Oder: „Die Stimme ist Jacob's Stimme/' 
das will sagen: Kein Gebet hilft (nützt), es sei denn, dass es von 
dem Samen Jacob's ausgeht. „Und die Hände sind Esau's Hände/' 
das will sagen: Kein Krieg ist siegreich, es sei denn, dass er von 
dem Samen Esau's ausgeht Das ist es, was R. Eleasar gesagt hat 
Hi. 5, 21: „Geborgen bist du durch der Zunge Streiche" d. h. durch 
der Zunge Klagen bist du geborgen. 

26. (Fol. 57 b.) Nach Rab Jehuda hat Rab gesagt: Was heisst 
das, was geschrieben steht Ps. 137, 1: „An den Strömen Babylons, 
da Sassen wir und weinten, da wir lAon's gedachten?" Daraus geht 
hervor, dass der Heilige, gebenedeiet sei er! dem David die Zer- 
störung des ersten und die Zerstörung des zweiten Hauses (Tempels) 
zeigte; des ersten Hauses, wie es heisst: „An den Wasserbächen 
Babylons, da sassen wir und weinten/* des zweiten, wie es heisst 
das. V. 7: „Gedenke, Ewiger, den Söhnen Edoms den Tag vor 
Jerusalem, da sie sprachen: Reisset nieder (zerstöret), reisset nieder 
bis auf den Grund darin." Nach Rab Jehuda hat Samuel, oder, 
wie manche meinen, R. Ammi gesagt, andere dagegen sagen: In 
einer Boraitha ist gelehrt worden: Einmal wurden 400 Knaben und 
Mädchen zum Zwecke der Schmach (Unzucht) gefangen genommen. 
Als sie vernahmen, wozu man sie begehrte, sprachen sie: Wenn wir 
uns ins Meer stürzen, so werden wir zum Leben der künftigen Welt 
kommen. Da trug das Aelteste von ihnen vor: Es heisst das. 68, 23: 
„Der Ewige spricht: Von Baschan führe ich zurück, ich führe zurück 
aus Meerestiefen." „Von Baschan (i^MTs) führe ich zurück** d. i. 
selbst was zwischen den Zähnen der Löwen ist (m-»^« •»^-'u: v^'^) 
führe ich zurück, „ich führe zurück aus Meerestiefen'* d. s. die, 
welche sich ins Meer stürzen. Als die Mädchen das hörten, 
sprangen sie alle über Bord und stürzten sich ins Meer. Da er- 
hoben die Knaben ihre Stimme (eig. sie zogen einen Schluss vom 
Leichteren auf das Schwerere) und sprachen: Wenn schon diese das 
gethan haben, deren Weise es also (d. i. beschlafen zu werden) ist, 
um wie viel mehr müssen wir es thun, deren Weise nicht also ist! 
Sofort sprangen auch sie ins Meer, und über sie sagt die Schrift 



166 IV. Tractat Giltin. 

Ps. 44, 23: „Wir werden deinetwegen täglich gewürgt, wie Schlacht- 
scliafe sind wir geachtet*^ Nach Rab Jehnda ist dieser Aasspmcb 
auf jene Frau^j mit ihren sieben Söhnen anzuwenden. Mao 
brachte den ersten derselben vor den Kaiser; dieser gebot ihm: 
Diene den Götzen! Er antwortete jedoch: Es steht in der Thora 
geschrieben Ex. 20, 2: „Ich bin der Ewige, dein Gotf Der 
Kaiser liess ihn hinausführen und tödten. Darauf führte man den 
zweiten vor den Kaiser. Dieser gebot ihm: Diene den Götzen! 
Er antwortete jedoch: Es steht in der Thora geschrieben das» 
y. 3: „Du sollst keine anderen Götter vor mir haben/' Der 
Kaiser liess ihn ebenfalls hinausführen und tödten. Man brachte 
nun den dritten vor den Kaiser. Dieser sprach zu ihm: Diene den 
Götzen! Er aber sprach: Es steht in der Thora geschrieben das. 
22, 19: „Wer den Götzen opfert, soll vei bannt werden." 2) Der 
Kaiser liess auch ihn hinausführen und tödten. Darauf wurde der 
vierte vor den Kaiser gebracht. Dieser befahl ihm: Diene den 
Götzen! er aber sprach: Es steht in der Thora geschrieben das. 
34, 14: „Du sollst dich vor keinem andern Gott bücken." Der 
Kaiser liess auch ihn hinausführen und tödten. Nun führte man 
den fünften vor den Kaiser. Dieser befahl ihm: Diene den Götzen! 
er aber sprach: Es steht in der Thora geschrieben Deut 6, 4: 
„Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist einig einzig." Da liesa 
der Kaiser auch ihn hinausführen und tödten. Nun erschien der 
sechste vor dem Kaiser. Dieser befahl: Diene den Götzen! Der 
Sohn sprach: Es steht in der Thora geschrieben das. 4, 39: „Er- 
kenne heute und nimm es zu Herzen, dass der Ewige allein Gott 
ist oben im Himmel und auf der Erde unten und sonst keiner/^ 
Der Kaiser liess auch ihn hinausführen und tödten. Endlich er- 
schien der siebente. Der Kaiser gebot: Diene den Götzen! er aber 
sprach: Es steht in der Thora geschrieben das. 26, 17. 18: „Den 
Ewigen hast du heute anerkannt, dass er dir ein Gott sei . . • und 
der Ewige hat dich heute anerkannt, dass du ihm ein Volk des 
Eigenthums seist" d. i. wir haben dem Heiligen, gebenedeiet sei er! 
geschworen, dass wir ihn nicht mit einem anderen Gotte vertauschen 
wollen, und er hat uns geschworen, dass er uns nicht mit einer 
anderen Nation vertauschen will. Da sprach der Kaiser zu ihm: Ich 



*> Ihr Name war Hanaa. 

■; Sinn: Der hat das Leben verwirkt. 



IV. Tractat Gittin. 167 

will meinen Siegelring ^) vor dir hinwerfen, bflcke dich und hebe ihn 
anf ! damit die Leute meinen, da habest dich gebückt und habest 
dem Befehl des Königs Folge geleistet Da sprach der Sohn: Wehe 
dir, Kaiser! wehe dir, Kaiser! du hältst schon auf deine Ehre so 
viel, um wie vielmehr muss ich die Ehre des Heiligen, gebenedeiet 
sei er! im Auge behalten!^) Da liess der Kaiser auch ihn hinaus- 
führen, um hingerichtet zu werden. Als man ihn wegführte, um 
ihn zu tödten, sprach die Mutter: gebt mir doch mein Kind noch 
ein wenig, damit ich es küsse. Darauf sprach sie: Meine Kinder! 
geht und sagt zu eurem Vater Abraham: Du hast nur einen Opfer- 
altar errichtet, ich aber habe sieben Opferaltäre errichtet Sie eilte 
darauf aufs Dach, stürzte sich herab und starb. Da erscholl eine 
Himmelsstimme und sprach die Worte Ps. 113, 9: „Es freue sich 
die Mutter sammt ihren Kindern!"^) R. Josua ben Levi hat ge- 
sagt: Der Vers (Ps. 44, 23) geht auf die Beschneidung, welche am 
achten Tage vollzogen wird. R. Simeon ben Lakisch hat gesagt: 
Der Vers geht auf die Schüler der Weisen (Gelehrten), welche an 
sich selbst die Schlachtregeln zeigen, denn Raba hat gesagt: Alles 
mag ein Mensch an sich zeigen, ausgenommen das Schlachten und 
den Aussatz (eig. eine andere Sache). Rah Nachman bar Jizchak 
hat gesagt: Der Vers geht auf die Schüler der Weisen (Gelehrten), 
welche sich wegen der Worte der Thora tödten (d. h. aufopfern), wie 
R. Simeon ben Lakisch, denn dieser hat gesagt: Die Worte der 
Thora haben nur bei dem Bestand, welcher sich ihretwegen tödtet, 
wie es heisst Num. 19, 14: „Dies ist die Thora, wenn ein Mensch in 
einem Zelte stirbt 

27. (FoL 58 a.) Nach Babba bar bar Ghana hat R. Jochanan 
gesagt: Vierzig Sea (Masz) Kapseln von Gebetriemen hat man auf 
den Häuptern der Erschlagenen von Bitther gefunden. Nach R. Jan- 
nai bar R. Ismael waren es drei Kisten, und in jeder befanden sich 
vierzig Sea. Nach einer Boraitha endlich waren es vierzig Kisten 
und in jeder Kiste waren drei Sea. Es ist keine Meinungsver- 
schiedenheit, denn der eine redet von den Gebetriemen der Hand 
(des Armes und der andere von denen des Kopfes). R. Assi hat 



^) Worin des Kaisers Namen eingegraben war. 

*) Sinn: Du zeigst dich besorgt um die Ehrerbietung, die dir erwiesen 
werden soll, und siehst nicht ein, dass wir Gott, dem Konige aller Könige, eine 
weit grössere Ehrhirclit scliuldig sind. 

') Vergl. die Erzählung 2 Maccab. c. 7. 



168 IV. Traciat Gittin. 

gesagt: Vier Eab Gehirn wurden auf einem Steine gefunden. 
Ula sagt: Nenn Eab. Rab Eabana, oder, wie andere meinen, 
Schila bar Mari hat gesagt: Das wissen wir aus Ps. 137, 8. 9: 
„Tochter Babels, die Geplflnderte, Heil dir, der dir bezahlt deinen 
Lohn .... Heil dem, der erfasst und zerschmettert deine Eindlein 
an den Felsen.'* Es heisst Thren. 4, 2: „Die Einder Zions, die 
theuren, die mit gediegenem Golde Aufgewogenen.*' Was heisst: 
„TB^ &'>&6^D7:n?" Sollen wir sagen, dass sie mit gediegenem Golde 
bedeckt waren, R. Schila hat doch gesagt: Zwei Gewichte eines 
Staters aus gediegenem Gold kamen in die Welt, das eine davon 
kam nach Rom und das andere in die ganze Welt? Allein weil 
sie das gediegene Gold durch ihre Schönheit schändeten.^) Frflher 
(vor der Tempelzerstörung) hielten die Angesehenen (Grossen) von 
Rom die eingravirte Figur eines Siegelringes hin und bedienten ihre 
Lager ,^) von da ab und weiter Hessen sie die israelitischen Einder 
kommen, banden sie an die FOsse des Bettes fest und bedienten 
(ihre Lager), da sprach einer (von den Schülern Schila's) zu dem 
andern (eig. zu seinem Genossen): Wie steht (die Strafe dafür in der 
Thora) geschrieben? Antw.: Deut. 28, 61: „Auch jegliche Erank- 
heit und jede Pflege, die nicht geschrieben ist in dem Buche dieser 
Thora, die wird der Ewige auf dich heraufbringen, bis du vertilgt 
bist." Da sprach jener: Wie weit bin ich von dem Verse? Der 
andere antwortete: Ein und ein halbes Blatt. Da sprach dieser: 
Wenn ich doch bei ihm gehalten hätte, so hätte ich deiner nicht 
bedurft 

Rab Jehuda hat im Namen Samuels und dieser wieder im 
Namen des Rabban Simeon ben Gamliel gesagt: Was heisst das, 
was geschrieben steht Thren. 3, 51: „Mein Auge thut meiner 
Seele weh, ob all den Töchtern meiner Stadt?" Vierhundert Ver- 
sammlungshäuser waren in der grossen Stadt Bitther, ^ und in 
jedem waren vierhundert Einderlehrer und vor jedem waren (sassen) 
vierhundert Schulkinder. Als der Feind einzog, erstachen sie ihn 
mit ihren Stäben und als der Feind sie überwältigte und gefangen 



>) D. i. sie waren schöner als gediegenes Gold. 

«) Sie vollzogen den Beischlaf, indem sie den Weibern das Bild des Bin« 
ges vorhielten, damit sie schöne Kinder erhalten sollten. 

3) Nach Jen Taauith IV, 69a oben hat sich die Stadt Bitther 50 Jahre 
nach der Tempelzerstörung behauptet. 



IV. Tractet Gittin. 169 

oahm, wickelten sie dieselben in ihre Rollen und zündeten sie mit 
Fener an. 

28. (Das.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Mit R. Josua ben 
Chananja trug sich Folgendes zu. Als er einmal in eine grosse 
Stadt in Rom kam, sprach man zu ihm: Im Gefängnisse befindet 
sich ein Kind, schön von Augen und lieblich von Gesicht, seine 
Locken h&ngen ihm geordnet herab. Er begab sich dahin und stellte 
sich an die Thttr des Gefängnisses mit den Worten Jes. 42,24: „Wer 
gab Jacob der Plfinderung preis und Israel den Raubenden?*' Dar- 
auf antwortete jenes Kind und sprach: ,j8t es nicht der Ewige, 
gegen den wir gesündigt? Und in seinen Wegen wollten sie nicht 
wandeln und seiner Lehre (Thora) gehorchten sie nicht'' (das.). Da 
rief er aus: Ich bin versichert in Bezug auf dieses Kind, dass es 
^st ein Lehramt in Israel ausüben wird. Beim Dienste! ich weiche 
nicht von dannen, bis ich es befreit habe mit allem Gelde, was man 
für dasselbe festsetzt. Man erzählt: Er wich nicht eher von dannen, 
bis er es mit vielem Gelde befreit hatte. Nur kurze Zeit (wenige 
Tage) verging, da übte es das Lehramt in Israel aus. Es war R. 
Ismael ben Elisa. 

Rah Jehuda hat im Namen Rabs gesagt: Mit dem Sohne und 
mit der Tochter des R. Ismael ben Elisa trug sich Folgendes 
2U. Sie wurden einst von zwei Herren gefangen genommen. 
Nach einiger Zeit trafen die beiden (Herren) an einem Orte zu- 
sammen; der eine sprach: Ich besitze einen unvergleichlich schönen 
Sclaven,^) der andere sprach: Ich besitze eine unvergleichlich schöne 
Sclavin. Darauf sprachen sie: Komm, wir wollen sie miteinander 
verheirathen und uns in ihre Kinder theilen! Als man sie in das 
Schlafgemach führte, setzte dieser sich in den einen Winkel und 
jene setzte sich in den andern WinkeL Dieser dachte: Ich bin ein 
Priester, Sohn eines Hohenpriesters und soll eine Sclavin heirathen? 
Die andere dachte: Ich bin eine Priesterin, Tochter eines Hohen- 
priesters und soll einen Sclaven heirathen, und sie weinten die ganze 
Nacht hindurch. Als die Morgenröthe aufging, erkannten sie ein- 
ander, fielen aufeinander nieder und weinten so laut und heftig, 
dass ihnen die Seele ausging. Ueber sie stimmt Jerem. 1, 16 die 
Klage an: ,J)arob weine ich; mein Auge, mein Auge strömt in 
Thrftnen herab." 



*) Eig.: Wie seme Schönheit ist, giebt es in der ganzen Welt nicht. 



J70 IV. Tractat Gittin. 

(Das.) R. Simeon ben Lakisch hat gesagt: Es begab sich ein- 
mal mit einem Weibe, Namens Zaphnath, der Tochter Peniels. Zaph- 
nath (nSD^) hiess sie, weil alle auf ihre Schönheit schauten (D'^Diat), 
und Tochter Peniers (b«"»?© na), weil sie die Tochter Ton einem 
Hohenpriester war, welche im Alllerheiligsten (D'isdV)-) "^^th) den Gottes- 
dienst verrichtete. Da nahm sie ein Heide gefangen und beschlief sie 
die ganze Nacht Am Morgen zog er ihr sieben Kleider an und 
führte sie hinaus zum Verkaufe. Da kam ein Mensch, welcher sehr 
h&sslich war und sprach zu ihm (dem Verkäufer): Zeige mir ihre 
Schönheit. Jener antwortete ihm: Du Narr, wenn da sie kaufen 
willst, so kaufe sie, denn eine solche Schönheit wie die ihrige, giebt 
es nicht auf der ganzen Welt. Da sprach dieser zu ihm: Trotz- 
dem will ich sie sehen. Da zog er ihr sechs Kleider aus. Sie 
zerriss darauf das siebente, warf sich in Asche und sprach Tor 
ihm (Gott): Herr der Welt! wenn du mit uns kein Erbarmen 
hast, warum willst du mit deinem heiligen Namen, dem starken,, 
nicht Erbarmen haben? Und über sie stimmt Jeremia s. 6, 2ß, 
die Klage an: „Tochter meines Volkes! gürte dich mit Sack, wälze 
dich in Asche, eine Trauer wie um den Einzigen mache dir, bittre 
Klage, denn plötzlich kommt der Verwüster über uns.'' ^**V3r, Ober 
dich heisst es nicht, sondern: irV^, über uns, was sagen will: 
Gleichsam über mich (Gott) und dich kommt der Verwüster. 

(Das.) Nach Rah Jehuda hat Rab gesagt: Was heisst das, was 
geschrieben steht Mich. 2, 2: „Und sie üben Gewalt an dem Mann 
und an seinem Hause, an den Menschen und an seinem Eigenthum?*^ 
Es begab sich einmal mit einem Menschen, — er (dieser Mensch) war 
Lehrling eines Zimmermannes — dass er seine Augen auf das Weib 
seines Meisters warf. Einmal war sein Meister benöthigt Geld m 
leihen, da sprach der Mensch zu ihm: Schicke dein Weib zu'mir, ich 
will dir es leihen. Er schickte sein Weib zu ihm, dieser aber hielt 
sie drei Tage bei sich hin. Da machte sich der Hausherr (am vierten 
Tage) ganz früh auf und kam zu ihm und sprach zu ihm: Wo ist 
mein Weib, welches ich zu dir geschickt habe? Der Mensch sprach: 
Ich habe sie alsbald entlassen, aber ich habe gehört, dass junge 
Leute sie unterwegs überwältigt haben. Da sprach der Meister: 
Was soll ich thun? Der Mensch antwortete ihm: Wenn du meinem 
Rathe Folge leistest, so entlass sie (scheide dich von ihr). Der 
Meister erwiederte: Sie besitzt eine grosse Hochzeitsverschreibung 
(Kethuba). Der Mensch versetzte: Ich will dir borgen, gieb ihr ihre 



IV. Tractat Gittio. 171 

Hochzeitsverschreibnng. Da erhob sich der Meister und schied sich 
von ihr, der Mensch aber ging nnd heirathete sie. Als die Zeit 
herannahte, and er (der Meister) ihn (den Menschen, der sein Lehr- 
ling war) nicht bezahlen konnte, sprach dieser zu ihm: Komm 
nnd arbeite bei mir für deine Schuld. Als sie (der Mensch und 
sein Weib) sich niederliessen und assen and tranken, da stand jener 
nnd schenkte ihnen ein nnd es rollten Thränen ans seinen Augen 
und fielen in ihre Becher. Auf diese Stande ist der Gerichtsbe- 
schluss (Aber die Israeliten) besiegelt worden. Manche sagen: Das- 
selbe ist wegen zweier Dochte in einer Leuchte geschehen.^) 

29. (Fol. 59 a.) Rabba bar Raba, nach andern R. Hillel bar 
Rabbi Wala's hat gesagt: Seit den Tagen Mose's bis Rabbi's haben wir 
nicht Thora und Grösse (Reichthum) beisammen (eig. an einem Orte) 
gefunden. War denn nicht Josua ein solcher? Da war doch Eleasar 
(ihm gleich). War denn nicht Eleasar ein solcher? Da war doch Pin- 
chas. War denn nicht Pinchas ein solcher? Da waren doch die 
Aeltesten. War denn nicht Saul ein solcher? Da war doch Samuel. Da 
aber dieser vor Saul starb, so ist er es doch geblieben? Allein es 
ist ein solcher gemeint, der es durch sein ganzes Leben war, and 
Saul war es doch nur in seinen letzten Jahren. War denn nicht 
David ein solcher? Da war doch *Ira, der Jairite? Dieser starb 
doch aber und David blieb es allein? Allein es ist ein solcher ge- 
meint, der es durch sein ganzes Leben ist und David war es doch 
nur in seinen letzten Jahren. War denn nicht Salomo ein solcher? 
Da war doch Simel, der Sohn Gera's. Salomo brachte doch aber 
den Simel, Sohn Gera's um's Leben? Allein es ist ein solcher ge- 
meint, der es durch sein ganzes Leben war, und bevor Salomo den 
Simel um's Leben brachte, war er es doch nicht. War denn nicht 
Chiskia ein solcher? Da war doch Schebna. Dieser ist doch aber 
getödtet worden? Allein es ist ein solcher gemeint, der es durch 
sein ganzes Leben war, und bevor Schebna getödtet wurde, war es 
Chiskia doch nicht. War denn nicht Esra ein solcher? Da war 
doch aber Nechemja, Sohn Ghacbalja's. Rab Aciia bar Raba sagt: 
Ebenso sage ich: Seit den Tagen Rabbi's bis Rab Aschi's haben 
wir nicht Thora und Grösse (Reichthum) beisammen gefunden. Huna 
bar Nathan war doch aber ein solcher? Allein Huna bar Nathan 
war Rab Aschi unterthänig. 



*) D. h. weil zwei Männer eine Frau zusammen hatten. 



172 IV. Tractat GUtin. 

(Das.) Es heisst 2 Reg. 10, 22: „Und er (Jehu) sprach zu 
dem, der über die Sinnb'^n (den Kleiderschrein) gesetzt war" u. s. w. 
Was ist nnnbTs. R. Abba bar Jacob hat im Namen des R. Jocha- 
nan gesagt: Eine Sache, die gerieben (Vb722ii) und gezogen wird 
{nn733n).*) 

30. (Fol. 59 ab.) Mischna. Diese Dinge haben sie (die Wei- 
sen) der Wege des Friedens halber gesagt: Zuerst soll der Priester 
(beim Lesen der Thora) vorlesen, darauf der Levite und hernach der 
Israelite,*) des Friedens wegen. Geniara, Woher lässt sich dies be- 
weisen? Rah Mathana hat gesagt: Aus dem Verse Deut 31, 9: 
„Und Mose schrieb diese Thora (Lehre) auf und gab sie den Priestern, 
den Söhnen Levi's." Wissen wir denn nicht, dass die Priester die 
Söhne Levi's sind? Allein es will sagen: Der Priester soll zuerst 
lesen und hernach der Levite. 

31. (Fol. 59 b.) In der Schule des R. Ismael ist gelehrt wor- 
den: Es heisst Lev. 21, 8: „Und du sollst ihn (den Priester) hei- 
ligen," das will sagen: In allem, was zur Heiligkeit gehört,^) näm- 
lich dass er (bei der Vorlesung der Thora und in der Hoch- 
schule) zuerst das Wort nehme, zuerst die Benediction (beim Mahle) 
spreche und (bei irgend einer Vertheilung) sich zuerst einen schönen 
Theil (das beste Stück) nehme. Abaji fragte den Rab Joseph: (In 
der Mischna heisst es:) Der Wege des Friedens halber? Das steht 
doch aber schon im Gesetz? Er antwortete ihm: Es steht im Ge- 
setz und es geschieht der Wege des Friedens halber. Die ganze 
Thora ist doch nur der Wege des Friedens halber, denn es heisst 
Prov. 3, 17: „Ihre Wege sind Wege voller Anmuth und alle ihre 
Pfade Friede." Allein Abaji hat gesagt: Die Mischna meint es so, 
wie der Herr (Rabba) gesagt hat, denn in einer Boraitha ist gelehrt 
worden: Wenn zwei aus einer Schüssel essen, so soll einer auf den 
andern warten, essen drei, so brauchen sie nicht auf einander zu 
warten, wer das Brot bricht, der streckt seine Hand zuerst hinein 
(in die Schüssel). Es ist aber gestattet, seinem Lehrer oder son&t 
einem Grösseren Ehre zu erweisen. Darauf hat Rabba gesagt: Dies 



1) Das Wort rmnSo wird als zusammengesetzt aus SSo, reiben und nriD» 
ziehen betrachtet. 

') In alter Zeit liatten die Gemeindemitglieder selbst aus der Tliora vor- 
gelesen, während später dieselben nur zur Thora gerufen (aufgerufen) wurden 
und der Vorbeter ihnen vorlas. 

«) Sollst du ihm den Vorzug geben. 



IV. Traclat Gittin. I73 

ist nur bef der Mahlzeit gestattet, aber nicht in der Synagoge (beim 
Vorlesen der Thora), damit es nicht zu Streitigkeiten komme. 

32* (Fol. 60 a.) R. Jocbanan und Resch Lakisch lernten am 
Sabbath in Agadabüchem« Man darf sie doch aber nicht nieder- 
schreiben? Allein es geschieht deshalb, damit die Thora nicht in 
Vergessenheit gerathe, wie es heisst Ps. 119, 126: „Wenn Zeit zq 
handeln ist fflr den Ewigen, so brechen sie deine Thora." 

Man darf sie (eine Rolle für das Kind) nicht niederschreiben. 
Sie (die Königin Helene) hat doch eine goldene Tafel gemacht, 
worauf der Abschnitt von dem des Ehebruchs verdächtigen Weibe 
(Sota) geschrieben war. Resch Lakisch hat im Namen des R. 
Jannai gesagt: Sie war mit Aleph Beth (Abbreviaturen) geschrieben. 
R. Jochanan hat im Namen des R. Banaah gesagt: Die Thora ist 
Rollen- (Abschnitt-) weise gegeben worden, denn es heisst das. 40, 8: 
,J)amals sprach ich: Siehe, ich komme mit einer Rolle des Buches, 
die Aber mich geschrieben ist" R. Simeon ben Lakisch sagt: Die 
Thora ist versiegelt (abgeschlossen) gegeben worden, denn es heisst 
Deut 31, 26: „Nehmt das Buch dieser Thora." Nach R. Jochanan 
dagegen will dies sagen, dass man alle Abschnitte zusammen genom- 
men hat (und es ist die ganze Thora daraus geworden). Es heisst 
doch aber: „Mit einer Rolle des Buches ("hdo nV:|735i)? (Wie versteht 
dies Resch Lakisch?) Antw.: Die ganze Thora wird nV^Ts, Rolle ge- 
nannt, wie es heisst Sach. 5, 2: „Und er sprach zu mir: Was siehst du? 
Und ich sprach: Ich sehe eine fliegende Schriftrolle." Oder es ist 
so, wie R. Levi gesagt hat: Acht Abschnitte (von der Thora) sind 
an dem Tage gesagt worden, wo die Wohnung (das Stiftszelt) auf- 
gestellt wurde, nämlich: Der Abschnitt über die Priester (d. i. n72M 
0''2nDn bfit), der Abschnitt über die Leviten (d. i. D'^iVn n« np), 
der Abschnitt über die Unreinheiten (d. i. vn "n«« D'^^d:« ^rr*"» 
DnK ^tA D'^KTsa), der Abschnitt über die Entlassung der Unreinen 
(d. i. nDHTsn l?3 inb»">i), der Abschnitt: „Nach dem Tode" (■»•nn« 
ni73), der Abschnitt betreffs des Weintrinkens, der Abschnitt über 
die Leuchter und der Abschnitt betreffs der rothen Kuh. R. Eleasar 
hat gesagt: Die Thora ist zum grössten Theil schriftlich und zum 
kleinsten Theil mündlich gegeben worden, wie es heisst Hos. 8, 12: 
,Jch schrieb ihm auf das Meiste meiner Thora, wie fremd sind sie 
geachtet." R. Johanan hat gesagt: Der grösste Theil (der Thora) ist 
mündlich, der kleinste Theil ist schriftlich gegeben worden, denn es 
heisst Ex. 34, 27: „Durch den Mund dieser Dinge schliesse ich 



174 *V. Tractal Gittin. 

«inen Bond mit dir.'' Es heisst doch aber: ,,Ich schrieb ihm das 
Meiste meiner Thora auf?'' Der Prophet wandert sich. Habe ich ihm 
denn das Meiste meiner Thora aufgeschrieben, ist es nicht wie fremd 
geachtet? £s heisst doch aber: ,,Durch den Mund dieser Dinge? 
(Wie versteht dies R. £leasar?/' Dies ist deshalb gesagt, weil sie 
(die mündlichen Lehren) sehr schwer za lernen sind. B. Jehuda bar 
Nachmani, der Dolmetscher des B. Simeon ben Lakisch trug vor: 
Es heisst Ex. 34, 27: „Schreibe dir diese Worte auf 'S und ferner 
heisst es: „Durch den Mund dieser Worte," wie ist dieser Wider- 
spruch zu erklären? Der Sinn ist dieser: (Gott sprach zu Mose:) 
Die Dinge, welche ich geschrieben habe, darfst du nicht mündlich 
f agen, und wiederum die Dinge, die ich dir mündlich gegeben habe, 
darfst du nicht schriftlich sagen. In der Schule des B. Ismael 
ist gelehrt worden: Es heisst (Exod. 34, 27): „Diese"; das lehrt: 
Diese Dinge darfst du aufschreiben, aber Halachoth darfst du 
nicht aufschreiben. B. Jochanan hat gesagt: Der Heilige, gebenedeiet 
sei er! hat nur wegen der Dinge, die mündlich gesagt worden, mit 
Israel einen Bund geschlossen, denn es heisst: „Durch den Mund 
dieser Dinge habe ich mit dir und mit Israel einen Bund ge- 
schlossen." 

33. (Fol. 61a.) Mischna, Wenn ein Armer auf der Spitze 
eines Olivenbaumes Oliven abschlagt und einer nimmt die, welche 
unter ihm (dem Baume) liegen, so wird dies (der Friedenswege halber) 
als Baub betrachtet In einer Boraitha ist gelehrt worden: Wenn 
er sie abpflückt und mit der Hand auf die Erde legt, so ist er (der 
sie ihm wegnimmt) ein völliger Bäuber. Bab Eahana ging einmal nach 
Hozal, da sah er, wie ein Mann Stöcke nach einem Dattelbaume warf 
und Datteln herabfielen. Bab Eahana las sie zusammen und wollte sie 
essen. Da sprach der Mann zu ihm: Der Herr sehe doch, dass ich 
die Datteln mit den Händen herabwarf (sie sind daher mein und du 
darfst sie nicht nehmen). Bab Eahana sprach zu ihm: Du bist aus 
der Stadt des B. Josia (welcher euch darüber belehrt). Da wandte er 
auf B. Josia den Vers an Prov. 10, 25: „Der Gerechte ist ein 
ewiger Grund."') 

34. (Fol. 61a.) Die Babbinen haben gelehrt: Man ernähre die 
Armen der Fremden (Nochrim) mit den Armen Israels und man be- 
suche die Kranken der Fremden (Nochrim) mit den Kranken Israels 

*) Der Talmud legt dem Verse wohl den Sinn unter: Der Gerechte ist 
-der Grund (das Fundament) der Welt (dMj; n^D»). 



II. Tractat Gittio. 175 

und man begrabe die Todten der Fremden mit den Todten Israels 
der Wege des Friedens halber.') 

35. (Fol. 62 a.) Ein Mensch soll nicht in das Haas eines Nochri 
(Nich^nden) am Tage seines Festes gehen und ihn grflssen. Findet 
(trifft) er ihn auf der Strasse, so grüsse er ihn leise ^ und mit Schwere 
des Hanptes (d. h. mit ernster Haltung, vgL Mischna Berachot, 
Abschn. Y, Anfang). 

36. (Das.) Man soll einen Nochri nicht den Gmss verdoppeln 
wie es bei Königen geschehen musste, vgl. das folgende Stück). Rah 

Ohisda kam ihnen (den Nochrim) mit dem Omsse zuvor ond Rab 
Kahana sagte: Friede dem (meinem) Herrn!') 



1) Um Frieden und Eintracht zu stiften. So hat Maimonides die Stelle 
aufgefasst, wenn er Hilchot Melachim X, 12 lehrt: Audi in Bezug auf die 
Heiden haben die Weisen geboten, deren Kranken zu besuchen und deren Todte 
SQ begraben mit den Todten Israels und deren Arme zu emäliren unter den 
Armen Isra2ls der Wege des Friedens halber. Siehe es heisst: ,,Gnt ist der 
Ewige Allen und seine Barmherzigkeit waltet über allen seinen Geschöpfen;" 
ferner heisst esj: „Ihre (der Thora) Wege sind voll Anmuth und alle ihre Pfade 
Friede. „In Jeruschalnü Demai IV, 3 lautet die Stelle also: Es ist gelehrt wor- 
den: In einer Stadt, in welcher Heiden und Israeliten wohnen, sollen die 
Almoseneinsammler Beisteuern sowohl von den Israeliten wie von den Heiden 
fordern, sie sollen die Armen der Israeliten und die Armen der Heiden ernähren, 
4ie Kranken der Israeliten und die Kranken der Heiden besuchen (pflegen), die 
Todten der Israeliten und die Todten der Heiden begraben, die Trauernden 
der Israeliten und die Trauernden der Heiden trösten, der Wege des Friedens 
halber. Die Gemara macht dazu die Bemerkung: Die Gardarener fragten den 
R. Jannai : Wie steht es denn aber in Bezug auf einen Feiertag (eig. einen Tag 
des Unheils) der Heiden (sollen die Israeliten diesen auch mitfeiern)? Er war der 
Meinung, dass es ihnen von hier (dieser Stelle) aus erlaubt sei, nämlich der 
Wege des Friedens halber. Da sprach aber R. Ba zu ihnen: R. Chija hat doch 
gelehrt, dass ein Feiertag der Heiden (zur Mitfeier den Israeliten) verboten sei. 
R. Jannai sprach: Wenn nicht R. Ba gewesen wäre, so würden wu* uns 
ihren Götzendienst erlaubt haben. Gebenedeiet sei Gott, der uns von ihnen ent- 
fernt hat! 

*) Für un m«a ist \VH 01*3, am Tage seines Unterganges d. i. seines 
Festes zu lesen. 

*) Thosaph. bemerkt zu diesen Worten: Die Erklärung im Konteros (d. i. 
im Commentare Raschi's) ist: Und er beabsichtigte dabei nicht, ihn zu grüssen 
(seine Absicht war nicht, ihn zu grüssen), sondern er dachte dabei an seinen 
Lehrer (seine Gedanken waren auf seinen Lehrer gerichtet). Dagegen muss man 
aber bedenken, dass man doch den lauten nichts vorspiegeln darf. Und ohne 
Grund erkürt er (Raschi) so, denn es heisst nur: Man grüsst sie nicht zweimal 
(der einfische Gmss ist nicht verboten).] 



176 *V. Tractat Giiiin. 

37. (Das.) Bab Hnna und Rab Chisda sassen einmal beisammeiiy. 
da ging Geniba an ihnen vorfiber. £s sprach der eine zum andern: 
Wir wollen nns yor ihm erheben, denn er ist ein Gelehrter. Vor 
diesem Streitsfichtigen wollen wir uns erheben? versetzte der andere. 
Währendem kam er zu ihnen und grflsste sie mit den Worten r 
Friede Ober euch, ihr Könige! Friede Ober euch, ihr Könige! Wo- 
her weisst dn, sprachen sie zu ihm, dass die Rabbinen Könige 
heissen? Er antwortete: Es heisst doch Prov. 8, 15: (die Weis- 
heit spricht:) „Durch mich regieren Könige" o. s. w. und woher 
weisst du, dass man den Königen den Grass verdoppelt? Darauf err 
Rab Jehuda hat im Namen Rabs gesagt: Woher lässt sich beweisen^ 
dass man den Königen den Gruss verdoppelt? Weil es heisst 1 Ghron. 
12, 18: „Und der Geist bekleidete den 'Amasai, den Obersten der 
Anfabrer: dein (sind wir) David, und mit dir, Sohn Isai's, Friede, 
Friede dir und Friede deinen Bundesgenossen, denn dein Gott steht 
dir bei''. Darauf sprachen sie zu ihm: Möchte der Herr nicht etwas- 
gemessen? Nein! versetzte Geniba, denn Rab Jehuda hat im Na- 
men Rabs gesagt: Es ist einem Menschen verboten, eher etwas zi» 
geniessen, als bis er seinem Yieh Futter (Speise) gegeben hat, wie 
es heisst Deut. 11, 15: „Und ich werde Gras geben auf dem Felde 
für dein Vieh", und darauf folgt: „Und du sollst essen und satt 
werden." 

38. (Fol. 67a.) Es ist gelehrt worden: Isi ben Jehuda z&hlte 
das Lob (den Ruhm)^) der Weisen (Gelehrten) auf: R. Melr ist ein 
Weiser und Schriftgelehrter (^didi Q^n), R* Jehuda ist ein Gelehrter^ 
wenn er will (naTT'ttrD^),*) R. Tarphon ist ein Nusshaufen (bttj ba 
D^Tia»),*) R. Ismael ist ein gefällter Kramladen (r:T!i"'73 m:n),*) R- 
Akiba ist eine geschlossene Schatzkammer (Qn^n 'nati&<),^) R. Jo- 



') Gemeint sind die loblichen Eigenschaften. 

') Wenn er ruliifjf und besonnen ist. 

>) Wenn man eine Nuss von einem Haufen hinwegnimmt, so fSIIt der 
ganze Haufen ein. So auch, wenn an R. Tarphon eine Frage gethan wird^ 
bringt er Beweise aus der Schrift, Mischna, Halacha und Haggada. R. 

^) Er gleicht dem wohlassortirten Waarenlager eines Kaufmanns, der zu deo 
Käufern niclit erst zu sagen braucht: Warf et, ich werde es euch holen. Sinn: 
R. Ismael konnte jedem, der ilin etwas fragte, sofort eine befriedigende Antwort 
geben. R. 

^) R. Akiba gleidit einem Armen, der mit seiner Buchse hinaus aufs Fdd 
geht und (ierste, Weizen, Bohnen, kurz, was er findet, aufhebt und hineinlegt» 



IV. Tractat Gitiin. 177 

cfaanan ben Nuri ist eine Erämerbüchse (D-^biDi^in riDip);*) R. Elea- 
sar ben Asarja ist eine Gewürzbüchse (D-^T^tin bib nsip),*) die Lehre 
des R. Eleasar ben Jacob ist ein Eab (Masz) und rein ('^psn np),^) R. 
Josse trägt die Gesetzknnde mit sich (iny ipiTS'^^), R. Simeon mahlt 
viel, l&sst aber wenig ausgehend) Es ist gelehrt worden: Er ver- 
gisst wenig und was er fortgehen l&sst , ist nur Kleie. So hat R. 
Simeon zn seinen Schülern gesagt: Meine Kinder! lernt meine Masze 
(Lehren), denn meine Masze ^) sind die Heben von den Heben der 
Masze des R. Akiba.*) 

39. (Fol. 67 b n. 68 a.) Als einmal die Leute des Hauses des 
Exilarchen Rah 'Amram den Frommen ärgerten, Hessen sie ihn die 
ganze Nacht im Schnee (in der Kälte) liegen und am Morgen sprachen 
sie zu ihm: Was der Herr will, soll man ihm bringen. Da sprach 
Rab 'Amram: Da sie alles , was ich ihnen sage, verkehrt thun, so 
will ich es ihnen gleich verkehrt sagen , und ich werde erhalten, 
was ich wünsche. Er verlangte rothes Fleisch, gebraten auf Kohlen 
und Wein, mit viel Wasser gemischt. Da brachten sie ihm fettes 



tiod wenn er nach Hanse kommt, sucht er die einzelnen Gattungen aus und 
Bondert sie ab. Wenn R. Akiba von. seinen Lehrern etwas aus der Schrift, der 
Halacha, dem Midrasch und der Haggada horte, so merkte er sich alles zu- 
sammen und wiederholte dieselben solange, bis er es geordnet wiedei'geben 
konnte. Seine Rede war nicht: Ich will die Schrift für sich und den Midrasch 
fßr sich leinen; als er aber ein grosser Gelehrter geworden wai*^ machte er die 
ganze Thora zu Münzen d. i. er ordnete Midrasch, Sifra, ein jedes für sich, 
und theilte sie so seinen Schülern mit, die Halachoth für sich und die Hagga- 
doth für sich. R. 

^) Wenn ein Krämer in die Stadt kommt und man ihn firagt: Hast du 
Balsam n. s. w., so antwortet er: Ja wohl, so giebt auch R. Jochanan ben Nuri 
einem Jeden auf seine Frage Bescheid. Es ist nicht dasselbe, was von R. Akiba 
gesagt wird, denn dieser hat alles durcheinander gelernt und sich den Inhalt 
erst hernach zurechtgelegt. R. 

') Der Krämer hat mancherlei Sorten Gewürze in seinem I^den, ein jedes 
aber ist besonders in einer Büchse, um es gleich bei der Hand zu haben. 

*) Sinn: Er hat nicht so viel gelernt, wie mancher andere, allein was er 
im Lehrhause vorträgt, ist geläutert, so dass die Halacha (die Gesetznorm) nach 
sdnem Ausspruche sich gestaltet. 

*) Sinn: Er hat zwar viel gelernt und vergisst nur wenig von dem Gelernten. 

•) nto = ai'am. HnS'^q heisst wahrscheinlich: Regeln, Nonnen. Es ist 

abgeleitet von rnq, Maszstab, wie das griechisehe xdvovsq von xdvofv Mess- 

mthe (D. Hoffmann im Magazin für die Wissenschaft des Judenthums 1884 S. 27). 

*) D. i. von den Eigentümlichkeiten des R. Akiba. 

Wftntehe, Der babjloniicbe Talinvd. 12 



178 IV. Tractal Gittin. 

Fleisch, auf Kohlen gebraten, und reinen Wein, ohne Wasser. Jaltha 
(das Weib des Rab Nachman) hörte es. Sie liess ihn in ein Bad 
bringen nnd stellte ihn in das (heisse) Wasser des Bades, bis das 
Wasser des Bades in Blut verwandelt und sein Körper voll wander 
Flecken wurde (in Folge des fetten Fleisches nnd reinen Weines). 
Rab Joseph beschäftigte sich (mit Lasttragen) in den Mühlen; Rab 
Schescheth beschäftigte sich mit (Tragen von) Balken.) Er sprach: 
Gross ist die Arbeit, denn sie erwärmt ihren Herrn.^) Der Exilarch 
sprach einmal zu Rab Schescheth: Wamm isst der Herr nicht bei 
uns? Dieser antwortete: Weil ihr schlechte Knechte habt, welche ver- 
dächtig sind, ein Glied von einem lebenden Thiere zu essen vorzusetzen. 
Da fragte der Exilarch: Wer sagt das? Rab Schescheth antwortete 
ihm: Ich will es dir beweisen (zeigen). Er sprach zu seinem 
Diener: Geh und stiehl und bring mir einen Fnss von einem 
Thiere. Er brachte ihm einen solchen. Darauf sprach Rab Schescheth 
zu den Knechten: Zerschneidet mir das Thier in Stficke. Da brachten 
sie ihm drei Ffisse und legten sie vor ihn hin. Da fragte er sie: 
Hatte denn denn das Thier nur drei Füsse? Da schnitten sie einen 
Fuss von einem lebenden Thiere ab und brachten ihm denselben. 
Hierauf sprach er zu seinem Diener: Stelle auch deinen Fnss (den 
du gestohlen hast) hin. Dieser stellte ihn hin. Rab Schescheth 
sprach nun zu ihnen (den Knechten): Hatte denn das Thier fQnf 
Füsse? Hierauf sprach der Exilarch zu Rab Schescheth: Wenn 
der Herr von seinem Diener Zubereitetes erhält, wird er dann 
essen? Dieser sprach: Gewiss! Sie stellten nun vor ihn einen 
Tisch, und brachten Fleisch vor ihn und legten es vor ihn hin. 
Es war aber ein Knochen darin. Sie dachten, er würde ihn hin- 
unterschlingen und so erwürgt werden.^) Als Rab Schescheth die 
Fleischstücke betastete, fand er den Knochen; er nahm ihn und 
wickelte ihn in sein Schweisstuch. Nachdem er gegessen hatte, 
sprachen sie zu ihm: Bei uns ist ein silberner Becher gestohlen 
worden. Als sie bei ihm untersuchten, fanden sie die eingewickelten 
Fleischstücke in seinem Schweisstuche. Da sprachen sie: Nun sehen 
wir, dass der Herr bei uns gar nicht essen, sondern uns nur ärgern 
wollte. Da sprach Rab Schescheth: Ich habe gegessen, allein als 



1) Sie waren beide erkältet und wollten sich durch diese Arbeiten zuin 
Schwitzen bringent 

') Rab Schescheth war blind. 



IV. Tractat Gitlin. 179 

ich es kostete, da schmeckte ich, dass das Thier aussätzig war. 
Da sprachen sie zu ihm: Wir hahen jetzt kein aussätziges Thier 
geschlachtet. Rab Schescheth sprach zu ihnen: Untersucht den Ort 
{wo ihr das Stack Fleisch ausgeschnitten habt), denn Rab Chisda 
hat gesagt: Ist ein schwarzer Fleck auf einem weissen Fell, oder ein 
weisser Fleck auf einem schwarzen Fell, so war das Thier ver- 
letzt Man untersuchte und fand es so, wie Rab Schescheth ge- 
sagt hatte. Als Rab Schescheth hinausging (vom Exilarchen), gru- 
ben sie (die Knechte) fOr ihn eine Grube und legten eine Matte darauf. 
Sie sprachen zu ihm: Der Herr begäbe sich zur Ruhe. Rab Chisda 
ging hinter ihm her und schnarchte (räusperte sich). Da sprach Rab 
Schescheth zu einem Kinde: Sage mir deinen Vers. Dasselbe sprach 
die Worte 2 Sam. 2, 21: (Abner sprach zu Asahel:) „Beuge uns dir 
zur Rechten oder dir zur Linken.'* Da sprach Rab Schescheth zu 
seinem Diener: Was siehst du? Dieser sprach: Eine Matte, die hin- 
geworfen ist. Rab Schescheth sprach: Geh vor ihr vorüber (rechts oder 
links). Als Rab Schescheth darüber ging, fragte ihn Rab Chisda: 
Woher wusste es der Herr? Rab Schescheth sprach: Einmal hat 
der Herr geschnarcht (da wusste ich, dass da etwas sein müsste), 
sodann sagte mir das Kind den Vers (man sollte links oder rechts 
gehen) und endlich, weil die Knechte keine guten Menschen sind 
(da dachte ich, sie könnten mir etwas in den Weg legen). 

40. (Fol. 68 a.) Es heisst Koh. 2, 8: „Ich schaffte mir Sänger 
und Sängerinnen (mn^n D'«n«) und die Vergnügungen (Wollust) der 
Menschenkinder — Sclavinnen in Menge (nm^Di riT^^a)." mncn cniD 
d. s. Arten von Gesang, onKn •':n mansrn d. s. Teiche und Bäder, 
ninu:-i nn^i^s, übersetzt man hier (in Babylon) durch: männliche und 
weibliche Dämonen (Schedim und Schedinnen). Im Abendlande sagte 
man: Knn'^^s (ein Wagen). R. Jochanan hat gesagt: In Schichin gab 
es dreihundert Gattungen von Dämonen (Schedim), aber was eigent- 
lich Schiddah (nn-«U3)^) sei, kann ich nicht sagen. Oben wird gesagt, 
hier (in Babylon) übersetzt mau mnui ht^id durch ■j'T-iT'd ht^^d. 
Wozu brauchte Salomo die männlichen und weiblichen Dämonen? 
Es heisst 1 Reg. 6, 7: „Und das Haus, da es gebaut wurde, aus 
völlig zugehauenen Steinen im Bruche ward es erbaut'* u. s. w. Er 
fragte die Rabbinen : Wie kann ich es bewerkstelligen ? ^) Sie ant- 



ij Nach eimgen: Die Königin der Sctiedim. 

') Dass die Steine zum Tempel ohne eiserne Werkzeuge gespalten werden» 

12* 



180 ^V- Tractat Gittin. 

T?orteten ihm; Es giebt dazu einen Stein, Schamir genannt, welchen 
Mose zu den Steinen des Brastschildes (Ephod) verwendet hat Wo 
ist er zu finden? fragte sie Salomo weiter. Lass männliche und 
weibliche Dämonen kommen, versetzten sie, bezwinge sie, vielleicht 
dass sie es wissen and dir den Ort kund thon. Salomo liess mann* 
liehe und weibliche Dämonen kommen, bezwang sie, dass sie es ihm 
anzeigen sollten, allein sie sprachen: Wir wissen es nicht, vielleicht 
aber weiss es Aschmedai, der König der Dämonen. Wo ist der- 
selbe? fragte Salomo. Sie antworteten: Er ist in dem and dem 
Berge, da hat er sich einen Brannen gegraben, denselben mit Was- 
ser gefallt, mit einem harten Steine (Felsstack) zugedeckt und mit 
seinem Siegelringe versiegelt. Jeden Tag steigt er nach dem Him- 
mel hinauf und lernt die Lehren des Himmels, dann steigt er wieder 
zur Erde herab und lernt die Lehren auf der Erde, dann kommt 
er und untersucht seinen Siegelring, deckt den Brunnen auf, trinkt 
daraus, dann deckt er ihn wieder zu, versiegelt ihn au£s neue 
und geht seines Weges. Salomo schickte nun den Benajahu ben 
Jehojada, gab ihm eine Kette, auf welcher der unaussprechliche 
Gottesname eingegraben war, ebenso einen Ring, in welchem der 
Gottesname eingegraben war, ein Bündel Wolle und einen Schlauch mit 
Wein. So (ausgerüstet) ging dieser,^) grub einen Brunnen unterhalb 
desselben (oder des Bergabhanges)^) liess das Wasser herausfliessen» 
verstopfte die Oeffnung mit dem Wollbündel, dann grub er ober- 
halb desselben (oder des Berges) einen Brunnen, liess den Wein hinein- 
fliessen und verstopfte die Oeffnung. Darauf stieg er auf einen 
Baum und setzte sich darauL Als Aschmedai kam, den Siegel- 
ring untersuchte, den Brunnen aufdeckte und Wein darin fand» 
sprach er mit Prov. 20, 1: „Ein Spötter ist der Wein, ein Lärmer 
der Rauschtrank und wer sich darin ergeht, wird nicht weise;" desgL 
heisst es Hos. 4, 11: „Buhlerei, Wein und Most nimmt das Hers 
(beraubt den Sinn).*' Er wollte nicht trinken (weil er dem Weine 
nicht traute); da er aber durstig war, konnte er sich nicht zurück- 
halten, so trank er und wurde berauscht, legte sich nieder und schlief 
ein. Benajahu stieg nun vom Baume herab, ging zu ihm, warf ihm 
(Aschmedai) die Kette um den Hals und zog sie fest zusammen. Als 



^) Sc. zum Brunnen des Aschmedai. 

') Um Aschmedai beizukommen. 

^) Unterhalb des Brunnens des Aschmedai. 



IV, Tractat Gitün. ]81 

Aschmedai erwachte, wollte er sich derselben entledigen. Benajaha 
aber sprach zu ihm: Der Name deines Herrn ist auf dir! Als er ihn 
hielt und ging, gelangte er an eine Palme und rieb sich an ihr 
und warf sie um, dann gelangte er an ein Haus und er warf es um, 
dann an eine Hütte, worin eine Wittwe wohnte, die ihm entgegen 
kam und ihn anflehte.^) Als er sich auf die andere Seite hinbog, brach 
er ein Bein. Da sprach er: Das ist es, was geschrieben steht Prov. 
25, 16: „Eine weiche Zunge bricht ein Bein (einen Knochen)/' 
Dann sah er einen Blinden, welcher irre ging und er führte ihn 
auf den rechten Weg; dann sah er einen Berauschten, welcher irre 
ging und er führte ihn auf den rechten Weg, dann sah er eine 
Hochzeit, wobei man sehr fröhlich war und er weinte. Dann 
hörte er einen Mann zu einem Schuhmacher sagen: Mache mir 
Schuhe, die sieben Jahre halten, und er lachte; dann sah er 
einen Zauberer, welcher Zauberei trieb und er lachte zam Kö- 
nige. Als Aschmedai dahin (zu Salomon) kam, liess dieser sich drei 
Tage lang nicht (vor ihm) sehen. Am ersten Tage fragte er (die 
Bedienten): Warum verlangt mich der König nicht? Man sprach 
zu ihm: Er hat viel getrunken. Da nahm er einen Ziegelstein und 
legte ihn auf einen andern. Man ging und meldete es Salomo und 
dieser sprach: Er hat damit sagen wollen: Geht und gebt ihm mehr 
zu trinken. Am andern Tage (Morgen) fragte Aschmedai wieder: 
Warum verlangt mich der König nicht? Man sprach zu ihm: Er 
hat zu viel gegessen. Da nahm er den Ziegelstein wieder von dem 
andern hinweg und legte ihn auf die Erde. Man ging und meldete es 
wieder dem König. Dieser sprach: Er hat damit sagen wollen: Gebt 
ihm weniger zu essen. Nachdem drei Tage verflossen waren und er 
vor ihn kam, nahm Aschmedai ein Rohr, masz vier Ellen ab und 
warf es dann vor ihn (Salomon) hin mit den Worten: Wenn der 
Mann^) todt ist, nimmt er nicht mehr in dieser Welt ein als vier 
Ellen, ^) jetzt erobert er eine ganze Welt und ist nicht eher satt, 
als bis er auch mich bezwungen hat Ich verlange von dir weiter 
nichts, als den Stein Schamir, da ich ihn zum Batt des Tempels 
brauche. Dieser, versetzte Aschmedai, ist mir nicht übergeben, 
sondern dem Herrn des Meeres. Dieser vertraut ihn keinem andern. 



^) Sie bat ihn, er möchte ihrer Hütte keinen Schaden zufdgen. 

') D. i. wenn der König Salomo u. s. w. 

') Sinn: Er braucht im Grabe nicht mehr als vier Ellen. 



182 IV. Tractat Gitiin. 

als dem Anerhahn, iofolge eines von ihm geleisteten Schwäres.^) 
Was thnt derselbe mit ihm? fragte Salomo. Aschmedai antwortete: 
Er führt ihn auf den Berg, wo niemand wohnt , hält ihn an die 
Spitze desselben, spaltet ihn und streut Samen von Bäumen hinein, 
dadurch wird dort bewohnbares Land und daher kommt es, dass 
wir ihn (den Auerhahn) in der Uebersetzung Naggar tura («*Tit3 ^aa) 
d. i. Berghahn (Bergspalter) nennen. Sie suchten nun das Nest des 
Auerhahnes und fanden Junge darin und bedeckten es mit weissem 
Glase. Als der Auerhahn kam und hinein wollte, konnte er nicht, 
deshalb ging er und holte den Schamir (um das Glas damit zu zer- 
schneiden) und setzte ihn darauf. Da erhob Benajahu ein grosses 
Geschrei gegen ihn, so dass der Auerhahn ihn (den Schamir) weg- 
warf und Benajahu ihn nahm. Der Auerhahn aber ging hin und 
erwürgte sich wegen seines Schwures (den er dem Fürsten de& 
Meeres geleistet). Benajahu fragte ihn (Aschmedai): Warum brach- 
test du jenen Blinden, als du sahst, dass er vom rechten W^e 
abirrte, auf den rechten Weg? Er antwortete ihm: Weil über ihn 
im Himmel ausgerufen war, dass er ein vollkommner Gerechter sei 
und der, welcher ihm eine Gefälligkeit erweist, sollte sich der zu- 
künftigen Welt erfreuen dürfen. Warum brachtest du femer jenen 
Berauschten, als du sahst, dass er vom rechten Wege abirrte, wie- 
der auf den rechten Weg? Antw.: Weil über ihn im Himmel aus- 
gerufen war, dass er ein vollendeter Frevler sei, und ich verschaffte 
ihm Gemüthsruhe, denn er sollte diese Welt geniessen. Warum 
weintest du ferner, als du jene Hochzeit sahst? Antw.: Weil der Mann 
in drei Tagen sterben und die Frau dreizehn Jahre auf die Le- 
viratsehe warten sollte. Warum lachtest du femer über jenen 
Mann, der zu einem Schuhmacher sagte: Mache mir Schuhe, die 
sieben Jahre halten? Antw.: Weil er nicht sieben Tage mehr 
leben sollte und Schuhe für sieben Jahre verlangte. Warum 
lachtest du endlich über jenen Zauberer, welcher Zauberei trieb? 
Weil er auf dem Schatze des Königs sass und durch Zauberei 
herbeizubringen vorgab, was er doch unter sich hatte. Salomo 
hielt nun Aschmedai so lange bei sich, bis er den Tempel er- 
baut hatte. Eines Tags stand er bei ihm allein und sprach zu 



^) Er giebt denselben niemand als dem Auerhahn, welcher ihm getreu ist 
wegen des Eides, denn er liat ihm geschworen, dass er denselben wohl be- 
wahren wolle. 



IV. Tractat Gittin. 183 

ihm: Es heisst Deot. 24 , 8: „Wie die Höhen des ReSm ist er 
ihm." Unter nis^iriD sind die Dienstengel, und unter dk^ sind 
die Dämonen (Schedim) zu rerstehen. Worin besteht euer Vorzug 
(d. i. was habt ihr vor uns voraus)? fragte ihn Salomo. Er ant- 
wortete: Nimm die Kette von mir und gieb mir deinen Bing und 
ich will dir meinen Vorzug zeigen. Salomo nahm ihm die Kette 
ab und gab ihm seinen Ring. Er verschlang ihn und versetzte 
darauf den einen Theil seines Körpers (seinen einen Flügel) an 
den Himmel und den andern Theil (seinen andern Flügel) auf die 
Erde und schleuderte ihn (Salomo) vierhundert Parasaogen weit fort. 
Auf diese Stunde hat Salomo gesagt Koh. 1, 3: ,,Was ist der Ge- 
winn des Menschen für seine Mühe, womit er sich mühet unter der 
Sonne?" Es heisst femer das. 2, 10: „Dies war mein Theil für 
alle meine Mühe." Was hat er mit dem Worte : „Und dieses (fiTi)" 
gemeint? Darüber sind Rab und Samuel verschiedener Meinung. Der 
eine hat gesagt: Es ist darunter sein Stock, der andere hat gesagt: 
Es ist darunter sein Kaftan (sein Oberkleid) zu verstehen. Salomo ging 
nun an den Thüren umher betteln und überall, wohin er kam, sprach 
er: „Ich, der Prediger, war König über Israel in Jerusalem" (s. das. 
1, 12). Als er zu dem Synedrium kam, sprachen die Rabbinen: 
Was mag das sein, ein Narr bleibt doch beständig bei einer Rede? 
Sie sprachen darauf zu Benajahu: Hat der König nach dir ver- 
langt? NeinI gab er zur Antwort Sie sandten darauf zu den 
Königinnen und Hessen fragen: Kommt der König zu euch? Sie 
Hessen sagen: Ja! Darauf Hessen sie ihnen wieder sagen: Unter 
suchet seine Füsse.^) Er ist mit Halbstiefeln bekleidet gekom- 
men und er verlangt sie zur Zeit ihrer Menstruation , auch hat 
er seine Mutter Batscheba verlangt.^) Hierauf führten sie Sa- 
lomo herbei und gaben ihm den Ring und die Kette, in welche der 
Gottesname eingegraben war. Als er hineinging (in das Gemach),^) 
da sah er (Aschmedai) ihn und flog davon. Obwohl solches ge- 
schah, so blieb doch ein Schrecken in ihm zurück.^) Das ist es, 
was geschrieben steht Gant. 3, 7. 8: „Siehe, Salomo's Bett, sechzig 
Helden umgeben es, von den Helden Israels; alle sind schwert- 



^) Die Fasse der Dämonen sind den Füssen der Hühner älmlich. 

') Um bei ihr zu liegen. 

') In das Gemach, wo Aschmedai auf dem Throne sass. 

*) Salomo fürchtete sich vor ihm. 



184 JV. Tractat Gittin. 

gerüstet, kriegskandig, ein jeder hat sein Schwert an seiner Hafte 
ans Furcht vor den Nächten." 

Rab und Samuel sind femer verschiedener Meinung (ob Salomo 
wieder zur Regierung gelangt ist). Nach dem einen war er zuerst 
König und zuletzt ein gewöhnlicher Mensch (Gemeiner), nach dem 
andern dagegen war er zuerst König, dann wurde er ein gewöhn- 
licher Mensch, zuletzt aber wurde er wieder König. 

41. (Fol. 69 a.) Gegen Zahnschmerzen bringe man nach Rabba 
bar Rab Huna Knoblauch, der blos eine Staude hat, zerreibe ihn 
mit Oel und Salz und lege ihn auf den Na^^el des Daumes von 
derjenigen Seite, von welcher der Schmerz ausgeht 

42. (Fol. 70a.) R. Josua ben Levi hat gesagt: Wenn einer 
Ochsenfleisch mit Mohrrfiben gegessen hat und bei Mondenschein in 
der Nacht vom 14. oder 16. in der Wende des Thamus übernachtet, 
so bekommt er Fieber. In einer Boraitha wird gelehrt: Wer seinen 
Bauch mit irgend einer Sache anfüllt, bekommt Fieber. Rab Papa 
hat gesagt: (Das ist auch der Fall), selbst wenn er Datteln gegessen 
hat. Das ist doch selbstverständlich? Weil aber der Herr gesagt 
hat: Datteln sättigen und erhitzen den, der sie isst und machen ab- 
führen und geben Kraft und verzärteln nicht, so könnten wir meinen, 
dass sie nicht das Fieber erzeugen, daher hat Rab Papa gesagt: 
Selbst wenn einer Datteln gegessen hat, so bekommt er ein Fieber. 
Was ist ein Fieber? R. Eleasar hat gesagt: Es ist ein Feuer in 
den Gebeinen. Was heisst das: Ein Feuer in den Gebeinen? Abaji 
hat gesagt: '^73^:11 k^&< (die aramäische Uebersetzung) ^). 

(Das.) Elia sprach zu R. Nathan: Iss ein Drittel und trinke 
ein Drittel und lass ein Drittel leer, denn wenn du zornig wirst, 
so wirst du auf deiner Fülle stehen (d. L dein Leib wird richtig 
voll werden). R. Chija hat gelehrt: Wer da will, dass er nicht 
unterleibskrank werde, soll sein Brot (in Essig oder Wein) ein- 
tauchen im Sommer und im Winter. Wenn deine Mahlzeit dir ein 
Genuss ist, so ziehe deine Hand zurück und wenn dir deine Noth- 
durft ankommt, so halte dich nicht zurück. 

43. (Das.) Drei Dinge schwächen die Kraft des Menschen, 
nämlich Furcht, Weg (Reise) und Schuld. Furcht, wie es heisst 
Ps. 38, 11: „Mein Herz ist ruhelos, mich verlässt meine Kraft;*' der 
Weg (die Reise), wie es heisst das. 102, 24: „Er hat gebeugt auf 

>) Vgl. das sogen. Targum Jonathan zu Deut. 28, 22. 



IV. Tracut Gittin. 185 

dem Wege meine Kraft;'' Schuld, wie es heisst das. 31, 11: ,,Es 
sinkt in meiner Schuld meine Kraft.'* 

Drei Dinge entkräften den Körper des Menschen, nämlich stehend 
zu essen, stehend zu trinken und stehend sein Bett zu bedienen (den 
Beischlaf auszuüben). 

Fünf Dinge nähern dem Tode mehr als dem Leben, nämlich 
stehend zu essen,^) stehend zu trinken, stehend Ader zu lassen, 
stehend zu schlafen und stehend sein Bett zu bedienen (stehend den 
Beischlaf auszuüben). 

Wer eins von sechs (Dingen) thut, stirbt sofort, nämlich wer 
«ine Reise antritt und abgemüdet zur Ader lässt, ins Badehaus geht, 
trinkt und sich berauscht, auf der Erde schläft und sein Bett be- 
dient (den Beischlaf ausübt). Das will nach R. Jochanan sagen: 
Wer sie (alles das Genannte) nach der Ordnung (d. i. der Reihe 
nach hintereinander) macht. Abaji hat gesagt: Wer sie nach der 
Ordnung (der Reihe nach) verrichtet, stirbt, wer sie nicht nach der 
Ordnung (der Reihe nach) verrichtet, wird schwach. Verhält es 
sich wirklich so? Me^orath hat doch ihren Knecht drei davon ver- 
richten lassen und er ist nicht gestorben? Antw.: Dieser war schwach. 

Acht (Dinge) giebt es, von welchen viel schädlich (schlimm) und 
wenig zuträglich (gut) ist, nämlich Reise, Begattung (yii^ '^'nn), 
Reichthum, Arbeit, Wein, Schlaf, Warmes, Aderlass. 

Acht (Dinge) vermindern den Samen, nämlich Salz, Hunger, 
Hautanschlag (Grind), Weinen (Trauer), Schlafen auf der Erde, Lotos 
(Kamelfutter),') Cuscuta^) zur Uozeit, Aderlass unten (vermindert) 
doppelt 80 viel Es ist gelehrt worden: Sowie unten^) doppelt so 
schädlich ist, so ist es oben^) doppelt so vortheilhafL 

44« (Fol. 81a.) Nach Rabba bar Ghana hat R. Jochanan im 
Kamen des R. Jehuda bar R. Hai gesagt: Komm und sieh! die 
früheren Geschlechter sind nicht wie die späteren. Die früheren 
Geschlechter brachten ihre Früchte auf geebnetem Wege herein, 
damit sie verpflichtet sein sollten, von ihnen den Zehnten zu 
geben, die späteren Geschlechter dagegen bringen ihre Früchte 



1) Eig.: Wer isst und steht u. s. w. 
*) Vielleicht Coriander oder Honigklee, 
s) Vielleicht TenfeUklaue. 
«) Unterhalb der Hoden. 
*) Oberhalb der Hoden. 



186 ^^' Tractat Gittin, 

durch Dächer udcL Zäune herein, um sich dem Zehnten zu ent- 
ziehen.*) 

45. (Fol. 85 b.) Raba führte folgende Formel ffir die Scheide- 
briefe ein: Der und der (N. N.), Sohn dess' und dess', entliess und 
verabschiedete sein Weib N. N., welches früher sein Eheweib war,, 
von heute ab bis auf immer. 

46. (Fol. 86 a.) Rab Jehuda führte für den Kaufbrief eines- 
Sclaven folgende Formel ein: Dieser Sclave ist der Sclaverei ver* 
fallen (tinn^b), er ist fem und abgesondert von jeglicher Freiheit,^ 
\0A jedem Verwand und Einwand des Königs und der Königin ,*) 
kein Zeichen (Mal) irgend eines Menschen ist an ihm/) er ist auch 
frei von jedem Leibesfehler und von Hautausschlag während eine» 
Zeitraums von drei (zwei) Jahren rückwärts gerechnet'^) 

47. (Fol. 88ab.) R. Josua ben Levi hat gesagt: Das Land 
Israel ist nicht eher verwüstet worden, bis sieben Gerichtshäuser 
(d. i. sieben königliche Familien) Götzendienst trieben, nämlich Je- 
robeam, Sohn Nebat's, Baesa, Sohn Achija's, Achab, Sohn 'Amri's,. 
Jehu, Sohn Nimschi's, Pekach, Sohn Remalja's, Menachem, Sohn 
Gadi's, Hosea, Sohn Ela's, wie es heisst Jerem. 15, 9: „Verschmachtet 
ist, die sieben hat geboren, sie haucht ihre Seele aus, untergegangen 
ist ihre Sonne am hohen Tage*' u. s. w. Rab Ammi hat gesagt: 
Das wissen wir aus dem Verse Deut 4, 25: „Wenn du Kinder 
zeugest und Kindeskinder'' u. s. w. Rab Kahana und Rab Assi 
haben zu Rab gesagt: Es heisst von Hosea, Sohn Ela's 2 Reg. 17, 2r 
„Und er that, was böse ist in den Augen des Ewigen, jedoch nicht 
wie die Könige von Israel,'' ferner heisst es von ihm das. V. 3: 
„Gegen ihn zog Salmanassar, König von Assyrien." Rab sprach zq 
ihnen: Jene Wächter, welche er (Jerobeam) auf die Wege setzte, 
damit die Israeliten nicht zum Feste (nach Jerusalem) hinaufziehen 
sollten, hob Hosea auf, trotzdem aber zogen die Israeliten nicht 
(nach Jerusalem) zum Feste hinauf. Da sprach der Heilige, gebene- 
deiet sei er: Jene Jahre, an denen die Israeliten nicht zum Feste 



>) Vergl. Berach. Fol. 35 b. 

*) D. i. er hat auf die Freiheit keinen Anspruch. 

') Die Regierung hat keinen Anspnich aaf ilin, sie kann ihn nicht 
confisciren. 

*) D. i. es hat ihn aucli niemand das Zeiclien eines Sclaven aufgedrückt^ 
auf Grund dessen er ihn fordern könnte. 

^) Er hat in dieser Zeit keinen Hautausschlag gehabt. 



IV. Tractat Gittin. 187 

hinanfgezogen sind, sollen sie in Gefangenschaft gehen. Nach Rab 
Chisda hat Mar Ukba, oder wie anderen meinen, nach Rab Chisda 
hat R. Jeremia gesagt: Meremar hat vorgetragen: Was heisst das, 
was geschrieben steht Dan. 9, 14: „Und der Ewige wachte über 
das Böse (Unglfick) und brachte es über uns, denn gerecht ist der 
Ewige, nnser Gott in allen seinen Thaten.*' Weil der Ewige, unser 
Gott, gerecht ist, wachte er über das Böse (Unglück) und brachte 
es über uns? Antw.: Der Heilige, gebenedeiet sei er! übte Ge- 
rechtigkeit mit den Israeliten, dass er Zedekia noch in die Gefangen- 
schaft führte, da die Gefangenschaft Jechonja's noch bestand, denn 
von der Gefangenschaft Jechonja's heisst es 2 Reg. 24, 16: „Und 
die Zimmerleute und Schlosser tausend.'* ^^n Messen sie (die Wei- 
sen), weil in der Stunde, wo sie vorzutragen anhoben, alle wie taub 
(T^ä^hd) wurden, und ^äots Wessen sie, weil, sobald sie etwas nicht 
beantworten konnten, verschlossen waren. Und wie viel waren ihrer? 
Tausend. Ula hat gesagt: (Die Gerechtigkeit, die Gott an den Israe- 
liten übte, bestand darin) dass er sie zwei Jahre früher (vor der 
Zeit) ins Exil sandte. Das Wort cnröiai in Deut. 4, 26 hat 6 + 
50 + 6+300+50 + 400 + 40 d.* i. 852 in der Zahl Die Israe- 
liten wurden aber zwei Jahre früher d. h. 850 Jahre nach ihrem 
Einzüge in Palästina ins Exil geführt. Rab Acha bar Jacob hat ge- 
sagt: Daraus geht hervor, dass der Herr der Welt mit dem Worte 
Ttyjüf schnell, geschwind 852 Jahre gemeint hat 

48. (Fol. 88 b.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: R. 
Tarphon sagt: Ueberall, wo du eine Versammlung von Richtern fin- 
dest, die Götzendiener sind, obgleich sie ihre Rechtssachen wie die 
Rechtssachen Israels entscheiden, so darfst du dich ihnen nicht an- 
schliessen, denn es heisst Ex. 21, 1: „Und dies sind die Rechte, 
die du ihnen vorlegen soUsf Es heisst: Qri'^^Db, ihnen und nicht 
D""iDy "^scb, den Götzendienern. Oder: Es heisst crr^Süb, ihnen, und 
nicht: müT^nn •^seV, den Idioten. 

49. (Fol. 89a.) Ein Weib, was auf der Strasse isst, oder 
seinen Hals auf der Strasse in die Höhe streckt, oder auf der 
Strasse säugt, soll nach dem Ausspruche des R. Melr geschieden 
werden. R. Akiba dagegen sagt: (Sie dürfen nicht geschieden wer- 
den) es sei denn, dass die Frauen, welche auf der Strasse bei Nacht 
sitzen und bei Mondenschein spinnen, über sie sprechen. R. Jocha- 
nan ben Nun hat gesagt: Wenn dem so wäre (wenn du so entschei- 
den wolltest), so würdest du auch nicht nur eine Tochter unseres 



]88 ^^' Tractat Gitlin. 

Vaters Abraham lassen, welche bei ihrem Manne bliebe, und 
die Thora sagt Deut 24, 1: „Weil er an ihr etwas Schändliches 
(nn*^ T^y]y) gefanden,'' und dort heisst es auch s. das. 19, 15: 
„Darch den Ausspruch zweier Zengen oder durch den Aassprach 
dreier Zeugen muss eine Sache {'^y^j bestätigt werden/' Also wie 
dort eine klare Sache gemeint ist, so ist auch hier eine klare Sache 
gemeint. 

50. (Fol. 90a.) {Mischna. Die Schule Schammai's sagt: Ein 
Mensch darf sich von seinem Weibe nicht scheiden, es sei denn, 
dass er etwas Schändliches an ihr gefunden, wie es heisst Deut. 
24, 1 : „Denn er hat etwas Schändliches (nTny ^rsn) gefunden." Die 
Schale Hillel's dagegen sagt: Selbst wenn sie ihm sein Gericht (eig. 
sein Gekochtes) hat verbrennen lassen (so darf er sich von ihr schei- 
den), denn es heisst das.: „Wenn er an ihr irgend etwas Schändliches 
("irs*^ rii^:?) gefunden hat.") R. Akiba sagt: Selbst wenn er ein anderes 
Weib gefunden hat, das schöner als sie ist (so darf er sich von ihr 
scheiden), denn es heisst das.: „Und es geschieht, wenn sie keine 
Gunst in seinen Augen findet." 

Gemara. Worin findet eine Meinungsverschiedenheit statt? In 
dem, was Resch Lakisch gesagt hat, denn nach diesem hat das 
Wort "^D vier Bedeutungen, nämlich es bedeutet 1) "^k, wenn, 2) «»b^, 
vielleicht, 3) »b», sondern und 4) »nn, denn. Die Schule Schammai's 
meint nun (d. i. sie fasst die Worte so auf): in «ar72n «b D« tr^tri 
1-^2''^^, und es geschieht, wenn sie nicht Gunst finden wird in seinen 
Augen, ^n'n ni^^ nä &<^73 "^3, denn er hat an ihr etvras Sch&nd- 
liches gefunden. R. Akiba dagegen meint (erklärt die Worte): "^3 
^nn Di^y nn kstts so: wenn er an ihr etwas Schändliches gefunden 
{so darf er sich von ihr scheiden).^) 

51. (Fol. 90 ab.) Es ist gelehrt worden: R. Melr pflegte zu 
sagen: Sowie die Ansichten in Betreff der Speisen verschieden sind, 
so sind auch die Ansichten (Sinnesarten) in Betreff der Weiber ver- 
schieden. Manchem fällt eine Fliege in seinen Becher, er wirft 
ihn fort und trinkt ihn nicht Das ist die Weise (Sinnes- 
art) des Papus ben Jehuda, der, so oft er fortging, vor seinem 
Weibe die Thüre verschloss. Manchem wieder fällt eine Fliege in 



^) Der Satz ist dem vorhergehenden Sätze coordmirt: Wenn sie keine Gunst 
findet (und) wenn er an ihr etwas Schändliches gefunden (in beiden Fällen kann 
er sich scheiden). 



IV. Tractat Nedarim. 189 

seinen Becher, er wirft sie fort and trinkt dann weiter. Das ist 
die Weise (Sinnesart) jedes Menschen, welcher sein Weib mit seinen 
Brüdern nnd Verwandten reden (sich unterhalten) lässt (und keinen 
Anstoss daran nimmt). Manchem endlich fällt eine Fliege in die 
Schflssel, er sangt sie ans nnd isst weiter. Das ist die Weise 
(Sinnesart) eines schlechten Menschen, der sein Weib mit entblöss- 
tem Hanpte ausgehen und es auf der Strasse spinnen sieht, während die 
Kleider desselben auf beiden Seiten (d. i. an den Achseln) aufgetrennt 
(zerrissen) sind, und das sich mit Männern (allen Menschenkindern) 
badet „Mit Männern badet" wie kannst du nur daran denken?! 
(dies duldet doch der schlechte Mensch auch nicht.) Es muss daher 
so heissen: „das an dem Orte erscheint, wo Männer baden.'*^) Von 
einem solchen Weibe ist es nach der Thora Pflicht, sich zu scheiden, 
denn es heisst Deut 24, 1. 2: „Wenn ein Mann ein Weib nimmt 
und ehelicht sie, wenn sie keine Gunst in seineu Augen findet, weil 
er an ihr etwas Schändliches gefunden, so soll er ihr einen Scheide- 
brief schreiben und in ihre Hand geben und sie aus seinem Hause 
entlassen, dass sie aus seinem Hause gehe und sie geht und wird 
einem anderen Manne.'' Der Vers sagt: inM, ein anderer, um da- 
mit anzudeuten, dass dieser (der zweite Mann) nicht gleich dem 
ersten sei. Jener hat die Schlechte aus seinem Hause entlassen und 
dieser hat die Schlechte in sein Haus aufgenommen. Hat der zweite 
Verdienste, so wird er sie wieder entlassen, denn es heisst das. V 3.: 
„Und der andere Mann hasset sie,'* und wenn er es nicht verdient, so 
begräbt sie ihn, denn es heisst das.: „Oder wenn der andere Mann 
stirbt, der sie zum Weibe genommen.'' Er ist werth, dass er sterbe, 
denn jener hat die Schlechte aus seinem Hause entlassen und dieser 
hat sie in sein Haus aufgenommen. Es heisst Main. 2, 16: n|;s &<^i& *^, 
das will nach R. Jehuda sagen: Wenn du ihr (deinem Weibe) feind 
bist, so schicke sie fort. Nach R. Jochanan aber ist der Sinn des 
Verses dieser: Angefeindet (bei Gott) ist der, welcher sein Weib fort- 
schickt. Es besteht aber keine Meinungsverschiedenheit zwischen 
beiden, denn letzteres bezieht sich auf das erste Weib, ersteres auf 
das zweite, denn R. Eleasar hat gesagt: Wer sich von seinem ersten 
Weibe scheidet, über den vergiesst selbst der Altar Thränen, ^) wie 



^) Die in die Badeanstalt tritt, wenn Männer heraustreten und ihre Kleider 
anlegen. 

•) Nach rabbiuischer Anschauung vergl. Midr. Beresch. r. Par. 14 wurde 



J9Q V. Tractat Nedarim. 

es heisst Maleachi 2, 13. 14: ,,Und dies thnt ihr zweitens: ihr be* 
decket mit Thränen den Altar des Ewigen, mit Weinen und Jam- 
mern, so dass er sich nicht mehr wenden mag znr Opfergabe und 
annehmen etwas Wohlgefälliges ans eurer Hand. Und ihr sprechet: 
Weshalb? Weil der Ewige Zeuge ist zwischen dir und dem Weibe 
deiner Jugend, gegen welches du treulos warst, da es doch deine 
Gefährtin und das Weib deines Bundes ist." 



V. TRACTAT NEDARIM 

ODER 

VON DEN GELÜBDEN. 1) 



1. (Fol. 7b u. 8a.) R. Chanan hat im Namen Rabs gesagt: 
Wer den Gottesnamen aus dem Munde seines Genossen (leichtfertig 
aussprechen) hört, der ist verpflichtet, den Bann über ihn auszu- 
sprechen; wenn er nicht den Bann über ihn ausspricht, so ist er 
selbst in den Bann gethan. Denn überall wo ein solches leicht- 
fertiges Erwähnen (Aussprechen) des Gottesnamens vorkommt, da 
kommt auch Armuth vor und die Armuth ist dem Tode gleich zu 
achten, wie es heisst Ex. 4, 19: „Denn gestorben sind alle Män- 
ner.''^) In einer Boraitha ist gelehrt worden (R. Simeon ben Gam- 
liel sagt): Ueberall, wo die Weisen (Gelehrten) ihre Augen auf einen 
richteten, da ist er entweder gestorben oder arm geworden. R. 
Abba hat gesagt: Ich stand einmal vor Rab Huna, da hörte er, wie 



Adam aus der Erde des Altars erschaffen, daher weint der Altar über die Tren- 
nung des aus ihm als Vereinigtes Hervorgegangenen. 

*) Dieser aus 11 Capiteln bestehende Tractat handelt von solchen Gelübden, 
durch die jemand sich oder andern irgend einen Genuas versagt. Demnach werden 
alle diejenigen Ausdrücke erörtert, welche ein verbindendes Gelübde enthalten; 
es werden aber auch die dabei vorkommenden Auswege und Veränderungen er* 
wogen; femer wird die Dauer der Gelübde bestimmt und die Art, wie die Ge- 
lübde gelöst werden, wird erklart. Die Hauptstelle im Pentateuch, welche von 
den Gelübden und ihren näheren Bestimmungen handelt, ist Num. 80, 2 — 16. 

*) In Wahrheit waren sie nicht gestorben, sondern sie waren nur arm 
geworden. 



V. Tractat Nedarim. 191 

«in Weib den Gottesnamen mit ihrem Munde vergeblich aussprach, 
•er that sie in den Bann und löste denselben wieder bald darauf in 
ihrer Gegenwart. Daraus wissen wir dreierlei, 1) wir wissen, wer 
-den Gottesnamen (vergeblich) aus dem Munde seines Genossen er- 
wähnen hört, der soll ihn in den Bann thun, 2) wissen wir, 
wenn man jemand in seiner Gegenwart in den Bann thut, so 
•darf man ihn auch nur in seiner Gegenwart lösen, 3) wissen wir, 
•dass zwischen dem Aussprechen des Bannes und dem Lossprechen 
keine Zeit zu verstreichen braucht. Rab Giddel hat im Namen 
Babs gesagt: Woher lässt sich beweisen, dass man schwören darf, 
•eine Vorschrift erfüllen? Weil es heisst Ps. 119, 106: „Ich 
schwöre und halte es.'* Jeder ist doch beschworen vom Berge Sinai 
her? (Warum soll er nochmals schwören?) Allein der Sinn ist 
•dieser: Durch das nochmalige Schwören darf sich der Mensch (zu 
:8einer Pflicht) aneifern. 

Rab Giddel hat femer im Namen Rabs gesagt: Wer da sagt: 
Ich will früh aufstehen und den Mischnaabschnitt oder den Tractat 
lernen, so hat er ein grosses Gelübde dem Gotte Israels gelobt. 

Ferner hat Rab Giddel im Namen Rabs gesagt: Wer zu 
«einem Genossen sagt: Wir wollen früh aufstehen und diesen Ab- 
schnitt lernen, dem liegt ob, zuerst aufzustehen, denn es heisst 
Ezech. 3, 22. 23: „Und er sprach zu mir: Auf, gehe hinaus in das 
Thal und dort will ich mit dir reden. Und ich machte mich auf 
^nd ging hinaus in das Thal, und siehe, dort stand die Herrlichkeit 
4es Ewigen."^) 

2. (Das.) Rab Joseph hat gesagt: Wenn einer im Traume ge- 
hört hat, dass man zu ihm sagte: Du sollst in den Bann gethan 
werden! so muss er zu seiner Lösung zehn Menschen holen, die Halacha 
•(Talmud) lernen, nicht aber solche, die blos Mischna lernen. Giebt es 
aber nicht solche, welche Halacha lernen, so darf er solche nehmen, 
die Mischna lernen. Giebt ej aber selbst solche nicht, die Mischna 
lernen, so soll er gehen und sich auf einen Scheideweg setzen und 
^ehn Menschen grüssen, bis er zehn trifft, die Halacha lernen. 

3. (Fol. 8 b.) R. Sera hat im Namen des R. Eleasar gesagt, 
4ass R. Chanina nach R. Miascha im Namen des R. Jehuda bar 
Hai gesagt habe: Was heisst das, was geschrieben steht Male. 3, 20: 



*) Die Herrlichkeit Gottes war bereits an dem Orte, als der Prophet Eze- 
«biel eintraf. 



192 V. Tractat Nedarim. 

„Aber euch wird scheinen, die ihr meinen Namen fflrchtet?" Da- 
mit sind die Menschenkinder gemeint, welche sich fürchten, meinen 
Namen vergeblich zu erwähnen. Das.: „Eine Sonne der Gerechtig- 
keit und der Heilung an ihren Flügeln/' Abaji hat gesagt: Von hier 
ans wissen wir, dass die Staubsäule der Sonne Heilung bringt, und 
er steht im Widerspruch mit B. Simeon ben Lakisch, denn dieser 
hat gesagt: Es giebt in der zukünftigen Welt keine Hölle, sondern 
der Heilige, gebenedeiet sei er! lässt die Sonne aus ihrem Futteral 
(ihrer Hülle) heraustreten, die Gerechten werden durch sie geheilt 
(genesen), die Frevler aber werden durch sie gerichtet, wie ea 
heisst Maleachi 3, 20: „Aber euch wird aufgehen, die ihr meinen 
Namen fürchtet, eine Sonne der Gerechtigkeit und der Genesung 
an ihren Flügeln,*' und nicht nur das, sondern sie werden sich an 
ihr ergötzen, wie es heisst das.: „Und ihr werdet ausziehen und 
umherspringen wie Kälber der Mast." Die Frevler aber werden 
durch sie gerichtet werden, wie es heisst das. Y. 19: „Denn siehe, 
ein Tag kommt, brennend gleich dem Ofen und es werden alle 
Uebermüthigen und alle, die Frevel geübt, Stoppel sein und es 
wird sie entzünden der kommende Tag, spricht der Ewige der 
Heerschaaren, der ihnen nicht zurücklassen wird Wurzel noch Zweig.** 
4. (Fol. 9b.) Es ist gelehrt worden: Simeon der Gerechte hat 
gesagt: Ich habe mein Lebtag nur ein einziges Mal ein Schnldopfer 
von einem Nasiräer gegessen, welcher sich (an einem Todten) ver» 
unreinigt hatte. Es kam nämlich einmal ein Mensch, der ein Na^ 
siräer war, zu mir aus dem Süden; ich sah, dass er schön von 
Augen und lieblich von Ansehen war und seine Haare wallten in 
geordneten Locken über seine Schultern. Mein Sohn! sprach ich 
zu ihm, was hast du für einen Beweggrund, dass du dir dein Haar 
verderben willst? ^) Er sprach zu mir: Ich war Hirt in meiner Vater- 
stadt und ging (eines Tages), um Wasser zu füllen (schöpfen) nr 
Quelle hinab. Da erblickte ich mein Bild (den Wiederschein mei- 
ner Gestalt) und meine Leidenschaft (mein Trieb) erfasste mich und 
wollte mich ans der Welt stossen. Da rief ich: Frevlerl du brflsteat 
dich in einer Welt, welche dir nicht gehört,^) was einst Moder nnd 
Staub (eig. Gewürm und Eermeswurm) werden wird, wahrlich, ich 

^) D. i. was liast da fui* einen Grund zu deinem Nasiräergelübde, dass du 
dir dein Haar scheeren lassen willst? 

') D. i. mit dem, was nicht dein ist. 



V. Tractat Ncdarim. 193 

gelobe, dass ich dich dem Himmel scheeren (weihen) werde. Da 
erhob ich mich, küsste ihn auf sein Haupt und rief: Mein Sohn! 
möge es wie da viele Nasiräer in Israel geben, auf dich sagt die 
Schrift Nnm. 6, 2: „So ein Mann oder Weib ein absonderliches 
Gelübde aasspricht, das Gelübde als Nasir enthaltsam zu sein dem 
Ewigen." *) 

B. Mani erhob den Einwand: Warum hat er (Simeon der Ge- 
rechte) das Schuldopfer Ton einem Nasiräer nicht gegessen, der unrein 
geworden, weil das Schuldopfer (DtCK) auf eine Uebertretung (Sünde) 
folgt, so darf er doch alle Schuldopfer nicht essen, denn alle Schuld- 
opfer folgen auf eine Uebertretung (Sünde)? Darauf hat R. Jona 
zu B. Mani gesagt: Das ist der Grund: Sobald sie Furcht haben, 
so thun sie ein Gelübde und sobald sie unrein sind und die Tage 
der Gelübde über sie viel (zahlreich) werden, so bereuen sie das 
Gelübde und es findet sich, dass sie Profanes in den Tempelvorhof 
bringen. 

6. (Fol. 10a.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: B. Jehuda 
sagt: Die früheren Frommen sehnten sich darnach, ein Sündopfer 
darzubringen, weil aber der Heilige, gebenedeiet sei er! ihnen kei- 
nen Anstoss (keinen Anlass dazu) fügte, was machten sie? Sie standen 
auf und gelobten Gott Nassiräergelübde, damit sie eines Sündopfers 
vor Gott als schuldig erfunden wurden. B. Simeon sagte: Sie ge- 
lobten nicht ein Nasiräergelübde, nur wer ein Ganzopfer bringen 
wollte, gelobte es freiwillig, und wer ein Friedensopfer bringen wollte, 
gelobte es freiwillig und wer ein Dankopfer und viererlei Arten Brot 
bringen wollte, gelobte es freiwillig und brachte es dar; Nasiräer- 
gelübde aber gelobten sie nicht freiwillig, um nicht Sünder genannt 
zu worden, denn es heisst Num. 6, 11: „Und er sühne ihn, weil er 
an der Seele gesündigt hat." 

(Das.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: B. Eleasar Hak- 
kappar Beribbi^ sagt: Es heisst: „Und er sühne ihn, weil er an der 
Seele gesündigt hat." An welcher Seele hat er denn gesündigt? Es 
ist so gemeint: Weil er sich den Wein versagt hat Haben wir da 
nicht einen Schluss vom Leichten zum Schweren? Wenn schon 
der, welcher sich den Wein versagt, ein Sünder genannt wird, um 



>) Vergl. Sifra zu Nasso Par. 22; Jenisch. Nedarim Fol. 36 d. 
•) „Beribbi" {^^^) bedeutet nach Raschi: „ein gi*osser Mann.** Es fuhren 
diesen Titel auch R. Josse und Andere. 

Wüniche, Der babylonische Tahnnd. 13 



194 V. Tractat Nedarim. 

wie viel mehr der, welcher sich alles versagt! Von hier läset sich 
entnehmen, dass auch jeder, welcher sich Fasten anferlegt, ein San- 
der heisst. Frage: Dieser Vers steht doch nur beim verunreinigten 
Nasiräer? Antw.: Weil dieser die Sünde zweimal gethan (danim 
steht der Vers nur da). 

6. (FoL 20a.) Es ist gelehrt worden: Nimmer gewöhne dich 
an Gelübde, denn zuletzt brichst du auch Eidschwüre. ^) Ver- 
kehre nicht mit einem Unwissenden (gemeinen Menschen, 'Am 
haarez), denn er wird dir schliesslich unzubereitete Früchte zu 
essen geben. Verkehre nicht mit einem unwissenden Priester, denn 
er wird dir schliesslich Hebe zu essen geben. Unterhalte dich 
nicht mit einem Weibe, denn du wirst schliesslich mit ihr Ehe- 
bruch treiben. R. Achi bar Josia sagt: Wer Weiber anschaut (auf 
sie hinstarrt), begeht schliesslich eine Sünde. Wer auf die Ferse 
eines Weibes blickt, wird ungerathene Kinder erhalten. Rab Joseph 
sagt: (Das ist der Fall selbst bei dem) der auf sein Weib blickt, 
wenn sie menstruirt R. Simeon ben Lakisch hat gesagt: Unter 
nni^y ist die Scham zu verstehen, weil sie der Ferse gegenüber ist 
In einer Boraitha ist gelehrt worden: Es heisst Ex. 20, 17: „Da- 
mit seine Furcht euch vor Augen sei.^ Das ist die Schamhaftig- 
keit „Dass ihr nicht sündiget/' Daraus geht hervor, dass Scham- 
haftigkeit zur Sündenscheu führt. Von hier haben die Weisen ge- 
sagt: Schamhaftigkeit ist ein schönes Zeichen (eine schöne Eigenschaft) 
am Menschen. Andere sagen: Wer sich schämt, wird so schnell 
nicht sündigen, wer aber keine Schamhaftigkeit auf dem Antlitz 
zeigt, da ist es sicher, dass seine Väter nicht am Berge Sinai ge- 
standen haben. 

(Das.) R. Jochanan ben Dahabai hat gesagt: Vier Dinge haben 
mir die Dienstengel vertraut: Lahme Kinder werden geboren, weil 
die Eltern ihren Tisch (ihr Lager beim Coitus) umkehren, stumme 
Kinder werden geboren, weil sie jenen Ort (die Genitalien) küssen; 
taubstumme Kinder werden geboren, weil sie in der Stunde des 
Beischlafs sich erzählen (schwatzen), blinde Kinder endlich werden 
geboren, weil sie auf jenen Ort hinblicken. 

7. (FoL 20b.) Alles was ein Mensch (Mann) mit seinem Weib 
thun will, kann er thun. Gleich dem Fleische, was aus dein Schlacht- 
hause kommt; will er (der Käufer) es mit Salz essen, so isst er es, 



1) Denn dadurch wirst du dazu gelangen, Schwüre zu brechen. 



V. Tractat Nedai-im. 195 

gebraten, so isst er es, gekocht, so isst er es, gesotten, so isst er 
«s. Ebenso verhält es sich mit einem Fische, der aus dem Fisch* 
hause kommt. 

(Das.) R. Amemar hat gesagt: Unter den Dienstengeln (von 
denen R. Jochanan spricht) sind die Rabbinen gemeint. 

8. (Das.) £s heisst ^um. 15, 39: „Und ihr sollt nicht umher- 
spähen nach eurem Herzen." Von hier hat Rabbi gesagt: Ein 
Mensch soll nicht aus dem einen Becher trinken und seine Augen 
auf einen andern Becher werfen. 

9. (Das.) R. Samuel bar Nachmani hat im Namen des R. Jo- 
nathan gesagt: Jeder Mensch (Mann), dessen Weib nach ihm Ver- 
langen zeigt, wird Kinder haben, dergleichen es selbst im Zeitalter 
unsres Lehrers Mose nicht gegeben hat, denn es heisst Deut. 1, 13: 
„Schaffet euch Männer, weise und einsichtig und wohl bekannt,*' 
und darauf folgt Y. 15: „Und ich nahm Häupter eurer Stämme.*' 
Es heisst nicht: c->3-):32, einsichtige. Dagegen heisst es Oen. 49, 14: 
„Issaschar ist ein knochiger Esel"^) vergl. 1 Chron. 12, 32: „Und von 
den Söhnen Issaschars solche, die Einsicht hatten in Zeiten.*' 

10. (Fol. 22 a.) Der Sohn der Tochter des alten R. Jannai 
erschien vor dem alten R. Jannai.') Da sprach dieser zu ihm: 
Wenn du gewusst hättest, dass man (im Himmel) dein Buch 
öffnen und deine Thaten untersuchen werde, hättest du das Ge- 
lübde gethan? Er antwortete ihm: Nein! Da löste er ihm das 
Gelübde. R. Abba hat gesagt: Woher wissen wir, wer ein Ge- 
lübde thut, dass man im Himmel sein Thun untersucht? Aus Prov. 
20, 25: „Und nach den Gelübden zu forschen."^) Wiewohl aber R. 
Jannai dies als Grund zur Lösung des Gelübdes betrachtete, so dürfen 
wir wegen dieses Grundes doch kein Gelübde lösen. 

(Das.) Es heisst Prov. 12, 18: „Mancher stösst Reden aus 
gleich Schwertstichen, aber die Zunge der Weisen ist Heilung" d. L 
wer Reden (Gelübde) ausstösst, der verdient, mit dem Schwerte er- 
stochen zu werden, „allein die Zunge der Weisen ist Heilung." In 
einer Boraitha ist gelehrt worden: R. Nathan sagt: Wer ein Ge- 



*) Dieser Vera ist nach der Auslegung der Rabbinen eine Hindeutung auf 
die Erzählung in Gen. 30, 16—18. 

<) Vm sich sein Gelübde losen zu lassen. 

^) Sinn: Wenn der Mensch ein Gelübde gethan hat, so forscht man, ob 
er ein Gerechter oder ein Frevler ist. 

13* 



19g V. Tractat Nedaiim. 

lübde thut, ist so anzusehen, als wenn er einen Altar ausserhalb 
Jerusalems errichtete, und wer es bestehen lässt, ist so anzusehen, 
als wenn er ein Opfer darauf dargebracht hätte. ^) 

(Das.) Samuel hat gesagt: Wer Gelübde gelobt, obgleich er 
sie hält, heisst ein Frevler. R. Abahu hat gesagt: Das wissen wir 
von der Stelle Deut. 23, 23: „Und wenn du unterlassest zu ge- 
loben, so wird an dir keine Sünde sein.*' Und wir können einen 
Schluss aus der Wortanologie von einem nb^n (Unterlassen) auf 
das andere nb'in ziehen. Hier heisst es: „Wenn du unterlassest 
(b^nn) und dort: „wo die Frevler aufhören (ib^n, unterlassen) zu 
toben." 

11. (Fol. 22ab.) R. Samuel bar Nachmani hat im Namen des R. 
Jonathan gesagt: Wer zürnt, über den herrschen alle Arten der Hölle,*) 
wie es heisst Eoh. 11, 10: „Und entferne den Zorn aus deinem Her- 
zen und beseitige das Böse aus deinem Fleische." Unter n3^*n, Böses 
ist nichts anderes als die Hölle zu verstehen vergl. Prov. 16, 4: 
„Alles hat der Ewige zu seiner Bestimmung geschaffen; auch den 
Frevler für den Tag des Bösen (n5?'n)." Und nicht nur das, sondern die 
Unterleibskrankheiten gewinnen Gewalt über ihn, wie es heisst Deut 
28, 65: „Und der Ewige wird dir daselbst geben ein zitterndes 
Herz, Hinschmachten der Augen und Ohnmacht der Seele." Was 
ist das, was die Augen hinschmachten und die Seele hinsiegen macht? 
Sage: das sind die Unterleibskrankheiten. 

Als Ula (von Babylon) nach dem Lande Israel reiste, be- 
gleiteten ihn zwei Chus&er.^) Da schlachtete plötzlich der eine 
den andern und fragte dann den Ula: Habe ich recht gethan? 
Dieser antwortete ihm: Ja wohl!^) und er entblösste noch die Stelle^ 
wo er ihn geschlachtet hatte. ^). Als er darauf vor R. Jochanan 
kam, sprach er zu ihm: Habe ich etwa, was Gott verhüte! den Yer- 



^) Es folgt nun eine Discussion darüber, wie weit das als Grund zur 
Ldsung anzunehmen sei, schliesslich wird entschieden, dass es ganz und gar 
nicht als Vorwand zur Lösung dienen darf. 

^) Die Hölle in allen Abstufungen. 

^) Die Clmsäer, welche südlich von Babylon wohnten, standen im Rufe» 
schlechte Menschen zu sein. 

^) £r fürchtete sich, ihm das Gegentheil zu sagen, weil er ihn dann aneb 
umbringen werde. 

*) Er untersuchte die Stichwunde und legte sie bloss, um ilim zu zeigen, 
dass er mit seiner That einverstanden sei. 



V. Tractat Nedai'ira. » JQY 

l)recher unterstützt?^) Dieser sprach zu ihm: Du hast nur dein 
Leben gerettet.') Darauf wanderte sich R. Jochanan, es heisst doch 
das.: „Und der Ewige wird dir daselbst ein Herz voll Zorn geben ?'* 
Das will sagen: (Dort) in Babylon (aber nicht im Lande Israel)?') 
Ula hat gesagt: Das war zu der Stande, da wir noch nicht den Jor- 
dan überschritten hatten. 

12. (Fol. 22b.) Rabba bar Rab Hana hat gesagt: Wer in Zorn ge- 
räth Yor dem ist selbst die Schechina nicht geachtet,^; wie es heisst 
Ps. 10, 4: ,J)er Frevler in seines Zornes Hochmath fragt nach nichts, 
€s ist kein Gott! so sind alle seine Gedanken." R. Jeremja von 
Dephthi hat gesagt: Er vergisst aach sein Gelerntes and nimmt an 
Thorheit za, wie es heisst Eoh. 7, 9: „Der Zorn raht im Basen 
der Narren," desgl. Prov. 13, 16: „Der Thor legt Narrheit dar." 
Rab Nachman (bar Jizchak) hat gesagt: Es ist gewiss, dass seine 
Sünden grösser sind als seine Verdienste, wie es heisst das. 19, 22 : 
„Ein zomsüchtiger Mensch erregt Zank and ein grimmiger Mann 
begeht viele Verbrechen." 

(Das.) Rab Ada (Acha) bar Chanina hat gesagt: Wenn die 
Israeliten nicht gesündigt hätten, so wären ihnen nar die Bücher 
der Thora and das Bach Josaa gegeben worden, letzteres deshalb, 
weil darin die Vertheilaag des Landes Israel geschrieben steht, denn 
es heisst Koh. 1, 18: „Denn bei viel Weisheit ist viel Zorn, and 
wer Eenntniss mehrt, mehrt Schmerz." 

13. (Fol. 25 a.) Ein Mann mahnte sein Geld (Sasim) ein, wel- 
ches er einem Anderen (eig. seinem Genossen) geliehen hatte. Als 
«r vor Raba kam, sprach er za seinem Schaldner: Bezahle mich. 
Der Schaldner aber antwortete: Ich habe dich schon bezahlt Da 
sprach Raba za ihm: Beschwöre es, dass da ihn schon bezahlt hast. 
Der Schaldner ging and brachte ein Rohr (einen Stock), legte das 
^eld (die Sasim) hinein, stützte sich daraaf, ging and erschien so vor 
dem Gerichtshof. Daraaf sprach er za dem Leiher: Nimm hier das 
Rohr (den Stock) in deine Hand.^} Non nahm er das Gesetzbach 



*) D. i. dem Verbrechen irgendwie Vorsclmb geleistet. 

^ Du hast durch dein Verlialten dem Morder gegenüber nur dein Leben 
gerettet. 

*) Der Mörder war doch im Lande Israel, wie konnte er daher in solchen 
Zorn gerathen? 

«) Die Gottheit gilt bei ihm nichts. 

^ Halte mir e'mmal meinen Stock. 



198 • V. Tractat Nedai-im. 

und schwur, dass er alles bezahlt habe, was er in seiner Hand (d. i. 
was er von ihm gelieben) habe. Da gerietb der Leiher in Zorn und 
zerbrach das Bohr (den Stock) and es fiel alles jenes Geld auf die 
Erde.^) Es ist aber gelehrt worden: Wenn sie (die Richter) ihn 
vereiden, so sagen sie zu ihm: Wisse, dass wir dich nicht nach 
der Bedingung, die in deinem Herzen ist, schwören lassen, sondern 
nach unserem und nach des Gerichtshofes Sinn (Auffassung).^) Und 
es ist ferner gelehrt worden: Und so finden wir hei unserem Lehrer 
Mose: Als er die Israeliten in den Gefilden Moabs schwören Hess,, 
sprach er zu ihnen: Wisset, dass ich euch nicht nach eurem Sinn 
(Auffassung) schwören lasse, sondern nach meinem Sinn und nach 
dem Sinn Gottes, denn es heisst Deut. 29, 13: „Und nicht mit euch 
allein schliesse ich diesem Bund" u. s. w.? Was sprach unser 
Lehrer Mose zu den Israeliten? Gewiss hat er also gesagt Solltet 
ihr vielleicht Dinge thun und sagen: Nach unserem Sinn dürfen wir 
thun, so hat er zu ihnen gesagt: Es ist nach meinem Sinn ge- 
schehen. Was wollte Moses (mit dieser Warnung) ausschliessen (ver- 
hüten)? Meinst du nicht, er wollte verhüten, dass sie (die Israe- 
liten) einem Götzen den Namen „Gott'' beilegen (und schwören, sie 
wollen befolgen, was „Gott'* geboten). Daraus könnte man doch 
schliessen, dass ein Mensch auch nach seinen eigenen Gedanken 
schwöre? Nein (man schwört nicht nach seinen Gedanken); allein 
auch der Götze wird „Gott" genannt, wie geschrieben steht Ex. 12, 12: 
„Und an allen Göttern Aegjptens würde ich Strafgerichte üben" u. s. w» 
Mose konnte sie doch schwören lassen, dass sie die Vorschriften halten 
sollten? Da konnten sie denken, es beträfe das nur die Yorschriften dea 
Königs. Er konnte sie doch aber schwören lassen, dass sie alle Yor- 
schriften halten sollten? Da konnten sie meinen, es beträfe das nur 
die Yorschriften in Bezug auf die Schaufäden (Zizith), denn der 
Autor hat gesagt, dass die Yorschriften betreffs der Zizith alle Yor- 
schriften in der Thora aufwiegen. Er konnte sie doch schwören 
lassen, dass sie die Thora halten wollten? Da konnten sie meinen^ 
dass dies sich nur auf die Thora des Speisopfers, die Thora des 
Sündopfers, die Thora des Schuldopfers bezöge. Er konnte sie doch 
schwören lassen, dass sie die Thora und die Yorschriften halten 
wollten? Da konnten sie meinen, dass dies nur auf die Thora des 



*) Eigentl.: Es wurden alle jene Susim auf die Erde verschüttet. 
') Vergl. Schebuoth Fol. 29a, wo dieselbe Stelle sich findet. 



V. Tractat Nedarim. 199 

Speisopfers und auf die Vorschriften des Königs sich bezöge. Er 
konnte doch sie schwören lassen, dass sie die ganze Thora halten 
wollten. Da hätten sie denken können, dass dies nur auf den Götzendienst 
Bezog habe, denn in einer Boraitha ist gelehrt worden: Schwer ist 
der Götzendienst, denn wer ihn verlängnet, ist so za betrachten, als 
wenn er die ganze Thora bekannt hätte. Hätte er sie nicht schwören 
lassen können, dass sie den Götzendienst verlassen nnd die ganze 
Thora halten oder dass sie die 613 Gebote halten wollten? Allein 
unser Lehrer Mose wählte eine Sache, die keine Mühe macht (darum 
Hess er sie kurz nach seinem und nach Gottes Sinn schwören). 

(Das.) Zu der Zeit (eig. in den Jahren) des Königs Schabur 
gab es eine Schlange, welcher man zwölf Gebund Stroh vorwarf und 
sie verschlang sie alle. 

14. (Fol. 31a.) Mischna. (Wenn einer gesagt hat:) Ich will 
keinen Genuss am Samen Abrahams haben, so darf er keinen Ge- 
nuss von einem Israeliten haben, aber ein Genuss von den Völ- 
kern der Welt ist gestattet. 

Gemara. Wie darf er denn einen Genuss von einem Ismaeliten 
haben? ^) Es heisst Gen. 21, 12: „Denn im Jizchak wird dir ein 
Same genannt werden."^) Wie darf er einen Genuss von Esau 
haben ?^) Es heisst: „In Jizchak'' (d. L der halbe Jizchak wird dein 
Sohn genannt), nicht aber der ganze Jizchak. 

15. (Fol. 31 ab.) Mischna. Sagt jemand: D2ip, ich will kei- 
nen Genuss von den Kindern (Nachkommen) Noach's haben! so ist 
ihm jeder von einem Israeliten erlaubt, dagegen jeder von den an- 
dern Völkern verboten. Spricht er aber: Ich will keinen Ge- 
nuss von dem Samen (den Nachkommen) Abrahams haben! so ist 
ihm jeder von einem Israeliten untersagt, dagegen jeder von den 
andern Völkern erlaubt Sagt er: Ich will von keinem Israeliten 
einen Genuss haben, so muss er über dem Werth kaufen und 
unter demselben verkaufen. Sagt er aber: Kein Israelit soll von 
mir einen Genuss haben, so muss er unter dem Werthe (wohl- 
feiler) kaufen und über dem Werthe (theurer) verkaufen, sofern 



>) Dieser ist doch auch ein Sohn Abrahams. 

*) Sinn: Nur Jizchak wird ein Sohn Abrahams genannt, Ismael aber heisst 
ein Sohn der Hagar. 

') Dieser ist doch auch ein Sohn Jizchaks nnd dieser wieder ist ein Sohn 
Abrahams. 



200 V. Tractat Nedarim, 

nämlich die andern ihm zustimmen (ihre Einwilligang dazu geben). 
Sagt er aber: Weder ich will von ihnen, noch sie sollen von mir 
einen Genuss haben! so ist es ihm erlaubt, von den andern Völkern 
einen Genuss zu haben. Sagt er aber: ti^np, ich will von den 
Unbeschnittenen keinen Genuss haben! so ist es ihm erlaubt, von 
den Unbeschnittenen der Israeliten einen Genuss zu haben, aber es 
ist ihm verboten, von den Beschnittenen der andern Völker einen 
Genuss zu haben. Sagt er aber: D:ip , ich will von den Beschnitte- 
nen keinen Genuss haben! so ist ihm verboten, von den Un- 
beschnittenen der Israeliten einen Genuss zu haben, es ist ihm aber 
gestattet, von den Beschnittenen der Völker der Welt einen Genuss 
zu haben, denn der Ausdruck: Unbeschnitten gilt nur von diesen, 
wie es heisst Jerem. 9, 25: „Denn alle Völker (Heiden) sind unbe- 
schnitten, das ganze Haus Israel aber ist unbeschnittenen Herzens.'' 
So heisst es auch 1 Sam. 17, 33: „Dieser unbeschnittene Philister 
da;'* desgl. 2 Sam. 1, 20: „Dass sich nicht freuen die Töchter der 
Philister, dass nicht frohlocken die Töchter der Unbeschnittenen.'' 
R. Eleasar ben Asarja sagt: Etwas Verwerfliches (Hässliches) ist die 
Vorhaut, denn die Frevler werden damit beschimpft, denn es heisst: 
„Denn alle Völker (Heiden) sind unbeschnitten." B. Ismael sagt: 
Gross (wichtig) ist die Beschneidung! da bei ihr dreizehnmal des 
Bundesschlusses gedacht wird.^) B. Josse sagt: Gross ist die Be- 
schneidung! denn sie verdrängt sogar den strengen gabbath.-) R. 
Josua ben Earcha sagt: Gross ist die Beschneidung! denn ihretwegen 
ist dem frommen Mose nicht einmal eine Stunde Zeit Nachsicht ge- 
währt worden. B. Nechemja sagt: Gross ist die Beschneidung! 
denn sie verdrängt die Verordnungen in Betreff der Aussatzschäden. 
Rabbi sagt: Gross ist die Beschneidung I denn obgleich unser Vater 
Abraham alle (göttiicheii) Vorschriften befolgt hat, so wurde er doch 
erst, nachdem er sich beschnitten, th^Dy vollkommen genannt, wie 
.es heisst Gen. 17, 1: „Wandle vor mir und sei vollkommen." 
Oder: Gross ist die Beschneidung! denn wenn sie nicht wäre, so 
hätte der Heilige, gebenedeiet sei er! seine Welt nicht erschaffen,') 
denn es heisst Jerem. 33, 25: „So spricht der Ewige: „Wenn nicht 
mein Bund Tag und Nacht wäre, hätte ich die Gesetze des Himmels 
und der Erde nicht gemacht." 



>) Es kommt dreizeliiima] das Wort n^'ia, Bund vor. 

^) Sie darf am Sabbath vollzogen werden. 

') Die Welt ist nm* in Hinsieiit auf die Beschneidung erschaffen worden. 



V. Tractat Nedarim. 201 

Gemara. Rabbi sagt: Gross ist die Beschneidong, denn sie 
wiegt alle Vorschriften in der Thora auf, wie es heisst Ex. 24, 8: 
„Siehe da, das Blut des Bundes, den der Ewige mit euch geschlossen 
auf all diese Worte." 

16« (Fol. 31b u. 32 a.) Wir haben die Ueberlieferung: B. Josua 
ben Karcha sagt: Gross ist die Beschneidung, denn alle Verdienste, 
welche sich unser Lehrer Mose erworben, hatten ihm nicht beige- 
standen, als er sich in Bezug auf die Beschneidung säumig erwies, 
wie es heisst Ex. 4, 24: „Und der Ewige fiel ihn an und wollte 
ihn tödten." Rabbi hat gesagt: Gott behüte! dass unser Lehrer 
Mose in Bezug auf die Beschneidung sich säumig erwiesen habe, 
sondern er sprach so: Beschneide ich ihn und gehe fort, so ist 
Gefahr Torhanden, wie es heisst Gen. 34, 25: „Und es geschah am 
dritten Tage, da sie Schmerzen litten" u. s. w. Soll ich ihn beschnei- 
den und drei Tage warten? Der Heilige, gebenedeiet sei er! hat doch 
zn mir gesagt Ex. 4, 19: „Gehe und kehre zurück nach Aegjpten." 
Allein warum wurde Mose bestraft? Weil er sich zuerst mit der 
Herberge beschäftigte, ^) wie es heisst das. V. 24: „Und als er auf 
dem Wege in der Herberge war." R. Simeon ben Gamliel hat ge- 
sagt: Nicht unsem Lehrer Mose wollte der Satan tödten, sondern 
jenes (sein) Kind, wie es heisst das. V. 25: „Denn ein Blutbräutigam 
bist du mir." Geh und sieh, wer Bräutigam genannt wird? Sage: 
das Kind. R. Jehuda bar Bisna hat vorgetragen: In der Stunde, 
da unser Lehrer Mose mit der Beschneidung zögerte, kamen der 
Zorn (q») und der Grimm (n?3'^n)^) und verschlangen ihn und Hessen 
nichts weiter als seine Füsse von ihm übrig. Da „nahm Zippora 
sofort einen scharfen Stein und beschnitt die Vorhaut ihres Sohnes," 
«nd er (der Zorn) liess von ihm ab. In dieser Stunde wollte unser 
Lehrer Mose sie^) tödten, denn es heisst Ps. 37, 8: „Lass ab vom 
Zorn und gieb auf den Grimm." Manche sagen: Den Grimm hat er 
^etödtet, denn es heisst Jes. 27, 4: „Den Grimm hab' ich nicht'* 
Es heisst doch aber Deut. 9, 19: „Denn ich war bange vor dem 
Zorne und Grimme?" Antw.: Es gab zwei (Engel mit den Namen) 
^Grimm." 

17. (Fol. 32a.) Wir haben die Ueberlieferung: Rabbi sagt: Gross 



') Er hätte sich zuerst mit der Beschneidang beschäftigen sollen. 

«) Zwei Engel. 

*) Beide, der Zorn and Grimm. 



202 V* Tractat Nedai-im. 

ist die Beschneidung, denn es giebt keinen, der sich mit der Aus- 
übung der Gebote so beschäftigt (abgegeben) hat, wie unser Yater 
Abraham, und er wurde doch nicht eher makellos (vollkommen, D'^Tsn) 
genannt, als bis er die Beschneidung an sich Tollzogen hatte, wie 
es heisst Gen. 17, 1: „Wandle vor mir und sei makellos (vollkommen, 
D'^Tsn),'' und darauf folgt Y. 2: „Und ich werde einen Bund einsetzen 
zwischen mir und dir." 

Oder: Gross ist die Beschneidung, denn sie wiegt alle Gebote 
der Thora auf, wie es heisst Ex. 34, 27: „Denn auf diese Worte hin 
schliesse ich mit dir einen Bund und mit Israel.'* 

Oder: Gross ist die Beschneidung! denn wenn die Beschneidung 
nicht wäre, so könnte Himmel und Erde nicht bestehen, denn es heisst 
Jerem. 33, 25: („Also spricht der Ewige:) Wenn mein Bund Tag 
und Nacht nicht wäre, so hätte ich die Gesetze des Himmels und 
der Erde nicht gemacht'' u. s. w. R. Elieser ist darüber anderer 
Meinung; denn R. Elieser hat gesagt: Gross ist die Thora! denn 
wenn die Thora nicht wäre, so könnten Himmel und Erde nicht 
bestehen, denn es heisst das.: „Wenn mein Bund Tag und Nacht 
nicht wäre, so hätte ich die Gesetze des Himmels und der Erde 
nicht gemacht." Rah Jehuda hat im Namen Rabs gesagt: In der 
Stunde, da der Heilige, gebenedeiet sei er! zu unserem Vater Abraham 
sprach: „Wandle vor mir und sei vollkommen," ergriff ihn ein 
Schreck. Er sprach: Vielleicht ist an mir etwas Hässliches? Als 
er aber zu ihm sagte: „Und ich will meinen Bund geben zwischen 
mir und dir," wurde sein Sinn beruhigt. Es heisst Gen. 15, 5: „Er 
führte ihn hinaus." Er sprach vor ihm: Herr der Welt! ich habe 
auf mein Gestirn^) hingeschaut (wonach ich nur einen Sohn, den 
Ismael haben werde). Da sprach er (der Heilige) zu ihm: Verlasse 
deine Sternkunde, denn für Israel giebt es kein Gestirn.^ 

18. (Das.) R. Jizchak hat gesagt: Wer sich selbst makeUos 
(vollkommen) macht, den macht der Heilige, gebenedeiet sei er! makel- 
los (vollkommen), wie es heisst 2. Sam. 22, 26: „Mit dem Guten er- 
weisest du dich gütig" u. s. w. R. Oschaja sagt: Wer sich selbst 
makellos (vollkommen) macht, dem steht die Stunde bei, denn ea 
heisst Gen. 17, 1: „Wandle vor mir, und sei makellos (vollkommen)'^. 



^) Meinen Glücksstern, mein Geschick. 

*) Israel ist nicht dem Geschick unterworfen. Vergl. Schabb. Fol. 166a b. 



V. Tractat Nedarim. 205 

und daraaf folgt Y. 4: „Dass du werdest zum Vater einer Menge 
von Völkern." 

(Das.) B. Levi hat gesagt: Wer auf Omina achtet, für den sind 
sie ominös, wie es heisst Nnm. 23, 23: „Denn es ist ihm ein Omen 
in Jacob." Das Lo ist doch aber mit Lamed Aleph (»b nicht ib) 
geschrieben,^) allein es gilt: Masz gegen Masz.^) Ahaba, der Sohn 
des R Sera hat gelehrt: Jeden Menschen, der keine Omina be- 
achtet, bringt man innerhalb der Scheidewand, wohin selbst die 
Dienstengel nicht gelangen können, wie es heisst: „Denn es ist kein 
Omen in Jacob n. s. w., es wird eine Zeit kommen, wo man zn 
Jacob and Israel sagen wird: Was macht Gott?" 

19. (Das.) B. Abahn hat im Namen des R. Eleasar gesagt: 
Warum ist unser Vater Abraham gestraft worden, dass seine Kinder 
zweihundertundzehn Jahre von den Aegjptem geknechtet worden 
sind? Weil er die Schüler der Weisen^) zu Frohndiensten gezwungen 
hat, wie es heisst Gen. 14, 14: „Da bewaffnete er seine Zög- 
linge, die in seinem Hause geboren waren (um zur Befreiung 
Lots auszuziehen)." Nach Samuel aber geschah es deshalb, weil er 
über die Eigenschaften des Heiligen, gebenedeiet sei er! hinaus- 
ging,^) wie es heisst das. 15, 8: „Wodurch soll ich erkennen (wissen), 
dass ich das Land ererben werde?" Nach B. Jochanan wieder ge- 
schah es deshalb, weil er Menschenkinder absonderte, so dass sie nicht 
unter die Flügel der Schechina kamen (sich nicht bekehrten), wie 
es heisst das. 14, 21: „Gieb mir die Leute, die Habe aber nimm 
(behalte) dir."^) Es heisst das.: „Und er bewaffnete seine Zöglinge, 
die in seinem Hause geboren waren." Bab und Samuel sind darüber 
verschiedener Meinung, der eine hat gesagt: Dass er sie mit der 
Thora, der andere hat gesagt: Weil er sie mit Gold bewaffnete. Es 
heisst: „Dreihundert und achtzehn Mann." B. Ammi bar Abba hat 
gesagt: Elieser war gegenüber allen (d. i. er wog alle auf). Andere 



1) Das will sagen: das Omen wird nicht bei ihm gefunden. 

*) Wie er thut, so thot man ihm d. i. wie der Mensch die Omina be- 
achtet, so sind sie auch für ihn von böser Vorbedeutung. 

*) D. i. die Schüler, die unter ihm das Gesetz studirfen. 

*) Weil er sich gegen die Eigenschaften Gottes zu viel erlaubte durch 
seinen voreiligen Ausspruch. 

^) Abraham hätte die Personen unter die Flügel der Schechina bringen 
(bekehren) sollen. 



204 ^' Traclat Nedarim. 

sagen: Sie (die 318 Mann) waren Elieser, denn Elieser (i'^y^htm) hat 
soviel in der Rechnung (Zahl). 

20. (Fol. 32 ah.) R Ammi har Ahha hat gesagt: Als Kind 
von drei Jahren erkannte Ahraham seinen Schöpfer, denn es heisst 
Oen. 26, 5: „Zum Lohne (^py), dass Ahraham meiner Stimme ge- 
horcht hat." Seine Berechnung ist 172.^) R. Ammi har Ahha hat 
femer gesagt: Das Wort p^n hat in seiner Berechnung 364.^) R. 
Ammi har Ahha hat femer gesagt: Einmal heisst es: ti'-inK, Ahram 
und dann heisst es wieder: titi^lK, Ahraham, was sagen will: An- 
fangs Hess ihn der Heilige, gehenedeiet sei er! nur flher 243 Glieder 
(den Zahlenwerth des Wortes jD"-)!») herrschen, zuletzt aher üher 
248 Glieder (den Zahlenwerth des Wortes )3n'-):3K), nämlich tther die 
zwei Augen, die zwei Ohren und die Spitze des Gliedes.^) 

21. (Fol. 32h.) R. Ammi har Ahha hat femer gesagt: Was heisst 
das, was geschriehen steht Eoh. 9, 14. 15: „Ueher eine kleine Stadt, 
in welcher wenig Menschen waren, kam ein grosser König und um- 
ringte sie, und haute um sie grosse Bollwerke. Aher er traf darin 
auf einen klugen Armen und dieser rettete die Stadt durch seine 
Weisheit, doch kein Mensch gedenkt jenes Armen.*' „Eine kleine 
Stadt" d. i. der Körper, „und wenig Menschen sind darin" d. s. die 
Glieder, „und es kam üher sie ein grosser König und umringte sie*' 
d. i. der höse Trieh (die Leidenschaft), „und haute um sie grosse 
Bollwerke" d. s. die Sünden; „es fand sich darin aher ein Armer 
und Weiser" d. i. der gute Trieh, „und rettete die Stadt durch seine 
Weisheit" d. i. die Busse und guten Werke, „doch kein Mensch 
gedenkt jenes armen Mannes," denn in der Stunde, wo der höse 
Trieh herrscht, da erinnert er sich nicht des guten Triebes. Es 
heisst femer das. 7, 19: „Die Weisheit verleiht Stärke dem Weisen 
mehr als zehn Gewaltige, die in der Stadt sind." Das geht auf die 
Busse und auf die guten Werke, „mehr als zehn Gewaltige" d. s. 
die zwei Augen, die zwei Ohren, die zwei Hände, die zwei Füsse, 
die Spitze des Zeugungsgliedes und der Mund. 

22. (Das.) R. Sacharja hat im Namen Ismaels gesagt: Der 



>) Das Wort ^p^ hat 172 in der Zahl. Abraham lebte aber 176 Jahre; 
folglich hat er mit 3 Jahren seinen Schöpfer erkannt. 

«) Das Jahr aber hat 365 Tage; folglich hat der Satan einen Tag (am 
Versöhnungstage) keine Macht. 

') Sinn: Erst nach der Besclmeidung war Abraham ein vollkommner Mensch 
geworden. 



V. Tractat Nedarim. 205 

Heilige, gebenedeiet sei erl wollte das Priestertham von Schein her* 
vorgehen lassen, wie es heisst Gen. 14, 18: „Und er ist ein Priester 
dem höchsten Gott;" als dieser jedoch den Segen Abrahams dem 
Segen^ Gottes vorangehen Hess, so Hess er es von Abraham hervor- 
gehen, wie es heisst das. Y. 19: „Und er segnete ihn and sprach: 
Gepriesen sei Abraham dem höchsten Gott, dem Schöpfer Himmels 
mid der Erde.^ Abraham sprach nämlich zu ihm: Lässt man denn 
den Segen des Knechtes dem Segen seines Herrn vorangehen? So- 
fort wnrde das Priestertham dem Abraham gegeben, wie es heisst 
Ps. 110, 1: „Sprach des Ewigen an meinen Herrn: Setze dich mir 
zur Rechten, bis ich hinlege deine Feinde als Schemel deiner Fflsse,'' 
darauf folgt Y. 4: „Der Ewige hat geschworen und bereut nicht, 
du bist Priester nach dem Worte ("^n^:!^) Melchizedeks" d. i. wegen 
der Bede (iiin^) Melchizedeks. Das ist es, was geschrieben steht: 
„Und er ist ein Priester dem höchsten Gott" d. i. er ist ein Priester, 
sein Same aber ist kein Priester.^) 

23. (Fol. 35b.) Man fragte: Sind die Priester (welche Opfer 
darbringen), Boten von uns (der Opferbringer), oder sind sie Boten 
des Himmels (Gottes)? Wozu brauchen wir das zu wissen? Wenn 
ein Priester ein Gelübde gethan hat, dass einer keinen Genuss von 
ihm haben soll (und dieser bringt nun Opfer), ist der Priester da 
dessen Bote, so ist es verboten, das Opfer darzubringen, da der 
Opferspender doch einen Genuss von ihm hat.^) Ist der Priester 
dagegen Bote des Himmels (Gottes), so ist es gestattet (das Opfer 
darzubringen). 

24. (Fol. 37b u. 38a.) Bab Ika ben Abin hat gesagt, dass 
Bab Chananel im Namen Babs gesagt hat: Was heisst das, was ge- 
schrieben steht Nech. 8,8: „Und sie lasen in dem Buche der Thora 
Gottes, deutlich mit Angabe des Sinnes, sodass sie das Gelesene 
verstanden." „ä'^nbNn n*nn 'iBoa, im Buche der Thora Gottes," 
damit ist die Schrift gemeint; „^iicts, deutlich", das geht auf das 
Targum; „bDfe äi«i, mit Angabe des Sinnes," das geht auf dieYerse; 
„«•ipTsa na^n^i, dass sie das Gelesene verstanden", das geht auf die 
Accente. Manche dagegen sagen, dass damit die Massoroth ge- 
meint seien. B. Jizchak hat gesagt: Das Lesen der Schriftgelehrten 
(D'^^cio ti*^T>'ü) und das Entfernen (mancher Buchstaben) seitens der 



>) Melchizedek soll Priester sein, aber nicht seine Naclikommenschaft. 
') Er sühnt nämlich seine Sunden. 



206 ^' Tractat Nedaiim. 

Schriftgelehrten (o'^'ncio ^i^ü^i) und das Lesen solcher Wörter, die , 
nicht geschrieben stehen und wieder solcher, die gelesen werden, 
obgleich sie nicht geschrieben stehen, — ist Halacha des Mose vom 
Sinai. Mit dem Lesen der Schriftgelehrten (o'^'neio M'^f»^) meint 
ti^'iarw D')*n3t73, Y^,^ V"3N, D^^;» ö")»^^; nut dem Entfernen (mancher 
Buchstaben) seitens der Gelehrten (D'^*iDno ^ntDy) meint man nnfij 
-n^iin^jn (Gen. 18, 5), "r^bri ^n« (das. 24, 65), rjOfitn ^n» (Nudl 
12, 14); D'»?ai3 *in» D'»*iiD n?3np.^) Oder bei den Worten Ps. 36, 7: 
^,b« '^'n^!l3 ^n]5^ar, deine Gerechtigkeit gleicht den Bergen Gottes,'' 
hiess es weiter: „na*n Dinn tj-^sjD^jTsi, und deine Gerichte eine un- 
«rmessliche Tiefe.*) Ferner: Man liest 2 Sam. 8, 3: :a'»tt5nb inDba 
nnB ^naa in*^, und es steht nicht das Wort n*iE; man liest das. 17: 
^K bKXp') ^^.^is» und es steht nicht das Wort m'^H, man liest 
Jerem. 31, 27: d-^xa D'^73'» nan, und es steht nicht das Wort ta'^fi^a, 
man liest das. 50, 29: nrsbs ^b '^n*^ b», und es steht nicht das 
Wort j::b, man liest Ruth 2, 11: n-'tey *i^» n« "^b is,^ti ^lyin, und 
es steht nicht das Wort dk, man liest das. 3, 11: "^^T^Kh ^xbK b^ 
**bK, und es steht nicht das Wort *«bM, man liest das. 3, 14: ^72» "«ID 
->bK und es steht nicht das Wort "^b». Das sind die Wörter, die 
gelesen werden, aber nicht geschrieben stehen. Die Wörter, die 
geschrieben stehen, aber nicht gelesen werden. 2 Bog. 5 steht 
'n N3 nbo**, man liest aber das Wort n5 nicht; Deut 6, 1: mÄttrr 
r»*Ttn, man liest aber nNtn nicht; Jerem. 51 steht: *^ninti *^A*»T? 'l'^^lf 
man liest aber '?[ii']'^ nicht; Ezech. 48, 16 steht: nl^q ^Tgn ©Tjn, 
man liest aber das zweite fcr^ nicht; Ruth 3, 12 steht: bKi:t t3M "^9 
"^^bM, man liest aber das Wort DK nicht Das sind die Wörter, 
die geschrieben stehen, aber nicht gelesen werden. R. Acba bar 
Ada hat gesagt: Im Abendlande (d. i. in Palästina) theilt man den 
folgenden Vers Ex. 19, 9 in drei Theile: n:n: n«373 b« 'n ^TiR-n 
']zyr^ ny:a: T*b» fc^:a '^D5n, und der Ewige sprach zu Mose: Siehe, 
ich werde zu dir kommen: in der Dicke des Gewölks'' u. s. w. 

25. (Fol. 38 a.) R. Chama bar Chanina hat gesagt: Mose ist 
nur reich geworden von den Abfällen der Tafeln, wie es heisst Ex. 
31: „Haue dir (tfb bOE)", was sagen will: ihr Abfall (inbiOß) soll 
dein sein. R. Josse bar Chanina hat gesagt: Die Thora ist 



^) Allen angerührten "IHK wurde früher in'thümlicli ein Wav {\) vorgesetzt, 
vraa die Scliriftgelehrten wieder entfernten vergl. Amch V, "itaj;. 
■) Die Schriftgelehrten haben aber das Wav (i) entfernt. 



V. TracUt Nedurim. 207 

sn£ADgs nur für Mose und seinen Samen (seine Nachkommen- 
schaft) gegeben worden, wie es heisst Ex. 34, 1: y,Hane dir'' d. i. 
ihr (der Tafeln) Abfall soll dir gehören; ebenso heisst es, als er sie 
schrieb das. Y. 27: „Schreibe dfr auf diese Worte'' d. i. sie sollen 
dein sein* Mose hatte aber Wohlwollen und gab sie den Israeliten. 
Darauf sagt die Schrift Prov. 22, 9: ,,Wer wohlwollenden Auges 
ist, wird gesegnet." Darauf fragte Rab Chisda: Es heisst doch aber 
Deut 4, 14: „Und mir gebot der Ewige in selbiger Zeit, euch zu 
lehren?" Mir hat er befohlen und ich (befehle) euch. Antw.: DesgL 
heisst es das. Y. 5: „Siehe, ich habe euch gelehrt Satzungen und 
Yorschriften, wie mir geboten der Ewige, mein Gott?" Antw.: Mir 
bat er sie geboten und ich (gebiete sie) euch. Desgl. heisst es das. 
31, 19: „Und nun denn, schreibet euch auf diesen Gesang und 
lehre ihn die Kinder Israel? Antw.: Hiermit ist der Gesang allein 
Terstanden. Frage. Es heisst doch aber: Auf dass mir dieser Ge- 
sang zum Zeugen sei gegen die Kinder Israel?" Antw.: Bloss die 
Disputationsweise in der Gesetzlehre ist Mose zu Theil geworden. 
26. (Das.) R. Jochanan hat gesagt: Der Heilige, gebenedeiet 
sei er ! lässt seine Schechina nur auf einem Starken, Reichen, Weisen 
und Demüthigen ruhen, was du alles an Mose sehen kannst. (Sie 
ruht nur auf einem) „Helden (nnn:i)," denn es heisst Ex. 40, 19: 
^Und er breitete das Zelt über die Wohnung." Der Herr hat aber ge- 
sagt: Unser Lehrer hat es ausgebreitet, und es heisst das. 26, 16: „Zehn 
Ellen die Länge des Brettes" u. s. w. Yielleicht aber war Mose lang, 
aber schwach? Der Beweis ist daher aus der Stelle Deut 9, 17 zu neh- 
men, wo es heisst: „Und ich ergriff die zwei Tafeln und warf sie aus 
meinen beiden Händen und zerbrach sie vor euren Augen." Und es ist 
gelehrt worden: Die Tafeln hatten eine Länge von sechs und eine 
Breite von sechs und eine Dicke von drei Handbreiten. (Sie ruht nur auf 
•einem) Reichen (*T^"iD3^), denn es heisst Ex. 34, 1: „Haue dir (^b boD)," 
was sagen will: Ihr Abfall soll dir gehören («n-« ^bt: inbioc). ^) 
(Sie ruht nur auf einem) Weisen (ü^n). Rab und Samuel haben 
gesagt: Fünfzig Thore (Pforten) der Yemunft (Einsicht, Yerstandes) 
sind in der Welt erschaffen und alle sind bis auf eins Mose ver- 
liehen worden, wie es heisst Ps. 8, 6: ,.Du hast ihm nur ein Weniges 
an Gott fehlen lassen." (Sie ruht nur auf einem) Demüthigen (n^^s^), 



>) Von den Abfallen der Bundestafeln, die aus Sapphir gewesen sein sollen, 
wurde Mose reich. 



208 ^' Tractat Nedarim. 

denn es heisst Nnm. 12, 3: ,,Und der Mann Mose war sehr demflthig' 
(sanftmüthig, n-«:^)/' B. Jochanan hat gesagt: Alle Propheten waren 
reich. Das lässt sich an Mose, Samuel, Arnos and Jona beweisen. 
Von Mose heisst es Nom. 16, 15: „Nicht einen Esel von einem 
anter ihnen habe ich genommen." .... Der Beweis ist vielmehr zu 
entnehmen von Ex, 34, 1, wo es heisst: „Haue dir (*]b boD)** d. L 
ihr Abfall soll dir gehören (»Jr» ^biD inbnDD). Von Samuel heisst 
es 1 Sam. 12, 3: „Hier bin ich, zeuget wider mich, gegenflber dem 
Ewigen und gegenflber seinem Gesalbten: Wessen Ochsen habe ich 
genommen, oder wessen Esel habe ich genonm&en.'^ .... Der Beweis 
ist vielmehr von hier s. das. 7, 17 zu entnehmen, wo es heisst: 
„Und seine Heimkehr war nach Rama, denn daselbst war sein Haus,*^ 
was nach Raba sagen will: Ueberall, wohin er ging, war sein Haas 
bei (mit) ihm.^) Baba hat gesagt: Grösser ist das, was von Samuel 
gesagt wird, als das, was von Mose gesagt wird, denn von unserem 
Lehrer Mose heisst es nur: „Nicht einen Esel von einem unter 
ihnen habe ich genommen'' d. i. selbst für Lohn nicht, dagegen von 
Samuel heisst es: Selbst mit Willen (]i^^) hat er ihn nicht gemiethet 
s. 1 Sam. 12, 4: „Du hast uns nicht bedrflckt und hast uns nicht 
gewollt (n:mar*i)." Von Amos heisst es Amos 7, 14: „Da ant- 
wortete Amos und sprach zu Amazja: Nicht ein Prophet bin ich 
und nicht eines Propheten Sohn bin ich, sondern ein Binderhirt bin 
ich und der Sykomoren mischt' d. i. wie Bab Joseph es verdol- 
metscht: Siehe, ein Besitzer (Herr) von Heerden bin ich und Syko- 
moren habe ich im Niederlande (in der Ebene). Von Jona heisst 
es Jona 1,3: „Und er gab den F&hrlohn und stieg hinein," was 
nach B. Jochanan sagen will, dass er die Miethe fflr das ganze 
Schiff erlegte. Nach B. Bomanos betrug die Miethe des Schiffes 
4000 Golddenare. 

27. (Fol. 38a.) B. Jochanan hat gesagt: Anfangs lernte Mose 
Thora und er vergass sie wieder, bis sie ihm endlich als Ge- 
schenk verliehen wurde, wie es heisst Ex. 31, 18: „Und er gab 
(schenkte) Mose, als er mit ihm aufgehört hatte zu reden auf dem 
Berge Sinai, zwei Tafeln des Zeugnisses, beschrieben mit dem 
Finger Gottes." 

28« (Fol. 39 b.) B. Simeon ben Lakisch hat gesagt: Woher 



^) Sinn: Er führte sein ganzes Hausgeratbe stets mit sich, um Niemandea 
in Anspruch zu nehmen, Vergl. Berach. Fol. 10a. 



V. Tractat Nedaiim. 209 

lässt sich aas der Thora eine Andeatang entnehmen, Kranke zu be- 
suchen? Ans Nnm. 16, 29: „Wenn, wie alle Menschen sterben, 
diese sterben und das Yerhängniss aller Menschen über sie verhängt 
wird, hat der Ewige mich nicht gesendet." Was Iftsst sich ans dem 
Vers entnehmen? Raba hat gesagt: (der Sinn des Verses ist dieser:) 
Wenn, wie alle Menschen sterben, diese sterben, dass sie krank 
werden und hingestreckt auf ihren Lagern liegen and Menschen- 
kinder sie besachen, was werden da die Leute (Geschöpfe) sagen? 
Antw.: Der Ewige hat mich nicht gesandt 

Raba hat vorgetragen: Was heisst das, was geschrieben steht 
das. V. 30: „Wenn aber der Ewige Neues schafft?" Antw.: (Der 
Sinn der Stelle ist:) Ist die Hölle schon erschaffen worden^ so ist's 
gut, wenn nicht, so erschaffe sie der Ewige. Es ist doch nicht so 
(die Hölle war doch gewiss schon erschaffen worden), es ist doch ge- 
lehrt worden: Sieben Dinge sind vor der Weltschöpfung erschaffen 
worden, nämlich die Thora, die Busse, das Paradies, die Hölle, der 
Thron der Herrlichkeit, das Heiligthum und der Name des Messias. 
Die Thora, denn es heisst Prov. 8, 22: „Der Ewige hat mich er- 
schaffen als den Erstling seines Weges, das Erste seiner Werke von 
Anbeginn;" die Busse, denn es heisst Ps. 90, 2. 3: „Ehe denn die 

Berge geboren wurden, führest du den Menschen zurück bis zur 

Zerknirschung und sprichst: Kehret um, Menschenkinder"; das Pa- 
radies, denn es heisst Gen. 2, 8: „Und es pflanzte der Ewige, Gott, 
einen Garten von der Urzeit an"; die Hölle, denn es heisst Jes. 30,33: 
„Denn zubereitet seit gestern ist Tophthe"; der Thron der Herrlich- 
keit, denn es heisst Ps. 93, 2 : „Gegründet ist dein Thron von Anbeginn:" 
das Heiligthum, denn es heisst Jerem. 17, 12: „Ein Thron der Herr- 
lichkeit, eine Anhöhe von Anbeginn ist die Stätte unseres Heilig- 
thums"; der Name des Messias, denn es heisst Ps. 72, 17: „Es soll 
sein Name sein auf ewig vor der Sonne Jinon". Allein Mose hat so 
gesagt: Wenn ihr (der Hölle) ein Mund erschaffen worden ist, so 
ist's gut, wenn nicht, so soll der Ewige einen erschaffen. Es heisst 
doch aber Eoh. 1, 9: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne?" 
Allein Mose hat also gesagt: Wenn der Mund der Hölle hier nahe 
ist, so ist's gut, wenn nicht, so soll er hier nahen. 

29, (Fol. 39b.) Raba, oder, wie manche sagen, R. Jizchak 
hat vorgetragen: Was heisst das, was geschrieben steht Hab. 3, 11: 
„Sonne und Mond blieben stehen im Sebul (bi:3T, in ihrer Wohnung)?" 
Was haben Sonne und Mond im Sebul zu suchen? Sie sind 

W Ansehe, Der babylonische Talmud. 14 



210 V. Tractat Nedarim. 

doch am Rakia' befestigt? Daraus geht hervor, dass Sonne and 
Mond aas dem Himmelsgewölbe nach dem SebaP) aufstiegen and 
vor ihm (Gott) sprachen: Herr der Weltl wenn da Recht verschaffest 
dem Sohne Amrams,^) so wollen wir Licht spenden (leuchten), wenn 
nicht, so wollen wir nicht mehr Licht spenden (leuchten). In dieser 
Stunde warf er Pfeile und Lanzen auf sie und sprach zu ihnen: 
An jedem Tage betet man euch an und ihr spendet dennoch Licht; 
meiner Herrlichkeit wegen erhebt ihr keinen Widerspruch, und wenn 
es sich um die Herrlichkeit von Fleisch und Blut handelt, da er- 
hebt ihr Widerspruch ? An jedem Tage schiesst man auf sie Pfeile 
und Lanzen und sie spenden Licht, wie es heisst das.: „Eine Sonne 
gehen deine Pfeile, ein Mond das Blitzen deiner Lanzen.'' 

30. (Das.) Fflr das Besuchen der Kranken giebt es kein Masz. 
Was heisst das: Es giebt dafOr kein Masz? Bab Joseph wollte 
sagen: Es giebt kein Masz, wie viel Lohn man ihm dafür geben 
wird. Da sprach Abaji zu ihm: Giebt es denn fOr alle Vorschriften 
ein Masz, wie viel Lohn es dafür giebt, wir haben doch gelernt: 
Sei ebenso behutsam in Bezug auf eine geringe Vorschrift, wie in 
Bezug auf eine schwere, denn du kennst nicht die Gabe des Lohnes 
dafür? Allein Abaji hat so gesagt: Es gilt dies selbst vom Grossen 
in Bezug auf den Kleinen. Baba hat gesagt: Es gilt dies, selbst 
wenn es hundertmal an einem Tage geschehen sollte. Es ist auch 
also gelehrt worden: Der Krankenbesuch hat kein Masz; es gilt das 
selbst vom Grossen in Bezug auf den Kleinen und (es gilt dies), 
selbst wenn es hundertmal an einem Tage geschehen sollte. 

31. (Fol. 39 b u. 40a. R. Acha bar Chanina hat gesagt: Wer einen 
Kranken besucht, der nimmt ihm den sechzigsten Theil von seinem 
Schmerze. Da sprach Abaji zu Raba: Wenn dem so ist, so sollten Sech- 
zig zu ihm gehen und er müsste genesen (aufstehen)? Raba erwiederte 
ihm darauf: Es ist so gemeint: Wie das Zehntel von Rabbi,') und der 



^) Si^T ist die vierte Himmelssphäre von unten an gerechnet, Rakia' !8t die 
zweite. Bezeichnend ist die Stelle Chagiga Fol. 12b, wo es heisst: Sebul ist 
derjenige Himmel, in welchem (das himmlische) Jerusalem sammt dem Tempel 
und dem Altar gebaut sind und wo Michael, der grosse Fürst, steht und auf 
ihm Opfer darbringt, 

*) Wegen Korach und seines Anhanges. 

•'») Vgl. Kethuboth 68a. Dort sagt Rabbi: Wenn Jemand zehn Töchter 
und einen Sohn hat und stirbt, so bekommt die erste Tochter Vio dee Ver- 
mögens, die zweite Vio ^^ Ueberrestes und so foi*t, so dass für den Sohn doch 



V. Tractal Nedarim. 211 

Mensch, welcher einen Kranken besucht, ist geboren unter demselben 
Gestirn wie der Kranke. Denn es ist gelehrt worden: Rabbi sagt; 
Die Tochter wird unterhalten aus dem Vermögen der Brüder und 
sie nimmt ein Zehntel von dem Vermögen (Reichthum). Da sprach 
man zu Rabbi: Nach deinen Worten: Wenn einer nun zehn Töchter 
hat und einen Sohn hat, so nehmen die zehn Töchter das ganze 
Vermögen) in Anspruch und der Sohn erhält gar nichts? Da sprach 
Rabbi zu ihnen! Ich sage so: Die erste nimmt ein Zehntel des Ver- 
mögens, die zweite nimmt (ein Zehntel) von dem (Vermögen), was 
die erste übrig gelassen, die dritte wieder (ein Zehntel) von dem» 
was die zweite übrig gelassen, und so alle übrigen und sie theilen 
sich gleich. Als R. Chelbo krank wurde, rief Rab Kahana öffent- 
lich aus: R Chelbo ist krank, R Chelbo ist krank! allein es kam 
niemand, der ihn besuchte. Da sprach er zu den Leuten: Es be- 
gab sich einmal mit einem Schüler von den Schülern des R. Akiba, 
dass er krank wurde, und die Weisen (Gelehrten) gingen nicht zu ihm, 
um ihn zu besuchen, R. Akiba aber ging zu ihm, um ihn zu be- 
suchen. Und da man vor ihm (auf Geheiss des R. Akiba) das Zim- 
mer ausfegte und mit Wasser bespritzte, genas er. Da rief der 
Kranke aus: Rabbi! du hast mich am Leben erhalten: Da ging 
R. Akiba fort und trug vor: Wer einen Kranken nicht besucht, 
gilt so, als wenn er Blut vergösse. Als Rab Dimi kam, sprach 
er: Jeder, der einen (den) Kranken besucht, zieht ihm zu, dass er am 
Leben bleibt und jeder, der einen Kranken nicht besucht, zieht ihm zu, 
dass er stirbt. Warum? Sollen wir sagen, dass jeder, der einen 
Kranken besucht, für ihn um Erbarmen betet, dass er am Leben 
bleiben möge, und jeder, der einen Kranken nicht besucht, für ihn 
um Erbarmen betet, dass er sterben möge. Was fällt dir ein? 
Allein es muss so heissen: Jeder, welcher den Kranken nicht be- 
sucht, betet nicht für ihn um Erbarmen, dass er lebe und nicht, 
dass er sterbe. Als Raba krank wurde, sprach er am ersten Tage 
zu den Leuten, sie sollten es den Leuten nicht sagen, dass er krank 
sei, damit nicht sein Glückstem schlecht werde. ^) Von da ab und 



noch ein Erbtheil bleibt. Ebenso nimmt hier der erste Besucher Vfto der Ki'ank- 
heit, der zweite Veo ^^^ Restes und so fort, so dass nach 60 Besuchern noch 
Immer ein Theil der Krankheit bleibt. H. 

^) Er dachte nämlich: Es kann sein, dass es gar keine Krankheit ist, wenn* 
man nun erzählt, dass er krank sei, so kann es geschehen, dass er wirklich 
krank wird. 



212 V» Tractat Nedarim. 

weiter^) aber sprach er zu ihnen: Geht hinaus und ruft öffentlich 
aus in der Strasse: Raba ist krank, damit der, welcher mir feindlich 
gesinnt ist, sich freue, und es heisst Prov. 24, 17. 18: „Wenn dein 
Feind fällt, so freue dich nicht, und wenn er strauchelt, so froh- 
locke dein Herz nicht, damit es der Ewige nicht sehe und es 
sei böse in seinen Augen und er wende seinen Zorn von ihm.'' Wer 
. mich lieb hat, soll für mich um Erbarmen beten. 

32. (Das.) Rah hat gesagt: Jeder, der einen Kranken besucht, 
wird vom Höllengericht gerettet, wie es heisst Ps. 41, 1: „Heil, wer 
sich des Armen annimmt, am Tage des Bösen (der Unterwelt) wird 
ihn der Ewige retten.'' Unter bi, ein Armer, ist nichts anderes als 
nbnn, ein Kranker zu verstehen vergl. Jes. 38, 12: „Von der 
Krankheit (nbn^) wird er mich abschneiden." Oder der Beweis kann 
aus diesem Yerse geführt werden. Es heisst 2 Sam. 13, 4: „Warum 
bist du so sehr abgezehrt, o Sohn des Königs! einen Morgen wie 
den andern." Unter n^^, Böses (Unglück) ist nichts anders als 
die Hölle zu verstehen vgl. Prov. 16, 4: „Alles schuf der Ewige 
zu seiner Bestimmung; aber auch den Frevler für den Tag des 
Bösen (Unglücks)."^) Und wenn er einen Kranken besucht, was 
ist sein Lohn? „Was ist sein Lohn?" Er ist doch, wie wir gesagt 
haben: Rettung von dem Gericht der Hölle. Allein was ist sein 
Lohn in dieser Welt? Es heisst Ps. 41, 3: „Der Ewige wird ihn 
behüten und leben lassen, und glücklich gepriesen wird er im Lande» 
und du giebst ihn nicht hin der Gier seiner Feinde." „Der Ewige 
wird ihn behüten," nämlich vor dem bösen Triebe (der Leidenschaft), 
„und er wird ihn leben lassen," nämlich frei von Schmerzen, „und 
glücklich gepriesen wird er im Lande," denn alle werden ihn ehren, 
,,und du giebst ihn nicht hin der Gier seiner Feinde," denn es wer* 
den sich ihm zugesellen solche (gute) Freunde, wie Naeman (gehabt 
hat), welche ihn von seinem Aussatze heilten, und es werden sich 
ihm nicht solche Freunde zugesellen, wie Rechabeam (gehabt), welche 
(durch ihren Rath) sein Reich getheilt haben. 

In einer Boraitha ist gelehrt worden: R. Simeon ben Eleasar 
hat gesagt: Wenn dir die Jungen sagen: Baue! und die Alten: Reisse 
eini so folge den Alten und nicht den Jungen, denn das Bauen der 
Jungen ist ein Einreissen und das Einreissen der Alten ist ein 



^) Als er sab, dass es mit ihm nicht besser wurde. 
•) So nimmt der Talmud das Wort. 



V. Tractat Nedarim. 213 

Bauen. Als ein Zeichen diene dir Rechabeam, Sohn Salomos (s. 
1 Reg. 12, 6—11). Rab Schischa bar Rab Idi hat gesagt: Ein 
Mensch soll einen Kranken nicht in den ersten drei Standen am Tage 
besuchen und ebenso nicht in den letzten drei Stunden am Tage, 
damit er (die Besucher) seinen Sinn nicht vom (Gebet um) Erbarmen 
abwende. Denn in den ersten drei Stunden ist dem Kranken leichter 
(der Besucher würde also meinen, er sei bereits genesen); in den 
letzten drei Stunden ist wieder die Schwäche zu stark (der Besucher 
würde also jede Hoffnung aufgeben und nicht beten). 

R. Abin hat im Namen Rabs gesagt: Woher Iftsst sich be- 
weisen, dass der Heilige, gebenedeiet sei er! die Kranken ernährt? 
Weil es heisst Ps. 41, 4: „Der Ewige wird ihn stützen auf dem 
Schmerzenslager, sein ganzes Bett kehrst du um in seiner Krankeif 

R. Abin hat ferner im Namen Rabs gesagt: Woher lässt sich 
beweisen, dass die Schechina über der Lagerstätte des Kranken 
ruht? Weil es heisst das.: „Der Ewige wird ihn stützen auf dem 
Schmerzenslager." Es ist auch so gelehrt worden: Wer einen Kranken 
besucht, setze sich nicht auf die Lagerstätte (Divan), auch nicht auf 
einen Sessel, auch nicht auf einen Stuhl, sondern hülle sich ein, 
setze sich auf die Erde (den Boden), weil die Schechina über der 
Lagerstätte des Kranken ruht, wie es heisst: „Der Ewige wird ihn 
stützen auf dem Schmerzenslager." 

33. (Fol. 40b u. 41a.) R. Ammi hat im Namen Rabs gesagt: 
Was heisst das, was geschrieben steht Ezecb. 12, 3: „Und du, 
Menschensohn! mache dir Auswanderungsgeräthe?" Darunter ist 
Licht , Schüssel und Polster zu verstehen. Es heisst (Deut. 28, 24): 
„In Mangel an Allem." Nach R. Ammi im Namen Rabs ist damit 
gemeint: (Du wirst sein) ohne Licht und ohne Tisch; nach Rab 
Ohisda: ohne Weib, nach Rab Schescheth: ohne Diener, nach Rab 
Nachman: ohne Verstand. Nach einer Ueberlieferung: ohne Salz und 
ohne Fett. Abaji hat gesagt: Es giebt keinen Armen, ausgenommen 
den, der ohne Verstand ist.^) Im Abendlande (Palästina) sagt man: 
Wer Einsicht besitzt, hat alles, wer dagegen keine Einsicht hat, 
was hat er? Wer Einsicht erworben hat, was fehlt ihm? Wer 
dagegen keine Einsicht erworben hat, was hat er erworben?^) 



*) Arm ist nur der zu nennen, welcher arm an Verstand ist; die wahre 
Arrnuth ist also die Armuth des Urtheils. 

') Wer keine Einsicht hat, was hilft dem alles Uebrige? 



214 V. Tractat Nedai-im. 

34. (Fol. 41a.) R. Alexandri hat im Namen des R. Chija bar 
Abba gesagt: Der Kranke steht nicht eher von seiner Krankheit 
auf, als bis man ihm alle seine Sünden verzeiht, wie es heisst Ps. 
103, 3: „Der alle deine Missethaten verzeiht, der heilet alle deine 
Gebrechen.'* Rah Hamnona sagt: Er kehrt zurück zu den Tagen 
seiner Jugend, denn es heisst Hi. 33, 25: „Feist wird sein Fleisch 
von Jugendfrische: er kehrt in die Tage seiner Kindheit zurück.'^ 
Es heisst Ps. 41, 4: „Sein ganzes Bett kehrst du um in seiner 
Krankheit." Rab Joseph hat gesagt: Der Yers will sagen, dass 
ein Mensch sein Erlerntes (bei der Krankheit) vergisst. 

35. (Das.) Als Rab Joseph krank wurde, vergass er sein 
Erlerntes, Abaji aber wiederholte es vor ihm. Das ist es, was ¥rir 
an vielen Orten sagen: Rab Joseph hat gesagt, ich habe die Sache 
nicht gehört Abaji sprach zu ihm: Du allein hast es uns gesagt 
und aus einer Boraitha hast du es uns gesagt. Rabbi lernte drei- 
zehn Arten von Halachoth und Rabbi lehrte den R. Chija siebenerlei 
davon. Darauf wurde Rabbi krank (und vergass alle dreizehn), da 
wiederholte R. Chija vor ihm die siebenerlei (die er ihn gelehrt 
hatte), nach sechserlei aber wussten beide nicht mehr das Uebrige. 
Da war ein Walker daselbst, welcher (alle dreizehn) von Rabbi ge- 
hört hatte (zu dem ging R. Chija und lernte sie wieder von ihm). 
Darauf kam er und wiederholte sie vor Rabbi Wenn Rabbi nun den 
Walker sah, sprach er zu ihm: Du hast mich und Chija geschaffen. 
Andere sagen: Rabbi hat also zu ihm gesagt: Du hast Chija ge- 
schaffen und Chija wieder hat mich geschaffen. 

(Das.) R. Alexandri hat im Namen des R. Chija bar Abba 
gesagt: Grösser ist das Wunder, welches dem Kranken (der wieder 
geneset) geschieht, als das Wunder, welches Cbananja, Mischael und 
Asarja (Dan. 1, 7 u. 3, 12 ff.) geschah; denn bei Chananja, Mischael 
und Asarja war es gewöhnliches (gemeines, irdisches) Feuer, welches 
alle auszulöschen vermögen, das (Feuer) des Kranken aber ist ein 
himmlisches (stammt vom Himmel), wer vermag es zu löschen? 

R. Alexandri hat im Namen des R. Chija bar Abba, oder, wie. 
manche wollen, R. Josua ben Levi hat gesagt: Wenn das Ende des 
Menschen herannaht, so überwältigen (beherrschen) ihn alle Dinge, wie 
es heisst Gen. 4, 14: „Und es wird geschehen, wer mich trifft, wird 
mich tödten." Rab bringt den Beweis von hier Ps. 119, 91: „Nach 
deinen Urtheilen stehen sie heute, denn alle sind deine Knechte.^ 

Man sprach zu Rabba bar Schila: Jener hohe Mann (Riese) ritt 



V. Tractat Nedarim. 215 

ein kleines Manlthier, er kam an eine Brücke, es wnrde störrig and 
warf ihn in den Fluss nnd er starb (und ertrank). Da wandte Rabba 
bar Schila auf ihn den Vers an: „Nach deinen Urtheilen stehen 
sie heute'* a. s. w. Samuel sah einen Scorpion, welcher auf einem 
Frosch sass und über einen Fluss setzte. Da stach er einen Mann 
und er starb. Da wandte Samuel auf ihn den Vers an: „Nach deinen 
Urteilen stehen sie heute, denn alle sind deine Knechte." 

36» (Fol. 41 ab.) Samuel hat gesagt: Man besucht nur den- 
jenigen Kranken, welcher an Fieberhitze darnieder liegt. Welche 
Kranke besucht man nicht? Sowie gelehrt worden ist: R. Josse 
ben Parta sagt im Namen des R. Eleasar: Man besucht nicht die 
Unterleibskranken, die Augenkranken und nicht die, welche an Kopf- 
schmerzen leiden. Gewiss, die Unterleibskranken besucht man nicht, 
wegen Beschämung (weil sie stets hinausgehen müssen), aber warum 
soll man die Augenkranken und die, welche an Kopfschmerzen lei- 
den, nicht besuchen? Wegen der Worte des Rab Jehuda, denn 
dieser hat gesagt: Das Reden ist den Augenkranken beschwerlich, 
aber es ist gut für die, welche von Fieberhitze geplagt werden. Raba 
hat gesagt: Wenn die Fieberhitze nicht der Vorbote des Todesengels 
wäre, so wäre sie dienlich wie die Domen einer Dattelpalme. Wenn 
ein Mensch in 30 Tagen einmal Fieberhitze hat, so ist das wie 
Theriak für den Körper. Rab Nachman bar Jizchak hat gesagt: Ich 
will sie (die Fieberhitze) nicht und will auch nicht den Theriak. 
Rabba bar Jonathan hat im Namen des Rab Jechiel gesagt: Gersten- 
grütze (Graupe, IO^t) ist gut für den Kranken zu seiner Heilung. 
Was ist ID^:;? R. Jonathan hat gesagt: Abgeschälte alte Gerste, 
die am Siebe kleben bleibt (oder: die am Anfang des Siebens her- 
ausfällt). Abaji hat gesagt: Man soll sie kochen so lange wie 
Ochsenfleisch. Rab Joseph hat gesagt: Es ist Mehl von alter Gerste. 
Abaji hat gesagt: Man soll es kochen solange wie Ochsenfleisch. 
R. Jochanan hat gesagt: Den, welcher an der Ruhr leidet, soll man 
nicht besuchen und man soll auch seinen Namen nicht erwähnen. 
Warum? R. Eleasar hat gesagt: Warum heisst diese Krankheit 
tan^n? Weil er wie eine Quelle sprudelt.^) 

37. (Fol. 49 b.) Von R. Jehuda und R. Simeon brachte man 



*) Der Talmud zerlegt das Wort in die zwei Wörter *n^, Grube und 
in, Blut. Nach R. Nissim ist es unanständig, den Namen dieser Krankheit zu 
erwähnen. 



216 V. Tractat Nedarim. 

Feigen, (welche überreif waren), R. Jehuda ass sie, R. Simeon 
aber ass sie nicht. Da sprach R. Jehuda zu R. Simeon: Wamm 
isst der Herr sie nicht? R. Simeon antwortete ihm: Sie (die Feigen) 
gehen niemals ans den Eingeweiden heraus. Umsomehr, versetzte 
R. Jehuda, können wir uns fttr morgen auf sie stützen.^) 

38. (Fol. 49b u. 50a.) R. Jehuda sass Tor R. Tarphon, da 
sprach R. Tarphon zu ihm: Heute ist dein Gesicht heiter (freund- 
lich). R. Jehuda sagte: Gestern Abend gingen deine Knechte hinaus 
aufs Feld und brachten uns Mangold und wir haben es ohne Salz 
gegessen; wenn wir es mit Salz gegessen hätten, so würden unsere 
Gesichter noch heiterer seim 

Eine Matrone sprach einmal zu R. Jehuda, dass er ein Gesetz- 
lehrer und dabei trunken sei. R. Jehuda sprach zu ihr: Ich schwöre, 
dass ich sonst keinen Wein trinke, als bei Eiddusch und Habdala 
und zu Pesach die vier Becher und dabei muss ich (in Folge von 
Kopfschmerzen) verbunden gehen von Pesach bis Pfingsten, allein 
es heisst Koh. 8, 1: „Die Weisheit des Menschen erleuchtet sein 
Angesicht. „Ein Min (Sektirer) sprach zu R. Jehuda: Dein Gesicht 
gleicht entweder einem, der Geld auf Wucher leiht oder einem, der 
Schweine gross zieht. R. Jehuda sprach zu ihm: Bei den Juden 
ist beides verboten, allein ich habe 24 Aborte von meinem Hause 
an bis zum Lehrhause, jede Stunde geh ich in einen hinein. Wenn 
R. Jehuda in das Lehrhaus ging, trug er einen Krug auf seiner 
Schulter,^) er sprach: Die Arbeit ist gross, denn sie ehrt ihren 
Herrn. R. Simeon trug einen Korb auf seiner Schulter, er sprach: 
Die Arbeit ist gross^ denn sie ehrt ihren Herrn. Das Weib R. Jehudas 
ging hinaus, kaufte Wolle und fertigte daraus ein schönes Kleid. Wenn 
sie auf der Strasse ging, so bedeckte sie sich damit und wenn B. 
Jehuda ging, um zu beten, so bedeckte er sich auch damit, und 
wenn er sich damit bedeckte, sprach er folgende Benediction: Ge- 
lobt sei der, welcher mich in ein Obergewand hüllt I Einmal ver- 
hängte R. Simeon ben Gamliel ein Fasten und R. Jehuda stellte 
sich nicht zum Fasten ein. Da sprach man zu ihm: Er hat kein 
Gewand (um sich zu bedecken). Da schickte er ihm ein Kleid, aber 
er nahm es nicht an. Er hob eine Decke auf und sprach zu dem 



') Wir brauchen da nichts anderes zu essen. 
^) Um im Lclirhause auf ilira zu sitzen. 



V. Tractat Nedarim. 217 

Boten: Sieh, welcher Reichthum da liegt, nur ich will keinen 6e-> 
nuss von dieser Welt haben. 

39. (Fol. 50a.) R. Akiba verlobte sich mit der Tochter des 
Kalba Sabua. Als Ealba Sabna das hörte, that er ein Gelübde, 
dass seine Tochter keinen Genass von seinen Gütern haben sollte.^) 
Sie ging aber und heirathete ihn doch. Während des Winters lagen 
sie anf Stroh und sie las ihm das Stroh (an jedem Morgen) ans 
seinem Haar. Da sprach er zu ihr: Wenn ich reich wäre, würde 
ich dir ein goldnes Jemsalem*) auf die Brust legen. Da erschien 
eines Tages vor ihnen Elia in Gestalt eines Armen an der Thüre, 
und sprach: Gebt mir etwas von eurem Stroh, denn mein Weib 
hat eben geboren, und ich habe nichts für ihren Leib, um es ihr 
unterzulegen. Da sprach R. Akiba zu seinem Weibe: Siehe, dieser 
Mann hat nicht einmal Stroh.^) Sie sprach: Geh und lerne im 
Lehrhause.^) Er ging nun in das Lehrhaus und lernte zwölf Jahre 
Tor R. Eleasar und R. Josua. Als die zwölf Jahre um waren, er- 
hob er sich und kam nach Hause. Da hörte er hinter seinem Hause, 
wie ein Ruchloser zu seinem Weibe sprach: Dein Vater hat wohl- 
l^ethan (dass er gelobt hat, du sollst keinen Genuss von seinem 
Vermögen haben), denn dein Mann gleicht dir erstens nichf^) und 
dann lässt er dich im lebendigen Wittwenstande ^) alle diese Jahre. 
Da sprach das Weib zu ihm: Wenn mein Mann mir folgen wollte, 
so sollte er noch andere zwölf Jahre im Lehrhause zubringen. R. 
Akiba sprach (für sich allein): Da mein Weib mir die Erlaubniss 
giebt, so will ich wieder in das Lehrhaus zurückkehren. Er kehrte 
sofort zurück und lernte noch weitere zwölf Jahre. Dann kehrte er 
mit 24,000 Schülerpaaren zurück. Da gingen alle Leute (aus der 
Stadt) ihm entgegen, auch sein Weib ging ihm entgegen. Da sprach 
der Ruchlose zu ihr: Wohin willst du?'') Sie sprach zu ihm mit 
ProY. 12, 10: „Ein Gerechter weiss, wie seinem Vieh zu Muthe 



^) £r enterbte sie. 

') £in goldner Schmuck mit dem Bilde der Stadt Jerusalem. 
') Sinn: der noch ärmer ist als wir. 
*) Vgl. Kethuboth Fol. 62 b. 

^) D. i. er ist nicht von so vornehmer Abkunft wie du bist. 
*) D. h. als eine, deren Mann noch lebt, und doch vei'wittwet ist, die also 
«ich nicht verheirathen darf und verlassen ist. 
^ Sie trug nämlich sehi* ärmliche Kleider. 



218 V. Tractat Nedarim. 

ist."^) Als sie ihrem Mann sah, ging sie zu ihm, aber es wollten 
sie unsere Rabbinen (d. L die Schüler) fortstossen. B. Akiba aber 
sprach zu ihnen: Lasst sie, das Meinige and das Eorige^) gehört 
ihr. Als ihr Yater die Sache yernahm, kam er und bat, man sollte 
ihm sein Gelübde lösen und sie (seine Tochter und R. Akika) durf- 
ten Genuss von seinem Vermögen haben. 

40. (Das.) Durch sechs Dinge (Gelegenheiten) ist B. Akiba 
reich geworden: Durch Ealba Sabua, durch den Widder des Schiffes; 
weil jedes Schiff ein Bild von einem Widder hatte (das man mit Gold 
füllte). Einmal hatten die Leute den Widder am Meeresnfer stehen 
gelassen, da kam B. Akiba und fand ihn. Femer durch den Kasten 
(eines Schiffes). 

Einmal gab nämlich B. Akiba vier Sus den Schiffern und sprach 
zu ihnen: Bringt mir etwas. Allein sie fanden nichts als einen 
Kasten bei einem Meerfelsen, diesen brachten sie ihm. Sie sprachen 
zu ihm: Es möge unser Herr warten (bis wir noch etwas bringen)L 
Als er ihn öffnete, fand er ihn voll Golddenare. Einmal sank ein 
Schiff unter und seine ganzen Schätze lagen in dem Kasten und man 
fand ihn an einem Meeresfelsen. Sodann durch eine Matrone,^ 



^) Um 80 mehr wird er nicht armlich gekleidete MeDSchen beschämen. 

2) D. i. meine und eure Thorakenntniss. 

') In Betreff der Matrone erzählt Raschi folgende Geschichte. Die Weisen 
(Gelehrten) brauchten einmal viel Geld für das Lehrhans, da schickten sie den 
R. Akiba zu einer Matrone, um von ihr dasselbe zu leihen. Als sie ihm das 
Geld gab, sprach sie zu ihm: Wer soll mir Bürge sein, dass du mir das Geld 
zur bestimmten Zeit wieder bezahlst? Er sprach zu ihr: Bestimme wen du 
willst. Da sprach sie: Gott und das Meer sollen Bürgen sein, denn ihr Hau» 
stand am Ufer des Meeres. So soll es seini versetzte R. Akiba. Als die be- 
stimmte Zeit herangekommen war, lag R. Akiba krank darnieder, und er war 
nicht im Stande, ilir das Geld zurückzubnngen. Da ging die Matrone hinaus 
an das Ufer des Meeres und sprach: Herr der Welt! bekannt und offenbar ist 
es von dir! dass ich dir und diesem Meere mein Geld anvertraut habe. Da 
senkte der Heilige, gebenedeiet sei er! den Geist des Irrsinns in das Herz der 
Kaisei-tochter, dass sie in das Schatzhaus ging, Gold und Edelsteine nahm, und 
sie ins Meer warf, und dieses spülte sie an die Thür des Hauses jener Matrone 
aus und sie nahm sie in Empfang. Nach einiger Zeit brachte ihr R. Akiba da» 
Geld und sprach zu ihr: Sei nicht hose (zornig), dass ich das Geld nicht zu 
der Zeit, welche wir festgesetzt hatten, gebracht habe, denn ich war krank. 
Die Matrone sprach zu ihm: Es soll alles dir gehören, denn mein Geld ist zu 
seiner (d. t zur rechten) Zeit in meine Hand gekommen. Und sie erzählte ihm 
die ganze Begebenheit und gab ihm grosse Gesclienke und er verabschiedete 
sich von ihi« in Frieden. 



V. Tractat NedaiMm. 219 

durch das Weib des Tyrannen Rufns^) und durch Keti'a bar 
Schallum.2) 

41. (Fol. 50 b.) Hab Gamda gab den Schiffern vier Sus mit 
den Worten, dass sie ihm dafür etwas bringen sollten. Als sie nichts 
fanden, brachten sie ihm einen Affen, welcher entlief und in ein 
Loch gekroch. Man grub nach ihm und fand, dass er auf Perlen 
lag. Die Schiffer brachten ihm (dem Hab Gamda) alle (Perlen). 



Nach einer anderen Relation lautet die Erzählung also. R. Akiba und seine 
Schüler brauchten einmal nothwendig Geld und sie gingen zu einer Matrone. 
Sie sprach zu R. Akiba: Siehe, ich will dir das Geld leihen, du sollst der 
Schuldner und Gott und das Meer sollen Bürgen sein. Er bestimmte ihr darauf 
die Zeit, wo er sie bezahlen wollte. Als diese Zeit herangekommen war, lag 
R. Akiba krank darnieder. Da ging die Matrone an das Ufer des Meeres und 
sprach: Herr der Weltl bekannt und offenbar ist es von dir, dass R. Akiba 
krank ist und es nicht bei ihm steht, seine Schuld zu bezahlen, siehe, du bist 
Bürge für die Sache. Da wurde die Tochter des Kaisers in*sinnig und sie 
nahm ein Kästchen voll Edelsteine und Golddenare und warf sie ins Meer. 
Dieses trug es bis an den Ort, denn jene Matrone wohnte am Ufer des Meeres. 
Sie nahm das Kästchen in Empfang und ging mit ihm fort. Nach einigen Ta- 
gen wurde R. Akiba geheilt, da machte er sich auf zu der Matrone, um ihr 
seine Schuld zu bezahlen. Diese aber sprach zu ihm: Ich habe mich an den 
Bürgen gewandt und er hat die ganze Schuld bezahlt, und da hast du, was er 
mir mehr gegeben hat. Von jenem Gelde also, welches ihm die Matrone zu- 
rückerstattete, ist R. Akiba reich geworden. 

^) R. Akiba und der Tyrann Rufus pflegten nämlich zum Kaiser zu gehen, 
wobei R. Akiba an Rufus schwere Fragen stellte, welche dieser aber nicht be- 
antworten konnte. Einmal kam der Rufus sehr traurig zurück, da fragte ihn 
sein Weib: Warum bist du so traurig? Er antwortete ihr: R. Akiba erzürnt 
mich alle Tage durch seine Rede. Da sprach das Weib zu ihm: Der Gott der 
Juden hasst die Buhlerei, gestatte mir, dass ich R. Akiba darauf hin anspreche, 
80 wurd er sich versündigen. Rufus gestattete es ihr, und sie ging herrlich ge- 
schmückt und mit bis zu den Knieen entblössten Füssen zu R. Akiba. Als R. 
Akiba ihren Fuss sah, da si)ie er aus, lachte und weinte. Da sprach sie zu 
ilim: Sage mir, was soll dies dreies bedeuten? R. Akiba versetzte: Zweierlei 
will ich dir sagen, das dritte aber kann ich dir nicht sagen. Ich spie aus, 
weil du von einem stinkenden Tropfen bist und ich weinte, weil einst diese 
Schönheit verwesen wird in der Erde. Warum aber hat er gelacht? Weil er 
sah, dass er einst mit ihr sich verheirathen werde. Das wollte er ihr aber nicht 
sagen. Da sprach sie zu ihm: Kann ich nicht noch Busse thun? ja! sprach 
R. Akiba. Sie ging hin und wurde Jüdin, heirathete ihn darauf und brachte 
ihm viel Geld mit. 

*) Keti^a bar Schallum schenkte nämlich sein ganzes Vermögen dem R. 
Akiba und seinen Schülern. 



220 ^ • Tractat Nedarira. 

42. (Das..) Die Kaisertochter fragte den R. Josua ben Cha- 
nanja: Woher kommt es, dass die herrliche Thora in h&sslichen 
Oefässen wohnt (ist)? Er antwortete ihr: Lerne es von deinem 
Vaterhause! Worin bewahrt man da den Wein auf? Sie sprach: 
In irdenen Gefässen. Er sprach darauf: Die ganze Welt bewahrt 
ihn in irdenen Gefässen, ihr^) solltet ihn doch in silbernen und 
goldenen Gefässen aufbewahren. Sie ging und füllte ihn in silberne 
und goldene Gefässe und er wurde dumpf (sauer). Darauf sprach er 
zu ihr: So verhält es sich auch mit dem Gesetze.^) 

43. (Das.) Ein Weib erschien einmal vor Hab Jehuda von 
Nehardea vor Gericht und wurde vor dem Richter für schuldig be- 
funden.^) Da sprach sie zu ihm: Samuel, dein Lehrer (Rabbi) hat 
also gerichtet (entschieden). Er sprach zu ihr: Kennst du ihn? Ja 
wohl! versetzte das Weib, er ist klein und hat einen grossen Bauch 
und ist schwarz und hat grosse Zähne. Da sprach er zu ihr: Du 
bist gekommen, um ihn verächtlich zu machen, dafür sollst du ge- 
bannt sein. Da zerbarst sie und starb. 

44. (Das.) Ein Mann übergab einmal seinen Knecht seinem 
Nächsten, damit er ihm tausenderlei Arten Speise bereiten lehre, 
dieser aber lehrte ihm nur achthunderterlei Arten. Da kamen sie 
vor Rabbi vor Gericht, dieser sprach: Unsere Eltern haben gesagt: 
Wir haben das Gute (was wir einmal gehabt) vergessen, wir haben 
es selbst mit unseren Augen nicht gesehen. 

45. (Fol 50 b u. 51a.) Rabbi machte seinem Sohne R. Simeon 
Hochzeit und schrieb auf das Hochzeitshaus die Worte: 24,000 
Myriaden Denare sind auf dieses Hochzeitshaus (für diese Hoch- 
zeit) verausgabt worden. Bar Kappara aber hatte er nicht ein- 
geladen. Dieser sprach: Wenn schon den Uebertretern seines 
(Gottes) Willens^) so geschieht, um wie viel mehr denen, die 
seinen Willen thun! Darauf lud er ihn ein. Nun sprach Bar Kap* 
para: Wenn schon denen, welche seinen (Gottes) Willen thon,^) in 
dieser Welt so geschieht, um wie viel mehr erst in der zukünftigen 



>) Ihr, die ihr viel vornehmer seid als andere. 

*) Vergl. Taanith Fol. 7a, wo sich dieselbe Erzählung mit einigen Va- 
nanten findet. 

') Sie musste bezahlen. 

*) Damit meinte er Rabbi. 

^) Jetzt nahm er seine ei*ste Aeussenwg zurück und erklärte Rabbi als 
einen, der (jottes Willen thut. 



V. Tractat Nedarim. 221 

Welt! An dem Tage, wo Rabbi lachte, kam IJDglück in die Welt 
Da sprach er zu Bar Eappara: So du mich nicht lachen machst, 
will ich dir 40 Masz Weizen geben. Dieser versetzte : Mag der 
Herr sehen, dass ich nehmen kann, mit welchem Masz ich will. 
Bar Eappara nahm einen grossen Korb, verklebte ihn inwendig 
mit Pech, stellte ihn auf seinen Kopf, ging zu Babbi and sprach 
za ihm: Messe mir der Herr die vierzig Masz Weizen, die ich 
dir geborgt habe. Babbi lachte and sprach za ihm: Ich habe 
dir doch nur vierzig Mass Weizen zugesagt anter der Bedingung, 
dass du mich nicht lachen machst^) Da sprach Bar Eappara zu 
ihm: Ich will nur den Weizen nehmen, den ich dir geborgt habe. 

46. (Fol. 51a.) Bar Eappara sprach zu der Tochter Rabbi's: 
Morgen will ich Wein trinken, wobei dein Yater tanzen und deine 
Mutter mir den Wein einschenken wird. 

Ben Elasa war der Schwiegersohn Babbi's und er war sehr 
reich (ein grosser Reicher). Als Rabbi seinem Sohne R. Simeon 
Hochzeit machte, lud er Ben Elasa dazu ein. Bar Eappara fragte 
Rabbi: Was bedeutet das Wort nn^in in Lev. 20? Wie immer Rabbi 
es erklärte, widerlegte es Bar Eappara. So erkläre du nun das Wort, 
versetzte Rabbi. Bar Eappara sprach: Das Weib Rabbi's soll kommen 
und mir einen Becher Wein eingiessen. Sie kam und goss ihm ein. 
Darauf sprach Bar Eappara zu Rabbi: Steh auf und tanze vor 
mir, so will ich es dir sagen. Also hat der Gott (eig. der Allbarm- 
herzige) gesagt: nias^nn bedeutet: na nn« n?in, du irrst darin. 
Beim anderen Becher richtete Bar Eappara an Rabbi die Frage: 
Was bedeutet das Wort b^n (s. das. 18)? Rabbi antwortete ihm, 
wie er ihm früher in Bezug auf das Wort niayin geantwortet hatte. 
Da sprach Bar Eappara: Thue mir, was ich von dir verlange (was 
ich dir sage), so will ich es dir sagen. Rabbi that es. Darauf 
sprach Bar Eappara: h'2n bedeutet: Wenn eine ein Thier beschläft, 
so fragt man sie: Hast du denn von diesem Beischlaf einen grös- 
seren Genuss als von allen Beiwohnungen (mit deinem Manne)? Fer- 
ner fragte Bar Eappara: Was bedeutet das Wort n73T (s. das. 19)? 
(Da es Rabbi nicht wnsste), so sprach er: Thue mir, was ich von 
dir verlange, so will ich es dir sagen. Rabbi that es. Darauf 
sprach Bar Eappara: Das Wort bedeutet: «"^ri riTsiT, was ist das 
(d. L von wem ist das Eind)? Ben Elasa konnte dies nicht er- 



^) Da du mich aber lachen gemacht hast, so erhältst du gar keinen. 



222 ^ • Tractat Nedarim. 

tragen und erging mit seinem Weibe hinweg von daselbst (d. 1. Yon 
der Hochzeit). 

47. (Fol. 51 ab.) Was hat es mit Ben Elasa für ein Be- 
wandtnis. Es ist gelehrt worden: Nicht umsonst verschwendete 
(verstreute) Ben Elasa sein Geld, sondern um dadurch die Art des 
Haarverschneidens der Hohenpriester zu erfahren, denn es steht ge- 
schrieben Ezech. 44, 20: „Verschneiden sollen sie ihr Haupthaar/' 
Es ist gelehrt worden: Es war nach der Art des Julian. Was ist 
n'^^bib? B. Jehuda hat gesagt: Das ist ein solches Scheeren, bei 
welchem die Haare einzeln zu stehen kommen. Auf welche Weise 
geschieht das? Raba hat gesagt: Die Spitze des einen Haares 
reichte bis zu der Wurzel des anderen Haares. Das war auch die 
Art des Haarverschneidens des Hohenpriesters. 

48. (Fol. 51b.) Es heisst Jona 2, 1: „Da entbot der Ewige 
einen grossen Fisch, um Jona zu verschlingen.^' Es heisst doch 
aber das. Y. 2 u. 3: „Und es betete Jona zum Ewigen aus dem 
Bauche des Fisches und sprach: Ich habe gerufen aus meiner Enge 
zum Ewigen ?"i) Es ist keine Frage, vielleicht hat ihn der grosse 
Fisch ausgespieen und ein kleiner Fisch hat ihn verschlungen« 

49. (Fol. 55 a.) Was heisst das, was geschrieben steht Nnm. 21, 
18—20: „Yon der Wüste nach Mathana und von Mathana nach 
Nachliel und von Nachliel nach Bamoth?" Antwort: Wenn sich der 
Mensch selbst macht wie eine Wüste (^lanTSD), die allen preisgegeben 
ist, so wird die Thora zum Geschenk (n^n») gegeben, wie es heisst: 
„Yon der Wüste nach Mathana (n^nu);'' sobald sie ihm aber zum Ge- 
schenk gegeben ist, ist Gott sein Erbtheil (bM nbn^), wie es heisst: 
„Yon Mathana nach Nachliel (bK'bns);'' sobald Gott sein Erbtheil ist, 
gelangt er zur Grösse (nbi^:ib nbis?), wie es heisst: „Von Nachliel 
nach Bamoth (n-)72:3 d. i. zu Höhe);'' und wer sich selbst erhöhet» 
den erniedrigt der Heilige, gebenedeiet sei er! wie es heisst: „Von 
Bamoth nach dem Thal (»"^an)," und nicht nur das, sondern man 
versenkt ihn in den Boden, wie es heisst: Und er wird gesenkt 
(tiDpcai)*) vor Jeschimon." Wenn er aber in sich geht (sich be- 
kehrt), so erhöht ihn Gott der Heilige, gebenedeiet sei er! Denn 
es heisst Jes. 40, 4: „Jedes Thal soll erhöhet werden." 



^) Der Fiscii war doch sehr gross , wie konnte es Jona in ihm eng sein? 
*) Ein treffendes Wortspiel von „nfipB^Jl und es wird geschaut'* mit tfipVO 
Seil welle. 



V. Tractat Nedai-im. 223 

50. (Fol. 62 a.) R. Tarphon wurde am Schlüsse der Feigen- 
lese auf dem Felde eines Andern betroffen, . als er gerade einige 
Feigen ass. Der Eigenthümer steckte ihn in einen Sack, tmg ihn 
fort and wollte ihn in einen Fluss werfen. Da sprach er zu ihm 
(dem Träger): Wehe dem Tarphon, denn dieser wird ihn umbringen. 
Als jener Mann das hörte, liess er ihn los imd floh davon. 

51. (Fol. 62 ab.) Bab Abahu hat im Namen des R. Chananja 
ben Gamliel gesagt: Sein Lebtag hat jener Gerechte (Fromme)^) sich 
gegr&mt, er sprach: Wehe mir, dass ich mich der Krone der Thora 
(Gelehrsamkeit) bedient^) habe! Rabba bar bar Ghana hat im Namen 
des K Jochanan gesagt: Jeder, der sich der Krone der Thora be- 
dient, wird aus der Welt gerissen. Wenn schon Belschazar, der sich 
4er heiligen Gefässe bediente, die doch entweiht (profan) geworden 
waren, wie es heisst Ezech. 7, 22: „Und es kommen hinein Ein- 
brecher (Wütheriche) und entweihen es" — als nämlich die Feinde 
einbrachen, da wurden sie entweiht — aus der Welt gerissen worden 
ist, wie es heisst Dan. 5, 30: „In selbiger Nacht wurde Belschazar, 
der König von Kasdim, getödtet", um wie viel mehr wird der, 
welcher sich der Krone der Thora bedient, die doch lebt und für 
immer fortbesteht, aus der Welt gerissen werden! Als B. Tarphon 
Feigen ass, waren schon alle Messer zusammengelegt (es war nach 
der Feigenlese, wo dann das Uebriggelassene als herrenlos betrach- 
tet wird), warum wollte ihn der Mann tödten? Weil man bei ihm 
das ganze Jahr Weintrauben stahl, als er nun K Tarphon fand 
(wie er auf seinem Felde Feigen ass), so meinte er, dass er der Dieb 
fiel. Warum grämte sich B. Tarphon darüber? K Tarphon war sehr 
reich und er hätte (die Feigen) bezahlen können. 

52. (Das.) Es ist gelehrt worden: Es heisst Deut. 30, 20: („Da ich 
dir heute gebiete,) zu lieben den Ewigen, deinen Gott, zu hören auf 
seine Stimme und ihm anzuhangen.*' Das will sagen: Ein Mensch soll 
nicht sagen: Ich will die Schrift lesen, damit man mich einen Weisen 
(Gelehrten) nenne; ich will die Mischna lernen, (den Talmud) studiren, 
damit ich ein Saken (-|pT, ein Alter) genannt werde und einen Ge- 
lehrtensitz in der Akademie erhalte, sondern er lerne aus Liebe (zur 
Thora), die Ehre wird schon von selbst kommen, wie es heisst 
Prov. 7, 3: „Knüpfe sie an deine Finger, schreibe sie auf die Tafel 



1) Nämlich R. Tarphon. 

') D« i. gemissbraucht und sie zu meiner Rettung verwendet habe. 



224 ^' Tractat Nedarim. 

deines Herzens," ferner das. 3, 7: „Ihre Wege sind anmuthige Wege,** 
desgl. das. Y. 18: „Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr 
festhalten, und die sie erfassen, sind selig gepriesen." 

R. Eleasar ben Zadok sagt: Thue die Dinge im Namen ihres 
Urhebers^) und rede über sie in lantrer Absicht, mache sie nicht 
zu einer Krone, um dich damit gross zu thnn (am damit za prunken)^ 
mache sie aber auch nicht zu einer Axt, um damit za gäten.^ Denn 
wenn schon Belschazar, weil er sich nur der heiligen Gefässe be- 
diente, die doch bereits entweiht worden waren, ans der Welt ge- 
rissen wnrde, nm wie viel mehr der, welcher sich der Krone der 
Thora bedient (sie missbraucht)! 

Baba hat gesagt: Es ist dem Menschen gestattet, sich an einem 
Orte, wo man ihn nicht kennt, zu erkennen zn geben, denn es heisst 
1. Reg. 18, 12: „Und dein Knecht fürchtet den Ewigen von seiner 
Jngend an." Allein da ist doch auffällig die Begebenheit des R. 
Tarphon? ^) Antw.: Da R. Tarphon sehr reich war, so h&tte er jenen 
Mann^) durch Geld besänftigen (zufrieden stellen) können. Raba 
machte den Einwand: Es heisst: „Und dein Knecht fürchtet den 
Ewigen von seiner Jugend an;" femer: „Es rühme dich ein Frem- 
der und nicht dein Mund." Das gilt von einem Orte, wo man ihn 
kennt; jenes aber an einem Orte, wo man ihn nicht kennt Raba hat 
gesagt: Es ist einem jungen Gelehrten erlaubt zu sagen: Ich bin 
ein junger Gelehrter, nehmt meinen Rechtshandel zuerst vor, denn 
es heisst 2 Sam. 8, 17: „Und die Söhne Davids waren Priester.*^ 
Wie der Priester zuerst nimmt, so nimmt auch der Schüler der 
Weisen (der Gelehrte) zuerst seinen Antheil. Woher lässt sich das 
vom Prieser beweisen? Es heisst Lev. 21, 8: „Und du sollst ihn 
heilig achten, denn das Brot deines Gottes bringt er dar." Es ist 
gelehrt worden: Er (der Priester) macht zuerst den Anfang (bei 
der Mahlzeit), spricht zuerst die Benediction und nimmt sich zuerst 
einen schönen Theil (das beste Stück). Raba hat femer gesagt: Es 
ist einem jungen Gelehrten erlaubt zu sagen: Ich gebe keine Kopf- 
steuer, denn es heisst Esra 7, 24: „Steuer, Schoss- und Wege- 



'; Thue das Gute um des Schöpfers willen. 

^) D. i. mache sie nicht zu einem Werkzeug, mit dem du deinen Lebens- 
unterhalt gewinnst. 

') Warum grämte sich R. Tarphon darob, dass er sich zu erkennen gegeben. 

*) Auf dessen Felde er nämlich am Schlüsse der Feigenlese eigene Feigen 
gegessen hatte. 



V. Tractat Nedarim. 225 

geld darf man ihnen nicht auflegen." Rab Jehuda hat gesagt: Unter 
rrn^TS ist die königliche Abgabe, unter ibii ist die Kopfsteuer und 
unter ^brr ist die Beisteuer zur Mahlzeit ^) zu verstehen. Baba hat 
femer gesagt: Es ist einem jungen Gelehrten erlaubt zu sagen: Ich 
bin ein Diener des Feuers,^) ich gebe keine Kopfsteuer. Warum? 
Um den Löwen ^j von sich fortzutreiben, sagt er dies. Rab Aschi 
verkaufte an eine Feueranbetestätte ein Stück Wald. Da hielt 
Rabbina dem Rab Aschi ein: Es heisst doch aber Lev. 19, 4: „Einem 
Blinden sollst du keinen Anstoss geben?*' Dieser gab ihm zur Ant- 
wort: Das meiste Holz wird doch zum Anzünden gegeben."^) 

53. (Fol. 64 b.) R. Jochanan hat im Namen des R. Simeon 
ben Jochai gesagt: Ueberall, wo es heisst (eig. wo du findest) d'>^3 
D^ü^:, da sind nur Dathan und Abiram gemeint Allein es heisst 
doch Ex. 4, 19: „Alle die Männer sind gestorben, die dir nach dem 
Leben getrachtet?*' Resch Lakisch hat gesagt: Sie waren von ihrem 
Vermögen herabgekommen. 

54. (Das.) Es ist gelehrt worden: Vier sind als für todt zu 
achten: der Arme, der Aussätzige, der Blinde und der, welcher keine 
Kinder hat. Der Arme, denn es heisst Ex. 4, 19: „Denn alle die 
Männer sind gestorben;'*'^) der Aussätzige, denn es heisst Nnm. 
12, 12: Dass sie (Mirjam) wie ein Todter sei;*' der Blinde, denn 
es heisst Threni 3, 6: „In Finsternissen lässt er mich wohnen 
gleich ewig Todten;" und der, welcher keine Kinder hat,®) denn es 
heisst Gen. 30, 1: „Gieb mir Kinder, wo nicht, so bin ich todt (so 
sterbe ich)." 

(Das.) R. Josua ben Levi hat gesagt: Jeder Mensch, der keine 
Kinder hat, ist wie ein Todter geachtet, wie es heisst Gen. 30, 1: 
„Gieb mir Kinder, wo nicht, so bin ich todt (so sterbe ich)." 

55. (Fol. 65a.) Es ist gelehrt worden: Wenn einer gelobt, dass 



*) Die jeder Bewohner bei der Durchreise des Landeshenm oder eines seiner 
Trabanten zu entrichten hatte. 

•) Nach den Commentatoren: Weil es heisst: Der Ewige, dein Gott ist ein 
verehrendes Feuer (Deut. 4, 24.) 

') D. i. um den Steuerbeamten los zu werden. 

*) D. i. es wird doch nur zu dem Zwecke verkauft, um es zu verbrennen, 
nicht zum Götzendienste. 

*) Gemeint sind Dathan und Abiram, die, weil sie verarmt waren, als ge- 
storben bezeichnet werden. 

•) Der Kinderlose. 
WttBiehe, Der babyloniiehe Talmad. 15 



226 ^' 'fi'öctal Nedarim. 

er keinen Genuss (von dem Vermögen) seines Nächsten haben will,^) 
so kann man dieses Gelübde nur in Gegenwart desselben lösen. Wo- 
her lässt sich das entnehmen? Rab Nachman hat gesagt (oder, wie 
manche sagen, R. Jochanan): Es heisst Ex. 4, 19: „Und es sprach der 
Ewige zu Mose in Midian" u. s. w. (Wozu braucht das Wort: "j^^iTsa 
in Midian zu stehen?) Gott sprach also zu ihm: In Midian hast 
du ein Gelübde gethan, geh' und lasse dir dein Gelübde in Midian 
lösen, wie geschrieben steht das. 2, 21: „Und er schwur (bNT»i), bei 
dem Manne (Jethro) zu bleiben." Unter nb'^ ist nichts anderes als 
nyis^, Schwur zu verstehen, wie es heisst Ezech. 17, 13: „Und er 
verpflichtete ihn mit einem Eide (nb^n)." Es heisst 2 Chron. 36, 13: 
„Und auch gegen den König Nebucadnezar empörte er sich, der 
ihn bei Gott hatte schwören lassen." Womit hatte er sich empört? 
.Zedekia hatte gefunden (bemerkt), dass Nebucadnezar einen leben- 
digen Hasen ass. Ba sprach Nebucadnezar zu Zedekia: Schwöre 
mir, dass du es nicht entdecken willst, damit du mich nicht verächt- 
lich machst Zedekia schwur ihm, schliesslich aber that es ihm leid, 
dass er den Schwur geleistet; infolgedessen liess er sich seinen Schwur 
lösen und nun entdeckte er es. Als Nebucadnezar hörte, dass ihn 
seine Grossen verachteten, liess er das Sjnedrium und Zedekia 
kommen. Er sprach zu ihnen: Ihr habt gesehen, was Zedekia ge- 
than hat. Hat er nicht beim Namen des Himmels (Gottes) ge- 
schworen, dass du es nicht offenbaren willst? Zedekia sprach: Man 
hat mir meinen Schwur gelöst Da fragte Nebucadnezar das Sjne- 
drium: Kann man einen Schwur lösen? Sie antworteten ihm: Ja. 
Ba sprach er zu ihnen: Muss es in seiner Gegenwart (d. i. in Gegen- 
wart des Betreffenden, zu dessen Nutzen der Schwur geleistet wurde) 
geschehen, oder braucht es nicht in seiner Gegenwart zu geschehen? 
Sie antworteten: Nur in seiner Gegenwart Ba sprach er zu ihnen: 
Was habt ihr gethan? Warum habt ihr dem Zedekia nicht gesagt 
(dass die Lösung des Schwures nicht ohne mein Wissen geschehen 
darf)? Sofort „sassen sie zur Erde verstummt, die Greise der 
Tochter Zions" (Thren. 2, 10). R. Jizchak hat gesagt: Baraus geht 
hervor, dass man die Kissen unter ihnen hervorgezogen hat 

66. (Fol. 65b.) Ferner hat R. MeXr gesagt: (Wenn einer kommt, 
um sich sein Gelübde lösen zu lassen), so hebt man mit ihm an 



^) Nach Einigen: Wenn das Gelübde zum Nutzen seines Näclisten geüian 
-wurde. 



V. Tractat Nedarim. 227 

(man sucht fttr ihu ciuen Grund) von einer Schriftstelle aus der 
Thora, man spricht nämlich zu ihm: Wenn du gewusst hättest, dass 
du dem zuwider gehandelt hättest, was geschrieben steht Lev. 19, 18: 
„Du sollst dich nicht rächen und sollst nichts nachtragen ;*' ferner 
das.: „Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen;*' 
ferner das. Y. 17: „Du sollst deinen Nächsten wie dich selber lie- 
ben", ferner das. 25, 36: „Und es lebe dein Bruder mit dir," (wenn 
du gewusst hättest), er wird arm werden und du wirst ihn nicht 
ernähren (helfen) können. Sagt er darauf: Wenn ich gewusst hätte, 
dass es sich so verhält, so hätte ich mein Gelübde nicht gethan, so 
löst man ihm das Gelübde. 

57. (Fol. 66a.) Einer gelobte einmal, dass er von seiner 
Schwester Tochter keinen Genuss haben (d. i. dass er sie nicht hei- 
ratben) wolle. Da führte man sie zu R. Ismael hinein und schmückte 
sie. Da sprach R. Ismael zu ihm: Mein Sohn! in Bezug auf diese 
hast du gelobt (sie ist doch schön)? Er antwortete: Nein! Da löste 
ihm R. Ismael das Gelübde. In dieser Stunde weinte R. Ismael und 
sprach: Die Töchter der Israeliten sind schön, nur die Armuth 
macht sie hässlich. Als R. Ismael starb, erhoben die Töchter 
Israels Wehklage und sprachen: Töchter Israels, um R. Ismael wei- 
net! Also heisst es auch 2 Sam. 1, 24: „Töchter Israels, um Saul 
weinet!" 

58. (Fol. 66b.) Jemand sprach einmal zu seinem Weibe: Ich 
gelobe (DSip), du sollst keinen Genuss von mir haben, bis du dein 
Gericht dem R. Jehuda und dem R. Simeon zu kosten geben wirst. 
R. Jehuda kostete es und sprach: Wenn schon, um Frieden zwischen 
einem Mann und seinem Weibe herzustellen, die Thora gesagt hat: 
Mein Name, der mit Heiligkeit geschrieben worden, soll ausgelöscht 
werden durch die bitteren Wasser (Fluch wasser), um wie viel mehr 
darf ich es thun! R. Simeon kostete das Gericht nicht, er sprach: 
Alle Kinder der Wittwe mögen sterben, und Simeon wird nicht von 
seinem Platze weichen und ferner (will ich es darum nicht thun), 
damit sie sich nicht an Gelübde gewöhnen. 

69. (Das.) Jemand sprach einmal zu seinem Weibe: Ich gelobe 
(ornp), du sollst keinen Genuss von mir haben, bis du irgend etwas 
Schönes an dir dem R. Ismael bar Josse zeigen wirst. ^) Dieser sprach: 
Vielleicht ist ihr Kopf schön? Man antwortete ihm: Ihr Kopf ist 



>) Sie war nämlich sehr hasslich. 

15^ 



228 ^' Tractat Nedarim. 

rund. Vielleicht ist ihr Haar schön? Antw.: Nein, sie gleichen 
den Flachsstengeln. Vielleicht sind ihre Angen schön? Antw.: Sie 
sind trübe. Vielleicht sind ihre Ohren schön? Antw.: Sie sind 
gross. Vielleicht ist ihre Nase schön? Antw.: Sie ist verstopft. 
Vielleicht sind ihre Lippen schön? Antw.: Sie sind dick (ange* 
schwollen). Vielleicht ist ihr Hals schön? Antw.: (Der Kopf) ruht 
(auf den Schultern). Vielleicht ist ihr Bauch schön? Antw.: Er ist 
geschwollen. Vielleicht sind ihre Füsse schön? Antw.: Sie sind breit 
wie bei einer Gans. Vielleicht ist ihr Name schön? Antw.: Sie 
heisst D'^rDib^V Da sprach B. Ismael zu ihnen: Ihr Name ist schön 
ftlr sie, man nennt sie n'^^DibDb, weil sie mit Fehlern beschmutzt ist 
(riDbDiVw). Da löste er (R. Ismael) das Gelübde (dass sie von ihrem 
Manne wieder einen Genuss haben möge). 

60. (Fol. 66 b.) Ein Babylonier kam nach dem Lande Israel 
hinauf und heirathete eine Frau von da. Er sprach zu ihr: Koche mir 
zwei Klauen ("^sbu ^nn) (eines Thieres)! ^) Sie kochte ihm zwei Linsen 
(■•Dbü ■^•in).*) Da wurde er böse auf sie. Am andern Tage sprach 
er zu ihr: Koche mir einen Modius (e^n'^^^)^) Früchte, sie kochte ihm 
aber nur ein Fass (NT^^a).^) Femer sprach er zu ihr: Geh und 
bringe mir zwei Buzine ("^r^nn ^in), er meinte damit Gurken, sie 
aber brachte ihm zwei Leuchter (■>:i^^). Ferner sprach er zu ihr: 
Geh und zerbrich sie (die Geschirre) an Baba («Mn Tiiirr» ■»nar)*) 
(er meinte nämlich: an der Thüre). Es sass aber daselbst Baba ben 
Buta®) zu Gericht und sie zerbrach sie am Kopfe Baba's. Er fragte 



*) D. i. bereite mir etwas Weniges. 

2) In ihrem waliracheinlicli galilaischen Dialekte klang »HB^ö ähnlich wie 
>thü. Der Talmud bringt viele Beispiele solcher undeutlicher und incorrecter 
Ausprache der Galiläer. So klang MsSrit Milcli, bei ihnen wie tah s. EnibiD 
Fol. 53b: Ein Weib aus Galiläa wollte zu ihrer Freundin sagen: ksSpi rSawn *KfV 
komm, ich will dir Milch zu essen geben, anstatt dessen aber sagte sie: mDK) 
KSS -[iSa^n »nnSr (die Ausgg. haben K^aS .... »nSiStt^ von iiSßf = 2hv cigentl. 
meine Verbundene. Vergl. Raschi z. St.), meine Genossin die Butter (der Lowe)^ 
vei-zehre dich. Der Buchstabe n kam wegen des "j nicht zu Gehör. Ein weiteres 
interessantes Beispiel s. Erubin Fol. 53 b. Vergl. Levy, Neuhebr. WWB. I. 
s. V. SSK. 

') wn;i einen Scheffel d. i. recht viel. 

*) KinjJ = K3n;i, ein Fass, welches zwei Sen enthalt, i nnd a wechseln. 

*) So nach dem Aruch. Die Ausgg. haben: KMT t^n Sy, am Kopfe der 
Thüre. Besser ist aber mit Raschi zu lesen: Kirn ^J? »03T, am Kopfe Baba's. 

•) Baba ben Buta war ein Schüler Schammai's s. Gittin Fol. 57a. 



V. Tractat Nedarim. 229 

sie: Was hast da gethan? Sie antwortete ihm: So hat mir mein 
Mann befohlen. Darauf sprach er: Du hast den Willen deines 
Mannes gethan, daher möge Gott von dir zwei Söhne hervorgehen 
lassen, welche dem Baba ben Buta gleichen. 

61. (Fol. 77b.) Baba hat za Rab Nachman gesagt: Sieh nur, 
einer von den Babbinen ist vom Abendlande (von Palästina) gekom- 
men und erzählt, dass die Babbinen ein Gelübde des Sohnes von 
Bab Huna bar Abin gelöst und darauf zu ihm gesprochen haben: 
Geh und bete um Erbarmen für dich, denn du hast (durch das 
Geloben) eine Sünde begangen, denn Bab Blmi, der Bruder des 
Bab Safra hat gelehrt: Wer ein Gelübde thut, selbst wenn er es 
hält, heisst ein Sünder. Bab Sabid hat gesagt: Das wissen wir aus 
Deut. 23, 23: „Und wenn du unterlassest zu geloben, so wird an dir 
keine Sünde sein*' d. i. wenn du es nicht unterlassest, so ist es 
eine Sünde. 

62. (Fol. 81a.) Samuel hat gesagt: Verwirrung des Hauptes 
(des Haupthaares) führt zur Erblindung, Verwirrung (Vernachlässi- 
gung) der Kleidung führt zu Irrsinn (Umnebelung), Verwirrung 
(Vernachlässigung) des Körpers führt zu Hautausschlägen. Man 
schickte von dort (von Palästina zu den Bewohnern von Babjlon 
und Hess ihnen sagen): Achtet auf Verwirrung (des Haupthaares), 
achtet auf Gelehrtengenossenschaft, achtet auf die Kinder der Ar- 
men, denn von ihnen geht die Thora (Gelehrsamkeit) aus, denn es 
heisst Num. 24, 7: „Es wird rinnen Wasser aus seinen Armen 
(T^bir)." ^) Warum findet man, dass von den Schülern der Weisen 
(Gelehrten) nicht wieder Schüler der Weisen (Gelehrten) ausgehen?*) 
Bab Joseph hat gesagt: Damit es nicht heisse, die Thora (Gelehr- 
samkeit) sei erblich für sie. Bab Schescheth bar Bab Idi sagt: 
Damit sie sich nicht über die Gesammtheit erheben.^) Mar Sutra 
sagt: Damit sie sich nicht der Gesammtheit bemächtigen. Bab Aschi 
sagt: Weil sie die Leute Esel nennen. Babbina hat gesagt: .Weil sie 
nicht zuerst (d. i. frühmorgens) den Segen über die Thora sprechen, 
denn Bab Jehuda hat im Namen Babs gesagt: Was heisst das, was 
geschrieben steht Jerem. 9, 11: „Wer ist der Mann, der weise ist, 
dass er dies einsehe.'* Betreffs dieser Sache sind die Weisen und 



ij In diesem Sinne nimmt der Talmud hier die Stelle. 
■) Sinn: Warum ist die Gelehrsamkeit nicht erblich. 
') D. i. sich im Stolze überheben. 



230 ^' Tractat Nedarim. 

Propheten und die Dienstengel gefragt worden and sie haben sie 
nicht erklären können, bis der Heilige, gebenedeiet sei er! sie selbst 
erklärt hat, wie es heisst das. V. 12: „Und es sprach der Ewige: 
Weil sie verlassen haben meine Thora, die ich ihnen vorgelegt und 
nicht gehört haben auf meine Stimme nnd ihr nicht gefolgt sind.*' 
Wozu die doppelten Aasdrücke in dem Verse? Rab Jehoda hat 
im Namen Rabs gesagt: Weil sie den Segen über die Thora nicht 
zuerst (frühmorgens) gesprochen haben. 

63. (Das.) Issi bar Jehuda kam drei Tage nicht zur Akade- 
mie des R. Josse, da traf ihn Wardimos bar R. Josse und fragte 
ihn: Warum ist der Herr drei Tage nicht zum Lehrhause meines 
Vaters gekommen? Issi antwortete ihm: Ich verstehe nicht die 
Gründe deines Vaters. Da sprach Wardimos zu ihm: Was hat mein 
Vater dir gesagt, vielleicht kenne ich seinen Grund. Issi sprach: Wir 
haben gelernt: R. Josse sagt: Ihr Waschen geht dem Leben der 
anderen voran. Woher wissen wir das? Antw.: Aus Num. 35, 2: 
„Und ihre Bezirke sollen für ihr Vieh sein und ihre Habe und all 
ihr Lebensbedarf." Was heisst: crr^'^n? Sind vielleicht darunter 

TT- 

die Thiere gemeint? Sind nicht die Thiere in dem Worte nma, 
Vieh, mit inbegriffen? Bedeutet aber Cn"^^!! soviel wie önvn, 
Lebensbedarf, so ist das doch selbstverständlich, dass sie der Bezirke 
(zu ihrem Lebensunterhalt) bedürfen)? Allein zum Waschen sollen 
die Bezirke sein.*) 

64. (Fol. 89 b u. 90a.) Ein Mann hat einmal gesagt: Die 
ganze Welt soll mir zum Genüsse verboten sein, wenn ich mir ein 
Weib nehme, bevor ich alle Rechtsentscheide (Halachoth) gelernt habe. 
Er lief mit Leiter und Strick (d. i. er strengte alle seine Kräfte 
an) und vermochte nicht, sie zu erlernen. Da kam Rab Acha bar 
Huna und verwirrte ihn, so dass er ein Weib nahm. Darauf be- 
strich er ihn mit Lehm^) und brachte ihn vor Rab Chisda (damit 
er ihm .sein Gelübde löse). Da sprach Raba: Wer ist wohl so klug, 
eine solche Sache zu thun, es sei denn Rab Acha bar Rab Huna, 
welcher ein grosser Mann ist. 

65. (Fol. 91b.) Ein Ehebrecher kam einmal zu einem Weibe, 
inzwischen aber kam ihr Mann. Da stieg der Ehebrecher hinauf 



^) Das Waschen der Kleider und des Körpers ist das Leben für die 
Menschen. 

•0 Er wollte ihn unkenntlich machen. 



VI. Tractat Nasir. 231 

nnd setzte sich unter den Vorhang der Thür. Es befand sich aber 
Kresse daselbst, von der eine Schlange gekostet hatte. Da wollte 
der Hausherr von der Kresse essen, ohne dass es sein Weib wnsste. 
Da schrie (sprach) der Ehebrecher: Iss nicht davon, eine Schlange 
hat davon gekostet. Raba hat gesagt: Das Weib ist ihm (dem Manne) 
gestattet, denn wenn er (der Ehebrecher) bereits etwas Verbotenes 
gethan (mit ihr gebuhlt) hätte, so wäre es ihm lieb gewesen, wenn 
der Mann davon gegessen hätte und gestorben wäre, denn es heisst 
Ezech. 23, 37: „Die da Ehebruch getrieben und Blut an ihren Hän- 
den ist" (die tödten die Männer von den Weibern). Das ist doch 
selbstverständlich? Antw.: Man könnte meinen, vielleicht hat doch 
der Mann etwas Verbotenes gethan; dennoch aber wollte er, dass 
der Ehemann nicht sterbe, denn wenn er mit ihr Buhlschaft trieb, 
so wird er einen grösseren Genuss haben, wie es heisst Prov. 9, 17: 
„Gestohlene Wasser schmecken süss und heimliches Brot ist lieb- 
lich," deshalb muss Raba uns hören lassen (dass die Frau dem Manne 
erlaubt ist). 



VI. TRACTAT NASIR 

ODER 

VON DEN NASIRÄATS-GELÜBDEN.i) 



1. (Fol. 2b.) Es ist in einer Boraitha gelehrt worden: Es 
heisst Ex. 15, 2: „Dies ist mein Gott, ich will seine Schöne prei- 
sen," was sagen will: ich will schön werden vor ihm durch Vor- 
schriften, ich will vor ihm machen eine schöne Laubhütte, einen 
schönen Lulab, schöne Schaufäden, ich will von ihm eine schöne 
OesetzroUe schreiben und will sie in schöne seidene Tücher wickeln. 



*) Dieser aus 9 Capiteln bestehendes Tractat handelt von den Gelübden 
durcli welche jemand zum Nasir bestimmt wird. Es werden drei Arten von 
Nasiräem unterschieden: 1) der Nasiräer im allgemeinen, 2) der Nasiräer wie 
Simsen, welcher Nasiraer (iottcs genannt wird, und 8) der bestandige Nasiräer 
(tSiy I^M), wie Absalom. Dabei werden die verschiedenen Ausdrücke für Ge- 
lübde, sowie die Pflichten eines Nasiräers eingehend besprochen. Die biblischen 
Bestimmungen darüber sind Num. 6 zu lesen. Da sich der Inhalt dieses Trac- 
tates unter dem Begriff: Gelübde i-ubricirt, so folgt er unmittelbar hinter 
Nedarim. 



232 ^^- Tractal Nusir. 

2. (Fol. 3a.) (Wenn einer gelobt:) Ich nehme es auf mich, 
das Haar wachsen zu lassen, siehe, so ist er ein Nasiräer. Woher 
lässt sich beweisen, dass das Wort mb-^ts so viel wie «"^na^^i, 
wachsen bedeutet? Weil es heisst Cant. 4, 3: „ä-^siTsn on^jE '^{'jnV®» 
dein Wachsen ist so wie Granaten im Garten wachsen/' Vielleicht 
aber bedeutet «T^ribt: so viel wie: senden (fortsenden = fortschaffen), 
wie es heisst Hi. 5, 10: „Und er sendet (nbiöi) Wasser auf die 
Fläche der Fluren?" Der Tanna lernte es (nicht von dem Worte nb«b, 
sondern) von dem Worte y'n^ (durch eine Wortanalogie). Denn hier 
heisst es Num. 6, 5: „Heilig soll er sein, frei lasse er das Haar 
seines Hauptes wachsen (7*iD bn^),*' und dort beim gemeinen Priester 
Ezech. 44, 20 heisst es auch : „Sie sollen ihr Haar nicht frei wachsen 
lassen (inb^"» «b y^ei)." Und wenn du willst, so will ich sagen, 
dass auch d';72 nbid wachsen heisst, so wie Bab Joseph den be- 
treffenden Vers übersetzt: Wie man tränkt mit Wasser die Früchte 
und sie wachsen. 

3. (Fol. 3b.) Wer da sagt: Die Rechte (Hand, dass ich dieses 
Brot nicht essen werde), das ist ein Schwur. Woher wissen wir das? 
Nicht etwa, weil es heisst Dan. 12, 7: „Und er erhob seine Rechte 
imd Linke zum Himmel und schwur bei dem ewig Lebenden?" 
Es verhält sich nicht so, sondern selbst "t*«?;^, die Bechte ist ein (be- 
deutet einen) Schwur, denn in einer Boraitha ist gelehrt worden: Woher 
lässt sich beweisen, dass, wenn einer gesagt: yü^, die Bechte, es 
ein Schwur ist? Weil es heisst Jes. 62, 8: „Geschworen hat der 
Ewige bei seiner Bechten." Und woher lässt sich beweisen, dass, 
wenn einer sagt: bK73b, die Linke, es ein Schwur ist? Weil es 
heisst das.: „Und bei dem Arme seiner Macht." 

4. (Fol. 4b.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: B. Jehada 
sagt: Wenn einer sagt: Er soll ein Nasiräer sein wie Simson, so 
darf er sich an Todten verunreinigen, denn so finden wir bei Simson, 
dass er sich (auch an Todten) verunreinigte. B. Simeon sagt: Wenn 
einer sagt: Er soll ein Nasiräer sein, wie Simson, so hat er nichts 
gesagt, denn wir finden bei Simson nicht, dass ein Nasiräatsgelübde 
aus seinem Munde gegangen sind (d. i. dass er gelobt hat, ein Na- 
siräer zu sein). War denn aber Simson nicht ein Nasiräer, es heisst 
doch Jud. 13, 7: „Denn ein Nasiräer Gottes soll der Knabe sein 
von Mutterleibe an?" Das hat ein Engel gesagt. Und woher lässt 
sich ferner beweisen, dass Simson sich an Todten verunreinigt hat? 
Sollen wir sagen, weil es heisst das. 15, 16: „Mit des Esels 



Vi Tractat Naair. 233 

Kinnbacken hab' ich tausend Mann geschlagen?" Vielleicht hat 
er sie nur mit dem Kinnbacken des Esels erschlagen, er selbst 
aber hat sie nicht berührt? Allein wir wissen es von da das. 
14, 19: „Und er schlug von ihnen dreissig Mann und nahm 
ihre ausgezogenen Kleider/' Vielleicht hat er zuerst ihre Klmder 
ihnen ausgezogen und hernach hat er sie getödtet? Es heisst: „Und 
er schlug und dann nahm er" Vielleicht hat er sie nur in Todes- 
Zuckungen versetzt (zu Sterbenden gemacht)? Allein wir haben es so 
als Ueberlieferung gelernt (dass er sie zuerst getödtet und dann erst 
ihnen ihre Kleider ausgezogen hat.) 

5. (Fol. 4b u. 5a.) Woher lässt sich beweisen, dass ein ewi- 
ger Nasiräer sich das Haar mit einem Scheermesser scheeren darf, 
denn es ist in einer Boraitha gelehrt worden: Rabbi sagt: Absalom 
war ein ewiger Nasiräer, wie es heisst 2 Sam. 15, 7. 8: „Und es 
war nach Verlauf von vierzig Jahren, da sprach Absalom zum Kö- 
nige: Lass mich doch gehen, dass ich erfülle mein Gelübde .... 
denn ein Gelübde gelobte dein Knecht, da ich weilte in Geschur in 
Aram'' u. s. w. Und er schor sein Haar einmal nach zwölf Mo- 
naten, wie es heisst das. 14, 26: „Und es geschah am Ende von 
Tagen zu Tagen, dass er sich schor." Und wir deuten (lernen nach 
der Schlussfolge der Wortanalogie) ü'^'ü^ D">7d; nach n?3in "^*i!j "^na 
(Lev. 25, 29), wie es dort eine Zeit von zwölf Monaten ist, so ist 
auch hier eine Zeit von zwölf Monaten gemeint. 

6. (Fol. 19a.) Es ist gelehrt worden: B. Eleasar, Hakappar 
Beribbi sagt: Was will die Schriftstelle Num. 6, 11 sagen: „Und 
er (der Priester) sühne ihn wegen dessen, dass er (der Nasi* 
räer) sich an der Seele (Person) versündigt habe?" An welcher 
Seele hat er sich denn versündigt? Weil er sich den Weingenuss 
versagt (vom Wein zurückgehalten) hat.*) Wenn schon der, welcher 
sich den Weingenuss versagt, ein Sünder heisst, um wie viel mehr 
erst der, welcher sich alles ^) versagt! Der Vers bezieht sich doch 
aber auf einen Nasiräer, der unrein geworden ist (dass er ein Sün- 
der heisst), und wir sagen, dass selbst ein Nasiräer, der rein ist 
(auch ein Sünder heisst)? R. Eleasar Hakappar meint, dass auch ein 
Nasiräer, der rein ist, ein Sünder ist Warum steht aber der Vers 
bei dem unreinen Nasiräer? Weil er die Sünde wiederholt hat (weil 



^) Seine Sünde bestand darin, dass er sich des Weins entlialten bat. 
■) Alle Speisen. 



234 VI- Traclat Nasir. 

er zwei Sünden gethan hat, eine, weil er ein Nasiräer wurde and sich 
dadurch den Weingennss versagte, und die andere, weil er unrein 
geworden ist und dadurch sein Nasiräat verlängert und sich den 
Weingenuss noch länger versagt hat). 

7. (Fol. 23 a.) Rahha bar bar Ghana hat im Namen des R. 
Jochanan gesagt: Was heisst das, was geschrieben steht Hos. 14, 10: 
„Denn gerade sind die Wege des Ewigen, die Gerechten wandeln 
darauf, aber die Uebelthäter straucheln durch sie?" Gleich zwei 
Menschen, welche ihre Pesachopfer brieten, einer verzehrte es, um 
der religiösen Pflicht zu genügen, der andere aber verzehrte es nur 
des Essens wegen. Von dem, welcher es verzehrte, weil es eine re- 
ligiöse Pflicht ist, gilt: „Die Gerechten wandeln darauf ,'' von dem 
aber, welcher es nur des Essens wegen verzehrte, gilt: „Aber 
die Uebelthäter straucheln dadurch." Da sprach Resch Lakisch zu 
ihm: Du nennst ihn einen Frevler, er hat zwar die Vorschrift nicht 
am besten erfüllt, er hat aber doch sein Pesachopfer gegessen? 
Allein es ist gleich zwei Menschen, von denen jeder neben seinem 
Weibe noch seine Schwester in seinem Hause hatte, dem einen fügte 
es sich, dass er bei seinem Weibe, dem andern fügte es sich aber, 
dass er bei seiner Schwester lag. Von dem, dem es sich fügte, dass 
er bei seinem Weibe lag, gilt: „Die Gerechten wandeln darauf," von 
dem aber, dem es sich fügte, dass er bei seiner Schwester lag, 
gilt: „Die Uebelthäter straucheln dadurch." Ist denn das gleich? 
Wir reden von einem Wege (einer Sache) und du redest von zwei 
Wegen (zwei Sachen)? Allein es ist gleich Lot und seinen Töch- 
tern, sie (die Töchter), die da beabsichtigten, eine religiöse Pflicht 
zu erfüllen,^) von ihnen gilt: „Die Gerechten wandeln darauf," 
Von Lot aber, da er beabsichtigte, eine Sünde zu begehen,') 
gilt: „Und die Uebelthäter straucheln dadurch." Vielleicht beab- 
sichtigte auch Lot eine religiöse Pflicht zu erfüllen? R. Jocha- 
nan hat gesagt: Der ganze Vers bezieht sich auf eine Sünde 
Es heisst Gen. 13, 10: „Und es erhob («b"]) Lot," wie es heisst 
das. 39, 7: „Und das Weib ihres Herrn erhob «^"^i) ihre Augen." 
„Seine Augen," wie es heisst Jud. 14, 3: „Und es sprach Simsen 
zu seinem Vater: Diese nimm mir, denn sie ist recht in meinen 
Augen." „Und sah," wie es heisst Gen. 34, 2: „Da sah sie 



*) Nämlich Kinder zu stellen. 
«) Zu buhlen. 



VI. Tractat Nasir. 235 

Schechem, der Sohn Chamor's." „Den ganzen Umkreis (p^"*n "i^s) 
des Jordan," wie es heisst Prov. 6, 26: „Denn durch ein buhle- 
risches Weib kommt man bis zu einem Laibe Brot (cnb ^S3) herab." 
,,Dass er ganz bewässert war/' wie es heisst Hos. 2, 7: „Ich will 
nachgehen meinem Buhlen, der mir mein Brot gab und mein Wasser, 
meine Wolle und meinen Flachs, mein Oel und mein Getränk/' Lot 
war doch gezwungen (und da wusste er doch wegen der Trunkenheit 
weder etwas von einer religiösen Pflicht, noch von einer Sünde)? 
Im Namen des R. Josse ben Bab Ghoni ist gelehrt worden: Warum 
steht das t in dem Worte tiTa^p^ii Gen. 19, 35 punktirt? Um zu 
sagen, dass er um ihr Niederlegen nichts wusste, aber um ihr Auf- 
stehen wusste er. Was hätte er thun sollen, denn was geschehen 
ist, das ist geschehen? Daraus geht hervor, dass er die andere 
Nacht keinen Wein trinken durfte. 

8. (Fol. 23ab.) Raba hat vorgetragen: Was heisst das, was 
geschrieben steht Prov. 18, 19: „Ein Bruder ist abtrünnig gewor- 
den von einer starken Stadt? D. i. Lot, welcher sich von Abraham 
trennte, „und Streitigkeiten sind wie der Riegel eines Palastes" d. i. 
er brachte Streitigkeiten zwischen sich und den Israeliten wie der 
Riegel eines Palastes, wie es heisst Deut. 23, 4: „Ein Ammoniter 
und Moabiter soll nicht in die Gemeinde des Ewigen kommen." 
Raba, oder, wie manche sagen, R. Jizchak hat vorgetragen: Was 
heisst das, was geschrieben steht Prov. 18, 1: „Nach Gelüst trach- 
tet der Abtrünnige, alles Verständige behandelt er schnöde ?" „Nach 
Gelüst trachtet der Abtrünnige" d. i. Lot, „und alles Verständige be- 
handelt er schnöde" d. i. seine Schande ist in den Lehr- und Ver- 
sammlungshäusem aufgedeckt worden, sowie wir gelehrt haben: Am- 
mon und Moab sind auf ewig ausgeschlossen. Ula hat gesagt: Tha- 
mar buhlte und Simri buhlte, Thamar buhlte und es gingen Könige 
und Propheten von ihnen hervor; Simri buhlte und es fielen viele 
Myriaden Israeliten. 

9. (Fol. 23 b u. 24a.) Rab Nachman bar Jizchak hat gesagt: 
Grösser ist eine Sünde, die wegen einer Vorschrift geschieht als eine 
Vorschrift, die nicht aus reiner Absicht geschieht. Es ist doch 
nicht also. Rab Jehuda hat doch im Namen Rabs gesagt: Immer soll 
sich der Mensch mit der Thora und der Ausübung der Vorschriften 
beschäftigen, selbst wenn es nicht aus reiner Absicht geschieht; ob- 
gleich es (anfangs) nicht aus reiner Absicht geschieht, so wird es doch 
schliesslich dahin kommen, dass es aus reiner Absicht geschieht. 



236 ^^- Tractat Nasir. 

Allein sage: (Wenn man eine Sünde aus reiner Absicht begeht) so 
ist das so, als hätte man eine Vorschrift nicht ans reiner Absicht 
ausgeübt, denn es steht geschrieben Jnd. 5, 24: „Gebenedeiet sei von 
Weibern Jael, das Weib Ghebers, des Keniters, vor den Weibern im 
Zelte gebenedeiet!" Welches sind die Weiber im Zelte? Sara, Re- 
becca, Rachel and Lea. 

R. Jochanan hat gesagt: Jener Frevler (Sissera) vermischte 
sich siebenmal in jener Stunde mit ihr (der Jael), denn es heisst 
Jud. 5, 27: „Zu ihren Füssen bückte er sich, er fiel nieder und 
legte sich."^) 

Rab Jehuda hat im Namen Rabs gesagt: Immer soll sich ein 
Medsch mit der Thora und der Ausübung der Vorschriften beschäftigen, 
selbst wenn es nicht aus reiner Absicht geschieht, denn obgleich 
es (anfangs) nicht aas reiner Absicht geschieht, so wird es doch 
schliesslich dabin kommen, dass es aus reiner Absicht geschieht; 
denn zum Lohne für die 42 Opfer, welche Balak darbrachte, war 
er würdig, dass von ihm Ruth hervorging; denn R. Josse bar Cha- 
nina hat gesagt: Ruth war eine Enkeltochter Eglons, des Königs 
von Moab (und Eglon wieder war ein Nachkomme von Balak). R. Chija 
bar Abba hat im Namen des R. Jochanan gesagt: Woher lässt sich 
beweisen, dass der Heilige, gebenedeiet sei er! selbst den Lohn für 
eine schöne Rede nicht vorenthält? Von hier, denn die älteste Tochter 
Lots nannte ihr Kind Moab (ski^ = 3M72, von meinem Vater ist 
es). Der Allbarmherzige sprach zu Mose Deut 2, 9: „Befeinde nicht 
Moab und reize sie nicht zum Kriege," was sagen will: Krieg soll 
man nicht mit Moab führen, aber anderes Ungemach darf man ihnen 
anthun. Aber in Bezug auf die jüngste Tochter von Lot, weil sie 
ihr Kind '^izy 'p, Sohn meines Volkes nannte,^) hat Gott zu Mose 
gesagt Deut. 2, 19: „Befeinde sie nicht und reize sie nicht," was 
sagen will: Selbst Ungemach füge ihnen nicht zu. Nach R. Chija 
bar Abin hat R. Josua ben Karcha gesagt: Immer soll ein Mensch 
die Ausübung einer Pflicht beschleunigen, denn zum Lohne für die 
eine Nacht, welche die älteste Tochter der jüngsten voraneilte, war 
sie würdig, dass von ihren Nachkommen vier Geschlechter früher 
in Israel Könige wurden. 

') Tliosaphoth bemerkt dazu: Sissera berührte siebenmal die Jael, denn 
siebenmal kommen die Worte nj?»n3, sich bücken, nS*D3, niederfallen und na^3V, 
sich legen in dem citierten Capitel des Ricliterbuclies vor. 

2) Sie that also eine schöne Rede. 



VI. Tractat Nasir. 237 

10. (Fol. 49 b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Nach dem 
Abscheiden des R. Melr sprach R. Jehuda zu seinen Schülern: Die 
Schüler des R. Melr sollen nicht hierher kommen, weil sie streit- 
süchtig sind, sie kommen nicht, um Thora sa lernen, sondern sie 
kommen nur, am mich in halachischen Lehren zu besiegen. Als 
Symmachus sich doch hereindrängte, wurde R. Jehuda zornig und 
sprach zu seinen Schülern: Habe ich euch nicht gesagt, dass die 
Schüler des R. Melr nicht hereinkommen sollen? Da sprach R. 
Josse: Man wird sagen: Melr ist gestorben, Jehuda ist zornig, Josse 
schweigt, was wird aus der Thora werden! 

11. (Fol. 59 a,) R. Eleasar ben Jacob sagt: Woher 18-sst sich 
beweisen, dass ein Weib nicht mit Waffengeräthen hinaus in den 
Krieg ziehen darf? Weil es heisst Deut. 22, 5: „Es soll nicht 
sein Geräthe des Mannes auf einem Weibe, femer heisst es: „Und es 
soll nicht anlegen ein Mann Gewand des Weibes,'' das will sagen, 
dass sich ein Mann nicht zieren soll mit den Zierathen eines Wei- 
bes. Unsere Rabbinen haben zu R. Simeon bar Abba gesagt: Wir 
haben gesehen, dass R. Jochanan keine Haare an seiner Achselhöhle 
hatte. Da sprach R. Simeon zu ihnen: In Folge des Alters sind 
die Haare ausgefallen. Einer hatte einmal sich verschuldet, so dass 
er von R. Ammi die Geisseistrafe erhielt. Als seine Achselhöhle 
entblösst wurde, sah man, dass er Haare auf derselben hatte und 
er hatte sie nicht abgeschoren. Da sprach R. Ammi: Lasst ihn, 
denn er gehört zu den Genossen (Gelehrten). 

12. (Fol. 66a.) Mischna. Samuel war ein Nasiräer, wie R. 
Nehorai gesagt hat, denn es heisst 1 Sam. 1, 11: „Und ein Scheer- 
messer soll nicht auf sein Haupt kommen.'' Bei Samuel heisst es: 
miTSi, und ein Scheermesser, und bei Simson heisst es auch Jud. 
13, 5: rr'niTSi, und ein Scheermesser. Wie bei Simson das Wort 
n*n73 auf einen Nasiräer deutet, so deutet auch bei Samuel das 
Wort n^iTS auf einen Nasiräer. R. Josse hat gesagt: Unter rr'TiTa 
ist nichts anderes als Furcht vor Fleisch und Blut zu verstehen. 
R. Nehorai antwortete ihm: Es heisst doch bereits 1 Sam. 16, 2: 
„Und Samuel sprach: Wie soll ich geben? Hört es Saul, so bringt 
er mich um." Daraus geht doch hervor, dass Furcht vor Fleisch 
und Blut ihm bereits einwohnte. 

13. (Fol. 66 b.) Rab sprach zu seinem Sohne Chi ja: Reisse 
den Becher an dich (d. i. beeile dich) und sprich den Segen. Ebenso 
sprach auch Rab Huna zu seinem Sohne Rabbi: Reisse den Becher 



238 ^''- Tj'actat Sola. 

an dich und sprich den Segen. Sollen wir sagen, dass der, welcher 
den Segen spricht, einen Vorzug hat, es ist doch gelehrt worden: R. 
Josse sagt: Grösser ist der, welcher mit Amen! antwortet, als der, 
welcher den Segen spricht? R. Nehorai sprach zu ihm: Beim Him- 
mel! es ist also, denn siehe, die Knappen streiten im Kriege und die 
Helden siegen (d. i. ihnen wird der Sieg zugeschrieben). Allein dar- 
über sind Tannaiten verschiedener Meinung, denn in einer Boraitha ist 
gelehrt worden: Der, welcher den Segen spricht und der, welcher 
mit Amen! antwortet, sind in dem Verse Ps. 34, 4 verstanden, allein 
der, welcher den Segen spricht, empföngt zuerst den Lohn. R. Eleasar 
hat im Namen des R. Chanina gesagt: Die Schüler der "W eisen (die 
Gelehrten) vermehren den Frieden der Welt, wie heisst Jes. 54, 13: 
„Und alle deine Kinder sind Lehrlinge des Ewigen und gross ist der 
Friede deiner Kinder." (Lies nicht: T'Sa, deine Kinder, sondern: 
T'iin, deine Erbauer). 



VII. TßACTAT SOTA 

ODEB 

VON DEM DES EHEBRUCHS VERDÄCHTIGEN WEIBE. i) 



1. (Fol. 2 a.) Mischna i, 1. Wenn ein Mann seinem Weibe 
seine Eifersucht darthut, so hat er es nach R. Eleasar vor zwei 
Zeugen zu verwarnen und er kann dann auf das Zeugniss eines 
Zeugen oder auch auf sein eigenes hin es (die bitteren Wasser) 
trinken lassen. Nach R. Josua hat er es vor zwei Zeugen zu ver- 
warnen und auf die Aussage von zwei (Zeugen) kann er es trinken 
lassen. 

2, Auf welche Weise hat er es zu verwarnen? Er sagt z. B. 
zu ihm vor zwei Zeugen: Rede nicht mit dem und dem Manne! Sprach 



*) Dieser aus 9 Capiicln bestehende Tractat behandelt das Verfahren, wel- 
clics mit einer des Ehebruchs verdächtigen und nicht überführten Frau zur Zeit 
des zweiten Tempels beobaclitet wurde, um entweder ihre Schuld oder ihre Un- 
schuld an den Tag zu brinjjen. Das biblische Gesetz über die des Ehebruchs 
verdachtige Frau ist Num. 5 zu lesen. Ausserdem werden in dem Tractate 
auch die Gesetze vom genickten Kalbe zur Sühne für einen etwaigen Mord 
(wurde' ein Todter auf dem Felde gefunden und niemand wussle wer ihn um- 
gebi-acht hatte, so wurde von den Acltesten der nächsten Stadt einem Kalbe 



VII. Tractal Sota. 239 

es nan dennoch mit ihm, so ist es trotzdem noch seine erlaubte Gattin 
und es darf sogar Hebe bei ihm essen; war es aber mit dem- 
selben in ein heimliches Gemach gegangen und hatte daselbst so 
lange mit ihm verweilt, dass es verunreinigt werden konnte, so ist es 
ihm verboten und es darf auch keine Hebe bei ihm essen; und 
wenn der Mann stirbt, so muss es die Chaliza vollziehen, die Le- 
viratsehe ist ihm aber untersagt. 

2. (Das.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: Warum ist 
der Abschnitt vom Nasiräer an den Abschnitt von dem des Ehe- 
bruchs verdächtigen Weibe (Sota) angereiht worden? Um dir zu 
sagen: Wer ein des Ehebruchs verdächtiges Weib in seiner Schande 
sieht, wird sich vom Weine fern halten. 

3. (Das.) R. Samuel bar Jizchak hat gesagt: Wenn Resch 
Lakisch über den Abschnitt von dem des Ehebruchs verdächtigen 
Weibe Num. 5, 11 — 31 zu sprechen begann, sagte er: Ein Mensch 
(ein Mann) wird nur mit einem Weibe nach seinen Thaten ver- 
bunden, wie es heisst Ps. 125, 3: „Denn nicht soll ruhen des Frev- 
lers Stamm neben dem Loos der Gerechten.'' Rabba bar Ghana 
hat im Namen des R. Jochanan gesagt: Sie zu verbinden, ist eben 
so schwer, wie das Spalten des Schilfsmeers, ^) wie es heisst das. 
68, 7: „Gott führt die Einzelnen (D-»T»n"») in ihr Haus, er führt die 
Gefesselten in Seligkeiten." Ist es so? Nach R. Jehuda hat doch 
Rah gesagt: Vierzig Tage vor der Bildung des Kindes lässt schon 
eine Himmelsstimme die Worte vernehmen: Die und die Tochter, 
das und das Haus, das und das Feld soll dem und dem zu Theil 
werden? Es ist keine Frage, das eine bezieht sich auf die erste, 
und das andere auf die zweite Ehe.^j 



zur Sühne des Mordes das Genick gebrochen) und von dem für den Krieg ge- 
salbten Priester (wer einen Weinberg gepflanzt und nocli nicht die ei*ste Lese 
gehalten, oder wer ein neues Haus gebaut und es noch niclit eingeweilit lialte, 
oder wer sich verlobt hatte, ohne gelieirathet zu liaben, oder wer muthlos und 
zaghaft war, wurde vom Feldpriester vor Beginn der Sohlacht aufgefordert, 
nach Hause zu gehen) erörtert. Die eretere Bestimmung lesen wir Deut. 21, 1—9, 
die andere das, 20, 1 — 9. 

*) Vergl. Pes. Fol. 118a: Die Ernährung des Menschen ist so schwer, wie das 
Spalten des Schilfhieeres. Fenier das.: Die Leibesöffnung (eig. die Oeffmmgen) 
des Menschen ist so schwer wie die Todtenbelebung und wie das Spalten des 
Schilf meeres. 

*) Vergl. Berach. Fol. GOa: Die ersten drei Tage nach der EmpHingnis 
bitte der Mensch um Erbarmen, dass er (der Same) nicht verderbe, (nach drei 



240 VII. Tractat Sola. 

4. (Fol. 3 a.) "Wir haben die Ueberliefernng: R. Melr pflegte 
zu sagen: Begeht der Mensch im Geheimeii eine Sünde, so macht 
sie der Heilige, gebenedeiet sei er! öffentlich von ihm bekannt,^) wie 
es heisst Nam. 5, 14: „Und es kommt über ihn der Geist der 
Eifersucht." Unter n'r^ny, ist nichts anders als rTT'nDrr, bekannt 
machen (öffentlich aasmfen) zn verstehen vergl. Ex. 36, 6: „Und 
Mose gebot und man Hess einen Ruf ergehen (n^''ny»i) durch das Lager." 
Resch Lakisch hat gesagt: Kein Mensch begeht eine Sünde, es sei 
denn, dass ein Geist der Thorheit (Narrheit) in ihn gefahren is, wie 
es heisst Num. 5, 12: „So einem Mann sein Weib in Thorheit ver- 
fällt^) und ihm untreu wird." Es steht rrtsisn geschrieben (d. i. 
nach dem Geschriebenen kann das Wort auch mit „Sin" lauten). 

5. (Das.) In der Schule des R. Ismael ist gelehrt worden: Ein 
Mensch beschuldigt sein Weib nicht der Eifersucht, es sei denn, 
dass ein Geist in ihn fährt, wie es heisst Num. 5, 14: „Und es 
kommt über ihn der Geist der Eifersucht und er ist eifersüchtig 
auf sein Weib." Was heisst; „m^, Geist?" Unsere Rabbinen sagen: 
Es ist der Geist der Unreinheit. Nach Rab Aschi ist es der Geist 
der Reinheit. Wir haben einen Beweis, dass es so ist, wie der 
sagt, dass es der Geist der Reinheit ist, denn es ist gelehrt wor- 
den: Es heisst das.: „Und er ist eifersüchtig auf sein Weib.'' 
Dies ist etwas Freiwilliges (nicht Gebotenes). Das ist die Meinung 
der Schule des R. IsmaeL R. Akiba aber sagt: Er ist dazu ver- 
pflichtet. Dies kann nur richtig sein, wenn es ein Geist der Rein- 
heit ist; wenn es aber ein Geist der Unreinheit wäre, wie kann es 



Tagten des Beischlafes hilft keine Bitte mehr etwas, denn der Same ist entweder 
verdorben, oder er liat sich zu einer Geburt gestaltet), vom dritten bis zum vier- 
zigsten bitte er, dass es (das Kind) ein männliches sei, von vierzig Tagen bis drei 
Monate bitte er, dass es nicht sei ein Sandal (Name eines flachen Meerfisches. Ge- 
meint ist eine Missgebui*t), von drei Monaten bis sechs bitte er, dass es nicht sei 
eine Frühgeburt; von sechs Monaten bis neun endlich bitte er, dass es ausgehe 
in Frieden. Hilft denn aber das Gebet? R. Jizchak bar Rab Ammi hat doch 
gesagt: Ei-zeugt der Mann den Samen zuerst, so gebiert sie ein weibliches, er- 
zeugt dagegen das Weib den Samen zuerst, so gebiert sie ein mannliches Kind, 
denn es heisst Lev. 12, 2: „Eine Frau, wenn sie Samen bringt, gebiert ein Männ- 
liches." Wie ist es hier daher gemeint? Antw. : Wenn sie beide auf einmal 
Samen bringen. 

^) Rascb.i bemerkt: Wenn ein zuchtloses Weib heimlich eine Sunde be- 
geht, so macht es Gott Öffentlich bekannt, denn er bewirkt, dass ihr Gemahl 
auf sie eifersüchtig und so die Sache öffentlich bekannt wird. 

') So nimmt der Talmud die Stelle. 



Vn. Tractat Sota. 241 

als etwas Freiwilliges oder als eine Pflicht bezeichnet werden, einen 
Geist der Unreinheit in sich einziehen zu lassen?! 

6. (Fol. 3 b.) Bab Ghisda hat gesagt: Die Bahlerei in einem 
Hanse ^) ist ebenso verderblich, wie der Wurm für die Sesampflanze. 
Rab Papa aber hat gesagt: Zorn (Gewaltthätigkeit) in einem Hause 
ist ebenso verderblich, wie der Wurm für die Sesampflanze. Der 
eine wie der andere Ausspruch bezieht sich nur auf das Weib, auf 
den Mann hat es keinen Bezug. 

7. (Das.) Rab Ghisda hat ferner gesagt: Ehe die Israeliten 
sündigten, ruhte die Schechina auf jedem einzelnen, wie es heisst 
Deut. 23, 15: „Denn der Ewige, dein Gott, wandelt inmitten deines 
Lagers ;'' als aber die Israeliten gesündigt hatten, entzog sich ihnen 
die Schechina, wie es heisst das.: „dass er nicht sehe an dir irgend 
eine Blosse und sich von dir abwende."^ 

8. (Das.) R. Samuel bar Nachmani hat im Namen des R Jo- 
nathan gesagt: Wer eine Pflicht (ein gutes Werk) in dieser Welt 
ausübt, dem schreitet es in jener Welt voran,*) wie es heisst Jes. 
58, 8: „Und es geht dir voran deine Gerechtigkeit; „wer da- 
gegen eine Sünde in dieser Welt begeht, den umschlingt sie und 
geht ihm voran am Tage des Gerichts, wie es heisst Hi. 6, 18: 
„Es winden sich die Pfade ihres Weges, steigen auf in das Oede 
und gehen zu Grunde (verlieren sich).'* R. Eleasar sagt: Sie ist an 
ihm gebunden (sie bleibt an ihm hängen) gleich dem Hunde, wie es 
heisst Gen. 39, 10: „Er gab ihr nicht Gehör, um bei ihr zu liegen 
und mit ihr zu sein" d. i. „um bei ihr zu liegen'' in dieser Welt, 
„und mit ihr zu sein" in jener Welt. 

9. (Fol. 4 b.) R. Awera sagte zuweilen im Namen des R. Ammi 
und zuweilen im Namen des R. Assi: Wer Brot isst, ohne sich die 
Hände gewaschen zu haben, gilt so, als wenn er eine Buhlerin be- 
schliefe,^) wie es heisst Prov. 6, 26: „Denn durch ein buhlerisches 



*) Sinn: Ein bulilerisches Weib ist für das Hauswesen so verderblich u. s. w. 

■) Der Talmud nimmt die Stelle in dem Sinne: „Und er wandte ich von 
dir ab." 

') Vergl. Taauith Fol. IIa: „In der Stunde, wo der Mensch von der 
Welt scheidet'* u. s. w. S. Bd. I, S. 433 ff. Vergl. ferner Pirke Aboth 4, 13. 

*) Ueber das Händewasehen vergl. Marc. 7, 5 und die Erzählung Enib. 

Fol. 21b: Die Rabbinen erzählen: R. Akiba lag gebunden im Gefangnisse und 

R. Josaa der Graupner, sein Diener, brachte ihm jeden Tag das vorgeschriebene 

Masz Wasser. Eines Tages traf ihn der Gefangnisswärter, und er sprach zu 

Wümelie, Der babylonische Talmud. 16 



242 V^^- Tractat Sota. 

Weib (kommt man herab) bis auf einen Laib Brot." Da warf ihm 
aber Raba ein: Hier heis8t es: »^Wegen eines buhlerischen Weibes 
(kommt man herab) bis auf einen Laib Brot/' nach deiner Anffassiing 
aber müsste es heissen: Von einem Laib Brot (kommt man herab) 
auf ein buhlerisches Weib? Allein Raba hat es so gemeint (hat so 
gesagt): Wer ein buhlerisches Weib beschläft, bittet zuletzt um einen 
Laib Brot. R. Sereka hat im Namen des R. Eleasar gesagt: Wer 
das Händewaschen geringschätzig behandelt, wird aus der Welt ge- 
rissen. Rah Chija bar Aschi hat im Namen Rabs gesagt: Beim 
ersten Waschen d. i. vor der Mahlzeit (eig. bei den ersten Wassern) 
muss einer seine Hände nach der Höhe erheben, dagegen beim letzten 
Waschen (nach der Mahlzeit) muss er seine Hände nach unten halten. 
Wir haben auch die Ueberlieferung: Wer seine Hände wäscht, muss 
sie nach der Höhe erheben, damit nicht die Wasser ausserhalb des 
Knöchels überströmen und zurückfliessen und die Hand (aufs neue) 
verunreinigen. R. Abahu hat gesagt: Wer Brot isst, ohne seine Hände 
abgetrocknet zu haben, gilt so, als wenn er unreines Brot ässe, 
denn es heisst Ezech. 4, 13: „Und der Ewige sprach: Also sollen die 
Kinder Israels ihr unreines Brot essen unter den Völkern, wohin ich 
sie Verstössen werde." Was wollen femer die Worte Prov. 6, 26: 
Und das fremde Eheweib föngt die kostbare Seele." R. Chija bar 
Abba hat im Namen des R. Jochanan gesagt: Jeder Mensch, in 
dem Stolz ist, strauchelt zuletzt an einem Eheweibe, wie es heisst: 
„Und das fremde Eheweib fängt die kostbare Seele." Da warf 
ihm Raba ein: Es heisst doch: Jede kostbare Seele (n^p*^ csa), 
nach deiner Auffassung hätte es doch heissen müssen: Jede stolze 
(hohe) Seele (nmna ^cs)? Und femer hätte es doch heissen müssen: 
n-issn K">rT, sie (das Weib) fängt? Deshalb sagt Raba: Es ist so gemeint: 



ihm: Warum bringst du heute so viel Wasser, musst du vielleicht das Gefang- 
niss durchbrechen? Er goss die eine Ufilfle aus und gab ihm die andere Hälfte. 
Als der Diener zu R. Akiba kam, sprach dieser zu ihm: Josua, weisst du viel- 
leicht, dass ich alt bin und mein Leben an dein Leben gebunden ist. Da erzählte 
ihm der Diener, was ihm begegnet war. Da sprach Akiba zu ihm: Gieh mir 
Wassei', dass ich meine Hände wasche. Der Diener sprach: Es reicht nicht 
einmal zum Trinken hin und es soll zum Waschen der Hände hinreichen? Da 
sprach Akiba : Was soll ich thun ? Sie (die Rabbinen) erklären den f&r des Todes 
schuldig, welcher das Händewaschen unterlässt. Es ist besser, ich sterbe und 
handle nicht gegen die Meinung meiner Genossen (Collegen). Man ei*zählt: £r 
kostete (ass) nicht eher etwas, als bis er ihm Wasser brachte und er sich die 
Hände wusch. 



VII. Tractat Sota. 243 

Wer ein Eheweib beschläft, selbst wenn er Thora gelernt hat, von der 
die Schrift sagt das. 3, 15: „Kostbarer ist sie als Perlen und alle 
deine Kostbarkeiten kommen ihr nicht gleich'* d. i. die sogar köst- 
licher ist als der Hohepriester, der in das Innerste des Heiligthnms 
eintreten durfte, den wird sie (die Ehebrecherin) doch zum Gericht 
der Hölle fangen. 

10. (Fol. 4 b u. 5 b.) R. Jochanan hat im Namen des R. Simeon 
ben Jochai gesagt: Jeder, in dem der Geist des Hochmuths ist, gilt 
so, als wenn er Götzendienst triebe. Hier heisst es Prov. 16, 5: 
„Ein Greuel des Ewigen ist jeder Hochmüthige,'* und dort heisst es 
Deut. 7, 26: „Und du sollst keinen Greuel bringen in dein Haus." 
B. Jochanan hat selbst (eig. in seinem eigenen Namen) gesagt: Er 
gilt so, als wenn er ein Gottesleugner wäre,^) denn es heisst das. 
8, 14: „Und es erhebt sich dein Herz und du vergissest den Ewigen, 
deinen Gott.*' Nach R. Chama bar Chanina gilt er so, als wenn 
er alle Arten Blutschande (Incest) getrieben hätte. Hier heisst 
es: „Ein Greuel des Ewigen ist jeder Hochmüthige", und dort 
Lev. 18, 27 heisst es: „Denn alle diese Greuel thaten die Bewohner 
dieses Landes." Nach Ula gilt er so, als habe er eine Anhöhe 
(Bama) errichtet, denn es heisst Jes. 2, 22: „Lasset ab von dem 
Menschen, in dessen Nase Odem ist, denn als eine Anhöhe (n?2n) 
ist er geachtet," Lies nicht tiTsa, wofür, sondern tiTaa, Anhöhe. 
Was wollen die Worte Prov. 16, 5 sagen: „Hand zu Hand, bleibt 
er nicht ungestraft?" Rab hat gesagt: Jeder, der ein Eheweib be- 
schläft, wird, selbst wenn er den Heiligen, gebenedeiet sei er! 
als den Eigner des Himmels und der Erde gepriesen, wie unser Täter 
Abraham, von dem geschrieben steht Gen. 14, 22: ,, Aufgehoben 
habe ich meine Hände zum Ewigen, dem Höchsten, dem Eigner 
Himmels und der Erde," dennoch nicht verschont bleiben vom Ge- 
richt der Hölle. Da entstand aber für die Schule des R. Schila 
eine Schwierigkeit in Bezug auf die Worte: „T'b t*, von Hand zu 
Hand bleibt er nicht ungestraft," nach jener Auseinandersetzung 
hätte es doch heissen müssen: ^"i*^, meine Hand? Deshalb hat die 
Schule des Rab Schila hat es so erklärt: Selbst wenn er die Thora, 
wie unser Lehrer Mose, empfangen hätte, von dem es heisst Deut. 
33, 2: „Zu seiner Rechten ein Feuergesetz ihnen," so bleibt er vom 
Gerichte der Hölle nicht verschont. Da machte aber R. Jochanan 



*) Als wenn er den Urgi-und der Religion leugnete. 

16« 



244 ^^^- Traclat Sota. 

den Einwand in Bezug auf die Worte T^b t"« geltend, es hätte nach 
dieser Auseinandersetzung doch heissen müssen: n-«?:, von der Hand? 
Deshalb hat R. Jochanan es so erklärt: Selbst wenn er heimlich 
Wohlthaten übte, wie geschrieben steht Prov. 21, 14: „Eine Gabe 
im Geheimen stillt Zorn und Bestechung im Stillen heftigen Grimm/' 
so bleibt er doch vom Gerichte der Hölle nicht verschont 

IL (Fol. 5a.) Woher lässt sich beweisen, dass man nicht stolz 
(hochmüthig) sein soll? Nach Raba hat SeKri gesagt: Aus Jer. 13, 15: 
„Höret und merket auf und seid nicht stolz.'^ Nach Rab Nachmann 
bar Jizchak geht es aus Deut. 8, 14 hervor, wo es heisst: „Da 
möchtest stolz werden und den Ewigen, deinen Gott, vergessen.*' 
Ferner heisst es das. V. 11: „Hüte dich, dass du den Ewigen, deinen 
Gott, nicht vergissest/' Das ist so, wie R. Abin gesagt hat. Denn 
im Namen des R. llaa nach R. Abin hat R. Ilaa gesagt: Ueberall, wo 
es in der Schrift heisst „is nTS^rr, hüte dich, damit nicht", oder 
„bNi, dass nicht,** ist ein Verbot damit ausgedrückt 

Rab Awera hat zuweilen im Namen des Rab Assi and zuweilen 
im Namen des Rab Ammi vorgetragen: Jeder Mensch, in dem der 
Geist des Stolzes (des Hochmuthes) ist, wird am Ende vermindert,^) 
wie es heisst Hi. 24, 24: „Erhebt euch ein wenig und er ist nicht 
mehr.** Solltest du vielleicht sagen: Er wird in der Welt bestehen, 
so folgt darauf: „Und sie sind nicht mehr,** wenn er aber in sich 
geht (sich bekehrt), so wird er doch zu seiner Zeit versammelt, 
wie unser Vater Abraham, wie es heisst das.: „Beugt euch nieder, 
sie werden gefasst, wie alles (b'ss) werden sie abgeschnitten,*' n&mlich 
wie Abraham, Jizchak und Jacob, von denen es heisst: b^n (Gen. 24, 1), 
bD?3 (das. 27, 33) und bD (das. 33, 11).*) Und wenn sie in ihrem 
Stolze beharren, so heisst es Hi. 24, 24: „Und wie eine Halm- 
spitze werden sie abgeschnitten**. Was heisst das: „Wie eine Halm- 
spitze werden sie abgeschnitten?** Rab Huna und Rab Ghisda sind 
darüber verschiedener Meinung. Der eine hat gesagt: Wie die Spitze 
einer Aehre, der andere hat gesagt: Wie die Aehre selbst Nach dem, 
welcher sa^: Wie die Spitze (Granne) der Aehre, ist es richtig, wie es 
heisst: Wie die Spitze der Aehre, nachdem aber, welcher sagt: Wie die 
Aehre selbst, wie ist dann der Ausdruck: nbinu3 »NnDi zu deuten? 



*) Vergl. Erubin Fol. 13b: Wer sich selbst erniedrigt,' den erhöht Gott, 
und wer sich selbst erliohet, den erniediMgt Gott. 

2) Bei ihnen allen kommen diese Wörtchen vor. 



VII. Tractat Sota. 245 

B. Assi hat gesagt, und so ist auch bei der Schale des R. Ismael gelehrt 
worden: Gleich einem Menschen, welcher anf sein Feld geht und die 
aufgerichteten (hohen) Aehren immer znerstpflückt. Es heisst Jes. 57, 15 : 
„Und den Zerschlagenen (kdi dk) und den, der gebeugten Gemüthes 
ist" Rab Huna und Rah Chisda sind darüber verschiedener Mei- 
nung. Der eine hat gesagt: Mit mir (-«f)k) ist der Zerschlagene, der 
andere dagegen hat gesagt: Ich bin bei dem Zerschlagenen (pk "^sk 
«Dn) und Zerbrochenen. Für den, welcher sagt: Ich bin bei dem 
Zerschlagenen, scheint zu sprechen, dass der Heilige, gebenedeiet 
sei er! alle Berge und Hügel bei Seite liess^) und seine Schechina 
nur auf dem Berge Sinai ruhen Hess und nicht den Berg nach oben 
erhöhte. Nach Rab Joseph soll der Mensch immer von der Sinnesart 
seines Schöpfers lernen, denn siehe, der Heilige, gebenedeiet sei er! 
Hess alle Berge und Hügel bei Seite und Hess seine Schechina nur 
auf dem Berge Sinai ruhen (und er Hess alle guten [edlen] Bäume 
bei Seite und Hess seine Schechina nur im (verachteten) Dornstrauche 
ruhen). 

12. (Das.) R. Eleasar hat gesagt: Jeder Mensch, in dem der 
Geist des Stolzes (des Hochmuthes) ist, verdient, wie ein Götzenhain 
(Aschera) abgeschnitten (umgehauen) zu werden (y^^b •^iN'n). Denn 
hier Jes. 10, 33 heisst es: „Die von ragendem Wüchse sind abge- 
schnitten (D"^yn5, gefällt)," und dort Deut. 7, 5 heisst es auch: „Und 
ihre Haine sollt ihr abschneiden (TiT*i3r, fällen)." 

R. Eleasar hat ferner gesagt: Jeder Mensch, in dem der Geist 
des Stolzes (des Hochmuthes) ist, dessen Staub wird nicht erweckt 
werden (erwachen), denn hier Jes. 26, 19 heisst es: „Erwachet und 
jubelt, die ihr ruhet als Staub." isrn -»s^iö, die ihr ruhet im 
Staube, heisst es nicht, sondern: ^cs? •*2Dtt5, die ihr ruhet als Staub,®) 
um anzudeuten, dass derjenige, welcher bei Lebzeiten ein Nachbar 
des Staubes ward, wieder auflebt. 

R. Eleasar hat ferner gesagt: Ueber den Menschen, in dem der 
Geist des Stolzes (des Hochmuthes) ist, bricht die Schechina in Klage 
ans, denn es heisst Ps. 138, 6: „Denn hoch ist der Ewige, und den 
Niedrigen siehet er, und den Hohen (Stolzen) beklagt er aus der 
Feme." ») 



*) D. i. er verschmähte sie wie z. B. den Tabor und Karmel. 
■) D. i. wer sich bis zum Staube erniedrigt. 
3) So fasst der Talmud die Stelle. 



246 ^^^- Traclat Sota. 

Rab Awera, oder, wie maDche sagen, R. Eleasar hat vorgetragen: 
Komm and sieh! nicht wie die Weise des Heiligen, gebenedeiet sei 
er! ist die Weise von Fleisch und Blut. Die Weise von Fleisch 
und Blut ist: Der Hohe sieht auf den Hohen ^) und der Hohe sieht 
nicht auf den Niedrigen, die Weise des Heiligen, gebenedeiet sei erl 
aber ist nicht so: Er als der Hohe^) sieht auf den Niedrigen, wie es 
heisst das.: „Denn hoch ist der Ewige und den Niedrigen siebet er/' 

13. (Das.) Rab Chisda, oder, wie manche wollen, Mar Ukba, hat 
gesagt: Von jedem, in dem der Geist des Stolzes (des Hochmuthes) 
ist, sagt der Heilige, gebenedeiet sei er: Ich und er können nicht in 
der Welt zusammen wohnen, wie es heisst Ps. 101, 5: „Der im Ver- 
borgenen seinen Genossen verleumdet, den vernichte ich, den von 
stolzen Augen und hochfahrendem Sinn, den ertrage ich nicht/' 
Lies nicht iniN, ihn, sondern in», nämlich mit ihm kann ich nicht 
sein. Manche beziehen diese Stelle auf den Verleumder, wie es 
heisst: „Der im Verborgenen seinen Genossen verleumdet, den ver- 
nichte ich." R. Alexander hat gesagt: Jeden, in dem der Geist des 
Stolzes (des Hochmuthes) ist, macht selbst der geringste Wind trübe,') 
denn es heisst Jes. 57, 20: „Die Frevler gleichen dem aufgeregten 
Meer, das nicht ruhen kann und dessen Wasser Eoth and Schlamm 
herauftreibt." Wenn nun schon das Meer, das so viel Viertel Log 
(Wasser) enthält, ein wenig Wind trübe macht, um wie viel mehr 
verwirrt das Wehen des Windes den Menschen, der nur ein Viertel 
Log (Blut) enthält!^) Rab Chija bar Aschi hat im Namen Rabs 
gesagt: In jedem Schüler des Weisen (Gelehrten) muss ein Achtel^) 
von einem Achtel Stolz sein. Nach Rab Huna bar R. Josua schmückt 
ihn dies wie die Aehrenspitze (Granne) die Aehre. Raba hat gesagt: Der- 
jenige welcher stolz ist, soll in den Bann gethan werden, und derjenige, 
welcher nicht stolz ist, soll auch in den Bann gethan werden. Rab 
Nachman bar Jizchak hat gesagt: Weder von ihm selbst, noch von 
einem Theil von ihm (denn Stolz soll der Gelehrte besitzen), denn 



*) Der Hohe achtet die Hohen u. s. w. 

<) Vergl. Megilla Fol. 81a: Ueberall wo du Gottes Macht findest, da findest 
du auch seine Demuth. 

') D. 1. selbst geringe Leiden, bringen ihn in Verwirrung und Verzweiflung. 

*) D. h. so viel Blut ist zu seinem Leben nöthig. R. Vergl. Gittin Fol. 
31b: Vier Winde wehen u. s. w. 

^) Sinn: Ein klein wenig stolz muss jeder Gelehiie sein d. h. er muss 
«einen eigenen Werth fühlen. 



VII. Tractat Sota. 247 

ist etwa dies gering, dass die Schrift von ihm sagt Prov. 16, 5: 
„Ein Greuel dem Ewigen ist jeder Hochmttthige?" 

14. (Fol. 5 ab.) Ghiskia hat gesagt: Das Gebet des Menschen 
wird nur erhört, wenn es sein Herz wie Fleisch (so weich) macht, 
wie es heisst Jes. 66, 23: „Und es geschieht: je von Neumond zu 
Neumond, und je von Sabbath zu Sabbath wird kommen alles Fleisch, 
sich vor mir zu bücken, spricht der Ewige.'' B. Sera hat gesagt: 
Bei dem Worte *ibn. Fleisch ^ Lev. 13, 14 heisst es: nd^31, es ist 
geheilt, aber von dem Worte Qn2< heisst es nicht: Ksnri, er ist ge- 
heilt B. Jochanan hat gesagt: Das Wort D"nK, Mensch ist ein 
Notarikon und bedeutet: nib üi nsfi^. Staub, Blut, Galle, fmd 
was das Wort "n'iin ist auch ein Notarikon und bedeutet: n^ih 
rT?3*-i rrmib, Schande, Verwesung, Gewürm. Manche sagen: Der 
mittelste Buchstabe bedeutet biNUS, Unterwelt (Gruft), weil das Wort 
"i^n) doch mit U9 geschrieben ist 

Bab Aschi hat gesagt: Jeder, in dem der Geist des Stolzes 
(des Hochmuthes) ist, wird am Ende vermindert (herabgesetzt), denn 
es heisst Lev. 14, 56: „Und für Geschwulst und Flechte." Unter nNb, 
Geschwulst ist nichts anderes als nns^i, Erhebung zu verstehen vergl. 
Jes. 2, 14: „Und über all die Berge, die hohen, und über all die 
Hügel, die ragenden (mN^carr)," und unter nono ist nichts anderes 
als nb'^cu, Anhängsel (Hinzufügung) zu verstehen vergl. 1 Sam. 
2, 36: „Füge mich doch hinzu (»^ "^^nsD) bei einem der Priesterämter, 
dass ich ein Stück Brot esse." B. Josua ben Levi hat gesagt: 
Komm' und sieh! wie gross die gebeugten (demüthigen) Gemüther 
vor dem Heiligen, gebenedeiet sei er! sind; denn, brachte jemand, 
so lange das Heiligthum stand, ein Ganzopfer, so trug er den 
Lohn eines Ganzopfers davon, brachte er ein Speisopfer, so trug er 
den Lohn eines Speisopfers davon, wer aber demüthigen (niedrigen) 
Sinnes ist, den betrachtet die Schrift so, als hätte er alle Opfer 
dargebracht, wie es heisst Ps. 51, 19: „Die Opfer Gottes sind ein 
zerbrochener Geist," und nicht nur das, sondern sein Gebet wird 
nicht verworfen, wie es heisst das.: „Ein zerbrochenes und zer- 
stossenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten." 

15. (Fol. 5b.) B. Josua ben Levi hat ferner gesagt: Wer in 
dieser Welt seine Pfade abschätzt, der verdient, dass er das Heil 
des Heiligen, gebenedeiet sei er! sieht, wie es heisst Ps. 50, 23: 
„Wer auf seinen Weg achtet, den lasse ich das Heil Gottes schauen." 
Lies nicht öfcn, er achtet (setzt), sondern ö^i, wer seinen Weg schätzt 



248 VII. Tractat Sota. 

16. (Fol. 6 a.) Es heisst Deat. 24, 2: ,,Und sie geht and wird 
einem anderen Manne.'' Rab Joseph hat gesagt: Die Schrift nennt 
ihn (den neuen Mann des Weibes) ^n«, einen anderen, weil er kein 
Genosse des ersten ist, denn jener hat die Ruchlose aus seinem 
Hause vertrieben und dieser hat die Ruchlose in sein Haus auf- 
genommen. 

17. (Das.) Mischna J, 3. Folgende dürfen keine Hebe essen: 
Die Frau, die zu ihrem Manne sagt, oder von der Zeugen aus- 
sagen, dass sie für ihn unrein sei; femer die, welche sagt, dass sie 
nicht trinken wolle; sodann die, deren Mann sie nicht trinken lassen 
will, oder deren Mann ihr auf der Reise (zum Gerichtshof) beige- 
wohnt hat. 

18. (Fol. 7 a.) Mischna. Wie hat der Mann mit ihr zu ver- 
fahren? Er führt sie vor dem Gerichtshof seines Ortes, welcher 
ihm zwei Gelehrten mitgiebt, damit er ihr auf der Reise nicht bei- 
wohne. Nach R. Jehuda ist ihr Mann schon allein in Bezug auf 
sie beglaubigt. 

19. (Das.) Mischnu J, 4. Darauf führt man sie auf den grossen 
Gerichtshof in Jerusalem; hier sucht man ihr Gewissen anzuregen, 
wie es bei Zeugen in Criminalsachen zu geschehen pflegt and 
man sagt zu ihr: Meine Tochter! viel kann der Wein, viel das 
Lachen, viel die Jugend thun, viel können auch böse Nachbarn 
thun; bekenne (thue) es um des grossen Namens willen, welcher mit 
Heiligkeit geschrieben ist, damit er nicht durch das Wasser aus- 
gelöscht werde. Auch spricht man vor ihr Dinge, welche weder 
sie noch die Familie ihres Vaterhauses würdig ist, zu hören. 

Mischna J, 5. Sagt sie: Ich bin unrein, so quittirt (zerbricht) 
sie ihre Eethuba und sie wird geschieden; sagt sie aber: Ich bin 
rein, so führt man sie zum Ostthore, welches oberhalb des Nikanor- 
thores ist, denn daselbst lässt man die des Ehebruchs verdächtigen 
Weiber trinken, und die Wöchnerinnen und Aussätzigen werden da- 
selbst rein gemacht; dann erfasst der Priester ihr Kleid, wird 
es dabei aufgerissen, so wird es aufgerissen und wird es dabei zer- 
rissen, so wird es zerrissen, bis dass ihr Herz (ihr Busen) bloss- 
gelegt ist, sodann löst er ihr das Haar auf. Hat sie ein lieb- 
liches Herz (einen lieblichen Busen), so darf er ihn nach R. Jehuda 
nicht bloss legen, und ebenso, wenn sie schönes Haar hat, darf er 
ihr es nicht auflösen. 

Mischna I, 6, War sie in weisse Kleider gehüllt, so hüllt man 



VII. Tiactat Sota. 249 

sie in schwarze, hatte sie goldenes Geschmeide und Ketten, Nasen- 
ringe und Ringe überhaupt, so entfernt man sie von ihr, um sie zu ver- 
unzieren. Darauf bringt er einen Strick von Palmenfaser und bindet 
ihr denselben oberhalb ihrer Brüste um. Wer sie (so in diesem Zu- 
stande) sehen will, darf sie sehen, ausgenommen ihre Sclaven und 
Sclavinnen, weil ihr Herz dadurch hartnäckig wird. Alle Weiber 
dürfen sie sehen, denn es heisst Ezech. 23, 48: „Alle Weiber 
sollen sich daran ein Beispiel nehmen und nicht ihre Unzucht 
nachahmen." 

20. (Fol. 7b.) Unsere Rabbinen sagen: Dem des Ehebruchs 
verdächtigen Weibe werden Worte der Haggada (d. i. Liebliche 
Worte) und Beispiele aus der Schrift vorgehalten, welche sich 
einst ereignet haben, z. B. wie es Hl. 15, 18 heisst: „Was die 
Weisen verkünden, was sie von ihren Vätern her nicht verhehlen," 
Jehnda legte ein Bekenntniss ab und schämte sich nicht; was war sein 
Ende?^) Er ererbte das Leben der künftigen Welt Ebenso legte 
Buben ein Bekenntniss ab, schämte sich aber nicht, was war sein Ende ? 
Er ererbte das Leben der künftigen Welt. Was war ihr Lohn ? Ihr Lohn ? 
(fragtst du.) Sowie wir gesagt haben. Allein (die Frage ist): Was war 
ihr Lohn in dieser Welt? Antw.: Wie es heisst das. V, 16: „Ihnen ward 
allein die Erde gegeben und nie kam ein Fremder in ihre Mitte." 
Gewiss, in Bezug auf Jehuda finden wir, dass er ein Bekenntniss 
ablegte, denn es heisst Gen. 38, 26: „Und es erkannte sie Jehuda 
und sprach: Sie ist gerechter als ich," allein woher lässt sich be- 
weisen, dass auch Buben ein Bekenntniss ablegte? Denn R. Samuel 
bar Nachman hat im Namen des R. Jochanan gesagt: Was heisst das, 
was geschrieben steht Deut. 33, 6. 7: „Rüben lebe und sterbe nicht. 
Und dies dem Jehuda?" Alle jene Jahre, wo die Israeliten in Aegjp- 
ten waren, wälzten sich die Gebeine Jehuda's im Sarge, ^) bis Mose 
aufstand und für ihn um Erbarmen bat Herr der Welt! sprach er 
vor Gott, wer verursachte, dass Ruhen ein Bekenntniss ablegte? 
Antw.: Jehuda, wie es heisst: „Und dies dem Jehuda." Sofort „er- 
hörte der Ewige die Stimme Jehuda's" (s. das. V. 7), Da kamen 
seine Glieder zur Ruhe; doch liess man ihn (den Jehuda) noch 
nicht in die himmlische Sitzung einziehen, da sprach Mose das.: 
„Und zu seinem Volke führe ihn." Er verstand aber noch nicht 



*) Was hatte er davon. 

■) D. L er kam nicht zm* Ruhe. 



250 '^W- Tiactat Sota. 

die Conterversen der Rabbinen abzuwägen nnd za belasten (d. i. 
er verstand noch nicht mit den Gelehrten zu disputiren), da sprach 
Mosse das.: „Ihm zur Seite streite für ihn.'' Es gelang ihm aber 
noch nicht, eine Lehre nach der allgemeinen Annahme vorzubringen, 
da sprach Mose s. das.: „Und Beistand sei ihm gegen seine Drän- 
ger.'' Gewiss hat Jehuda bekannt, damit Thamar nicht verbrannt 
werde, allein warum bekannte Ruhen? Rah Schescheth hat doch 
gesagt: Mir gilt derjenige als frech, der seine Sünden einzeln 
beim Bekenntniss aufzählt?^) Ohne Zweifel (hat er bekannt), damit 
seine Brüder nicht in Verdacht kommen sollten. 

21. (Fol. 8a.) Wir haben gelehrt: Ein Mann (der zur Steini- 
gung verurtheilt war) wurde nackt gesteinigt; eine Frau aber wurde 
nicht nackt gesteinigt Raba hat gesagt: Die Leidenschaft (der 
böse Trieb) hat nur über das Gewalt, was die Augen sehen. 

22. (Fol. 8 b.) Mischna I, 7. Mit dem Masze, womit der Mensch 
misst, wird ihm wieder gemessen. Sie (das des Ehebruchs wegen 
angeklagte Weib) hat sich zur Sünde geschmückt, darum lässt Gott 
sie verunzieren; sie hat sich zur Sünde entblösst, darum lässt Gott 
sie entblössen; sie sündigte zuerst mit der Hüfte, sodann mit dem 
Leibe, deshalb wird sie zuerst an der Hüfte geschlagen und sodann 
am Leibe, und auch der übrige Körper geht nicht frei aus. 

23. (Das.) Rah Joseph hat gesa^: Obgleich das Masz (Strafmasz) 
aufgehört hat, so hat doch das Masz der Aehnlichkeit^) nicht auf- 
gehört. Denn Rah Joseph hat gesagt und so hat auch R. Chija 
gelehrt: Obgleich seit dem Tage der Tempelzerstörung das Syne- 
drium aufgehört hat, so haben doch die vier (gerichtlichen) Todes- 
strafen nicht aufgehört. Sie haben doch aber aufgehört? Allein 
das (göttliche oder himmlische) Gericht der vier Todesstrafen hat 
nicht aufgehört.^) Hat jemand z. B. den Steinigungstod (nb'^pD) 
verschuldet, so fällt er entweder vom Dache, oder ein wildes Thier 
erschlägt ihn; hat jemand den Yerbrennungstod (rTD"^^«:), verschul- 
det, so fällt er entweder in eine Flamme (ins Feuer), oder eine 
Schlange sticht ihn;^) hat jemand den Tod durchs Schwert ver- 
schuldet, so wird er entweder der Regierung überliefert, oder Räu- 



») Die Worte hn^m^ na fehlen in den Mss. 
>) D. i. das entsprechende Strafmasz. 

') Sinn: Dessenungeachtet erfolgen göttliche Strafen, die jenen vier Todes- 
strafen ähnlich sind. 

*) Und er stirbt dui*ch das brennende Gift derselben. 



Vn. Traciat Sota. 251 

ber kommen über ihn; bat jemand den Erwürgungstod (np'^^n) ver- 
dient, so stürzt er entweder in einen Strom, oder er stirbt an Er- 
stickung (an der Halsbräune).^) 

24. (FoL 8 b u. 9 a.) Wir haben die Ueberlieferung: Rabbi MeKr 
pflegte zu sagen: Woher lässt sich beweisen, dass mit dem Masze, 
woher der Mensch misst, ihm wieder gemessen wird? Ans Jes. 27, 8: 
„Mit einem und demselben Sea (riMDMOn), wenn er Verstössen sein 
wird, wirst du ihn richten.'* Aber da weiss ich nur, dass es ein Sea 
ist, woher lässt sich aber beweisen, dass auch ein Thirkab und ein 
halbes Thirkab, ein Kab und ein halbes Eab, ein Rob^a (ein Viertel) 
und ein halbes Rob^a, ein Thuman (Achtel)^) und ein ^Uchla^) mit 
inbegriffen ist? Aus Jes. 9, 5: „Alle Masze messend (^mid ^nd) 
mit Getöse.'' Woher lässt sich ferner beweisen, dass auch jede 
Peruta zur grossen Rechnung vereinigt wird? Aus Eoh. 7, 27: 
„Von eins zu eins, um die Rechnung zu finden." Und so finden wir es 
auch in Bezug auf das des Ehebruchs verdächtige Weib, denn mit 
dem Masze, womit sie gemessen hat, wird ihr wieder gemessen. 
Sie stand vor der Thür ihres Hauses, um nach ihm (den Liebhaber) 
auszuschauen, daher stellt sie der Priester an das Thor des Nika- 
nor und zeigt allen ihre Schande; sie hatte ferner für ihn ihr Haupt 
mit schönen Tüchern umwunden, deshalb nimmt der Priester die 
Kopfbedeckung ihr vom Haupte und wirft sie unter ihre Füsse; 
sie putzte ferner für ihn ihr Angesicht, deshalb färbt sich ihr Ant- 
litz gelb; sie schminkte ferner für ihn ihre Augen, deshalb treten 
ihre Augen heraus; sie flocht ferner für ihn ihr Haar, deshalb 
löst der Priester ihr Haar auf; sie winkte ihm femer mit dem 
Finger, deshalb fallen ihr ihre Nägel aus; sie umgürtete sich femer für 
ihn mit einem Gürtel, deshalb bringt der Priester einen Strick von 
Palmfaser und bindet ihn ihr oberhalb ihrer Brust fest; sie entblösste 
für ihn ferner ihre Hüfte (Lende), deshalb senkt sich (fällt) ihre Hüfte; 
sie nahm ihn ferner auf ihren Bauch auf, deshalb schwillt ihr Bauch 
auf; sie speiste ihn ferner mit Leckerbissen (eig. mit den Ergötzlich - 
keiten der Welt), deshalb ist ihr Opfer Viehspeise (von Gerste), sie gab 
ihm ferner kostbaren (herrlichen) Wein in kostbaren Bechern zu trinken 



') Vergl, Berach. Fol. 8a.: 903 Todesai-ten sind in der Welt erscliaffen 
worden s. Bd. 1» S. 43. 

*) Der Thuman ist der achte Theil eines Kab. 

a) Vergl. Baba batra Fol. 90a.: Wieviel fasst die Uchla? Ein Fünflei 
eines Rob'as (d. i. der 20. Theil eines Kab = Vö Log). 



252 ^ ''• Tractnt Sota. 

deshalb lässt sie der Priester die bitteren Wasser in einer thöner- 
nen (irdenen) Schüssel (Schale) trinken; sie that es femer im Ge- 
heimen, „aber der da sitzt im Geheimen der Höchste" (Ps. 91, 1), richtet 
auf sie sein Antlitz, wie es heisst Hi. 24, 15: „Das Auge des Ehe- 
brechers wartet auf die Dämmerung und spricht: Mich wird kein 
Auge sehen." Oder: Sie that es im Geheimen, aber Gott macht es 
öffentlich bekannt,^) wie es heisst Prov. 26, 16: „Verdeckt wird 
Hass durch Täuschung, enthüllt wird seine Bosheit in der Volks- 
versammlung." 

25. (FoL9a.) Wenn es aber hervorgeht aus: „NistT^b nn»bnn«^ 
"jisicn, von eins zu eins, um die Rechnung zu finden," wozu braucht 
noch der Vers Jes. 9, 5: „^y^n iNiD iiNO Vd "^s" zu stehen? Um 
anzudeuten, dass man auch kleine Vergehen mit demselben Masze straft. 
Wenn es aber nun schon bewiesen ist aus: „Msy^n INIO "jiko Vd "»d," 
wozu braucht noch der Vers Jes. 27, 8: „rtnb^cn nNOKOä" zu 
stehen? Um anzudeuten, wie R. Chanina bar Papa gesagt hat: 
Der Heilige, gebenedeiet sei er! straft nicht eher eine Nation als 
bis zur Zeit ihrer Entlassung,^) wie es heisst Jes. 27, 8: „Durch 
Masze, durch Entlassung richtest du sie" u. s. w. Es ist doch nicht 
so? Raba hat doch gesagt: Was bedeuten jene drei Becher, die 
von Aegypten gesagt werden? Den einen hat es in den Tagen des 
Mose's, den zweiten in den Tagen des Pharao Necho getrunken und 
einen andern wird es dereinst noch mit seinen Genossen trinken. Soll- 
test du vielleicht sagen: Die Aegypter zur Zeit Mose's sind doch zu 
Grunde gegangen, darnach aber sind andere Völker gekommen und 
haben sich daselbst niedergelassen? Es ist doch aber gelehrt wor- 
den: R. Jehuda sagt: Minjamin, welcher ein ägyptischer Proselyt 
war, war mir ein Genosse von den Schülern des R. Akiba. Minja- 
min, der ägyptische Proselyt, hat nun gesagt: Ich bin der erste 
Aegypter und heirathete die erste Aegypterin, ich will meinen Sohn 
mit der zweiten Aegypterin (Aegypterin des zweiten Geschlechts) 
verheirathen, damit mein Enkel würdig sei, in die Gemeinde zu 
kommen.^) Deshalb muss R. Chanina bar Papa so gesagt haben: 



') Sie hatte sicli heimlicli der Sünde ergeben, dafür wurde ihr Verbrechen 
der Oeffeutliclikcit übergeben. 

2) D. i. Bis die Stunde ihres Untergangs herbeigekommen ist. 

') Nach Deuteron. 23, 9. Hieraus ist nun erwiesen, dass noch gegenwärtig 
die alten Aegj-pter in Aegypten wohnen. 



VII. Tractat Sola. 253 

Der Heilige, gebenedeiet sei er! straft nicht eher einen König, als 
zur Zeit seiner Entlassung (Vernichtung), wie es heisst das.: „Durch 
Masze" a. s. w. Amemar hat das, was R. Ghanina bar Papa gesagt 
hat, ans einer andern Stelle entnommen: Was heisst das, was ge- 
schrieben steht Mal. 3, 6: „Denn ich, der Ewige, habe nicht wieder- 
holt,^) und ihr, Kinder Jacob's, habt nicht aufgehört?" „«b 'n ^3K 
^r\'^r^ d. i. ich habe nicht eine Nation geschlagen und auch ein 
zweites Mal (mit derselben Strafe, so dass man sagen könnte, die 
zeigt sich nur in derselben Strafe); „und ihr, Kinder Jacobs habt 
nicht aufgehört," das ist es, was geschrieben steht Deut. 32, 23: 
„Meine Pfeile will ich ausschütten auf sie" d. i. meine Pfeile 
werden zu Ende gehen (D'^bs), aber sie werden nicht untergehen 

(D-^bD Dr«). 

Rab Hamnuna hat gesagt: Der Heilige, gebenedeiet sei er! be- 
straft nicht eher einen Menschen, als bis sein Masz^) voll geworden 
ist, wie es heisst Hi. 20, 22: „Wenn sein Genüge voll ist, trifft ihn 
die Noth." 

26« (Fol. 9a.) R. Chanina bar Papa hat vorgetragen: Was heisst 
das, was geschrieben steht Ps. 33, 1: „Jubelt, Gerechte, in dem Ewi- 
gen, den Redlichen geziemt Lobgesang?" Lies nicht: nbnn niKr, 
geziemt Lobgesang, sondern nbnn ni3, den Redlichen ist die Woh- 
nung des Lobes. Das geht auf Mose und David, deren Feinde 
niemals ihre Werke in ihre Gewalt bekommen. Von David heisst es 
Thren. 2, 9: „Versunken in die Erde sind ihre Thore," und von 
Mose gilt dasselbe, denn der Herr (der Autor) hat gesagt: Nach 
Erbauung des ersten Tempels wurde das Versammlungszelt mit sei- 
nen Brettern, Haken, Riegeln, Säulen und Pfosten verborgen. Wo? 
Darauf hat Rab Ghisda im Namen Abimi's gesagt: Unter den Höhlen 
des Tempels. 

27. (Fol. 9 ab.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Das ungetreue 
Weib richtete ihre Augen auf etwas, das ihr nicht gehört, daher wurde 
ihr das, was sie begehrte, nicht gewährt, und was sie in ihrer Hand 
hatte, ihr genommen; denn wer seine Augen auf etwas richtet, was 
ihm nicht gehört, dem wird das, was er begehrt, nicht gewährt 
und das, was er in seiner Hand hat (was er besitzt), genommen. 
Ebenso finden wir es bei der alten (ersten) Schlange. Da dieselbe 



1) So fasst der Talmud die Stelle. 
^) Das Masz seiner Sünden. 



254 ^^I- Tractat Sota. 

ihre Augen auf etwas richtete, was ihr nicht gehörte, so wurde ihr 
das, was sie begehrte, nicht gewährt und das, was sie besass (eig. 
in ihrer Hand hatte), genommen. Der Heilige, gebenedeiet sei er! 
sprach: Ich habe gesagt: Sie soll ein König über alle zahmen und 
wilden Thiere sein, jetzt aber „sollst du verflucht sein vor allen 
zahmen Thicren und vor allem Gewilde des Feldes" (Gen. 3, 14); 
ich habe ferner gesagt: Sie soll aufrecht (eig. mit aufgerichteter 
Statur) einhergehen, jetzt aber soll sie auf ihrem Bauche gehen; ich 
habe femer gesagt: Ihre Speise soll Menschenspeise sein, jetzt aber 
soll sie Staub essen. Sie sprach: Ich werde Adam umbringen und 
Eva heirathen, nun „will ich Feindschaft setzen zwischen dir und 
dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen''. Ebenso 
finden wir es bei Eain, Eorach, Bileam, Do^g; Achithophel, Gechasi, 
Absalom, Adonia, Usia und Haman, weil sie ihre Augen auf das 
richteten, was ihnen nicht gehörte, so wurde ihnen das, was sie be- 
gehrten, nicht gewährt, und das, was in ihren Händen war, ge- 
nommen. 

28« (Fol. 9 b.) Mischna 2, 8. Simson ging der Lust seiner Augen 
nach, deshalb stachen ihm die Philister die Augen aus, wie es heisst 
Jud. 16, 21: „Die Philister ergriffen ihn und stachen ihm die Augen 
aus.*' Absalom brflstete sich mit seinem Haare, deshalb blieb er 
mit seinem Haare hängen, und weil er die zehn Eebsweiber seines 
Vaters beschlief, wurden ihm zehn Lanzen in den Leib gestossen, 
weil es heisst 2 Sam. 18, 15: „Und es umringten ihn zehn Knappen 
von Joabs Waffenträgem und erschlugen den Absalom und tödteten 
ihn. Und weil er drei Herzen hintergangen (gestohlen) hatte, 
nämlich das Herz seines Vaters, das Herz des Gerichtshofes und 
das Herz Israels, wie es heisst das. 15, 6: „Und Absalom gewann 
(stahl) das Herz der Männer Israels " so wurden drei Stäbe ihm 
in das Herz gestossen, wie es heisst das. 18, 14: „Er nahm drei 
Stäbe in seine Hand und stiess sie dem Absalom ins Herz.'' 

29« (Fol. 9b u. 10a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Simson war 
widerspenstig (und stindigte) mit seinen Augen ,^) indem es heisst Jud. 
14, 3: „Und es sprach Simson zu seinem Vater: Diese nimm mir, 
denn sie ist recht in meinen Augen," deshalb stachen ihm die Phi- 



*) Sie hatte ihre Augen auf einen fremden Mann gerichtet, dieser wird ilir 
aber untersagt und den ihrigen verliert sie aucli. 
^) Gegen seinen Scliopfer. 



VII. Tractat Sota. 255 

lister die Augen ans, wie es heisst das. 16, 21: „Da ergriffen ihn 
die Philister und stachen ihm die Augen aus." Ist es denn so? 
Es heisst doch das. 14, 4: „Und sein Vater und seine Mutter 
wussten nicht, dass es vom Ewigen war." Als er ging, ging er 
doch hinter dem her, was ihm gut dünkte?^) Wir haben die 
Ueberlieferung: Rabbi sagt: Der Anfang seiner verkehrten Hand- 
lungsweise fand in Gaza statt, deshalb wurde er in Gaza ge- 
schlagen. Der Anfang seiner verkehrten Handlungsweise fand in 
Gaza statt, wie es heisst das. 16, 1: „Und Simson ging nach 
Gaza und sah daselbst ein Buhlweib und kam zu ihr;" deshalb wurde 
er in Gaza geschlagen, wie es heisst das. Y. 21: „Und es ergriffen 
ihn die Philister und stachen ihm die Augen aus und führten ihn 
hinab nach Gaza." Es heisst doch aber das. 14, 1: „Und Simson 
ging hinab nach Thimnatha?" Antw.: Der Anfang seiner ver- 
kehrten Handlungsweise fand in Gaza statt. „Und nachher geschah es, 
da liebte er ein Weib im Thale Schorek und ihr Name war De- 
lila" (das. 16, 4). Wir haben die Ueberlieferung: Rabbi sagt: Wenn 
sie nicht Delila (nb*'bn) geheissen hätte, so hätte sie verdient, so 
genannt zu werden. Denn sie schwächte (nbnb-^n) seine (Simsons) 
Kraft, sie schwächte seine Herz (seinen Sinn) und schwächte seine 
Handlungen. Sie schwächte seine Kraft, denn es heisst das. 16, 19: 
„Und seine Kraft wich von ihm;" sie schwächte sein Herz, denn es 
heisst das. Y. 18: „Da nun Delila sah, dass er ihr sein ganzes Herz 
kund gegeben;" sie schwächte seine Werke, denn die Schechina 
wurde ihm entzogen, wie es heisst das. Y. 20: „Und er wusste nicht, 
dass der Ewige von ihm gewiesen war." „Und als Delila sah, dass 
er ihr sein ganzes Herz kund gethan?" Woher wusste sie das? R. 
Chanina hat im Namen Rabbi's gesagt: Die Worte der Wahrheit wer- 
den von selbst erkannt.^) Abaji hat gesagt: Sie wusste, dass jener Ge- 
rechte (Simson) den Namen des Himmels (Gottes) nicht vergeblich 
ausspreche; als er nun sprach das. Y. 17: „Ich bin ein Nasiräer 
Gottes," da sagte sie: Jetzt ist es gewiss, dass er die Wahrheit 
spricht Das. Y. 16: „Und es geschah, da sie ihn alle Tage mit ihren 
Reden bedrängte und ihn quälte." Was heisst in^bMDi? Nach R. 
Jizchak ist in der Schule des R. Ammi gelehrt worden: In der 



1) Sinn: Obgleicli seine Heirath eine gottliclie Fügung war, so war doch 
seine Absiclit, das zu erlangen, was ihm gut dünkte. 

2) Man merkt es den Worten an, wenn sie Wahrheit enthalten. 



256 ^'JJ- Tractat Sota. 

Stunde, wo seine Begierde am heftigsten war, entzog sie sich ihm 
von unten weg. Das. 13, 4: „Und nun nimm dich in Acht and trinke 
nicht Wein und Berauschendes und iss nichts Unreines/' Was heiset: 
M73U Vd? Ferner: Hatte sie denn bis jetzt unreine Dinge gegessen? 
Nach R. Jizchak ist in der Schule des R. Ammi gelehrt worden: 
Damit sind Dinge gemeint, die dem Nasiräer verboten sind. Das. 
15, 19: „Und Gott spaltete den Zahn am Kinnbacken.'* Nach B. 
Jizchak ist in der Schule des R. Ammi gelehrt worden: Er zeigte 
selbst Verlangen nach etwas Unreinem, darum wurde sein Leben an 
etwas Unreines gehängt. Das. 13, 25: „Und der Geist des Ewigen 
begann ihn zu treiben." R. Chama bar R. Chanina hat gesagt: Da 
erfüllte sich die Prophetie unseres Vaters Jacobs, denn es heisst Gen. 
49, 17: „Dan wird sein eine Schlange am Wege." Das.: „Ihn zu 
klopfen (schlagen) im Lager Dan's." Nach R. Jizchak ist in der 
Schule des R. Ammi gelehrt worden: Daraus geht hervor, dass die 
Schechina vor ihm klopfte wie eine Schelle (Glocke). Hier heisst 
es: „i722^S)b, um ihn zu klopfen im Lager Dan's," und dort Ex. 
28, 34 heisst es auch: „iits^^d, eine goldene Schelle und ein Gra- 
natapfel." Jud. 13, 25: „Zwischen Zore^a und Eschthaol." Nach 
R. Assi waren Zore^a und Eschthaol zwei grosse Berge, welche Sim- 
sen entwurzelte und aneinander rieb. Das. V. 5: „Und er wird be- 
ginnen, Israel zu retten." R. Chama bar Chanina hat gesagt: Der 
Schwur des Abimelech hat aufgehört, denn es heisst Gen. 21, 23: 
„Und nun schwöre mir bei Gott zur Stelle, dass du nicht trflglich 
handelst gegen mich, mein Kind und meinen EnkeL" Jud. 13, 24: 
„Und der Knabe wurde gross und der Ewige segnete ihn." Womit 
hat er ihn gesegnet? Rab Jehuda hat im Namen Rabs gesagt: Er 
hat ihn an seinem Zeugungsgliede gesegnet, denn sein Zeugungsglied 
war so gross, wie das der Menschenkinder und sein Same glich 
einem reissenden Strome. 

30« (Fol. 10a.) Das. 16, 28: „Und Simson rief zum Ewigen und 
sprach: Ewiger, Gott, gedenke doch mein und stärke mich nur diesmal, 
Gott, und ich will eine einmalige Rache nehmen wegen meiner beiden 
Augen an den Philistern." Nach Rab sprach Simson vor dem Hei- 
ligen, gebenedeiet sei er: Herr der Welt! gedenke mir der (zwei) 
und zwanzig Jahre, die ich Israel gerichtet und niemals zu einem 
von ihnen gesagt habe: Trage mir den Stock von diesem Orte an 
jenen Ort 

31. (Das.) Es heisst Jud. 15, 4: „Und Simson ging und fing drei- 



vir. Tractat Sota. 257 

hundert Füchse." Warum insonderheit Füchse ? R. Aibo bar Nagdi 
im Namen des R. Chija bar Abba hat gesagt: Simson sprach: Es 
mag der Fuchs kommen, welcher sich rückwärts dreht, und Rache 
nehmen an den Philistern, weil sie in ihrem Schwüre rückgängig 
geworden sind. Wir haben die Ueberlieferung: R. Simeon der 
Fromme sagt: Zwischen den beiden Schultern Simsons war eine 
Entfernung von 60 Ellen, wie es heisst das. 16, 3: „Und Simson 
lag bis Mitternacht und stand auf um Mitternacht und ergriff die 
Thttren des Stadtthores und die beiden Pfosten und riss sie aus 
sammt dem Riegel und nahm sie auf seine Schultern." Nach der 
Ueberlieferung betrugen die Thüren von Gaza nicht weniger als 
60 Ellen. Das. V. 21: „Und er mahlte im Gefängnisse." Nach 
R. Jochanan ist unter nrn::, Mahlen nichts anderes als n'n"»n3^, 
Uebertretung ^) zu verstehen, in welchem Sinne das Wort Hi. 31, 10 
vorkommt: „So soll mein Weib einem andern mahlen (^nön)." Da- 
raus geht hervor, dass jeder ihm sein Weib ins Gefängniss brachte, 
dass sie von ihm schwanger werden sollte.^) Rab Papa hat gesagt: 
Das ist es, was die Leute zu sagen pflegen: Vor den Weintrinker 
stellt man den Wein hin, vor den Ackersmann Quecken.^) R. Jo- 
chanan sagt: Wer da buhlt, dessen Weib buhlt auch, wie es heisst 
das. V. 9: „Da mein Herz verlockt wurde zu einem Weibe, und ich 
an der Thür meines Nächsten lauerte," darauf folgt V. 10: „So wird 
mein Weib (auch) einem anderen mahlen und andere werden auf ihr 
knieen." Das ist es, was die Leute zu sagen pflegen: Er mit 
Kürbissen, sie mit Gurken.*) 

32« (Das.) R. Jochanan sagt ferner: Simson richtete die Israe- 
liten, wie (in der Weise wie) ihr Vater in den Himmeln, denn es 
heisst Gen. 49, 16: „Dan wird richten sein Volk wie der Einzige 
(inND)** u. s. w. R. Jochanan sagt ferner: Simson wurde nach dem 
Namen des Heiligen, gebenedeiet sei er! genannt, wie. es heisst Ps. 
84, 12: „Denn Sonne (tnti) und Schirm ist der Ewige, Gott." Allein 
wenn dem so ist, so sollte er (der Name Simson) nicht ausgelöscht werden 
dürfen? Allein es besteht nur eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Namen 
des Heiligen, gebenedeiet sei er! Wie der Heilige, gebenedeiet sei er! 



*) D. i. die Sünde fleischlich er Vermischung. 

') Sie sollten von ihm Kinder erhalten, die ebenso stark wie er wären. 
') Sinn: Jeder Mensch ist nach seiner Art zu behandeln. 
^) Sinn: Die Unsittlichkelt des Mannes zieht auch die Unsittlichkeit des 
Weibes nach sich. 

Wflmehe, Der babylonische Talmud. 17 



258 ^^^' Tractat Sota. 

Über seine ganze Welt ein Schirm ist, so war auch ßimson zu seiner 
Zeit ein Schirm über die Israeliten. 

R. Jochanan sagt ferner: Bileam war an einem Fasse lahm, 
wie es heisst Nnm. 23, 3: „und er ging "^s^d (abgesprungen)/' and 
Simson war an beiden Füssen lahm, wie es heisst Gen. 49, 17: 
„•jis-^D^ö (zweimal abgesprungen) auf dem Wege." 

33. Pas.) Unsere Babbinen haben gelehrt: Fünf sind in der 
Aehnlichkeit von oben^) erschaffen worden und sind damit bestraft 
worden, Simson an seiner Kraft, Saul an seinem Halse, Absalom an 
seinem Haare, Zedekia an seinen Augen und Asa an seinen Füssen. 
Simson an seiner Kraft, denn es heisst Jud. 16, 19: „Und seine 
Kraft wich von ihm;" Saul an seinem Halse, denn es heisst 1 Sam. 
31, 4: „Und Saul nahm das Schwert und stürzte sich in dasselbe;" 
Absalom an seinem Haare s. 2 Sam. 18, 9: „Und er blieb mit 
seinem Kopfe an der Terebinthe hängen;" Zedekia an seinen Augen, 
denn es heisst 2 Reg. 25, 7: „Und die Augen Zedekia's blendete 
man;" Asa an seinen Füssen, denn es heisst 1 Reg. 15, 23: „Nur 
zur Zeit seines Alters krankte er an seinen Füssen." Nach Rab 
Jehuda im Namen Rabs erfasste ihn das Podagra. Mar Sutra bar 
Rab Kachman fragte den Rab Nachman: Wem gleicht wohl das 
Podagra? Dieser antwortete ihm: Einer Nadel im lebendigen (ge- 
sunden) Fleische. Woher wusste er das? Die einen sagen, dass er 
selbst daran gelitten habe, dagegen die andern sagen, dass er es 
von seineid Lehrer gehört habe. Noch andere beziehen sich auf 
Ps. 25, 14: „Das Geheimniss des Ewigen ist für die, so ihn fürchten, 
und sein Bund, um sie ihn wissen zu lassen." Raba hat vorge- 
tragen: Warum wurde Asa bestraft? Weil er die Schüler der Weisen 
zu Frohndiensten zwang, denn es heisst 1 Reg. 15, 22: „Und der 
König Asa liess durch einen öffentlichen Aufruf ganz Jehuda ver- 
sammeln, keiner war frei, und sie trugen die Steine ab und das Holz 
von Rama." Was heisst das: „"^pa t*n, keiner war frei?" Naoh 
Rab Jehuda im Namen Rab's will es sagen: Selbst der Brftatigam 
aus seinem Gemach und die Braut aus ihrem Brautzelte mossten 
gehen und Frohndienste verrichten. 

34« (Das.) Einmal heisst es Jud. 14, 1: „Und Simson ging 
hinab nach Thimnatha," und ein andermal heisst es wieder Gen. 38, 13: 
^»Siehe, dein Schwager geht hinauf nach Thimnatha?" Nach B. 



^) D. i. gottalmlich. 



VII. Tvactat Sota. 259 

Eleasar hatte sich daselbst Simson mit Schande bedeckt, darum 
heisst es von ihm: ni'*n% hiaabsteigen (er stieg hinab), Jehada aber 
hatte sich daselbst erhoben (hervorgethan), daher heisst es von ihm: 
n'*'>b7, hinaufsteigen (er stieg hinauf). Nach B. Samuel bar Nach- 
man gab es zwei Thimnatha, zu dem einen stieg man hinab, zu dem 
andern aber stieg man hinauf. Nach Rab Papa dagegen gab es nur 
ein Thimna, diejenigen, welche von der einen Seite kommen, steigen 
hinab und diejenigen, welche von der andern Seite kommen, steigen 
hinauf. So verhält es sich auch mit der Lage von Vardina, Be-Bari, 
und dem Markt von Neresch. 

Es heisst Gen. 38, 14: „Und sie sass am Eingange D'^3'>7, der 
Augen.*' Nach B. Alexandri geht daraus hervor, dass sie aus- 
gegangen war und sich an die Thür unseres Vaters Abraham ge- 
setzt hatte d. i. an einen Ort, auf den alle ihren Blick lenkten. 
Nach B. Chanina im Namen Bab's war es ein Ort, dessen Name 
13''3*^9, Enajim war. So heisst es auch Jos. 15, 34: „Thappuach und 
iDP^'^y (Enaim)." B. Samuel bar Nachmani hat gesagt: Weil sie (Tba- 
mar) ihren Worten Augen (n-S'^y, einleuchtende Grttnde) gab. Als 
er nach ihr verlangte, sprach er (Jehuda) zu ihr: Vielleicht bist du 
eine Nochrith (Fremde, Heidin)? Sie antwortete ihm: Mit nichten, 
ich bin eine Prosei jtin. Darauf jener: Vielleicht bist du ein Ehe- 
weib? Darauf sie: Ich bin ledig. Darauf er: Vielleicht hat dich 
dein Vater verlobt? Darauf sie: Ich bin eine Waise. Darauf er: 
Vielleicht bist du unrein? Darauf sie: Ich bin rein. 

36. (Fol. lOab.) Es heisst Gen. 21, 33: „Und er (Abraham) 
pflanzte eine Tamariske (b^c»)^) in Berscheba." Besch Lakisch 
hat gesagt: Daraus geht hervor, dass er sich eine Parkanlage 
machte und darin verschiedene Arten edler Früchte pflanzte. B. 
Jehuda und B. Nechemja sind darüber verschiedener Meinung. Nach 
dem einen war es ein Park, nach dem andern war es ein Gasthaus. 
Wer da sagt, dass es ein Park war, so stimmt das mit dem, was 
geschrieben steht: „Und er pflanzte;'' wer da aber sagt, dass es ein 
Gasthaus war, wie ist da das Wort: „yö'^i, und er pflanzte" zu ver- 
stehen? Antwort: Sowie es Dan. 11, 45 heisst: „Und er wird 
pflanzen {yw^^, aufschlagen) die Gezelte seines Palastes." Es heisst 



• ^) Was das Wort Sb^m, Tamariske anlangt, so bemerkt Raschi dazu: 

inw mSoi ]pw2^ jSoho n^nc^ n^^S n*»r» r.Son mn ppnoii Sb^h pc^S, das Wort 

Sb^H ist ein Notaiikon und bedeutet: n*M^ n**n:y r.Soji, Essen, Trinken, Beglei- 
ten, denn er (Abraham) speiste, ti'änkte und begleitete sie (die Wanderer). 

17* 



260 VII. Tractat Sota. 

ferner Gen. 31, 33: „Und er rief dort an den Namen des Ewigen, 
den Gott für immerdar?" Resch Lakisch hat gesagt: Lies nicht 
N^^P""!, und er rief an, sondern N''*p''i, er bewirkte, dass angerufen 
wurde. Daraus geht hervor, dass unser Vater Abraham bewirkte, 
dass der Name des Heiligen, gebenedeiet sei erl im Munde jedes 
Wandrers (eig. jedes Vorüberziehenden und Kommenden) genannt 
wurde. Wie so? Nachdem sie gegessen und getrunken hatten, er- 
hoben sie sich, um ihn zu segnen. Er sprach zu ihnen: Habt ihr 
denn von dem Meinigen gegessen? ihr habt von dem Eigenthum 
Gottes der Welt gegessen; danket, preiset und segnet den also, 
welcher sprach und die Welt ward. 

36, (Fol. 10b.) Es heisst Gen. 38, 15: „Da erblickte sie Je- 
huda und hielt sie für eine Buhlerin, denn sie hatte ihr Angesicht 
verhüllt." Deshalb, weil sie ihr Angesicht verhüllt hatte, hielt er 
sie für eine Buhlerin. R. Eleasar sagt: Weil sie im Hause ihres 
Schwiegervaters ihr Antlitz verhüllt hatte (deshalb erkannte er sie 
nicht). Denn R. Samuel bar Nachmani hat im Namen des R. Jo- 
nathan gesagt: Jede Braut, welche sich züchtig im Hause ihres 
Schwiegervaters hält, verdient, dass Könige und Propheten von ihr 
hervorgehen. Woher lässt sich das beweisen? Von der Thamar. 
Propheten (stammten von ihr) s. Jes. 1, 1: „Gesicht Jesaia's, des 
Sohnes Amoz;" Könige (stammten von ihr) von David. R. Levi hat 
gesagt: Wir haben in Bezug auf diese Sache eine üeberlieferung 
in unseren Händen, dass Amoz und Amazia Brüder waren. Das. 
V. 25: „Sie ward hinausgeführt (rNStn?: «"»Ji)," es hätte doch K-^rt 
nMüiinTs, als sie hinausgeführt wurde, heissen sollen? K Eleasar sagt: 
Nachdem ihre Zeichen (Siegel, Stab und Faden) gefunden worden 
waren, kam Samael und entfernte sie, und darauf kam Gabriel 
und brachte sie wieder zurück. Das ist es, was geschrieben steht 
Ps. 56, 1: „Dem Sangmeister von der stummen Taube, aus der 
Ferne, Davids Kleinod." Das will nach R. Jochanan sagen: Von 
der Stunde an, wo ihre Zeichen entfernt worden waren, wurde sie 
wie eine stumme Taube; „Davids Kleinod (cnrDT:)," denn von ihr 
ging David hervor, welcher tn ^?3, demuthsvoU und makellos (voll- 
kommen in Bezug auf alles) war. Nach einer andern Deutung will t:r:D?3 
sagen: Weil seine Wunde (irDTS)^) vollkommen {T\^zr) war, denn er 



^) Gemeint ist damit die Besclmeidungswunde. 



VII. Tiactat Sota. 261 

wurde geboren, als wenn er beschnitten wäre. ^) Oder nach einer 
andern Deutung will cnD%3 sagen: Sowie er (David) in seiner Jugend 
sich bei dem klein machte, der grösser war als er, um von ihm 
Thora zu lernen, so machte er es auch in seinem Alter. 

Es heisst ferner Gen. 38, 25: „Und sie schickte zu ihrem 
Schwiegervater also: „Von dem Manne, dem dieses gehört, bin ich 
schwanger." Sie hätte es ihm doch deutlich sagen sollen? Rah Sutra bar 
Tobia hat im Namen Rabs, oder, wie manche wollen, Rah Ghana bar 
Bisna hat im Namen des R. Simeon, des Frommen, oder, wie manche 
wollen, R. Jochanan hat im Namen des R. Simeon ben Jochai gesagt: 
Es wäre für den Menschen besser, wenn er sich in einen Gluthofen 
stürzte, als dass er das Antlitz seines Genossen öffentlich (eig. vor 
vielen) beschämte.') Woher lässt sich das beweisen? Von der 
Thamar. „Erkenne doch!" R. Chama bar R. Chanina sagt: Mit 
dem Worte: *iDn, erkenne! brachte er seinem Vater Botschaft, 
und mit dem Worte: ^Dn, erkenne! brachte man ihm Botschaft. 
Dass er mit dem Worte: nDSi, erkenne! (seinem Vater) Botschaft 
gebracht hat, erhellt aus Gen. 37, 32: „Erkenne, ob es der 
Rock deines Sohnes ist," und dass man mit dem Worte: *iDn, 
erkenne! ihm Botschaft gebracht hat, erhellt aus das. 38, 25: „Er- 
kenne doch, wem gehört dieser Siegelring und Schnur und Stab." 
^3 drückt nichts anderes als eine Bitte (n*trpn) aus.^) Sie sprach 
nämlich zu ihm: Ich bitte dich, erkenne das Angesicht deines 
Schöpfers an und verbirg nicht deine Augen vor mir. Das. V. 26: 
^,Und es erkannte sie Jehuda und sprach: Sie ist gerechter als 
ich." Das ist es, was Rab Chanin bar Bisna im Namen R. Simeon's, 
des Frommen gesagt hat: Weil Joseph den Namen Gottes im 
Geheimen heiligte, so verdiente er, dass ihm ein Buchstabe vom 
Namen des Heiligen, gebenedeiet sei er! hinzugefügt wurde, wie 
es heisst Ps. 81, 6: „Als Zeugniss in Jehoseph (qoiJT«) setzte er 
es ein; dagegen weil Jehuda den Namen Gottes öffentlich heiligte, 
so verdiente er, dass der ganze Name des Heiligen, gebenedeiet 
«ei er! ihm einverleibt wurde. Als er bekannte und sprach: „Sie 
ist gerechter als ich," da Hess eine Himmelsstimme die Worte 
vernehmen: Du hast die Thamar und ihre zwei Kinder vom Feuer 



1) D. l. er hatte keine Vorhaut. 

«) Vergl. Berach. Fol. 43 b und Kethub. Fol. 67b. 

«) Vergl. Berachoth Fol. 9 a. 



262 ^'^^- Tractat Sota. 

gerettet, bei deinem Leben! ich werde einst in deinem Verdienste 
drei von deinen Söhnen (Nachkommen) vom Fener erretten. Wer 
sind diese? Antw.: Chananja, Mischael und Asarja.^) „Sie ist 
gerechter als ich" woher wnsste er das?^) Eine Himmelsstimme 
Hess nämlich die Worte vernehmen: Von mir sind diese geheimen 
Beschlüsse aasgegangen. Das : „Und er hörte nicht auf, sie ferner 
zu (qo*^) erkennen." Samuel der Alte, der Schwiegervater des Ral) 
Samuel bar Ammi im Namen des Bab Samuel bar Ammi hat gesagt: 
Als er sie (einmal) erkannt hatte, stand er nicht femer ab von ihr. 
Hier heisst es: „rtnmb "n5? qo^ nVi, und er hörte femer nicht auf,, 
sie zu erkennen," und dort Deut. 5, 19 heisst es auch: „bn*ia Vnp 
qO"« «^1, mit gewaltiger Stimme, die nicht aufhörte." 

37. (Fol. 10b. u. IIa.) Mischna, Absalom brüstete sich mit 
seinem Haare. Gemara. Unsere Babbinen haben gelehrt: Absalom 
sündigte mit seinem Haare, wie es heisst 2 Sam. 14, 25. 26. 27: 
„Aber wie Absalom so schön war kein Mann von ganz Israel . . . und 
wenn er sein Haupthaar schor, und es geschah je nach Ablauf 
einer Zeit, dass er sich schor, weil es ihm so schwer war, so schor 
er es, und es wog sein Haupthaar zweihundert Schekel nach dem Ge- 
wichte des Königs." Nach einer Tradition war es ein solcher Stein^ 
womit die Bewohner von Tiberias und die Bewohner von Sepphoris 
zu wiegen pflegten. Deshalb blieb er an seinem Haare hängen, wie 
es heisst das. 18, 9: „Und Absalom gerieth in die Nähe der Knechte 
Davids. Absalom aber ritt auf einem Waldesel, und der Waldesel 
kam unter das Zweiggeflecht einer grossen Terebinthe und er blieb 
mit dem Kopfe hängen an der Terebinthe und er schwebte zwischen 
Himmel und Erde, und der Waldesel lief unter ihm davon." (Er 
ergriff das Schwert und wollte sich abschneiden.) In der Schule 
des B. Ismael ist gelehrt worden: In dieser Stunde spaltete sich 
unter ihm die Unterwelt. Das. 19, 1. 5: „Da erbebte der König 
und ging hinauf auf den Söller des Thores und weinte und sprach 
also im Gehen: Mein Sohn Absalom, mein Sohn, mein Sohn! dass 
ich an deiner Statt gestorben wäre, Absalom, mein Sohn, mein Söhnt 
Und der König verhüllte sein Angesicht, und der König schrie mit 
lauter Stimme: Mein Sohn, Absalom 1 Absalom, mein Sohn, ineifiSohn!'^ 



1) Vergl. Pesach. Fol. 118a. 

*) Woher wusste Jehnda, dass Thamar von ilim schwanger war, es konn- 
ten doch ihr ausser ihm noch andere Männer beigewohnt haben. 



VII. Tractat Sota. 263 

Warum steht achtmal das Wort: ,,Mein Sohn?'' Siebenmal, dass 
er ihn herausführe aus den sieben Wohnungen der Hölle, ^) und ein- 
mal, wie manche wollen, dass sich sein Haupt wieder mit seinem 
Körper vereinige, oder, wie manche wollen, dass er in die künftige 
Welt gelange. Das. 18, 18: „Ab^alom aber hatte genommen und 
sich bei Lebzeiten die Standsäule errichtet.'* Was heisst: „npb, er 
hatte genommen?'' Er hatte sich einen schlechten Kauf genommen, 
„Die Standsäule, welche im Eönigsthale war (^b73M pTS^n)" d i 
nach R. Chanina bar Papa: Wegen des tiefen Rathes des Königs 
der Welt. Denn es heisst 2 Sam. 12, 11: „Siehe, ich lasse über 
dich Unheil erstehen aus deinem Hause," desgleichen heisst es 
Gen. 37, 14: „Und er entsandte ihn aus dem Tbale (pTs^n) von 
Chebron." Nach R. Ghanina bar Papa: Wegen des tiefen Rathes 
jenes Gerechten, welcher in Chebron begraben war, denn es heisst 
das. 15, 13: „Wissen sollst du, dass dein Same ein Fremdling sein 
wird." 2 Sam. 18, 18: „Er sprach nämlich: Ich habe keinen 
Sohn." Hatte er denn keine Söhne^ es heisst doch 2 Sam. 14, 27: 
„Und dem Absalom wurden drei Söhne und eine Tochter geboren?'^ 
R. Jizchak bar Abdimi sagt: Weil er keinen Sohn hatte, welcher 
für die Regierung geeignet war. Rab Chisda hat gesagt: Wir 
haben eine Tradition: Jeder, welcher den Ertrag (die Feldfrttchte) 
seines Genossen verbrennt, der hinterlässt keinen Sohn als Erben, 
und dieser hatte den Ertrag Joabs verbrannt, wie es heisst das. 
V. 30: „Und er (Absalom) sprach zu seinen Knechten: Sehet den 
Acker Joabs an meiner Seite, er hat daselbst Gerste, gehet und 
zündet ihn mit Feuer an. Da zündeten die Knechte Absaloms den 
Acker mit Feuer an." 

38. (Das.) Mischna J, 9. Ebenso verhält es sich in Bezug auf das 
Gute. Mirjam wartete wegen Mose's nur eine kurze Zeit, wie es heisst 
Ex. 2, 4: „Seine Schwester stellte sich von ferne, um zu erfahren, was 
ihm geschehen würde," dafür musste ihretwegen ganz Israel sieben Tage 
in der Wüste verweilen, wie es heisst Num. 12, 15: „Mirjam ward 
sieben Tage ausser dem Lager eingesperrt, und das Volk brach nicht 
eher auf, als bis Mirjam wieder aufgenommen war." 

Joseph hatte das Verdienst, seinen Vater zu bestatten, obgleich 
unter seinen Brüdern keiner so angesehen (gross) war, als er, wie 
es heisst Gen. 50, 7. 9: „Und Joseph zog hinauf, seinen Vater zu 



>) Vergl. Pesacliim Fol. 94a, Tbaanith Fol. 10a und Erub. Fol. 19a. 



264 ^'^^- Tractat Sota. 

begraben, und mit ihm Wagen und Reiter," wer war grösser (ge- 
ehrter) als Joseph, da Mose selbst sich mit ihm beschäftigte? Mose 
erwarb sich Verdienste mit Josephs Gebeinen, und es war doch 
keiner in Israel so gross als er, wie es heisst Ex. 13, 19: „Und 
Mose nahm die Gebeine Josephs mit sich," wer war grösser (ge- 
ehrter) als Mose, da Gott selbst sich mit ihm beschäftigte, wie es 
heisst Deut. 34, 6: „Er begrub ihn im Thale." Und nicht bloss von 
Mose gilt das, sondern von allen Gerechten (Frommen), wie es heisst 
Jes. 58, 8: „Deine Gerechtigkeit geht vor dir her und die Herr- 
lichkeit des Ewigen versammelt dich." 

Qeniara, Sie (Mirjam) hat doch nur eine Stunde (d. i. eine 
kurze Zeit für Mose) verweilt und ganz Israel hat sieben Tage (ihret- 
wegen) verweilen müssen? Abaji hat gesagt: Sage: In Bezug auf 
das Gute verhält es sich nicht also. ^) Da sprach Raba zu ihm: Es 
heisst doch aber in der Mischna: Und ebenso verhält es sich in 
Bezug auf das Gute, ^j Deshalb hat Raba also gesagt: Die Worte der 
Mischna: Und ebenso verhält es sich in Bezug auf das Gute, sind 
so zu verstehen: Etwas Gutes wird mit demselben Masze vergolten, 
jedoch ist das Masz des Guten stets mehr als das Masz der Strafe. 

Es heisst Ex. 2, 4: „Und seine Schwester stellte sich von ferne, 
um zu erfahren, was ihm geschehen würde." R. Jizchak hat gesagt: 
Der ganze Yers ist in Bezug auf die Schechina gesagt worden. 
„nstnm, und sie stellte sich," denn es heisst 1 Sam. 3, 10: „Und 
der Ewige kam und stellte sich hin (naiT)"«!) und rief, wie die 
vorigen Male." „nnn«, seine Schwester** s. Prov. 7, 4: „Sage zur 
Weisheit^): Meine Schwester (\mnN) bist du." „pnn^tt, von ferne" 
s. Jerem. 31, 3: „Aus der Ferne (pnn^Ts) ist mir der Ewige er- 
schienen." „nirnV, um zu erfahren" s. 1 Sam. 2, 3: „Denn ein Gott 
des Wissens (myn) ist der Ewige." „n?^, was" s. Deut 10, 12: 
„Was (nr) der Ewige, dein Gott von dir fordert;" „nisy», geschehen 
würde" s. 1 Sam. 25, 28: „Der Ewige wird meinem Herrn ein 
dauerndes Haus errichten (nby);" „V?, ihm" s. Jud. 6, 24: „Und 
er nannte ihn (ib): Ewiger, Frieden." 

39. (Fol. IIa.) Es heisst Ex. 1, 8: „Und es erhob sich ein 
neuer König." Rab und Samuel sind darüber verschiedener Mei- 
nung. Nach dem einen war es wirklich ein neuer König, nach dem 



^) Da tliut man mehr für ilm als er gcthan hat. 

2) Sinn: Das Gute wiid ebenso belohnt wie das Böse. 

') Gott ist der lubeg^riff der Weisheit. 



VII. Traciat Sota. 265 

andern dagegen wurden nur seine Beschlüsse erneuert Nach dem, 
welcher sagt, dass es wirklich ein neuer König war, stimmt das mit 
Worte ^^n, neu, nach dem andern aber, welcher sagt, dass seine 
Beschlüsse nur erneuert wurden, stimmt das damit, dass nicht vor- 
ausgeht: Und er starb und es regierte (ein anderer an seiner Statt). 
Das.: „Der nichts von Joseph wusste" (was heisst das?) Weil er 
sich so stellte, als ob er von ihm nichts wüsste. 

Das. V. 9: „Und er sprach zu seinem Volke: Siehe, das Volk 
der Kinder Israels ist zahlreicher und stärker als wir.'' Es ist 
überliefert worden: Weil er mit seinem Rathe den Anfang machte, 
so wurde er auch zuerst bestraft Weil er mit seinem Rathe den 
Anfang machte, denn es heisst: „Und er sprach zu seinem Volke," 
deshalb wurde er zuerst bestraft, wie es heisst das. 7, 29: „Und 
über dich und dein Volk und über alle deine Diener sollen die 
Frösche kommen." 

Das. V. 10: „Wohlan, lasset uns klug gegen dasselbe (ib) ver- 
fahren." Es hätte doch cnV, gegen sie, heissen sollen? R. Chama 
bar R. Chanina hat gesagt: (Pharao sprach:) Kommt (wohlan), wir 
wollen klüglich in Bezug auf den verfahren, welcher den Israeliten 
ein Helfer ist Wodurch wollen wir sie richten? Wollen wir sie 
durch Feuer richten, es heisst doch Jes. 66, 15: „Denn siehe, der 
Ewige kommt im Feuer," femer das. V. 16: „Denn mit Feuer richtet 
der Ewige?" (Wollen wir sie) durch's Schwert (richten), es heisst 
doch das.: „Und mit seinem Schwerte (richtet) er alles Fleisch?" 
Wohlan, wir wollen sie durch Wasser richten, denn der Heilige, 
gebenedeiet sei er! hat geschworen, dass er keine Wasserfluth mehr 
in die Welt bringen will, wie es heisst das. 54, 9: „Denn eine 
Noachsfluth ist mir dies; da ich geschworen, dass die Wasser Noachs 
nie wieder die Erde überschwemmen sollen, so habe ich geschworen, 
nie über dich zu zürnen und dich zu schelten." Aber sie wussten 
nicht, dass er über seine ganze Welt eine solche allerdings nicht 
mehr bringen werde, aber über eine Nation werde er eine bringen. 
Oder: Er würde die Wasser nicht über sie bringen, sondern sie (die 
Aegypter) würden kommen und in sie hineinstürzen. Und so heisst 
es Ex. 14, 27: „Und die Aegypter flohen ihnen entgegen." Das ist 
es, was R. Eleasar gesagt hat: Was heisst das, was Ex. 18, 11 ge- 
schrieben steht: „Denn das, womit sie frevelten, kam über sie?" 
Antw.: In dem Topfe, in welchem sie kochten, wurden sie selbst 
gekocht 



266 ^^^' Tractat Sola. 

R. Chija bar Abba im Namen des R. Simai hat gesagt: Drei 
waren bei jenem Rathe betheiligt: Bileam, Hiob und Jethro; Bileam, 
der den Rath gegeben, wurde umgebracht, Hiob, der dabei ge- 
schwiegen, mnsste es durch Leiden büssen (eig. wurde durch Leiden 
gerichtet) und Jethro, der die Flucht ergriffen, hatte Enkel, die 
würdig waren, in der Quaderhalle zu sitzen, wie es heisst 1 Chron. 
2, 55: „Und Geschlechter der Schreiber, Bewohner von Jabez, Thi- 
rathim, Schimathim, Suchathim. Das sind die Kenim, welche kom- 
men von Chanmiath, dem Yater von Beth Rechab," femer beisst es 
Jud. 1, 16: „Und die Söhne Eeni's, des Schwagers Mose's'^ u. s. w. 

Es heisst Ex« 1, 10: „Und er streitet gegen uns und ziehet 
herauf (nb:?n) aus dem Lande." Es hätte doch is^'bn, und wir 
ziehen aus dem Lande hinauf, heissen sollen? R. Abba bar Kahana 
hat gesagt: Es verhält sich so wie mit einem Menschen, der sich 
selbst verflucht und seinen Fluch an seinen Genossen hl^gt^) 

Das. V. 11: „Und sie setzten über dasselbe Frohnvögte." Es hätte 
doch &n*^b:^, über sie, heissen sollen? In der Schule des R. Eleasar 
bar R. Simeon ist gelehrt worden: Daraus geht hervor, dass sie eine 
Ziegelsteinform ^) brachten und sie dem Pharao an seinen Hals hingen. 
Wenn nun ein Israelit zu ihnen sagte: Ich bin zu schwach (zart 
für solche Arbeit), so entgegneten sie ihm: Bist du etwa schwächer 
(zarter) als Pharao? Unter &*^d73 ^"ro ist etwas zu verstehen, was 
Ziegel legt (Q'^^tsu:). ^) Das.: „Um es zu drücken (in*i3:f) durch ihre 
Lastarbeiten." (Es hätte doch )Dri37, um sie zu drücken, heissen 
sollen?) D. i. um Pharao zu drücken wegen der Lastarbeiten der Is- 
raeliten. Das.: „Und es baute Yorrathsstädte für Pharao." Rab und 
Samuel sind darüber verschiedener Meinung. Nach dem einen ist 
der Sinn der Worte: Weil sie (die Städte) ihre Herren (Besitzer) 
in Gefahr bringen (p-^bs^n dm n^iSDO?:^); nach dem andern dagegen 
wollen die Worte sagen: Weil sie ihre Herren (Besitzer) arm machen 
(in"»b5?n n« nsDO^^D«:), denn der Herr hat gesagt: Wer sich mit 
Bauen abgiebt, der verarmt. 



^) Sinn: Sich selber will er nicht nennen, darum nennt er einen andern. 
Pharao besorgte nämlich, sie (er und die Aegyptcr) konnten aus dem Lande 
ziehen mässen, er mochte aber das nicht sagen, darum sprach er: Es (das Volk 
Israel) mochte aus dem Lande ziehen. 

2) Nach Raschi ist pte eine Art Form, in welcher man die Ziegel bereitet, 
indem man sie mit Lehm anfüllt. 

«) Nämlich der pSö. 



VII. Tractat Sota. 267 

Das.: „Pithom und Raamses.*' Rab und Samuel sind auch 
darüber verschiedener Meinung; nach dem einen war Pithom ihr 
(eigentlicher) Name, und warum hiess es Raamses (oblss^'i)? Weil 
ein Bau nach dem andern einstürzte (obi'nnTs); nach dem andeni 
dagegen war Raamses ihr (eigentlicher) Name, und warum hiess es 
Pithom (Din*'B)? Weil eins nach dem andern der Mund des Ab- 
grundes (öinn '^t) verschlang. 

Das. V. 12: „Doch wie sie dasselbe auch drückten, so mehrte 
es sich und breitete sich aus (yi*iE"» pi nai"» id)." Es hatte doch 
iStiB pi iah p, so mehrten sie sich und breiteten sich aus, heissen 
sollen? Resch Lakisch hat gesagt: Der heilige Geist verkündete 
ihnen: Es wird sich mehren und ausbreiten. 

Das.: „Und es grauete (isip-in) ihnen vor den Kindern Israels." 
Daraus geht hervor, dass sie in ihren Augen wie Domen (&'>2t^p) 
erschienen. 

Das. V. 13: „Und die Aegypter beschwerten die Kinder Israels 
mit Härte." Was bedeutet: '^•nDi? Nach R. Eleasar ist es so nei 
wie: "^i ns^, mit zartem (sanftem) Munde, nach R. Samuel bar 
Nachmani aber bedeutet es: hD'^it^, mit Grausamkeit (Härte). 

Das. Y. 14: „Und sie verbitterten ihnen das Leben mit harter 
Arbeit in Lehm und Ziegeln." Raba hat gesagt: Zuerst mit Lehm 
und Ziegeln und zuletzt „mit allerlei Dienst auf dem Felde. „Mit 
all' ihrer Arbeit, zu der sie dieselben anhielten mit Härte." Nach 
R. Samuel bar Nachmani im Namen des R. Jonathan übertrugen sie 
die Arbeit der Männer den Weibern und die Arbeit der Weiber 
den Männern. Der, welcher dort (oben) das Wort *^it^ im Sinne 
von "^n Msn, mit sanftem Munde erklärt hat, muss es hier doch 
gewiss im Sinne von n^'^is^, mit Grausamkeit (Härte) auffasssen. 

40. (Fol. IIb.) R. Awera (Akiba) hat vorgetragen: Im Verdienste 
der frommen Frauen, welche in jenem Zeitalter lebten, sind unsere 
Väter (die Israeliten) aus Aegypten erlöst worden. In der Stunde 
nämlich, wo sie gingen Wasser zu schöpfen, fügte ihnen der Heilige, 
gebenedeiet sei er! kleine Fische in ihre Krüge, so dass sie halb 
Wasser und halb Fische schöpften. Sie kamen nun und setzten zwei 
Töpfe (an das Feuer), einen mit Warmem (Wasser) und einen mit 
Fischen und brachten sie ihren Eheherren aufs Feld, dann wuschen 
und salbten sie sie, gaben ihnen zu essen und zu trinken und 
fanden sich dann mit ihnen zwischen den Hürden (behufs der Be- 
gattung) zusammen, wie es heisst Ps. 68, 14: „Wenn ihr lieget 



268 V^^- Tractat Sota. 

zwischen den Hürden." Die Israeliten waren deshalb der Beate 
Aegyptens würdig, wie es heisst das.: „Ihr gleichet Taubenflügeln, 
überzogen mit Silber, in ihrem Gefieder in Goldschimmer.'' Als 
sie schwanger waren, gingen sie in ihre Häuser, und da die Zeit 
ihrer Niederkunft herbeikam, gingen sie wieder hinaus und gebaren 
auf dem Felde unter einem Apfelbaume, wie es heisst Gant. 8, 5: 
„Unter dem Apfelbaume erregte ich dich" u. s. w. Der Heilige, 
gebenedeiet sei er! aber sandte von des Himmels Höhe einen, der 
sie reinigte und putzte wie die Hebamme, welche das Kind putzt, 
wie es heisst Ezech. 16, 4: „Und bei deiner Geburt, am Tage, da 
du geboren wurdest, wurde dein Nabel nicht abgeschnitten und in 
Wasser wurdest du nicht gebadet, sauber zu werden" u. s. w. Und 
er (der Himmelsgesandte) reichte ihnen zwei Gefässe, eins voll Oel 
und eins voll Honig, wie es heisst Deut. 32, 13: „Und liess ihn 
Honig saugen aus dem Felsen und Oel aus harten Steinen." Als 
die Aegjpter solches gewahr wurden und kamen, um sie umzu- 
bringen, da widerfuhr ihnen ein Wunder, denn die Erde verschlang 
dieselben. ^) Sie (die Aegypter) brachten darauf Ochsen und pflügten 
über ihrem Rücken, wie es heisst Ps. 129, 3: „Ueber meinem Rücken 
pflügen die Ackerer" u. s. w. Nachdem sie (die Aegypter) aber fort- 
gegangen waren, schössen diese (die Kinder) hervor und kamen 
heraus wie das Kraut des Feldes, wie es heisst Ezech. 16, 7: „Zu 
Zehntausenden liess ich dich werden, wie Feldgew&chs." Als sie 
gross geworden, kamen sie heerdenweise in ihre Häuser, wie es 
heisst das.: „Du mehrtest dich und wurdest gross und gelangtest 
zur Zierde der Zierden (d. i. zu den höchsten Reizen)." Lies nicht: 
ßi-^-jy -^nm, zu den höchsten Reizen, sondern: D'»my "»'mm, heer- 
denweise. Als nun der Heilige, gebenedeiet sei er! sich ihnen am 
Meere offenbarte, erkannten sie (jene Kinder) ihn zuerst, wie es 
heisst Ex. 15, 2: „Dieser ist mein Gott, ihn will ich verherrlichen." 
41. (Das.) Es heisst Ex. 1, 15: „Und der König sprach zu 
den hebräischen Hebammen." Rab und Samuel sind darüber ver- 
schiedener Meinung. Nach dem einen war es eine Mutter (eig. 
ein Weib) und ihre Tochter, nach dem andern dagegen war es 
eine Schnur und ihre Schwiegermutter. Nach dem, der gesagt, dass 
es eine Mutter und ihre Tochter war, sind Jochebed und Mirjam, 
dagegen nach dem, der gesagt, dass es eine Schnur und ihre 



') Dass ihnen uümlich kein Leid gescheiten sollte. 



VII. Tractat Sota. 269 

Schwiegermutter war, sind Jochebed und Elischeba gemeint Wir 
haben die Ueberlieferung wie der, welcher gesagt bat, dass es 
eine Mutter und ihre Tochter war, denn es ist gelehrt worden: 
Unter Schiphra ist Jochebed zu verstehen. Warum hiess sie 
Schiphra (niB^J)? Weil sie das Kind putzte (n^E;i:?3;c). Oder sie 
hiess deshalb Schiphra, weil sich die Israeliten in ihren Tagen ver- 
mehrten (nsiT TiC'iJ). Unter Pu ah ist Mirjam zu verstehen. Warum 
hiess sie Puah (nyis)? Weil sie dem Kinde bei seiner Geburt zu- 
rief (nyit nrT«n»).^) Oder sie hiess deshalb Puah, weil sie durch 
den heiligen Geist sprach (n^^ns): Meine Mutter wird einst einen 
Sohn gebären, der Israel ein Erlöser sein wird. 

Es heisst femer Ex. 1, 16: „Und er sprach: So ihr Geburts- 
hilfe den Hebräerinnen leistet und Acht habt auf den Geburtsstuhl.'' 
Was bedeutet: cr^N? Nach R. Chanina überlieferte er ihnen ein 
grosses (wichtiges) Zeichen, er sprach nämlich zu ihnen: In der 
Stunde, wo sich das Weib zum Gebären btlckt, werden ihre Lenden 
kalt wie Steine. Mancher sagt, es ist so aufzufassen, wie geschrieben 
steht Jerem. 18, 3: „Ich ging hinab in das Haus des Töpfers und 
er machte die Arbeit auf dem Block (D'^a^Nn)." Wie nämlich beim 
Töpfer die eine Lende von dieser, die andere von jener Seite und 
der Block in der Mitte ist, so ist auch beim (gebärenden) Weibe 
die eine Hüfte von dieser und die andere von jener Seite, und das 
Kind befindet sich in der Mitte. 

Das.: „Wenn es ein Sohn ist, so tödtet ihn.'* Nach R. Chanina 
Oberlieferte er ihnen ein grosses (wichtiges) Zeichen, nämlich: Das 
Gesicht eines Sohnes ist nach unten, dagegen das Gesicht eines 
Mädchens ist nach oben gerichtet. 

Das.: „Doch die Hebammen fürchteten Gott und thaten nicht, 
wie er zu ihnen (i.T'bN) geredet" u. s. w. Es hätte doch inb heissen 
sollen? R. Josse bar R. Chanina hat gesagt: Daraus geht hervor, 
dass er sie zum Beischlaf verlangte, sie Hessen sich aber nicht 
dazu erbitten. 

Das.: „Und sie Hessen die Kinder am Leben." Es ist über- 
Hefert worden: Nicht genug, dass sie dieselben (die Kinder) nicht 
tödteten, sie versorgten sie sogar mit Wasser und Nahrung. 

Das. V. 19: „Und die Hebammen sprachen zu Pharao: Weil 



*) Ein solches Zuitifen soll die Geburt befordern. Nach Raschi redete sie 
mit dem Kinde liebliche Worte und spielte mit ihm. 



^0 Vn. Tractat Sola. 

nicht wie die ägyptischen Weiber die Hebräerinnen sind'' u. s. w. 
Was heisst nT»n? Waren sie (die Hebräerinnen) vielleicht wirklich 
rvriy Hebammen? Und bedarf denn eine Hebamme nicht einer an- 
dern Hebamme beim Gebären? Allein sie sprachen zu ihm (Pharao): 
Diese Nation wird mit den Thieren verglichen, Jehuda ist nach 
Gen. 49, 9 „ein junger Löwe," von Dan es heisst das. V. 17: „Dan 
wird sein eine Schlange," „Naphthali ist eine schlanke Hindin" (das. 
Y, 21), „Issaschar ist ein knochiger Esel" (das. Y. 14), Joseph heisst 
Deat. 33, 17 „ein erstgeborner Ochse," und Benjamin ist nach Gen. 
49, 27 „ein Wolf, der zerreisst" and von den andern, bei denen 
solches nicht geschrieben steht, heisst es Ezech. 19, 2: „Was ist 
deine Matter? Eine Löwin unter den Löwen lagernd" o. s. w. 

42. (Fol. IIb. u. 12a.) Es heisst Ex. 1, 21: „Und es geschah, 
weil die Hebammen Gott fürchteten, machte er ihnen Häuser." 
Rab und Samuel sind darüber verschiedener Meinung. Nach dem 
einen sind unter „Q'^n^ Häuser," Priester- und Levitenhäuser, nach 
dem andern dagegen £önigs-(Herrscher-)häuser zu verstehen. Nach 
dem, der gesagt hat, dass Priester- und Levitenhäuser zu verstehen 
sind, hat man an Mose und Aaron zu denken; nach dem aber, der 
gesagt hat, dass Königshäuser zu verstehen sind, hat man an David 
zu denken, der von Mirjam abstammte s. 1. Chron. 2, 19: „Und 
es starb Asuba (das Weib des Ealeb), und es nahm sich Ealeb die 
Ephrat (n^sK) und sie gebar ihm den Gbur" vergl. 1 Sam. 17, 12: 
„Und David war der Sohn jenes Ephrathiters (-«nnDtt)." Es heisst 
femer 1 Chron. 2, 18: „Und Kaleb, Sohn Ghezron's, zeugte mit 
Asuba (seinem) Weibe und mit Jerioth; und das sind deren Söhne: 
Jescher und Schobab und Ardon." War denn Kaleb ein Sohn Ghez- 
rons, er war doch ein Sohn Jephunnes (nsD^ p)? Das will sagen: 
Es war ein Sohn, welcher sich vom Rathe der Kundschafter ab- 
wandte (nss^b). Aber er war doch immer noch ein Sohn des Eenas, 
wie es heisst Jos. 15, 17: „Da nahm es ein Othniel, Sohn des Kenas, 
des Bruders des Kaleb?" Nach Rab war er ein Stiefsohn des 
Kenas. Dies erhellt auch daraus, dass Kaleb in Jos. 14, 14 '«T'^spi^, 
Kenisi heisst. Unter Asuba ist Mirjam zu verstehen. Warum hiess 
sie Asuba? Weil sie alle (wegen ihrer Kränklichkeit) verliessen. 
Dann heisst es 1 Chron. 2, 18: „Er zeugte (sie)." Hatte er sie 
sich denn nicht zum Weibe genommen? Allein R. Jochanan hat 
gesagt: Wer sich ein Weib aus reiner Absicht (des Himmels wegen) 
nimmt, den betrachtet die Schrift so, als wenn er es gezeugt hätte. 



VII. Tractat Sota. 271 

sich von seinem Weibe. Darauf standen alle auf and schieden sich 
,,Jerioth (ny^T^) hiess sie," weil ihr Antlitz den VorhÄngen (my^^^^) 
glich. „M^33 Tib»\ und diese sind ihre Söhne." Lies wAt rr^sn, ihre 
Söhne, sondern n^^ia, ihr Erbauer (ihr Gatte). „ «fescher (iti*^) hiess er," 
weil er sich grade bewies (n^^). „Sckobab (nnnv) hiess er," weil er 
seine Begierde (Leidenschaft) in Fesseln hielt (nn-tmiD). „Und Ardon 
{lTn«i) hiess sie," weil er seine Begierde (Leidenschaft) beherrschte 
(mi). Manche siegen: Mirjam hiess deshalb so, weil ihr Antlitz 
der Böse (nnn>) glich. 

Es keisst ferner 1 Chron. 4, 5: „Und Aschchur, der Vater von 
Theko'a, hatte zwei Weiber: Chela und Na'ara." Unter Aschchur 
ist Ealeb zu verstehen. Warum hiess er Aschchur (iiniSK)? Weil 
sein Gesicht durch Fasten schwarz geworden war (iin^in;:;). Abi 
(-*m) hiess er, weil er ihr wie ein Vater geworden war. Theko'a 
(ytpr) femer hiess er, weil sein Herz fest hing (3^pn;b) an seinem 
Vater in den Himmeln. „Es waren zwei Weiber" d. L Mirjam glich 
zwei Weibern. „Chela und Na^ara." Weder Chela noch Na'ara hat 
jemals existirt, sondern Mirjam war im Anfange kränklich (n^bn) 
und am Ende jugendlich (nn^^). Das. V. 7 : „Und die Kinder Chelas 
sind Zereth, Zohar und Ethnan." Zereth (riar) hiess sie, weil sie 
ihren Genossinen eine Nebenbuhlerin (nnsr) geworden war.^) Zohar 
(nn^) hiess sie, weil ihr Antlitz dem Mittage (D'^inars) glich, und 
Ethnan dsn») hiess sie, weil jeder, der sie sah, zu seinem Weibe 
Buhlerlohn (isdm) führte.^) 

43. (Fol. 12 a.) Es heisst Ex. 1, 22: „Und Pharao befahl 
seinem ganzen Volke." B. Josse bar Chanina hat gesagt: Auch über 
sein eigenes Volk Hess er einen Befehl ergehen. Nach B. Josse 
bar Chaniua liess er drei Befehle ergehen, zuerst: Ist es ein Sohn, 
so tödtet ihn, darauf: Jeden neugebomen Sohn sollt ihr in den Fluss 
werfen, endlich liess er auch über sein Volk einen Befehl ergehen. 

44. (Das.) Es heisst Ex. 2, 1: „Und es ging ein Mann vom Hause 
Levi's." Wohin ging er? Nach B. Jehuda bar Sebina folgte er 
dem Bathe seiner Tochter, denn nach einer Ueberlieferung war 
^Amram ein Grosser des Zeitalters. Als nämlich der frevelhafte 
Pharao gesagt hatte: „Jeden neugebomen Sohn werfet in den Fluss," 
sprach er: Wir bemühen uns umsonst, er stand auf und schied 



^) Sie waren elfersüchtig auf ilire Sctiönlieit. 

•) Vergl. Megilla Fol. 15a und Temura Fol. 116a. 



272 V^^- Tractat Sota. 

von ihren Weibern. Da sprach seine Tochter zu ihm: Dein Be- 
schluss ist härter als der Beschluss Pharao's, denn dieser hat nur 
über die Knaben verhängt, da aber verhängst über Knaben und 
Mädchen; Pharao's Beschluss bezieht sich auf diese Welt, dein Be- 
schluss aber bezieht sich auf diese und die zukünftige Welt; in 
Bezug auf Pharao's Beschluss ist es noch zweifelhaft, ob er in Er- 
füllung geht, oder nicht, du aber bist ein Gerechter, und dein 
Beschluss geht gewiss in Erfüllung, wie es heisst Hi. 22, 28: „Thust 
du einen Ausspruch, so bleibt er dir in Erfüllung." Da erhob er 
(^Amram) sich und nahm sein Weib wieder zu sich. Darauf er- 
hoben sich alle und nahmen ihre Weiber wieder zu sich. Es hätte 
doch nicht np"^!, er nahm, sondern t^ttt^i, er nahm zurück, heissen 
sollen? Nach R. Jehuda bar Sebina beobachtete er gegen sie (Joche- 
bed) das Verfahren beim Heirathen, indem er sie auf den Tragsessel 
(q>oQBiov) setzte, während Aaron und Mirjam vor ihr tanzten und 
die Dienstengel sangen Ps. 113, 9: „Die Mutter der Kinder ist 
fröhUch." 

„Die Tochter Levi's." Sie war doch schon 130 Jahre alt und 
sie heisst noch nn, Tochter? Nach R. Chama bar R. Chanina war 
es jene Jochebed, welche auf der Reise (von Kanaan nach Aegypten) 
empfangen und zwischen den Mauern geboren wurde, wie es heisst 
Num. 26, 59: „Welche sie dem Levi in Egypten geboren." Ihre 
Geburt fand in Aegjpten statt, nicht aber ihre Gonception. Nach 
R. Jehuda (bar Bisna) wurden in ihr die Zeichen der Jugend wieder 
geboren. ^) 

45. (Das.) Es heisst Ex. 2, 2: „Und das Weib ward schwanger 
und gebar einen Sohn." Sie war doch schon vor drei Monaten von ihm 
schwanger geworden? Nach R. Jehuda bar Sebina soll das Gebären 
mit dem Schwangerwerden verglichen werden; wie nämlich das 
Schwangerwerden schmerzlos geschah, so geschah auch das Gebären 
schmerzlos.^) Daraus folgt, dass fromme Weiber nicht auf der 
Verordnung der Eva stehen.*) 

Es heisst Ex. 2, 2: „Und als sie sah, dass er (der Knabe) 
gut (31Ü, wohlgebildet) war." Wir haben die Ueberlieferung: R. 
Melr sagt: Er hiess Tob (3:^:); R. Jehuda dagegen sagt: Er hiess 



*) D. i. sie erneuerten sich wieder bei ihr. 

^) Jocliebed soll bei ihrem Gebären keine Schmerzen gehabt haben. 
') Sinn: Fromme Weiber stehen nicht unter dem Verhängniss der Eva, 
sie haben bei der Schwangerschaft und beim Gebären keine Schmerzen. 



Vn. Tractat Sota. 273 

Tobia. Nach R. Nechemja war er geeignet für die Prophetie, nach 
andern endlich wurde er so geboren, als wenn er beschnitten wäre. 
Die Rabbinen haben gesagt: Als Mose geboren ward, wurde das 
ganze Haus mit Licht erfüllt. Hier heisst es: ,,Und als sie sah, 
dass er gut {'^id) war/* und dort Gen. 1, 4 heisst es auch: „und 
Gott sah das Licht, dass es gut (riiu) war." 

Das.: „Und sie verbarg ihn drei Monate,*' denn die Aegjpter 
hatten nur von der Stunde an gezählt, wo er (^Amram) sie 
(Jochebed) wieder genommen, sie war aber schon vor drei Monaten 
schwanger geworden. 

Das. V. 3: „Und da sie ihn femer nicht länger verbergen 
konnte.*' Weshalb? Sie hätte ihn doch noch immerfort verbergen 
können? Allein so oft die Aegypter hörten, dass (in einem Hause) 
ein Kind geboren worden war, brachten sie ihre (kleinen) Kinder 
dahin, wenn nun dieselben zu schreien anfingen, begann auch dieses 
(das hebräische Kind) an zu schreien,^) wie es heisst Gant. 2, 8: „Uns 
ergreifen Füchse, kleine Füchse." 

46« (Das.) Es heisst Ex. 2, 3: „Da nahm sie für ihn ein Kästchen 
von Rohr." Warum insbesondere von Rohr? R. Eleasar hat gesagt: 
Daraus geht hervor, dass die Gerechten (Frommen) ihr Geld mehr 
lieben als ihren Körper. Und das alles warum? Weil sie ihre 
Hände nicht nach Raub^) ausstrecken. Nach R. Samuel bar Nach- 
mani geschah es deshalb, weil Rohr etwas weiches ist, was dem 
Weichen sowohl wie dem Harten widerstehen kann. 

Das.: „Und verstrich es mit Lehm und Pech." Nach einer 
Ueberlieferung geschah es von Innen mit Lehm und von Aussen 
mit Pech, damit jener Gerechte (Fromme) nicht einen üblen Geruch 
empfangen sollte. 

Das.: „Und sie legte den Knaben hinein und setzte es in das 

Schilf* d. i. nach R. Eleasar in das Schilfmeer, nach R. Samuel 

bar Nachmani: in das Rohr, wie es heisst Jes. 19, 6: „Rohr und 
Schilf verwelken.** 

47. (Fol 12 b.) Es heisst Ex. 2, 5: „Da stieg die Tochter Pharao's 

hinab, um an dem Flusse zu baden.'* Nach R. Jochanan im Namen 

des R. Simeon ben Jochai geht daraus hervor, dass sie hinabstieg, um 

sich von den Greueln ihres Vaterhauses zu reinigen. Und ebenso 

^) Raschi bemerkt: Es ist die Art und Weise eines Kindes zu schreien» 
sobald es die Stimme eines anderen Kindes vernimmt. 
*) D. i. nach fremdem Eigenthum. 
WttBiebe, Der babylonifche Talmnd. 18 



274 ^^^' Tractat Sota. 

heisst es Jes. 4, 4: „Wenn abgewaschen hat der Ewige den Unflath 
der Töchter Zions." 

Das.: „Und ihre Mädchen gingen neben dem Flusse.'* R. Jocha- 
nan hat gesagt: Unter riD'^bn, gehen, ist nichts anderes als nn-)73, 
sterben, zu rerstehen. Und so heisst es Gen. 25, 32: (Esaa sprach): 
„Siehe, ich gehe dem Tode entgegen.'* 

Das.: „Und da sie das Kästchen mitten im Schilf sah." Als 
sie (die Mädchen) nämlich sahen, dass sie (die Tochter Pharao's) 
Mose retten wollte, sprachen sie zn ihr: Unsere Gebieterin! der 
Weltlanf ist, dass ein König von Fleisch und Blut einen Befehl er- 
gehen lässt, wenn auch die ganze Welt ihn nicht befolgt, so be- 
folgen ihn doch seine Kinder und die Kinder seines Hauses, und 
du willst dem Befehle deines Vaters zuwiderhandeln? Da kam 
Gabriel und schlug sie zu Boden. 

Das.: „Und sie sandte ihre Magd und Hess es holen.** B. Je- 
huda und R. Nechemja sind darüber verschiedener Meinung. Nach 
dem einen ist unter nnr« ihre Hand (nn*^), nach dem andern da- 
gegen ihre Magd (nn&^) zu verstehen. Der, welcher ihren Arm 
versteht, beruft sich darauf, dass es nn72K heisst, dagegen der, 
welcher ihre Magd darunter versteht, beruft sich darauf, dass es 
nicht nn*^, ihre Hand, heisst. Nach dem, der den Ausdruck von 
der Magd versteht, wie ist es da möglich, denn du hast doch ge- 
sagt, dass Gabriel kam und sie zu Boden schlug? Antw.: Er liess 
ihr eine übrig, weil es nicht die Weise einer Königstochter ist, 
allein zu stehen. Nach dem aber, welcher den Ausdruck im Sinne 
von nn*^, ihre Hand, auffasst und es nn*^ hätte heissen sollen, sage 
ich, dass er (ihr Arm) nach und nach verlängert wurde. So hat 
der Autor gesagt^) Ebenso findest du es in Bezug auf den Arm 
der Tochter Pharao's und ebenso in Bezug auf die Zähne der Frev- 
ler, denn es heisst Ps. 3, 8: „Die Zähne der Frevler zerbrichst du." 
Resch Lakisch hat gesagt: Lies nicht ninib, du hast zerbrochen, son- 
dern nns^r, du hast sie gross (lang) gemacht^ 

48. (Das.) Es heisst Ex. 2, 6: „Und sie öffnete es und sah 
das Kind.** Es hätte doch blos Kim, und sie sah, heissen sollen. 
R. Josse bar R. Ghanina hat gesagt: Sie sah die Schechina bei ihm. 



1) Vergl. Me^lla Fol. 15b zu Esther 5, 2. 

2) niay des Textes wird im Sinne von q^S'iB^ aufgefasst. Vergl. ßerach. 
Fol. 54b. 



yil. Tractat Sola. 275 

Das.: „Und siehe, ein weinender Knabe." Bald heisst er ih\ 
Kind, bald heisst er ^93, Knabe. Nach einer Ueberlieferang war 
er ik^y ein Kind, seine Stimme aber war wie die eines Knaben 
(ir:D). Das ist die Ansicht des R. Jehuda. Dagegen aber wandte 
R. Nechemja ein: Wenn dem so ist, so machst du nnsem Lehrer 
Mose fehlerhaft. Vielmehr geht daraus hervor, dass ihm seine 
Mutter ein Brautgemach der Jugend in dem Kästchen bereitet hatte. 
Sie dachte nämlich: Vielleicht bin ich seines Brautgemaches nicht 
würdig. ^) 

Das.: „Und sie erbarmte sich sein und sprach: Von den Kin- 
dern der Hebräer ist dieses.'' Woher wusste sie das? B. Josse 
bar R. Chanina hat gesagt: Weil sie sah, dass er beschnitten war. 
,,nT/' dieses. Daraus geht nach R. Jochanan hervor, dass sie weis- 
sagte, ohne es zu wissen: Dieser fällt, aber kein anderer fällt. ^ 
Das ist es, was R. Eleasar gesagt hat: Was heisst das, was ge- 
schrieben steht Jes. 8, 19: „Wenn sie zu euch sprechen: Befraget 
die Todtenbeschwörer und Weissager, die da schauen (D'^C3:BS72n) 
und flttstem (n'>:knttm)?" Antw.: Sie schauen (t^dis:) und wissen 
nicht, was sie schauen, sie flüstern (]'^:in73) und wissen nicht, was 
sie flüstern. Als sie sahen, dass Israels ErlGser durch's Wasser be- 
straft werden würde, erhoben sie sich und Hessen den Befehl aus- 
gehen: „Jedes neugebome Kind sollt ihr in den Fluss werfen.*' Als 
Mose nun in den Fluss geworfen worden war, sprachen sie: Wir 
sehen nunmehr nicht weiter jenes Zeichen, in Folge dessen hoben 
sie ihren Beschluss auf. Sie wussten aber nicht, dass er wegen des 
Haderwassers würde bestraft werden.^) Das ist es, was R. Chama 
bar R. Chanina gesagt hat: Was heisst das, was geschrieben steht 
Num. 20, 13: „Das sind die Haderwasser, wo die Kinder Israels 
haderten?" Was bedeutet: n'^rif sie? Jene Wasser nämlich, welche 
die Astrologen Pharao's gesehen und sich geirrt haben. Und das 
ist es, was Mose gesagt hat das. 11, 21: „Sechshunderttausend zu 
Fuss ("»brii) ist das Volk" u. s. w. Mose sprach nämlich zu den 
Israeliten: Meinetwegen ("^battja) seid ihr alle gerettet worden. 

49. (Das.) R. Chanina bar Papa hat gesagt: Jener Tag war der 21. 



^) Sinn: Vielleicht habe icli nicht das Glück, bei seiner Hochzeit zugegen 
zu sein. 

•) Sinn: Nur dieser ist in den Fhiss gefallen, aber kein anderer füllt nach 
ihm hinein. 

') Dass sich jenes Zeichen auf das Haderwasser bezog. 

18' 



276 ^*'- Tractat Sota. 

im Monat Nissan. Da sprachen die Dienstengel vor dem Heiligen, 
gebenedeiet sei er: Herr der Welt! der einst am Meere an diesem 
Tage ein Lied anstimmen wird, soll der an diesem Tage (durch 
Wasser) bestraft werden? Nach R. Acha bar Chanina war jener Tag 
der 6. im Monat Sivan. Die Dienstengel sprachen vor dem Heiligen, 
gebenedeiet sei er: Herr der Welt! der einst an diesem Tage auf 
dem Berge Sinai die Thora empfangen wird, soll der an diesem Tage 
bestraft werden? Nach dem, welcher den 6. im Monat Sivan versteht, 
stimmt die Rechnung von den drei Monaten;^) denn der Autor hat 
gesagt: Am 7. im Monat Adar starb Mose und am 7. im Monat 
Adar ward er geboren, und vom 7. im Monat Adar bis zum 7. im 
Monat Sivan sind drei Monate. Nach dem aber, welcher den 21. 
im Monat Nissan versteht, wie stimmt dann die Rechnung? Antw.: 
Jenes Jahr war ein Schaltjahr. Das Meiste vom ersten und das 
Meiste vom letzten Monat und den mittleren Monat ganz (giebt auch 
die drei Monate, die Mose verborgen war). 

50. (Das.) Es heisst Ex.. 2, 7 : „Und seine Schwester sprach zur 
Tochter Pharao*s: Soll ich gehen und dir ein säugendes Weib von den 
Hebräerinnen rufen ?" Warum gerade von den Hebräerinnen? Daraus 
geht hervor, dass sie Mose zu allen Aegypterinnen herumfahrten, 
er mochte aber nicht saugen. Gott sprach nämlich: Soll der Mund, 
der einst mit der Schechina reden wird, etwas Unreines saugen? 
Das ist es, was geschrieben steht Jes. 28, 9: „Wen will er Er- 
kenntnisslehren, wen Kunde lehren? Dem der Milch Entwöhnten, dem 
der Brust Entnommenen." Das bedeutet: „Wem lehrt er (Gott) Er- 
kenntniss, wem Kunde?" Antw.: Dem, der sich der (unreinen) Milch 
enthält, der sich der Brust entzieht. 

Das. V. 8: „Und die Tochter Pharao's sprach zu ihr: GeheJ 
und es ging die Jungfrau." Nach R. Eleasar geht daraus hervor, 
dass sie^) hurtig wie eine Jungfrau (nsbs^D) ging; nach R. Samuel 
bar Nachmani heisst sie deshalb n^aby, weil sie ihre Worte (Dinge) 
verheimlichte (rrTs-^byn©). 

Das. V. 9: „Und die Tochter Pharao's sprach zu ihr: Nimm 
hin ('»D'^b'^n) dieses Kind." Nach R. Chama bar R. Chanina weis- 
sagte sie, ohne es zu wissen. Was weissagte sie? •^D"»V''Ji d. i. da 
hast du das Deinige ("»D"'b^). 



') Die Mose verborgen war. 
■) Das Mädclien, noSj?. 



VII. Tractat Sota. 277 

Das.: ,,Uiid ich werde dir deinen Lohn geben/* R. Chama bar 
E. Ghanina hat gesagt: Nicht genug, dass man den Gerechten ihr 
Verlornes zurückgiebt, man giebt ihnen sogar noch ihren Lohn, wie 
es heisst: „Und ich werde dir deinen Lohn geben." 

51. (Fol. 12b u. 13a.) Es heisst Ex. 15, 20: „Und es nahm 
Mirjam, die Prophetin, die Schwester Aarons" u. s. w. War sie denn 
nur die Schwester Aarons, war sie nicht anch die Schwester Mose's? 
R. ^Amram im Namen Rabs, oder, wie manche wollen, R. Nachman 
im Namen Rabs hat gesagt: Als sie bloss die Schwester Aarons war, 
prophezeite sie nnd sprach: Einst wird meine Mutter einen Sohn ge- 
bären, welcher Israel ein Helfer sein wird. Als Mose nun geboren 
ward, wurde das ganze Haus von Licht erfüllt; da erhob sich ihr Vater, 
kttsste sie auf's Haupt und sprach: Meine Tochter! deine Prophetie 
ist in Erfüllung gegangen; als sie ihn aber in den Fluss warfen, da 
erhob sich ihr Vater, schlug sie aufs Haupt und sprach: Meine 
Tochterl wo ist deine Prophetie?^) Das ist es, was geschrieben 
steht Ex. 2, 4: „Und seine Schwester stellte sich von ferne, um zu 
erfahren, was ihm geschehen werde" d. i. um zu erfahren, welches 
das Ende ihrer Prophetie sein werde. 

52. (Fol. 13 a.) W,schna, Joseph war würdig, seinen Vater zu be- 
graben u. s. w. Gemara. Warum heisst es im Anfange Gen. 15, 7: „Und 
Joseph zog hinauf, seinen Vater zu begraben und es zogen mit ihm 
alle Knechte Pharao's," sodann V. 8: „Und das ganze Haus Josephs 
nnd seine Brüder und das Haus seines Vaters?" Und warum heisst 
es am Schlüsse das. V. 14: „Und Joseph kehrte zurück nach Aegyp- 
ten, er und seine Brüder," sodann V. 15: „Und alle, die mit ihm 
hinaufgezogen waren, seinen Vater zu begraben?" R. Jochanan hat 
gesagt: Im Anfange, da sie (die Aegypter) die Würde der Israeliten 
noch nicht gesehen hatten, erwiesen sie ihnen keine Ehre, am Ende 
aber, als sie die Würde der Israeliten gesehen hatten, erwiesen sie 
ihnen Ehre, denn es heisst das. V. 10: „Und sie kamen bis zur 
Tenne der Domen." Giebt es denn für Domen eine Tenne? R. 
Abahu hat gesagt: Daraus geht hervor, dass man die Bahre Jacobs 
mit Kronen umgab, wie man die Tenne mit Domen umgiebt; denn 
daselbst kamen die Söhne Esaus, die Söhne Ismaels und die Söhne 
der Ketura zusammen. Nach einer Ueberliefemng kamen sie alle 
zum Kriege zusammen. Als sie aber die Krone Josephs sahen. 



>) Was ist nun ans deiner Prophezeiung geworden? 



278 ^''- Traclat Sola. 

welche an der Bahre Jacobs hing, nahmen sie alle ihre Kronen nnd 
hingen sie an die Bahre Jacobs. Nach einer Ueberliefemng hingen 
36 Kronen an der Bahre Jacobs. 

53. (Das.) Es heisst Gen. 50, 10: ,,Und sie hielten daselbst eine 
grosse and sehr schwere Klage." Nach einer Ueberliefemng stimmten 
selbst die Pferde und Esel (von selbst) in die Klage mit ein. Als sie 
an die Doppelhöhle gelangten, kam Esau herbei und wollte das Be- 
gräbniss verhindern. Er sprach nämlich zu ihnen die Worte Oen. 35, 27: 
„Mamre, Kirjath-Arba, das ist Chebron." Nach R. Jizchak heisst es 
deshalb Kirjath-Arba, weil vier (s^n^M) Paare daselbst begraben waren, 
n&mlich Adam and Eva, Abraham und Sara, Jizchak and Rebecca 
nnd Jacob nnd Lea. Er (Jacob) begrab die Lea aaf seinem eigenen 
Antheil, daher ist, was übrig bleibt, mein. Sie (die Söhne Jacobs) 
sprachen za ihm: Da hast sie (die Höhle) doch verkauft? ^) Darauf 
Esau: Wenn ich auch das Recht des Erstgebornen verkaufte, habe 
ich denn auch damit das Recht des einfachen Sohnes verkauft? 
Dara ufsie: Es heisst doch das. Y. 5: „In meinem Grabe, was (nt:») 
ich mir gegraben habe?" Nach R. Jochanan im Namen des R. Si- 
meon ben Jehozadok ist unter n^"*^, graben, nichts anderes als 
i-('n''3^, kaufen, zu verstehen, denn in Seestädten nennt man das 
Kaufen (nn^'D?:) ht^d. Darauf Esau: Zeigt (gebt) mir die Kauf- 
urkunde ! Darauf sie: Die Kaufurkunde befindet sich im Lande Aegjp- 
ten. Wer geht dahin (sie zu holen)? Es gehe Naphtbali, welcher 
so leicht (schnell) wie eine Hindin ist, wie es heisst das. 49, 21: 
„Naphthali ist eine schlanke Hindin, schöne Worte bringend." R. 
Abahu hat gesagt: Lies nicht: ^cd "^^^M, schöne Worte, sondern: 
"ICD "^172«, Worte des Buches (d. i. des Kaufbriefes). Zugegen war 
daselbst Ghuschim, der Sohn Dans, der taube Ohren hatte. Er 
fragte: Was giebt es? Sie antworteten ihm: Dieser da verhindert (das 
Begräbniss) so lange, bis Naphthali aus dem Lande Aegypten zurück- 
kehrt Darauf er: Soll mein Grossvater so lange, bis Naphthali 
aus Aegjpten kommt, in Verachtung daliegen? Er nahm einen 
Knüttel, schlug ihn auf den Kopf, wodurch ihm die Augen ausfielen 
und nieder zu den Füssen Jacobs rollten, welcher seine Augen öff- 
nete und lachte. Das ist es, was geschrieben steht Ps. 58, 11: 
„Es freut sich der Gerechte, weil er Rache geschaut, seine Tritte 
badet er in dem Blute des Frevlers." In diesem Augenblicke 



') Als du deine Erstgeburt verkauftest. 



VII. Tractat Sota. 279 

wurde die Prophetie der Rebecca erfüllt, wie es heisst Gen. 27, 45: 
„Warum soll ich beraubt werden eurer beider zumal an einem Tage?'' 
Wenn auch beide nicht an einem Tage gestorben sind, so sind 
doch beide an einem Tage begraben worden. Wenn Joseph sich mit 
dem Begräbniss nicht befasst hätte, hätten sich nicht seine Brüder 
damit beschäftigt? Es heisst doch das. Y. 13: „Und seine Söhne 
brachten ihn nach dem Lande Kanaan?" Allein sie (die Brüder) 
sprachen: Lasset ihn (gewähren), grösser ist seine (des Vaters) Ehre, 
wenn er von Königen, als wenn er von gewöhnlichen Leuten (Idioten) 
begraben wird. 

54. (Fol. 13 ab.) Mischna, Wer ist bei uns grösser als Joseph, 
mit dem (d. i. mit dessen Beerdigung) sich nur unser l^ehrer Mose 
beschäftigte. Gemara. Unsere Babbinen haben gelehrt: Komm 
und sieh, wie beliebt die Gebote bei unserem Lehrer Mose waren! 
denn während alle Israeliten sich mit der Beute (der Aegypter) 
beschäftigten, so beschäftigte er sich mit den Geboten, wie es 
heisst Prov. 10, 8: „Wer weise ist, nimmt Gebote an." Wie 
wusste Mose, wo Joseph begraben war? Es geht die Sage: Serach, 
die Tochter Aschers war noch aus jener Zeit am Leben. Mose 
ging zu ihr und sprach zu ihr: Ist dir bekannt, wo Joseph 
begraben Uegt? Sie antwortete ihm: Die Aegypter verfertigten 

m 

für ihn einen gegossenen (metallenen) Sarg und versenkten ihn in 
den Nilstrom, damit seine Wasser gesegnet werden sollten. Mose 
ging und stellte sich an das Ufer des Nils und rief: Joseph, 
Joseph! die Zeit ist gekommen, da der Heilige, gebenedeiet sei 
er! geschworen: Ich werde euch erlösen, auch die Zeit der Er- 
füllung des Schwures ist nahe, dass du die Israeliten beschworen, 
kommst du zum Vorschein, so ist's gut, wenn nicht, siehe, so sind 
wir deines Schwures ledig. Sogleich schwamm der Sarg Josephs 
herauf. Wundere dich nicht, wie Eisen herauf schwimmen kann, 
denn siehe, es steht geschrieben 2 Reg. 6, 5 u. 6: „Und es geschah, 
als einer einen Balken fällte, da fiel das Eisen in das Wasser, und 
er schrie und sprach: Ach mein Herr, und es ist geliehen! Und 
der Mann Gottes sprach: Wohin ist es gefallen? Und er zeigte 
ihm die Stelle; da fällte er ein Holz und warf es hinein und das 
Eisen schwamm herauf." Haben wir da nicht einen Schluss vom 
Leichten auf das Schwere? Wenn schon wegen Elisa's, des Schü- 
lers Elia's, welcher wieder ein Schüler Mose's war. Eisen herauf- 
schwamm, um wie viel mehr wird das wegen unseres Lehrers Mose 



280 ^'^- Tractat Sou. 

geschehen sein! Nach R. Kathan ^rar Joseph in der Gruft ^) der 
Könige begraben. Mose ging hin und stellte sich an die Graft der 
Könige und sprach: Joseph! die Zeit ist herangenaht, da der Hei- 
lige, gebenedeiet sei er! geschworen: Ich werde euch erlösen, es ist 
auch die Zeit der Erfüllung des Schwures da, dass du die Israe- 
liten beschworen, kommst du zum Vorschein, so ist's gut, wenn nicht; 
so sind wir deines Schwures ledig. Sofort erzitterte die Lade (der 
Sarg) Josephs und Mose nahm sie und führte sie mit sich. In 
allen jenen Jahren, welche die Israeliten in der Wüste zubrachten, 
zogen diese beiden Laden, die mit dem Todten und die mit der 
Schechina, mit einander neben ihnen her, und die Wanderer (die 
Vorüberziehenden und Kommenden) sprachen: Was hat es für eine 
Bewandtniss mit diesen Laden? Sie antworteten: Die eine enthält 
einen Todten und die andere die Schechina. Darauf jene: Ist es 
denn die Art und Weise eines Todten mit der Schechina zu gehen ? 
Darauf diese: Der eine (Joseph) hat alles (die Gebote der Thora) gehal- 
ten (erfüllt), was in der andern geschrieben steht. Wenn nun Mose sich 
nicht mit ihm (Joseph) befasst hätte, hätten sich nicht die Israeliten 
mit ihm befasst ? Es heisst doch Jos. 24, 32 : „Und die Gebeine Josephs, 
welche die Kinder Israels aus Aegjpten geführt, begruben sie in Sche- 
chem?" Ferner wenn die Israeliten sich nicht mit ihm befasst hätten, 
hätten sich nicht seine Kinder mit ihm befasst? Es heisst doch das.: 
„Und sie blieben den Kindern Josephs zum Besitzthum?" Sie (die 
Söhne Josephs) sprachen aber: Lasset ihn (Mose) gewähren, grösser 
ist die Ehre, wenn es (das Begräbniss) durch Viele, als wenn es 
durch Wenige geschieht. Ferner sprachen sie: Lasset ihn, grösser 
ist die Ehre, wenn es durch Grosse, als wenn es durch Kleine ge- 
schieht. „Und sie begruben ihn in Schechem.'' Warum gerade in 
Schechem. R. Chama bar R. Chanina hat gesagt: Aus Schechem 
hatten sie ihn gestohlen, daher wollen wir seinen (Schechems) Ver- 
lust nach Schechem zurückbringen. Da ist aber ein Widerspruch, 
an einer Stelle Ex. 13, 19 heisst es: „Und Mose nahm die Gebeine 
Josephs*' und in Josaa 24, 32 heisst es: „Und die Gebeine Josephs, 
welche die Kinder Israel aus Aegjpten hinaufgeführt?'' In Bezug 
auf diesen Widerspruch hat R. Chama bar Chanina gesagt: Wer 
eine Sache beginnt und nicht zu Ende führt und es kommt ein 



^) Nach Sachs (Beiträge I, 54) ist statt t3^2*iapa zu lesen t32^*uSa d. h. m 
Labyrinth. 



VII. Tractat Sola. 281 

anderer und führt sie zu Ende, da betrachtet die Schrift den, wel- 
cher sie zu Ende führt, so, als wenn er es (allein) gethan hätte. ^) 
Nach B. Eleasar stürzt man einen solchen (der es nicht zu Ende 
führt) auch von seiner Grösse, denn es heisst Gen. 38, 1: „Und es 
geschah in derselben Zeit, dass Jehnda herabsank ("in**)." Nach R. 
Samuel bar Nachman begräbt ein solcher auch sein Weib und seine 
Kinder, denn es heisst das. Y. 12: „Und es starb die Tochter 
Schua's, das Weib Jehuda's " ferner das. 46, 12: „Und es starb 
'Er und Onan'' (die Söhne Jehudas).^) 

55. (Fol 13b.) Hab Jehuda hat im Namen Rabs gesagt: 
Warum wird von Joseph während seines Lebens der Ausdruck: niT^::?, 
Gebeine, gebraucht?*) Weil er die Ehre seines Vaters nicht ge- 
schont hat, denn es heisst von ihm Gen. 44, 28: (Die Söhne er- 
zählten ihrem Vater, dass Joseph gesagt habe): „So werden deine 
Knechte das Haupt deines Knechtes, unseres Vaters in Kummer in 
die Gruft senken," und er hat zu ihnen gar nichts gesagt. Ferner 
hat Rab Jehuda im Namen Rabs, oder, wie manche wollen, R. Ghama 
bar R. Chanina gesagt: Warum ist Joseph vor seinen Brüdern ge- 
.storben? Weil er sich herrisch geführt hat. Das. 39, 1: „Und Joseph 
wurde nach Aegjpten hinabgebracbt.*' R. Eleasar sagt: Lies nicht: 
nn^iri, er wurde hinabgebracht, sondern: T^nin, denn er stürzte die 
Astrologen Pharao's von ihrer Grösse. Das.: „Und es kaufte ihn 
Potiphar, ein Verschnittener Pharao's." Rab hat gesagt: Weil er 
ihn für sich selbst (zum Beischlaf) kaufte, so kam Gabriel (und be- 
schnitt ihn) und riss ihm die Geschlechtstheile auf. Zuerst heisst 
er no-^üiD, Potiphar, zuletzt y^D'^üic, Potiphera. 

56. (Fol. 13 b.) Mischna. Wer ist bei uns grösser als Mose, 
mit dem (d. i. mit dessen Beerdigung) sich keiner beschäftigte, als nur 
der Heilige, gebenedeiet sei er! wie es heisst Deut. 34, 6: „Und 
er begrub ihn im Thale Moab, gegenüber Beth-Pe'or." Gemara, Es 
heisst das. 3, 26: „Und der Ewige sprach zu mir: Lass genug sein!" 
R. Levi hat gesagt: Mose hat das Wort s^, genug! gesagt und Gott 
hat das Wort a^, genug! gesagt (eig. mit dem Worte a^ hat er 
eine Botschaft gebracht und mit demselben Worte brachte man 

^) D. i. als wenn er sie auch vom Anfange unternommen und zu Ende 
gefuhii hatte. 

•) Juda hatte die Rettung Joseplis begonnen, aber nicht zu Ende geführt. 

') Weil es heisst: „Und ihr sollt hinaufführen meine Gebeine von da," und 
Joseph wai' doch noch am Leben. R. 



282 ^'^^' Tractat Sota. 

ihm eine Botschaft). Mose bat das Wort n'n gesagt, wie geschrieben 
steht Nnm. 16, 8: „Genug euch, ihr Kinder Levi's!'* und mit dem 
Worte a^ bat ihm Gott geantwortet: „^b n^, genug dir!" Oder 
die Worte: ^b an wollen sagen: Du hast einen Lehrer (Babbi, 
^b «5*» an) d. i. Josua. Oder: die Worte ^b an wollen sagen: Genug 
dir (^b an)! damit man nicht sage: Wie schwer (hart) ist der Lehrer 
und wie zudringlich ist der Schüler. Und das alles warum (d. i. 
warum gerieth Gott über ihn in solchen Zorn)? In der Schule des R. 
Ismael ist gelehrt worden: Nach dem Kamel richtet sich die Last^) 

67. (Das.) Es heisst Num. 31, 2: „Und er (Mose) sprach zu 
ihnen: Ich bin heute 120 Jahre alt." Die Schrift brauchte nicht zu 
sagen: fivn, heute (warum steht es)? Antwort: Heute sind meine 
Tage und meine Jahre voll, um dir zu lehren, dass der Heilige, ge- 
benedeiet sei er! die Jahre der Gerechten vom Tage bis zum Tage^ 
vom Monat bis zum Monat voll macht, wie es heisst Ex. 23, 26: 
„Die Zahl deiner Tage werde ich voll machen." Das.: „Ich vermag 
nicht femer auszuziehen und einzuziehen." Was heisst das: „Ich 
vermag nicht femer auszuziehen und einzuziehen?" Sind die Worte 
wirklich in eigentlichem Sinne zu verstehen? Es heisst doch das. 
34, 7: „Und Mose war 120 Jahre alt, da er starb, und sein Auge 
war nicht dunkel geworden," und femer heisst es das. V. 1: „Und 
Mose stieg hinauf von den Steppen Moabs auf dem Berg Nebo?" 
Nach einer Ueberlieferung waren daselbst zwölf Stufen, und Mose 
durchschritt sie mit einem Schritte. R. Samuel bar Nachmani hat 
im Namen des R. Jonathan gesagt: Die Worte n^^b und »ab, aus- 
ziehen und einziehen beziehen sich auf die Worte des Gesetzes. 
Daraus geht hervor, dass vor ihm die Thore der Weisheit verstopft 
worden waren. Deshalb „ging Mose und Josua und stellten sich in 
das Yersammlungszelt" (s. das. 31, 14). Nach einer Tradition war 
jener Sabbath ein Sabbath von zwei Lehrern, jenem (Mose) wurde 
die Gewalt genommen und diesem (Josua) wurde sie verliehen. 

58. (Das.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: R. Jehuda hat 
gesagt: Wenn der Vers nicht geschrieben stände, so könnte man ihn 
nicht sagen: Wo ist Mose gestorben? Im Gebiete Rubens, denn es 
heisst Deut 34, 1: „Und Mose stieg hinauf von den Steppen 
Moabs auf den Berg Nebo," und der Nebo ist im Gebiete Rubens, 



^) Sinn: Da Mose so (Vomm war, so war bei ihm schon ein kleiner Felil- 
triti gross. 



Vn. Tractal Sota. 283 

wie es heisst Nnm. 32, 37. 38: ,,Uiid die Söhne Rabens bauten 
Gheschbon . . . und Nebo" u. s. w. (Auf dem Nebo sind drei Pro- 
pheten gestorben: Mose, Aaron und Mirjam). Wo liegt Mose be- 
graben? Im Gebiete Gads, denn es heisst Deut. 33, 21: „Und er 
(Gad) hat das Erste sich ersehen, denn dort ist der Antheil des Ge- 
setzgebers.'' Wie gross ist die Entfernung vom Gebiete Rubens bis 
zum Gebiete Gads? Vier Mil. Wer bat ihn durch jene vier Mil ge- 
tragen? Daraus erhellt, dass Mose's Leichnam auf die Flfigel der 
Schechina gelegt war. Die Dienstengel sprachen: „Gerechtigkeit des 
Ewigen hat er geftbt und seine Rechte mit Israel'' (Deut. 33, 21), 
und der Heilige, gebenedeiet sei er! sprach: „Wer erhebt sich fttr 
mich gegen Bösewichter, wer stellt sich für mich gegen üebelthäter?" 
(Ps. 94, 16.) Nach Samuel hat Gott gesagt Koh. 8, 1: „Wer doch 
wäre, wie der Weise und wer doch das Mittelmasz in den Dingen 
wttsste!" Nach R. Jochanan sprach er mit Hi. 28, 12: „Aber die 
Weisheit, wo wird sie gefunden ?" Nach Rab Nachman sprach er mit 
Deut 34, 5: „Und es starb daselbst Mose, der Knecht des Ewigen." 
Nach Semaljon endlich sprach er: Es starb daselbst Mose, der 
grosse Schreiber (Schriftgelehrte) Israels. 

59. (Fol. 13b u. 14a.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: R. 
Elieser der Grosse sagt: Durch zwölf Mil im Geviert, entsprechend 
dem Lager Israels, liess eine Himmelsstimme (beim Tode Mose's) die 
Worte vernehmen: Und es starb Mose, der grosse Schreiber Israels. 
Manche sagen, Mose ist nicht gestorben. Hier Deut. 34, 5 heisst 
es: „Und er starb daselbst," dort Ex. 34, 28 heisst es eben- 
falls: „Und er war daselbst bei dem Ewigen" u. s. w. Wie er 
dort dastand und diente, so stand er auch hier und diente. Es 
heisst ferner Deut. 34, 6: „Und er begrub ihn im Thale im Lande 
Moab gegenüber Beth-Peor." Nach R. Berachja ist es ein Zeichen 
in einem Zeichen (d. L eine genaue Angabe, und trotz alledem „kennt 
niemand seine Grabstätte bis auf diesen Tag" (das.) 

Die frevlerische Regierung schickte einst in das CastelP) von 
Beth-Peor (die Aufforderung): Zeiget uns, wo Mose begraben liegtl 
Standen sie oben, so schien es ihnen, als wenn es unten wäre, und 
standen sie unten, so schien es wieder, als wenn es oben wäre. Sie 
theilten sich sodann in zwei Haufen, denen, welche oben standen, 
schien es, als wenn es unten wäre, und denen, welche unten standen. 



1) Raschi erklart m*1E9D;i vnrichtig durch SviO, Befehlshaber. 



284 ^'^^' Ti-actat Sota. 

erschien es wieder, als wenn es oben wäre, am zu bestätigen, was 
gesagt ist Dent 34, 6: „Und niemand kennt seine Grabstätte bis 
auf diesen Tag.*' B. Ghama bar R. Gbanina hat gesagt: Selbst unser 
Lehrer Mose weiss nicht, wo er begraben liegt, denn hier heisst 
es: „Kein Mann kennt (yn-» «bi ^"»n) seine Grabstätte," und dort 
s. das. 33, 1 heisst es auch: „Das ist der Segen, mit welchem Mose, 
der Mann Gottes (D"^nb«rr ^■'«) gesegnet hat." R. Ghama bar R. 
Chanina hat gesagt: Warum wurde Mose gegenüber Beth-Pe^or 
(mys n"»n) begraben? Antw.: Um die Frevelthat des Peor zu sflhneai 
60. (Fol. 14a.) R. Ghama bar Ghanina hat gesagt: Was heisst 
das, was geschrieben steht Deut. 13, 5: „Dem Ewigen, eurem Gotte 
sollt ihr nachgehen?'' Kann denn der Mensch der Schechina nach- 
gehen? Es heisst doch das. 4, 24: „Denn der Ewige, dein Gott, ist ein 
verzehrendes Feuer?" Allein es will sagen: Den Eigenschaften des 
Heiligen, gebenedeiet er! sollen wir nachgehen.') Wie er die Nack- 
ten bekleidet hat, denn es heisst Gen. 3, 21: „Und der Ewige, Gott, 
machte für Adam und sein Weib Röcke von Fellen und bekleidete 
sie," so sollst auch du die Nackten bekleiden; wie der Heilige, gebene- 
deiet sei er! Kranke besucht hat, denn es heisst Gen. 18, 1: „Und 
es erschien ihm der Ewige im Haine Mamre,"^) so sollst auch du 
Kranke besuchen; wie der Heilige, gebenedeiet sei er! Trauernde ge- 
tröstet hat, denn es heisst das. 25, 11: „Und es geschah nach dem 
Tode Abrahams, da segnete Gott den Jizchak, seinen Sohn," so 
sollst auch du Trauernde trösten; wie der Heilige, gebenedeiet sei er! 
Todte begraben hat, denn es heisst Deut 34, 6: „Und er begrub 
ihn im Thale," so sollst auch du Todte begraben.^) Betreffs der 



^) D. i. wir sollen sie nachahmen. 

*) Nach einer Tradition war Abraham krank von der Beschneidung her. 
Zum Ausspruche vergl. übrigens Nedarim Fol. 89 b u. 40a. 

*) x\ndei*swo wird noch hinzugefugt: R. Chama bar R. Chanina hat ge- 
sagt: Wai-um wurde das Grab Moses vor den Augen von Fleisch und Blut ver- 
borgen? Weil es vor den Heiligen, gebenedeiet sei er! offenbar und bekannt 
ist, dass einst der Tempel zerstört und die Israeliten aus ihrem Lande ver- 
bannt werden wurden und sie in dieser Stunde nicht zu Moses Grabstätte kom- 
men und weinend und flehend bei Mose stehen und zu ihm sagen sollten: Unser 
Lehrer Mose! stehe uns im Gebete bei, und dieser dann sich hinstelle und das 
Verhängnis vereitle, weil die Gerechten in ihrem Tode beliebter sind als bei 
ihrem Leben. So findest du auch: Als die Israeliten in der Wüste waren und 
ihre Werke in üblen Geruch brachten, indem sie das Kalb fertigten, da gerieth 
der Heilige, gebenedeiet sei er! über die Israeliten in Zorn und sprach cu 



VII. Tractai Sota. 285 

Worte: „^i:^ m:nD, Röcke von Fellen, sind Rab und Samuel ver- 
schiedener Meinung. Nach dem einen ist es etwas, was vom Felle 
("^^Tr) kommt, nach dem andern dagegen ist es etwas, wovon die 
Haut (des Menschen) Nutzen hat ') R. Simlai hat vorgetragen : Die Thora 
beginnt mit Menschenfreundlichkeit (Liebeserweisen) und schliesst 
mit Menschenfreundlichkeit. Sie beginnt mit Menschenfreundlichkeit, 
denn es heisst 3, 21: „Und der Ewige, Gott machte für Adam und 
sein Weib Röcke von Fellen,'* und sie schliesst mit Menschenfreund- 
lichkeit, denn es heisst Deut. 34, 6: „Und er begrub ihn im Thale.'' 
61. (Das.) R. Simlai hat femer vorgetragen: Weshalb wünschte 
unser Lehrer Mose in das Land Israel einzuziehen? Hatte er es viel- 
leicht nothwendig, von seiner Frucht zu essen (geniessen), oder hatte 
er es vielleicht nothwendig, sich von seinem Gute zu sättigen ? Allein 
Mose dachte so: Viele Vorschriften sind den Israeliten befohlen 
worden, welche nur im Lande Israel gehalten werden, daher will 
ich nach dem Lande, damit sie alle durch mich gehalten werden. 
Da sprach der Heilige, gebenedeiet sei er! zu ihm: Verlangst denn 
du nach etwas anderem, als Lohn zu empfangen, so betrachte ich 
es für dich so, als wenn du sie erfüllt hättest, wie es heisst Jes. 
53, 12: „Fürwahr, ich will ihm es zutheilen für Viele, und mit 
Mächtigen soll er Beute theilen dafür, dass er sein Leben dem Tode 
biossgestellt hat und mit den Uebelthätem gezählt ward, da er 
doch die Sünden Vieler trug und für die Uebelthäter drang er in 
mich." 2) „Fürwahr, ich will ihm zutheilen für Viele," da könnte 
ich glauben, wie den Letzten und nicht wie den Ersten, darum 
heisst es: „Und mit Mächtigen soll er Beute theilen, wie Abraham, 
Jizchak und Jacob, denn sie sind die Starken in der Thora und in 
(der Ausübung der) Vorschriften. „Dafür, dass er sein Leben dem 
Tode biossgestellt hat," denn er hat sich selbst dem Tode preis- 
gegeben, wie es heisst Ex. 32, 32: „Wenn nicht (d. i. vergiebst du 
ihnen ihre Sünde nicht), so lösche mich doch in deinem Buche aus." 



Mose: „Lass ab von mir, denn ich will sie vertilgen. i,Wie viele Gerechte gab 
es in Jenem Zeitalter und wie viele Fromme? Antw.: Mose und Aaron und 
Josua, Eldad und Medad, und die siebzig Aeltesten und die andern Weisen 
und Schüler. Aber er that es ihretwegen nicht, sondern hob das Verhängniss 
nur um Moses willen auf. 

1) Raschi: Die Rocke waren von Linnen, welches der Mensch unmittelbar 
auf seine Haut anzieht. 

*) Nämlich: im Gebete 



286 ^^'' Tractat Sota. 

„Und mit Uebelthätern ward er gezählt," denn er wurde mit den Todten 
in die Wüste gezählt. „Da er doch die Sande Vieler tr«g," denn 
er sühnte die That des Kalbes. „Und für die Uebclthäter drang 
er in mich/* denn er bat um Erbarmen für die Uebelthäter Israels, 
dass sie in Busse zurückkehren sollten. Unter n^'^^D, treffen ist 
nichts anderes als nbsn, Gebet zu verstehen, wie es heisst Jerem. 
7, 16: „Du aber bete nicht für dieses Volk und erhebe für sie 
nicht Jubel und Gebet, und dringe nicht in mich (-«n yaon b«"!).** 

63. (Das.) Mischfia II, 1. Der Mann brachte dann das Speis- 
opfer des Weibes in einem Bastkorbe und legte es auf seine Hände, 
um es zu ermüden. Alle anderen Speisopfer werden vom Anfange 
bis zum Ende in zum Dienst geeigneten Gefässen dargebracht, dieses 
aber in dem Bastkorbe zuerst und zuletzt in Dienstgefässen. Alle 
anderen Speisopfer erfordern Oel und Weihrauch, dieses aber er- 
fordert weder Oel noch Weihrauch. Alle anderen Speisopfer be- 
stehen aus Weizen, dieses aber besteht aus Gerste. Und was das 
Speisopfer der Pflichtgarbe anlangt, so besteht es zwar aus Gerste, 
ist aber fein gesiebtes Graupenmehl, jenes aber besteht aus grobem 
Mehl. 

Gemara, In einer Boraitha ist gelehrt worden: Abba Chanin 
sagt im Namen des B. Eleasar (Elieser): Und das alles warum 
(d. i. warum hat man das alles auf die Hände gestellt)? Um sie zu 
ermüden, vielleicht wird sie in sich gehen. Wenn schon die Thora 
gegen die Uebertreter seines Willens Schonung übt, wie viel mehr 
wird sie Schonung üben gegen die, welche seinen Willen thun! 

63. (Fol. 15a.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: R. Si- 
meon hat gesagt: Zu Rechten wäre es, dass das Speisopfer eines 
Sünders Oel und Weihrauch erfordere, damit der Sünder nicht 
Lohn ernte. Warum aber soll dieses Speisopfer nicht Oel und 
Weihrauch als Zugabe erhalten ? Damit sein Opfer nicht geschmückt 
sei. Zu Rechten wäre es, wenn einer Sündopfer bringt wegen Un- 
schlittgenusses, so soll es Weinspenden (als Zugabe) erfordern, damit 
der Sünder nicht Lohn ernte. Warum aber darf es nicht Wein- 
spenden erhalten? Damit sein Opfer nicht geschmückt sei. Aber 
das Sündopfer eines Aussätzigen und dessen Schuldopfer erfordern 
Weinspenden, weil sie nicht wegen einer Sünde erfolgen (kommen). 
R. Gamliel sagt: Sowie seine That eine That des Viehes ist, so 
besteht auch sein Opfer aus Viehspeise. 

64. (Fol. 15ab.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: Rabban 



VII. Tractat Sota. 287 

Gamliel sprach zu den Gelehrten: Ihr, Lehrer, lasst mich, ich will die 
Sache so schön vortragen, wie die des goldenen Halsschmncks, denn 
er hat gehört, wie R. Melr gesagt hat: Es (das Weib) hat den Ehe- 
brecher mit Leckerbissen der Welt gespeist, darum soll sein Opfer 
Yiehspeise sein. Da sprachen sie zu ihm: Das ist Recht, wenn es 
(das Weib) reich war, wenn es aber arm war, wie ist es dann? 
Es verhält sich daher so: Sowie seine That eine That des Viehes 
war, so soll auch sein Opfer aus Yiehspeise bestehen. 

65. (FoL 15 b.) Mischna II, 2. Der Priester bringt nun eine 
neue irdene Schale und schüttet ein halbes Log Wasser aus dem 
Becken hinein — nach R. Jehuda nur ein Viertel. — Sowie er 
nämlich die Schrift kürzt (vermindert), so kürzt (vermindert) er auch 
das Wasser. Er tritt hierauf in den Tempel und wendet sich rechts. 
Daselbst war ein Platz, eine Elle im Geviert, und mit einer Mar- 
mortafel bedeckt, in welche ein Ring eingesenkt war. Sowie er 
diese aufhob, nahm er Erde (Staub) von unterhalb derselben und 
that sie in das Wasser, so dass sie auf dem Wasser sichtbar war, 
wie es heisst Num. 5, 17: „Und von der Erde, die am Boden des 
Zeltes sich befindet, nehme der Priester und schütte sie zum Wasser.'* 

66. (Fol. 16 b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Drei Sachen 
müssen gesehen werden: Der Staub (die Erde) von dem des Ehebruchs 
verdächtigen Weibe (Sota), die Asche von der rothen Kuh und der 
Speichel der Jebama. Im Namen des R. Ismael hat man gesagt: 
Auch das Blut von dem Vogel (bei dem Opfer des Aussätzigen). 

67. (Fol. 17 a.) Mischna II, 3. Dann kommt er, um die Rolle 
zu beschreiben. Von wo an schreibt er? Von den Worten: «b öN 
'i:;n iD"»« nDü; femer die Worte: nnn n-^ta« "»D nNi; dagegen die 
Worte: San n«:Kn n« i^ron r'^S'cm schreibt er nicht, sondern 
fährt fort: rh^n D'«^^«73n cm i«m nyiaüVi nb^b ^m« 'n in*^ 
TT» b^sri pn mastb ^^^733, er schreibt ferner nicht: n«:«n n^73«T 
■j?3« ",72N. Nach R. Josse machte er nirgends eine Unterbrechung, 
nach R. Jehuda wieder schrieb er durchaus nichts weiter als: 
'nan nyin^bi nb^b ^m« 'n ip^ und: nb^n ö"^^n«73n cm ixai 
'^^^ ^"'^73^, er schrieb nicht: pN p« nT23«n rTi7:«i. 

68. (Das.) R. Akiba hat vorgetragen: Sind Mann und Weib, 
es würdig, so weilt die Schechina unter ihnen, sind sie es da- 
gegen nicht würdig, so verzehrt sie ein Feuer. ^) Raba hat gesagt: 



') Die Wörter r»H, der Mann und HTH, das Weib enthalten den Gottes- 



288 ^^'- Tractat Sota. 

Das Feuer des Weibes ist heftiger als das des Mannes. Warum? 
Dort (bei dem Weibe, n^&<) sind die Buchstaben des Wortes t:M, 
Feuer, verbunden, hier (bei dem Manne, v&<) dagegen sind sie nicht 
verbunden. Raba hat ferner gesagt: Warum befiehlt die Schrift, 
Erdstaub den von dem des Ehebruchs verdächtigen Weibe zu trin- 
kenden Wassern beizumischen? Antw.: Ist sie würdig (unschuldig), 
so geht von ihr ein Sohn wie unser Vater Abraham hervor, von 
dem es heisst Gen. 18, 27: „Ich bin Staub und Asche,'' ist sie da- 
gegen nicht würdig (d. i. sie ist schuldig), so wird sie zum Staube 
zurückkehren. 

69« (Das.) Raba hat vorgetragen: Weil unser Vater Abraham 
gesagt hat Gen. 18, 27: „Ich bin Staub und Asche," so waren seine 
Kinder zweier Vorschriften würdig, nämlich der Asche der rothen 
Euh und des Staubes des des Ehebruchs verdächtigen Weibes. Es 
giebt doch aber auch noch die Vorschrift betreffs des Staubes des 
bedeckten Blutes? Dieser Staub dient nur als Mittel zu einer 
Gebotvollziehung, er gewährt aber keinen Nutzen. 

Raba hat femer vorgetragen: Weil unser Vater Abraham ge- 
sagt hat Gen. 14, 23: „Wenn ich vom Faden bis zum Schuhriemen 
etwas von dir nehme!'' so waren seine Kinder der zwei Vorschriften 
würdig, nämlich des himmelblauen Fadens (in den Zizith) and des 
Riemens der Thephillin. Gewiss, der Riemen der Thephlllin (ist 
eine Belohnung), denn es heisst Deut 28, 10: „Und alle Völker der 
Erde werden sehen, dass der Name des Ewigen über dich genannt 
ist," denn wir haben die Ueberlieferung: R. Elieser der Grosse sagt: 
Das geht auf die Thephillin des Kopfes — allein wie steht es 
mit dem himmelblauen Faden (was ist das für eine Belohnung)? 
Denn nach einer Ueberlieferung pflegte R. Meir zu sagen: Warum 
ist gerade die himmelblaue Farbe von allen Farbenarten ausge- 
wählt worden? Weil die himmelblaue Farbe dem Meere gleicht, und 
das Meer gleicht wieder der Himmelsveste und die Himmelsveste 
gleicht wieder dem Throne der Herrlichkeit, wie es heisst Ex« 
24, 10: „Und sie sahen den Gott Israels, und dass unter seinen 
Füssen war, wie ein Werk aus leuchtendem Saphir und wie der reine 
Himmel an Klarheit," ebenso heisst es Ezech. 1, 26: „Anzusehen 
wie ein Saphirstein, ähnlich einem Throne." 



namen n» und das Wort rK, Feuer, als Andeutung, dass, wenn sie sittlich mit 
einander leben, die Gottheit unter ihnen wohnt, ist das aber nicht der Fall, 80 
bricht ein verzehrendes Feuer unter ihnen aus. 



VII. Tractat Sota. 289 

70, (FoL 17 ab). Mischna II, 4. Man schreibt es nicht auf 
eine Tafel, aach nicht anf Papier oder auf rohes Leder, sondern auf 
Pergament, denn es heisst Nam. 25, 3: „Anf ein Bach/' Sodann 
schreibt man es nicht mit Gnmmi, mit Yitriolwasser oder mit sonst 
etwas Aezendem, sondern mit Dinte, denn es heisst: „Er soll aus- 
löschen,'' es mass also auslöschbar sein. 

71. (Fol. 18ab.) Mischna 11, 5. Woraaf bezieht sich ihr Amen, 
Amen! sprechen? Ein Amen geht anf den Flach and ein Amen 
aaf den Schwär; ein Amen bezüglich dieses Mannes and ein Amen 
bezüglich eines anderen Mannes; Amen, dass ich weder als Ver- 
lobte, noch als Yerheirathete, weder als eine aaf die Leviratsehe 
Wartende, noch als eine in solcher Heimgeführte verantreut habe. 
Amen, dass ich nicht veranreinigt worden bin, and wenn ich ver- 
unreinigt worden bin, so sollen über mich kommen u. s. w. Nach 
R. Melr soll ein Amen andeuten, dass ich nicht werde verunreinigt 
werden. 

6. Alle stimmen überein, dass der Mann ihr nicht die Bedin- 
gung auferlegen könne wegen gepflogenen Umganges vor der Ver- 
lobung, oder nach geschehener Scheidung, so dass, wenn sie mit einem 
andern Mann geheimen Umgang gepflogen und verunreinigt worden, 
und der erste Mann sie wiedemimmt, er ihr deshalb keine Bedingung 
machen kann. Die Regel ist: In allen Fällen, wo sie von einem 
andern Manne beschlafen wurde, ohne ihm dadurch verboten zu wer- 
den, kann er keine Bedingung machen. 

12. (Fol. 19 a.) Mischna III, 1. Der Mann nimmt dann das 
Speisopfer aus dem Bastkorbe, legt es in Dienstgeräthe und legt es 
wieder auf ihre Hand. Darauf legt der Priester seine Hand unter 
die ihrige und schwenkt es. 

2. Darauf macht er die Wendung, bringt das Opfer zum Altar^ 
nimmt eine Hand voll heraus und lässt es in Rauch aufgehen, das 
übrige aber wird von den Priestern gegessen. Uebrigens liess er 
sie zuerst trinken und nachher opferte er erst ihr Speisopfer. Nach 
R. Simeon dagegen brachte er zuerst ihr Speisopfer dar und dann 
liess er sie erst trinken, weil es heisst Num. 5, 26: „Und nachher 
soll er sie das Wasser trinken lassen." Liess er sie aber zuerst 
trinken und brachte dann ihr Speisopfer dar, so ist es auch recht 

73. (Fol. 20a.) Mischna III, 3. Wenn sie, bevor die Schrift- 
rolle ausgelöscht ist, sagt: Ich will nicht trinken 1 so verbirgt man 
die Rolle, und ihr Mehlopfer wird unter die Asche geschüttet; auch 

Wünsche, Der babylonische Talrnnd. 10 



290 Vll. Tractat Sota. 

ist jene Rolle nicht weiter brauchbar, um dabei eine andere des 
Ehebruchs Angeschuldigte trinken zu lassen. Spricht sie dagegen 
nach dem Auslöschen der Rolle: Ich bin verunreinigt! so wird das 
Wasser ausgegossen und ihr Speisopfer in die Asche geschüttet. 
Sagt sie aber nach dem Auslöschen der Rolle: Ich will nicht trin- 
ken! so gebraucht man Gewalt und zwingt sie zum Trinken. 

Mischna 5. Kaum hat sie noch ausgetrunken, so wird ihr Ge- 
sicht graugelb, ihre Augen treten heraus und die Adern schwellen 
an, und alle sprechen: Führt sie hinaus! führt sie hinaus! dass sie 
die Halle nicht verunreinige. Hat sie andere Verdienste, so be- 
wirken sie einen Aufschub der Strafe, manche auf ein, manche auf 
zwei, manche auf drei Jahre. Von hier hat Ben Asai gesagt: Ein 
Mensch ist verpflichtet, seine Tochter Thora zu lehren, damit, wenn 
sie in den Fall kommt, trinken zu müssen, sie wisse, dass ihre Ver- 
dienste Aufschub bewirken.l R. Elieser dagegen sagt: Wer seine 
Tochter Thora lehrt, ist so anzusehen, als wenn er sie Liebesgenuss 
lehre. R. Josua sagt: Eine Frau nimmt lieber ein Eab (Hasz) mit 
Liebesgenuss als neun Masz und Enthaltsamkeit Er pflegte auch zu 
sagen: Ein närrischer (verrückter) Frommer,^) ein schlauer Böse- 
wicht, eine scheinheilige Frau, der Pharisäer und die Schläge (Geis- 
selungen), siehe, das sind die Verderber der Welt^) 

li. (Fol. 20b.) Und sie (die Leute, die dort sind) sprechen: 
Man soll sie hinausführen (aus der Halle) u. s. w. Warum? Weil 
sie vielleicht sterben könnte. Frage: Wollen wir [sagen, dass ein 
Todter nicht in das Levitenlager (n^ib nsnw) gebracht werden darf? 
Es ist doch gelehrt worden: Wenn einer durch eine Leiche ver- 
unreinigt worden ist, so darf er in das Levitenlager hineingehen, 
und nicht nur ein durch eine Leiche Verunreinigter allein, sondern 
die Leiche selbst (darf hineingetragen werden), denn es heisst Ex. 
13, 19: „Und Mose nahm die Gebeine Josephs mit sich,'' nämlich 
mit sich in seinen Kreis (und Mose war doch ein Levit)? Darauf 
hat Abaji gesagt: (Nicht, weil man fürchtete, dass sie sterben könnte, 
sondern weil man fürchtete), sie könnte die Menstruation bekommen. 
Wollen wir sagen, dass der Schreck schwach mache, so ist die Ant- 
wort: Es verhält sich also, denn es steht geschrieben Esther 4, 4: 



^) Es ist ein solcher gemeint, dem sein Weib in den Strom gefallen ist, 
er mag es aber nicht herausziehen, aus Furcht, er könnte ihre Scham sehen. 
•) D. i. sie richten die Welt zu Grunde. 



Yll. Tractat Sota. 291 

„Da gerieth die Köuigin in grossen Schrecken/' was nach Rab sagen 
will: Sie bekam die Menstruation. Wir haben doch aber gelernt, 
dass Schreck die Menstruation aufhebt? Antw.: Wenn ein plötz- 
licher Schreck sie überfällt, so bekommt sie die Menstruation. 

75. (Fol 20b u. 21a.) Mischna. Hat sie Verdienste, so be- 
wirken sie einen Aufschub der Strafe u. s. w. Wer lehrt die Mischna? 
Nicht wie Abba Josse ben Chauan und nicht wie R. Eleasar ben 
Jizchak aus dem Dorfe Darom und nicht wie R. Ismael; denn in 
einer Boraitha ist gelehrt worden: Besitzt sie (das des Ehebruchs 
verdächtigte Weib) Verdienste, so wird ihre Strafe drei Monate auf- 
geschoben, gerade so lange, als es dauert, bis man die Schwanger- 
schaft erkennt. So ist die Ansicht des Abba Josse ben Chanan. 
Nach R. Eleasar ben Jizchak vom Dorfe Darom wird ihr die Strafe 
auf neun Monate aufgeschoben, wie es heisst Num. 5, 28: „So bleibt 
sie unverletzt und empfängt Samen (7^t)/' Anderswo, nämlich Ps« 
22, 31 heisst es: „Der Same (y^i) dient ihm: erzählt wird von dem 
Herrn, dem späteren Geschlechte,'' was lehrt: Unter „Samen" ist 
nur solcher zu verstehen, der zu erzählen (zu lieben) fähig ist Nach 
R. Ismael wird ihr die Strafe sogar zwölf Monate aufgeschoben. 
Obgleich kein wirklicher Beweis dafür ist, so ist doch eine An- 
deutung dafür vorhanden, denn es heisst Dan. 4, 24: (Daniel sprach 
zu Nebucadnezar:) „Darum, o König, möge mein Rath dir gefallen, 
löse deine Sünden durch Wohlthaten und deine Missethaten durch 
Mildthätigkeit gegen die Armen, vielleicht wird deinem Wohle Dauer 
gestattet." Femer heisst es das. V. 25: „Das alles kam über den 
König Nebucadnezar;" desgleichen heisst es das. V. 26: „Nach Ver- 
lauf von zwölf Monaten auf dem königlichen Palaste zu Babel 
umherwandelnd" u. s. w. Antwort: Die Mischna ist doch wie R. 
Ismael, wir finden aber einen Vers, welcher sagt, dass Gott drei- 
mal zwölf Monate die Strafe aufschiebt, das ist doch drei Jahre, 
denn es heisst Amos 1, 11: „Also spricht der Ewige: Wegen der 
drei Vergehen Edom's (nehme ich es zurück) und wegen der vier 
nehme ich es nicht zurück." Warum sagen wir, dass es kein wirk- 
licher Beweis für die Sache ist, denn vielleicht bei einem Goi (Nicht- 
juden) ist es anders, denn einen solchen straft man nicht so 
geschwind. 

76. (Das.) Mischna. Wenn ein Verdienst da ist, so schiebt 
man die Strafe drei Jahre auf. Welches Verdienst ist so gross? 
Sollen wir vielleicht sagen: Das Verdienst der Thora (d. i. weil sie 



292 ^^'- Tractat Sota. 

Tbora gelernt hat)? Es ist ihr doch nicht befohlen worden (Thora 
zu lernen). Wollen wir femer sagen: Das Verdienst, dass sie die Vor- 
schriften erfflUt hat, Vorschriften schützen nicht in diesem Masze vor 
den Strafen, denn in einer Boraitha ist gelehrt worden: R. Menachem 
bar Josse hat vorgetragen: Es beisst Prov. 6, 23: ,,Denn eine Lenchte ist 
das Gebot and die Thora (Unterweisung) ein Licht'' Die Schrift ver- 
gleicht (hier) das Gebot mit einer Leuchte und die Thora mit einem 
Lichte. Das Gebot mit einer Leuchte, um dir zu sagen: Wie die 
Leuchte nur für einen Augenblick Schutz bietet (leuchtet), so bietet 
auch die Beobachtung des Gebots nur fQr einen Augenblick Schutz. 
Die Thora mit einem Lichte, um dir zu sagen: Wie das Licht immer 
Schutz bietet (leuchtet), so ist auch die Thora immer ein Schutz. 
Und so heisst es das. V. 22: „Wenn du gehest, so wird sie dich 
leiten,'' das bezieht sich auf diese Welt, „wenn du dich hinlegst, so 
wird sie über dich wachen," das geht auf den Tod, „und erwachst 
du, so wird sie fQr dich sprechen," nämlich in der künftigen Welt. 
Gleich einem Menschen, welcher in dunkler und finstrer Nacht geht 
und sich fürchtet vor den Domen und Gruben, vor Disteln, bösem 
Gethier und Räubern, ausserdem nicht weiss, welchen Weg er ein- 
schlagen soll, da zeigt sich ihm aber eine Feuerfackel und er wird 
dadurch vor den Dornen und Gruben und Disteln gerettet Nun 
fürchtet er sich aber noch vor bösem Gethier ond vor Räubern und 
weiss nicht, welchen Weg er einschlagen soll, da geht aber die 
Morgenröthe auf und er wird von dem bösen Gethier und von den 
Räubern gerettet Jetzt weiss er nur nicht, welchen Weg er ein- 
schlagen soll, da gelangt er aber an den Kreuzweg (die Heerstrasse), 
nun ist er von allem gerettet^) 

Oder: Eine Sünde vemichtet wohl das Verdienst eines Gebotes» 
nicht aber vernichtet eine Sünde das Verdienst des Studiums der 
Thora, wie es heisst Cant 8, 7: „Mächtige Wasser vermögen nicht 
auszulöschen die Liebe." Rab Joseph hat gesagt: Ein Gebot bietet nur 
Schutz und Rettung zu der Zeit, wo man damit beschäftigt ist, zu 
der Zeit aber, wo man nicht damit beschäftigt ist, gewährt es wohl 
Schutz, aber keine Rettung; die Thora dagegen gewährt sowohl zur 
Zeit, wo man mit ihr beschäftigt, wie auch zur Zeit, wo man nicht 
mit ihr beschäftigt ist, Schutz und Rettung. Da hielt ihm aber Raba 
entgegen: Waren nicht Doeg und Achithophel mit der Tbora be- 



i) Vergl. Megilla Fol. 24 b und Berachoth Fol. 43 b. 



VII. Tractat Sota. 293 

schäftigt, warum gewährte sie ihnen keinen Schatz ? Darum sagt Raba: 
Die Thora schützt und rettet einen nur zu der Zeit, wo er mit ihr 
beschäftigt ist, zur Zeit aber, wo er nicht mit ihr beschäftigt ist, 
gewährt sie ihm wohl Schutz, aber sie bietet ihm keine Rettung; 
das Gebot dagegen gewährt sowohl zur Zeit, wo man damit be- 
schäftigt, als zur Zeit, wo man nicht damit beschäftigt ist, Schutz, 
aber keine Rettung. Rabina hat gesagt: Wenn es in der Mischna 
heisst: Wenn sie ein Verdienst hat, so schiebt mau die Strafe auf, so 
meint man damit das Verdienst der Thora (dass sie Thora gelernt 
hat)? Und wenn du sagst: Es ist ihr doch nicht geboten worden, 
Thora zu lernen, so ist die Antwort: Ist ihr auch nicht geboten 
worden, Thora zu lernen, hat sie aber nicht dafür, dass sie ihre Kinder 
in die Schule bringt, um Mikra (Bibel) und Mischna zu lernen und 
dass sie auf ihren Mann wartet, bis er von dem Lehrhause (eig. aus 
dem Hause unserer Rabbinen) zurückkehrt, Antheil an der Thora, wie 
ihr Mann und ihre Kinder?! 

77. (Das.) Was bedeutet „der Kreuz weg*' (in dem obigen Gleich- 
nisse)? Nach Rab Chisda ist darunter der Schüler des Weisen 
und der Todestag, nach Rab Nachman bar Jizchak der Schüler des 
Weisen und die Sündenscheu zu verstehen, nach Mar Sutra geht es 
auf den Schüler des Weisen, dem es gelingt, eine Lehre nach der 
richtigen Entscheidung (d. i. nach der allgemeinen Annahme) vorzu- 
bringen. 

Oder: Eine Sünde vernichtet wohl das Verdienst eines ausge- 
übten Gebotes, aber eine Sünde vernichtet nicht das Verdienst des 
Studiums der Thora. Nach Rab Joseph hat R. Menachem bar Josse 
diesen Vers ausgelegt wie Sinai (als wäre er am Sinai offenbart 
worden). Und wenn Doeg und Achithophel ihn so ausgelegt hätten, 
so hätten sie David nicht verfolgt, wie es heisst Ps. 70, 11: „Zu 
sprechen: Gott hat ihn verlassen, verfolgt und greifet ihn." Was 
haben sie vorgetragen? Die Worte Deut 23, 15: „Dass er nicht au 
dir sehe irgend eine Blosse und sich abkehre von dir*' Sie wussten 
aber nicht, dass eine Sünde wohl das Verdienst eines ausgeübten 
Gebotes vernichtet, nicht aber das Verdienst des Studiums der Thora. 
Was wollen die Worte sagen Gant 8, 7: „Man würde ihn nur ver- 
achten?*' Ula hat gesagt: Nicht wie Simeon, der Bruder des Asarja, 
auch nicht wie R. Jochanan von dem Hause des Fürsten,') sondern 

^) D. i. des Patriarchenhauses, von dem R. Jehuda unterstütst wurde. 



294 V'^- Tractat Sota. 

wie Hillel and Schebna; denn als Bab Dimi kam, sprach er: Hillel 
and Schebna waren Brüder, Hillel beschäftigte sich mit der Thora, 
Schebna aber lag dem Handel ob. Endlich sprach er: Komm, wir 
wollen mischen and theilen (was jeder von ans darch seine Beschäf- 
tigung erworben hat). Da Hess eine Himmelsstimme die Worte ver- 
nehmen Cant. 8, 7: „Gäbe ein Mann auch seines Haases ganzes Gat 
am die Liebe, man würde ihn verachten.*' 

78. (Fol. 21b.) Mischna, R. Eleasar sagt: Wer seine Toch- 
ter Thora lehrt, lehrt ihr Liebelei. Liebelei? könntest da denken; 
allein es heisst: Er gilt so, als wenn er sie Liebelei lehre. R. 
Abaha hat gesagt: Was ist der Grand R. Eliesers? Es heisst 
Prov. 8, 12: „Ich Weisheit, besitze Verschlagenheit (ntt'^y) " sobald 
Weisheit in dem Menschen einkehrt, so kehrt zugleich auch Ver- 
schlagenheit (n'^ttiTsiy) ein. Wie erklären die Rabbinen die Stelle: 
„Ich Weisheit besitze Verschlagenheit?" Sie brauchen sie für die 
Meinung des R. Josse bar R. Chanina; denn dieser hat gesagt: Die 
Worte der Thora gewinnen nur in dem Bestand, welcher sich ihret- 
wegen 011!^, nackt (bloss) stellt, wie es heisst: „Ich Weisheit besitze 
Nacktheit.'* Nach R. Jochanan gewinnen die Worte der Thora nur 
in dem Bestand, welcher sich so schätzt, als ob er ein Nichts wäre, 
wie es heisst Hi. 28, 20: „Und die Weisheit wird ans dem Nichts 
d-Kr) gefunden." 

Mischna. R. Josua sagt: Ein Weib will lieber ein Eab und 
Liebesgenuss als neun Masz und Enthaltsamkeit. Was meint er damit? 
Er hat es so gemeint: Ein Weib will lieber ein Eab und Liebes- 
genuss, als neun Masz und Enthaltsamkeit (vom Liebesgenusse).^) 

Mischna. Derselbe pflegte femer zu sagen: Ein närrischer 
Frommer n. s. w. Welches ist ein närrischer Frommer? Z. B. wenn 
ein Weib in einen Fluss stürzt, und er sagt: Es schickt sich nicht, 
dass ich sie rette und dabei anschaue. 

Mischna. Und ein verschlagener Bösewicht. Wer ist ein ver- 
schlagener Bösewicht? R. Jochanan hat gesagt: Derjenige, welcher 
seine Beschwerde dem Richter eher zu verstehen giebt, als sein Ge- 
nosse, der Gegner kommt. ^) R, Abahu hat gesagt: Derjenige, welcher 



^) SiDn: Ein Weib will lieber einen Mann, der wenig verdient und ihr 
Liebesgenuss gewälirt, als einen Mann, der viel (neunmal so viel) verdient und 
sich von ihr zurückhält. 

*) Der z. B. seine Rechtssache dem Richter znei*st vorzutragen sucht, ehe 
sein Gegner erscheint, um ihn zu seinem Gunsten zu stimmen. 



VII. Tractat Sota. 295 

einen Armen eine Perata in der Absicht giebt, dass sie ihm zwei- 
hundert Sos vollmachen soll, denn wir haben gelernt: Wer zwei- 
hundert Sns besitzt, darf nicht Nachlese, vergessene Garben, Eck- 
stttcke und den Armenzehnten nehmen. Besitzt er aber zweihundert 
Sus und es fehlt einer daran, so dürfen ihm Tausend auf einmal 
geben und er darf nehmen. Rab Assi hat im Namen des R. Jochanan 
gesagt: Es ist derjenige gemeint, welcher den Rath ertheilt, das 
geringere Vermögen zu verkaufen, denn Rab Assi hat im Namen 
des R. Jochanan gesagt: Wenn die Weisen zuvorkommen und 
das geringe Vermögen verkaufen, so ist der Verkauf giltig. Abaji 
hat gesagt: Es ist derjenige gemeint, welcher den Rath giebt, das 
Vermögen zu verkaufen, also wie Rabban Simeon ben Gamliel sagt, 
denn in einer Boraitha ist gelehrt worden: (Einer sagt zu seinem 
Genossen): Ich gebe dir mein Vermögen, nach deinem Tode aber 
soll es N. N. gehören, und der erste geht nun und verkauft es 
selbst und verzehrt es, so kann der zweite es wegnehmen von 
denen, die es gekauft haben. So ist die Meinung Rabbi's; dagegen 
Rabban Simeon ben Gamliel sagt: Dem zweiten gehört nur, was 
der erste übrig gelassen hat. 

79. (Fol. 21b u. 22 a.) (Wer ist ein verschlagener Böse- 
wicht?) Nach Rab Joseph bar Chama im Namen des Rab Sche- 
scheth derjenige, welcher immerfort sagt, dass andere sich nach 
seinen Wegen (seinem Beispiele) richten sollen; nach Rab Huna 
derjenige, welcher sich selbst (die Erfüllung der Vorschriften) er- 
leichtert, dagegen sie anderen erschwert; nach Ula derjenige, welcher 
Schrift und Mischna studirt, aber nicht die Schüler der Weisen 
(der Gelehrten) bedient hat.^) Es ist gelehrt worden: Wer nur 
Schrift und Mischna studirt, aber nicht die Schüler der Weisen 
bedient hat, der ist nach R. Eleasar ein ^Am haarez (ein gemeiner 
Mensch), nach R. Samuel bar Nachmani ein im, ein Unwissender, 
nach R. Jannai ein Guthäer, nach R. Acha bar Jacob ein Magier. 
Rab Nachman bar Jizchak hat gesagt: Am meisten leuchtet die 
Ansicht des Rab Acha bar Jakob ein, denn die Leute pflegen zu 
sagen: Der Magier flüstert nur Zauberformeln und er weiss nicht, 
was er flüstert^) So lehrt auch der Mischnalehrer, und er weiss 
nicht, was er gelehrt hat 



^) D. h. er hat nicht zu Füssen der Weisen gesessen, um Talmud d. i. 
die Begründung der Mischna zu lernen. 
^) D. ). ohne sie selbst zu verstehen. 



296 VII. Traclat Sota. 

80. (Fol. 22 a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Wer ist ein 'Am 
haarez (ein gemeiner Mensch)? Der weder früh noch abends den Ab- 
schnitt: ,,Schema Israel, höre, Israel!'' mit den dazu gehörigen Benedic- 
tionen sagt Das ist die Meinung des R. Melr. Die Weisen (Gelehrten) 
sagen: Der nicht Thephillin legt. Ben Asai sagt: Wer keine Schau* 
fäden (Zizith) an seinem Kleide hat. K Jonathan ben Joseph sagt: 
Wer Söhne hat und sie nicht zum Studium (Lernen) der Thora erzieht. 
Andere sagen: Selbst wer Schrift und Mischna lernt, aber nicht die 
Schüler der Weisen (Gelehrten) bedient, ist doch ein 'Am haarez (ein 
gemeiner Mensch). Lernt einer aber die Schrift allein und nicht 
die Mischna, so ist er ein ^in, ein ungebildeter Mensch,^) und wer 
weder Schrift noch Mischna lernt, von dem sagt die Schrift Jerem. 
31, 27: „Und ich säe das Haus Israel und das Haus Jehuda, 
Samen vom Menschen und Samen vom Vieh." Es heisst Prov. 
24, 21: „Fürchte den Ewigen, mein Sohn, und den König, mit Ver- 
änderlichen (^31123) lasse dich nicht ein (vermische dich nicht)." Das 
will nach R. Jizchak sagen: Diejenigen, welche Halachoth (Mischna) 
lernen (i->3-)t3U3), (nicht aber Gemara, mit denen vermische dich nicht). 
Frage: Das ist doch selbstverständlich (dass der Vers so zu deuten 
ist)? Antw.: Ich hätte gemeint, der Sinn ist, man soll sich nicht 
mit denen vermischen, welche eine Sünde zweimal thun (sie wieder- 
holen, fi^tann D'^^iu}), also wie Rab Huna, denn dieser hat gesagt: 
Wenn ein Mensch eine Sünde begeht und sie wiederholt (ein zweites 
Mal thut (nn tir^n), so ist sie ihm erlaubt Ist sie ihm erlaubt? 
Allein sage: Sie kommt ihm wie erlaubt vor. Es ist gelehrt worden: 
Die Tannaim verderben die Welt. Wie so verderben die Tannaim 
die Welt? Rabina hat gesagt: Weil sie die Halacha aus ihrer 
Mischna lehren (was oft falsch ist und so erlauben, was verboten ist 
und für tanglich erklären, was untauglich ist). Es ist auch so ge- 
lehrt worden: R. Josua hat gesagt: Sind denn die Tannaim Yerderber 
der Welt, sie machen doch bewohnen die Welt, wie es heisst Hab. 
3, 6: „lb üh^y ni3'»bri, wer Halachoth lernt, dem gehört die Welt?" 
Allein es kommt daher, weil sie die Halacha nach ihrer Mischna 
(und nicht nach der Gemara) lehren. 

81. (Das.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Eine Betschwester, 
eine herumschweifende Wittwe und ein Kind, welches noch nicht ausge- 
tragen ist (eig. dessen Monate noch nicht voll sind), verderben die Welt 

1) Vergl. Aboth II, 5 und Joma Fol. 37a. 



VII. Tractat Sota. 297 

Verhält es sich denn so? B. Jochanan hat doch gesagt: Wir kön- 
nen Yon der Jangfran Sflndenschen und von der Wittwe das Empfangen 
von Lohn lernen. Sflndenschen von der Jangfran, denn R. Jochanan 
hörte einst eine Jnngfran, die anf ihrem Gesichte lag, sprechen: 
Herr der Welt! du hast das Paradies und da hast die Hölle, du 
hast Gerechte und dn hast Frevler geschaffen, möge es vor dir wohl- 
geftUig sein, dass die Idenschenkinder nicht durch mich straucheln! 
Und das Empfangen von Lohn von der Wittwe heweist jene Wittwe, 
die in der Nähe eines Versammlongshanses (einer Synagoge) wohnte, 
aber doch täglich in das Lehrhaas des R. Jochanan kam nnd da- 
selbst ihr Gebet verrichtete. Als er zu ihr einst sprach: Meine 
Tochter! ist nicht ein Versammlungsort in deiner Nachbarschaft? 
gab sie ihm zur Antwort: Rabbi! wird mir nicht für jeden Schritt 
Lohn zu Theil? Allein es ist eine solche Wittwe, wie z. B. Jochani, 
die Tochter Retibi's gemeint^) 

83. (Fol. 22 ab.) Was ist ein Kind, das noch nicht ausgetragen 
ist (dessen Monate noch nicht voll sind)? Darunter ist ein Schüler 
der Weisen (ein Gelehrter) zu verstehen, welcher seine Lehrer 
meistern will. Nach R. Abba ist ein solcher Schüler gemeint, 
welcher ohne Befähigung Entscheidungen fällt ^) Denn nach R. Abahu 
hat Rab Huna im Namen Rabs gesagt: Was heisst das, was ge- 
schrieben steht Prov. 7, 26: „Denn viele hat sie hingestreckt, ver- 
wundet und stark sind die, welche von ihr umgebracht worden.*' 
^Denn viele hat sie hingestreckt, verwundet'* d. i. ein Schüler der 
Weisen, welcher ohne Befähigung Entscheidungen fällt, „und stark 
sind die, welche von ihr umgebracht worden*' d. i. ein Schüler der 
Weisen, welcher die Autorisation zum Entscheiden erhalten hat, aber 
nicht entscheidet. Wie lange muss man lernen (um zum Entscheiden 
befähigt zu sein)? Bis zum 40. Jahr. Es ist doch nicht also? Warum? 
Raba hat doch (Fragen vor dem 40. Jahr) entschieden? Antw.: Wenn 
der Schüler der Weisen es so gut versteht, wie der Lehrer, so darf 
er auch vor dem 40. Jahr entscheiden. 

83. (Fol. 22 b.) Mischna. Und die Geisselungen der Pharisäer 
u. s. w. Gemara. Unsere Rabbinen haben gelehrt: Es giebt sieben 
Klassen von Pharisäern: Der sichemitische Pharisäer (-^rD^ tsi^c), 



>) Dieselbe war nach Raschi eine Zauberin. 

') Eigentl.: Welcher das Recht zu lehren nocli niclit erlangt liat und 
doch lehrt. 



298 VII. Tractat Sota. 

der Pharisäer des Verwundens (-»Dpa ici^d), der Pharisäer des Blut- 
veriastes (''«T'»p ttJi^D, eig. des Adedasses), der Stössel- Pharisäer 
(KD-nr t:i^D), der Pharisäer, welcher sagt: Giebt es noch irgend 
eine Pflicht für mich, dass ich sie thue (n«yön '»nmn n» töi^D) 
und der Pharisäer aus Liebe (n^tiMr mi^c), und der Pharisäer ans 
Furcht (nN'T'^a usi^d).^) Der sichemitische Pharisäer ist der, welcher 
etwas auf die Weise, wie Sichern thnt.') Der Pharisäer des Ver- 
wundens ist der, welcher (weil er mit niedergeschlagenen Augen 
einhergeht) sich die Füsse verwundet (T^b^i^ n« ti'^pswn). Der Phari- 
säer des Blutverlustes ist nach Rab Nachman bar Jizchak derjenige, 
welcher (aus angeblicher Furcht, ein Weib anzuschauen, die Augen 
zusammendrückt und) seinen Kopf an die Wände schlägt, so dass 
das Blut spritzt (D'»brDb Dn f^pTsrr). Der Stössel -Pharisäer ist nach 
Rabba bar Schila derjenige, welcher, einem (krummen) Stössel gleich» 
gekrümmt (in gebückter Stellung) einhergeht Der Pharisäer, der 
da spricht: Giebt es noch eine Pflicht für mich, dass ich sie 
ausübe? Das wäre doch vorzüglich! Allein es ist von einem 
solchen die Rede, der da sagt: Was giebt es denn noch für eine 
Obliegenheit für mich, dass ich sie ausüben könnte? Der Pharisäer 
aus Liebe und der Pharisäer aus Furcht Abaji und Raba sprachen 
zum Vortragenden: Erwähne nicht tadelnd des Lohnsüchtigen und des 
die Strafe Fürchtenden, denn Rab Jehuda hat im Namen Rabs ge- 
sagt: Der Mensch beschäftigte sich immerhin mit der Thora und 
mit den Vorschriften (den Religionsgeboten), selbst wenn es anfangs 
nicht aus reiner Absicht^) geschieht, es wird schon die Zeit kom- 
men,^) wo es aus reiner Absicht geschieht Rab Nachman bar Jiz- 
chak hat gesagt: Was verborgen ist, das ist verborgen und was 
offenbar ist, das ist offenbar;'^) das hohe (himmlische) Gericht (d. i. 
Gott) wird schon diejenigen bestrafen, welche (um als Pharisäer zu 



^) Andere bezeiclinen diese sieben Klassen von Phamäem so: Der siclie- 
mitische, der Schleielier, der Augen verdreher, der Kopfhänger, der Werkheilige, 
der Lohnsüchtige, der AengsUichc. 

') Vergl. Gen. 24, 1: Sichern Hess sich nur deshalb beschneiden, um in 
Jacobs Familie hinein lieii*athen zu können. Der sichemitische Pharisäer handdi 
demnach aus unlauteren Motiven, s. B. um von den Menschen geehrt oder be- 
schenkt zu werden. Der sichemitische Pharisäer übt also die Religionspfllchtea 
eines irdischen Zweckes wegen. 

') Eigentl.: Nicht um ihrer selbst willen. Vergl. Nedarim Fol. 62a. 

*) Wegen der unwiderstehlichen Kraft der Thora. 

*) Wir können niemand ins Herz sehen. 



vif. Tractat Sota. 299 

erscheinen) sich in Eaftane (in lange Gewänder) hflllen.^) Der König 
Jannai^) sprach (anf seinem Sterbebette) zu seinem Weibe: Fürchte 
dich weder vor den Pharisäern, noch vor den Nichtpharisäern, fOrchte 
dich aber vor den Geschminkten (Gefärbten, Scheinheiligen), welche 
den Pharisäern gleichen,^) deren Werke aber gleich den Werken 
Simri's sind und die Lohn gleich Pinchas fordern.^) 

84. (Fol. 22b n. 23a.) Mischna III, 5. R. Simeon sagt: 
Kein Verdienst steht gegen die bitteren Wasser bei. Wolltest da 
sagen, dass das Verdienst gegen die Flnchwasser schütze, so trflbst 
du die Wasser allen denen, die da trinken, und du bringst alle 
reinen Frauen, die getrunken haben, in schlechten Ruf, indem es 
heissen wird, sie seien wirklich yerunreinigt und nar durch ihre Ver- 
dienste beschützt worden. Nach Rabbi bewirken die Verdienste 
allerdings eine Verschiebung der Strafe, aber eine Schuldige gebiert 
nicht weiter, wird auch nicht gesünder, sondern zehrt allmählich ab 
und stirbt zuletzt an diesem Tode. 

6. Wurde ihr Speisopfer unrein, ehe es der Priester noch 
durch das Geräthe heiligte, so ist es damit, wie mit allen Speis- 
opfem, man muss es auslösen. Geschah es nach der Heiligung durch 
das Geräthe, so muss es wie jedes andere verbrannt werden. Ausser- 
dem müssen auch die Speisopfer in folgenden Fällen verbrannt wer- 
den, wenn sie nämlich sagt: Ich bin für dich unrein! wenn Zeugen 
kommen und darthun, dass sie unrein sei, wenn sie sagt: Ich mag 
nicht trinken! wenn ihr Mann sie nicht trinken lassen will, und wenn 
ihr Mann auf der Reise (nach dem Gerichtshofe) ihr beigewohnt hat, 
endlich die Speisopfer aller mit Priestern vermählten Frauen. 

7. Das Speisopfer einer mit einem Priester vermählten Tochter 
eines Israeliten wird verbrannt, dagegen wird das Speisopfer einer an 
einen Israeliten vermählten Priestertochter gegessen. Worin besteht 
der Unterschied zwischen einem Priester und einer Priestertochter? 
Das Speisopfer einer Priestertochter wird gegessen, dagegen das Speis- 
opfer eines Priesters wird nicht gegessen; eine Priestertochter kann 
entweiht, aber ein Priester kann nicht entweiht werden, die Priester- 



1) Um als recht heilig zu erscheinen. Gemeint ist der viereckige Gebet- 
mantel (Tallitli), an welchem die Schauffiden (Zisith) befestigt waren. 

') Alexander Jannai war ein König aus der Familie des Hasmonäer. 

') D. i. die wie die Pharisäer sich fromm stellen. 

^) Die da die Werke Simri's (s. Num. 25, 14 ff.) thun und belohnt sein 
wollen wie Pinchas (s. das.) 



300 ^'*^- Tractat Sola. 

tochter darf sich an Todten verunreinigen, der Priester nicht, der 
Priester isst Allerheiligstes, die Priestertochter nicht. 

8. Welches ist der Unterschied zwischen einem Mann und 
einer Frau? Der mit Aussatz geschlagene Mann geht (nach Lev. 13) 
mit entblösstem Haupt und zerrissenen Kleidern, die Frau dagegen 
nicht; der Mann darf seinen (kleinen) Sohn dnrch ein Gelübde zum 
Nasiräer bestimmen, die Frau nicht; der Mann darf das beim Na- 
siräat seines Vaters bereits bestimmte Opfer für sein eigenes ßcheeren 
gebrauchen, die Frau nicht; der Mann kann seine Tochter verkaufen, 
die Frau kann das nicht; der Mann darf seine Tochter (einem 
Manne) verloben, die Frau darf das mit ihrer Tochter nicht thun; 
der Mann wird nackt gesteinigt, die Frau nicht; der Mann wird 
gehängt, die Frau nicht; der Mann kann eines Diebstahls wegen 
verkauft werden, die Frau nicht. 

85. (Fol. 25a.) R. Josia hat gesagt: Drei Dinge hat mir Seira 
von den Bewohnern (Menschen) Jerusalems erzählt, nämlich dass ein 
Mann seinem Weibe, selbst nachdem er sie verwarnt (und sie sich 
mit einem fremden Manne verborgen hat), verzeihen kann, femer, 
dass der oberste Gerichtshof dem sich ihm widersetzenden Gelehrten 
verzeihen kann, endlich, dass die Eltern dem ungehorsamen und 
widerspenstigen Sohne verzeihen können. Als ich zu meinen Ge- 
nossen nach Darom kam, da gestanden sie mir es in Bezug auf zwei 
Dinge zu, nämlich, dass man verzeihen darf, nur in Bezug auf einen 
von der Lehre des Sjnedriums dissentirenden Alten (Gelehrten) haben 
sie mir es nicht zugestanden (dass man ihm nicht Nachsicht schen- 
ken darf), damit nicht die Streitigkeiten in Israel vermehrt werden 
sollten. 

86. (Fol. 26a.) Es ist gelehrt worden: Es heisst Num. 5, 28: 
„Wenn sie aber rein ist, so bleibt sie unverletzt und empfängt 
Samen" d. i. wenn sie unfruchtbar war, so wird sie bedacht werden. 
Das ist die Meinung des R. Akiba. R. Ismael dagegen hat gesagt: 
Wenn dem so ist, so werden sich alle Unfruchtbaren verbergen (mit 
fremden Männern) und werden bedacht werden, und diese, weil sie 
fromm ist und sich nicht verbirgt, wird Schaden haben. Wenn dem 
80 wäre, warum heisst es das.: „Und sie wird Samen empfangen?*' 
Allein der Sinn ist: Gebar sie bis jetzt mit Schmerzen, so wird sie 
(von nun an) mit Leichtigkeit gebären, und gebar sie Mädchen, so 
wird sie Knaben gebären, gebar sie kurze (Kinder), so wird sie 
lange gebären, gebar sie schwarze, so wird sie weisse gebären. 



VII. Traclat Sota. 3Q1 

&7. (Fol. 27b.) Mischna. An dem Tage, wo R. Eleasar ben 
Asarja Nasi (Fflrst) wnrde, trug R. Akiba vor: Es heisst Ex. 15, 1: 
„Damals sang Mose und die Kinder Israel dieses Lied dem Ewigen 
und sprachen also." Weshalb steht das Wort ^bfi^b ? Um zn lehren, 
dass die Israeliten nach Mose sangen a. s. w. 

88. (Fol. 30b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: R. Akiba hat 
vorgetragen: In dem Augenblicke, als die Israeliten aus dem Meere 
heraufzogen, wollten sie ein Lied anstimmen. Wie haben sie das Lied 
gesungen? Wie ein Erwachsener das Hallel recitirt, dem die andern 
mit den Anfingen der Kapitel (Halleluja) antworten. Mose begann mit 
den Worten Ex. 15, 1: „Ich will dem Ewigen singen,'* die andern 
sprachen: „Ich will dem Ewigen singen." Mose fuhr fort: „Denn mit 
Hoheit hat er sich erhoben," die andern sprachen: „Ich will dem 
Ewigen singen." Nach R. Elieser, dem Sohne des R. Josse des Gali- 
läers geschah es so, wie ein Unmündiger das Hallel recitirt, und die 
andern widerholen das, was er sagt. Mose begann: „Ich will dem 
Ewigen singen," und die andern sprachen ebenso: „Ich will dem 
Ewigen singen." Mose fuhr fort: „Denn mit Hoheit hat er sich 
angethan" und sie sprachen ebendasselbe. Nach R. Nechemja ge- 
schah es so, wie der Sopher die Benedictionen des Schema vorträgt 
(eig. theilt), denn er beginnt und die andern fahren fort Worin 
sind sie getheilter Meinung? R. Akiba meint es so, dass sich das 
Wort ^73Mb auf das erste Wort bezieht, nämlich dass die Israeliten 
auf alles, was Mose gesagt hat, nur mit den Worten: mrT»b tri''«« 
geantwortet haben; dagegen R. Eleasar, der Sohn des R. Josse, des 
Galiläers meint es so, dass sich das Wort ^72»h auf jedes Wort 
bezieht (d. i. alles, was Mose sagte, sagten die Israeliten nach); R. 
Nechemja endlich meint, das Wort i^tsk**! bedeutet, alle haben das 
Lied zusammen gesagt, das Wort "ir^b dagegen bedeutet, Mose hatte 
den Anfang gemacht 

Unsere Rabbinen haben gelehrt: R. Josse der Galiläer hat 
vorgetragen: In dem Augenblicke, als die Israeliten aus dem Meere 
heraufzogen, wollten sie ein Lied anstimmen. Wie haben sie 
das Lied gesungen? Das Kind lag hingestreckt auf dem Schosse 
seiner Mutter und der Säugling lag saugend an den Brüsten 
seiner Mutter. Als sie die Schechina sahen, erhob das Kind 
seinen Hals und der Säugling Hess die Brust ans seinem Munde, sie 
sprachen: „Dieser ist mein Gott, ihn will ich verherrlichen," wie 
es heisst Ps. 8, 3: „Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast 



302 y^^' Ti-acUt SoU. 

do Lob (Macht) zubereitet" R. Melr sagte: Woher lässt sich be- 
weisen, dass selbst die Embryonen im Matterleibe ein Lied ange- 
stimmt haben? Weil es heisst Ps. 68, 27: „In Versammlungen 
preiset Gott den Herrn, ans der Qaelle Israels." 

89. (Fol. 31a.) Mischna.^) An dem Tage, wo R. Eleasar ben 
Asarja Nasi (Fürst) wurde, trug R. Josua, der Sohn des Hjrkanos 
vor: Hieb bat Gott nur aus Liebe gedient, wie es heisst HL 13, 15: 
9,Siehe, selbst wenn er mich tödtete, so wollte ich dessen (auf ihn) 
hoffen." Die Sache ist noch auf der Wagschale (d. L wir wissen 
nicht, wie Hiob es gemeint hat, nämlich: Ich will (auf ihn) hoffen, 
oder: ich will nicht (auf ihn) hoffen, da es aber heisst das. 27, 5: 
„Bis ich Terscheide, lass ich mir meine Unschuld nicht nehmen," so 
geht daraus hervor, dass er es aus Liebe gethan hat. R. Josua hat 
gesagt: Wer w;rd den Staub vor deinen Augen, o R. Jochanan ben 
Saccai, aufdecken, denn du pflegst immer (alle deine Tage) nur vor- 
zutragen, dass Hiob Gott nur aus Furcht gedient hat, wie es heisst 
das. 1, 1: „Hiob war ein Mann makellos und grade, Gott fürchtend 
und das Böse meidend" (da sehen wir doch, dass er Gott nur aus 
Furcht gedient hat)? Hat nicht Josua, der Sohn des Hjrkanos, eiu 
Schüler deines Schülers, gelehrt, dass Hiob aus Liebe Gott gedient 
hat? Gemara. Frage. Man kann doch sehen, ob das Wort 
bn::^ &<b mit Lamed Aleph geschrieben ist, so dass der Sinn ist: 
Nein (nV)! oder ob es mit Lamed, Wav geschrieben ist (so dass der 
Sinn ist: zu ihm (ib). Gegenfrage. Wo das Wort also mit Lamed 
Aleph geschrieben steht, so bedeutet es: Nein (fi<b)I wie ist es dann 
aber mit der Stelle Jes. 63, 9: ^x lib on^x bsa, da ist es doch 
auch mit Lamed Aleph geschrieben, wirst du es da auch mit: Nein! 
übersetzen (so dass der Sinn wäre): „Gott hört nicht seine Noth," 
es heisst doch das.: „Und der Engel seines Antlitzes hilft ihnen, 
in seiner Liebe und in seiner Milde erlöst er sie und hebt sie auf 
und trägt sie all die Tage der Urzeit?" Allein daraus geht her- 
vor, dass das Wort einmal: Nein («b)! und einmal: zu ihm (ib) be- 
deutet 

90. (Fol. 31a.) Wir haben die Ueberlieferung: R. Melr sagt: 
Von Hiob heisst es: 0'»nb« k^'', er fürchtete Gott, und von Abra- 
ham heisst es auch: o-^nb« N^'', er fürchtete Gott Bas will sagen: 
Wie die Worte: er fürchtete Gott, bei Abraham aus Liebe bedeuten. 



^) Die Mischua steht Fol. 27 b. 



VII. Tractat Sota. 303 

60 bedeuten auch die' Worte: Er fürchtete Gott bei Hieb aus Liebe. 
Woher Iftsst es sich in Bezog auf Abraham beweisen? Weil es heisst 
Jes. 41, 8: „Same Abrahams, der mich liebt'* Was fflr ein Unter- 
schied ist zwischen dem, der ans Liebe handelt and dem, der aus 
Furcht handelt? Sowie gelehrt worden ist: B. Simeon ben Eleasar 
sagt: Grösser ist der, welcher ans Liebe handelt als der, welcher 
ans Furcht handelt; denn der Lohn jenes dauert bis auf das tau- 
sendste, der Lohn dieses dagegen dauert bis auf das zweitausendste 
Geschlecht fort,^) hier n&mllch heisst es Ex. 20, 6: „Der Gnade 
fibet am zweitausendsten Gliede (D'>&b&<b) denen, die mich lieben und 
meine Gebote halten,'' und dort heisst es Deut 7, 9: „Und denen, 
die meine Gebote halten, bis ins tausendste Glied (^in r)bMb)." Frage. 
Dort steht doch auch: „Denen, die ihn lieben und seine Gebote 
halten, bis ins tausendste Geschlecht?" Antw.: Das Wort wird immer 
nur auf das ihm Zunächststehende bezogen. 

91. (Fol. 31a.) Zwei Schüler sassen einst vor Raba, der eine 
sprach zu ihm: Mich Hess man im Traume die Worte lesen Ps. 
31, 20: „Wie gross ist deine Güte, welche du verborgen hast 
denen, die dich fürchten," und der andere sprach zu ihm: Mich liess 
man im Traume die Worte lesen Ps. 5, 12: „Aber freuen sollen 
sich alle, die sich bergen bei dir, ewiglich jauchzen und in dir 
frohlocken, die deinen Namen lieben." Er sprach zu ihnen: Ihr 
beide seid vollkonmme Gerechte, der eine ist es aus Liebe und der 
andere aus Furcht^) 

92. (FoL 32a.) Mischna. Sechs Stämme zogen hinauf auf den 
Berg Garizim und sechs Stämme zogen hinauf auf den Berg Ebal 
und die Priester, Leviten und die Lade standen dazwischen, die 
Priester umgaben die Lade und die Leviten, die Priester und die 
Israeliten von dieser und von jener Seite, wie es heisst Jos. 8, 33: 
„Und ganz Israel, seine Aeltesten, seine Vögte und seine Bichter 
standen von dieser und jener Seite der Lade gegenüber den Priestern, 
Leviten, den Trägem der Bundeslade des Ewigen." Die Priester 
wandten ihr Antlitz nach dem Berge Garizim und hoben an mit dem 
Segen: „Gebenedeiet sei der Mann, welcher kein gehauenes noch ge- 
gossenes Bild machen wird, ein Greuel sind sie dem Ewigen." Da 
antworteten sowohl diese wie jene mit: Amen! Darauf wandten die 



1) Eig.: Dieser ist an das tausendste Geschlecht gehaiif^. 
•) Vergl. zu dieser Stelle Berach. Fol. 55 und 56. 



304 VII. Tractat Sota. 

Leviten ihr Antlitz nach dem Berge Ehal ond hoben mit den Flüchen 
an Deut. 27, 15: y.Verfincht ist der Mann, welcher ein gehauenes 
und gegossenes Bild macht," und diese sowohl wie Jene antworteten 
mit: Amen! (und dies ging so fort), bis alle Segnungen und Flüche 
zu Ende waren. Darauf brachten sie die Steine und bauten den 
Altar und bestrichen ihn mit Kalk und schrieben auf sie (die Steine) 
alle Worte der Thora in siebzig Sprachen, wie es heisst das. Y. 8: 
„Und schreibe auf alle Worte der Thora deutlich (^«a), gut (3ta"»n); 
Und sie nahmen die Steine und kamen und flbemachteten an 
ihrem Orte." 

93. (Fol. 32 b.) Wir haben die Ueberliefemng: R. Simeon 
sagt: Der Mensch soll sein Lob mit tiefer und seinen Tadel mit 
hoher Stimme erzählen; sein Lob mit tiefer Stimme, das geht aus 
dem Bekenntniss betreffs des Zehnten hervor, seinen Tadel mit hoher 
Stimme, das erhellt aus der Vorlesung bei Darbringung der Erst- 
linge. Seinen Tadel mit hoher Stimme? R. Jochanan im Namen 
des R. Simeon ben Jochai hat doch gesagt: Warum hat man denn 
angeordnet, dass das Gebet mit leiser Stimme hergesagt werde? 
Um nicht die SOnder zu beschämen; denn siehe, die Schrift selbst 
trennt nicht den Ort des Sflndopfers von dem des Ganzopfers. Sage 
nicht: seinen Tadel, sondern: seine Noth, wie es heisst Lev« 13, 45: 
„Und unrein, unrein! soll er (der Aussätzige) rufen,*' was sagen will: 
Es ist nöthig, seine Noth öffentlich (vor vielen) bekannt zu machen, 
damit viele für ihn um Erbarmen flehen. 

94« (Fol. 33 a.) Mischna. Diese Dinge werden gesagt in welcher 
Sprache man will u. s. w. : Und das Gebet darf in jeder Sprache gesprochen 
werden? Rah Jehuda hat doch gesagt: Der Mensch soll um seine 
Bedürfnisse nie in aramäischer Sprache beten, denn R. Jochanan 
hat gesagt: Wer um seine Bedürfhisse in aramäischer Sprache 
betet, zu dem verfügen sich nicht die Dienstengel, da dieselben die 
aramäische Sprache nicht kennen (verstehen). Es ist keine Frage; 
es kommt darauf an, ob es das Gebet eines Einzelnen oder einer 
Gesammtheit betrifft.^) Kennen (verstehen) wirklich die Dienstengel 
die aramäische Sprache nicht? Wir haben doch die Ueberlieferung: 
Der Hohepriester Jochanan hörte eine Himmelsstimme aus dem 
Allerheiligsten, welche (in aramäischer Sprache) rief: Die Jünglinge, 
welche nach Antiochien gingen, um Krieg zu führen, haben gesiegt? 



1) Vergl. Berach. Fol. 6 a. 



VII. Tractat Sota. 305 

Und von Simeon dem Gerechten wird erzählt, dass er eine Himmels" 
stimme ans dem Allerheiligsten hörte: Vernichtet ist das Werk (Heer), 
Ton dem der Feind gesagt hat, er werde es gegen das Heiligtham 
bringen, denn Gajus Calignla (Gaskaigas) ist getödtet und seine Be- 
schlüsse sind aufgehoben worden. Man schrieb jene Stande auf nnd 
gab Acht, ob sich das Gehörte bestätigen würde. Und das wnrde 
in der aramäischen Sprache gemfen. Wenn du willst, so sage ich, 
dass es mit der Himmelsstimme anders sich verhält, weil sie dazu 
da ist, zu verkünden, oder, wenn du willst, so sage ich, dass Gabriel 
es war; denn der Herr hat gesagt, dass Gabriel kam und ihn (Joseph) 
70 Sprachen lehrte. 

95. (Fol. 33 b u. 34a.) Unsere Babbinen haben gelehrt: Wie 
haben die Israeliten den Jordan überschritten? Sonst brach die 
Lade täglich nach den zwei Cohorten auf, an diesem Tage aber er- 
öffnete isie den Zug, wie es helsst Jos. 3, 11: „Siehe, die Bundes- 
lade des Herrn der ganzen Erde ziehet vor euch her durch den 
Jordan.'^ Sonst trugen die Leviten täglich die Lade, an diesem 
Tage aber trugen sie die Priester, wie es heisst das. Y. 13: „Und 
es wird geschehen, sowie die Fussballen der Priester, der Träger der 
Lade des Ewigen, des Herrn der ganzen Erde, stehen in den 
Wassern des Jordan, so werden die Wasser des Jordan sich trennen.'' 
Wir haben die Ueberlieferung: B. Josse sagt: An drei Stellen (drei- 
mal) trugen die Priester die Lade, 1) als sie den Jordan über- 
schritten, 2) als sie Jericho umzingelten und 3) als sie dieselbe wieder 
nach ihrem Orte zurückbrachten. Als die Fussballen der Priester in's 
Wasser getaucht wurden, traten die Wasser hinter ihnen zurück, 
wie es heisst das. Y. 15. 16: „Und als die Träger der Lade bis zum 
Jordan kamen, da standen still die von oben herabfiiessenden Wasser, 
aufrecht standen sie, ein Damm.'' Wie weit erhoben sich die 
Wasser? Zwölf Mil in's Geviert, entsprechend dem Umfange des 
Lagers Israels. Das ist die Meinung des B. Jehuda. Da sprach B. 
Elieser bar Simeon zu ihm: Wenn es sich nach deiner Meinung 
verhielte; war denn der Mensch schneller (leichter), oder waren die 
Wasser schneller? Da musst du doch sagen, die Wasser waren 
schneller, sie kamen doch demnach und rissen sie fort? Allein daraus 
geht hervor, dass die Wasser sich aufthürmten und in Wölbungen 
über Wölbungen höher als 300 Mil emporstiegen, bis sie alle Könige 
des Ostens und Westens sahen, wie es heisst das. 5, 1: „Und es 
geschah, dass alle Könige der Emoriter hörten, welche jenseits des 

W&nsche, Der babylonische Talmud. 20 



306 VII. Tractat Sota. 

Jordans meerwärts und alle Könige der Eanaaniter, welche am 
Meere sind, dass der Ewige die Wasser des Jordans habe trocken wer- 
den lassen vor den Kindern Israels, bis sie hinflber waren, da 
schmolz ihr Herz und es war kein Math mehr in ihnen vor den 
Kindern Israels/' So sprach auch die Buhlerin Rachab zu den 
Boten Josoa's das. 2, 10: „Denn wir haben gehört, dass der Ewige 
die Wasser des Schilfineeres ausgetrocknet habe," desgl. das. Y. 11: 
„Und wir hörten und unser Herz schmolz and es blieb kein Math 
mehr in einem Mann Yor each.*' Als sie noch im Jordan waren, 
sprach Josaa za ihnen: Wisset, anter welcher Bedingung ihr über 
den Jordan gehet Unter der Bedingung, dass ihr die Bewohner 
des Landes vor euch austreiben sollt, wie es heisst Num. 33, 52: 
„Ihr sollt austreiben alle Bewohner vor euch,'' wenn ihr so thut, 
so ist's gut, wenn nicht, so werden die Wasser kommen und euch 
(DD'^pi«) fortreissen. Was heisst ostt?« ? Antw.: "^m« und DDn«, 
mich und euch. Als sie noch im Jordan waren, sprach Josua ferner 
zu ihnen Jos. 4, 5: „Und ladet euch jeder einen Stein auf eure Schulter 
nach der Zahl der Stämme der Kinder Israels," femer das. Y. 6: 
„Damit dies sei ein Wahrzeichen unter euch, wenn eure Kinder 
morgen (künftig) fragen und sprechen: Was sollen euch diese Steine?" 
Nämlich den Kindern soll es ein Zeichen sein, dass ihre Yäter den 
Jordan überschritten haben. Als sie noch im Jordan waren, sprach 
Josua femer zu ihnen das. Y. 3: „Nehmet euch Ton hier aus der 
Mitte des Jordan von der Stelle, wo die Füsse der Priester fest* 
gestanden, zwölf Steine, und führet sie mit hinüber mit euch und 
leget sie hin in dem Nachtlager, wo ihr des Nachts übemachten 
werdet." Nun könnte ich glauben, in jeder Herberge (in jeder 
Station)? Darum heisst es: „Wo ihr diese Nacht übemachten werdet." 
96. (FoL 34ab.) Nach R. Jehuda stand Abba Chalaphtha und 
R. Elieser ben Mathja und Chananja ben Chachinai auf jenen Steinen 
und sie schätzten jeden einzelnen an Gewicht auf 40 Sea. Es ist 
bekannt, dass eine Last, die jemand sich selbst auf die Schulter 
legt, nur den dritten Theil derjenigen Last ausmacht, die er sonst 
{wenn ein anderer sie ihm aufladet) zu tragen vermöchte, so kannst 
du von hier aus die Grösse des Traubenkammes ermessen, wie es 
heisst Num. 13, 23: „Und sie tmgen sie zu zweien auf einer Stange.'^ 
Da es heisst: ::i73n, auf einer Stange, so weiss ich ja^) von selbst, 



*) So weiss ich denn nicht. 



VII. Tractat Sota. 307 

dass es zwei waren, wozu braucht noch zu stehen: Q-^a^n? Um 
damit anzudeuten, dass es zwei Stangen waren. B. Jizchak hat 
gesagt: Es war eine Wage und innerhalb der Wage war ebenfalls 
eine Wage.^) Wie so? Acht trugen einen Traubenkamm, einer trug 
einen Granatapfel und einer eine Feige, Josua und Kaleb trugen 
nichts. Wenn du willst, so sage ich, weil sie geachtet waren (ein 
grosses Ansehen genossen)» oder, wenn du willst, so sage ich, weil 
sie nicht mit an jenem Rath (dex Kundschafter) Antheil nahmen. R. 
Amnü und R. Jizchak der Schmied sind darüber verschiedener 
Meinung. Der eine hat gesagt: Nach der Meinung des R. Jehuda 
überschritten sie (den Jordan) ebenso wie sie lagerten. Nach der 
Meinung des R. Eleasar bar R. Simeon überschritten sie ihn so, 
dass einer hinter dem andern war. Der andere hat gesagt: Sowohl 
nach der Meinung des einen wie des andern Herrn überschritten 
sie (den Jordan), so wie sie lagerten, der eine Herr glaubt nur, dass 
der Mensch schneller war, der andere Herr dagegen glaubt, dass die 
Wasser schneller waren. 

97. (Fol. 34b.) Es heisst Num. 13, 2: „Sende dir Männer aus, 
dass sie uns das Land auskundschaften." Das will nach Resch 
Lakisch sagen: Sende dir nach deinem Sinne.') Wählt 'sich denn 
ein Mensch für sich den schlechteren Theil aus? Das ist es, was 
geschrieben steht Deut. 1, 23: „Und die Sache war gut in meinen 
Augen'' d. i. nach der Deutung von Resch Lakisch: In meinen 
(Moses) Augen, aber nicht in den Augen Gottes. ,J)a9s sie uns das 
Land auskundschaften.'' R. Chija bar Abba hat gesagt: Die Kund- 
schafter hatten nur die Schande des Landes Israel im Auge, denn 
hier heisst es: „Dass sie uns das Land erröthen machen (auskund- 
schaften, i'iDn'^i),"*) und dort Jes. 24, 23 heisst es auch: „Und es 
erröthet (n'iDm) der Mond und es erblasst die Sonne." 

Es heisst ferner Num. 13, 41: „Und das sind ihre Namen: 

*) „Die Traube, welche die Kundschafter aus Palästina brachten, war von 
so schwerem Gewiclite, dass sie von acht Personen und zwar auf folgende Weise 
getragen wurde: Zunächst wurden zwei Stangen vermittelst eines Sti-ickes, in 
dessen Mitte die Traube, den Wagschalen gleich, bei'abliing, zusammengebunden ; 
sodann wurde an jedem Ende dieser zwei Stangen je eine Stange befestigt, die 
auf den Schultern zweier Träger ruhten." S. Levy, Neuliebr. u, Chald. WWB. II, 
S. 189. 

*) Sowie du es f&r gut befindest. 

') Der Talmud will den Vers so aufgefasst wissen: Dass sie das Land er- 
röthen machen. 

20* 



308 ^^'- Tractat Sota. 

fttr den Stamm Raben: Schammna, Sohn Sachor/' R. Jizcbak hat 
gesagt: Wir besitzen folgende Ueberlieferung von onsern Vätern: 
Die Kundschafter sind nach ihren Handlongen benannt worden, zn nns 
aber ist nur die Deutung eines einzigen gekommen. Es heisst das. 
V. 13: „Sethur, Sohn Michaels.'^ Sethur (mno) hiess er, weil er die 
Handlungen des Heiligen, gebenedeiet sei er! zerstörte (^no;::), Ben 
Michael (V«D''73), weil er sich selbst*) schwach (^73) gemacht hat. 
R. Jochanan hat gesagt: Wir haben auch die Deutung von „Nachbi, 
Sohn Waphsi's." Nachbi ("»ins), hiess er, weil er die Worte des Hei- 
ligen, gebenedeiet sei er! verheimlichte («"»innttJ), und Sohn Waphsi 
(•'OCi 1^), weil er die göttlichen Eigenschaften überschritt (yo^c©).*) 

Es heisst Num. 13, 22: „Und sie zogen hinauf gen Mittag und 
er kam (fi<n'*n) bis Chebron.'' Es hätte doch im^'^i, sie kamen, heissen 
sollen? Raba hat gesagt: Daraus geht hervor, dass Ealeb sich vom 
Rathe der Kundschafter getrennt hatte und gegangen war, um sich auf 
die Gräber der Väter hinzustrecken. Er sprach nämlich zu ihnen: 
Meine Väter! bittet für mich um Erbarmen, dass ich vom Rathe 
der Kundschafter verschont bleibe. Für Josna hatte bereits Mose 
um Erbarmen gebeten, wie es heisst das. V. 16: „Und Mose nannte 
Hosea, den Sohn Nun's, Joschua (yn^Dirr')," was sagen will: Jah (rr») 
rette dich (']7*'iz:n^) vom Rathe der Kundschafter. Das ist es, was 
geschrieben steht das. 14, 24: „Aber mein Knecht Kaleb, zum 
Lohne dafür, dass ein anderer Geist in ihm und er ganz nach meinem 
Sinne war** u. s. w. 

Es heisst femer das. 13, 23: „Und dort waren Achiman, Scheschai 
und Thalmai" u. s. w. Achiman (•j?3"»n«) hiess er, weil er der vorzüg- 
lichste unter seinen Brüdern war (T»n«S« pi'^tt), Scheschai (■»««) hiess 
er, weil er das Land wie Gruben machte (mrmzsD y^fi^n n« D^'t:»«) 
und Thalmai ("»TsVn) hiess er, weil er das Land zu lauter Furchen 
(O'^rbn o^rVn) machte. Oder: Achiman erbaute 'Anath (nsr), Sche- 
schai erbaute Alnsch ('xVn), und Thalmai erbaute Thalbusch («isbr). 
Das.: „Kinder des Enak (psr), weil sie die Sonne mit ihrer Statur 
überragten (•|"»p''3yö«:). 

Es heisst Num. 13, 22: „Und Chebron war sieben Jahre vor Zo^an 
in Aegypten erbaut worden." Was heisst nn2S5, sie war erbaut wor- 
den? War sie denn vielleicht wirklich (sieben Jahre vor Zo'an) er- 

*) „Sich selbst" ist hier Eupliemismus anstatt „Gott". 
*) Weil er die Walirlieit unterdruckte. 



VII. Traclat Sota. 309 

baut worden? Erbaut denn ein Mensch für seinen jüngeren Sohn eher 
ein Hans, als er es fOr seinen älteren erbaut, es heisst doch Gen. 10,6: 
„Und die Söhne Chams sind Cusch und Mizraim?'' u. s. w. Allein 
es war siebenmal besser bebaut (d. i. fruchtreicher) als Zo'an. Es 
giebt im ganzen Lande Israel keinen felsigeren Boden als Chebron, 
weshalb man dort auch die Todten begrub, und von allen Ländern 
wieder ist keins vorzüglicher als das Land Aegjpten, wie es heisst 
das. 13, 10: „Wie ein Garten des Ewigen, wie das Land Aegjpten" 
und im ganzen Lande Aegjpten wieder ist nichts vorzüglicher als 
Zo'an, denn es heisst Jes. 30, 4: „Denn es waren zu Zo^an seine 
Fürsten." Und dennoch war Chebron siebenmal besser bebaut als 
Zo^an. Hatte denn Chebron so felsigen Boden, es heisst doch 2 Sam. 
15, 7: „Und es war nach Verlauf von vierzig Jahren, da sprach 
Absalom zum Könige: Lass mich doch gehen?'' u. s. w. Nach Hab 
Iwja, oder, wie andere sagen, nach Rabba bar bar Chanan war er 
gegangen, um Lämmer von Chebron zu holen, und wir haben die 
Ueberlieferung: Widder von Moab und Lämmer von Chebron? [Antw.: 
Gerade daraus ist es erwiesen (dass das Land felsig war), denn weil 
das Land mager war, hatte es gute Weiden und die Herden wur- 
den fett. 

98. (Fol 34 b u. 35 a.) Es heisst Num. 13, 25. 26: „Und sie 
kehrten zurück von der Auskundschaftung des Landes und gingen 
und kamen zu Mose.'* B. Jochanan hat im Namen des R. Simeon 
ben Jochai gesagt: Die Schrift vergleicht das Gehen mit dem Kom- 
men. Wie das Kommen mit bösem Bathe stattfand, so auch das 
Gehen. Es heisst ferner das. V. 27. 28: „Und sie erzählten ihm 
und sprachen: Wir sind in das Land gekommen . . .nur dass das 
Volk stark ist.'' R. Jochanan hat im Namen des B. Me!r gesagt: 
Jede Verleumdung, die in ihrem Anfange nichts Wahrhaftes hat, 
besteht auch in ihrem Ende nicht ^) 

99. (Fol. 35 a.) Es heisst Num. 13, 30: „Und Kaleb beschwich- 
tigte das Volk gegen Mose und sprach: Wohl werden wir hinauf- 
ziehen." Babba hat gesagt: Er (Kaleb) verführte sie mit Wor- 
ten,^) denn er hatte gesehen, dass sie zu Josua, der reden wollte. 



*) Eine Verleumdung, bei der nielit zuerst etwas Wahrhaftes vorgebracht 
wird, flndet keinen Glauben. 

^) D. i. er täuschte sie, indem er anfangs mit dem Volke so spracli, als ob 
er dem Murren beigestimmt hätte. 



310 ^H. Traclat Sota. 

gesprochen hatten: Das abgeschnittene Haopt^) will reden? Da 
dachte er bei sich: Wenn ich sie zurechtweise (ihnen Vorwürfe 
mache), so werden sie mir widersprechen und mir das Maul stopfen. 
Daher will ich sie gleich im Anfange zum Stillschweigen bringen 
nnd darauf werde ich sie mit Worten anlassen. Er sprach: Was 
hat nns nicht alles der Sohn 'Amrams gethan? Da alle glaubten^ 
dass er etwas Nachtheiliges (gegen Mose) sagen wOrde, so schwiegen 
sie. Darauf aber fuhr er fort: Hat er uns nicht aus Aegypten ge- 
führt , uns das Meer gespalten und uns mit dem Manna gespeist? 
Wenn er sagen würde: Machet Leitern und steiget zum Himmel 
hinauf, würden wir ihm nicht gehorchen? Wohl werden wir hinauf- 
ziehen und es in Besitz nehmen. Y. 31: „Aber die Männer, die mit 
ihm hinaufgezogen waren, sprachen: Wir können nicht gegen das 
Volk ziehen.'' R. Chanina bar Papa hat gesagt: In jenem Augen- 
blicke sprachen die Kundschafter etwas Grosses aus: „Denn es ist 

stärker als wir." Lies nicht: nrrTs, als wir, sondern: i:?:?:, als er, 

...» » » •' 

als ob selbst der Hausherr^) nicht seine Gefässe von da heraus- 
führen könnte. 

100. (Das.) Es heisst Num. 13, 32: „Das Land, das wir durch- 
zogen haben, es auszukundschaften, ist ein Land, dass seine Bewoh- 
ner Terzehrt" Baba hat vorgetragen: Der Heilige, gebenedeiet sei 
erl sprach: Ich habe es zum Guten erachtet, sie aber haben es 
für ein Unglück (Uebel) erachtet. Ich habe es zum Guten erachtet, 
denn wohin auch die Kundschafter kamen, da starb der Ange- 
sehenste von ihnen (den Bewohnern des Ortes), damit sie (durch 
das Begraben) beschäftigt sein und nicht hinter ihnen her fragen 
sollten. Manche sagen, dass Hiob starb und alle waren mit seiner 
Trauer beschäftigt Sie aber erachteten es für ein Unglück (Uebel), 
indem sie sprachen: „Das Land verzehrt seine Bewohner." Das. 
V. 33: „Und wir waren in unsem Augen wie Heuschrecken, und 
so waren wir auch in ihren Augen." Nach Rab Mescharschaja waren 
die Kundschafter Lügner. Denn, „dass wir in unseren Augen wie 
Heuschrecken waren," das war richtig; allein „dass wir in ihren 
Augen auch so waren" woher wussten sie das? Allein dem ist nicht 
so (es war keine Lüge). Bei der Bereitung der Trauermahlzeiten 
befanden sie sich nämlich unter Gedern, als nun die Kundschafter 



*) Weil er kinderlos war. 
*) Der HeiT der Welt. 



VII. Tractat Sota. 311 

sie sahen, stiegen sie auf die Bäume und da hörten sie dieselben 
sprechen: Wir sehen Menschen, welche den Heuschrecken gleichen, 
auf den Bäumen. 

Das. 14, 1: „Da erhob die ganze Gemeinde ein lautes Geschrei 
und das Volk weinte in derselben Nacht^ Nach Rabba im Namen 
des R. Jochanan war jener Tag der Vorabend des neunten im Monate 
Ab; dfir Heilige, gebenedeiet sei er! aber sprach: Sie weinen um- 
sonst (ohne Grund), ich werde euch ein dauerndes Weinen (eig. ein 
Weinen für die Geschlechter) festsetzen. Das. V. 10: „Und die 
ganze Gemeinde sprach, dass man sie steinige. Da erschien die 
Herrlichkeit des Ewigen im Stiftszelte.'' Nach R. Ghija bar Abba 
geht daraus hervor, dass sie Steine aufhoben und gegen den Aller- 
höchsten warfen. 

101. (Das.) Es heisst Num. 14, 37: „Und es starben die Männer, 
die das böse Gerttcht von dem Lande ausgebracht, durch eine Plage 
vor dem Ewigen." Nach R. Simeon ben Lakisch starben sie eines 
aussergewöhnlichen Todes. Nach R. Chanina bar Papa hat R. Schila 
vom Datteldorf e vorgetragen: Daraus geht hervor, dass ihre Zunge 
so gross wurde, dass sie auf ihren Nabel herabfiel und es krochen 
Würmer aus ihrer Zunge und drangen in ihren Nabel ein und 
von ihrem Nabel drangen sie wieder in ihre Zunge. Nach Rab 
Nachman bar Jizchak starben sie an der Bräune (angina). 

102. (Das.) Als der letzte der Israeliten aus dem Jordan herauf- 
stieg, kehrten die Wasser wieder an ihren Ort zurück, wie es heisst 
Jos. 4, 18: „Und es geschah, da heraufkamen die Priester, die 
Träger der Bundeslade des Ewigen aus dem Jordan, da entrückt 
worden die Fussballen der Priester auf das Trockene, da kehrten 
die Wasser des Jordan an ihren Ort zurück und sie flössen wie 
gestern, ehegestem über alle seine Ufer.'* Daraus geht hervor, dass 
die Lade mit ihren Trägem und die Priester auf der einen Seite 
und die Israeliten auf der andern Seite sich befanden. Darauf trug 
die Lade ihre Träger und zog hinüber, wie es heisst das. Y. 11: 
„Und es geschah, als das ganze Volk vollends hindurchgezogen, da 
zog auch die Lade des Ewigen und die Priester vor dem Volke 
her.'' Und deswegen wurde 'Usa bestraft, wie es heisst 2 Sam. 6, 6: 
„Als sie zur Tenne Nachon kamen, da streckte 'Usa seine Hand 
aus, um die Lade zu erfassen.'' Da sprach der Heilige, gebene- 
deiet sei er! zu ihm: *Usa! wenn schon die Lade ihre Träger ge- 
tragen hat, um wie viel mehr wird sie sich selbst tragen können! 



312 VII. Tractat Sota. 

Das. V. 7: ,,Und es entbrannte der Zorn des Ewigen ttber ^Usa 
und er schlug ihn daselbst um das Vergehen*' u. s. w. B. Jochanan 
und K. Eleasar sind ttber das Wort Visn verschiedener Meinung. 
Nach dem einen geschah es wegen des Irrthums,^) nach dem 
andern geschah es deshalb, weil er sein Bedttrfhiss vor ihr (der 
Lade) befriedigte. „Und er starb daselbst vor der Lade Gottes/' 
Nach R. Jochanan gelangte *Usa zur künftigen Welt, weil es heisst: 
„D'^nbK T^n« dt, mit der Lade Gottes." Wie nämlich die Lade immer 
besteht, so gelangt auch ^Usa zum künftigen Leben. Das. Y. 8: 
„Und es schmerzte David, dass der Ewige den ^Usa hinweggerafft." 
Nach R. Eleasar wurde sein Gesicht wie ein Eohlenkuchen (n'i'nnD) 
verändert Ist denn flberall, wo es in der Schrift ^n'^n heisst, das 
Wort in dieser Bedeutung zu nehmen? Sonst steht noch das Wort 
qK, Zorn, dabei, hier aber fehlt es. 

103. (Das.) Raba hat vorgetragen: Warum wurde David be* 
straft? Weil er die Worte der Thora Gesänge '(mn'^ÄT) genannt 
hat, wie es heisst Ps. 119, 54: „Gesänge sind mir deine Satzungen 
im Hause meiner Pilgrimschaft" Der Heilige, gebenedeiet sei er! 
sprach nämlich zu ihm: Du nennst die Worte der Thora, von denen 
geschrieben steht Prov. 23, 5: „Soll dein Auge darüber hinfliegen? 
Er ist nicht mehr da," Gesänge? Siehe, ich werde dich in einer 
Sache straucheln (irren) lassen, die selbst Schulkinder wissen, denn 
es heisst Num. 7, 9: „Aber den Söhnen Eehat gab er nichts, denn 
der Dienst des Heiligthums lag ihnen ob." Er aber liess sie (die 
Lade) auf einem Wagen bringen. 

104. (Fol. 35 ab.) Es heisst 1 Sam. 6, 19: „Und er schlug die 
Leute von Beth-Schemesch, weil sie die Lade des Ewigen ange- 
sehen." Weil sie die Lade angesehen, darum schlug sie Gott? R. 
Abahu und R. Eleasar sind darüber verschiedener Meinung. Nach 
dem einen mähten sie und warfen sich nieder.^) Nach dem andern 
haben sie etwas Unbesonnenes gesprochen. Sie sollen nämlich ge- 
sagt haben: Wer hat dich erbittert, dass du erbittert worden bist, 
und wer hat dich beruhigt,^) dass du beruhigt worden bist? „Und 
er schlug 50070 Mann." B. Abahu und R. Eleasar sind (auch) 
darüber verschiedener Meinung. Nach dem einen waren es 70 Mann, 



1) ^t,(^ == Imhuin. 

*) Sic stellten ihre Arbeit bei der Ankunft der Lade nicht ein. 

*) Nach einer andern LA.: "|Sp MTIK ]MS% wer ist über dich gekommen. 



VII. Tiactat Sota. 313 

von denen jeder einzelne aber 50000 aufwog, nach dem andern 
aber waren es 50000 Mann, von denen jeder einzelne gleich den 
70 Mitgliedern des Sjnedriams wog (an Bedeutung war). 

105. (FoL 35b.) Es heisst 2 Sam. 6, 13: „Und es geschah, 
wenn die Tr&ger der Lade des Ewigen sechs Schritte thaten, 
schlachtete er einen Stier und ein Mastvieh ,'' dagegen 1 Chron. 
15, 26 heisst es: „Er opferte sieben Farren und sieben Widder?'* 
Bab Papa bar Samuel hat gesagt: (Er opferte) auf jeden einzelnen 
Schritt einen Stier und ein Mastvieh, auf je sechs Schritte aber sieben 
Farren und sieben Widder. Da sprach Rah Ghisda zu ihm: Wenn 
dem so ist, so machst du das ganze Land Israel mit Anhöhen (Al- 
tären) voll, daher erklärt Rah Chisda so: Auf je sechs Schritte 
einen Stier und ein Mastvieh und auf je sechs Reihen von sechs 
Schritten sieben Farren und sieben Widder. Einmal heisst es 1 Chron. 
13, 9: („Zur Tenne) Eidon,'' und einmal wieder heisst es 2 Sam. 6, 6: 
{„Zur Tenne) Nachon?'' R. Jochanan hat gesagt: Anfangs richtete 
sie (die Bundeslade) Verderben (pT^D) an,^) später aber war sie 
wohlbesteUt (pD^).^) 

Daraus kannst du erweisen, dass es drei verschiedene Arten 
von Steinen gab, eine (Art), welche Mose im Lande Moab errich- 
tete, wie es heisst Deut 1, 5: „Diesseits des Jordan im Lande Moab 
begann Mose (jenes Gesetz) zu erklären (^N^).'' Anderswo (das. 27, 8) 
aber heisst es: „Und schreibe auf sie (diese Steine) alle Worte dieser 
Thora.*' Wie das Wort ^ki hier aufzufassen ist, so ist es auch 
dort aufzufassen. Die andere (Art) errichtete Josua im Jordan, wie 
es heisst Jos. 4, 9: „Und zwölf Steine richtete Josua mitten im 
Jordan auf.'' Die dritte richtete er in Gilgal auf, wie es heisst 
das. y. 20: „Und diese zwölf Steine, welche sie aus dem Jordan 
genommen, richtete Josua in Gilgal auf.'* 

106. (Das.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Wie schrieben die 
Israeliten die Thora nieder? Nach R. Jehuda schrieben sie dieselbe 
auf Steine, wie es heisst Deut 27, 8: „Und schreibe auf Steine alle 
Worte dieser Thora auf.'' Nachher Aberzog man dieselben mit Kalk. 
Da wandte ihm aber R. Simeon ein: Wie konnten nach deiner An- 



J) Durch den Tod *Ußa'ß. 

') D. i. sie braclite in das Haus des Obed Edom Segen. Nach Raschi hat 
Menacbem bar Clielbo gelesen und erklärt: Anfangs war sie festgegrundet (fO^)» 
zuletzt aber war sie zerstört. 



314 Vn. Tractat Sota. 

sieht die Völker jener Zeit die Thora lernen? worauf dieser ihm 
antwortete: Der Heilige, gebenedeiet sei er! verlieh ihnen grossen 
Verstand, dass sie ihre Schreiber (Notare) sandten, welche den Kalk 
Umschalten nnd so es übertrügen. In diesem Augenblicke wurde 
der Gerichtsbeschluss Aber die Völker der Welt für die Grube des 
Verderbens besiegelt, denn sie konnten die Thora lernen, sie haben 
aber nicht gelernt Nach R. Simeon Bchrieben sie dieselbe auf den 
Kalk und schrieben für sie nach unten ^) die Worte Deut 20, 18: 
„Auf dass sie euch nicht lehren zu thun, wie all' ihre GräueL'^ 
Daraus kannst du lernen: Wenn sie in Busse umkehren, so werden 
sie aufgenommen. Raba bar Schila hat gesagt: Was ist der Grund 
der Meinung des B. Simeon, da es heisst Jes. 33, 12: „Und Völker 
werden zu Kalk verbrannt ?'' Nämlich wegen des Kalkes (auf dem 
das Gesetz geschrieben war). B. Jehuda dagegen erklärte n*^D im 
Sinne von n*^D^: Wie der Kalk zu nichts anderem als nur zum Ver- 
brennen geeignet ist, so sind auch jene Völker zu nichts anderem als 
nur zum Verbrennen geeignet 

107. (Fol. 36a.) Komm und sieh, wie viele Wunder sieb 
an jenem Tage ereigneten! Die Israeliten überschritten den Jordan 
und kamen an den Berg Garizim und Ebal, die doch mehr als 
60 Mil entfernt sind, und kein Geschöpf vermochte vor ihnen zu 
bestehen, und wer vor ihnen bestehen wollte,^ der bekam sofort 
Diarrhoe, wie es heisst Ex. 23, 27: „Meinen Schrecken werde ich 
vor dir hersenden und verwirren alles Volk, zu dem du kommst'' 
u. s. w.; ferner heisst es das. 15, 16: „Es soll über sie Schrecken 
und Angst fallen... bis hinübergezogen dein Volk, Ewiger.'' „Es 
soll über sie Schrecken und Angst fallen," das geht auf das erste 
Kommen (in den Tagen Josua's), „bis hinübergezogen dein Volk, 
das du dir erworben," das geht auf das zweite Kommen (in den 
Tagen Esra's). Daraus kannst du schliessen, dass die Israeliten 
würdig waren, dass ihnen beim zweiten Kommen dasselbe Wunder 
geschehen sollte, wie beim ersten Kommen, allein ihre Sünde zog 
ihnen zu (dass es nicht der Fall war).^)^ Nachher brachten sie 
Steine herbei, erbauten den Altar und überzogen denselben mit 
Kalk und schrieben darauf alle Worte der Thora in 70 Sprachen, 
wie es heisst Deut 27, 8: „Und schreibe auf die Steine alle 

*) Am Ende der Seite. 

■) Der es mit ihnen aufbehmen wollte. 

') Dass sie nur mit Erlaubniss des Cyrus hinaufziehen sollten. 



VII. Tractat Sota. 315 

Worte dieser Thora deutlich und gut (aö-^rt »nKi)." Und sie brach- 
ten Brand- und Friedensopfer dar und assen und tranken, freuten 
sich, sprachen die Segens- und Fluchformeln, nahmen die Steine zu- 
sammen, kamen und übernachteten in Gilgal, wie es heisst Jos. 4, 3: 
„Und fahret sie hinüber mit euch und leget sie hin in dem Nachtlager.** 
Da könnte ich glauben: In jedem Nachtlager, darum heisst es: „Wo 
ihr die Nacht übernachten werdet" Ferner heisst es das. V. 20: „Und 
diese zwölf Steine, welche sie aus dem Jordan genommen, richtete 
Josua in Gilgal auf.'* Es ist überliefert worden: Die Hornisse zog 
nicht mit ihnen hinüber (über den Jordan). Nicht? Es heisst doch 
Ex. 23, 28: „Und ich werde die Hornisse vor dir^ hersenden?" R. 
Simeon ben Lakisch hat gesagt: Sie stand am Ufer des Jordan 
und warf unter sie Gift, blendete ihre Augen oben und castrirte sie 
von unten, wie es heisst Amos 2, 9: „Und ich vertilgte die Emo- 
riter vor ihnen, dessen Höhe gleich der Höhe der Cedem, und 
mächtig war er wie Terebinthen, und ich tilgte seine Frucht von 
oben und seine Wurzel von unten." Nach Rah Papa gab es zwei 
Arten von Hornissen, eine zur Zeit Mose's und eine zur Zeit Josua's; 
die zur Zeit Mose's zog nicht mit hinüber, die zur Zeit Josua's aber 
zog mit hinüber. 

108. (Fol. 36ab.) Was heisst Jos. 8, 33 das Wort: „rstnrti, 
und die eine Hälfte von ihm?" Bab Kahana hat gesagt: Nach der 
Ordnung (Weise), wie sie hier vertheilt waren, waren sie auch auf 
den Steinen des Ephods (Brustschildes) vertheilt. Einwand: (Es heisst 
in einer Boraitha:) Der Hohepriester hatte zwei Edelsteine auf seinen 
Schultern, einen auf dieser (auf der rechten) und einen auf jener (auf 
der linken) Schulter, und es waren die Namen der zwölf Stämme darauf 
geschrieben, sechs auf dem einen und sechs auf dem andern Steine, 
wie es heisst Ex. 28, 10: „Sechs ihrer Namen auf den einen Stein 
und die Namen der sechs übrigen auf den andern Stein nach ihrer 
Geburtsfolge." Die zweite nach ihrer Geburtsfolge, die erste aber 
nicht nach ihrer Geburtsfolge, weil Jehuda vorangestellt war. Fünfzig 
Buchstaben waren es im Ganzen, 25 auf dem einen und 25 auf 
dem andern Steine. Nach R. Ghanina ben Gamliel waren sie nicht 
nach der Ordnung (Weise), wie sie in Numeri vertheilt sind, auf den 
Steinen des Ephod vertheilt, sondern sie waren nach der Ordnung 
(Weise), wie sie im 2. Buche des Pentateuch vertheilt sind. Wie so? 
Die Söhne der Lea waren nach ihrer Reihenfolge, von den Söhnen 
der Rachel aber stand der eine auf diesem, der andere auf jenem 



316 VII. Traclat Sota. 

Steine, die Söhne der Mägde befanden sich in der Mitte. Allein 
wie halte ich das Wort: ,,Nach ihrer Geburtsfolge*' aufrecht? Ant- 
wort: Nach den Namen, mit denen sie ihr Vater (Jacob) bezeichnet, 
nicht aber nach den Namen, mit denen sie Mose bezeichnet hat, 
nämlich Raben and nicht Rabeni, Simeon und nicht Simeoni, Dan 
und nicht Dani, Gad and nicht GadL Das ist eine Widerlegung 
des Rah Eahana, und bleibt daher eine Widerlegung.^) Was be- 
deutet nun aber: „i'^stnm, und die eine Hälfte von ihm?'' Es ist ge- 
lehrt worden: Die Hälfte gegen den Berg Garizim war grösser als 
die Hälfte des Berges Ebal, weil der Stamm Levi unten war.^) 
Im Gegentheil, weil der Stamm Levi unten war, so waren die, 
welche auf dem Berge Garizim standen, an Zahl geringer. Allein 
so ist's gemeint: Obgleich der Stamm Levi unten war, so waren doch 
die Söhne Josephs bei ihnen, wie es heisst Jos. 17, 14. 15: „Und 
es redeten die Söhne Josephs zu Josua: Warum hast du mir als 
Erbe ein Loos und einen Theil gegeben, da ich doch viel Volks 
bin? Und Josua sprach zu ihnen: Wenn du viel Volks bist, so gehe 
hinauf in den Wald.'' Er sprach nämlich zu ihnen: Geht und ver- 
berget euch in den Wäldern, damit nicht der böse Blick (der Neid) 
in euch Gewalt gewinne. Sie antworteten ihm: Beim Samen Josephs 
hat der böse Blick (der Neid) keine Gewalt, denn es heisst Gen. 
49, 22: „Ein fruchtbares Reis ist Joseph, ein fruchtbares Reis bei 
dem Auge." R. Abahu hat gesagt: Lies nicht: 1*^9 '^'b:^, bei dem 
Auge, sondern: i*^:^ -^bir, sie steigen (d. i. sie herrschen) über das 
Auge.') R. Josse bar Ghanina bringt den Beweis von hier (das. 
48, 16): „Und sie mögen werden wie die Fische zur Menge in- 
mitten des Landes." Wie nämlich die Fische im Meere die Wasser 
bedecken, so dass das Auge keine Gewalt Aber sie hat, so hat auch 
das Auge keine Gewalt über Josephs Samen. 

Oben heisst es: Es waren (auf den Tafeln) 50 Buchstaben, 
es sind doch aber nur 50, weniger einen? Nach R. Jizchak war 
dieser eine Buchstabe Joseph hinzugefügt worden, wie es heisst Ps. 
81, 6: „Als Zeugniss in Jehoseph (qDin'^^) setzte er ihn ein, da er 
auszog gegen das Land Aegjpten." Da hielt ihm aber Rah Nachman 



^) D. i. sie kann nicht beseitigt werden. 

') Die Aeltesten der Priester und die Leviten wai'en mit Aaron zwischen 
den beiden Bergen im Thale. 

') Das Auge aber hat keine Gewalt aber sie. 



VII. Tractat Sota. 317 

bar Jizchak ein: Es heisst doch: ,,Nach ihrer Gebortsfolge'' (d. U 
nach den Namen, wie sie ihnen ihr Vater gegeben hat)? Allein 
überall in der Thora steht '{12'^^^ defective (ohne '^) geschrieben, 
hier aber stand er plene (iT^'^rta) geschrieben, sowie es heisst Oen. 
30, 18: „Und sein Vater nannte ihn •)'»?3''3a." 

109. (Fol. 36 b.) Rah Ghana bar Bisna hat im Namen des R. 
Simeon des Frommen gesagt: Weil Joseph den Namen Gottes im 
Geheimen heiligte, so wurde ihm ein Buchstabe ans dem Namen des 
Heiligen, gebenedeiet sei er! hinzugefügt; dagegen Jehuda, weil er 
den Namen Gottes öffentlich heiligte, wurde der ganze Gottesname 
einverleibt. Betreffs Josephs, was hat es für ein Bewandtniss? Es 
steht geschrieben Gen. 39, 11: „Da geschah es eines Tages, dass er in 
das Gemach kam, seine Arbeit zu verrichten?" R. Jochanan hat ge- 
sagt: Daraus geht hervor, dass beide beabsichtigt hatten, eine Sünde 
zu begehen. Ueber die Worte: „Und er kam in das Gemach, seine 
Arbeit zu verrichten,*' sind Rah und Samuel verschiedener Meinung. 
Nach dem einen wollte er wirklich seine Arbeit verrichten, nach dem 
andern aber ging er zur Verrichtung seiner Bedürfnisse hinein. „Nie- 
mand von den Leuten des Hauses war dort im Gemache.'' Ist es 
denn möglich, dass in einem so grossen Hause, wie das Haus jenes 
Frevlers war, niemand da war? In der Schule des R. Ismael ist 
gelehrt worden: Jener Tag war ihr (der Aegypter) Festtag und alle 
gingen zum Hause ihres Götzen, sie aber sprach zu ihnen (d. i. 
ihren Hausgenossen), dass sie krank wäre. Sie dachte nämlich: 
Giebt es wohl einen Tag, an dem ich mich mit Joseph so vereinen 
kann, wie an diesem Tage (weil niemand zu Hause ist)? Das. V. 12: 
„Und sie erfasste ihn bei seinem Kleide und sprach: Lege dich zu 
mir!" Nach einer Ueberlieferung geht daraus hervor, dass sie beide 
nackt in das Bett stiegen.^) In diesem Augenblicke kam zu ihm 
das Bild (die Gestalt) seines Vaters und erschien ihm vor dem 
Fenster, rufend: Joseph! einst werden deine Brüder auf die Steine 
des Ephod aufgeschrieben werden und du unter ihnen, willst da 
denn, dass dein Name unter ihnen weggelöscht werden soll und du 
ein Hirt der Bnhldirnen genannt wirst, wie es heisst Prov. 29, 3: 
„Ein Hirt der Buhldimen verschwendet sein Gut?" „Sofort ging 
sein Bogen in der Stärke zurück" (Gen. 49, 24). Das will nach R. 
Jochanan im Namen des R. Melr sagen, dass sein Bogen') in seiner 

1) So nach dem *£q Jacob. Die Worte dürfen nicht fehlen. 
<) D. i. sein Zeugungsglied. 



318 ^'^^' Tractat Sota. 

Lage zurtjlckging and die Arme seiner Hände worden gestärkt. Er 
steckte seine Hände in die Erde and es ging ihm der Samen 
zwischen den Nägeln seiner Hände durch. ,,Aas der Hand des 
gewaltigen Jacob/' Wer anders zog es ihm zu, dass er (sein Name) 
auf die Steine des Ephod eingegraben wurde, als y4er gewaltige 
Jacob!'' „Von da ist der Hirt des Steines Israels'' d. i. von daher 
hat Joseph es verdient, dass er zum Hirten Israels gemacht wurde, 
wie es heisst Ps. 80, 2: „Hirt Israels, horch auf! der du wie Schafe 
Joseph leitest."^) Wir haben die Ueberlieferung: Joseph wäre wür- 
dig gewesen, zwölf Stämme von sich hervorgehen zu lassen, wie 
sie von seinem Vater Jacob hervorgegangen sind, wie es heisst Gen. 
37, 2: „Dies sind die Nachkommen Jacobs: Joseph;" aber weil ihm 
der Same zwischen den Nägeln seiner Hände durchging (so wurde 
ihm dieses Glfick nicht zu Theil). Dennoch sind sie von seinem 
Bruder Benjamin hervorgegangen, und alle sind nach seinem (Josephs) 
Namen benannt worden, denn es heisst das. 46, 21: „Und die Söhne 
Benjamins: Befa und Becher und Aschbel" n. s. w. Befa (s^bn) 
hiess er, weil er von den Völkern verschlungen worden ist (:?V33t:), 
und Becher ("nDa). weil er der Erstgeborne ("rnDta) seiner Mutter 
war, und Aschbel (bn^K), weil ihn Gott in Gefangenschaft gerathen 
liess (bN ita^c), Gera («la), weil er in der Fremde wohnte (^a«), 
und Naaman (')723^3), weil er sehr schön (D'^a^DiB) war, Echi und 
Bosch (uJNm "^nN) d. i. er ist mein Bruder («in •^n«) und mein 
Haupt (Kirt •^««'i), Muppim und Chupplm (D'»Dim D'^bit:) d. i. er 
sieht nicht meine Hochzeit ('^n&nn) und ich sehe nicht seine Hoch- 
zeit (nnEi-in),^ und Ard (i^h\ das soll nach manchen andeuten, dass 
er unter die Völker der Welt herabstieg (n^'^'X), nach andern aber 
will es sagen, dass sein Antlitz der Rose (i^iib) glich. 

110. (Das.) R. Chija bar Abba hat im Namen des R. Jochanan 
gesagt: In der Stunde, da Pharao zu Joseph sprach Gen. 41, 44: 
„Ich bin Pharao, aber ohne dich soll keiner seine Hand und seinen 
Fuss heben im ganzen Lande Aegjpten," sprachen die Astrologen 



*) Raschi: Israel lieisst hier Joseplis Hcei*de. 

*) Nach cinei* Deutung hiess der andere deshalb D^Bin, weil er aus seiuem 
Munde (Worte der) Weisheit uud Einsicht heiTorbraclite, oder weil er sich auf 
die Deutung der Träume verstand (niOi^Pl nm W ru»ai noan »Bö K»tlO»). 
Kach der Erklärung Tanchuma's soll der Name andeuten, dass sein Mund dem 
Munde Jacobs, seines Vaters glich, liinsichtlich der Halachoth, die er von Sehern 

und Eber erhalten (najn DtTö Saptr niaSna 1»aK apj?» »M \^t n»n»). 



VII. Tractat Sota. 319 

Pharao's: Willst dn einen Sclaven, den sein Herr für 20 Silberlinge 
gekauft hat, Aber ans herrseben lassen? Pharao antwortete ihnen: 
Ich sehe königliche Eigenschaften in ihm. Darauf hielten sie ihm 
ein: Wenn dem so ist, so muss er siebzig Sprachen kennen. Darauf 
Pharao: Wenn dem so ist, so will ich ihn morgen auf die Probe 
stellen.^) Während der Nacht kam Gabriel und lehrte ihn siebzig 
Sprachen, aber er konnte sie nicht bewältigen. Da ffigte er ihm 
{seinem Namen) einen Buchstaben aus dem Namen des Heiligen, ge- 
benedeiet sei er! hinzu und so lernte er sie, wie es heisst Ps. 81, 6: 
„Als Zeugniss in Jehoseph (qoin'^n) setzte er ihn ein, da er auszog 
gegen das Land Aegypten. Die Sprache, die ich nicht gekannt, 
hörte ich.*' Am nächsten Morgen antwortete er Pharao in jeder 
Sprache, in welcher derselbe ihn anredete. Endlich fing Joseph in 
der heiligen Sprache zu reden an, Pharao aber wusste nicht, was 
er zu ihm sprach. Pharao fragte ihn: Was ist das für eine Sprache? 
Joseph sprach: Das ist die heilige Sprache. Darauf Pharao: Lehre 
mich dieselbe. Joseph versuchte, sie ihn zu lehren, aber er 
lernte (begriff) sie nicht Deshalb sprach Pharao zu ihm: Schwöre 
mir, dass du das niemand offenbaren (entdecken) willst Joseph 
schwur ihm. Als ihm aber Joseph sagte Gen. 50, 5: „Mein Vater 
hat mich schwören lassen,'* sprach er zu ihm: Geh und bitte um die 
Lösung deines Schwures. Darauf Joseph: So will ich auch um die 
Lösung deines Schwures bitten (durch den ich dir verpflichtet bin). 
Daher sprach Pharao, obgleich es ihm nicht lieb war, zu ihm das. 
V. 6: „Ziehe hinauf und begrabe deinen Vater, sowie er dich hat 
schwören lassen." 

111. (Fol. 36 b. u. 37 a.) Woher lässt sich beweisen, dass Je- 
huda den Namen Gottes öffentlich geheiligt hat? Nach einer Ueber- 
lieferung soll R. Melr gesagt haben: Als die Israeliten am Meere 
standen, stritten die Stämme miteinander, dieser sprach: Ich steige 
zuerst hinab ins Meer und jener sprach: Ich steige zuerst hinab 
ins Meer! Da sprang plötzlich der Stamm Benjamin herbei und 
stieg zuerst hinab ins Meer, wie es heisst Ps. 68, 28: „Dort war 
Benjamin, der jüngste, ihr Herrscher." Lies nicht Dni"i, ihr Herrscher, 
sondern d;^ i'n, der (zuerst) ins Meer stieg. Die Fürsten Jehudas 
aber warfen sie mit Steinen, wie es heisst das.: „Die Fürsten 
Jehudas warfen mit Steinen nach ihnen (DnTsri^). Deshalb verdiente 

*) Diese Worte felilen in unseren Ausgg. 



320 VII. Tractat Sota. 

der gerechte Benjamin, der Wirth Gottes zu werden,^) wie es heisst 
Deut. 33, 12: ,,Und zwischen seinen Schultern wohnt er.'' R. Je- 
hnda warf ihm ein: Die Sache verhielt sich nicht so, sondern dieser 
Stamm sagte: Ich steige nicht zuerst hinah ins Meer und jener 
Stamm sagte: Ich steige nicht zuerst hinah ins Meer. Da sprang 
plötzlich Nachschon, Sohn Amminadab's herbei und stieg zuerst 
hinab ins Meer, wie es heisst Hos. 12, 1: „Umgeben haben mich 
mit Lüge Ephraim und mit Täuschung das Haus Israels, da Jehuda 
noch mit Gott hinabstieg." Darauf bezieht sich der Vers in der Eab- 
balah^) Ps. 69, 2. 3. 16: „Hilf mir, o Gottl denn es dringen mir 
die Wasser ans Leben; ich versinke im Schlamm der Tiefe und es 
ist kein Standort .... nicht ströme Aber mich hinweg die Wasser- 
fluth und nicht verschlinge mich die Tiefe'' u. s. w. In diesem 
Augenblicke verweilte Mose lange im Gebete. Da sprach der Hei- 
lige, gebenedeiet sei er! zu ihm: Meine Lieblinge versinken im 
Wasser, und du verweilst vor mir lange im Gebet? Herr der Weltl 
versetzte Mose, was kann ich thun? Darauf sprach Gott (mit Ex. 
14, 15. 16: ,iRede zu den Kindern Israels, dass sie aufbrechen^ 
und du erhebe deinen Stab und strecke deine Hand aus gegen das 
Meer" u. s. w. Daher war Jehuda würdig, die Herrschaft über 
Israel auszuüben, wie es heisst Ps. 114, 2: „Da ward Jehuda zu 
seinem Heiligthum, Israel seine Herrschaft" Warum? Weil das 
Meer sah und (vor Jehuda) floh. 

112. (Fol. 37a.) Nach einer Ueberlieferung soll B. Elieser ben 
Jakob gesagt haben: Es ist unmöglich zu sagen, dass (der Stamm) 
Levi unten (im Thale zwischen Garizim und Ebal) sich befand, denn 
es heisst doch ausdrücklich, dass er oben stand, und wiederum ist 
es unmöglich zu sagen, dass er oben stand, da es doch ausdrück- 
lich heisst, dass er unten sich befand. Wie so? Die Aeltesten der 
Priesterschaft und die Leviten befanden sich unten und die Uebrigen 
waren oben. Nach R. Josia befanden sich alle, die zum Dienst würdig 
waren, unten und die Uebrigen standen oben. Nach Rabbi standen 
sowohl diese wie jene unten, sie wandten aber ihr Antlitz nach dem 
Berge Garizim bei Beginn der Segnungen und sie wandten ihr Ant- 
litz nach dem Berge Ebal bei Beginn der Flüche. Was heisst 



>) Der Tempel lag in seinem Gebiete. Vergl. Megilla Fol. 26a. 
2) Die Propheten und Hagiograplien werden im Talmud „Kabbala** (Ueber- 
liefenmfj) genannt. 



VII. Tractat Sota. 321 

Deut. 27, 12 das Wort by? Antw,: Soviel als ^nron, nahe daran. 
Sowie gelehrt worden ist Lev. 24, 7 : „Und lege auf (by) jede Schicht 
lauter Weihrauch,*'^) was nach Rabbi sagen will: In die Nähe 
(nahe daran). Du sagst: Das Wort b:^ bezeichnet soviel wie: Ti720t3, 
in die Nähe (nahe daran), vielleicht bedeutet aber br wirklich 
soviel wie: über? Da es aber heisst Ex. 40, 3: „Und decke über 
die Lade den Vorhang,'* so ist daraus bewiesen, dass b:^ soviel wie: 
^iros, in die Nähe (nahe daran) bezeichnet") 

113. (Fol. 37 ab.) Es heisst in der Mischna: Sie wandten ihr 
Antlitz nach dem Berge Garizim bei Beginn der Segnungen. Unsere 
Kabbinen haben gelehrt: Man sprach den Segen im Allgemeinen und im 
Speciellen und auch den Fluch im Allgemeinen und im Speciellen, 
um zu lernen, zu lehren, zu beobachten und zu thun. Siehe das 
sind vier, vier und vier aber giebt acht, acht und acht aber giebt 
sechzehn. So war es auch beim Sinai und so im Gefilde Moab's, 
wie es heisst Deut 28, 69: „Das sind die Worte des Bundes, den 
der Ewige dem Mose geboten," und das. 29, 8: „Und ihr sollt be- 
obachten die Worte dieses Bundes und sie ausüben.'* Daraus folgt, 
dass 48 Bündnisse über jedes einzelne Gebot geschlossen worden 
sind. R. Simeon nimmt den Berg Garizim und den Berg Ebal aus 
und setzt dafür das Versammlungszelt in der Wüste. Diese Contro- 
verse gleicht der zwischen folgenden Tannaiten, denn nach einer 
Ueberlleferung hat R. Ismael gesagt: Auf dem Berge Sinai sind nur 
die allgemeinen Regeln gegeben (gesagt) worden, die speciellen sind 
im Versammlungszelte gegeben worden. Nach R. Akiba sind so- 
wohl die allgemeinen wie die speciellen Regeln auf dem Sinai ge- 
geben worden, aber sie sind sodann im Versammlungszelte wiederholt 
und endlich im Gefilde Moabs zum dritten Mal gesagt worden. Ueber- 
haupt giebt es kein Gebot in der Thora, über welches nicht 48 Bündnisse 
geschlossen worden sind. R. Simeon ben Jehuda vom Dorfe Acco hat 
im Namen des R. Simeon gesagt: Es giebt kein Gebot in der Thora, 
über welches nicht 48 Bündnisse von 603 550 Männern geschlossen 
worden sind. Rabbi hat gesagt: Aus der Meinung des R. Simeon 
ben Jehuda vom Dorfe Acco, welcher im Namen des R. Simeon ge- 



*) D. i. nahe daran, man brauclite den Weihrauch nicht auf die Schaubrote, 
sondern blos in ihre Nähe niedei'zulegen. Vergl. Menach. Fol. 98a. 

') Man deckte den Vorhang nicht auf oder über, sondern nahe an die 
Buudeslade. 

Wünsche, Der babylonische Talmnd. 21 



322 ^'^* Traclat Sola. 

sagt hat, folgt, dass es kein Gebot in der Thora giebt, Aber welches 
nicht 48 Bündnisse von 603 550 Männern geschlossen worden sind 
{da jeder einzelne Israelit für 603 550 verantwortlich ist). Was 
ist für ein Unterschied zwischen diesen beiden Ansichten? Rah 
Mescharscheja hat gesagt: Sie streiten darüber, ob jeder Israelit 
für die Bürgschaft des andern bürgen moss, oder nicht 

114. (Fol. 37b.) R. Jehuda bar Nachmani, der Dolmetscher des 
R. Simeon ben Lakisch, hat vorgetragen: Der ganze Abschnitt (der 
Segnungen und Flüche Dent 27 o. 28) ist nur mit Rücksicht auf 
den Ehebrecher and die Ehebrecherin gegeben worden. Es heisst 
Deut 27, 15: „Verflucht sei der Mann, der ein gehauenes oder ge- 
gossenes Bild machen wird." Genügt denn für einen solchen (als 
Strafe) der Fluch? Daher bezieht sich der Fluch nur auf den, 
welcher Unzucht treibt und einen Sohn zeugt, welcher dann Götzen- 
dienst treibt (Da spricht Gott:) Verflucht sollen sein der Vater 
und die Mutter dieses (Menschen), denn sie haben es ihm zuge- 
zogen. ^) 

115. (Fol. 38a.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: Es 
heisst Num. 6, 23: „Also sollt ihr die Kinder Israels segnen," näm- 
lich mit dem unaussprechlichen Gottesnamen ()&^*iC7sn D^). Du 
sagst: Mit dem unaussprechlichen Gottesnamen, oder vielleicht mit 
•einem seiner Attribute? Daher heisst es das. V. 27: „Und sie sollen 
legen meinen Namen auf die Kinder Israels" d. L meinen nur mir 
speciell eigenen Namen. Da könnte ich glauben: Auch in den Ge- 
bieten (d. L ausserhalb des Tempels)? Hier heisst es: ,,Und sie sollen 
legen meinen Namen," und dort heisst es auch: „Um zu legen 
meinen Namen," also wie dort der Tempel (eig. das Haus der Wahl) 
gemeint ist, so ist auch hier der Tempel gemeint R. Josia sagt: 
Eine Schlussfolgerung aus der Wortanalogie ist nicht nöthig, siehe 
•es heisst doch Ex. 20, 21: „An jedem Orte, wo ich meinen Namen 
•erwähnen lassen werde, will ich zu dir kommen." Kannst du denn 
■glauben: An jedem Orte? Allein der Vers ist versetzt (der Sinn 
ist): An jedem Orte, wo ich zu dir kommen und dich segnen werde, 
^a will ich meinen Namen erwähnen lassen. Wo will ich zu dir 
kommen und dich segnen? Im Tempel, da will ich meinen Namen 
erwähnen lassen (aber ausserhalb desselben nicht). 

116. (Fol. 38 b.) R. Josua ben Levi hat gesagt: Woher lässt 



^) Sie sind die Urheber des Gotcendieners geworden. 



VII. Tractat Sola. 323 

sich beweisen, dass der Heilige, gebenedeiet sei er! den Segen der 
Priester begehrt? Weil es heisst Num. 6, 27: „Und sie sollen 
meinen Namen auf die Kinder Israels legen, nnd ich werde sie 
segnen.'* 

R. Josna ben Levi hat femer gesagt: Jeder Priester, welcher 
segnet, wird gesegnet, und der, welcher nicht segnet, wird nicht ge- 
segnet, denn es heisst Gen. 12, 3: „Und ich werde segnen, die dich 
segnen. 

R. Josna ben Levi hat femer gesagt: Jeder Priester, welcher 
nicht auf den Dnchan hinanfjgeht, übertritt die drei Gebote: 1) „So 
sollt ihr segnen ,*' 2) „sprich zn ihnen," nnd 3) „sie sollen meinen 
Namen legen." ^) 

117. (Das.) K. Josna ben Levi hat ferner gesagt: Man giebt den 
Becher, Aber welchen der Fischsegen gesprochen werden soll, nur 
einem wohlwollenden Auge, denn es heisst Prov. 22, 9: „Wer wohl» 
wollenden Auges ist, wird gesegnet, denn er giebt von seinem Brote 
dem Armen." Lies nicht: ^il^'j, er wird gesegnet, sondem: ^^*y, 
er segnet 

B. Josna ben Levi hat ferner gesagt: Woher lässt sich be- 
weisen, dass selbst die Vögel erkennen, wer missgünstigen Auges 
ist? Weil es heisst das. 1, 17: „Denn ohne Ursache wird das Netz 
ausgespannt vor den Augen aller Befiederten." 

R. Josna ben Levi hat femer gesagt: Wer einen Genuss 
(Nutzen) von einem missgünstigen Auge hat, übertritt ein Verbot 
(iKb), denn es heisst das. 23, 6. 7: „Iss nicht das Brot des Miss- 
günstigen und lass dich nicht gelüsten nach seinen Leckereien; denn 
wie einer, der etwas erwägt, wo es ans Leben geht, so ist er. Iss 
und trink! spricht er zu dir, aber sein Herz ist nicht bei dir." 
Nach Rab Nachman bar Jizchak übertritt ein solcher sogar zwei 
Verbote (vikV), n&mlich V. 6: „Dnbn b«, iss nicht das Brot" und: 
„n-iKnn Vmi, und lass dich nicht gelüsten. 

R. Josna ben Levi hat ferner gesagt: Jener Fall mit dem Kalbe, 
welchem das Genick gebrochen wird, ereignet sich nur wegen eines 
missgünstigen Auges, denn es heisst Deut. 21, 7: „Und sie sollen 
anheben nnd sprechen: Unsre Hände haben dieses Blut nicht ver- 
gossen." Konnte denn einem von uns in den Sinn kommen, dass 
die Aeltesten des Gerichtshofes Blut vergiessen? Daher ist der Sinn 

») Vcrgl. Num. 6, 23 u. 27. 

21» 



324 ^^'' Tractat Sota. 

der Stelle: (Wir bezeugen), dass er (der Erschlagene) nicht zu uns 
gekommen ist und wir ihn nicht ohne Speise entlassen und ihn 
nicht gesehen und nicht unbegleitet gelassen haben. 

118. (Fol. 39a.) Raba bar bar Huna hat gesagt: Wenn das 
Gesetzbuch zum Lesen darin geöffnet wird, darf man selbst eine 
Rechtssache nicht besprechen, denn es heisst Nechem. 8, 5: „Und 
wie er (Esra) es (das Gesetzbuch) öffnete, stand alles Volk.'' Unter 
HT^T^y, stehen, ist nichts anderes als rtp"<n©, schweigen zu ver- 
stehen, denn es heisst Hj. 32, 16: „Und ich wartete, ob sie nicht 
reden würden; da sie nun aufhörten (eig. standen) und nicht mehr 
antworteten.'* R. Sera nimmt im Namen des R. Ghisda den Beweis 
aus Nechem. 8, 3: „Und die Ohren des ganzen Volkes waren auf das 
Gesetzbuch gerichtet'' 

119. (Fol 39 a.) Die Schüler fragten den R. Elieser ben Scham- 
mua: Wodurch hast du ein so hohes Alter erreicht (eig. deine Tage 
80 verlängert)? Er antwortete ihnen: Ich habe mich niemals des 
Versammlungshauses (der Synagoge) als eines Durchganges bedient, 
nie bin ich über die Häupter des heiligen Volkes hinweggeschritten 
und niemals habe ich meine Hände erhoben, ohne zu segnen. Wel- 
chen Segen spricht er (der Priester)? Nach R. Sera im Namen des 
Rab Ghisda: Der uns geheiligt hat mit der Heiligkeit Aarons und 
uns befohlen, sein Volk Israel in Liebe zu segnen. Und wenn er 
sich anschickt hinauf zu gehen (um das Volk zu segnen), was spricht 
er da? Möge es dir gefallen. Ewiger unser Gott! dass in diesem 
Segen, welchen du uns befohlen hast, damit dein Volk Israel zu 
segnen, nicht sei ein Anstoss oder eine Sünde. 

120. (Fol. 39b u. 40a.) Raba hat gesagt: Bar Ahina hat mir 
zu verstehen gegeben: Wenn es heisst Deut. 13, 5: „Dem Ewigen, 
euerm Gotte, sollt ihr nachwandeln," so meint man: zur Zeit, wo 
die Priester das Volk segnen. Was sagt das Volk? Nach R. Sera 
im Namen des R. Ghisda sagt es die Verse Ps. 103, 20 — 22: 
„Preiset den Ewigen, ihr seine Engel, Helden der Kraft seines Wortes 
. . . preiset den Ewigen ihr seine Heere, seine Diener, Vollstrecker 
seines Willens . . . preiset den Ewigen, ihr all seine Werke in 
allen Orten seiner Herrschaft Preise, meine Seele, den Ewigen.'' 
Beim Mussaf (Znsatzgebet) des Sabbaths, was sagt da das Volk? Nach 
B. Assi sagt es die Verse Ps. 134, 1. 2: „Stufenlied: Wohlan, preiset 
den Ewigen, all ihr Knechte des Ewigen . . . erhebet eure Hände 
zum Heiligthum und benedeiet den Ewigen," ferner Ps. 135, 21: 



VII. Tractat Sota, 325 

,,GebeDedeiet sei der Ewige von Zion, der wohnet in Jerusalem. 
Halleluja!*' Sollen sie auch sagen: ,,Es segne dich der Ewige von 
Zion" (Ps. 134, 3), weil dieser Vers in demselben Psalm steht? 
Darauf hat R. Jehuda bar R. Simeon ben Pasi gesagt: Weil er mit 
den Benedictionen Gottes, begonnen hat (nämlich mit 'n dk ns'in), 
so lässt er die Benedictionen Gottes aus (nämlich "n ^n'nta). Beim 
Yespergebet eines Fasttages, was sagt da das Volk? Nach R. Acha 
bar Jacob sagt es die Verse Jerem. 14, 7 — 9: „Wenn unsere Misse- 
thaten wider uns zeugen, Ewiger, so thue um deines Namens willen 
. . . Hoffnung Israels, sein Helfer in der Zeit der Noth, warum 
wolltest du sein wie ein Fremdling in dem Lande . . . warum willst 
du sein wie ein überraschter Mann, wie ein Held, der nicht helfen 
kann?!'' u. s. w. Im Schlussgebete am Versöhnungstage, was sagt 
da das Volk? Mar Sutra sagt, andere dagegen sagen: In einer 
Boraitha ist gelehrt worden: Es sagt Ps. 128, 4 — 6: „Siehe, also 
ist der Mann gesegnet, der den Ewigen fürchtet Es segne dich 
der Ewige von Zion und schaue Jerusalems Glück alle deine Lebens- 
tage. Und siehe Kinder von deinen Kindern. Friede über Israel!'' 

121. (Fol. 40a.) R. Abahu hat gesagt: Anfangs glaubte ich, 
dass ich sehr sanftmflthig (demüthig) sei, als ich aber den R. Abba 
von Acco sah, dass er eine Meinung sagte, und sein Erklärer 
«twas anderes sagte, ohne dass er gallsüchtig wurde, glaubte ich 
flicht mehr, dass ich sanftmüthig sei. Worin bestand die Sanft- 
muth des R. Abahu? Einst sprach die Frau des Erklärers des R. 
Abahu zu der Frau des letzteren: Mein Mann braucht den deinigen 
nicht.*) Wenn er sich vor ihm bückt ^) und aufrichtet, so gilt die 
Ehrenbezeugung nur der Regierung.^) Sie (das Weib) ging und 
sagte es ihrem Manne R. Abahu. Dieser aber sprach zu ihr: Was 
liegt dir daran? Durch ihn und mich wird der Allerhöchste verherr* 
licht. Als ferner die Rabbinen einst beschlossen, ihn zu ihrem Ober- 
haupte zu ernennen, sah er, wie R. Abba von Acco von Gläubigern 
bedrängt wurde. Da sprach er zu ihnen: In diesem Manne habt ihr 
ein würdigeres Oberhaupt 

122. (Das.) R. Abahu und R. Ghija bar Abba kamen einst an 



^) Er ist ebenso gelehrt wie dein Mann. 

*) Um seine Worte zn hören und sie dann der Versammhing zu erklären 
und voi'zutragen. 

') Bei welcher er in grossem Ansehen stand. 



326 V- Tractat Sota. 

einen Ort, wo B. Abahn einen Vortrag haggadischen and R. Ghija 
bar Abba einen Vortrag halachischen Inhalts hielt Da verliessen 
alle Leute den R. Ghija bar Abba and gingen zu R. Abaha. 
Jener war darob betrübt (eig. sein Verstand warde schwach) R. 
Abaha aber sprach za ihm: Ich werde dir ein Gleichniss vorlegen. 
Womit ist das zu vergleichen? Mit zwei Menschen, von denen der 
eine Edelsteine, der andere aber Häckelarbeiten verkauft. Wer 
wird wohl den grössten Zulauf haben? Doch wohl der, welcher 
Häckelarbeiten verkauft.^) 

123. (Das.) Alle Tage begleitete R. Ghija bar Abba den R. Abaha 
bis an die Thttr seines Gasthauses (Hospitiums) aus Hochachtung 
gegen den Kaiser, aber an jenem Tage begleitete R. Abahu den 
R. Ghija bar Abba und dennoch konnte sich dieser nicht beruhigen. 

124. (Das.) R.Jizchak hat gesagt: Erweise dich immer ehrerbietig 
gegen die Gesammtheit (das Volk), denn siehe, die Priester (wenn 
sie den Segen ertheilen) wenden ihr Antlitz dem Volke und ihren 
Rttcken der Schechina zu. Rab Nachman bringt den Beweis aus 
1 Ghron. 28, 2: „Und es erhob sich der König David und sprach: 
Höret mich, meine Brttder und mein Volk!'' Wenn es heisst: **nK, 
meine Brüder, warum steht noch: "^tss^, mein Volk, und wenn es 
heisst: '^J2T, mein Volk, warum steht noch: TiM, meine Brüder? 
R. Eleasar hat gesagt: David sprach zu den Israeliten: Wenn ihr 
mir Gehör schenkt, so seid ihr meine Brüder, wenn nicht, so seid 
ihr mein Volk und ich beherrsche (züchtige) euch mit dem Stocke. 

125. (Fol. 40b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Woher lässt 
sich beweisen, dass man im Heiligthum nicht mit Amen! antwortet? 
Aus Nechem.8,5: „Auf, preiset den Ewigen, euem Gott, von Ewigkeit 
zu Ewigkeit!" Woher lässt sich beweisen, dass auf jede Benedic- 
tion das Lob Gottes folgen muss? Das.: „Der erhaben ist über 
jeden Segeü und (jedes) Lob," was sagen will: Auf jeden Segen 
zollt man ihm Lob. 

126. (Fol 41a.) Mischna. Wie hat der König den Abschnitt 
gelesen? Am Ausgange des ersten Tages des Laubhüttenfestes des 
achten Jahres (d. i. des Jahres am Ausgange des Schemitajahres) 
machte man eine Estrade von Holz in der Halle und setzte ihn 



') Vergl. Joma Fol. 75 a: Die Worte der Haggada ziehen das Herz des 
Menschen an; desgl. Cliagiga Fol. 14a: Die Inhaber der Haggada ziehen das 
Herz des Menschen an wie sanft fliessende Gewässer. Aelmliches liest man Taa- 
nith Fol. 7 a. 



VII. Tractat Sota. 327 

(den König) darauf, also wie es heisst Deut 31, 10. 11: ,,Am 
Schlüsse Ton sieben Jahren am die Zeit des Erlassjahres am Feste 
der Hatten . . . sollst dn diese Thora vorlesen'' n. s. w. Der Vor- 
beter der Synagoge nimmt das Gesetzbuch und giebt es dem Haupte 
der Synagoge und das Haupt der Synagoge giebt es dem Segan 
(d. i. dem stellvertretenden Priester) und der Segan giebt es dem 
Hohenpriester und der Hohepriester giebt es dem König und der 
König steht auf, nimmt es, setzt sich darauf wieder und liest Der 
König Agrippa stand auf, nahm es und las (den Abschnitt) stehend, 
deshalb lobten ihn die Weisen (Gelehrten). Als er an die Stelle 
Deut. 17, 15 kam: „Du darfst nicht über dich einsetzen (als König) 
einen Fremden (Ausländer), der nicht dein Bruder ist,'' zerflossen 
in Thränen seine Augen. ^) Fürchte dich nicht, sprach man zu 
ihm: Agrippa, du bist unser Bruder, du bist unser Bruderl 

127. (Fol 41b.) Gemara, Im Namen des B. Nathan ist über- 
liefert worden: In diesem Augenblicke hatten die Feinde der Israeliten 
(d. i. die Israeliten selbst) sich eines schmählichen Unterganges 
schuldig gemacht, weil sie dem Agrippa schmeichelten. 

Von dem Tage an, sagte B. Simeon ben Chalaphtha, wo die 
Macht der Schmeichelei zunimmt, wird das Becht verdreht und die 
Werke (Geschäfte) nehmen einen verderblichen Gang (eig. werden 
besudelt) und es kann einer zum andern nicht sagen: Meine Werke 
sind grösser als deine Werke. B. Jehuda aus dem Abendlande, 
oder, wie manche sagen, B. Simeon ben Pasi hat vorgetragen: Es 
ist gestattet, den Frevlem in dieser Welt zu schmeicheln, denn es 
heisst Jes. 32, 5: „Nicht soll femer ein schlechter Mensch ein 
Edler genannt werden und den Arglistigen soll man nicht mehr 
einen Hochherzigen nennen." Daraus folgt, dass es in dieser Welt 
erlaubt ist B. Simeon ben Lakisch bringt den Beweis aus Gen. 
33, 10: „Jacob sprach: nein, wenn ich Gnade in deinen Augen 
gefunden, so nimm mein Geschenk von meiner Hand, dieweil ich 
dein Antlitz gesehen, wie man das Antlitz Gottes sieht und du 
hast mich gütig aufgenommen." Dem widerspricht B. Levi. Denn 
dieser hat gesagt: Die Aeusserung Jacobs gegen Esau lässt sich 
durch ein Gleichniss ericlären. Womit ist diese Sache zu ver- 
gleichen? Mit einem Menschen, welcher seinen Genossen zu einer 
Mahlzeit eingeladen hatte. Dieser wusste aber, dass der Wirth ihn 



1) Weil er nur von mütterlicher Seite von den Israeliten abstammte. 



328 ^^^^* Tractat Sota. 

ambringen wollte. Daher sprach er za ihm: Der Geschmack dieses 
Gerichtes, welches ich koste, ist gerade so wie der des Gerichtes, 
welches ich im Hause des Königs gekostet habe. Da dachte der 
Wirth: Der König kennt diesen Menschen, deshalb fürchtete er 
sich and tödtete ihn nicht (Ebenso hat Jacob, am Esaa fürchten 
za machen, gesagt, er habe das Antlitz eines göttlichen Wesens 
gesehen.) 

128. (Fol. 40b a. 42a.) R. Eleasar hat gesagt: Jeder Mensch, 
welcher schmeichelt, bringt Zorn in die Welt, denn es heisst Hi. 
36, 13: „Die Schmeichler im Herzen bringen Zorn,'' and nicht nar 
das, sondern aach sein Gebet findet keine Erhörang, denn es heisst 
das. „Sie flehen nicht, weil er sie züchtigt.'' 

B. Eleasar hat ferner gesagt: Den Menschen, der schmeichelt, 
verflachen selbst die Kinder (Embryonen) im Matterleibe, denn es 
heisst Prov. 24, 24: „Wer zam Frevler spricht: Da bist gerecht, 
den verflachen die Nationen, verwünschen Völker." Unter anp ist 
nichts anderes als tibbp, Verflachang za verstehen, wie es heisst 
Nam. 23, g: „Wie mag ich verflachen, den Gott nicht verflacht?" 
and anter DiNb, Volk ist nichts anderes als D"»*ia'i3?, Kinder im 
Matterleibe za verstehen, wie es heisst Gen. 25, 23: „Und ein Volk 
(DikV) ist mächtiger als das andere.'^ 

R. Eleasar hat femer gesagt: Jeder Mensch, der schmeichelt, 
stürzt in die Hölle, denn es heisst Jes. 5, 20: „Wehe denen, die 
das Böse gat nennen and das Gate böse" a. s. w. Was folgt dar- 
aaf? V. 24: „Damm wie des Feaers Zange die Stoppel frisst and 
Hea vor der Flamme zasammensinkt, so wird ihre Warzel wie 
Moder sein" a. s. w. 

R. Eleasar hat ferner gesagt: Wer seinem Nächsten schmeichelt, 
der fällt zaletzt in dessen Hand and wenn er nicht in dessen Hand 
fällt, so fällt er in die Hand seines Sohnes and wenn er nicht in 
die Hand seines Sohnes fällt, so föUt er in die Hand seines Enkels, 
denn es heisst Jerem. 28, 6: „Und es sprach Jeremja, der Prophet: 
Amen! Also thae der Ewige! Bestätigen wolle der Ewige deine 
Worte, die da geweissagt hast'* Das. 37, 13. 14: „Und als er an 
das Thor Benjamin kam, da war daselbst ein Aafseher der Wachen, 
Namens Jirija, Sohn Schelemja's, des Sohnes Ghananja's, der ergriff 
Jeremja, den Propheten, mit den Worten: Za den Chaldäem läafst 
da über! Jeremja aber sprach: Das ist Lüge, ich laafe nicht zu 



VII. Tractat Sola. 329 

den Chaldäern über." Darauf folgt: „Und er ergriff den Jeremja 
und brachte ihn zu den Fürsten.'' 

R. Eleasar hat ferner gesagt: Jede Gemeinde, in welcher 
Schmeichelei getrieben wird, ist verabscheut wie ein menstruirendes 
Weib, denn es heisst Hi. 15, 34: „Denn eine schmeichlerische Ge- 
meinde ist vereinsamt (gemieden, nnTsb:^), denn in Seestädten pflegt 
man ein menstruirendes Weib, miwba, eine Vereinsamte (Gemiedene) 
zu nennen. Was bedeutet mnTsba? Ein Weib, die von ihrem Manne 
gemieden (vereinsamt) ist. 

R. Eleasar hat femer gesagt: Jede Gemeinde, in welcher 
Schmeichelei getrieben wird, geräth zuletzt in die Verbannung. Hier 
Hi. 15, 34 heisst es: „Eine schmeichlerische Gemeinde ist verein- 
samt (gemieden)," und dort Jes. 49, 21 heisst es auch: „Und du 
wirst sprechen in deinem Herzen: Wer hat mir diese geboren? Ich 
bin ja verwaiset und vereinsamt, verwiesen und Verstössen." 

129. (Fol 42 a.) Rah Chisda hat im Namen des Jeremja bar 
Abba gesagt: Vier Klassen empfangen nicht das Antlitz der Sche- 
china, die Klasse der Spötter, die Klasse der Schmeichler, die Klasse 
der Lügner und die Klasse der Verleumder. Die Klasse der Spötter, 
denn es heisst Hos. 7, 5: „Er zieht seine Hand ab von den Spöttern;" 
die Klasse der Schmeichler, denn es heisst HL 13, 16: „Denn nicht 
kommt von ihm ein Schmeichler;" die Klasse der Lügner, denn es 
heisst Ps. 101, 7: „Wer Lügen redet, wird nicht bestehen vor mei- 
nen Augen;" die Klasse der Verleumder, denn es heisst das. 5, 5: 
„Denn nicht ein Gott, der Gefallen hat am Frevel, bist du, nicht 
weilt bei dir der Böse (der Verleumder)." Gerecht bist du, Ewiger, 
nicht weilt in deiner Wohnung der Böse (der Verleumder). 

130, (Das.) Mischna VIII, 1. Wenn der zum Kriege gesalbte 
Priester zum Volke redet, so redet er in der heiligen Sprache, also 
wie es heisst Deut 20, 2: „Und es soll geschehen, wenn ihr hin- 
tretet zum Kampfe, so trete der Priester vor (damit ist der zum 
Kriege gesalbte Priester zu verstehen) und rede zum Volke," näm- 
lich in der heiligen Sprache. Das. V. 34: „Und er spreche zu 
ihnen: Höre, Israel, ihr tretet jetzt hin zum Kampfe gegen eure 
Feinde," also nicht gegen eure Brüder, nicht Jehuda gegen Simeon 
und Simeon gegen Benjamin, wenn ihr in ihre Hände fielet, so 
würden sie Erbarmen mit euch haben, so wie es dort 2 Chron. 
28, 15 steht: „Und die Männer, die mit Namen genannt sind, er- 
hoben sich und ergriffen die Gefangenen und kleideten all die 



330 ^*'' Ti-actat Sota. 

Nackten unter ihnen von der Beate, und gaben ihnen Kleider und 
Schöbe and za essen and za trinken and salbten sie and führten 
sie, jeglichen Schwachen auf Eseln/' jetzt aber streitet ihr gegen 
eare Feinde, wenn ihr in ihre Hände fallet, so werden sie kein 
Erbarmen mit euch haben. „So werde nicht zag euer Herz, fQrchtet 
each nicht und seid nicht bestürzt and zittert nicht vor ihnen/^ 
„Nicht werde zag eaer Herz'' vor dem Gewieher der Rosse and vor 
dem Blitzen der Schwerter; „fQrchtet each nicht" vor dem Klange 
der Schilde and vor der Fülle der lärmenden Streiter; „and seid 
nicht bestürzt" vor dem Klange der Homer; „and zittert nicht" 
vor der Stimme ihres Geschrei's; „denn der Ewige, eaer Gott ist 
es, der mit each geht" d. L sie kommen mit der Stärke von Fleisch 
and Blut, ihr kommt aber mit der Stärke Gottes. Die Philister 
kamen mit der Stärke Goliath's and was war sein Ende? Er fiel 
darch das Schwert und sie fielen mit ihm; die Kinder Ammons kamen 
in der Stärke Schobachs, and was war sein Ende? Er fiel darch 
das Schwert and sie fielen mit ihm; ihr aber seid nicht also, son- 
dern „euer Gott geht mit each für each za streiten mit eaem 
Feinden, euch za helfen." Damit ist die Bandeslade gemeint 

131. (FoL 42 ab.) Es heisst Deat 20, 34: „Und er (der zum 
Kriege gesalbte Priester) spreche za ihnen: Höre, Israel!" Warum 
soll er sagen: „Höre, Israel?" Daraaf hat R. Jochanan im Namen 
des R. Simeon ben Jochai (Asai) gesagt: Der Heilige, gebenedeiet 
sei er! spricht za den Israeliten: Wenn ihr nar beobachtet hättet 
das (Lesen des Abchnittes): „Höre, Israel!" morgens and abends, so 
wäret ihr nicht in ihre Hände (d. i. in die Hände earer Feinde) 
überliefert worden. 

Unsere Rabbinen haben gelehrt: Zweimal hielt der Priester 
seine Ansprache an die ausziehenden Kriegsschaaren, einmal an 
der Grenze und einmal auf dem Kriegsplatze. Was sprach er an 
der Grenze? „Höret die Worte der Kriegsordnung und kehret um!" 
(vergl. Deut. 20, 5 — 8.)^) Und auf dem Kriegsschauplatze, was 
sprach er da? „Nicht werde zag euer Herz, fürchtet euch nicht» 
und seid nicht bestürzt und zittert nicht vor ihnen" (vergL das. 
Y. 3. 4). Es geschah dies mit Rücksicht auf die Dinge, welche 



1) Er forderte alle diejenigen auf, welche sich nicht als Krieger geeignet 
Torkamen, umzukehren. 



VII. Tractat Sota. 331 

die Völker der Welt than: Sie schlagen (die Schilde) zusammen, sie 
stossen in die Eriegstrompeten, erhehen Feldgeschrei and stampfen 
mit den Hafen der Rosse. 

132* (Fol 42 b.) (Es heisst in der Mischna:) Einst kamen die 
Philister in der Kraft Goliaths. Waram hiess er Goliath (n'^'bi)? R. 
Jochanan hat gesagt: Weil er sich mit unverschämtem Gesichte 
(Q'^:g '^'^b'^:»^) vor den Heiligen, gebenedeiet sei er! hinstellte, denn 
es heisst 1 Sam. 17, 8: „Wählet anter euch einen Mann, dass er 
herabkomme zu mir/' Unter vs'^fi^, Mann, ist niemand anders als 
der Heilige, gebenedeiet sei er! zu verstehen vergL Ex. 15, 3: 
,.Der Ewige ist ein Mann des Krieges (nwnbTa w»n)." Der Heilige, 
gebenedeiet sei er! sprach: Siehe, ich werde ihn stürzen durch die 
Hand desjenigen, welcher der Sohn eines Mannes (c'^k p) genannt 
wird, wie es heisst 1 Sam. 17, 12: „David war der Sohn jenes 
Mannes («}''fi^ p), des Ephrathiters." B. Jochanan hat im Namen 
des B. Melr gesagt: An drei Stellen wurde jener Frevler durch 
seinen eignen Mund gefangen: 1) als er sprach das. Y. 8: „Wählet 
unter euch einen Mann, dass er herabkomme zu mir,*' 2) Y. 9: 
„Wenn er mit mir zu streiten vermag und mich schlägt, so wollen 
wir bei euch Knechte werden,'' 3) das. Y. 43: „Bin ich denn ein 
Hund, dass du mit Stöcken zu mir kommst?" David sprach doch 
aber (anfangs) zu ihm das. Y. 45: „Du kommst zu mir mit Schwert 
und Lanze und Wurfspiess?" Er aber fügte sodann hinzu: „Ich aber 
komme zu dir im Namen des Ewigen der Heerschaaren, des Gottes 
der Schlachtreihen Israels, die du verhöhnet hast" Sodann heisst 
es das. Y. 16: „Und der Philister trat früh und abends hervor*^ 
um den Abschnitt: „Höre, Israel!" morgens und abends zu vereiteln. 
„Und er stellte sich hin vierzig Tage." B. Jochanan hat gesagt: 
Dies geschah mit Bücksicht auf die vierzig Tage, an denen ihnen die 
Thora gegeben wurde. Das. Y. 4: „Da trat ein Biese heraus aus 
dem Lager der Philister." Was heisst D'^rn? Nach Bab bedeutet 
es: Der frei von jedem Fehler ist (Dir bSTS naia^«), nach Samuel: 
der der Mittelste unter seinen Brüdern ist (rn«aTD '*:n3"':i), nach 
der Auffassung der Schule des B. Schila war er wie ein Gebäude 
(V-^2) gemacht. Nach B. Jochanan war er der Sohn von hundert 
Yätern (-•£»&) und einem Hunde. ^) Das.: „Mit Namen Goliath aus 



^) Hundert Väter und ein Hund hatten »einer Mutter in einer Nacht bei- 
gewolmt. 



332 ^^^' Tractüt Sota. 

Gath (r^yf^y* d. i. wie Rab Joseph gelehrt hat: Alle hatten seine 
Mutter wie eine Kelter getreten.*) Geschrieben steht V. 23: m^y73, 
wir lesen aber: nD^5^?:, das will nach der Ueberlieferung des Rab 
Joseph sagen: Weil bei seiner Matter die Geschlechtstheile alle an- 
geschlossen haben. ^) An einer Stelle Bath 1, 4 heisst es: nenn, 
Horpa, an einer andern Stelle 2 Sam. 21, 20 heisst es n£*ir, 
'Orpa, darüber sind Rab and Samuel verschiedener Meinung. Nach 
dem einen war n£*in ihr eigentlicher Name, und warum hiess sie 
nc*iy? Weil alle ihr rücklings beiwohnten (n'mn«?: nniN vciis?); 
nach dem andern dagegen war nc^^ ihr eigentlicher Name, und 
warum hiess sie nD*in? Weil alle sie stampften wie Graupen 
(niD'^^n^). Ebenso heisst es 2 Sam. 17, 19: „Und das Weib nahm 
und bereitete eine Decke über den Brunnen und streute Graupen 
(r'iB''*in) darauf." Oder wenn du willst, so nimm den Beweis von 
hier Prov. 27, 22: „Stampfest du auch den Thoren in der Stampfe 
unter der Graupe (ni&'^*m) mit der Keule." Femer heisst es 2 Sam. 
21, 22: „Diese vier wurden dem Rapha (ncnnV) in Gath geboren 
und sie fielen durch die Hand Davids und durch die Hand seiner 
Knechte." Wer waren dieselben? Nach Rab Chisda waren es Saph 
(qo), Medon (i^n?:), Goliath (n"'Va) und Ischbi Benob (msa ■»s«'*). 
133. (Das.) Es heisst 2 Sam. 21, 22: „Und sie fielen durch die 
Hand Davids und durch die Hand seiner Knechte," wie es heisst 
Ruth 1, 14: „Und es küsste 'Orpa ihre Schwiegermutter, Ruth aber 
schloss sich ihr an." R. Jizchak hat gesagt: Der Heilige, gebene- 
deiet sei er! sprach: Es sollen die Söhne der Küssenden (npi\z?:n) 
kommen und durch die Hand der Söhne derjenigen fallen, die sich 
angeschlossen hat (npinnn). Raba hat vorgetragen: Wegen des 
Verdienstes (im Lohne) der vier Thränen, welche 'Orpa wegen ihrer 
Schwiegermutter vergossen hat, war sie würdig, dass (jene) vier 
Helden von ihr hervorgingen, wie es heisst das.: „Und sie erhoben 
ihre Stimme und weinten lange." 1 Sam. 17, 7 heisst es: „•)n'^:n yn, 
und der Schaft seines Spiesses," wir lesen aber: in"«:n Y^» ^^^ Holz 
seines Spiesses. R. Eleasar hat gesagt: Die Schrift hat damit noch 
nicht die Hälfte (^^n) des Lobes jenes Frevlers ertheilt Daraus 
geht hervor, dass es verboten ist, das Lob der Frevler zu erzählen. 



^) D. i. sie liutteu sie beschlafeu. 

*) Das wird bei allen wegen Incestes verbotenen FMuen für etwas Straf- 
fälliges angesehen. 



vif. Tractat Sola. 333 

So sollte doch aber gar nicht angefangen werden? Dies geschah 
nur deshalb, um das Lob Davids desto mehr bekannt zu geben. 

134. (Das.) (Es heisst in der Mischna:) Und die Kinder Am- 
mons kamen in der Kraft Schobach's. Einmal 2 Sam. 10, 18 heisst 
er ^^itD, und einmal 1 Chron. 19, 26 heisst er "^tw. Darüber 
sind Rab und Samuel verschiedener Meinung. Nach dem einen war 
•^Di« sein eigentlicher Name. Warum hiess er aber ^an©? Weil 
er wie ein Taubenschlag (^^iu^d) gebaut war. Nach dem andern 
war ^a*)^ sein eigentlicher Name. Warum hiess er aber ^dic? 
Weil jeder, der ihn ansah, vor Angst vor ihm zerfloss (^c'c:) wie 
Wasser aus dem Kruge. Es heisst Jerem. 5, 16: „Sein Köcher 
gleicht dem offenen Grabe, alle sind sie Helden.'' Rab und Samuel, 
nach anderen R. Ammi und R. Assi sind darüber verschiedener 
Meinung. Der eine hat gesagt: In der Stunde, wo sie ihren Wurf- 
spiess warfen, machten sie ganze Haufen von Erschlagenen. Solltest 
du vielleicht sagen, dass sie im Kampfe gelehrt (bewandert) waren, 
so fügt die Schrift hinzu: „Alle sind sie Helden." Der andere da- 
gegen hat gesagt: In der Stunde, wo sie ihre Nothdurft verrichteten, 
machten sie ganze Haufen von Mist. Solltest du vielleicht sagen, 
dass sie Diarrhoe hatten (unterleibskrank waren), so fügt die Schrift 
hinzu: „Sie alle sind Helden." Rab Mari hat gesagt: Daraus ist zu 
entnehmen: Wenn jemand viel Koth ausleert, so hat er Diarrhoe (so 
ist er unterleibskrank). Wozu saft er dies? Dass jeder auf sich 
(seine Gesundheit) bedacht sein soll. Es heisst Prov. 12, 25: „Kum- 
mer im Herzen des Mannes beugt es." R. Ammi und R. Assi sind 
über das üsnus'' verschiedener Meinung; nach dem einen will es 
sagen, dass er ihn von seinen Gedanken wegnehme (sich aus dem 
Kopf schlage), nach dem andern, dass er ihn anderen mittheilen soll. 

135. (Fol. 42b u. 43a.) (Es heisst in der Mischna:) Was aber 
euch betrifft, so verhält sich die Sache nicht so, „sondern der Ewige 
euer Gott wandelt mit euch." Das geht auf die Begleitung der 
Lade. Warum das alles? Weil der Gottesname mit allen seinen 
Attributen in der Lade ruhte. So heisst es auch Num. 31, 6: „Und 
Mose sandte sie ab, tausend vom Stamme zum Heere; sie und 
Pinchas" u. s. w. „Dm«, sie," das geht auf die Sanhedristen, „Pin- 
chas," das geht auf den zum Kriege gesalbten Priester, „und alle 
heiligen Geräthschaften," das geht auf die Lade und die Tafeln 
darin, „und die schmetternden Trompeten," das geht auf die Po- 
saunen. Nach einer Ueberlieferung zog Pinchas nicht umsonst in 



334 ^^^' Tractai Sota. 

den Krieg, sondern er wollte das Unrecht, welches dem Vater seiner 
Mutter widerfahren, rächen, wie es heisst Gen. 37, 36: „Die Mi- 
dianiter aher verkauften ihn nach Aegypten." Sollen wir denn 
sagen, dass Pinchas von Joseph ahstammte; es heisst doch Ex. 6, 5: 
„Und Eleasar, der Sohn Aarons, nahm eine von den Töchtern Pu- 
tiers (bK'^uiB) sich zum Weihe,'' stammte er somit nicht etwa von 
Jethro ab, welcher Kälber für den Götzendienst (Qt3'«E))D) mästete? 
Antwort: Nein! sondern (er stammte) von Joseph, welcher seine Be- 
gierde (Leidenschaft) bekämpfte (uct^'^EDD).') 

136. (Fol. 44a.) Unsere Rabbinen haben aberliefert: „Dass er 
gebaut, gepflanzt und sich verlobt hat.'* Damit will dir die Thora 
«ine Lebensregel geben, dass ein Mensch zuerst ein Haus bauen 
und einen Weinberg pflanzen und erst hernach sich ein Weib neh- 
men soll. Das hat auch Salomo in seiner Weisheit gesagt Prov. 
24, 27: „Bereite draussen dein Werk und bestelle es auf deinem 
Felde, alsdann baue dein Haus.'' „Bereite draussen dein Werk,'' 
das geht auf das Haus, „und bestelle es auf deinem Felde,'") das 
geht auf den Weinberg, „und hernach baue dein Haus," das geht 
auf das Weib. Oder: „Bereite draussen dein Werk," das geht auf 
die Schrift,') und bestelle es auf deinem Felde," das geht auf die 
Mischna, „und hernach baue dein Haus," das geht auf die Gemara. 
Oder: „Bereite draussen dein Werk," das geht auf Schrift und 
Mischna," „und bestelle es auf deinem Felde," das geht auf die 
Gemara, „und hernach baue dein Haus," das geht auf die guten 
Werke. R. Elieser, der Sohn des R. Josse, des Galiläers deutet 
die Stelle so: „Bereite draussen dein Werk," das geht auf Schrift, 
Mischna und Gemara, „und bestelle es auf deinem Felde," das geht 
auf die guten Werke, „und hernach baue dein Haus," das will 
sagen: Lehre (trage vor) und empfange Lohn! 

187. (Das.) Mischna VIII, 2. Es heisst Deut. 20, 5: „Und 
die Vögte sollen zum Volke reden also" u. s. w. R. Akiba sagt: 
„Furcht und ein weiches Herz" ist nach der gewöhnlichen Be- 
deutung zu nehmen, dass er nämlich in der Schlachtreihe nicht 



>) Sinn: Pinchas stammte niclit von Jethro ab, den man unter ^Nn9lB ver- 
stehen könnte, sondern von Joseph, welclier den Beinamen ^K^es^B fTihrte, weil 
er seine Leidenschaft bekämpfte. 

') Erst muss der Mensch sich einen liinreichenden Nahrungszweig ver- 
schaffen, ehe er in den Eliestand treten darf. 

') Gemeint ist immer das Studium der Schrift, Misclma und Gemara. 



VII. Tractat Sota. 335 

stehen und ein gezogenes Schwert nicht sehen kann. B. Josse der 
Oalil&er sagt: Die Worte: ,,Farcht und ein weiches Herz'' wollen sagen, 
dass er vor Uehertretangen sich fürchtet, welche er begangen hat 
(eig. welche in seiner Hand sind). Deshalb giebt ihm die Thora 
als einen Verwand alle diese (andern Ursachen), um derentwillen er 
zorfickkehren solL R. Josse sagt: Wenn ein Hoherpriester eine 
Wittwe, oder ein gewöhnlicher Priester eine Geschiedene und eine 
Chaluza, oder ein Israelit eine Bastardin und eine Nethina (Sclavin), 
oder eine Tochter Israels einen Bastard und einen Nethin (Sclaven) 
^eheirathet hat, siehe, so heisst er ein solcher, „der Furcht hat und 
•ein weiches Herz.'' 

188. (Das.) Mischna VIII, 6. 7. Es heisst Deut 20, 9: „Und 
-es soll geschehen, wenn die Vögte fertig sind mit Reden zum Volke, 
80 sollen die Anführer sich stellen an die Spitze des Volkes, und 
ebenso auch hinter das Volk." Sie stellten nämlich tapfere Leute 
Toran und ebenso hinten an mit eisernen Beilen in ihren Händen, 
und in Bezug auf jeden, der umzukehren suchte, hatten sie die 
Erlaubniss, ihm seine Schenkel zu zerhauen, denn der Anfang der 
Niederlage ist die Flucht, wie es heisst 1. Sam. 4, 17: „Geflohen 
ist Israel vor den Philistern, und auch eine grosse Niederlage traf 
das Volk," und dort s. das. 31, 1 heisst es: „Und es flohen die 
Israeliten vor den Philistern und Erschlagene fielen auf dem Berge 
Oilboa." Das alles gilt nur von einem freiwilligen Kriege, aber bei 
einem gebotenen Kriege ziehen alle aus, selbst der Bräutigam aus 
seiner Kammer und die Braut aus ihrem Brautgemach. R. Jehuda 
sagt also: Nur bei einem gebotenen Kriege ziehen die Leute nicht 
mit aus, aber bei einem Kriege aus Schuldigkeit (wo ein Müssen 
stattfindet), da ziehen alle aus, selbst der Bräutigam aus seiner 
Kammer und die Braut aus ihrem Brautgemache. 

139. (Fol. 45 b.) Um was dreht sich die Controverse zwischen 
R. Elieser und R. Akiba? Nach dem einen ruht das Leben vor- 
zugsweise in der Nase, nach dem andern im Nabel. Sollen wir 
sagen, dass sie wie folgende Tannaim controversiren, denn in einer 
Boraitha heisst es: Von wo wird das Kind (der Foetus) gebildet? 
Von seinem Kopfe aus. Das bezeugt auch die Schrift, indem es 
heisst Ps. 71, 6: „Vom Leibe meiner Mutter an bist du mein 
Versorger ("»ns)" vergl. Jerem. 7, 29: „Scheere ab ("»tä) deine Haar- 
krone und wirf sie hin." Nach Abba Saul wird das Kind von 
seinem Nabel aus gebildet, welcher seine Wurzeln dahin und dort- 



336 ^''^- Tractat Sota. 

hin sendet? Nein! Auch Abha Saal kann wie R. Akiba sagen» 
Abba Saul sagt das nur hinsichtlich der Bildung, denn jedes Wesen 
wird von seiner Mitte aus gebildet, was aber das Leben (die Seele) 
anlangt, so kann dasselbe wohl in der Nase ruhen; denn es heisst 
Gen. 7, 22: „Alles, in dessen Nase der Odem des Lebenshauches 
war, ... die starben.'' R. Elieser ben Jacob sagt: Von dem Orte, 
wo er erschlagen ward, soll man messen von seinem Halse ab. 
Woher lässt sich das beweisen? R. Elieser ben Jacob sagt: Aus 
Ezech. 21, 34: „Um es zu geben auf den Hals erschlagener 
Frevler." 

140. (Fol. 45 b u. 46 a.) Mischna IX, 6, Die Aeltesten jener 
Stadt waschen ihre Hände mit Wasser an dem Orte, wo man dem 
Kalbe das Genick gebrochen hat und sprechen mit Deut 21, 7: 
„Unsere Hände haben nicht dieses Blut vergossen und unsere Augen 
haben nichts gesehen." Ist es unserem Gedanken eingefallen (zu 
sagen), dass die Aeltesten Blut vergiessen? Allein sie haben es so 
gemeint: Der Mann ist nicht zu uns gekommen, dass wir ihm hätten 
Nahrung spenden können, wir haben ihn nicht gesehen und ohne 
Begleitung gelassen. Darauf sagen die Priester das. V. 8: „Vergieb 
deinem Volke Israel, das du erlöst. Ewiger, und gieb nicht unschul- 
diges Blut in die Mitte deines Volkes Israel." Die Worte: »icsr-v 
Qnb Qnn brauchten sie nicht zu sagen, sondern sie sind die Ver- 
kündigung des heiligen Geistes, nämlich: Wenn ihr so thut, so wird 
euch das Blut vergeben sein. 

141. (Fol. 46a.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: R. 
Jochanan ben Saul hat gesagt: Weshalb befiehlt die Thora: Bringe 
ein Kalb im Thale dar? Der Heilige, gebenedeiet sei er! sprach 
nämlich: Es komme etwas, was noch keine Frucht gegeben, und man 
breche ihm das Genick an einem Orte, der auch keine Frucht bringt 
und sühne den, den sie keine Frucht geben Hessen. 

142. (Fol. 46 b.) Wir haben die Ueberlieferung: R. MeXr soll 
gesagt haben: Man kann die Menschen dazu zwingen, einen Reisen- 
den zu begleiten, denn der Lohn für die Begleitung hat keine 
Grenze, denn es heisst Jud. 1, 24. 25: „Als die Wächter einen 
Mann aus der Stadt kommen sahen, sprachen sie zu ihm: Zeige 
uns doch den Eingang zur Stadt, so wollen wir dir Gnade wider- 
fahren lassen." Darauf folgt: „Und er zeigte ihnen den Eingang 
zur Stadt." Welche Gnade liessen sie ihm widerfahren? „Sie 
schlugen die Stadt mit dem Schwerte, jenen Mann aber und seine 



VII. Tractat Sota. 337 

Familie Hessen sie gehen.'* Y. 26: ,,Und der Mann ging in das 
Land der Chetbiter and baute eine Stadt und nannte ihren Namen 
Lus (tiV), das ist ihr Name bis auf den heutigen Tag." Wir haben 
die Ueberlieferung: Lus, in welchem man die blaue Wolle färbt, 
ist das nämliche Lus, das Sancherib nicht verderben und Nebu- 
cadnezar nicht zerstören konnte; selbst der Todesengel hat keine 
Gewalt darin zu schalten, sondern wenn den Alten darin das Leben 
zuwider war, so gehen sie ausserhalb der Stadtmauer, wo sie 
sterben. Haben wir da nicht einen Schluss vom Leichten auf das 
Schwere? Wenn schon jener Kanaaniter, welcher kein Wort mit 
seinem Munde gesprochen und keinen Schritt mit seinen Füssen 
gegangen war, sondern nur gezeigt hatte, dadurch für sich und 
seine Nachkommen Kettung bis ans Ende aller Geschlechter be- 
wirkte, wie viel Gutes bewirkt erst derjenige, der bei der Beglei- 
tung eines Menschen mit seinen Füssen thätig ist! Womit zeigte 
er ihnen (den Weg)? Nach Chiskia krümmte er ihnen seinen Mund, 
nach R. Jochanan aber zeigte er ihnen den Weg mit seinem Finger. 
Nach einer Tradition ist es so, wie R. Jochanan gesagt hat: Weil 
jener Kanaaniter ihnen den Weg mit seinem Finger zeigte, bewirkte 
er für sich und seine Nachkommen bis ans Ende aller Geschlechter 
Rettung. R. Josua ben Levi hat gesagt: Wer sich auf den Weg 
begiebt und keine Begleitung hat, der soll sich mit der Thora be- 
schäftigen, denn es heisst Prov. 1, 9: „Denn eine angenehme Be- 
gleitung sind sie für dein Haupt und Geschmeide für deinen Hals." 
R. Josua ben Levi hat gesagt: Wegen der vier Schritte, mit denen 
Pharao dem Abraham das Geleite gab, wie es heisst Gen. 12, 20: 
„Und Pharao entbot für ihn Männer, und sie geleiteten ihn und 
sein Weib," konnten sie (die Aegypter) seine Kinder vierhundert Jahre 
knechten, wie es heisst das. 15, 18 : „Und sie werden sie knechten 
und drücken vierhundert Jahre." R. Jehuda hat im Namen Rabs 
gesagt: Wenn Jemand seinen Nächsten vier Ellen in einer Stadt 
begleitet, erleidet er keinen Schaden. Als Rabbina den Raba bar 
Jizchak vier Ellen in eine Stadt begleitete, gerieth er (Raba bar 
Jizchak) in Gefahr, wurde aber gerettet Unsere Rabbinen haben 
gelehrt: Der Lehrer soll seinen Schüler bis an die Stadtgrenze, der 
College den Collegen bis an die Sabbathgrenze begleiten; dagegen 
lässt sich für das Geleite des Schülers bezüglich des Lehrers keine 
Grenze angeben. Und wie weit (soll der Schüler den Lehrer be- 
gleiten)? Nach Rab Schescheth muss es sich bis auf eine Parasange 

Wftntebe, Der habylonisAbe Talmad. 22 



338 ^^^' Tractat Sota. 

erstrecken, und das gilt aach nur, wenn es nicht sein vorzüglichster 
Lehrer ist, ist dies aher der Fall, so mnss es sich bis auf drei Para- 
sangen erstrecken. Rah Eahana begleitete den Rab Simi bar Asch! von 
der Flassmttndnng bis an die Stelle in Babel, wo die Steinpalmen wach- 
sen. Als sie daselbst angekommen waren, sprach dieser zu ihm: Ist 
es wahr, was ihr sagt, dass diese Steinpalmen von der Zeit des ersten 
Menschen herrühren? Jener antwortete ihm: Du hast mir etwas ins 
Gedächtniss gerufen, denn R. Josse bar Chanina hat gesagt: Was 
heisst das, was geschrieben steht Jerem. 2, 6: „Durch ein Land, 
das niemand durchzogen und wo kein Mensch (d^k) gewohnt hat?'' 
Wenn keiner durchgezogen ist, wie konnte man da wohnen (und 
wiederum, wenn keiner da gewohnt hat, wie konnte man da durch- 
ziehen)? Allein die Schrift meint: Das Land, in Bezug auf das von 
dem ersten Menschen beschlossen ward, dass es bewohnt sein sollte, 
wurde wohnbar gemacht, dagegen das Land, in Bezug auf das von 
dem ersten Menschen dieser Beschluss nicht gefasst worden ist, bleibt 
unbewohnt Rab Mardachai begleitete den Rab Aschi von Hagronja 
bis Be-Kephai, oder, wie andere sagen, bis Be-Dura. 

143. (Fol. 46b u. 47a.) R. Jocbanan hat im Namen des R. 
Meir gesagt: Derjenige, welcher einen andern nicht begleitet, sowie 
derjenige, der sich nicht begleiten lässt, ist so anzusehen, als wenn 
er Blut vergösse, denn hätten die Einwohner Jericho's den Elisa 
begleitet, so hätte er nicht die Bären gegen die Kinder gereizt, wie 
es heisst 2 Reg. 2, 23. 24: „Als er den Weg hinaufstieg, kamen 
kleine Knaben aus der Stadt, welche ihn verspotteten und sprachen: 
Kahlkopf, (n*ip) komm herauf! Kahlkopf, komm herauf!'' u. s. w. 
Sie sprachen nämlich zu ihm: Du hast den Ort über uns kahl ge- 
macht (nn*iprTü). Warum heissen sie: D'>5üp ü^*^y^, kleine Knaben? 
Nach R. Elieser „Knaben," weil sie der Vorschriften bar waren 
(D''"iyi373«), ^) und „kleine Kinder," weil sie klein an Glauben (oliyo- 
TciOTOi) waren. Nach einer Ueberlieferung waren sie Knaben, welche 
sich selbst verachteten, als wenn sie kleine Kinder wären. Da hielt 
ihm aber Rab Joseph ein: Vielleicht haben sie den Namen nach 
ihrem Orte, heisst es nicht in diesem Sinne 2 Reg. 5, 2: „Und 
Aram zog aus in Streifschaaren und führte gefangen aus dem Lande 
Israel ein kleines Mädchen?" Darauf fragten wir: Die Schrift nennt 
das Mädchen bald n*ir3, bald nsüp. R. Pedath hat gesagt: !Tn!?3 



^) D. i. weil sie zügellos waren. 



VII. Tractat Sota. 339 

ti3Dp bedeutet: ein Kind aas Neoran.^) (Also könnten sie doch 
auch hier nach dem Orte „Nearim'^ genannt sein?) Dort ist ihr Ort 
nicht angegeben, hier aber^) ist ihr Ort deutlich angegeben. Das. 
Y. 24: ,,Und als er sich umwandte, da sah er sie an und fluchte 
ihnen im Namen des Ewigen/' Was heisst das: „Er sah sie an?" 
Nach Rah sah er sie wirklich an, sowie gelehrt worden ist: R. Simeon 
ben Gamliel sagt: Jedem Ort, auf den die Weisen (Gelehrten) ihre 
Augen richten, droht entweder Tod oder Armuth. Nach Samuel 
sah er, dass ihre Mutter mit ihnen am Versöhnungstage schwanger 
geworden war. Nach R. Jizchak dem Schmied sah er ihr Locken- 
gekräusel (ihre Tollen) nach Weise der Emoriter. Nach R. Jocha- 
nan sah er, dass ihnen keine Jugendfrische (kein Saft) der Tugend 
(Pflichterfüllung) inne wohnte. Vielleicht aber würde eine solche 
an ihrem Samen (Nachkommen) sein? R. Eleasar sagt: (Er sah, 
dass) weder au ihnen, noch an ihrem Samen (ihren Nachkommen) 
bis ans Ende aller Geschlechter etwas Gutes zu finden sein werde. 
Das.: „Da kamen zwei Bären aus dem Walde und zerrissen von 
ihnen zweiundvierzig Kinder." Rah und Samuel sind darüber ver- 
schiedener Meinung. Nach dem einen war es ein Wunder, nach 
dem andern aber war es ein Wunder in einem Wunder. Wer bloss 
ein Wunder annimmt, so war daselbst wohl Wald, aber es waren 
keine Bären da, wer aber ein Wunder in einem Wunder annimmt, 
nach dem gab es weder Wald noch Bären daselbst. 

144. (Fol. 47a.) Es heisst 2 Reg. 2, 24: „Und sie zerrissen 
von ihnen zweiundvierzig Kinder." R. Josse bar Chanina hat ge- 
sagt: Wegen der 42 Opfer, welche Balak, der König von Moab dar- 
brachte, wurden von den Israeliten 42 Kinder zerrissen. Verhält 
es sich so? Rah Jehuda bat doch im Namen Rabs gesagt: Ein 
Mensch soll sich immer mit der Thora und mit der Ausübung der 
Vorschriften beschäftigen, selbst wenn es nicht aus reiner Absicht 
(um seiner selbst willen) geschieht; denn dadurch, dass es (anfangs) 
nicht aus reiner Absicht (um seiner selbst willen) geschieht, wird er 
schon dazu gelangen, dass es aus reiner Absicht (um seiner selbst 
willen) geschieht; denn wegen der 42 Opfer, welche Balak, der Kö- 
nig von Moab darbrachte, war er würdig, dass Ruth von ihm her- 
vorging, von welcher wieder Salomo abstammte, von dem es heisst 



*) D. i. nip steht für finp, aus Naaran vgl. 1 Chron. 7, 28. 
«) Nämlich 2 Reg. 2, 24. 

22« 



340 VII. Tractat Sota. 

1 Reg. 3, 4: ,,Tausend Ganzopfer opferte Salomo auf demselbigen 
Altar." R. Josse ben Choni hat gesagt: Ruth war die Tochter Eglons, 
des Sohnes von Balak? Antwort: Es war doch aber sein Wansch 
(die Israeliten) zu verflachen. Es heisst 2 Reg. 2, 19: „Und es 
sprachen die Männer der Stadt zu Elisa: Siehe doch, die Lage der 
Stadt ist gut, sowie mein Herr sieht, aber das Wasser ist schlecht, 
darum ist das Land entvölkert.'^ Wenn aber das Wasser schlecht 
und das Land entvölkert war, worin bestand dann die Güte (der 
Vorzug) desselben? R. Chanina hat gesagt: Die Anmuth eines Ortes 
steht bei seinen Bewohnern.^) 

(Das.) R. Joehanan hat es gesagt: Es giebt drei Arten von 
Anmuth, nämlich die Anmuth eines Ortes bei seinen Bewohnern, die 
Anmuth eines Weibes bei ihrem Manne, die Anmuth eines Kaufes 
(des Gekauften) bei seinem Käufer.^ Unsere Rabbinen haben gelehrt: 
Drei Krankheiten hat Elisa durchgemacht, die eine, weil er die 
Bären auf die Kinder hetzte, die andere, weil er Gechasi mit beiden 
Händen zurttckstiess und endlich die dritte, woran er starb, wie es 
heisst das, 13, 14: „Und Elisa erkrankte an einer Krankheit, an 
welcher er starb." 

145. (Das.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Immer ziehe die 
rechte Hand den wieder heran, welchen die linke von sich gestossen 
hat; nicht wie Elisa, welcher den Gechasi, und auch nicht wie Josua 
ben Pcrachja, welcher den Nazarener mit beiden Händen fortgestossen 
hat.') Was hat es mit Elisa für ein Bewandtniss? Wie ge- 
schrieben steht 2 Reg. 5, 23: „Und es sprach Naeman: Lieber 
einen zwei Centner." Ferner V. 26: „Und er (Elisa) sprach zu 
ihm: Mein Sinn war nicht ausgegangen, als ein Mann sich um- 
wandte von seinem Wagen herab, dir entgegen. War es Zeit, das 
Silber zu nehmen und Kleider zu nehmen, oder Oelbäume und 
Weinberge, Schafe und Rinder, Knechte und Mägde?" Hat er 
denn das alles erhalten? Er hat doch nur Silber und Kleider 
erhalten. R. Jizchak hat gesagt: In jenem Augenblicke beschäftigte 
sich Elisa gerade mit den acht Arten von kriechenden Thieren. 
Da kam Gechasi und stellte sich vor ihm. Elisa sprach zu ihm: 



D. i. jeder hält sein Land für das beste. 

■) D. i. jeder hält seinen Wolmort, sein Weib und sein Besitzthum für 
das anmuthigste. 

*) Diese Worte feilten in uns. Ausg. 



VII. Tructat Sota. 341 

Da Frevler! die Zeit ist herangerückt, wo du Lohn für die acht 
Arten kriechender Thiere zu erhalten wünschest. V. 27: „Der Aus- 
satz Naemans soll dir anhaften und deinem Samen in Ewigkeit." 
Es heisst das. 7, 3: „Und es waren vier aussätzige Männer am Ein- 
gange des Thores.'' R. Jochanan hat gesagt: Der eine war Gechasi 
und die drei andern waren seine Söhne. Das. 8, 7: „Und Elisa 
kam nach Damaskus." Warum ging er dahin? B. Jochanan hat 
gesagt: Er ging deshalb dahin, um den Gechasi zur Busse zurück- 
zuführen. Er sprach zu ihm: Gehe in dich! Gechasi antwortete ihm: 
Ich habe von dir gelernt: Jedem, der sündigt, und viele zur Sünde 
verleitet, ist es nicht möglich, Busse zu thun. Was machte er? 
Manche sagen: Gechasi hing dem Sündenbilde Jerobeams^) einen 
Magnetstein ^) an, wodurch es zwischen Himmel und Erde schwe- 
bend erhalten wurde; manche wieder dagegen sagen: Er grub dem 
Sündenbilde einen (Gottes-)Namen in den Mund ein und es sprach: 
Ich bin (der Herr, dein Gott), du sollst keine anderen Götter haben; 
manche endlich sagen: Er stiess die Rabbinen fort (die zu Elisa 
kamen), denn es heisst das. 6, 1: „Und es sprachen die Propheten- 
jünger zu Elisa: Siehe doch, der Ort, woselbst wir vor dir wohnen, 
ist uns zu eng.'' Daraus folgt, dass derselbe bis zu dieser Zeit nicht 
zu eng war. Was hat es für eine Bewandtniss mit Josua ben Pe- 
rach ja? Als der König Jannai die Babbinen tödtete, verbarg den 
Simeon ben Schetach seine Schwester, R. Josua ben Perachja aber 
floh nach Alexandrien in Aegjpten. Als der Friede wieder herge- 
£tellt war, schrieb Simeon ben Schetach an Josua ben Perachja fol- 
gendes: Von der heiligen Stadt Jerusalem an dich, Alexandria in 
Aegypten! Meine Schwester und mein Gemahl wohnen in dir und 
ich sitze hier vereinsamt. Da dachte dieser bei sich: Daraus geht 
hervor, dass der Friede wieder hergestellt ist u. s. w. 

Wir haben die Ueberlieferung, dass R. Simeon ben Eleasar ge- 
sagt haben soll: Auch in Bezug auf die Leidenschaft, das Kind und 
das Weib stosse immer die linke Hand ab und die rechte ziehe 
wieder heran. 

146. (Das.) Mischna IX, 7. Wird der Todtschläger aufge- 
funden, ehe dem Kalbe das Genick gebrochen worden, so kann es 
wieder in die Heerde eintreten; ist ihm aber bereits das Genick ge- 
brochen worden, so muss es an seinem Orte begraben werden, dena 

') Gemeint sind die goldenen Kälber. 
*) Big. einen anziehenden Stein. 



342 VII. Tractal Sota. 

man hat es nur des Zweifels wegen gebracht and es hat nun zur 
Sühne im Zweifel gedient. Wird der Todtschläger nach geschehener 
Tödtung des Kalbes aufgefunden, so wird er doch getödtet. 

8. Sagt ein Zeuge aus: Ich habe den Todtschläger gesehen! 
ein anderer aber sagt: Du hast ihn nicht gesehen! Femer sagt eine 
Frau: Ich habe ihn gesehen! eine andere Frau aber sagt: Du hast 
ihn nicht gesehen! so bricht man dem Kalb das Genick. Dasselbe 
geschieht auch, wenn ein Zeuge aussagt: Ich habe ihn gesehen! zwei 
andere dagegen sagen: Du hast ihn nicht gesehen! Sagen aber 
zwei: Wir haben ihn gesehen! einer dagegen sagt: Ihr habt ihn 
nicht gesehen! so bricht man dem Kalbe das Genick nicht 

9. Als sich die Mörder mehrten, fiel das für einen solchen Fall 
Yorgeschriebene Genickbrechen eines Kalbes hinweg. Seit Elieser 
ben Dinai auftrat — welcher Techina ben Perischa (mc'^'^B) hiess^ 
dann aber Ben Harazchan (in^'nn l^J genannt wurde. — Als sich 
die Ehebrecher mehrten, hörten die bitteren Wasser auf, und zwar 
liess sie R. Jochanan ben Saccai einstellen, denn es heisst Hos. 
4, 14: „Ich ahnde es nicht mehr an euren Töchtern, dass sie 
buhlen, und nicht an euren Schwiegertöchtern, dass sie ehebrechen, 
da sie selber mit Buhldirnen bei Seite gehen.*' Seit dem Tode 
Josses ben Joeser's von Zereda und Josses ben Jochanan von Jeru- 
salem hörten die makellosen Gelehrten auf,^) denn es heisst Mich. 
4, 1: „Es ist keine Traube (bi^i&K) da zum Geniessen, nach einer 
reifen Frucht schmachtet meine Seele.'* 

10. Der Hohepriester Jochanan hat das Bekenntniss betreffs 
des Zehnten aufgehoben;^) auch hat derselbe das Singen des Verses: 
Erwache!^) und das Verwunden der Opferthiere abgeschafft. Ferner 
war bis zu seiner Zeit der Hammer in Jerusalem (in den Zwischen- 
feiertagen) ^) in Thätigkeit; endlich brauchte man zu seiner Zeit nicht 
wegen Ungewisses (Demai) anzufragen.^) 



^) Raschi Terstelit unter n^^hdtBi^ Manner, die alle guten Eigenscbaften 
in sich vereinigten. 

') Gemeint ist das Bekenntniss betreffs der verschiedenen Zehnten. Als- 
Gmnd wird angegeben: Weil die Darbringer nicht sagen konnten: Ich habe ge- 
than nach allen deinen Geboten. Der erste Zehnte sollte den Leviten gegeben 
werden, sie hatten ihn aber den Priestern gegeben. 

3) Eigentl.: Er schaffte die Weherufer (Wecker) und Schläger ab. 

*) An den Zwischenfeiertagen durfte eigentlich nicht gearbeitet werden, nur 
dringende Arbeiten waren zulässig. 

'^) Ob es nämlich zu verzehnten sei. 



VII. Tractat Sota. 343 

147, (Fol. 471).) Mit der Zunahme der Wollüstlinge werden 
die Urtheile verkehrt und die Handlangen verderbt und Gott (eig. 
sein Herr) hat keine Freude an der Welt. Dadurch das dass An- 
sehen der Person vor dem Gerichtshöfe gilt, gilt nicht mehr Deut. 
1, 17: ,,Fürchtet euch vor niemand/' Ebenso gilt nicht das andere 
s. das.: „Ihr sollt die Person nicht ansehen.'* Man wirft das Joch des 
Himmelsreichs ab >) und legt sich das Joch von Fleisch und Blut (von 
Menschen) aufL^) Seitdem diejenigen überhand genommen, welche 
Einflüsterungen beim Gerichtshofe anwandten,^) wurde der (göttliche) 
Zorn gegen die Israeliten erregt und ihnen die Schechina entzogen, 
weil es heisst Ps. 82, 1: „In der Mitte der Richter wird er rich- 
ten." Seitdem diejenigen zugenommen haben, „deren Herz dem Ge- 
winn nachhängt'' (Ezech. 33, 31), haben auch die zugenommen, welche 
das Böse gut und das Gute böse heissen" (s. Jes. 5, 20). Seitdem die 
zugenommen haben, welche das Böse gut und das Gute böse heissen, 
hat auch das wehe, wehe! rufen in der Welt zugenommen. Seitdem die 
Speichelzieher zugenommen, haben auch die Stolzen zugenommen und 
die Schüler (Gelehrten) sind vermindert worden und die Thora sucht 
nach solchen, die sie lernen. Seitdem die Stolzen zugenommen haben, 
fangen an die Töchter Israels sich mit ihnen zu verheirathen, denn 
unser Geschlecht sieht nur auf den Schein. Ist es so? Der Herr 
hat doch gesagt: Ein (Stolzer) ist selbst seinen Hausleuten (seinen 
Bedientesten) nicht angenehm, denn es heisst Hiob 2, 5: „Der 
stolze Mann wird nicht in seiner Wohnung verbleiben." Er wird 
nicht einmal in seiner eigenen Wohnung verbleiben? Antw.: An- 
anfangs springen sie auf ihn (sie will ihn zum Manne), schliesslich 
aber wird er ihnen verächtlich. Seitdem diejenigen, welche den 
Händlern Waare aufdrängen, zugenommen haben, hat sich auch die 
Bestechung gemehrt und das Recht ist gebeugt worden und das 
Glück hat aufgehört. Seitdem die zugenommen haben, welche sagen: 
„Ich nehme deine Güte (deine Geschenke) in Anspruch und bin dir 
dafür dankbar," haben auch die zugenommen, von denen es Jnd. 
17, 6 heisst: „Ein jeglicher that, was in seinen Augen recht war," 
die Niedrigen werden erhoben und die Hohen werden erniedrigt, die 
Herrschaft (Israels) weicht und wird besudelt. Seitdem die Miss- 



1) Man gehorcht nicht mehr dem göttlichen Willen. 
•) Man gehorcht lieber dem Willen der vergänglichen Menschen. 
*) D, L die, welche die Richter durch geheime Unterredungen zu ihrem 
Gunsten zu stimmen suchten. 



344 VII. Tractat Sota. 

günstigen und Räuber zugenommen haben, haben sich auch die 
Hartherzigen vermehrt und diejenigen, die ihre Hände zum Leihen 
verschliessen und man handelt dem zuwider, was in der Thora ge- 
schrieben steht Deut. 15, 9: „Hüte dich, dass du keine Niedertracht 
tigkeit in deinem Herzen tragest, dass du gegen deinen dürftigen 
Bruder nicht übelgesinnt seiest, ihm nichts zu geben.'' Seitdem die 
zugenommen haben, von denen es Jes. 3, 16 heisst: „Ihre Hälse sind 
gestreckt und ihre Augen werfen sie umher,*' sind auch die bitteren 
Wasser reichlicher in Anwendung gekommen, sie sind jedoch abge- 
schafft worden. Seitdem diejenigen zugenommen haben, welche Ge- 
schenke nehmen, sind die Tage vermindert und die Jahre abgekürzt 
worden, denn es heisst Prov. 15, 27: „Sein Haus verdirbt, wer nach 
Gewinn geizt, wer aber Bestechung hasst, wird leben." Seitdem die 
Uebermüthigen zugenommen, haben auch die Streitigkeiten (hinsicht- 
lich der gesetzlichen Bestimmungen) in Israel zugenommen. Seitdem 
die Schüler Schammai's und Hillels zugenommen, welche den Unter- 
richt ihrer Lehrer nicht, wie sie es nöthig hätten, genossen haben, 
sind auch die Streitigkeiten in Israel zahlreicher und die Thora ist 
wie zwei Thora's geworden.^) 

148. (Fol. 48a.) Mischna IX, 11. Seit dem Aufhören des Syne- 
driums hörte aller Gesang bei festlichen Gastmählern auf, denn es 
heisst Jes. 24, 9: „Nicht mehr wird bei Gesang Wein ge- 
trunken" u. s. w. 

12. Seit dem Tode der ersten Propheten (d. i. der Propheten 
des ersten Tempels, hörten die Urim und Thummim auf. Seit der 
Zerstörung des Tempels gab es keinen Schamir^) und Honigseim^) 
mehr, auch gab es in Israel keine Männer von Vertrauen (Glauben) 
mehr, denn es heisst Ps. 12, 2: „Hilf, Ewiger! denn es giebt keinen 
Frommen mehr." R. Simeon ben Gamliel sagt im Namen des B. 
Josua: Seit der Zerstörung des Tempels giebt es keinen Tag ohne 
Fluch und es fällt kein Thau zum Segen herab und die Früchte 
haben ihren Geschmack verloren. B. Josse sagt: Auch das Mark 
der Früchte ist dahin. 

13. R. Simeon ben Eleasar sagt: Mit dem Aufhören der Reinig- 



^) Es giebt keine elnlieitliche EntscheiduDg mehr, sondem der eine urtheilt 
so, der andere so. 

2) Nach den Ck>mmentaren ein Wurm, womit man Steine zerschneiden 

konnte. 

3) Eine besondere Gattung von feinem Honig. 



VII. Traclat Sota, 345 

keit schwand der Geschmack und Geruch (der Früchte) und mit den 
Yerzehntungen hörte das Mark des Getreides auf. Die Weisen (Ge- 
lehrten) sagen: Buhlerei und Zauberei haben alles verderbt. 

149. (Das.) (Es heisst in der Mischna:) Mit dem Aufhören des 
Synedriums hörte der Gesang auf u. s. w. Woher lässt sich be- 
weisen, dass das auf das Synedrium Bezug hat. Rab Huna bar Rab 
Josua hat gesagt: Weil es heisst Thren. 5, 14: ,^ie Aeltesten sind 
aus den Thoren verscheucht, Jünglinge von ihren Liedern/' Rab 
hat gesagt: Das Ohr, welches Gesang vernimmt, soll ausgetilgt wer- 
den. Raba hat gesagt: Ist Gesang im Hause, so ist Zerstörung 
(Verwüstung) auf der Schwelle, denn es heisst Zeph. 2, 14: „Ertönt 
die Stimme im Fenster, so ist Zerstörung auf der Schwelle; denn 
das Gedergetäfel ist entblösst.** Was heisst das: ,J)as Cedergetäfel 
ist entblösst {n^y)? R. Jizchak hat gesagt: Auch ein Haus, was 
mit Gedem verflochten ist, fällt der Zerstörung anheim (^^i'nn»), 
oder, wie andere sagen: Selbst ein Haus, was mit Cedern verflochten 
ist, ist ausgeleert {'i'^y). Daraus geht nach R. Aschi hervor, dass 
die Zerstörung, wenn sie beginnt, mit der Schwelle beginnt, denn 
es heisst: „Die Zerstörung ist an der Schwelle.'' Oder wenn du 
willst, so nimm den Beweis von hier (Jos. 14, 12): „Und zu Trüm- 
mern zerschlagen ist das Thor." Mar bar bar Aschi hat gesagt: 
Mir erschien der Dämon (n;M\D) und er stösst (mit seinen Hörnern) 
wie ein Ochs. Nach Rab Huna ist der Gesang der Ruderknechte 
und Ackerleute gestattet,^) der der Weber aber ist verboten.^) Als 
Rab Huna den Gesang verboten hatte, kosteten hundert Gänse 
einen Sus und hundert Sea Weizen auch einen Sus^ und es fanden 
fiich nicht einmal Käufer. Da kam Rab Chisda und verachtete 
das Gebot, und man wünschte nur eine Gans für einen Sus, aber 
es wurde keine gefunden. Rab Joseph hat gesagt: Wenn die Män- 
ner singen und die Weiber einstimmen, so ist dies eine Ausgelassen- 
heit, singen aber die Weiber und die Männer stinmien ein, so ist 
das wie Feuer, das in Flachs fällt In welcher Beziehung ist das 
anzuwenden? Dass dieses vielmehr als jenes abzuschaffen sei. Rab 
Jochanan hat gesagt: Wer bei vier Arten von Musikinstrumenten 
trinkt, bringt der Welt fünf Strafen, wie es heisst Jes. 6, 11. 12: 
^Wehe denen, die früh am Morgen aufstehen, nach berauschenden 



^) Weil sie singen, um sich die schwere Arbeit zu versüssen. 

^) Sie singen aus Leichtfertigkeit und Uebermuth, um Laclien su erregen. 



346 V- Tractat Sota. 

Getränken jagen, die spät sitzen am Abend, der Wein durchglüht 
sie. Und Cither und Psalter und Pauke und Flöte und Wein macht 
ihr Zechgelage, und das Werk des Ewigen schauen sie nicht'* 
Was folgt darauf? V. 13: „Darum wandert ins Elend mein Volk, 
weil es der Erkenntniss bar ist" d. i. sie bewirken Verbannung 
der Welt „Und seine Gelehrten sind Hungerleider"' d. i. sie 
bringen Hungersnoth in die Welt. „Und seine Menge lechzet nach 
Dursf' d. i. sie bewirken, dass die Thora von denen, die sie 
lernen, vergessen wird. V. 16: „Und gebeugt wird der Mensch und 
niedrig der Mann'* d. i. sie bewirken die Erniedrigung des Hei- 
ligen. Unter 12}*«^ ist niemand als der Heilige zu verstehen yergl. 
Ex. 15, 3: „Der Ewige ist ein Mann des Krieges (n?3nb?3 «•>«)." 
„Und die Augen der Stolzen werden erniedrigt" d. i. sie bewirken 
die Erniedrigung Israels. Was folgt weiter? V. 14: „Damm 
weitet auf die Hölle ihre Gier und sperret auf ihren Rachen ohne 
Masz und hinabfährt ihr Gepränge und ihr Beichthum und ihr Ge- 
tobe und frohlocket darin." 

160. (Fol. 48 b.) Wer ist unter den ersten Propheten zu ver- 
stehen? Nach B. Huna David, Samuel und Salomo. R. Nachman 
hat gesagt: In den Tagen Davids kam zuweilen (eine Orakelstimme) 
herauf, zuweilen nicht; denn siehe, Zadok befragte sie und bekam 
eine Antwort, aber Abjathar befragte sie, er erhielt aber keine 
Antwort, wie es heisst 2 Sam. 15, 24: „Und Abjathar ging hinauf.'' 
Da hielt ihm aber Rabba bar Samuel ein: Es heisst doch 2 Ghron. 
26, 5: „Und er war geneigt, Gott zu suchen in den Tagen Sacharja's, 
des Kundigen göttlicher Gesichte," geschah dies nicht etwa durch 
die Urim und Thummim? Nein! sondern durch Propheten. Frage: 
(In einer Boraitha wird gelehrt:) Mit Zerstörung des ersten Tempels 
hörten die Levitenstädte auf und die Urim und Thummim ver- 
schwanden und der König (die Herrschaft) vom Hause David's er- 
losch. Wenn aber jemand das Gegentheil dir beweisen wollte aus 
den Worten Nech. 7, 64: „Und der Thirschatha sprach zu ihnen, 
dass sie nicht essen sollten von dem Hochheiligen, bis ein Priester 
wieder den Urim und Thummim vorstehen würde," so ist das so, 
als wenn ein Mensch zu seinem Nächsten spricht: Wenn die Todten 
belebt werden und wenn der Messias, Sohn Davids kommen wird. 
Deshalb hat R. Nachmann es so erklärt: Die ersten Propheten 
schliessen nur Chaggai Sacharja und Maleachi aus, welche die letzten 
gewesen sind; denn die Rabbinen haben überliefert: Seit dem Tode 



Vn. Traclat Sota. 347 

Ghaggai's, Sacbaria's und Maleachi's wurde der heilige Geist den 
Israeliten entzogen, man bediente sich aber der Himmelsstimme* 
Einmal hatten sich die Rabbinen auf dem Söller des Hauses Gorjon 
in Jericho versammelt, da Hess eine Himmelsstimme die Worte 
vernehmen: Es ist ein Mensch nnter euch, der würdig ist, dass die 
Schechina auf ihm ruhe, sowie es bei Mose der Fall war, allein 
sein Zleitalter ist dessen nicht würdig. Da richteten sich aller Blicke 
auf den alten Hillel. Als derselbe starb, erhoben sie die Trauer- 
klage: Wo ist der Fromme? wo der Geduldige, der Schüler Esra's? 
Ein andermal wieder hatten die Rabbinen sich auf dem Söller in 
Jahne versammelt, da liess eine Himmelsstimme die Worte ver- 
nehmen: Es ist ein Mensch unter euch, welcher würdig ist, dass 
die Schechina auf ihm ruhe, allein sein Zeitalter verdient es nicht» 
Da richteten sich aller Blicke auf Samuel, den Kleinen. Als er ge- 
storben war, erhoben sie die Trauerklage: Wo ist der Geduldige? 
wo der Fromme, der Schüler HilleVs? Auch sprach er in seiner 
Sterbestunde: Simeon und Ismael ist für das Schwert bestimmt, seine 
Genossen werden getödtet werden und das übrige Volk ist zur Beute 
aufgebahrt, endlich wird viel Drangsal in die Welt kommen. Auch 
über Jehnda ben Baba wollte man die Trauerklage erheben: Wo 
ist der Fromme? wo der Geduldige? Allein die Stunde wurde ver- 
wirrt,^) weil man über die Märtyrer (Erschlagenen) der Regierung 
keine Trauerklage erhebt. 

151. (Das.) Die Rabbinen haben überliefert: Mit dem Schamir 
hat Salomo den Tempel erbaut, wie es heisst 1 Reg. 6, 7: „und 
das Haus, da es erbaut wurde, aus völlig zugehauenen Steinen im 
Bruche ward es gebaut" Nach Ansicht des R. Jehuda ist dies so 
aufzufassen, wie es geschrieben ist. Da sprach aber R. Nechemja 
zu ihm: Ist es denn möglich, so zu sagen, heisst es nicht bereits 
das. 7, 9: „Alles dieses war aus kostbaren Steinen .... gemeisselt 
mit dem Meissel von innen?'* Wenn dem so ist, was wollen dann 
die Worte c. 6, 7 sagen: „Es vrurde nicht gehört bei dem Hause^ 
als es erbaut wurde?'' Die Steine wurden draussen zubereitet und 
fertig nach innen geschafft Rabbi hat gesagt: Die Worte des R. 
Jehnda sind einleuchtend in Bezug auf die Steine des Heiligthums^ 
dagegen die Worte des R. Nechemja in Bezug auf die Steine seines 



^) D. i. die Zeit war wegen ihrer Drangsale und Leiden nicht dazu 
geeignet. 



348 ^^^' Tmclai Sota. 

Hauses (d. i. des königlichen Palastes). Nach den Worten des B. 
Nechemja (fragt es sich), wozu hätte dann der Schamir gedient? 
l^ach einer Ueberliefemng beschrieb man jene Steine (des Ephod 
and Bmstschildes) nicht mit Dinte, weil es heisst £x« 28, 11: „Nach 
Steinschneiderarbeit mit Siegelstich grabe in die beiden Steine die 
Namen der Söhne Israels/* und man kratzte nicht auf ihnen mit 
einem Schneidewerkzeage ein, weil es heisst das. Y. 20: „In ihren 
Füllen." (Wie ist denn zu verfahren?) Man schrieb auf sie (die 
Buchstaben) mit Dinte, dann liess man darüber den Schamir er- 
scheinen und sie gruben sich von selbst ein; gleich der Feige, 
welche in den Tagen des Sommers sich spaltet, und es fehlt ihr 
nichts,^) oder wie das Thal, welches sich in den Begentagen 
spaltet und es geht ihm nichts verloren.' Die Babbinen haben 
überliefert: Der Schamir ist ein Geschöpf, etwa so gross, wie ein 
Gerstenkorn, er ist in den sechs Schöpfungstagen ^) erschaffen wor- 
den und es ist nichts so hart, dass es vor ihm bestehen könnte. 
Wie wird er aufbewahrt? Man wickelt ihn in Lappen (Schwamm) 
von Wolle und legt ihn in eine bleierne, mit Gerstenkleie gefüllte 
Büchse. 

152. (Das.) Wer ist unter den Glaubens- (Vertrauens-) Männern 
zu verstehen? Das sind nach B. Jizchak diejenigen Menschenkinder, 
welche an den Heiligen, gebenedeiet sei er! glauben. Denn nach 
einer Ueberlieferung sagte B. Elieser der Grosse: Wer noch Brot 
in seinem Korbe hat, aber sagt: Was werde ich morgen essen? ge- 
hört zu den Kleingläubigen (n:73K ""^tspTs).^) Das ist es, was B. 
Eleasar gesagt hat: Was ist das, was Sach. 4, 10 geschrieben steht: 
„Denn wer raubt den Tag?" Die Kleinmuth. Wer hat es den Ge- 
rechten zugezogen, dass ihr Tisch in der künftigen Welt geplündert 
wird? Der Kleinmuth, welcher in ihnen war, dass sie nicht fest an 
den Heiligen, gebenedeiet sei er! glaubten. Nach Baba dagegen sind 
unter den Kleinen die Söhne der Frevler Israels zu verstehen, 
welche das zukünftige Urtheil ihrer Yäter geringer machen, indem 
sie sprechen: Herr der Welt! wenn du sie (die Aeltem) zukünftig be- 
strafen willst, warum hast du ihre Zähne durch sie (durch den Tod 
der Kinder) stumpf werden lassen? 



*) Es geht nichts verloi'eii. 
i •) Vergl. Aboth V, S. 
3) Er gehört uicht zu denen, die das gehörige Veiti'auen auf Gott besitseo. 



VII. Tractat Sota. 349 

153. (Fol. 49a.) R. Ilaa bar Berachja hat gesagt: Ohne Davids 
Gebet wÄren alle Israeliten Fettverkäufer (verachtete Menschen) ge- 
worden, denn es heisst Ps. 9, 21: „Verschaffe ihnen, Ewiger, Ach- 
tung." i) R. Ilaa bar Berachja hat femer gesagt: Ohne das Gebet 
Habakuks hätten sich zwei Gelehrte (Schüler der Weisen) mit einem 
Mantel (Tallith) bedecken müssen^) und sie hätten sich mit der 
Thora beschäftigt, denn es heisst Hab. 3, 2: „Ewiger, vernommen 
habe ich deinen Ruf, ich fürchte mich. Dein Werk ist in der Mitte 
der Jahre lebendig." Lies nicht: D-^Stti i^'npa, in der Mitte der 
Jahre, sondern D"^5;d ial^pa, wenn zwei sich nahen. R. Ilaa bar 
Berachja hat ferner gesagt: Zwei Gelehrte (Schüler der Weisen), die 
sich auf den Weg begeben und sich nicht miteinander über die 
Worte der Thora unterhalten, verdienen, mit Feuer verbrannt zu 
werden, denn es heisst 2 Reg. 2, 11: „Und es geschah, als sie fort- 
gingen und redeten, siehe da, ein Feuerwagen und Feuerrosse, und 
Elia fuhr auf in einer Wetterwolke gen Himmel" Das geschah, 
weil sie sich über die Worte der Thora unterhielten. Hätten sie 
sich nicht über die Worte der Thora unterhalten, so hätten sie 
verdient, verbrannt zu werden. R. Ilaa bar Berachja hat femer 
gesagt: Wenn zwei Gelehrte (Schüler der Weisen) in einer" Stadt 
wohnen und gegeneinander nicht in der Halacha milde sind, so 
stirbt der eine, und der andere muss auswandern, denn es heisst 
Deut 4, 42: „Dass dahin flüchte der Mörder, der seinen Nächsten 
todtgeschlagen ohne Wissen." Unter ns^n, Wissen ist nichts anderes 
als rt*iin, die Thora zu verstehen vergl. Hos. 4, 6: „Vertilgt ist 
mein Volk aus Mangel an Wissen (n:^nrt '>ba73)." Rab Jehuda bar 
R. Chija hat gesagt: „Wer sich der Thora in der Armuth be- 
fleissigt, dessen Gebet wird erhört, denn es heisst Jes. 30, 19: 
„Denn Volk, das in Zion wohnt, in Jerasalem, du wirst nicht weiter 
weinen, er wird dich begnadigen bei der Stimme deines Rufens, wie 
er es vernimmt, erhört er dich." Darauf folgt V. 20: „Und geben 
wird euch der Herr Brot in der Noth und Wasser in der Drang- 
sal." R. Abahu sagt: Man sättigt ihn vom Glänze der Schechina, 
wie es heisst das.: „Deine Augen werden deine Lehrer schauen.'^ 
R. Acha bar Ghanina hat gesagt: Selbst der Vorhang wird vor einem 
solchen nicht zugezogen, wie es heisst das.: „Nicht femer werden 
sich verbergen müssen deine Lehrer." 

>) So ist wohl die Stelle nach dem Talmud zn verstehen. 
«) Vergl. Sanh. Fol. 20 a. 



350 ^^'- Tractat Sota. 

154. (Das.) (Es heisst in der Mischna:) Es giebt keinen Tag 
ohne Fluch. Baba hat gesagt: Jeder folgende Tag ist an Flach 
reicher als der vorhergehende (eig. sein Genosse), denn es heisst 
Deut 28, 67: ,,Am Morgen wirst du sprechen: Wenn es doch schon 
Abend wäre! und am Abend wirst du sprechen: Wenn es doch schon 
Morgen wäre!" Was ist unter *ipa zu verstehen, vielleicht der kom- 
mende Morgen? Wer weiss, was da sein wird? Daraus erhellt, dass 
das Wort von dem Morgen des vergangenen Tages gilt Wer aber 
bewirkt, dass die Welt besteht? Das Hersagen des dreimal heilig 
(Trishagion), das an Stelle des Gesetzabschnittes (angewendet wurde), 
und das Sprechen der Worte: Gepriesen sei sein grosser Name! 
wie es heisst Hi. 10, 22: „Ein Land, verschleiert wie das Dunkel; 
Todesschatten sonder Ordnung/' Wenn sie (die Israeliten) die Wochen- 
abschnitte hersagen, „so leuchten sie aus dem Dunkel hervor." 

155. (Das.) Rab Huna fand schöne (liebliche) Datteln und 
wickelte sie in seinen Mantel Da kam sein Sohn Rabba und sprach 
zu ihm: Ich rieche den Duft schöner Datteln. „Da sprach jener: 
Mein Sohn: In dir ist Beinheit, er gab ihm dieselben. Während 
sie so miteinander sprachen, kam Baba,^) und Rabba gab sie 
nun diesem. Da sprach Rab Huna: Mein Sohn! mein Herz hast 
du erfreut, aber meine Zähne hast du stumpf gemacht. Das ist 
€s, was die Leute sagen: Die Liebe der Eltern erstreckt sich auf 
die Kinder und die Liebe der Kinder erstreckt sich wieder auf ihre 
Kinder. Rab Acha bar Jacob befasste sich mit der Erziehung des 
Rab Jacob, seines Enkels (eig. des Sohnes seiner Tochter). Als der- 
selbe gross war, sprach er zu ihm: Gieb mir etwas Wasser! worauf 
jener ihm antwortete: Bin ich denn dein Sohn?^) Das ist es, was 
die Leute sagen: Erziehe mich, und doch bin ich nur der Sohn 
deiner Tochter!^) 

156. (Fol. 49ab.) Mischna ZX, 14. Im Kriege mit Yespasian 
wurden die Kränze der Bräutigame und die Handtrommeln ver- 
boten, im Kriege mit Titus^j auch die Kränze der Bräute und dass 
niemand seinen Sohn im Griechischen unterrichten sollte; im letzten 
Kriege (im Bar-Kochbakriege) verbot man, dass die Braut unter 



>) Dei* Sohn des Rabba und Enkel des Huna. 
^) Ich bin ja nur dein Enkel. 

*) Man schätzt Grosseltern nicht so hoch wie die eigenen Eltern, selbst 
wenn sie einen erzogen haben. 

*) Hier ist Dlö^p = Quietus zu lesen. 



VII. Tractat Sota. 351 

einem Traabaldachin in der Stadt ging. Unsere Rabbinen aber ge- 
statteten nachher wieder, dass die Braut unter dem Traubaldachin 
in der Stadt gehen durfte. 

15, Mit dem Tode R. Melr's hörten die Gleichnissdichter auf, 
mit dem Tode Ben Asai's hörten die Emsigen (die fleissig Studiren- 
den) auf, mit dem Tode Ben Soma's hörten die Prediger (Bibelaus- 
leger) auf; mit dem Tode R. Josua's hörte die Güte (die Herzensgüte) 
in der Welt auf, mit dem Tode des R. Simeon ben Gamliel kamen 
Heuschrecken und viele Drangsale, mit dem Tode des R. Elieser 
ben Asarja schwand der Reichthum von den Gelehrten, mit dem 
Tode R. Akiba's hörte die Herrlichkeit der Thora auf, mit dem 
Tode des R. Chanina ben Dosa hörten die werkthätigen Männer 
auf, mit dem Tode R. Josse's Eathnutha schwanden die Frommen. 
Warum hiess er Nn^tsai?? Weil er der Kleinste (der Demüthigste) 
unter den Frommen war. Mit dem Tode des R. Jochanan ben Saccai 
hörte der Glanz der Weisheit auf, mit dem Tode des Rabban Gam- 
liel des Alten hörte die Herrlichkeit der Thora auf und gleich- 
zeitig erlosch Reinheit und Enthaltsamkeit, mit dem Tode des R. 
Ismael ben Phabi hörte der Glanz der Priesterwürde auf; mit dem 
Tode Rabbi's hörte die Demuth und Sündenscheu auf. R. Pinchas 
ben Jalr sagt: Seit der Zerstörung des Tempels sind die Gelehrten 
(Genossen) und freien Männer beschämt, sie verhüllen ihr gesenktes 
Haupt, die werkthätigen Männer sind unbeachtet und die Gewalt- 
thätigen und Schwätzer (Verleumder) nehmen überhand; niemand 
forscht, niemand strebt, niemand fragt. Auf wen sollen wir uns 
stützen (verlassen)? Auf unsern Vater in den Himmeln. R. Elieser 
der Grosse sagt: Seit der Zerstörung des Tempels sind die Gelehr- 
ten (Weisen) den Einderlehrem gleich geworden und die Kinder- 
lehrer den Sjnagogendienem und die Sjnagogendiener den Un- 
wissenden (dem gewöhnlichen Volke) und die Unwissenden werden 
immer elender und es ist niemand, der fragt und strebt Auf wen 
sollen wir uns stützen? Auf unsern Vater in den Himmeln. Als 
Spuren des Messias sind zu betrachten: Die Unverschämtheit mehrt 
sich, der Ehrgeiz sprosst empor, der Weinstock giebt zwar seine 
Früchte, aber der Wein ist theuer; die Regierung wendet sich zur 
Ketzerei; es giebt keine Zurechtweisung, das Versammlungshaus 
dient zur Buhlerei, Galiläa wird zerstört, Gablan verwüstet, die Be- 
wohner der Grenze ziehen von Stadt zu Stadt, ohne Mitleid zu 
finden; die Weisheit der Schriftgelehrten wird stinkend; die, welche 



352 V^^- Tractat Sola. 

die Sünde scheuen, werden verachtet, und die Wahrheit wird ver- 
misst; Knaben beschämen Greise, Greise stehen vor Kindern; der 
Sohn würdigt den Vater herab, die Tochter steht gegen ihre Mutter 
auf, die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter, die Feinde 
eines Mannes sind seine Hausgenossen, das Ansehen des Zeitalters 
ist hündisch, so dass der Sohn sich vor seinem Vater nicht schämt 
Auf wen sollen wir uns stützen? Auf unsem Vater in den Himmeln. 

R. Pinchas ben JaYr sagt: Hurtigkeit (eifrige Gesetzerfüllung) 
führt zur Unschuld, Unschuld führt zur Reinheit, Reinheit führt 
zur Enthaltsamkeit, Enthaltsamkeit führt zur Heiligkeit, Heiligkeit 
führt zur Demuth, Demuth führt zur Sündenscheu, Sündenscheu 
führt zur Frömmigkeit, Frömmigkeit führt zum heiligen Geist, der 
heilige Geist führt zur Todtenbelebung, die Todtenbelebung führt 
zu Elia, dem Propheten, dessen Andenken zum Guten seil Amen. 

157. (Fol. 49b.) Unsere Rabbinen haben überliefert: Mit dem 
Tode des R. Elieser wurde das Gesetzbuch verborgen, mit dem 
Tode des R. Josua hörte Rath und Ueberlegung (Klugheit) auf, mit 
dem Tode des R. Akiba hörten die Arme der Thora auf und die 
Quellen der Weisheit wurden verstopft; mit dem Tode des R. Eleasar 
ben Asarja hörten die Kronen der Weisheit auf, denn die Krone 
der Weisheit ist ihr Reichthum; mit dem Tode des R. Chanina ben 
Dosa schwanden die werkthätigen Männer, mit dem Tode Abba's 
hörten die Emsigen auf, mit dem Tode Ben Soma's hörten die 
Prediger (Schriftausleger) auf. Als R. Simeon ben Gamliel starb,, 
kamen Heuschrecken und Drangsale, als Rabbi starb, wurden die 
Drangsale verdoppelt. Mit dem Tode Rabbi's hörte die Demuth 
und Sündenscheu auf. 



NACHTRÄGE. 



TRACTAT JEBAMOTH. 

« 

1. (Fol. 13 ab.) Mischna I, 4. Die Schale Schammai's gestattet 
den Brüdern die Nebenfrauen (ihrer verbotenen Verwandtschafts- 
grade) zur Leviratsehe, die Schule HilleFs dagegen verbietet es. 
Haben sie die Chaliza vollzogen, so erklftrt die Schule Schammai's 
sie fflr anbrauchbar, einen Priester za heirathen, die Schule HilleFs 
dagegen erklärt sie für brauchbar. Sind sie vom Schwager geehe- 
licht worden, so erklärt die Schule sie fflr tauglich (einen Priester 
zu heirathen), die Schule HiUeFs dagegen erklärt sie nicht fflr taug- 
lich. Obgleich die eine Schule verwirft, was die andere erlaubt, so 
Hessen sie sich doch nicht abhalten, von einander Weiber zu neh- 
men. Auch hinsichtlich des Reinen und unreinen, wobei die eine 
Schule für rein, die andere für unrein erklärte, liessen sie sich nicht 
abhalten, das zu gebrauchen, was nach der einen oder nach der 
anderen Schule rein war. 

2. (Fol 14a.) Crcmara, Mancher sagt: Die Schule Schammai's 
hat (in den streitigen Punkten) nicht nach ihren Worten entschieden, 
weil die Schule Hillers zahlreicher war; mancher dagegen sagt: 
Die Schule Schammai's hat (nach ihren Worten) entschieden, denn 
man pflegt sich nur dann nach der Mehrheit zu richten, wenn sie 
(die Streitenden) einander gleich sind, die Schule Schammai's aber 
war scharfsinniger (als die Hillel's). 

3. (Fol. 14b.) Es heisst: Die Schulen Schammai's und Hillel's 
liessen sich nicht abhalten, von einander Weiber zu nehmen, um 
dir zu lehren, dass sie in Liebe und Freundschaft miteinander ver- 
kehrten,^) um zu bestätigen, was gesagt ist Sach. 8, 19: „Wahrheit 
und Frieden liebet" 



^) Die Worte beweisen, dass die fraglichen Dinge nur einen Schulstreit 
WftBfebo, Der bftbylonifcbo Talmvd. 23 



354 Nachtrage. 

4« (Fol. 16 b u. 17 a.) Bab Jehnda hat im Namen des B. Assi 
gesagt: Wenn ein Nichtjade (Goi) sich mit einer jQdin in dieser 
Zeit verlobt, so wird seine Verlobung in Betracht gezogen, denn 
er kann ja von den zehn Stämmen abstammen. Es heisst doch 
aber: Wer sich absondert, gehört (Toraoss&tzlich) der Mehrheit an? 
Antw.: (Es handelt hier) von dem Orte, wo sie (die zehn Stämme) an- 
sässig waren. B. Abbabar Kahana hat gesagt: Es heisst 2 Beg. 18, 11: 
,,ünd der König von Assor führte Israel hinweg and versetzte sie 
nach Chalach und Chabor, an den Strom Gosan und in die Städte von 
Madai." Chalach (nVn) ist Cholw&n (inVtj), Chabor ('man) ist 
Adiabene (a'^^nn), der Strom Gosan ("[Tia) ist Ginsak (pT5?), die Städte 
von Madai sind Hamadan [and seine Umgebang. Andere aber sagen: 
Es ist Nehar (Neharwend?) and seine Umgebang. Welches ist seine 
Umgebang? Samael hat gesagt: Es ist Moschki ("^dtdIt^)! Chidki 
^PT^n) ^ßd Damkeja (N^TjÄin). Die Menschen von Tharmad (Tad- 
mor ^= Palmjra) sind anfähig, weil sie von den Knechten Salomo's 
abstammen. Das ist es, was die Leute zu sagen pflegen: Das grosse 
Kab (Masz) und das kleine Kab (Masz) wälzt sich in den ScheoH) 
und vom Scheol nach Tharmad und von Tharmad nach Meschan 
and von Meschan nach Harpanja. 

5. (Fol. 21a.) Baba hat gejsagt: Woher lässt sich aus der Thora 
eine Andeutong entnehmen, dass ausser den im Gesetze zur Ehe ver- 
botenen Weibern es noch Weiber giebt, welche die Babbinen verboten 
haben? Es heisst Lev. 18, 27: „Denn all diese schweren Greuel 
thaten die Bewohner des Landes, die vor euch, und das Land ward 
unrein.*' f»V>Mrf ' bedeutet niV3p, schwer. Daraus lässt sich entnehmen, 
dass es geringere giebt (niD^). Welches sind diese? Das sind die 
Weiber, welche die Babbinen zur Ehe verboten haben. Woher l&sst 
sich entnehmen, dass bK schwer (stark) bedeutet? AusEzech. 17, 13: 
npb V^NSi '>b'>« n«n, „Und er nahm die Starken des Landes.*^ 
Wollen wir sagen, dass eine Meinungsverschiedenheit mit B. Levi 
sei, denn B. Levi hat gesagt: Schwerer ist die Strafe, die auf (fal- 
sches) Masz, als die Strafe, die auf Blutschande gesetzt ist, denn 
bei dieser heisst es nur bK, dagegen bei jenem heisst es r^big? 
Antw.: h» bedeutet schwer (stark) und rtb^ ist stärker als bti» 

bildeteD und fQr den persönlichen Verkehr der streitenden Partelen ohne Belang 
waren. 

^) Gemeint ist Babylonien wegen seinei* tiefen Lage, denn es hatte alle 
Exulanten aufgenommen. 



Nachträge, 355 

Frage: Allein bei der Blutschande heisst es doch auch nbK? Antw.: 
Das beweist nur, dass bei Blutschande Ausrottung folgt, bei (falschem) 
Masz aber nicht Worin aber ist (falsches) Masz schwerer als Blut- 
schande? Antw.: Nach Blutschande ist Busse möglich, nach (falschem) 
Masz aber nicht Rah Jehuda hat gesagt: Von hier Koh. 12, 29 
ist die Andeutung: ,,Er erwog (itm) und forschte und verfasste viele 
Sprüche.*' (Was bedeutet Itm?) Ula hat gesagt: Bevor Salomo kam, 
glich die Thora einem Korbe, welcher keine Oesen (Ohren, Q'^^tk) 
hatte, als er aber kam, machte er ihr Oesen (Ohren). B. Oschaja 
bringt den Beweis aus Prov. 4, 15: „Yergrössere ihn, betritt ihn 
nicht; wende dich ab von ihm und geh' vorüber." Rah Aschi hat 
ein Gleichniss gesagt Womit ist das, was R. Oschaja gesagt hat, 
SU vergleichen? Mit einem Menschen, der einen Lustgarten bewacht 
Bewacht er ihn von aussen, so ist er ganz bewacht, bewacht er ihn 
dagegen von innen, so ist das, was vor ihm ist, bewacht, das aber, 
was hinter ihm ist, ist nicht bewacht Das Gleichniss des Rab 
Aschi trifft nicht zu. Dort (beim Lustgarten) ist wenigstens das, was 
vor ihm ist, bewacht, allein hier (bei der Thora), wenn nicht die 
verbotenen Verwandtschaftsgrade, die nicht in der Thora verzeich- 
net sind, beobachtet werden, wird sie selbst nicht beobachtet Rab 
Kahana bringt den Beweis aus Lev. 18, 5: „Und bewachet meine 
Satzungen (TinTSi&Ta Qn*i73iDn),'' was sagen will: Machet eine Be» 
wachung für meine Satzungen ("^d^tsidt^V n^»v:73). Abaji hat zu 
Rab Joseph gesagt: Das wäre doch dann von der Thora geboten? 
Antw.: Es ist von der Thora, aber unsere Rabbinen haben es deut- 
lieh erklärt Die ganze Thora haben doch auch unsere Rabbinen 
erklärt? Allein es ist nur eine Vorschrift der Rabbinen und der 
Schriftvers dient bloss zur Anlehnung« 

6. (Fol. 22ab.) Wenn jemand (bei seinem Tode) einen Sohn 
hinterlassen hat (selbst wenn es ein Bastard ist), so ist das Weib 
seines Vaters frei von der Leviratsehe und er wird, wenn der Vater 
von ihm geschlagen oder verflucht worden, getOdtet Warum? Es 
heisst doch Ex. 22, 27: „Einem Fürsten in deinem Volke sollst du 
nicht fluchen,'' was doch sagen will: Wenn er also thut, wie dein 
Volk thut? Antw.: Also wie Rab Pinchas im Namen des Rab Papa 
gesagt hat: Wenn er Busse gethan hat Hilft denn die Busse, es ist 
doch in einer Boraitha gelehrt worden: Simeon ben Menasja sagt 
mit Bezug auf Eoh. 1, 15: Was ist „krumm, das nicht gerade ge- 
macht werden kann?'' Das ist der, welcher eine Blutsverwandt^ 



356 Nachü-Ägc. 

beschläft und mit ihr einen Bastard zeugt (in einem solchen Falle 
hilft doch keine Bnsse)? Trotzdem ist er doch jetzt (nach der 
Busse) einer, der also thut, wie dein Volk thnt. 

7. (Fol. 24a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Es heisst Deut 
25, 6: „und es soll der Erstgeborne" u. s. w. Von hier wissen wir, 
dass es eine Vorschrift ist, dass der Aeltere (Brnder) zur Levirats- 
ehe verpflichtet ist. „Dem sie gebiert," um die Unfruchtbare aus- 
zuschliessen, welche keine Kinder gebären kann. „Er soll stehen auf 
dem Namen seines Bruders," nämlich in Bezug auf die Erbschaft.^) 
Du meinst: In Bezug auf die Erbschaft oder nicht? Nein, sondern 
in Bezug auf den Namen. Hatte nämlich der Gestorbene den Namen 
Joseph, so soll man ihn (den Sohn) auch Joseph nennen; hatte der 
Gestorbene den Namen Jacob, so soll man ihn auch Jacob nennen? 
Es heisst hier: „Er soll stehen auf dem Namen seines Bruders," und 
dort Gen. 48, 6 heisst es auch: „Nach dem Namen ihrer Brüder 
sollen sie genannt werden in ihrem Erbtheile," also wie es dort auf 
das Erbe geht, so ist es auch hier in Bezug auf das Erbe gemeint 
Das:. „Dass nicht ausgelöscht werde sein Name in Israel," um den 
Verschnittenen auszuschliessen, denn dessen Namen ist ausgelöscht 
(von der Welt). Raba hat gesagt: Wiewohl in der ganzen Tbora 
kein Vers aus seinem Wortsinne herausgeht, so ist hier doch durch 
die Schlussfolge der Analogie (rrna nnta) der Vers aus seinem Wort- 
sinne herausgehoben worden.^) 

8. (Fol. 24b.) R. Nechemja sagt: Löwenproselyten,*) Prose- 
lyten der Träume*) und Proselyten Mardachai's und Esthers^) sind 
keine (wahren) Proselyten, es sei denn, dass sie in dieser Zeit ins 
Judenthum treten. Wie kann es dir in den Sinn kommen: Nur ^^in 
dieser Zeit" (giebt es Proselyten)? Antw.: Es ist ein solcher (ge* 
meint), der ins Judenthum tritt in einer Zeit, wie die jetzige ist 
Die Norm ist wie der, welcher sagt: Alle Proselyten sind wie 



*) Der Schwager soll der Erbe seines Bruders sein. 

*) Nämlich das Kind, was geboren werden wird, darf nicht den Nameo 
des verstorbenen Bruders tragen. 

») ni»1H n:i hiessen namentlich die Samaritaner, weil sie aus Furcht TOr 
den verheerenden Löwen (2 Reg. 17, 25 ff.) Gott anbeteten. 

^) Sie hiessen deshalb so, weil sie in Folge von Träumen Proselyten 
wurden. 

*) Das sind solche, welche in solchen Zeiten, wo Leute wie Mardachai 
und Esther lebten, Obertreten. 



Naclilräge, 357 

Jaden. Dennoch aber darf der, welcher verdächtig ist, mit einep 
NichtJüdin zusammenznwohnen, wenn sie auch zum Jadenthume über- 
getreten ist, sie nicht als sein Weib heimführen, weil Bab Assi ge- 
sagt hat mit Bezug auf Prov. 4, 24: „Thn ab von dir Krümme des 
Mundes und Verkrümmung der Lippen entferne von dir/' 

9, (Fol. 41a.) Mischna IV, 10. Die zur Leviratsehe verpflich- 
tete Schwägerin soll nicht eher zur Chaliza (zur Handlung des 
Schuhaasziehens) oder Leviratsehe schreiten, bis drei Monate vorüber 
sind. Cremara. Sie darf nicht eher die Leviratsehe eingehen, denn 
sie könnte vielleicht (schwanger sein) und das Kind könnte leben 
and da ist sie doch dem Bruder (ihres verstorbenen Mannes) als 
Weib verboten. 

10, (Fol. 42 a.) Mischna das. Ebenso sollen die übrigen Frauen 
sich nicht eher wieder verloben oder verheirathen, bis drei Monate 
vorüber sind, mögen sie Jungfrauen, oder Beschlafene, oder Geschie- 
dene, oder Wittwen, oder Verheirathete, oder Verlobte sein. 

Gemara. Gewiss bei einer Jebama, wie oben gesagt, aber 
warum bei allen übrigen Frauen? Bab Nachman hat im Namen 
Samuels gesagt: Weil es heisst Gen. 17, 7: (Gott sprach zu Abra* 
ham:) „Um dir zu sein ein Gott and deinem Samen nach dir,^ was 
sagen will: Man soll unterscheiden können zwischen dem Samen des 
ersten und dem Samen des zweiten Mannes. Baba warf die Frage 
auf: In einer Boraitha heisst es: Ein Prosei jt und eine Proselytin 
müssen sich drei Monate des ehelichen Umganges enthalten. Warum 
(ist dies hier nöthig)? Um unterscheiden zu können zwischen dem 
Samen, welcher in Heiligkeit gesät worden und dem Samen, welcher 
nicht in Heiligkeit gesät worden ist^) 

11, (Fol. 45 a.) Jemand (dessen Vater ein NichtJude und dessen 
Mutter eine Jüdin war) erschien vor Bab und richtete die Frage 
an ihn: Wenn ein NichtJude (Goi) oder ein (nichtjüdischer) Knecht 
eine Israelitin beschläft, was ist das Kind? Bab antwortete ihm: 
Das Kind ist tauglich. Darauf sprach jener: (Also bin ich tauglich,) 
gieb mir deine Tochter zum Weibe. Ich gebe sie dir nicht, ver- 
setzte Bab. Da sprach Bab Simi bar Chi ja zu Bab: Die Leute 
sagen, dass in Medien ein Kamel in einem Kab (Masze) tanzt, da 
ist das Kamel und da ist das Kab und da ist Medien and das 



*) D. l ob das Weib schon vor ihrem Eintritt ins Jadenthum schwanger 
war oder nicht. 



358 Nachträge. 

IKamiel tanzt doch nicht! Darauf sprach Rab: Wenn er selbst wie 
Josna ben Nun w&re, so würde ich ihm meine Tochter nicht geben. 
Bab Simi sprach: Wenn er wie Josna ben Nun w&re und der 
Herr ihm seine Tochter nicht gäbe, so würde ihm ein anderer 
seine Tochter gegeben haben, diesem aber ->- wenn der Herr ihm 
nicht (die Tochter) giebt, werden auch andere (sie) nicht geben! Da 
der Mann nicht von ihm (Rab) hinweggehen wollte, so richtete 
er seine Augen auf ihn und er starb. Auch Rab Mathna lehrt, 
dass sie (die Tochter) ihm (dem Manne) gestattet war. Auch Rab 
Jehuda lehrt, dass sie ihm gestattet war. Wenn ein solcher Mensch 
vor Rab Jehuda kam, pflegte er zu ihm zu sagen: Geh und begieb 
dich an einen Ort, wo man dich nicht kennt (da wird man dir seine 
Tochter geben), oder nimm eine Tochter deinesgleichen (d. i. die 
einen nichtjüdischen Yater und eine jüdische Mutter hat). Wenn 
ein solcher Mensch vor Raba kam, pflegte er zu ihm zu sagen: 
Entweder geh an einen fernen Ort (wo man dich nicht kennt), oder 
nimm eine Tochter deinesgleichen. 

12. (Fol 47 a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Es heisst 
Deut 1, 16: „Und richtet mit Gerechtigkeit zwischen einem Manne 
und seinem Bruder und seinem Fremdling (Prosei jten, "nri).'* Yen 
hier hat R. Jehuda gesagt: Wenn ein Proseljt im Gerichtshofe zum 
Jndenthum sich bekehrt, so ist er ein Proseljt, wenn er aber für 
sich allein übertritt, so ist er kein Proseljt. Es begab sich ein* 
mal mit einem Menschen, welcher vor R. Jehuda kam und zu ihm 
sprach: Ich bin für mich allein zum Jndenthume übergetreten, da 
sprach R. Jehuda zu ihm: Hast du Zeugen? Er sprach: Nein. 
Darauf R. Jehuda: Hast du Kinder? Dieser: Ja. Hierauf sprach 
R. Jehuda zu ihm: Du bist beglaubigt, dich selbst unbrauchbar zn 
machen, aber du bist nicht beglaubigt, deine Kinder unbrauchbar 
zu machen. 

13. (Fol. 61b.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: Unter 
nVnnsj (in der Schrift) ist nichts anderes als STnrs, Mädchen, m 
yerstehen. So heisst es Gen. 24, 16: „Und das Mädchen (n^^dm) 
war sehr schön von Ansehen, eine Jungfrau (nbinn)." 

14. (Fol. 62a.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: R. Nathan 
sagt: Die Schule Schammai's sagt: Wenn ein Mensch zwei Knaben 
und zwei Mädchen hat, so hat er die Vorschrift der Fortpflanzung 
erfüllt, die Schule Hillel's dagegen sagt: Es ist das schon der 
Fall, wenn er einen Knaben und ein Mädchen hat. Rab Hnna hat 



Nachtrage. 359 

gesagt: Was ist der Grund des R. Nathan, dass die Schale Scham- 
mai's also sagt? Weil es heisst Gen. 4, 2: ,,Und sie (Eva) gebar 
femer seinen Bruder, den Hebel (bnn r« vnti n«)." (Da sind 
doch die beiden dm flberflttssig, allein es soll damit angedeutet 
werden,) Hebel und seine Schwester und Eain und seine Schwester. 
Femer heisst es das. Y. 25: „Denn gesetzt (nc) hat mir Gott an- 
deren Samen (ein anderes Kind) anstatt Hebel, weil ihn Eain er- 
schlagen hat''^) Unsere Rabbinen aber sagen: Ein Knabe und ein 
M&dchen ist genug, Eva lobte nur Gott, (weil er ihr noch einen 
Sohn gegeben hatte, und es ist daraus nicht bewiesen, dass man 
zwei Söhne haben müsse). 

15. (Das.) Es heisst: Wenn er Kinder gehabt hat und sie 
gestorben sind, so hat er nach der Meinung des Rab Huna die 
Vorschrift der Fortpflanzung erfüllt, nach der Meinung des R. Jo- 
chanan dagegen hat er sie nicht erfüllt. Rab Huna hat gesagt: Er 
hat die Vorschrift erfüllt, wegen R. Assi, denn dieser hat gesagt: 
Der Sohn Davids kommt nicht eher, bis alle Seelen aus dem Guf 
(dem Seelenspeicher) hinweg genommen worden sind, denn es heisst 
Jes. 57, 16: „Denn der Geist (Lebensodem) schmachtet vor mir 
dahin, und die Seelen, die ich gemacht habe.'' R. Jochanan hat 
gesagt: Er hat die Vorschrift der Fortpflanzung nicht erfüllt, weil 
die Schöpfung (die Welt) bewohnt werden soll, er aber hat sie 
nicht bevölkert. 

16. (Fol 62b.) Rabba hat zu Raba bar Mari gesagt: Woher 
lässt sich beweisen, dass unsere Rabbinen gesagt haben: Die Kinder 
der Söhne (die Enkel) sind den Kindem gleichzustellen? Sollen wir 
sagen, weil es heisst Gen. 31, 43: (Laban sprach zu Jacob:) „Die 
Töchter sind meine Töchter und die Söhne sind meine Söhne'* (da 
hat Laban doch die Söhne seiner Töchter seine Söhne genannt)? 
Das ist so, wie er gesagt hat: Die Schafe sind meine Schafe, was 
sagen wiU: Du hast sie von mir erworben. Ebenso ist der Sinn jener 
Stelle : Du hast sie (die Töchter) von mir erworben. Allein der Beweis 
ist von hier zu entnehmen 1 Chron. 2, 21 : „Und hemach kam Chezron 
zu der Tochter Machir's, des Vaters Gilead's, und sie gebar ihm den 
Segub," desgleichen Jud. 5, 14: „Von Machir zogen hinab Gesetz- 
geber," desgleichen Ps. 60, 9: „Jehuda ist mein Gesetzgeber." 



^) Das Citat soll beweisen, dass der Mensch zwei Knaben nnd zwei Mäd- 
chen besitzen muss. 



360 Nachträge. 

17. (FoL 64b.) Es ist doch nicht so (wie es in der Mischna 
heisst: Wenn einer von seinem ersten Weibe keine Kinder hat, so 
soll er sich ein anderes Weib nehmen, so wird er Kinder von ihr 
haben. Warum?) Die Rabbinen sprachen zu B. Abba bar Sabda: 
Nimm ein Weib und zeuge mit ihr Kinder! Er antwortete ihnen t 
Wenn ich es verdient hätte, Kinder zu haben, so h&tte ich Ton 
meinem ersten Weibe Kinder gehabt Allein R. Abba bar Sabda 
wollte die Rabbinen nur von sich stossen (abweisen), (er wollte kein 
Weib nehmen,) weil er von der Schule des Rab Huna unfruchtbar 
geworden war. Auch Rab Giddel wurde von der Schule des Rab 
Huna unJEruchtbar, desgleichen R. Chelbo und R. Schescheth. Als 
Rab Acha bar Jacob in Rab Huna's Schule krank wurde, hing man 
ihn auf eine Ceder des Lehrhauses. Da ging von ihm heraus wie 
ein grünes Dattelblatt und er wurde gesund. Rab Acha bar Jacob 
hat gesagt: Wir waren 60 Alte und alle wurden von Rab Huna's 
Schule unfruchtbar, nur ich nicht, weil ich erfallte die Worte Koh. 
7, 12: „Die Weisheit macht lebendig ihren Herrn (BesitzerJL** 

18. (Fol. 65 b.) Mischna. Dem Mann ist die Fortpflanzung ge- 
boten worden, aber nicht dem Weibe. R. Jochanan ben Beroka 
sagt: Von beiden (von dem Manne und dem Weibe) heisst es Gen. 1, 26: 
„Und Grott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und 
mehret euch!" 

Gemara, Woher wissen wir (dass nur dem Manne die Fort- 
pflanzung befohlen worden ist und nicht dem Weibe)? R. Hai hat 
im Namen des R. Eleasär ben Simeon gesagt: Es heisst das.: „Und 
fallet die Erde und erobert sie," was sagen will: Es ist die Weise 
des Mannes zu erobern (Krieg zu führen), aber es ist nicht die 
Weise des Weibes zu erobern. Aber mus^pn bedeutet doch: Ihr 
sollt erobern, was doch auf zwei sich bezieht? R. Nachman bar 
Jizchak hat gesagt: Der Schrifttext ktutet: „nirj^p*;, du sollst sie 
erobern" (mithin redet di& Schrift nur von einem Menschen, von 
Adam). Rab Joseph bringt den Beweis von Gen. 35, 11: (Gott 
sprach zu Jacob:) „Ich bin der Allmächtige, sei fruchtbar und mehre 
dich," er hat nicht gesagt (Jacob's Weiber mit einschliessend): Seid 
fruchtbar und mehret euch! 

10. (Fol. 70a.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Es heisst Lev. 
22, 13: „Die Tochter eines Priesters, die verwittwet oder Verstössen 
wird und keine Kinder hat (nb V'^ ^^^i"^"*) (^^^ ^^ ihrem Vater zu- 
rückkehren und von seinem Brote essen)." Daraus weiss ich nur. 



Nachträge. 361 

dass, wenn sie Kinder hat (sie nicht von seinem Brote essen darf), 
woher lässt sich aber beweisen, dass selbst der Enkel unfähig 
macht? Weil es heisst: „Und sie keine Kinder hat'^ d. i. in jeder 
Beziehung. Unsere Babbinen haben gelehrt: Siehe, ich will eine 
Sflhne sein far den Sohn meiner Tochter, der ein Krüglein ist, weil 
ich durch ihn essen kann, und nicht: Ich will eine Sflhne sein für 
den Sohn meiner Tochter, der ein grosser Krug ist, weil ich durch 
ihn für den Genuss der Hebe unbrauchbar bin«^) 

20« (FoL 71b u. 72a.) Babba bar Jizchak hat im Namen 
Bab's gesagt: Das Entblössen der Beschneidungshaut ist unserem 
Vater Abraham nicht geboten (gegeben) worden, denn es heisst Jos. 
5, 2: „In derselben Zeit sprach der Ewige zu Josua: Mache dir 
scharfe Messer und beschneide wieder die Kinder Israel.^' ^) Viel- 
leicht bezieht sich das aber nur auf diejenigen Israeliten, welche 
noch gar nicht beschnitten waren, wie es heisst das. V. 5: „Denn 
beschnitten war das ganze Volk, welches auszog, aber die, welche 
in der Wüste geboren worden auf dem Wege bei ihrem Auszuge 
aus Aegjpten, hatte man nicht beschnitten.*' Wenn dem so ist, was 
will das Wort nnu3 (man soll noch einmal beschneiden) sagen? Antw.: 
Es geht auf die Vollendung der Beschneidung (auf das Entblössen 
der Eichel nach erfolgter Beschneidung. Josua hat die Theile der 
Haut zerrissen, welche um die Beschneidungshaut herumliegenX Was 
will aber das Wort n**3:s, zum zweitenmal, sagen? Antw.: Man soll 
das Ende der Beschneidung mit dem Anfange derselben vergleichen. 
Wie der Anfang der Beschneidung aufhält (d. h. ohne dieselbe das 
Gebot nicht erfüllt ist), so h&lt auch das Ende der Beschneidung auf, 
denn wir haben gelehrt: Das sind die Vorhautstücke, welche die Be- 
schneidung aufhalten (ungiltig machen), das Fleisch, welches den grössten 
Theil der Eichel bedeckt Warum aber sind die Israeliten in der 
Wüste nicht beschnitten worden? Wenn du willst, so sage: Weil sie 
schwach vom Wege waren, oder, wenn du willst, so sage: Weil ihnen 
kein Nordwind wehte, denn wir haben die Ueberlieferung: Während 
der ganzen vierzig Jahre, welche die Israeliten in der Wüste waren, 
wehte für sie kein Nordwind. Warum? Wenn du willst, so sage: 
Weil sie im Bann waren, oder, wenn du willst, so sage: Weil das 



1) Vergl. dazu Mischna VU, 6, Fol. 69 b. 

') Daraus wird gefolgert, d&as man von der Zeit Abrahams bis zu der 
Josua's die Beschneidang ohne das Zerreissen der Vorhaut Yollzogen hat. 



362 Nachträge. 

Herrlicbkeitsgewölk nicht sollte zerstreut werden. Rab Papa hat 
gesagt: An dem Tage, welcher bewölkt ist, und an dem Tage, wo 
der Südwind weht, soll man sich nicht beschneiden und man soll 
nicht zur Ader lassen. Jetzt aber, wo viele daran gewöhnt sind 
(dies za thun), geht in Erfüllung das Schriftwort: „Die Einfältigen 
behütet der Ewige/' 

21. (Fol. 72a.) Rab Huna hat gesagt: Die Thora gestattet dem, 
bei dem die Vorhaut zurückgezogen ist. Hebe zu essen; nach ihren 
(der Rabbinen) Worten aber ist es ihm verboten, weil er wie ein 
Unbeschnittener erscheint R. Jehuda sagt: Den, bei dem die Vor^ 
haut zurückgezogen ist, darf man nicht noch einmal beschneiden, 
weil eine Gefahr für ihn vorhanden ist. Da sprachen sie (die Ge- 
lehrten) zu ihm: Haben sich nicht viele in den Tagen Ben Ck)seba's 
noch einmal beschnitten und haben Söhne und Töchter gezeugt (und 
es war keine Gefahr für sie vorhanden)? 

22* (Fol. 76 ab.) Rab Joseph warf die Frage auf: Es heisst 
1 Reg. 3, 1: „Und Salomo verschwägerte sich mit Pharao, dem 
Könige von Aegypten'* d. i. er bekehrte sie zum Judenthum. In 
den Tagen Davids und in den Tagen Salomo's nahm man doch aber 
keine Proseljten auf (weil sie sich nicht aus reiner Absicht be- 
kehrten, sondern nur um glücklich zu sein)? Der Grund (der Nicht- 
aufnahme) ist doch nur, weil sie für den Tisch der Könige (d. L um 
glücklich zu leben) dies thun; sie (die Tochter Pharao's) bedurfte 
doch aber dieses Glückes nicht (folglich bekehrte sie sich aus 
reiner Absicht). Rab Papa hat gesagt: Sollen wir denn von Salomo 
fragen?! Salomo hat gar nicht Hochzeit mit den Weibern gemacht, 
denn es heisst das. 11, 2: „Von den Völkern, von denen der Ewige 
gesprochen zu den Kindern Israels: Ihr sollt nicht kommen unter 
sie und sie sollen nicht kommen unter euch; gewiss würden sie 
euer Herz nach ihren Göttern neigen. An diesen hing Salomo und 
liebte sie.'' Allein es heisst doch: „Er verschwägerte sich mit 
ihnen?" Das will sagen: Er liebte sie so sehr, dass die Schrift diese 
Ldebe so betrachtet, als hätte er sich mit ihnen verschwägert 

23. (Fol. 76b u. 77 a.) Mischna VIII, 3. Ammoniter und 
Moabiter dürfen niemals in die Gemeinde eintreten (eig. sind ver- 
boten), aber ihre Weiber dürfen jeder Zeit (sofort) eintreten. 

Gemara. Woher lässt sich das beweisen? R. Jochanan hat 
gesagt: Weil es heisst 1 Sam. 17, 55: „Und als Saul den David 
ausziehen sah, dem Philister entgegen, sprach er zu Abner, dem 



Nachträge. 363 

Heerführer: Wessen Sohn ist dieser Enahe da, Abner? Und Abner 
sprach: So wahr deine Seele lebt, o König, ich weiss es nicht.^ 
Kannte ihn denn Saul nicht, es heisst doch das. 16, 21: „Und er 
liebte ihn sehr und er ward ihm ein Waffenträger?'* Allein Saal 
fragte: Wer ist sein Vater (d. i. wer ist der Vater des Knaben). 
Kannte denn Saal seinen Vater nicht, es heisst doch das. 17, 12: 
„Und der Mann war in den Tagen Saals ein Aeltester nnd gehörte 
zn den (angesehenen) Männern ?" Daraaf hat Rah, oder, wie manche 
wollen, R. Abba gesagt: Damit ist Isai, der Vater Davids gemeint, 
der mit Hänfen herein- and mit Hänfen hinaaszog (einen solchen 
hat Saal doch gewiss gekannt)? Allein Saal hat also za Abner ge- 
sagt: Geh nnd frage, ob er (David) von Perez oder von Serach ab- 
stammt. Stammt er von Perez (d. i. Dnrchbrecher) ab, so wird er 
ein König, denn ein König bricht dnrch (Felder and Weinberge), 
am sich einen Weg zn bahnen and man darf ihm nicht wehren. 
Stammt er aber von Serach (n^T), so wird er nur ein angesehener 
Mann. Warnm sagte Saal also, dass Abner seinetwegen (nach David) 
fragen sollte? Wegen der Kleider, denn es heisst das. 17, 38: 
„Und Sani liess dem David seine Kleider anlegen.'* Was bedeatet 
T»n?3? Es will sagen: Es ist wie sein (d. i. Davids) Masz (imTSD). 
Und von Saal heisst es das. 9, 2: „Von seiner Schalter an ragte 
er über das ganze Volk empor.*' Da sprach Doeg, der Edomiter, 
zu Saul: Du fragst in Bezog auf ihn, ob er wird zar Regierung 
gelangen, frage lieber, ob er würdig ist, in die Versammlung (des 
Ewigen) zu kommen, oder nicht, weil er von Ruth, der Moabiterin, 
abstammt. Darauf sprach Abner zu Doeg: Wir haben gelernt: E» 
heisst: Ein Ammoniter, nicht: eine Ammoniterin, und ein Moabiter, 
nicht: eine Moabiterin (soll nicht in die Gemeinde des Ewigen kom- 
men). Frage. Es heisst doch: Ein Bastard, wirst du auch hier 
sagen: Und nicht: eine Bastardin?! Darauf Abner: Ein Bastard 
(iTTsr) bedeutet: ^t d^iTS, der einen Fehler hat Darauf Doeg: Es 
heisst doch: Ein Aegypter, wirst du auch sagen: und nicht: eine 
Aegjpterin?! Darauf Abner: Hier (bei Ammon und Moab) ist es 
etwas anderes, denn die Thora giebt als Grund an Deut 23, 5: 
„Darum, dass sie euch nicht zuvorgekommen sind mit Brot und 
mit Wasser auf dem Wege bei eurem Auszuge aus Aegypten;** es 
ist aber die Weise des Mannes (mit Brot und Wasser) zuvorzu- 
kommen, aber es ist nicht die Weise des Weibes, damit zuvor- 
zukommen (darum sind die Weiber nicht ausgeschlossen). Darauf 



364 Nachträge. 

Doeg: Aber die Männer hätten doch den Männern damit ent« 
gegenkommen und die Weiber wieder den Weibern damit entgegen- 
kommen können (aber es ist nicht geschehen)?! Da schwieg Abner. 
„Da sprach der König Saul zu Abner: Frage: Db^rj nt •>» "ja, wessen 
Sohn ist der junge Mann?'' Dort (früher) nannte Saul ihn: Knabe 
(n:>3) und hier (jetzt) nennt er ihn: Verborgen (ob 5)? Allein Saul 
sprach also zu Abner: Das Gesetz ist verborgen (nTsbs^ns) vor dir, 
geh und frage im Lehrhause. Abner fragte an und sie (die Ge- 
lehrten) antworteten ihm: Es heisst: Ein Ammoniter, und nicht: 
eine Ammoniterin, und ein Moabiter, und nicht: eine Moabiterin 
(soll nicht in die Gemeinde des Ewigen kommen). Darauf richtete 
Doeg alle obigen Fragen an sie, sie schwiegen aber (d. L sie konn- 
ten sie nicht beantworten). Da wollte man über ihn (David) öffent- 
lich ausrufen lassen (dass er kein israelitisches Weib nehmen sollte), 
allein „Amasa, der Sohn eines Mannes Jithra, der Jesreelite, kam zu 
Abigail, der Tochter Nachasch'* (s. 2 Sam. 17, 25), und 1 Chron« 
2, 17 heisst es: Abigail gebar Amasa; der Vater Amasa's aber war 
Jether, der Ismaelite." Raba hat gesagt: Daraus geht hervor, dass 
er sein Schwert wie ein Ismaelite umgürtet hatte und sprach: Wer 
nicht auf diese Regel hört, der soll mit dem Schwerte erstochen wer- 
den. Also habe ich von dem Gerichtshofe Samuels von Rama ver- 
nommen: Ein Ammoniter, nicht: eine Ammouiterin, ein Moabiter, 
nicht: eine Moabiterin (d. i. die Männer von Ammon und Moab sind 
verboten, die Weiber von Ammon und Moab aber sind gestattet). 
War denn Amasa beglaubigt, also zu sagen, R. Abba hat doch im 
Namen Rabs gesagt: Wenn ein Gelehrter eine Norm (Halacha) lehrt 
und kommt, wenn er sie vor der Praxis (bevor die Lehre zur prak- 
tischen Entscheidung gekommen) sagt, so schenkt man ihm Gehör, 
ist das aber nicht der Fall, so schenkt man ihm nicht Gehör? Allein 
hier ist es etwas anderes, denn Samuel und sein Gerichtshof bestand 
noch. Es bleibt doch aber noch die Frage, die Doeg gestellt hat? 
Hier (in Babylon) nimmt man Bezug auf Ps. 45, 14: „Die ganze 
Herrlichkeit der Königstochter soll im Innern Gemache sein," aber 
im Abendlande (Palästina), oder, wie andere wollen, nach R. Jizchak 
gilt als Beweis Gen. 18, 9: „Und sie (die Männer) sprachen zu 
ihm: „Wo ist dein Weib Sara? und er sprach: Im Zelte.'' 

24. (FoL 78b.) Rab Huna bar Ada hat gesagt: Ueber die 
Nethinim beschloss David s. 2 Sam. 21, 2: „Und der König berief 
die Gibeoniten und sprach zu ihnen: Die Gibeoniten aber sind nicht 



Nachträge. 365 

TOD den Kindern Israels/^ Warum hat er so aber sie beschlossen? 
Weil es heisst das. Y. 1: „Und es war eine Hongersnoth in den 
Tagen Davids drei Jahre lang, Jahr auf Jahr/' Das erste Jahr 
sprach er zn ihnen: Vielleicht giebt es unter euch Götzendiener, 
wie es heisst Deut 11, 16. 17: „Und ihr dienet anderen Göttern 
und huldiget ihnen und es entbrennt der Zorn des Ewigen Aber 
euch und er verschliesst den Himmel, dass kein Regen sei?'' Man 
untersuchte, fand aber nichts. Im zweiten Jahre sprach er zu ihnen: 
Vielleicht sind Uebertreter (Buhler) unter euch, wie es heisst Jerem. 
3, 3: „Es wurden Gflsse zurflckgehalten und der Sp&tregen kam 
nicht, weil du die Stirn eines buhlerischen Weibes hattest?" Man 
untersuchte, fand aber nichts. Im dritten Jahre sprach er: Viel- 
leicht giebt es solche nnter euch, welche Almosen öffentlich ge- 
loben, aber nicht geben, wie es heisst Prov. 25, 14: „Wolken und 
Wind ohne Regen, so ein Mann, der sich einer Gabe fälschlich 
rahmt"? Man untersuchte, fand aber nichts. Da sprach David: 
Die Sache hängt nur an mir (d. i. ich bin die Ursache der Hungers- 
noth). Sogleich „suchte er das Antlitz des Ewigen" (2 Sam. 21, 1). 
Was heisst das? Resch Lakisch hat gesagt: Er befragte die Urim 
und Thummim. Woher lässt sich das entnehmen? R. Eleasar hat 
gesagt: Von dem einen Worte *«:& zn dem anderen Worte "«sc. Hier 
heisst es: „Und David suchte das Antlitz ('^3d) des Ewigen," und 
dort Num. 27, 21 heisst es auch: „Und er soll ihn fragen nach dem 
Rechtsprnch der Urim vor dem Antlitz {'^itb) des Ewigen." 2 Sam. 
21, 1 heisst es weiter: „Da sprach der Ewige: Wegen Sauls und 
wegen des Hauses der Blutschuld, weil er die Gibeoniten getödtet" 
„Wegen Sanis," weil man ihn nicht betrauert hat, wie es die Regel 
verlangt, und wegen des Hauses der Blutschuld, weil er die Gibeoniten 
getödtet." Wo finden wir denn, dass Saul die Gibeoniten getödtet 
hat? Allein weil er die Priester in der Stadt Nob ums Leben ge- 
bracht hat, welche sie mit Wasser und Nahrung versahen, so sieht 
die Schrift ihm das so an, als ob er sie ums Leben gebracht hätte. 
Frage: Gott fordert Strafe in Bezug auf Saul, dass man ihn nicht 
betrauert hat, wie es die Regel verlangt, und er fordert zugleich 
Strafe in Bezug darauf, dass er die Gibeoniten getödtet? Antw.? 
Ja! denn Resch Lakisch hat gesagt: Was heisst das, was geschrieben 
steht Zeph. 2, 3: „Suchet den Ewigen, all ihr Frommen des Landes, 
weil sein Recht er vollzieht (ftj» 1t3Bt73 n««)?" Antw.: Weil da sein 
Gericht ist, so werden auch seine (guten) Thaten erwähnt Da sprach 



366 Nachu-age, 

David: Saal za betraaern, geht nicht mehr an, weil bereits mehr 
als zwölf Monate (nach seinem Tode) vergangen sind; die Nethinim 
aber soll man rufen, dass man sie besänftige. „Und der König berief 
die Gibeoniten und sprach zu ihnen'' u. s. w. (S. No. 58, S. 30.) 

25. (Fol. 86 ab.) Unsere Babbinen haben gelehrt: Hebe soll 
man dem Priester, den ersten Zehnten dem Leviten geben, das ist 
die Meinung des B. Akiba. B. Eleasar ben Asarja dagegen sagt: 
Den ersten Zehnten soll man dem Priester geben. Also nur dem 
Priester und dem Leviten nicht? Sage: Auch dem Priester (bezüg- 
lich des Leviten ist es selbstverständlich). Was ist der Grund des 
B. Akiba? Es heisst Num. 18, 26: „Und zu den Leviten sollst du 
reden und zu ihnen sprechen: So ihr von den Kindern Israels den 
Zehnten nehmet'' Da redet der Vers nur von den Leviten. Der 
Andere (B. Eleasar ben Asarja) meint: Das ist so, wie B. Josua 
ben Levi, denn dieser hat gesagt: An 24 Stellen werden die 
Priester Leviten genannt, eine Stelle davon ist Ezech. 44", 15: 
„Und die Priester, die Leviten, die Söhne Zadoks, welche der Obhut 
über mein Heiligthum wahrten." 

Es war ein Garten, von welchem B. Eleasar ben Asarja den 
ersten Zehnten nahm. Da ging B. Akiba dahin und verschloss die 
Thüre und öffnete sie an der Seite des Friedhofes (eig. der Gräber). 
Da sprach B. Eleasar: B. Akiba geht mit seiner Hirtentäschel) und 
ich lebe! Wir haben gelernt: Warum hat man die Leviten mit dem 
Zehnten bestraft? Darüber sind B. Jochanan (Jonathan) und die Alten 
verschiedener Meinung, der eine sagt: Weil sie in den Tagen Esra's 
nicht (von Babylon nach dem Lande Israel) heraufziehen wollten, 
der andere sagt: Damit die Priester sich auf ihn stützen sollten 
in den Tagen ihrer Unreinheit. Woher lässt sich beweisen, dass 
6ie in den Tagen Esra's nicht heraufgezogen sind? Es heisst Esra 
8, 15: „Und ich versammelte sie in dem Strome, der in Ahawa 
fliesst, und wir lagerten dort drei Tage, und ich sah mich um unter 
dem Volk und unter den Priestern, und fand dort keinen von den 
Kindern Levi's." Bab Chisda hat gesagt: Im Anfange stellte man 
Vögte nur von den Leviten auf, wie es heisst 2 Chron. 19, 11: 
„Und Vögte sind die Leviten vor (bei) euch," von jetzt an aber 
stellt man Vögte nur von den Israeliten auf, wie es heisst:^) „Und 
viele Vögte an eurer Spitze." 

^) R. Akiba war Hirt bei Kalba Sabna. 

*) Dieser Vers ist im A. T. nicht zu finden. 



Nachträge. 3ß7 

26. (Fol. 89b.) B. Jizcbak bat gesagt:* Wober lässt sieb be- 
'weisen, dass der Gerichtshof fremdes Yennögen freigeben darf? 
Weil es beisst Esra 10, 8: „Und wer nicht kommen wird binnen 
drei Tagen, nach dem Bescbluss der Fürsten nnd der Aeltesten, 
dessen Hebe soll gebannt werden nnd er soll ausgeschieden werden 
aas der Yersammlong der Exilirten.'* B. Eleasar bringt den Beweis 
Ton Jos. 19, 51: ,J)as sind die Erbtheile, welche vertheilten Eleasar, 
der Priester nnd Josna, der Sohn Nnns nnd die Häupter der Väter 
(Stammhänser) der Kinder Israels.'' Wie kommen die Häupter zu 
den Vätern? Um dir zu sagen: Wie die Väter ihre Kinder alles 
erben lassen, was sie wollen, so können auch die Häupter das Volk 
alles erben lassen, was sie wollen. 

27. (Fol 98a.) Es beisst Jona 3, 1: „Und es erging das Wort 
des Ewigen an Jona zum zweiten Mal also,^ was sagen will, dass 
die Schechina ein zweites Mal mit ihm geredet bat, aber ein drittes 
Mal hat sie nicht mit ihm geredet Es heisst doch aber 2 Beg« 
14, 25: „Er stellte wieder her die Grenze Israels von der Gegend 
um Chamath bis an das Steppenmeer, nach dem Worte des Ewigen, 
des Gottes Israels, das er geredet durch seinen Knecht Jona, den 
Sohn Amitthai's, den Propheten?" Babina hat gesagt: Wegen Ni- 
nive's hat Gott nur zwei Mal geredet^) Bab Nachman bar Jizcbak 
bat gesagt: Der Sinn ist dieser: „Wie das Wort des Ewigen war, 
welches er geredet durch seinen Knecht Jona, den Sohn Amitthai's/' 
Wie nämlich bei Ninive das Böse zum Guten umgewandelt wurde, 
also ist in den Tagen Jerobeams, des Sohnes Joasch', den Israeliten 
das Böse zum Guten umgewandelt worden. 

28« (FoL 100a.) Unsere Babbinen haben gelehrt: Einem 
Knechte und einem Weibe theilt man auf der Komtenne nicht die 
Hebe zu, und wo man sie zutheilt, giebt man dem Weibe zuerst 
und entlässt sie bald (fertigt sie bald ab). Was sagt er? (Zuerst 
heisst es: Man theilt die Hebe nicht zu, und dann wieder heisst 
es: Man theilt sie zu?) Es ist so gemeint: Wo man den Armen- 
zehnten austheilt, da giebt man dem Weibe zuerst Warum? Wegen 
der Schande.^) Baba hat gesagt: Im Anfange, wenn vor mir ein 
Mann und ein Weib vor Gericht erschienen, pflegte ich die Sache 



^) Aber ausserdem hat Gott noch mit ihm geredet. 
>) Weil es für das Weib nicht schön ist, unter den Menschen su warten, 
dass man ihr etwas geben soll. 



868 Nachtrage. 

des Mannes eher zu entscheiden als die des Weibes, weil der Mann 
dazu verpflichtet ist, Yorschriften za halten; nachdem ich aber 
dieses gehört, entscheide ich die Sache des Weibes zuerst. Warum ? 
Wegen der H&sslichkeit 

29. (Fol. 100b.) Samuel hat gesagt: Wenn zehn Priester stehen 
und einer von ihnen sich abscheidet und ein Weib beschläft, so ist 
das Kind ein •»jj^ntt?. Warum heisst es •»pnntb (Schweigen)? Sollen wir 
sagen, weil man es schweigen macht von den Gütern (dem Vermögen) 
seines Vaters?^) Gewiss (dass es schweigen muss)! Wissen wir 
denn, wer sein Yater ist? Allein man lässt es schweigen Tom 
Rechte der Priesterwflrde.^) Warum (eig. was ist der Grund)? Der 
Vers sagt Num. 25, 13: „Und es sei ihm und seinem Samen nach 
ihm der Bund eines ewigen Priesterthums" d. i. sein Same,^ der 
seine edle Abstammung nach ihm nachweisen kann (hat Anspruch auf 
den Bund eines ewigen Priesterthums), aber nicht der Same, der 
das nicht weiss. Da hielt ihm Rah Papa ein: Bei Abraham heisst 
es doch Gen. 17, 7: „Dir zu sein ein Gott und deinem Samen nach 
dir.^' In Bezug auf was warnt hier die Thora (eig. die Allbarm- 
herzige) ihn (den Abraham)? Sie sagt zu ihm also: Nimm dir keine 
Kichtjttdin (Nochrith), keine Sclavin, damit dein Samen nicht ihr 
nachfolge (ein Kind von einem Juden und einer Nichtjfldin ist dem 
Gesetze nach wie die Mutter). 

30. (Fol. 102 a.) Raba hat gesagt: Nach dem Worte der Thora 
darf ein Proselyt seinen Genossen richten, denn es heisst Deut 
17, 15: „Setze einen König Aber dich, den der Ewige, dein Gott, 
erwählen wird. Aus der Mitte deiner Brttder sollst du über dich 
einen König setzen" d. i. „Aber dich'' (wer dich richten will) musa 
aus der Mitte deiner Brflder sein, aber ein Proselyt darf seinen 
Genossen richten, der auch ein Proselyt ist. Wenn aber seine 
Mutter eine Israelitin (eig. von Israel) war, so darf er selbst einen 
Israeliten richten. Zu der Chaliza aber gehört ein Richter, dessen 
Vater und Mutter von Israel stammen, denn es heisst Ruth 4, 14: 
„Und sein Name soll in Israel genannt werden.*' 

81. (Fol. 102b.) Es heisst HL 36, 15: „Er errettet {Y\rr} 



*) Wenn es erben will von seinem Vater, so heisst man es schweigen. 
') D. i. wenn es ins Heiligthum kommt und ein Opfer darbringen will, so 
heisst man es schweigen. 

') D. i. solche Kinder, die wissen, wer ihr Vater ist. / 



Nachträge. ggg 

den Armen in seiner Armuth." Der Sinn ist: Im Verdienste der 
Armuth wird Gott den Armen vom Höllengericht herausziehen (^bn*»). 
Allein es heisst doch Ps. 34, 8: „Ee[ lagert der Engel des Ewigen 
rings um die, so ihn fürchten and errettet sie?'* Der Sinn ist dieser: 
Im Verdienste der Gottesfhrcht wird er sie herausziehen (Q^bn*') 
vom Höllengericht. Allein es heisst doch Jes. 58, 11: „Und deine, 
Gebeine wird er stärken (y'^bn;)/* und R. Eleasar hat gesagt: Das 
ist die beste von allen Segnungen und Raba hat gesagt: Der Sinn 
der Worte ist: Deine Gebeine wird er stärken? Einmal bedeutet 
das Wort: Ausziehen und einmal bedeutet es: Stärken. 

(Das.) (Ein Min (Sectirer) sprach zu Babban Gamliel: Ihr seid 
ein Volk, das Gott durch Chaliza entlassen hat,^) denn es heisst 
Hos. 5, 6: „Mit ihren Schafen und ihren Rindern gehen sie hin, 
den Ewigen zu suchen, aber sie finden ihn nicht, er hat ihnen die 
Chaliza ertheilt (Y^bn)." Da sprach dieser zu ihm: Du Narr! heisst 
es denn ti^^b ybn, er hat ihnen die Chaliza ertheilt, es heisst 
doch: DrtTS Y^bn, er hat von ihnen Chaliza erhalten, und wenn der 
Levit von der Schwägerin die Chaliza erhält, hat denn das irgend 
welche Gütigkeit?«) 

32. (Fol. 105a.) Levi ging einmal hinaus, da fragte man ihn: 
Wie ist es denn aber, wenn die Jebama (die Schwägerin) einen Stumpf 
(anstatt der Hände) hat, oder wenn sie Blut ausspeit (anstatt Speichel)?^) 



^) D. i. ihr seid von Gott verworfen und ei- wird euch nicht wieder zum 
Volke nehmen, wie der Schwager die von sich durch Chaliza entlassene Schwägerin 
nicht wieder heirathen darf. H. 

^) Sinn: Nicht Gott hat Israel verworfen, sondern Israel hat sich von Gott 
abgewendet, und dies gleicht dem Falle, dass das 'Weib den Mann entlasst, was 
gesetzlich nicht gilt. Wenn sich demnach Israel wieder in Busse Gott zuwen- 
det, wird deraelbe es wieder gnädig aufnehmen. H. 

<) Ist in einem solchen Falle die Handlung des Schuhausziehens gesetz- 
mässig vollzogen worden. In Talmud Jerusch. Jebam. XII, 6 (Fol. 60b u. 61a) 
lautet die Enählung: Die Bewohner von Simonia kamen zu Rabbi uod sprachen 
zu ihm: Wir bitten dich, gieb uns einen Mann, der .zugleich ein Prediger, ein 
Ricliter, ein Chasan (Synagogendiener), ein Kinderleher und ein Mischnalehrer ist 
und der uns alle unsere Bedürfnisse erfüllt. Er gab ihnen den Levi bar Sisi. 
Sie errichteten eine grosse Tribüne und setzten ihn darauf. Darauf kamen sie 
und richteten an ihn die Frage: Wenn dne Jebama nur einen Stumpf hat, womit 
soll sie den Schuh ausziehen? Er konnte ihnen keine Antwort geben. Darauf 
fragten sie ihn: Wie ist es denn aber, wenn sie Blut ausspeit? Er konnte ihnen 
wieder keine Antwort geben. Da dachten sie: Vielleicht hat er nur halachische 
Dinge nicht gelernt, wir wollen ihn etwas Agadisches fragen. Sie richteten 
Wfinfche, Der babyloniich« Talmad. 24 



370 Nachti-age. 

Ferner: Was ist der Sinn von Dan. 10, 21: „Aber ich will 
dir melden, was aufgezeichnet ist in der Schrift der Wahrheit ?*' 
Er kam ins Lehrhaas and stellte die Frage und man sprach za ihm: 
Heisst es denn: Sie soll den Schuh mit der Hand ausziehen? und 
heisst es denn: Sie soll Speichel ausspeien? „Aber ich will dir 
melden, was aufgezeichnet ist in der Schrift der Wahrheit?"^) 
Giebt es denn eine Schrift, die keine Wahrheit ist? Es ist keine 
Frage (Schwierigkeit). Wenn es ein Gerichtsbeschluss ist mit (gött- 
lichem) Schwur, so ist es Wahrheit, wenn es aber ein Gerichts- 
beschluss ist ohne Schwur, so ist es noch nicht Wahrheit,') also 
wie Rab Samuel bar Ammi im Namen des R. Jonathan gesagt hat: 
Woher lässt sich beweisen, dass ein Gerichtsbeschluss mit Schwur 
nicht zerrissen wird? Weil es heisst 1 Sam. 3, 14: „Damm habo 
ich dem Hause Eli's geschworen: Wo gesühnt werden wird die 
Schuld des Hauses Eli's durch Opfermahl und Speisopfer bis in 
Ewigkeit.'* Babba hat gesagt: Mit Opfermahl und Speisopfer wird 
(ihre Schuld) nicht gesühnt werden, aber durch die Worte der Thora 



hierauf eine Frage, die Agada betreffend, an ihn, kamen und sprachen zu ihm: 
Es lieisst Dan. 10, 21: „Ich will dir melden, was au^ezdchnet ist in der Schrift 
der Walirlieit.'* Wenn nSM, Wahrheit steht, warum steht: cnv*i, aufgeseichnet, 
und wenn mv*i, aufgezeichnet steht, warum steht nOM, Wahrheit? Er konnte 
ilincn abeimals keine Antwort geben. Sie kamen hierauf zu Rabbi und sprachen 
zu ihm: Ist das der Mann, den wir uns von dur erbeten haben? Er sprach zu 
ihnen: Bei euerm Leben I er ist ein Menscli wie ich bin (d. i. er ist ebenso ge- 
lehrt, wie ich)» Rabbi schickte nach ihm, Hess ihn kommen und fragte iho: 
Wenn eine Jebama nur einen Stumpf hat, womit soll sie den Schuh ausziehen? 
Er antwoitete: Mit den Zahnen. (Darauf flragte er ihn:) Wenn sie Blut ausspeit, 
wie ist es dann? (Er antwortete:) Wenn darin nur ein Bischen Speichd Ist, so 
ist die Chalba ordnungsmässig Tollzogen. 

*) Darauf fragte er ihn: Was wollen die Worte sagen: „Aber ich will dir 
melden, was aufgezeichnet ist im Buche der Wahrheit?" Er antwortete: Beror 
der (göttliche) Gerichtsbeschluss noch nicht untersiegelt ist, ist er noch nicht 
Wahrheit, nachdem er aber untersiegelt ist, ist er Wahrheit (d. L es lässt sich 
nichts mehr daran ändern » selbst Busse kann ihn nicht mehr aufhebenX Nun 
fVagte Rabbi den Levi: Warum hast du ihnen (jenen Leuten) nicht geantwortet? 
Er sprach: Sie machten für mich eine grosse Tribüne und setzten mich dar»mf 
und es erhob sich mein Geist (und ich vergass mein Gelerntes). Da wandte 
Rabbi auf ihn an Prov. 30, 32: „Handeltest du thoricht, weil du dich Qbertiobai 
hast, so wirst du deine Hand an deinen Mund thun müssen" d. i. wer hat es 
dir zugezogen, dass du beschämt wurdest durch die Worte der Thora. Weil du 
dich überhobest durch sie. 

*) Der Beschlnss lässt sich noch durch Busse aufheben. 



Nachträge. 37 J 

wird sie gesflhnt werden. Abaji hat gesagt: Mit Opfermahl und 
Speisopfer wird sie nicht gesühnt werden, aber durch Liebesbeweise 
wird sie gesühnt werden. Rabba und Abaji stammen vom Hanse 
Eli's, Rabba, welcher sich nur mit der Thora beschäftigte, lebte nur 
40 Jahre, Abaji aber, welcher sich mit der Thora and Liebes- 
beweisen beschäftigte, lebte 60 Jahre. Unsere Rabbinen haben ge- 
lehrt: In Jerusalem gab es eine Familie, deren Glieder schon mit 
18 Jahren starben. Als man dies vor Rabban Jochanan ben Saccai 
brachte, sprach er zu ihnen: Vielleicht seid ihr vom Hanse Eli's, 
denn es heisst das. 2, 33: „Und aller Zuwachs deines Hauses, sie 
sollen als Männer (d. i. jung) sterben ,'* geht und beschäftigt euch 
mit der Thora, so werdet ihr leben. Sie gingen und beschäftigten 
sich mit der Thora und lebten lange, und man nannte sie das 
Geschlecht des Jochanan, nach seinem Namen. Rab Samuel bar 
Onja hat im Namen Rabs gesagt: Woher lässt sich beweisen, dass 
ein Gerichtsbeschluss in Bezug auf eine Gesammtheit nicht besiegelt 
wird? Einwand: Wird er denn nicht besiegelt; es heisst doch Jerem. 
2, 22: „Wenngleich du dich mit Seife wüschest und dir viel Lauge 
nähmest, so bleibt doch befleckt deine Schuld vor mir?'' Allein 
woher lässt sich beweisen, dass der Gerichtsbeschluss, selbst wenn er 
besiegelt worden ist, zerrissen wird? Weil es heisst Deut 5, 7: „Wer 
ist wie der Ewige, unser Gott (der uns antwortet), wenn wir zu ihm 
rufen.'* Es heisst doch aber Jes. 55, 6: „Suchet den Ewigen, da 
er sich finden lässt, rufet ihn an, da er nahe ist?" Es ist keine 
Frage, einem Einzelnen ist er (Gott) nicht immer nahe, aber einer 
Gesammtheit ist er nahe (zu jeder Zeit). Und wann ist Gott einem 
Einzelnen nahe? Rab Nachman hat im Namen des Rabba bar 
Abahu gesagt: In den Tagen, welche zwischen dem Neujahr und 
dem grossen Yersöhnungstage sind. 

33. (FoL 121a.) Als ein Mann einmal im See Samki ertrank, 
da erlaubte Rab Schila dessen Weibe, sich wieder einen Mann zu 
nehmen. Da sprach Rab zu Samuel: Komm, wir wollen Rab Schila 
in den Bann thun. Dieser aber sprach zu ihm: Wir wollen zuerst 
zu ihm schicken (und ihn fragen lassen, warum er so gethan hat). 
Sie schickten zu ihm (und Hessen ihn fragen): Ist ein Weib, dessen 
Mann in ein Wasser gefallen, das kein Ende hat, verboten, oder 
erlaubt? Er schickte zu ihnen und liess ihnen sagen: Sein Weib 
ist verboten. (Darauf liessen sie wieder fragen:) Hat das Wasser 
des See's Samki ein Ende oder nicht? Rab Schila schickte zu 



372 Nachti'äge. 

ihnen (und liess ihnen sagen): Es ist ein Wasser, was kein Ende 
hat (d. h. dessen Ende nicht sichtbar ist). Darauf sie : Warum hast 
du also gethan? Er antwortete: Ich war im Irrthum, ich glaubte, 
da es ein gesammeltes und stehendes Gewässer ist, so gleiche es 
einem Wasser, das ein Ende hat Aber es ist nicht so; denn da 
es dort Wellen giebt, so könnten ihn die Wellen (nach einem fernen 
Ort) verschlagen haben. Da wandte Samuel auf Rab an Prov. 
12, 21: „Dem Gerechten begegnet keine Unthat,*' und Rab wandte 
auf Samuel an das. 11, 14: „Und geholfen wird ihm durch viele 
Rathgeber." 



TRACTAT KETHUBOTH. 

1. (Fol. 5a.) Bar Eappara hat gelehrt: Eine Jungfrau soll am 
vierten (Tage der Woche) Hochzeit halten und am fünften (d. i. in 
der Nacht vom vierten bis zum fünften) beschlafen werden, weil an 
diesem Tage den Fischen der Segen gegeben worden ist (sich zu 
mehren). Eine Wittwe soll am fünften (Tage der Woche) Hochzeit 
halten und am sechsten beschlafen werden, weil an diesem Tage 
der Segen dem Menschen gegeben worden ist (sich zu mehren). 

2. (Fol. 8 a.) Als Levi zu Rabbi zur Hochzeit dessen Sohnes 
Rabbi Simon kam, sprach er fünf Benedictionen. Als dagegen Rab 
Assi bei Mar, dem Sohne des Rab Aschi, zur Hochzeit war, sprach 
er sechs Benedictionen.^) Wollen wir sagen, dass sie darüber ver- 
schiedener Meinung sind, dass der eine meint, es sei nur eine 
Schöpfung gewesen,^) der andere aber meint, es seien zwei Schöpfun- 
gen gewesen?^) Nein, alle halten dafür, dass nur eine Schöpfung 
war; der eine meint nur, dass wir nach der Absicht (Gottes) gehen 
sollen und der andere dagegen meint, dass wir nach der That 
gehen sollen, also wie Rab Jehuda die Frage aufgeworfen hat: 
Es heisst Gen. 1, 27: „Und Gott schuf den Menschen in seinem 
Bilde ,*' und das. 5, 2 heisst es: „Mann und Weib erschuf er sie«'' 
Wie so? Im Anfange wollte Gott zwei (auf einmal) schaffen, zuletzt 
aber wurde einer allein geschaffen. 



>) £r fQgte einen Segenssprach „über die Schöpfung des Menschen'' hinsu. 
') Adam und Eva wnrden zugleich mit einem Male geschaffen ^ von vom 
als Mann und von hinten als Weib. 

^) Adam wurde allein geschaffen und von ihm wurde Eva geschaffen. 



Nacliträge. 373 

3. (Fol. 9 ab.) Rab Samuel bar Kachmani hat im Namen des 
R. Jonathan gesagt: Jeder, der zum Kriege des Hanses Davids aas- 
zog, pflegte vorher seinem Weibe einen Scheidebrief zu schreiben,^) 
denn es heisst 1 Sam. 17, 18: „Und deine Brüder sollst du nach 
dem Wohlbefinden fragen und dd^-i'is^ von ihnen nehmen.'' Was 
bedeutet npn Dn^-i'is^ dm-i? Rab Joseph hat gelehrt: Es sind Dinge, 
welche zwischen ihm und ihr vereinigt sind (d. h. die Ehe, t3'>i'in:^*:n). 

i. (Fol. 10b.) Warum heisst eine Witte rtitob»? Rab Ghana 
aus Bagdat hat gesagt: Weil ihre Hochzeitsverschreibung (bei ihrer 
Wiederverheirathung) nur eine ^ine (n3?a) beträgt Warum heisst 
eine Verlobte, wenn ihr Bräutigam gestorben ist nsab» (da doch 
ihre Hochzeitsverschreibung, wenn sie Hochzeit hält, zwei Minen 
beträgt?) Antw.: Weil jene „Almanah'' heisst, so heisst diese auch 
„Almanah". Warum steht das Wort nsTsb« in der Thora? Weil 
das Gesetz gewusst hat, dass unsere Rabbinen einst die Anordnung 
treffen würden, dass ihre Hochzeitsverschreibnng nur eine Mine be- 
tragen solL Schreibt denn das Gesetz etwas auf, was erst in der 
Zukunft sein wird? Ja wohl, denn es heisst Gen. 2, 14: „Und der 
Name des dritten Stromes war Chiddekel, der fliesst im Morgen von 
Aschur." Und Rab Joseph hat gelehrt: Unter ^iidm ist (die Stadt) 
Selika (Seleucia, k];'»Vd) zu verstehen (das erst später erbaut wurde). 
War denn die Stadt schon damals vorhanden? Die Thora hat also 
in Bezug auf die Zukunft geschrieben. Demnach kann dies auch 
beim Namen „Almanah" der Fall sein. 

5* (Das.) Rab Ghana aus Bagdat hat ferner gesagt: Der Regen 
heisst nßttj» (weil er die Erde tränkt), rti^n» (weil er die Erde 
sättigt), bäTTS (weil er die Erde düngt), i^^Tq (weil er den Früchten 
Geschmack und Schönheit verleiht), '^'^^f^'q (weil er die Früchte aus 
der Erde zieht). Raba bar Ismael, oder, wie manche meinen, Rab 
Jemar bar Schelamja hat gesagt: Das sagt uns Ps. 65, 11: „Ihre 
Furchen tränke, senke ihre Schollen, mit Güssen erweiche sie, 
segne ihr Gewächs." R. Eleasar hat gesagt: nntTS (der Altar) macht 
n"»T79 (er vertreibt die Uebertretungen) und t^tts (er speist) und 
nnnT: (er macht beliebt) und *ibm (er sühnt). ^£272 bedeutet doch 
dasselbe, was n*^T%3? Allein n'^vü bedeutet, dass er Verhängnisse 
vertreibt und 'iedts will sagen, dass er Sünden sühnt (zudeckt). 

') Vielleicht konnte er im Kriege umkommen und dann halte sein Weib 
keine Zeugen, um sich wieder verheirathen su können. 



374 Nachtrage. 

6. (Fol. 10b a. IIa.) Rab Ghana aus Bagdat hat ferner ge* 
sagt: Datteln erw&rmen (isntDw), sättigen (is^aiD):), lösen (ibtsV«»), 
stärken (i'iiDMTa) und verweichlichen nicht (iprctt fiibi). Rab hat 
gesagt: Wenn man Datteln gegessen hat, soll man nicht entscheiden.^) 
Wir haben aber doch gelernt: Datteln am Morgen und zn Abend 
(nach dem Essen) sind got, vor der Abendmahlzeit (Mincha) aber 
schlecht, zu Mittag sind sie ohne ihresgleichen (so got); sie (die 
Datteln) stören drei Dinge: Schlechte Gedanken, Leibschmerzen 
nnd Unterleibskrankheit (Diarrhoe)? Sagen wir denn, dass Datteln 
nicht gat sind? Sie sind gnt, nur wenn man zu viel isst, wird man 
anf eine knrze Zeit tranken wie von Wein, denn der Autor hat 
gesagt: Wer ein Viertel Wein trinkt, soll nicht entscheiden (des- 
wegen aber ist Wein ganz gesund). Und wenn du willst, so will 
ich dir sagen: Es ist keine Frage (Schwierigkeit): Wenn man Datteln 
vor dem Essen ist, so verwirrt das den Verstand, aber nadi dem 
Essen nicht; denn Abaji hat gesagt: Meine (Pflege-)Mutter hat otiir 
gesagt: Wenn man Datteln vor dem Essen isst, so ist ftlr die 
Glieder dies wie eine Axt für den Baum, wenn nach dem Essen, so 
stärkt das den Menschen, wie der Riegel die Thür. Warum heisst 
eine Thflr Ktbn? Raba hat gesagt: M^n macht D^ '^'r^, dort ist der 
Weg (d. L dort ist der Eingang). Warum heisst die Treppe Mj»*n^? 
Raba hat gesagt: K^'i'i macht ^j ';f*n'n, die Stiege ftlhrt auf das Dach. 
Warum heisst das Bett K^^^t^ii? Rab Papa hat gesagt: Weil man 
dort fruchtbar wird und sich vermehrt, (T^*iDtb V^*^"")« ^^ Nach- 
man bar Jizchak hat gesagt: Wir können auch sagen: Ein un- 
fruchtbares Weib heisst rr^iib^« d. i. die Widderähnliche («n'^s^isin), •) 
die nicht gebiert 

7. (FoL 17 ab.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Man lässt 
eine Leiche vor einer Braut wegführen nnd jene wie diese wieder 
vor einem König (d. i. man weicht mit einer Leiche einer Braut 
und mit jener wie dieser einem König aus). Man erzählt vom König 
Agrippa, dass er vor einer Braut wegzog (auswich) und die Weisen 
lobten ihn. Daraus geht hervor, dass er recht gethan hat Rab 
Aschi hat doch gesagt Selbst nach dem, der da sagt: Wenn ein 
Nasi auf seine Ehre verzichtet (so braucht man ihm keine Ehre zu 
erweisen), wenn aber ein König anf seine Ehre verzichtet, so darf 



>) Datteln sollen den Verstand verwirren und tmnken machen. 
•) Der männliche Widder. 



Nachtrage. 375 

man auf seine Ehre nicht Verzicht leisten (d. i. man mnss ihm 
Ehre erweisen), denn der Herr hat gesagt: Der Vers Deut 17, 15: 
^Setze einen König über dich {'^'^b^')** will sagen, die Furcht vor 
ihm soll sein auf dir ("^"^br). (Also hat doch Agrippa nicht recht 
gethan, dass er vor einer Braut auswich? Antw.) Der Weg war ein 
Scheideweg. 

Unsere Babbinen haben gelehrt: Man unterbricht das Thora- 
studium, wenn eine Leiche hinauszuführen oder eine Braut in das 
Brautgemach zu führen ist Man erz&hlt von B. Jehuda bar Uai, 
dass er das Thorastudium unterbrach, wenn es galt, eine Leiche hin- 
auszuführen oder eine Braut in das Brautgemach zu führen. Wann 
darf man das Thorastudium unterbrechen, sobald eine Leiche hinaus- 
geführt wird? Wenn nicht so viele Menschen bei ihr sind, wie sein 
sollen, sind aber so viele bei ihr, so darf man das Thorastudium 
nicht unterbrechen. Wie viele Menschen müssen dabei sein? Nach 
Rah Samuel bar Onja im Namen Rabs 12 000 ohne Posaunen und 
6000 Menschen mit Posaunen. Andere sagen: Es brauchen nur 
12 000 Menschen zu sein, 6000 ohne Posaunen und 6000 mit Po- 
saunen. Ula hat gesagt: Es sollen so viele Menschen sein, dass sie 
beispielsweise vom Stadtthore bis zum Grabe reichen. Bab Schesoheth, 
oder, wie andere meinen, R. Jochanan hat gesagt: Bei dem Weg- 
nehmen der Thora (beim Tode) sollen so viele Menschen sein wie es 
waren, als sie gegeben wurde. Wie damals, als sie gegeben wurde, 
60 Myriaden zugegen waren, so sollen auch bei dem Nehmen 
60 Myriaden zugegen sein. Das ist aber nur der Fall, wenn et 
sich um die Todtenbegleitung eines solchen handelt, der Schrift und 
Mischna gelernt hat; wenn es sich aber um einen handelt, der mit 
Schülern gelernt hat, so giebt es kein Masz (der Betheiligung bei 
4seinem Leichenbegängnisse). 

8. (FoL 28 ab.) R. Josua ben Levi hat gesagt: Es ist dem 
Menschen verboten, mit seinem Knechte Thora zu lernen. Es ist 
doch aber gelehrt worden: Wenn ein Herr von ihm (seinem Knechte) 
geliehen, oder ihn zum Vormunde (Verwalter) gemacht hat, oder wenn 
«r (der Knecht) vor ihm Thephillin gelegt, oder drei Verse in der 
Thora (in der Synagoge) gelesen, so ist er noch nicht frei (obgleich 
sein Herr dazu geschwiegen hat), da sehen wir doch, dass ein Knecht 
Thora lernen darf? Antw.: Wenn der Knecht allein lernt, so darf 
man ihn nicht stören, der Herr aber soll sich mit ihm nicht ver- 
halten, wie er sich mit seinen Kindern verhält. 



376 Nachträge. 

9. (Fol. 28b.) Was ist ^^^T>^ Zerbrechen? unsere Rabbinen 
haben gelehrt: Wie also ist n^tst]^? Wenn einer von den Brfidem 
ein Weib genommen hat, welches nicht für ihn passt, so kommen 
die Familienglieder und bringen ein Fass voll Früchte nnd zer- 
brechen es inmitten auf der Strasse mit den Worten: Unsere 
Brüder! Haus Israels, vernehmet! unser Bruder N. N. hat ein 
Weib geheirathet, welches nicht für ihn passt, wir fürchten uns, 
dass sein Samen mit unserem Samen vermischt werde, kommt und 
nehmt euch ein Beispiel in Bezug auf die Geschlechter, damit nicht 
sein Samen mit unserem Samen vermischt werde. Das ist Si^^p. 
Und auch ein Kind ist beglaubigt, darauf Zengniss abzulegen. 

10. (Fol. 30a.) Es ist gelehrt worden: R. Nechunja ben Ha- 
kana hat gesagt: Der Yersöhnungstag ist so wie der Sabbath hin* 
sichtlich der Bezahlung. Wie man also am Sabbath (wenn man 
Getreide anzündet) das Leben verwirkt hat und befreit ist von der 
Bezahlung, so verwirkt man auch am Yersöhnungstag das Leben 
und ist befreit von der Bezahlung. Was ist der Grund des R. 
Nechunja ben Hakana? Abaji hat gesagt: Weil es heisst Ex. 21, 22: 
„liDfi;, Verletzung,'' nämlich durch einen Menschen (d. i. durch die 
Richter), und Gen. 42, 38 heisst es auch: „liDM, Verletzung,'* näm- 
lich durch den Himmel. Wie also dort das Wort y^o» durch einen 
Menschen (die menschliche Todesstrafe) von der Bezahlung befreit, 
so befreit auch hier das Wort liofij durch den Himmel (die Strafe 
der Ausrottung durch Gott) von der Bezahlung. Da hielt ihm aber 
Rab Ada bar Ahaba ein: Woher lässt sich beweisen, dass Jacob 
seine Söhne warnt, dass ihn eine Verletzung treffen werde durch 
Kälte oder Hitze, die durch den Himmel geschieht; vielleicht hat 
er eine Verletzung durch einen Löwen oder durch Diebe gemeint? 
Antw.: Hat denn Jacob Furcht gehabt, dass ihn eine Verletzung 
durch einen Löwen oder durch Diebe treffen könnte, und vor einer 
Verletzung durch Kälte oder Hitze durch den Himmel hat er keine 
Furcht gehabt, er hat doch vor allen diesen Dingen Furcht gehabt? 
Es ist doch gelehrt worden: Jede Krankheit, die einen Menschen 
trifft, ist durch den Himmel, ausgenommen Kälte und Hitze, wie 
es heisst Prov. 22, 5: „Kälte und Hitze sind auf dem Wege des 
Falschen; wer seine Seele wahren will, halte sich fem davon.'^ 
Femer eine Verletzung durch einen Löwen und durch Diebe ge« 
schiebt auch nicht durch Menschen allein (ohne Gottes Beschlags), 
Rab Joseph hat doch gesagt u. s. w.; vgl. Sota 8 b S. 250. 



Nachtrage. 377 

11. (Fol. 46 a.) Woher lässt sich die Verwarnung der Thora 
beweisen, dass man nicht einen schlechten Namen (auf einen Men- 
schen) ausbringen soll? R. Eleasar hat gesagt: Es heisst Lev. 
19, 16: „Gehe nicht als Späher umher in deinem Volke." R. Nathan 
hat gesagt: Es heisst Deut. 23, 10: „Hüte dich von jedem bösen 
Worte." Warum bringt R. Eleasar den Beweis nicht von dieser 
Stelle? Weil er dieselbe zu einem anderen Zwecke braucht, also 
wie R. Pinchas ben Jaär gesagt hat: „Hflte dich vor jeder bösen 
Sache." Von hier hat derselbe nämlich gesagt: Ein Mensch soll 
am Tage nicht buhlerischen Gedanken nachhängen, damit er nicht 
bei Nacht Pollution bekomme. Und warum bringt nicht R. Nathan 
den Beweis von der ersten Stelle: („Gehe nicht als Späher umher")? 
Weil dieselbe dem Gerichtshof die Verwarnung giebt, mit dem einen 
nicht weich (milde) und mit dem andern hart zu reden. 

12. (Fol. 47 b.) Wir haben die Ueberlieferung: Es heisst Ex. 
21, 10: „Wenn ein Mann sich ein anderes Weib dazu nimmt, so 
soll er ihr nnairi nmos n^»« geben." nn«« ist Nahrung (Speise), 
wie es heisst Mich. 3, 3: „Und die, so gegessen haben das Fleisch 
^«c) meines Volkes." nrno3 ist nach seinem Wortlaute zu ver- 

(stehen (Kleidung) und mit tin3i3^ ist der Beischlaf gemeint, wie es 
heisst Gen. 31, 60: (Laban sprach zu Jacob:) „Ob du quälst (^Jign) 
meine Töchter." . R. Eleasar sagt: Unter rt*^»^ ist der Beischlaf 
zu verstehen, wie es heisst I^ev. 18, 6: „Niemand soll seiner Bluts- 
verwandten nahen, ihre Scham aufzudecken." nnios ist nach seinem 
Wortlaute zu nehmen und mit !in5iy ist Nahrung (Speise) gemeint, 
wie es heisst Deut. 8, 3: „Und er quälte dich (']33^'^i) und Hess 
dich hungern." 

13. (Fol. 67 b.) In der Nachbarschaft des Mar Ukba wohnte 
ein Armer, dem er alle Tage vier Sus in die Angel der Thttre zu 
legen pflegte. Eines Tages sprach derselbe: Ich will doch gehen 
und sehen, wer mir diese Wohlthat erweist An diesem Tage aber 
verspätigte sich Mar Ukba im Lehrhause, da ging sein Weib mit 
ihm. Als der Arme sah, dass Mar Ukba hereinbog nach der Thflr, 
ging er hinaus. Sie flohen K>r ihm und krochen in einen Ofen, aus 
welchem das Feuer gerafft war, und Mar Ukba verbrannte sich dabei 
seine Füsse. Da sprach sein Weib zu ihm: Nimm deine Füsse und 
lege sie auf meine Füsse. Mar Ukba grämte sich darüber (eig. sein 
Sinn wurde schwach). Da sprach sein Weib zu ihm: Das kommt 
daher, weil ich den ganzen Tag im Hause bin, (wenn der Arme 



378 Naclitrage. 

kommt, so trifft er mich) and von meiner Wohlthätigkeit, die in 
Lebensmitteln besteht, hat der Arme schneller einen Genuss, (du 
aber bist nicht den ganzen Tag zu Hanse) nnd von deiner Wohl- 
thätigkeit, die in Geld besteht, hat er nicht so bald einen Gennss. 
14. (Fol. lila.) (Fortsetzung von No. 64, S. 74). Glaubt denn 
R. Eleasar, dass die gestorbenen Gerechten im Aaslande nicht 
wieder anflehen? R. Hai antwortete darauf: Sie wälzen sich in der 
Erde fort bis nach dem Lande Israel und leben da wieder auf. 
Da hielt ihm R. Abba Sala der Grosse ein: Da wird doch aber 
das Wälzen den Gerechten Schmerz verursachen? Darauf hat Abaji 
gesagt: Es werden Höhlungen in der Erde für sie gemacht werden. 



DruckfehlerTerbesserung. 



S. 25 Z. 13 V. n. lies: R. Eleasar ffii : U. Elieser. 

S. 28 Z. 9 V. o. lies: R. Hai f»r: R. IIa. 

8. 35 Z. 13 V. u. lies: Jcbama für Jabama. 

S. 48 Z. 10 V. o. lies: R. Jizchak bar Chanina für: R. J. bai* Chaoaiga. 

S. 138 Z. 9 V. o. ist Gittin Fol. 8 a (wurtlicii) wie folgt wicderzngeben : (Das 
Land) von dem Seil (Strick) nach innen zu, gehört zu Palästina, vom Seil nach 
aussen zu, gehört nicht zu Palästina d. i. dei* Theil des Mittclmeeres (und 
die darin liegenden Inseln), welcher der westlichen Grenze Palastinas (deren 
ausserste, südliche Spitze der Amanus ist) gegenfiber liegt, wird zu Pa- 
lästina geschlagen; was aber südlicher liegt, gehört nicht mehr dazu. Man 
denke nämlich, dass sich ein Seil vom Gebirge Amanus aus ziehe und das 
Meer in zwei Hälften theilc. Vergl. Lcvy, Ncuhebr. WWB. s. v. DVl. 



^^i 



Druck von B4r ä Hermann in Leipxig. 



DER 

BABYLONISCHE TALMUD 

iMk. SEIKEN 

HAGGADISCHEX BESTANDTHEILEN 



WORTGETBEU ÜBERSETZT UND DURCH KOTEN 
ERLÄUTERT 



Dr. Theol. et Phil. AUG. Wt^NSCHE. 

ZWEITER HALBBAND. 

S. ABTHEILLIIG. 




LEIPZIG 

OTTO SCHULZE 

II. QUEB-STKAUi; II. 



VORWORT. 

Die vierte Ordnung des Talmuds heisst Nesikin ("j'^p'^T:, Schäden) 
und umfasst 10 Tractate. Die ersten drei, unter dem Titel Baboth 
bekannt, behandeln im allgemeinen das Civilrecht und bilden ein 
zusammenhängendes Ganze. Die Fülle des Stoffes forderte die Drei- 
theilung. Der erste Tractat N72]5 t<^^, erste Pforte, erörtert auf 
Grund von Ex. 21, 28 — 22, 6' vorzugsweise solche Schäden, die 
Körper und Eigenthum betreffen. Es werden vier Kategorien von 
Schäden unterschieden, welche Hauptschäden (nn», Väter) genannt 
werden, aus denen wieder Nebenarten (rrnbin, Kinder) entspringen. 
Die vier Hauptschäden sind 1) der Schaden durch einen Ochsen 
(ni^n), Ex. 21, 28), 2) durch eine zugedeckte Grube, ^isin, (das. 
V. 33), 3) durch Vieh, was auf fremden Aeckern weidet {ny'niz'n, 
das. 22, 5) und 4) durch ein Feuer, was auf einem Felde ausbricht 
(-):?^nn, das. V. 6). Die von der Mischna festgesetzten Ersatzleistungen 
aller dieser Schäden werden oft in pilpulistischer Weise erörtert. 
Der zweite Tractat, n^'^std n^^, mittlere Pforte, beschäftigt sich mit 
Fundsachen, Depositen, Kauf und Verkauf, Zins, Vermiethung, Leih- 
geschäften und Accordsachen. Von Wichtigkeit sind hier die Er- 
örterungen darüber, wenn zwei Personen zugleich auf einen gefun- 
denen Gegenstand Anspruch erheben, ferner: wie, wo und wie lange 
ein gefundener Gegenstand ausgerufen werden muss und welche Dinge 
für herrenlos gelten. Gulturgeschichtliches Interesse haben die Bei- 
spiele, wie die Besitzergreifung bei einem Kauf erfolgte, wie mau 
einen abgeschlossenen Kauf wieder rückgängig machen und welchen 
Gewinn man dabei haben durfte. Wichtig ist auch der Unterschied 
von Neschech ("^0.5.) und Tharbith (n'^a'^n), Zinsen und Geschäfte, welche 
die Rabbinen, weil sie der Zinsnahme gleichen, verboten haben, sowie 
das darauf bezügliche Verhalten gegen NichtJuden. Im dritten Tractat 
K'^nin N?^, letzte Pforte, kommen Association, Grenzbestimmungen, 
Grundstücksgesetze, Erbschaftsangelegenheiten und Documentsachen 
zur Sprache. Hier verdienen besonders unsere Beachtung die Aus- 
führungen über die Bestimmungen der Beitragsleistungen bei liegenden 
Gütern, wenn solche in gemeinschaftlichem Besitze sind, ferner die 
Verhandlungen über die verschiedenen Arten der Servituten und der 
Verjährung sowohl von Dingen, als Rechten, desgleichen die Ansich- 
ten über die Masze der Häuser, Durchgänge, Strassen, Grabstätten. 
Ausführlich kommt die Materie von den Erbschaften zur Verhand- 
lung und wird zum Theil an den Töchtern Zelaphchads illustrirt 

Im 3. Jahrhundert n. Chr. muss gerade diese Ordnung des Tal- 
mud über das Civilrecht der Gegenstand ganz besonderen Studiums 
gewesen sein, wenigstens deutet darauf ein Ausspruch Rabba's in 
Taanith Fol. 24 ab hin: „"»r^can irr^'^r'^Ts ]E"«nr v^ '"''''-ri Dtösts •*« 
Vmo «nvfiü irrnTs Np "js«-! mn vp'"^-^ "''^'"-^ '^ nmri"« Sn, 
was das Lernen anlangt, so übertreffen wir unsere Vorgänger, denn 



IV Vorwort. 

in den Jahren des R. Jehada erstreckte sich alles Lernen nur auf 
(die Ordnung) Nesikin, während wir (alle) sechs Ordnungen lernen." 

Es liegt in dem gesetzlichen Charakter dieser Tractate, wenn 
sie keinen grossen Reichthum an haggadischen Stücken enthalten 
und wenn selbst das Dargebotene an poetischem und sittlichen Ge- 
halte manchmal hinter dem vieler anderer Tractate zurücksteht. Als 
besonders lesenswerth verdienen folgende Stellen hervorgehoben zu 
werden: aus Baba Eamma die kleine Erzählung von einem Manne, 
welcher Steine von seinem Gebiete in das öffentliche Gebiet schaffte 
(24), die Erzählung von den beiden Lehrern, von denen der eine 
Halachisches und der andere Haggadisches vortrug (32), das Gleich- 
niss des R. Melr (42), die Erzählung vom Kriege der Hasmonäer 
(55), mehrere Sprichwörter (68 — 79), die Begegnung des Rah Ka- 
hana mit Resch Lakisch (93), aus Baba mezia die Excommunication 
des R. Elieser (60), das Verhalten gegen die Proselyten (51), der 
Entscheid des R. Akiba (56), der Vortrag des R. Tanchum bar Gha- 
nilai (93), die Schriftdeutungen von Gen. 18, 1 (94), 18, 5 (95), 
18, 12 (96), ans Baba batra die Erzählung von Herodes und Ma- 
riamne (2. 3), die Frage des Tyrannen Rufus an R. Akiba (17), der 
Preis der Wohlthätigkeit (19 — 21), die Vision des Joseph, des Soh- 
nes des R. Josua (22), die Schriftdeutung von Prov. 14, 34 (23), die 
Erzählung vom Könige Monobaz (25), die Tradition über die Reihen- 
folge der Propheten und Hagiographen (31—33), der Excurs über 
das Buch Hiob (34 ff.), die Aussprüche und Thaten des R. Banaa 
(54 u. 55), die Märchen des Rabba bar bar Ghana und A. (65—85), 
die Sagen vom Leviathan (86—90), vom künftigen Jerusalem (91 — 96), 
die Schriftdeutung von Ps. 92, 13 (97), Gen. 29, 17 (144) und Prov. 
15, 15 (160). 

Da verschiedene Stellen nicht haggadischen Inhalts aus den 
Baboth in den letzten Jahren der Judenhetze Gegenstand heftiger 
Diskussion geworden sind und man aus ihnen die Abscheulichkeit 
und Verwerflichkeit des Talmud als eines Moral- und Rechtscodex 
für die Juden hat darthun wollen, so habe ich auch sie in das Be- 
reich meiner Aufgabe gezogen und wörtlich übersetzt. Aus Baba 
Kamma gehören hierher die Stellen Fol. 113a u. 113b, 114a, aus 
Baba mezia FoL 24b, 58b, 85b, 116b und 114ab, aus Baba batra 
Fol. 16a und 54b. Durch die vorliegende Uebertragung ist jeder, 
der nur eiuigermassen des Hebräischen mächtig ist, in den Stand 
gesetzt, die betreffenden Stellen mit dem Original zu vergleichen 
und auf ihren Inhalt hin zu prüfen. 

Auch für diese zweite Abtheilung des 2. Halbbandes fühle ich mich 
verpflichtet, den Herren Dr. D. Hoff mann, Docenten am Rabbiner- 
seminar in Berlin, und Dr. Low, Rabbiner in Szegedin für die freund- 
liche Bereitwilligkeit, jeden Druckbogen in zweiter Lesung einer Re- 
vision zu unterziehen, meinen verbindlichsten Dank abzustatten. 

Dresden, am 2. September 1887. A. Wünsche. 



». 



I^p^i no 



SEDEK NESIKIN 

HANDELT 

VOM SCHADENERSATZ UND EIGENTHUMSRECHTE 

UND ÜMFASST 10 TRACTATE. 



Wünsche, Der bftbylonUche Talmad. 



I. TßACTAT BXBk KAMMA 

ODER 

ERSTE PFORTE (ZU DEN CIVILPROCESSEN). i) 



1. (Fol. 2 b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Es heisst Ex. 
21, 28: „Wenn der Ochs einen Mann stösst (n^i*^)." Unter nrr^^ia, 
Stossen ist nichts anderes als Stossen igit dem Home zu verstehen, 
wie es heisst 1 Reg. 22, 11: „Da nahm sich Zedekia, der Sohn 
des Kenaanah, eiserne Hörner und sprach: So spricht der Ewige: 
Mit diesen wirst da Aram stossen'' n. s. w., desgleichen heisst es 
Dent 33, 17: „Sein erstgebomer Ochs, er ist stattlich und seine 
Homer sind (wie) des Re^ms Hörner, mit ihnen stösst er {n^i^) die 
Völker allesammf' (Wozu wird dieser zweite Vers angeführt?) Viel- 
leicht wirst du sagen: Wir lemen die Worte der Thora nicht von 
den Worten der Belehmng (d. L der Propheten und Hagiographen, 
und der Vers steht in den Propheten)?^) Deshalb heisst es: „Sein 



^) Id diesem aus 10 Capiteln bestehenden Ti*actat werden besonders die 
Schäden behandelt, welche den Korper nnd das Eigcntlmm betreffen, als Körper- 
verletzung, llaub, Diebstahl. Der Tractat beginnt mit den Worten: Es giebt 
vier Väter (Kategorien) von Schäden: der Ochs, die Grube, der Fresser (Zahn) 
und der Brand. Sie heissen deshalb Väter, weil sie auch Kinder, nämlich die 
zu jeder Kategorie gehörigen speziellen Schaden haben. So sind z. B. die Kin- 
der der ersten ßeschädigungsart, wenn der Ochs beim Gehen Geräthe mit fort- 
schleppt und sie dadorcli beschädigt. Zu den Kindern der zweiten Beschädi- 
gungsart gehören alle durch Ausspeien u. s. w. entstehenden Schäden. Zu 
den Kindern der dritten BeschädiguDgsart gehören die durch Reiben oder Her- 
nmwälzen eines weidenden Tliiercs verursaditen Schäden. Zu den Kindern der 
vierten Beschädignngsart geliörcn alle durch Steine, Messer oder Lasten, in- 
sofern sie der Wind forttreibt, bewirkten Schäden. Die einzelnen Fälle werden 
sorgfältig erörtert, und es kommen dabei- Yerschicdene andere Rechtsgrundsätze 
zur Verhandlung. Die biblischen Bestimmungen für diesen Tractat lesen wir 
Ex. 21, ß8-22, 6. 

>) Unter Kabbala ist der nichtpcntateuchiscbe Thcil der Bibel in verstehen. 
Vergl. Ben Qiananja IV, 425. 

!• 



4 I. Traclat Baba Kamma. 

crstgeborner Ochse ist stattlich" (d. i. dieser Vers steht in der 
Thora). 

2. (Das.) Welcher Schaden kommt dem Schaden gleich, den 
der Ochs durch Stossen mit den Hörnern zufügt (eig. das Kind des 
Horns, welches ist es)? Das ist der Schaden durch nB"'55 (d. i. 
wenn der Ochs mit seinem Körper stösst). Warum nennt man denn 
nn"'a:, das Stossen des Ochsen mit seinen Hörnern n«, Vater 
(Hauptursache)? Weil es Ex. 21, 32 heisst: „Wenn der Ochs einen 
Knecht stösst (na*^)." Es heisst doch aber in Bezug auf siB''a5 auch: 
qn^"^ "^ri, wenn der Ochs mit seinem Leibe stösst? Antw.: Mit dem 
Ausdruck rse-'ÄS (der hier in der Thora steht,) ist das Stossen mit den 
Hörnern gemeint, denn es ist gelehrt worden: Der Vers hebt an mit 
dem Worte ^0*^55 (qia*^ "'S) und schliesst mit dem Worte nn^^aa 
(nas ^tä), um dir zu sagen, dass nrT'as mit n£"'ä3 identisch (eins) 
ist^) Weshalb heisst es aber, wenn ein Ochs einen Menschen stösst, 
n::^*^ ''D, und weshalb heisst es, wenn er ein Thier (Behema) stösst, 
qia'' "^5 ? Da es für den Menschen ein Mazzal («btTj, Glück) giebt, so 
heisst es: n:;^ "'S, für das Thier aber giebt es kein Mazzal, darum 
heisst es: r]ia"« "'S.*) 

3. (Fol. 3 b.) Die vier Hauptklassen (eig. Väter) von Beschä- 
digungen sind folgende: 1) der Ochs (durch Stossen mit dem Hom),') 
2) die Grube (in welche ein Thier ßlllt),*) 3) das Abpflücken der 
Früchte ^) und 4) die Brandstiftung. ^) Was ist Si?M ? Rab hat ge- 
sagt: Mit nm^s ist ein (Schaden verursachender) Mensch, dagegen 
Samuel hat gesagt: Mit ^»72 ist der Zahn (eines Thieres) gemeint 
Bab hat gesagt: Mit nm)3 ist ein Mensch gemeint, denn es heisst 
Jes. 21, 12: „Der Wächter spricht: der Morgen kommt, doch auch 
die Nacht Wollt ihr Antwort (iT^ynn D« d. i. wollt ihr Busse thon), 
so begehret (T'yn d. i. so betet)." Samuel dagegen hat gesagt: Unter 
nyn73 ist der Zahn gemeint, denn es heisst Obad. V. 6: „Wie ist 
Esau entblösst worden, erforscht (n^ns) seine Schätze!" Was will der 

^) D. li. in der Tliora ist e\M identisch mit ru^> wiewohl die Rabbinen den 
Terminus nn'53 für „Stossen mit dem Hörn" und nßU3 für „Stossen mit dem 
Körper** gebrauchen. 

2) Die riclitige Erklärung dieser Stelle ist im „Magazin für die Wissen- 
schaft des Judenthums** 1878 S. 79 ff. zu finden. 

3) S. Ex. 21, 28. 

*) S. das. V. 33 und 34. 
») S. das. 22, 4. 
«) S. das V. 5. 



I. Tractat Baba Kamma. 5 

Vers sagen? So wie ihn Rab Joseph übersetzt hat: Wie ist Esau 
durchsncht worden, wie ist sein Verborgenes aufgedeckt worden! 

4. (Fol. 9 ab.) B. Sera hat im Namen des R. Huna gesagt: (Ein 
Mensch soll) zur Ausübung eines Pflichtgebotes bis zu einem Drittel 
(geben). Ist damit vielleicht ein Drittel seines Hauses (seines Ter- 
mögens) gemeint? Wenn er nun drei Pflichtgebote thut, wird er da 
nicht sein ganzes Vermögen hingeben müssen? Allein R. Sera hat es 
so gemeint: Die Verherrlichung bei der Erfüllung eines Pflichtgebotes 
(d. L die sorgfältigste Ausübung) soll bis ein Drittel der Ausübung 
des Pflichtgebotes kosten. Da hat Rab Aschi gesagt: Ein Drittel 
von innen, oder ein Drittel von aussen (-^^ ^j^ des ursprünglichen 
Betrages)? Die Frage bleibt stehen (unbeantwortet). Es ist im Abend- 
lande (d. 1. in Palästina) im Namen des R. Sera gesagt worden: Bis 
zu einem Drittel von dem Seinigen, von da ab aber und weiter von 
dem des Heiligen, gebenedeiet sei er! 

5. (Fol. 15b.) Wir haben die Ueberlieferung: R. Nathan sagt: 
Woher lässt sich beweisen, dass ein Mensch keinen bösen (gefähr- 
lichen) Hund in seinem Hause gross ziehen und auch nicht eine zer- 
brochene Leiter in seinem Hause stehen lassen soll? Aus Deut 
22, 8: ,J)u sollst kein Blut in dein Haus kommen lassen.'' 

6. (Fol. 16a.) Es ist gelehrt worden: Die männliche Hyäne 
verwandelt sich nach sieben Jahren in einen rjVüy, der rjbüy ver- 
wandelt sich nach sieben Jahren in einen ns^y, der ns^y verwan- 
delt sich nach sieben Jahren in einen ^i?:"'p, der «ntt'^p verwan- 
delt sich nach sieben Jahren in einen nin, der mn verwandelt sich 
nach sieben Jahren in einen nr, das Rückgrat eines Menschen ver- 
wandelt sich nach sieben Jahren in einen tnz (eine Schlange). Das 
ist aber nur der Fall, wenn er nicht bei D'^ilr sich nicht gebeugt hat.^) 

7. (Fol. 16 b.) Es heisst 2 Chron. 32, 33: „Und Chiskia legte 
sich zu seinen Vätern und man begrub ihn nm •':n "»^ip nbr?2a?" 
Nach R. Eleasar bedeutet nbs^^a so viel als: bei den Vorzüglichsten 
in der Familie. Wer sind dieselben? David und Salomo. Von 
Asa heisst es das. 16, 14: „Und sie legten ihn auf ein Lager, 
welches gefüllt war mit Gewürz und Spezereien (f:Tn c^rto)." 
Was heisst das? Nach R, Eleasar: Mit vielen Arten von Gewürz 
(■»n ^:''t), nach Rab Samuel bar Nachmani: Mit solchen Gewürzen, 
deren Geruch zur Unzucht (nTS'^T = m:T) führt 



*) Man muss iinmlicli die miw beugen. 



Q I. Tractat Baba Kamma. 

8. (Das.) Es heisst Jerem. 18, 22: ,,Sie haben GrabeD ge- 
graben, mich za fangen, and Schlingen haben sie gelegt meinen 
Füssen»^' Das will nach R. Eleasar sagen: Sie beschuldigten ihn, 
Bohlerei mit einer Buhlerin getrieben zu haben, nach Rah Samuel 
bar Nachmani: Sie beschuldigten ihn, Buhlerei mit einem Eheweibe 
getrieben zu haben. So heisst es richtig nach ersterer Ansicht 
Prov. 23, 27: „Denn eine tiefe Grube ist eine Buhlerin.^ Allein 
nach dem, der da gesagt hat: Sie beschuldigten ihn, Buhlerei mit 
einem Eheweibe getrieben zu haben, was bedeutet da das Wort 
nni^, Grube? Wenn ein Eheweib Buhlerei treibt, ist sie dann nicht 
auch in dem Worte: n^it, Buhlerin mit inbegriffen? Richtig ist es nach 
dem, der da sagt: Sie bestachen ihn, Buhlerci mit einem Eheweibe 
zu treiben. So heisst es Jerem. 18, 23: „Doch du. Ewiger, kennst 
alle ihre Rathschläge wider mich zum Tode.'' Allein nach dem, der 
da sagt: Sie bestachen ihn, mit einer Buhlerin Buhlerei zu treiben, 
was bedeutet da das Wort: niTsb, zum Tode? Weil sie ihn in eine 
Lehmgrube warfen. Raba hat vorgetragen: Was bedeuten die Worte 
das.: „Und sie sollen straucheln Yor dir, in der Zeit deines Zornes 
verfahre mit ihnen?" Jeremja sprach nämlich vor dem Heiligen, ge- 
benedeiet sei er: Herr der Welt! selbst in der Stunde, wo sie 
Wohlthätigkeit üben, lass sie straucheln unter Menschenkinder, die 
der Wohlthaten würdig sind, damit sie dafür keinen Lohn empfangen. 

9. (Fol 16b u. 17a.) Es heisst 2 Chron. 32, 33: „Und man 
erwies ihm (Chiskia) Ehre* bei seinem Tode." (Worin bestand die- 
selbe?) Man setzte ihm eine Schule (Gelehrtenjünger) auf seinem 
Grabe. Darüber sind R. Nathan und unsere Rabbinen verschiedener 
Meinung. Nach dem einen sass dieselbe drei, nach dem andern sieben 
Tage; andere sagen: dreissig Tage. Unsere Rabbinen haben gesagt: 
Es heisst: „Und man erwies ihm Ehre bei seinem Tode," das geht 
auf Chiskia, den König von Juda, weil 36 000 vor ihm (seinem Sarge) 
mit zerrissenen Kleidern herzogen, so dass man die Schultern sah. 
Das ist die Meinung des R. Jehuda. Da sprach R. Nechemja zu ihm: 
Vor Achab hat man doch auch also gcthan? Allein sie legten ihm 
eine Thorarolle auf seine Bahre mit den Worten: Dieser hat ge- 
halten, was darin geschrieben steht Jetzt thut man doch auch also 
(man trägt eine Thorarolle vor einem Frommen, wenn er gestorben 
ist)? Jetzt trägt man sie nur hinaus, aber man legt sie nicht auf 
seine Bahre. Andere sagen: Man legt jetzt auch eine Thorarolle 
auf die Bahre (des Todten), nur sagt man nicht: Er (der Todte) hat 



I. Tractat Baba Kamma. 7 

gehalten (was darin geschrieben steht). Rabba bar bar Ghana hat 
gesagt: Ich ging einmal mit R. Jochanan und wollte ihn betreffs 
einer Entscheidong befragen, er ging aber in einen Abort. Als er 
wieder herauskam, befragte ich ihn, er gab mir aber nicht eher 
Antwort, als bis er sich die Hände gewaschen and Tephillin gelegt 
und eine Benediction gesagt hatte. Darauf sprach er zu uns: Man 
sagt wohl: Er hat gehalten, was darin geschrieben steht, man sagt 
aber nicht: Er hat gelehrt (das Gesetzbuch). Der Herr (der Tanna) 
hat doch aber gesagft: Das Lernen ist gross, «denn das Lernen führt 
zum Thun (also ist doch das Thun mehr als das Lernen)? Es ist 
keine Frage: Etwas anderes ist es, zu lernen, und etwas anderes 
ist es, zu lehren. 

10. (Fol. 17 a.) R. Jochanan hat im Namen des R. Simeon ben 
Jochai gesagt: Was heisst das, was geschrieben steht Jes. 32, 20: 
„Heil euch, die ihr an alle Wasser säet, die ihr frei irren lasset 
den Fuss des Rindes und des Esels?" Antw.: Wer sich mit der 
Thora und mit Werken der Menschenliebe beschäftigt, verdient zu 
dem Besitzthum zweier Stämme zu gelangen, wie es heisst: „Heil 
euch, die ihr säet!" Unter ny-^nT, säen, ist nichts anderes als Sipn», 
WohlthätigkeK zu verstehen vergL Hosea 10, 22: „Säet (i^nt) euch 
zur Wohlthätigkelt und erntet nach Liebe.'' Und unter 0^*73, Wasser, 
ist nichts anderes als nn-in, die Thora zu verstehen vergl. Jes. 
55, 1: „Auf! wer durstig ist, gehe nach Wasser (0"»73b)." Und dieser ver- 
dient, zu dem Besitzthum zweier Stämme zu gelangen. Er verdient 
nämlich ein Himmelbett, wie Joseph, wie geschrieben steht Gen. 
49, 22: „Ein grOnes Reis, Joseph; ein grünes Reis an der Quelle; 
Töchter schreiten über die Mauer," sodann verdient er das Besitz- 
thum Issachar's, von dem es heisst das. 49, 14: „Tssachar ist ein 
knochiger Esel."^) Manche sagen: Seine Feinde fallen vor ihm, wie 
es bei Joseph der Fall war, denn es heisst Deut. 33, 17: „Mit 
ihnen stösst er die Völker allesammt, bis zu den Grenzen der Erde." 
Sodann verdient zu tiefer Einsicht zu gelangen, wie es bei Issa- 
char der Fall war, denn es heisst 1 Ghron. 12, 32: „Und von den 
Kindern Issachar's solche, die Einsicht hatten in die Zeiten, zu 
wissen, was Israel thun soll" 

11. (Fol. 21a.) Nach Rab Sechora hat Rah Huna im Namen 
Rabs gesagt: Wenn einer im Hofe seines Nächsten ohne dessen 



') Onkelos übersetzt ü^i "i^on mit p03a l^nj?, er ist reicli an Gütern. 



g I. Tractat Baba Kamme. 

Wissen wohnt, so braucht er dafür nicht zu bezahlen, weil es heisst 
Jes. 24, 12: „Und bei der Oede wird zerschlagen das Thor/' Mar 
bar Eab Aschi hat gesagt: Er (der Dämon der Oede) ist mir Er- 
schienen und stösst wie ein Ochs. 

12. (Fol. 22 a.) Ein Kamel ist mit Flachs beladen und es ge- 
räth mit seinem Flachse in einen Laden, der Flachs aber fängt Feaer 
an der Leuchte des Krämers und versetzt das Castell (das Hans) in 
Brand, da muss der Besitzer des Kamels (den Schaden) bezahlen. 
Hat aber der Krämer *seine Leuchte draussen neben den Laden ge- 
stellt, so mnss er (den Schaden) bezahlen. B. Jehada sagt: Handelt 
es sich aber um ein Chanukalicht (was vor der Thtlre brennen muss), 
so ist der Krämer frei. 

13. (Fol. 30 a.) Unsere Babbinen haben gelehrt: Die früheren 
Frommen pflegten ihre Dornen und ihre Glasstücke in ihren Fel- 
dern drei Handbreiten tief zu verbergen, um das Ackern nicht zu 
verhindern. Bab Schescheth warf sie ins Feuer, Baba warf sie in 
den (Fluss) Diglath. B. Jehuda hat gesagt: Wer ein Frommer sein 
will, soll die in den Tractaten Nesikin geschrieben stehenden Dinge 
beobachten (erfüllen). Baba hat gesagt: Er soll die im Tractat 
Aboth stehenden Dinge beobachten (erfüllen). Andere sagen: Er soll 
die im Tractat Berachoth stehenden Dinge beobachten. 

14. (Fol. 31a,) Wenn (drei) Töpfer und Glaser hintereinander 
hergehen und der erste (über etwas, was auf dem Wege lag) strau- 
chelt und hinstürzt, dann der zweite über den ersten strauchelt und 
der dritte über den zweiten strauchelt (und ihre Geräthschaften zer- 
brochen werden), so ist der erste verpflichtet, den Schaden des zweiten 

f zu bezahlen und der zweite ist verpflichtet, den Schaden des dritten 
zu bezahlen. Ist der zweite und dritte jedoch durch den ersten 
gestürzt, so ist der erste verpflichtet, den Schaden von allen zu be- 
zahlen. Bief dieser aber dem zweiten und dieser wieder dem dritten 
zu: Nehmt euch in Acht! so sind beide frei. 

15« (FoL32b.) Issi ben Jehuda gesteht zu, dass der, welcher am 
Vorabende des Sabbath zwischen den beiden Dämmerungen läuft (und 
dabei Schaden anrichtet), frei (vom Schadenersatz) ist, weil er da 
befugt ist zu laufen. Wie so ist er dazu befugt? Also wie B. Cha- 
nina, denn dieser hat gesagt: Kommt, wir wollen hinausgehen der 
Braut und Königin entgegen! Nach anderen pflegte er also zu sagen: 
Kommt, wir wollen hinausgehen dem Sabbath entgegen, welcher Braut 
und Königin heisst. B. Jannai hüllte sich am Vorabende des Sabbatbs 



I. Tractat Baba Kamma. ^ 9 

in seine Kleider (and stellte sich hin) und sprach: Komm, o Braat! 
komm, Braut! 

16. (Fol. 36b u. 37a.) Wir haben gelernt: Wenn einer seinen 
Nächsten schlägt, so giebt er ihm einen Sela (für den ihm zuge- 
fügten Schaden) u. s. w. Ghanan Bischa schlug einen Mann, da er- 
schien er vor Rab Huna vor Gericht. Dieser sprach zu ihm: Geh, 
gieb ihm einen halben Sus. Chanan hatte einen abgeriebenen Sus 
und verlangte, dass jener ihm einen halben Sus zurückgebe. Als ihn 
aber niemand nehmen wollte, schlug er ihn noch einmal und gab 
ihm nun den ganzen. 

17. (Fol 38 ab.) Bab Samuel bar Jehuda war seine Tochter 
gestorben, da sagten die Rabbinen zu Ula: Komm, wir wollen gehen 
und ihn trösten. Dieser sprach zu ihnen: Was nützt ihm ein baby- 
lonischer Trost, welcher wie eine Gotteslästerung ist, indem sie 
sagen: „Was ist da zu thun?'' Wenn aber ja etwas zu thun wäre, 
so würden sie es thun (gegen Gott; das ist ja eine Gotteslästerung). 
Er ging allein zu ihm und sprach zu ihm: Es heisst Deut. 2, 9: 
„Und der Ewige sprach zu Mose: Behandle Moab nicht feindselig 
und lasse dich nicht mit ihnen in eine Fehde ein!'' Fiel es denn 
Mose ein, mit ihnen unbefugter Weise einen Krieg zu führen? 
Allein er folgerte so: Wenn schon in Bezug auf die Midianiter, 
die nur zum Beistande Moabs gekommen waren, die Thora sagt 
Num. 25, 17: „Befeindet die Midianiter und schlaget sie,'' um wie viel 
mehr erst die Moabiter !^) Darum sprach nun der Heilige, gebenedeiet 
sei er! zu ihm: Nicht wie du denkst, denke ich, zwei edle Spröss- 
linge (eig. Täubchen) will ich von ihnen (Moab und Ammon) hervorgehen 
lassen, nämlich Ruth, die Moabiterin, und Naama, die Ammoniterin. 
Wenn nun schon wegen dieser zwei edlen Sprösslinge der Heilige, ge- 
benedeiet sei er! zwei grosse Nationen verschonte und sie nicht zu 
Grunde richtete, um wie viel mehr hätte er die Tochter meines 
Rabbi, wenn sie fromm und würdig gewesen wäre, etwas Gutes (gute 
Kinder) hervorzubringen, am Leben erhalten! 

18. (Fol. 38 b.) R. Chija bar Abba hat im Namen des R. 
Jochanan gesagt: Niemals verkürzt der Heilige, gebenedeiet sei 
er! einem Geschöpf (einem Menschen) den Lohn, auch nicht den 
Lohn eines anständigen Gesprächs. Denn weil die Erstgeborne 
(Lots) ihren Sohn ^^i72 (d.i. vom Vater) nannte, sprach der Heilige, 

*) So darf man die Moabiter allein doch gewiss schlagen! 



XO ^' Tractat Baba Kamma. 

gebenedeiet sei er! zu Moses Deut. 2, 9: „Befeinde nicht Moab und 
lasse dich mit ihnen nicht in einen Krieg ein." Krieg ftlhren durf- 
ten sie nicht mit ihnen, aber sie zu Frohnarbeiten heranzuziehen (um 
ihnen Wasser und Nahrung zu holen), war ihnen gestattet Da- 
gegen weil die JQngere ihren Sohn nannte: „*^729 p, Sohn meines 
Volkes!" sprach der Heilige, gebenedeiet sei er! ^u Mose das. V. 19 : 
„Und wenn du zu den Söhnen Ammons hintrittst, sollst du sie nicht 
befeinden und nicht befehden," was sagen will: Du selbst sollst sie 
zu Frohnarbeiten nicht heranziehen. B. Chija bar Abba im Namen 
des R. Josua ben Karcha hat gesagt: Immer soll ein Mensch zu der 
Ausübung einer Vorschrift sich beeilen, denn wegen der einen Nacht, 
welche die erstgebome (Tochter Lots) der Jüngsten zuvorkam, er- 
standen vier Geschlechter Nachkommen in Israel zuvor von ihr, näm- 
lich: Obed, Isai, David und Salomo, dagegen von der jüngsten stammte 
erst Bechabeam ab, wie es heisst 1 Reg. 14, 21: „Und der Name 
seiner Mutter war Naama, die Ammoniterin." 

19« (Fol. 41b.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: Simeon 
von Emmaus, oder, wie andere sagen: Nechemja von Enmiaus hat 
alle rfi< in der Thora ausgelegt Als er aber an den Vers kam 
Deut 6, 13: „Den (hk) Ewigen, deinen Gott, sollst du fürchten,'* 
enthielt er sich der Deutung. Da fragten ihn seine Schüler: Rabbi! 
du hast alle tm ausgelegt, was machst du nun mit diesem nK? 
Er antwortete ihnen: Sowie ich für die Auslegung (aller n») Lohn 
bekommen habe, so erhalte ich auch für die Verzichtleistung der 
Auslegung dieses nfi< Lohn, bis R. Akiba kam und lehrte: Unter 
jenem rfi< in dem Verse: „Den Ewigen, deinen Gott, sollst da 
fürchten," sind die Schüler der Weisen mit inbegriffen. 

20« (Fol. 46a.) R. Elieser sagt: Es giebt keine andere Ver- 
wahrung (des Ochsen) als das Messer.^) Rabba hat gesagt: Was ist 
der Grund des R. Elieser (d. i. woher weiss das R. Elieser)? Aus 
dem Verse Ex, 21, 36: „Und er wird ihn nicht verwahren." Dies 
bedeutet, uass er keine Verwahrung hat Da sprach Abaji zu ihm: 
Es heisst das. V. 33: „Und er wird (die Grube) nicht zadecken, da 
wirst du auch meinen, dass es keine Bedeckung für sie giebt? 
Wirst du sagen: Dem ist in der That so (dass für die Grube keine 
Bedeckung hilft)? Wir haben doch gelernt: Wenn er sie (die Grube) 



^) Wenn der Ochs dreimal gestossen Imt, so kann man ihn nicht mehr 
liüten, er niuss gesclilaclitet werden. 



I. Tractat Baba Kamma. 21 

zugedeckt hat, wie es sich gehört, and es ist in sie ein Ochs oder 
ein Esel hineingefallen und gestorben (getödtet worden), so ist er 
frei? Deshalb hat Abaji gesagt: Das ist der Grund des R. Elieser 
(d. L B. £lieser weiss es von daher), wie gelehrt worden ist: R. 
Nathan sagt: Woher wissen wir, dass ein Mensch nicht einen bös- 
artigen Hund in seinem Hause gross ziehen und nicht eine zerbrochene 
Leiter in seinem Hause hinstellen darf? Weil es heisst Deut 22, 8: 
,J)a sollst kein Blut in dein Haus kommen lassen.'* 

21« (Fol 46b.) B. Samuel bar Nachmani hat gesagt: Woher 
lässt sich beweisen, dass der, welcher von seinem Genossen etwas heraus- 
bekommen will, den Beweis erbringen muss? Weil es heisst Ex« 
24, 14: „Wer Bechtshändel hat, nahe ihnen'' d. i. er soll mit einem 
Beweise ihnen nahen. Da hielt ihm aber Bab Aschi ein: Bedarf 
man denn des Verses, es ist doch von selbst klar, denn wer Schmerzen 
hat, der geht zum Arzte? Allein man bedarf des Verses zu dem, 
was Bab Nachman im Namen des Babba bar Abahu gesagt hat, näm- 
lich: Woher lässt sich beweisen, dass man dem Fordemden zuerst 
Becht spricht? Weil es heisst: „Wer Bechtshändel hat, nahe ihnen" 
d. L er bringe seine Bechtssache vor sie. Die Gelehrten von Ne- 
hardea sagen: Zuweilen wird dem Geforderten zuerst Becht gesprochen, 
wenn nämlich sonst dessen Güter im Preise sinken würden« 

22. (Fol. 48 b.) Mischm F, 4. Hat ein Mensch seinen Näch- 
sten schlagen wollen, aber ein Weib getroffen, und es gehen ihr 
dadurch ihre Kinder ab, so muss er für die Kinder Ersatz bezahlen. 
Wie geschieht diese Bezahlung? Man schätzt das Weib, wie viel es 
(als Sclavin) werth gewesen wäre, als es schwanger war, und wie 
viel es jetzt, nachdem es geboren bat, werth ist. Hierauf sagt 
B. Simeon ben Gamliel: Wenn man es so machte, so wäre es nach- 
her mehr werth, sondern man schätzt die Kinder, wie viel sie werth 
gewesen wären, und giebt dieses Geld dem Manne u. s. w. Gemara. 
Was sagt Babban Gamliel? Nach Bab (Babba) hat Babban Gamliel 
gesagt: Ist denn ein Weib, was schwanger ist, mehr werth, als 
eins, welches bereits geboren hat (es ist doch gerade das Gegentheil 
der Fall)? Allein man schätzt die Kinder und giebt es (das Geld) 
dem Manne. 

23. (Fol. .50a.) Unsere Babbinen lehren: Die Tochter Nechunja's, 
des Brunnengräbers, ^) war in einen grossen «Brunnen gefallen. Dies 

^) Er grab Brunnen für die Wallfahrer. 



J2 I. Tractat Baba Kamma. 

wurde R. Chanina ben Dosa gemeldet. In der ersten Stande ant* 
wortete er ihnen: Es steht gut mit ihr (Dnb^), ebenso sprach er auch 
in der zweiten; in der dritten Stande aber sagte er zu ihnen: Sie 
ist wieder heraufgekommen. Man fragte sie: Wer hat dich herauf- 
geführt? Sie antwortete ihnen: Ein Widder fügte sich zu mir, welcher 
von einem Alten geführt wurde. Da fragte man den R. Chanina 
bar Dosa: Bist du ein Prophet? Er antwortete: Ich bin weder ein 
Prophet, noch der Sohn eines Propheten, sondern ich dachte mir: 
Sollte denn durch ein Werk, mit dem ein Gerechter (Frommer) sich 
bemüht, sein Kind (sein Same) Unglück nehmen? Und dennoch, 
versetzte R. Acha, ist sein Sohn durch Durst gestorben, wie es 
heisst Ps. 50, 3: „Und rings um ihn stürmte es gewaltig (n^riz:^ 
nM)3),''^) woraus hervorgeht, da^s Gott es mit seinen Umgebungen 
(Frommen) auf einen Faden des Haares (si^5?xn üins) genau nimmt 
R. Nechemja leitete den Beweis von hier Ps. 89, 8 ab: „Gott im 
Rathe der Heiligen sehr erschrecklich und furchtbar für alle seine 
Umgebungen.'' R. Chanina hat gesagt: Wer da sagt: Der Heilige, 
gebenedeiet sei er! achtet nicht (auf die Handlungen der Menschen), 
dessen Leben wird auch nicht geachtet,^) wie es heisst Deut. 32, 15: 
„Der Fels, fehllos ist sein Wirken; denn recht ist all sein Ver- 
fahren.*' R. Ghana, oder, wie andere sagen, R. Ismael bar Nechemja 
hat gesagt: Was heisst das, was geschrieben steht Ex. 34, 6: „Er 
ist langmüthig?" Es steht nicht t)« ^^n (sing.), sondern: D^tN *]^» 
(plur.), was sagen will: Er ist langmüthig gegen den Gerechten so- 
wohl wie gegen die Frevler. 

24. (Fol 50b.) Unsere Rabbinen haben gelehrt: Ein Mensch 
soll Steine aus seinem Gebiete nicht in das allgemeine (d. L auf 
die freie Strasse) räumen. Einmal räumte ein Mann Steine aus 
seinem Gebiete auf die freie Strasse. Da kam ein Frommer dazu 
und sprach zu ihm: Du Unwissender (Hohlkopf)! warum räumst du 
die Steine aus einem Gebiete, welches nicht dein ist, in ein Gebiet, 
welches dein ist (d. i. welches dir bald gehören wird)? Der Un* 
wissende spottete über ihn. Nicht lange darauf musste der Mann 
sein Feld verkaufen, er ging auf der Strasse und stiess sich an die 
Steine (die er dahin geräumt hatte). Nun, rief er aus, begreife ich 



^) Der Talmud nimmt die Stelle in dem Sinne: Rings um ihn wird es bb 
aufs Haar genau genommeft. 

*) Sinn: Wer da sagt: Gott erlasse dem Mensclien seine Sunden, möge fBr 
diese Sünde gezüclitigt werden. 



I. Tractat Baba Kamma. 13 

jenen Frommen, wie richtig (schön) er mir sagte: Wamm räumst dn 
Steine aas einem Gebiete, welches nicht dein ist, in ein Gebiet, 
welches dein ist (welches dir gehören wird)! 

25. (Fol. 54 b u. 55 a.) B. Ghanina ben 'Agil richtete die Frage 
an B. Ghija bar Abba: Warum steht in der ersten Version der zehn 
Gebote (Ex.) nicht: „Dass es dir wohlgehe (mta)," wohl aber in der 
zweiten Version (Deut. 5)? Er antwortete: Ehe du mich fragst, 
warum hier das Wort nnrs steht, frage mich lieber, ob es überhaupt 
steht, denn ich weiss nicht, ob es steht, oder ob es nicht steht 
Wende dich an B. Tanchum bar Ghanilai, welcher Umgang mit B. 
Josua ben Levi hatte, der in der Haggada bewandert war. Er 
ging zu ihm und sprach zu ihm: Von ihm (B. Josua ben Levi) 
habe ich es nicht gehört, allein Samuel bar Nachum, der Mutter- 
bruder des B. Acha bar B. Ghanina, oder, wie andere sagen, der 
Muttervater des B. Acha bar Ghanina, hat mir gesagt: Das Wort 
steht darum in der ersten Version nicht, weil sie (die Tafeln) später 
zerbrochen werden sollten. Und wenn sie zerbrochen worden sind, 
was wäre da gewesen? Da würde, Gott behüte! sagte Bab Assi, das 
Gute von Israel aufgehört haben. 

26. (Fol. 55 a.) B. Josua ben Levi hat gesagt: Werden Buchstaben 
U in seinem Traume sieht, so ist das ein schönes (gutes) Zeichen (d. i. 
von schöner Bedeutung). Warum? Etwa deswegen, weil es ^1C3 
heisst? Siehe dagegen Jes. 14, 23: „Fege es weg mit dem Fege- 
besen ("»tOÄtaTsa riTKüNüi) der Vertilgung." Man hat ihm doch nur 
ein C3 gezeigt, so ist das nikS, gut (aber n'*nfi<l2fi<D oder &<t3Kt272 
hat zwei rs). Vielleicht hat man die Stelle Thren. 1, 9 gemeint: 
„rr^burn nnN72iü, mit ihrer Unreinheit an ihres Kleides Säumen?" 
D. i. man meint, er hat ein t3 mit einepi n gesehen (was ^rs, gut, 
giebt). Vielleicht aber meint man die Stelle das. 2, 9: »»nrn:: 
tT'^yö V^«n, versunken in die Erde sind ihre Thore?" Allein 
das erste rs, womit die Thora beginnt, ist zum Guten, denn von 
dem Worte n-^^N^a bis zu den Worten: ^i«n D'^üb» «^"^n steht 
kein :3. 

B. Josua ben Levi hat femer gesagt: Wenn einer in seinem 
Traume ein noDti (eine Trauerfeier) sieht, so will das sagen: ^on 
!!njiN"tE:5i D"'?3u:n 1» n^b5?, dass man über ihn vom Himmel Erbarmen 
hat und ihn erlöst Das ist aber nur der Fall, wenn er dieses 
Wort geschrieben sieht 

27« (Das.) Samuel hat gesagt: Eine Gans und eine wilde Gans 



14 !• Tractat Baba Kamma. 

sind Kilajim (heterogen). Da hielt ihm aber Baba bar Rab Chanan 
ein: Warum? Sollen wir vielleicht sagen, weil jene einen langen 
und diese einen kurzen Hals hat, so wären doch das persische 
Kamel und das arabische Kamel, da jenes einen dicken und dieses 
einen dünnen Hals hat, auch zwei Arten? Darauf hat Abaji gesagt: 
Die Eier dieser (der wilden Gans) sind aussen, dagegen die Eier 
jener (der gewöhnlichen Gans) sind innen. Rab Papa hat gesagt: 
Diese (die wilde Gans) trägt nur ein Ei auf einmal, dagegen diese 
trägt viele Eier auf einmal. 

28. (Fol. 55b.) Es ist gelehrt worden: R. Josua sagt: In 
Bezug auf vier Dinge ist der, welcher sie thut, vor menschlichen 
Gerichten (vom Bezahlen) frei, aber vor dem göttlichen Gerichte 
schuldig, es sind folgende: 1) wenn er den Zaun des Viehstalles 
seines Nächsten durchbricht, 2) wenn er das stehende Getreide seines 
Nächsten nach der Seite eines (ausgebrochenen) Brandes hinbiegt 
(damit es Feuer fange), 3) wenn er falsche Zeugen zur Zeugenschaft 
dingt und 4) wenn er Zeugniss fflr seinen Nächsten abzulegen weiss 
und es nicht ablegt 

29. (Fol. 59 ab.) Elieser (der Jtlngere) zog schwarze Schuhe 
an und stand in der Strasse von Nehardea. Da trafen ihn die 
Hofleute des Exilarchen und sprachen zu ihm: Warum gehst du 
in schwarzen Schuhen? Weil ich um Jerusalem trauere, versetzte 
Elieser. Darauf sprachen jene: Bist du denn so geachtet, dass da 
um Jerusalem trauerst? Sie glaubten, dass er es nur aus lieber- 
hebung thut Sie nahmen ihn darauf und banden ihn. Da sprach 
er zu ihnen: Ich bin ein grosser Mann. Da sprachen sie zu ihm: 
Woher können wir das wissen? Darauf er: Fragt mich etwas, oder ich 
will euch etwas fragen (und ihr werdet es sehen). Da sprachen sie zu 
ihm: Frage du (uns) etwas. Er sprach: Was hat der, der eine unreife 
Datteltraube von dem Baume eines anderen abschneidet, dem letz- 
teren zu bezahlen? Sie antworteten: Er bezahlt den Werth der un- 
reifen Datteltraube. Darauf entgegnete er ihnen: Es wären doch reife 
Datteln daraus geworden! Sie sprachen nun: Er hat den Werth 
reifer Datteln zu bezahlen. Darauf er: Aber er hat ihm ja keine 
reifen Datteln genommen. Nun, erwiderten sie, wie würdest du ent- 
scheiden? Er antwortete ihnen: Es wird mit sechzig gleichen Quan- 
titäten Feldes zusammen abgeschätzt und er bezahlt das, was die 
Felder vorher mehr werth waren, als jetzt. Darauf sprachen sie za 
ihm: Wer sagt so wie du? Er antwortete: Samuel lebt noch und 



I. Tractat Baba Kamma. ]5 

sein Gerichtshof besteht auch noch. Man schickte hierauf zn Samuel 
(und Hess fragen, wie das Recht sei). Dieser liess ihnen sagen: 
Er (Elieser) hat gut gesagt, dass man mit Sechzig abschätzt. Da 
Hessen sie ihn los. 

30« (Fol. 60 a.) R. Samuel bar Nachmani bat im Namen des 
B. Jonathan gesagt: Unheil (Strafe) kommt nur in die Welt zur 
Zeit, wenn es Frevler in der Welt giebt, und es fängt nur bei den 
Gerechten an, wie es heisst Ex. 22, 5: „So Feuer auskommt und 
Domen ergreift.'' Wann kommt ein Feuer aus? Zur Zeit, wenn 
Dornen vorhanden sind. Und es f&ngt nur bei den Gerechten an, 
weil es heisst das.: „Und es wird verzehrt ein Garbenhaufen.'' Es 
heisst nicht ic-^na (b^K'^n) b^Kn, und es verzehrt, sondern: bSK:i, 
^S'^na d. h. nachdem bereits ein Garbenhaufen verzehrt wurde. Rab 
Joseph hat gelehrt: Was heisst das, was geschrieben steht Ex. 
12, 22: „Und ihr sollt keiner aus der Thür seines Hauses hinaus- 
gehen bis am Morgen?" (Daraus geht hervor:) Sobald einmal dem 
Verderben die Erlaubniss gegeben worden ist, macht er keinen 
Unterschied zwischen den Gerechten und den Frevlem, und nicht 
nur das, sondern er fängt sogar bei den Gerechten an, wie es heisst 
Ezech. 21, 9: „Und ich rotte von dir aus den Gerechten sowohl 
wie den Frevler." Rab Joseph weinte (und sprach): Dann gleichen 
alle Gerechten dem Nichts (d. i. sie gelten gar nichts). Da sprach 
Abaji zu ihm: Das ist ein GlQck ftlr sie, denn es heisst Jes. 57, 1: 
,J)enn vor der Bosheit (vor dem Bösen) wird der Gerechte hin- 
gerafft." 

31. (Fol. 60ab.) Rab Jehuda hat im Namen Rabs gesagt: 
Immer kehre der Mensch ein am nirs "«^ (d. h. am Tage, während 
die Sonne scheint) und gehe wieder weg am niu '^^, wie es heisst 
Ex. 12, 22: „Und ihr sollt keiner aus der Thttr seines Hauses 
hinausgehen bis am Morgen;" desgleichen heisst es Jes. 26, 20: 
„Geh, mein Volk, begieb dich in deine Gemächer und verschliessc 
deine Thür hinter dir;" ebenso Deat. 32, 25: „Von aussen reibt das 
Schwert auf und in den Gemächern die Angst." Wozu sind die 
andern beiden Verse nöthig? Vielleicht wirst du sagen, dass dies 
nur von der Nacht gelte, aber nicht am Tage? Damm heisst es: 
„Geh, mein Volk, begieb dich in deine Gemächer und verschliesse 
deine Thtlr hinter dir." Vielleicht wirst du sagen: Nur wenn von 
innen keine Furcht vorhanden ist, soll man nicht hinausgehen, wenn 
das aber der Fall ist, so darf man hinausgehen und sich unter die 



16 !• Tractat Baba Kamma. 

Leute setzen, weil es in Gesellschaft besser ist? Darnm heisst es: 
„Von aussen reibt das Schwert auf und in den Gemächern die Angst^ 
Also obgleich in den Gemächern die Angst ist (soll man dennoch 
nicht hinausgehen). Raba pflegte zur Zeit der Pest das Fenster zn 
verstopfen, weil es heisst Jerem. 9, 20: „Wenn der Tod durch un- 
sere Fenster steigt." 

Unsere Rabbinen haben gelehrt: Wenn Hungersnoth in der Stadt 
ist, so trage deine Fasse aus,^) wie es heisst Gen. 12, 10: „Und 
es war Hunger im Lande und Abraham zog hinab nach Aegypten, 
um dort zu wohnen," femer 2 Reg. 7, 4: „Wenn wir sagen: Lasst 
uns in die Stadt gehen, da der Hunger in der Stadt ist, so sterben 
wir dort." Wozu steht der andere Vers? Vielleicht wirst du 
sagen: Wann soll man vor dem Hunger fliehen? Wenn man in einen 
sicheren Ort kommen, nicht aber, wenn man in Lebensgefahr kommen 
kann. Darum heisst es das.: „So kommt denn und lasst uns fiber- 
laufen zum Lager Aram's, wenn sie uns leben lassen, so werden wir 
leben." 

Unsere Rabbinen haben femer gelehrt: Ist Pest in der Stadt, 
so gehe man nicht in der Mitte der Strasse, weil der Todesengel in 
der Mitte der Strassen wandelt, denn da ihm die Gewalt gegeben ist, 
so geht er frei einher. Ist Friede in der Stadt, so gehe man nicht 
auf den Seitenwegen, weil der Todesengel da keine Gewalt hat, so 
geht er auf versteckten Wegen (eig. er versteckt sich und geht). 

Unsere Rabbinen haben ferner gelehrt: Ist Pest in der Stadt, 
so gehe man nicht allein in das Versammlungshaus, weil der Todes- 
engel daselbst seine Geräthschaften niederlegt. Das ist aber nur da 
der Fall, wo die Kinder darin nicht lesen und zehn Personen darin 
nicht beten. 

Unsere Rabbinen haben gelehrt: Wimmem die Hunde, so kommt 
der Todesengel in die Stadt, lachen sie (bellen sie freudig), so kommt 
der Prophet Elia in die Stadt. Das ist aber nur der Fall, wo kein 
weiblicher Hund (keine Hündin) ist. 

32. (Das.) R. Ammi und R. Assi sassen vor R. Jizchak dem 
Schmiede; der eine sprach zu ihm: Trage der Herr doch etwas 
Halachisches vor! der andere aber sprach zu ihm: Trage der Herr 
doch etwas Haggadisches vor! Fing derselbe nun an, etwas Hagga- 
disches vorzutragen, so liess es der erstere nicht zu, und fing er an 



*) D. i. ziehe fort, um dir Brot zu schaffen. 



I. Tractat Baba Kamma. JY 

etWiOs Halachisches vorzutragen, so Hess es der letztere nicht zu, 
endlich sprach er zu ihnen: Ich will euch ein Gleichniss sagen. 
Womit ist diese Sache zu vergleichen? Mit einem Menschen, der 
zwei Weiber hatte, von denen die eine jung, die andere aber alt 
war; die junge riss ihm die weissen Haare aus, die alte dagegen 
riss ihm die schwarzen Haare aus, schliesslich war er kahl von 
dieser wie von jener Seite. Darauf sprach er zu ihnen: Wenn dem 
so ist, so will ich euch etwas vortragen, was euch beiden recht sein 
wird. Es heisst Ex. 22, 5: „Wenn Feuer auskommt und Dornen 
ergreift.'' Es heisst: tt^r, was sagen will: Es kommt von selbst 
aus,^) also muss der, welcher den Brand angesteckt hat, (den Schaden) 
bezahlen. So spricht auch der Heilige, gebenedeiet sei er: Mir 
liegt es ob, den Brand zu bezahlen, den ich verursacht habe, ich 
habe Zion in Brand gesteckt, wie es heisst Thren. 4, 11: „Und er 
entzündet ein Feuer in Zion und es verzehrte seine Grundvesten," 
ich werde es aber auch einst mit Feuer wieder erbauen, wie es 
heisst Sach. 2, 9: „Ich werde ihm sein eine Feuermauer ringsum 
und zur Herrlichkeit werde ich darinnen sein.'' 

33. (Das.) Es heisst 2 Sam. 23, 15. 16: „Da bekam David 
Lust und sprach: Wer lässt mich Wasser trinken aus dem Brunnen 
von Beth-Lechem, der im Thore ist? Da brachen die drei Helden 
in das Lager der Philister und schöpften Wasser aus dem Brunnen 
von Beth-Lechem, welcher im Thore ist" u. s. w. Was für eine Frage 
hatte er? Raba hat im Namen des Rab Nachman gesagt: Seine Leute 
hatten eine Fruchttenne verbrannt, in der Geräthschaften verborgen 
waren, da fragte er, ob man auch für die Geräthschaften Schaden- 
ersatz zu leisten habe, ob es (das Recht) nach der Meinung des R. 
Jehuda, oder nach der Meinung unserer Rabbinen sei? Darauf gab man 
ihm Bescheid, wie man ihm Bescheid gab. Rab Huna hat gesagt: 
Es waren israelitische Gerstengarbenhaufen, in welche sich die Phi- 
lister verborgen hatten, und David wollte wissen, ob man sich mit 
dem Gute (Gelde) seines Nächsten retten dürfe. Sie Hessen ihm 
sagen, dass es verboten sei, sich mit dem Gelde seines Nächsten zu 
retten, du aber bist König, und ein König djirf (in einem Felde) 
einen Weg für sich durchbrechen und man darf ihn nicht hindern. 
Nach unseren Rabbinen, oder, wie andere meinen, nach Rabba bar 
Mari verhielt es sich so: Es waren israelitische Gerstengarbenhaufen 



>) Es ist nicht angelegt. 
W Ansehe, Der b«byloniache Talmud. 



2^ I. Tractat Baba Kamnia. 

und philistäische LinsengarbenhaufeD, und David fragte, ob man is- 
raelitische Gerstengarbenhaufen nehmen dürfe, um sie dem Vieh 
unter der Bedingung vorzuwerfen, um dafür philistäische Linsen- 
garbenhaufen zu bezahlen. Da Hessen sie ihm sagen: Es heisst 
Ezech. 33, 15: „Der Frevler giebt das Verpfändete zurück, das 
Geraubte erstattet (bezahlt) er," was sagen will: Selbst wenn er das 
Geraubte bezahlt, ist er ein Frevler, du aber bist König, und ein 
König darf einen Weg für sich durchbrechen und man hindert ihn 
nicht. 

34. (Fol. 61a.) Nach dem, der die zwei Sachen sagt (nämlich 
wie Bab Huna und Babba bar Mari), ist es richtig, da es heisst: 
„David wollte sie (die Wasser) nicht trinken. Er sprach nämlich: 
Weil es (allen Menschen) verboten ist, will ich es auch nicht thun. 
Aber nach dem, der da sagt, David fragte, ob man die verbrannten 
Geräthc, die verborgen waren, bezahlen muss, oder nicht (da ist es 
auffallend), da man ihm eine überlieferte Lehre schickte. Was be- 
deutet (las: „David wollte sie nicht trinken?" Das bedeutet: Er 
wollte es nicht in ihrem Namen sagen. Er sprach: Also habe ich 
es überliefert erhalten vom Gerichtshofe Samuels von Bama: Wer 
sich dem Tode preis giebt für die Worte der Thora, in Bezug auf 
den sagt man keine Bechtssache in seinem Namen. 

35. (Fol. 62 a.) Bab Ada bar Bab Iwja sprach zu Bab Aschi: 
Was ist für ein Unterschied zwischen ibia und lOTsn? Dieser ant- 
wortete ihm: Der *)Dm (nimmt seinem Nächsten etwas und) giebt 
ihm Geld dafür (bezahlt es), der ibTA dagegen (nimmt seinem Näch- 
sten etwas und) giebt ihm kein Geld dafür. Da entgegnete jener: 
Wenn er Geld dafür giebt, warum heisst er "jOTsn? Bab Huna hat 
doch gesagt: So man jemand aufhängt (zwingt) und er verkauft (eine 
Sache), ist das ein richtiger Verkauf? Es ist keine Frage (Schwierigkeit): 
Hat er gesagt: Ich will (verkaufen, so ist es verkauft), aber hat er 
nicht gesagt: Ich will (verkaufen, so ist es nicht verkauft, sondern es 
ist wie geraubt). 

36. (Fol. 68b.) Baba hat gesagt: Wenn ein Ochs einen Tag 
alt ist, so heisst er ein Ochs, wenn ein Widder einen Tag alt ist, 
so heisst er ein Widder. (Woher wissen wir,) dass ein Ochs, wenn 
er einen Tag alt ist, ein Ochs heisst? Weil es heisst Lev. 22, 27: 
„Ein Ochs, oder ein Schaf, oder eine Ziege, wenn sie geboren" 
u. s. w, (Woher wissen wir ferner,) dass ein Widder, wenn er einen 
Tag alt ist, ein Widder heisst? Weil es heisst Gen. 31, 38: „Und 



I. Tractat Baba Kamma. J9 

die Widder deiner Schafe habe ich nicht gegessen," wollte Jacob den 
Vers sagen: „Die Widder (die alten) habe er nicht gegessen, aber die 
Schafe (die jungen) habe er gegessen/' ^) Daraus sehen wir nun, dass 
•ein Widder, auch wenn er erst einen Tag alt ist, schon Widder 
<V"»x) heisst. 

37, (Fol. 69 a.) (Wenn einer einen Weinberg pflanzt, so sind 
•die Fr achte davon in den ersten drei Jahren ^Orla und man darf 
keinen Genuss von ihnen haben, die Früchte des vierten Jahres 
aber muss man nach Jerusalem hinaufbringen und daselbst ver- 
zehren. Bringt man sie nicht nach Jerusalem hinauf, so tauscht 
man sie für Geld um und bringt das Geld nach Jerusalem hinauf 
«ind kauft dafür Esswaaren.) Wir haben gelernt. Wenn einer einen 
Weinberg mit Früchten im vierten Jahr hat, so bezeichnet man ihn 
mit Erdschollen zum Zeichen, dass der Weinberg gleiöh der Erde sei. 
Also wie man von der Erde einen Genuss hat, so wird man auch 
vom Weinberge, wenn man die Früchte hinauf nach Jerusalem bringt, 
oder für Geld umtauscht, einen Genuss haben. Und wenn die 
Früchte des Weinberges noch 'Orla sind, so macht man ein Zeichen 
mit Scherben, um damit anzudeuten: Wie man von einem Scherben 
keinen Genuss hat, so kann man auch von den Früchten des 
Weinberges keinen Genuss haben. Und auf einem Felde, auf dem 
•Gräber sind, macht man ein Zeichen mit Ealk, denn dieser ist weiss 
wie die Gebeine. Man löst ihn (im Wasser) auf und giesst ihn um 
4ic Gräber herum; denn sobald der Ealk in Wasser aufgelöst ist, 
ist er noch weisser. Rabban Simeon ben Gamliel sagt: Wann 
soll man ein Zeichen um einen Weinberg, auf dem Früchte der 
ersten drei Jahre oder des vierten Jahres wachsen? Das ist nur 
im Schemita-(Erlass-)Jahre der Fall, wo sie freigegeben sind, aber 
in den übrigen (sechs) Jahren, wenn einer da nehmen will, so ist 
•er ein Frevler und er mag fressen und sterben. Die Frommen aber 
legen Geld hin mit den Worten: Alles Gesammelte von diesem 
{Weinberge) soll umgetauscht sein für dieses Geld. 

38. (Fol. 67b.) In einer Boraitha ist gelehrt worden: R. Akiba 
hat gesagt: Warum bestimmt die Thora, dass einer, der ein Thier 
gestohlen, geschlachtet und verkauft hat, vier oder fünf bezahlen 
muss? Weil er in der Sünde gleichsam eingewurzelt war. Raba 



*) Nach dem Talmud hat es Jacob so gemeint: Selbst den Widder, der 
«rst einen Tag alt ist, habe ich nicht gegessen. 

2* 



20 '• Tractat Baba Kamma. 

sagt: Weil er zweimal gesündigt hat (einmal, weil er gestohlen nnd 
das anderemal, weil er geschlachtet oder verkauft hat). 

39. (Fol. 73 b.) Meint denn R. Josse, dass die kurz nach der 
Rede gesprochenen Worte noch zu der Rede gehören, die man hat 
sagen wollen? Wir haben doch gelernt: Wenn einer in Bezog aof 
ein Thier sagt: Es sei der Eintausch für ein Ganzopfer 1 es sei der 
Eintausch für ein Friedensopfer! so ist es der Eintausch für ein 
Ganzopfer. Das ist die Meinung des R. Mel'r. R. Josse sagt: Wenn 
er gleich Ton Anfang an die Absicht hatte, dass es der Eintausch für 
beide (Opfer) sei, weil man aber zwei Namen nicht zugleich aus- 
sprechen kann (so sagte er sie hintereinander), so bleiben seine Worte 
aufrecht (d..i. jeder Opferart föllt die Hälfte zu). Wenn er aber 
gesagt hat: Es soll der Eintausch für ein Ganzopfer sein, darauf 
hat er aber Reue empfunden und hat gesagt: Es soll der Ein- 
tausch für ein Friedensopfer sein! siehe, so ist es der Eintausch 
für ein Ganzopfer. Darauf fragten wir: Wenn er Reue gehabt 
hat? Gewiss! Und darauf hat Rab Papa gesagt: Wir sagen hier: 
Wenn er Reue gehabt hat kurz nach den ersten Worten. Hier- 
aus ist doch erwiesen, dass in einem solchen Falle die Worte nicht 
zur ersten Rede gehören? Antw.: Es giebt zweierlei „kurze Zeit 
nach der Rede)," es kommt darauf an, ob zwischen den ersten 
Worten und den zweiten es so lange dauerte, als ein Schüler zu 
seinem Lehrer: Friede! oder als ein Lehrer zu seinem Schüler: 
Friede! sagt Wenn es zwischen beiden Reden solange dauert, als 
ein Schüler zu seinem Lehrer sagt: "^niTs^i '»a'i tj-»by D'ib;D, Friede 
über dich, mein Lehrer und mein Herr! so bleibt nach R. Josse 
das erste Wort aufrecht; dauerte es aber nur so lange, als ein 
Lehrer zu seinem Schüler spricht: '^'^hy Oii^, Friede über dichl 
so ist nach R. Josse alles nur eine Rede. 

40. (Fol. 74b.) Es begab sich mit Rabban Gamliel, als er 
das Auge seines Knechtes (Sclaven) Tabi geblendet hatte, da hatte 
er eine grosse Freude. Er traf darauf den R. Josua und sprach 
zu ihm: Weisst du nicht, dass mein Knecht Tabi frei ausgeht? 
Dieser sprach zu ihm: Warum? Weil ich sein Auge blind gemacht 
habe, ver